Ein heiliger Eid

kscheib notar

Fast fünf Jahre lang habe ich es geschafft: Ein Leben hier in Russland, ohne dass ich je eine notariell beglaubigte Übersetzung meines deutschen Passes gebraucht hätte. Das war kein bewusstes „Ich komme ohne aus“, mir war einfach nicht klar, dass sowas irgendwann mal ein Thema sein könnte.

Dann kam die Steuererklärung, der Steuerberater brauchte eine Vollmacht, und bei der Notarin im Keller auf der anderen Straßenseite hieß es sinngemäß: Na, wie sollen wir denn ihre Unterschrift auf der Vollmacht beglaubigen, wenn wir nicht mal wissen, wer Sie sind? Dass, wenn nicht im Pass, so doch auf dem dort eingeklebten Visum all meine Daten auch auf Russisch stehen – egal. Das muss übersetzt werden, da muss ein Stempel drauf und eine Notarinnenunterschrift drunter und eine gedrehte Kordel dran, die alles zusammenhält.

Leben in Russland, das ist halt immer wieder die Erkenntnis: So einfach ist das alles nicht. Was wir dir gesagt haben, was du an Unterlagen brauchst – das war eher so eine vorläufige Liste. Ding 1, für das du Eltern, Freunde, frühere Kollegen in Deutschland um eilige Hilfe gebeten hast, Amts- und Bankmitarbeiter am Telefon charmiert, mit Expressgebühren und Schlafmangel bezahlt – das ist uns jetzt egal. Dafür wollen wir nun bitte Ding 2, und zwar nicht einfach als Kopie, sondern mit neuen Stempeln von deiner alten Uni und Apostille von der Bezirksregierung in Arnsberg.

Für dieses Visum brauchst du keinen HIV-Test. Für das nächste schon. Für das nächste danach reicht ein HIV-Test nicht, du brauchst zusätzlich noch einen auf Lepra, Tuberkulose, psychische Probleme und Ausschlag auf Rücken oder Bauch. Und für das wieder nächste Visum brauchst du dann definitiv keinen HIV-Test, bis es plötzlich drei Tage vor dem Termin beim Konsulat ist und du brauchst ihn doch.

Darum hier ein heiliger Eid. Ich leiste ihn für den Fall, dass ich irgendwann mal zurückkomme nach Russland, nicht im Urlaub oder um Freunde zu besuchen, sondern für länger. Und wer weiß, vielleicht ist er ja auch nützlich für Leute, bei denen der Schritt hierher gerade erst ansteht – vor allem, wenn sie dabei kein internationales Großunternehmen mit eigener „Expat Support“-Abteilung im Rücken haben.

Ich werde immer vier biometrische Passbilder bei mir haben. Eines mit den vorgegebenen Maßen für russische und eines für deutsche Dokumente, jeweils einmal als Datei und einmal als Abzug.

Ich werde mir früh eine Bank in Deutschland suchen, bei der das Abheben im Ausland nichts kostet. Und eine Bank in Russland, weil selbst beim kostenlosen Abheben oft nur 7500 Rubel auf einmal erlaubt sind, und weil von der russischen Taxi-App bis zur Ticketkasse am Opernhaus von Odessa oft nur eine russische Kreditkarte akzeptiert wird.

Ich werde mir das Limit der Kreditkarte erhöhen lassen. Was für den Alltag in Deutschland reicht, wird plötzlich eng, wenn man mit gebrochenem Arm im Krankenhaus steht und die Operation vorab bezahlen soll.

Ich werde mir einen Haufen Dokumente noch in Deutschland beglaubigen oder am besten direkt apostillieren lassen. Abizeugnis, Diplomzeugnis, Stammbuch, Geburtsurkunde, Eheurkunde. Das verhindert nicht nur das Bedürfnis, schon bei der Erwähnung des Wortes „Apostille“ in Tränen auszubrechen. So, wie es selten regnet, wenn man einen Schirm dabei hat, gehe ich nach aller Russlanderfahrung davon aus, dass man diese einmal angefertigten Dokumente dann auch nicht mehr braucht.

