Odessa oder Odesa?

Odessa oder Odesa, wie heißt das nun richtig? Die Russen schreiben es mit zwei S, die Ukrainer nur mit einem, die Deutschen dafür aber wieder mit zwei, die Briten auch, eigentlich, nur auf den Glastüren am Flughafen steht dann irgendwie doch „Odesa International Airport“.

Ein S, zwei S, vielleicht ist das gar nicht so wichtig. Hauptsache, wir sind hier, was von Moskau aus gar nicht so einfach war. Direktflüge zwischen Russland und der Ukraine gibt es seit drei Jahren nicht mehr, unsere Anreise war also ein Umweg mit zwischenzeitlichem Rumsitzen in Warschau. Der Preis für eine Woche in der Stadt, die bei allen Freunden, die schon mal hier waren, das große Hach auslöst. „Hach, Odessa – da kann keiner einen Satz sagen, ohne dass Humor drin steckt.“- „Hach, Odessa – wie Italien, nur näher.“ – „Hach, Odessa, ich hab selten so gut gegessen.“

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Am ersten Abend direkt mal in die Oper, das wohl schönste Gebäude der Stadt. Groß und opulent, rote Samtsitze und -vorhänge, dazu vergoldete Lampen, vergoldete Decke, vergoldete Brüstungen – vielleicht sollte man besser aufzählen, was nicht vergoldet ist. Trotzdem sind die Karten günstig: 200 Hrywnja, also 6 Euro, für die teuersten Plätze.

Draußen sind es immer noch 28 Grad, drinnen nicht viel weniger. Ein Blick runter in den Orchestergraben: viele Tops mit Spaghettiträgern, einige Hemden, die bis zum dritten Knopf offen sind. Eine Erinnerung, dass Musizieren bei solcher Hitze harte Arbeit ist – auch, wenn man es dem Orchester nicht anhört.

Gespielt wird heute Abend Donizettis „L’elisir d’amore“, allerdings nur im Prinzip, mit umgedeuteter Handlung. Statt um Liebe auf einem italienischen Landgut geht es um Menschen, die verrückt sind nach Aufmerksamkeit, Fernsehruhm, Selfies. Mit großen Tablets machen die Sänger auf der Bühne permanent Fotos voneinander. „Wir haben hier auch eine sehr schöne Treppe“, sagt die Platzanweiserin, als die Pause beginnt, „da können Sie sich gut fotografieren.“

Odessa Opernhaus Treppe Selfies

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Es gab Zeiten, da war jeder dritte Mensch, der in Odessa lebte, Jude. Im Handel, in der Kultur und im intellektuellen Leben der Stadt spielte die jüdische Bevölkerung eine wichtige Rolle. Erste Pogrome gab es schon zur Zarenzeit, während des Zweiten Weltkriegs wurden mehrere Hunderttausend Juden in Odessa ermordet. Von „Odessa Mama“ wurde in den Vorkriegsjahren auf Jiddisch so gesungen:

Ver es iz nor nit geven
In der sheyner shtot Odess
Hot di velt gor nit gezeyn
Un er veyst nit fun progress.

Vos mir Vin un vos Pariz,
Blotte, khoyzik, kayn farglaykh,
Nor Odess ot dortn iz
A Gan Eydn, zog ikh aykh.

(Wer noch nicht gewesen ist/in der schönen Stadt Odessa,/hat die Welt nicht gesehen/und weiß nichts vom Fortschritt. Was sind mir Wien und Paris/Unsinn, ein Scherz, kein Vergleich./Nur in Odessa ist/ein Garten Eden, sag ich euch. Eine englische Nachdichtung gibt es hier.) Und weiter: Oy, Odessa Mama, du bist mir endlos lieb und teuer. Oy, Odessa Mama, ach, ich sehne mich nach dir.

