Die Menschenkette von Tomsk

Da stehen wir nun also bei Viktor im Garten und bewundern seine Dahlien. Während er erzählt, dass seine Frau gerade verreist ist – den neuen Enkelsohn besuchen! – pflückt Viktor eine Hand voll kleiner, roter Äpfel für uns und packt sie in eine Tüte. Dann noch eine unterschenkelgroße Zucchini. Drei Tomaten. Noch ein paar Äpfel.

Anschließend gucken wir gemeinsam auf Viktors Handy ein Video, in dem der kleine Enkel zum ersten Mal in ein Stück Melone beißt. „Ihr könnt auch noch Möhren haben,“ ruft Viktor uns nach, als wir uns verabschieden.

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Zu Viktor hat uns Ekaterina geführt. Morgens um zehn holt sie uns ab – los geht‘s, Stadtrundgang! Sie ist Historikerin, Expertin für Tomsks alte Holzhäuser, für deren Erhalt sie vor ein paar Jahren selber mitgekämpft hat.

Sie führt uns durch Hinterhöfe und in Treppenhäuser, erzählt von den Leuten, die hier wohnen und davon, wie das war, als vor langer Zeit der Wald noch bis an die große Straße reichte und an ihr entlang Soldaten lebten, um Reisende vor Räubern und Bären zu schützen. Zwei Stunden sollte unser Rundgang dauern, am Ende sind es fast vier.

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Ekaterina hat sich für uns Zeit genommen, weil Dmitry sie angesprochen hat. Persönlich lernen wir ihn erst an unserem letzten Tag in Tomsk kennen – da ist die Flasche sibirischer Beerenwein, die er zusammen mit einem sibirischen Käse und ein bisschen sibirischem Gebäck an der Hotelrezeption für uns hinterlassen hatte, schon leer. Dmitry führt uns mitten rein in den Festsaal des alten Unigebäudes, quer durch den botanischen Garten, über Trampelpfade, durch Hinterhöfe und Trödelläden.

Mit dem Bus raus aus der Stadt in ein Waldstück, bis wir schließlich auf den Tom herabblicken, den Fluss, der Tomsk seinen Namen gegeben hat. Im Vorbeilaufen treffen wir: die oppositionelle Bürgermeisterkandidatin, diverse Uni-Mitarbeiter, eine Galeristin, drei Mitarbeiterinnen eines Trödelladens, eine armenische Restaurantbesitzerfamilie und einen Taxifahrer, die Dmitry alle, alle kennt.

Am nächsten Morgen noch ein Abschiedskaffee, Dmitry hat Tomsker Souvenirs mitgebracht – und Gurken von der Datscha seiner Eltern. Mit Grüßen, unbekannterweise.

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Unser Kontakt zu Dmitry ist entstanden, weil Inna gerade nicht in Tomsk ist. Dabei hatte sie sich schon so viel für uns überlegt: einen Stadtrundgang, ein Abendessen bei Freunden von ihr, zu deren Haus eine echte russische Banja gehört. Dazu hatte sie allerlei Tipps für Vegetarier geschickt, wo man in Tomsk gut essen kann.

Leider kam es dann so aus, dass bei ihr genau dann, als wir nach Tomsk wollten, ebenfalls eine Reise anstand. Also hat sie eine Vertretung organisiert.

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Inna hat sich unserer angenommen, weil wir Alice erzählt haben, dass wir nach Tomsk wollen. „Ich kenn da wen“, hat sie gesagt, „soll ich euch mal zusammenbringen?“ Dann hat sie uns per Chat einander vorgestellt. Alice ist der einzige Mensch in dieser Geschichte, den wir schon kannten, ehe wir nach Tomsk kamen.

Alles andere hat sich entwickelt, indem ein Mensch uns angereiste Fremde an den nächsten weitergereicht hat. Inna, Dmitry, Ekaterina, Viktor. Sibirische Gastfreundschaft als Menschenkette.

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Allein, allein

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Wir sind zu zweit, Olga und ich. Mini-Gruppe war gebucht in der Sprachschule, um aus fünf Tagen Bildungsurlaub möglichst viel rauszuholen. Also sitzen wir beide hier, um 9 Uhr, am Anfang von fünf Zeitstunden. Olga ist die Lehrerin. Ich bin ihre Gruppe. Mini, in der Tat. „Einsteiger mit Spuren von Vorkenntnissen“ ist im Moment wohl keine allzu populäre Kategorie bei Sprachschülern.

Keine Ahnung, ob Olga darum zum Einstieg eine Lektion zu Singular und Plural ausgesucht hat. Fragen geht nicht, auf Deutsch ist es gegen die Schülerehre, auf Russisch fehlen noch ein paar Worte, also: alle außer „warum“. Aber das ist ohnehin nicht das größte Rätsel an diesem Tag.

Dass es manche Worte nur als Plural gibt, lernen die meisten im Englischunterricht: scissors, trousers, glasses. Auf Russisch ist das genau so, Hosen, Jeans, Shorts. Auch das umgekehrte Prinzip – nur Singular, kein Plural – ist für Deutsche nichts Neues: Polizei. Eis. Die Regeln dafür sind im Russsischen allerdings so wundervoll absurd wie das Gefühl, plötzlich allein eine ganze Lerngruppe stellen zu müssen. Denn ausschließlich Singular sind:

1. Abstrakte Begriffe wie Freude, Trauer, Neid, Kosmos. Klar.
2. Sammelbegriffe wie Geschirr, Kleidung, Waffen, Kunst. Leuchtet ein.
3. Alle Lebensmittel, die man gießen kann. Oder schneiden. Oder streuen. Tee und Milch, Brot und Käse, Salz und Zucker. Bisschen speziell, aber okay.
4. Gemüse. Im Prinzip. Bis auf fünf Ausnahmen, die man halt auswendig lernen muss: Die Gurke hat dann doch einen Plural, die Zucchini, die Aubergine. Und, eh hier einer glaubt, ein Muster zu erkennen: die Tomate. Ach ja, und der Pilz. Soso.
5. Obst, aber nur kleines. Erdbeere, Himbeere, Weintraube. Alles Einzelgänger. Aber sonst geht’s noch?

Vielleicht trau ich mich morgen nach dem Unterricht mal in den kleinen Lebensmittelladen. Im Gegensatz zum Supermarkt muss man dort mit Menschen reden, wenn man was kaufen will. Was kostet die Erdbeere, werde ich sagen. Oder, als gute Dortmunderin: Gib mich die Kirsche. Dann nehme ich sie mit heim. Und wir unterhalten uns darüber, wie es ist, allein zu sein, wo andere eine Gruppe haben.

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