Ich werde meinen Pass, sobald ich in Russland bin, übersetzen und beglaubigen lassen. Dito den Führerschein. Vielleicht auch den Perso, man weiß ja nie. Oder den Impfpass.

Ich werde mich rechtzeitig fürs Vielfliegerprogramm anmelden. Fliegen mit Russen – nein, eigentlich: Schlangestehen mit Russen ist ein anstrengender Zeitvertreib. Von den Privilegien, die man sich nach und nach erfliegt, ist die Expressschlange am Check-in, in der man nicht eine halbe Stunde lang mit ausgefahrenen Ellenbogen verhindern muss, dass alle an einem vorbeiziehen, das größte Privileg.

Ich werde diesen Eid hier ergänzen, wenn mir noch mehr Dinge einfallen, die ich von Anfang an hätte tun und wissen sollen.

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Ein Verwaltungsakt

Nummern ziehen

1. Durch den Haupteingang ins Gebäude rein. Kurz ratlos umgucken, schon steht ein Sicherheitsmann auf und kommt rüber: „Sie sprechen Englisch? Dann bitte dort hinein.“

2. Hinter der Tür wartet eine ältere Dame, freundlich und tatsächlich englischsprachig. Sie erklärt: Aus dem Gebäude wieder raus. Links rum, Eingang Nummer zwei. Ob wir unsere Pässe dabei haben? Gut, dann bis gleich.

3. Eingang Nummer zwei führt zu weiteren Sicherheitsleuten, einer gelangweilten Garderobiere und einigen Kabuffs mit verdunkelten Scheiben. Über den Türen leuchten Nummern. Wir ziehen jeder eine und warten.

4. Als die Nummer blinkt, ins Kabuff rein. Pass? Hier, bitte. Karte ausgefüllt? Nein, was für eine Karte? Die Frau verschwindet, kommt wieder mit einem Kärtchen in Urlaubspostgröße. Vorname, Nachname, Adresse, Staatsangehörigkeit. Aber auch: Ausbildung? Genauere Fachrichtung? Arbeitgeber? Einiges ausgefüllt, manches freigelassen. Die Frau guckt nicht mal drauf, tauscht aber das Kartenformular gegen ein Plastikkärtchen.

5. Zurück zum Haupteingang, diesmal direkt zur englischsprachigen Frau. Guten Tag, wie haben hier jetzt zwei Plastikkärtchen. Und nun? Sie läuft mit bis zur Sicherheitsschleuse, zeigt, wo man sie mit der Karte aufpiepst. Und durch.

6. Jacke abgeben, Rucksack auch. Dann weiter zur verglasten Kabine an der Treppe. Plastikkärtchen zeigen. Pass zeigen. Die Frau in der Kabine blättert, bis sie das Visum findet. Füllt einen schmalen Papierstreifen aus und reicht ihn hinaus.

7. Drin!

8. Später, auf dem Weg raus, zur Kabine gegenüber der ersten. Plastikkärtchen abgeben reicht nicht, der Papierstreifen vom Einlass muss es sein. Linke Hosentasche, rechte Hosentasche. Bitteschön. Stempel drauf. Kärtchen und Streifen bleiben bei der Kabinenfrau.

9. Jetzt nur noch rauspiepsen an der Schleuse. Wie, Sie haben kein Plastikkärtchen? Aber wie sind Sie denn dann…ach, Ausländer? Na, ich mach Ihnen schnell auf. Hier entlang. Schönen Tag noch.

(Was gab’s drinnen, was so ein Tamtam rechtfertigt? Akkreditierung für den direkten Zutritt zum Kreml, kostenlose Krankenversicherung, neue Staatsangehörigkeit? Morgen mehr.)

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