Heute begegnet einem das jüdische Erbe in Odessas Gebäuden, in seinen Denkmälern und Museen, aber vor allem in seiner Küche. Hummus, Falafel, Forschmak stehen auf vielen Speisekarten, in manchen Restaurants wird man mit Musikvideos auf Hebräisch beschallt. Pizza Makkabi, anyone?

odessa pizzeria makkabi

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Wie sieht Odessas berühmter Humor aus, wenn man ihn auf die Architektur anwendet?

Vielleicht so: „Ach komm, ich bau jetzt mal ein Haus, das aussieht, als hätte es nur eine Wand.“ (Unbekannter Architekt, achtzehnhundertdunnemals).

odessa haus mit nur einer wand kscheib

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„Ich separiere Sie mal“, sagt Irina, die ältere Dame, die uns durch die Stadt führt. „Separatismus ist ja sehr populär in diesen Tagen, also machen wir das jetzt auch.“ Spricht’s und stellt sich zwischen uns, damit wir trotz der Bauarbeiten kurz vorm Stadtgeburtstag beide hören können, was sie über Odessa erzählt. Von dem Haus mit der weiß-rosa Fassade, das sich eine reiche Familie einst bauen ließ. In welchem Stil, wollte der Architekt wissen, Antwort: „Wir haben Geld genug, machen Sie einfach alle Stile.“

Die Straße, an der das Haus liegt, nennen manche Bewohner von Odessa übrigens die schamlose Straße, erzählt Irina. Das liegt an den Platanenbäumen, die hier stehen und deren Rinde abblättert, wenn darunter neue nachgewachsen ist. „Die ziehen sich einfach so hier um, wo es jeder sehen kann“, sagt Irina und lächelt. „Darum ’schamlose Straße‘.“

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Das mit dem Strand allerdings, das haben sie hier nicht so drauf. Man muss aus der Stadt rausgondeln mit dem Bus nach Arcadia, was nach einem dystopischen Staat klingt. Tatsächlich hat das Allgemeinwohl hier keine allzu große Priorität: Nur ein schrabbeliger, kleiner, betonbegrenzter Teil des Strandes ist kostenlos und für alle zugänglich. Für alle weiteren Abschnitte muss man Eintritt in einen Beach Club zahlen – mit Glück findet man einen, in dem man nicht beschallt wird. Sonne ist Sonne, Meerblick ist Meerblick, auf einer Liege unterm Sonnenschirm ist gut Liegen. Aber mehr als einmal muss man das nicht erleben.

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Was sie hingegen hier können: Blickkontakt, Lächeln, kleines Schwätzchen. Kopfsteinpflaster, Fußgängerzone, Wind, der vom Wasser her weht. Und Stuck, den können sie auch.

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Die korrekte Schreibweise, das versteht man spätestens mit der Abschiedswehmut am letzten Abend, ist übrigens weder Odessa noch Odesa. Richtig schreibt man es: Ohdessa.

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Darth Lenin in Odessa

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„Ehre sei Jesus Christus“ steht an der Wand, aber darum sind wir nicht hier. Huldigen wollen wir auch, aber auf der anderen Straßenseite. Schließlich sind wir extra mit dem Bus hier herausgegondelt, an den Stadtrand von Odessa, um ihn zu besuchen: Den Mann mit dem schwarzen Helm und dem schwarzen Cape, der angeblich irgendwo hier auf einem Innenhof rumsteht. Wir haben ein Date mit Darth Vader.

„Da müssen sie da rüber, durch die Glastür“, sagt der erste Securitymann, und das ist immer noch mehr als der zweite rausbringt. Ob wir mal zu Darth Vader dürfen? Keine Antwort, nicht einmal ein heiseres Röcheln, nur eine Geste zum Drehkreuz. Schon stehen wir im Hof, und blicken auf zu ihm. Darth Vader, oder besser: Darth Lenin, denn diese Statue hat eine doppelte Persönlichkeit. Lange war sie ein Lenin-Denkmal, bis Lenin-Denkmäler in der Ukraine nicht mehr erwünscht waren und abgerissen wurden. Nur bei diesem Exemplar setzte sich ein Künstler durch mit seinem Vorschlag: Ach komm, wir lassen den Lenin stehen – aber wir verkleiden ihn als Darth Vader. Dauerhaft.

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Helm auf, Cape um, Laserschwertgriff in die Hand – viel musste nicht geschehen, um Wladimir Uljanow in Anakin Skywalker zu verwandeln. Zwei Männer mit einem Faible für Pseudonyme, und nun steht der eine hier und birgt den anderen in sich. Der Lenin im Darthpelz. Mit einer Inschrift auf dem Sockel, verfasst im besten Sowjetduktus: „Dem Vater der Nation, von seinen dankbaren Kindern und Stiefkindern“. Auf einer Bank nebenan macht gerade ein Bauarbeiter Kaffeepause.

Wirklich absurd wird es, wenn man sich auf dem Gelände weiterbewegt, das sehr viel größer ist als ein bloßer Innenhof. Eine überwucherte Industriebrache mit bröckelnden Gebäuden ist das heute, aber bald, sehr bald soll hier der „Grand Empire Business Park“ entstehen, gebaut von einer Firma, deren Website im Bereich „Neuigkeiten“ seit Anfang 2017 eine echte und eine Dummy-Meldung veröffentlicht hat.

Vorläufig wurde schon mal eine bunte Wand aufgestellt – links das Logo, rechts der Lageplan, dazwischen vier Gesichter: Erst Davy Jones aus „Fluch der Karibik“, dann der eben schon erwähnte Darth Vader, schließlich Steve Jobs und Kim Jong-un. „Odessa ist stolz auf sie“ ist die Sammlung untertitelt, und man fragt sich. Man fragt sich wirklich sehr.

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Zumal die vier alle zusammen mit absoluten Nonsense-Zitaten abgebildet sind, irgendwo zwischen Büttenrede und Managergeschwafel. Davy Jones, der Pirat mit dem Oktopuskinn, sagt zum Beispiel: „Wenn es hoffnungslose Idioten gibt, bedeutet das, dass es irgendwo auch welche gibt, für die noch Hoffnung besteht.“ Und Darth so: „Mein Charakter ist super, aber ich hab halt so schwache Nerven.“ Und Steve: „Es gibt keine unerreichbaren Ziele, es gibt nur einen hohen Koeffizienten an Faulheit, Ideenmangel und Ausreden.“

Und Kim? „Wenn du versuchst, einen gesunden Lebensstil zu haben, hast du weder Leben noch Stil.“ Was ist das für ein Humor – denn Humor muss das doch wohl bitte sein. Oder ein Kunstprojekt? Oder hat da ein frustrierter PR-Mensch, der den Grand Empire Business Park bewerben sollte, lieber den Auftraggeber getrollt? Oder ist der ganze Businesspark nur ein Pseudodings – Empire, Darth Vader, knick knack, ihr versteht schon – und in Wirklichkeit ein riesiges soziales Experiment? So viele Fragen, und keine Antwort in Sicht.

Apropos: Die Darth-Vader-Statue hat von Lenin auch dessen Körperhaltung geerbt, den permanenten, visionären Blick in die bessere Zukunft. Keine Ahnung, ob man die unter dem schwarzen Helm so richtig erkennen kann. Aber zumindest eines klärt sich dann zum Schluss doch noch. Die Frage nämlich, ob in diesem Helm tatsächlich ein Router steckt, der Darths Besucher mit kostenlosem WLAN versorgt.

Mag sein, dass das bei der Enthüllung der Skulptur so gewesen ist, heute gibt es diesen Hotspot jedenfalls nicht mehr. Dafür ist Darth Lenin heute ein Pokéstop, was ja auch passt: Schließlich geht es bei dem Spiel darum, Figuren zu anderen Figuren weiterzuentwickeln. Mal sehen, was nach Lenin und Darth Vader die nächste Evolutionsstufe dieses Denkmals ist.

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