Russball, Folge 65: Fußball im Butyrka-Gefängnis

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Dinge, um die es in dieser Russball-Folge nicht gehen wird: Dass Russlands Nationalmannschaft im FIFA-Ranking zwei Plätze abgerutscht ist, dass das mit dem Video-Schiri noch ein bisschen länger dauert oder dass Gianni Infantino von Putin einen Orden verliehen bekommen hat. Stattdessen reden wir heute über einen 14-jährigen Profifußballer und über Fußball im Knast als PR-Aktion.

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⚽ Wenn dich 63 Gruppierungen, die zum russischen Fußballverband gehören, als dessen neuen Chef vorschlagen, dann ist es eventuell keine allzu große Überraschung, wenn du dann auch gewählt wirst. So geschehen mit Alexander Djukow, Nachfolger von Witali Mutko als Präsident des russischen Fußballverbandes RFS. „Ganz einfach, per Handzeichen, wie im römischen Senat“, twitterte Sport Express. Und hat da jemand „Gazprom“ oder gar „Klüngel“ gesagt?

Was hat er also vor, der Djukow? Er will sich dafür einsetzen, dass im Stadion bald Bier verkauft werden darf – schließlich sollen sich die Fans möglichst lange im Stadion aufhalten, das ist lukrativer, als wenn sie anderswo vorglühen und erst kurz vor Anpfiff auf ihrem Platz sitzen. Damit trotz russischem Winter Nachwuchsspieler das ganze Jahr lang trainieren können, sollen mehr Sporthallen gebaut werden. Die WM-Stadien sollen seiner Meinung nach an Fußballvereine übergeben werden, die dann dafür verantwortlich sind, damit Gewinne zu erwirtschaften. Auch die Frage, wie viele ausländische Spieler russische Profimannschaften gleichzeitig aufstellen dürfen, kommt sicher noch mal auf den Tisch.

⚽ Ich hab’s wirklich versucht: Aus den diversen Übersichten der Winter-Transfers in der Premjer-Liga die beste, übersichtlichste, nützlichste zu finden. Bei Sport Express gibt es eine riesige Tabelle mit Ab- und Zugängen, dazu noch alle Testspiele der Winterpause. Die Clubs sortiert nach Tabellenplatz, leiderleider ohne jegliche Suchfunktion. Bei Championat muss man sich erst mal durch eine große Übersicht aktueller Spiele scrollen, eher man zu den Transfers kommt. Dafür kann man immerhin einzelne Vereine aufrufen und findet dort auch nach ein wenig Suchen die Übersicht der Transfers – allerdings nicht immer auf aktuellem Stand. Sports.ru hat vielleicht die beste Lösung: oben die Transfers nach Datum, mit Vereinssuche – aber dann, darunter, dieser Wust an winzigen Links zu den einzelnen Transfer-Meldungen…

Ganz ehrlich: Paredes hat Zenit verlassen und spielt jetzt bei Paris Saint-Germain, das ist wichtig. Und über den Rest reden wir dann, wenn es einen interessanten Grund dafür gibt, ja?

⚽ Europa-League-Jubel in Krasnodar: Der Verein schafft es, zufällig am elften Jahrestag seiner Gründung, mit einem Tor gegen Bayer Leverkusen in die nächste Runde und gehört damit zu den letzten 16 Teams im Wettbewerb. Torschütze war Magomed-Schapi Sulejmanow, und wenn der Name nun jemandem bekannt vorkommt, dann liegt das wahrscheinlich daran, dass er hier vor anderthalb Jahren schon mal vorkam: als Beispiel dafür, wie sich Krasnodars Nachwuchsarbeit auszahlt. Mehr über den Mann, den sie „Schapi“ rufen, auch hier: Ones To Watch – Magomed-Shapi Suleymanov.

Ebenfalls weiter ist Zenit St. Petersburg, wo es vor dem Spiel gegen Fenerbahce eine ziemlich spektakuläre Fan-Aktion gab:

In der nächsten Runde der Europa League tritt Zenit gegen den FC Villarreal an, Krasnodar spielt gegen Valencia. Russland gegen Spanien, da war doch was…

⚽ Auch Tschertanowo Moskau profitiert mal wieder von seiner guten Nachwuchsarbeit: Der Verein, der in Russlands zweiter Liga spielt, will dazu künftig auch Sergej Pinjajew aufstellen. Er ist Stürmer und Jahrgang 2004, Tschertanowo setzt also auf einen 14-Jährigen. Kein Wunder, wenn man Tore wie dieses hier sieht:

Vor ein paar Wochen hatte Pinjajew bereits mit einem anderen Tor auf sich aufmerksam gemacht, damals war er noch 13 Jahre alt. Das ist sogar den Scouts von Manchester United aufgefallen. Sollte Pinjajew in der laufenden Saison tatsächlich für Tschertanowo aufgestellt werden und spielen, würde er einen neuen Rekord als jüngster Spieler seiner Liga aufstellen.

⚽ Erinnert ihr euch, damals, als Moskau WM-hübsch gemacht wurde und jemand fand, das Zelt für die Obdachlosen am Platz mit den drei Bahnhöfen störe nur? Zeitweilig sollte die Anlaufstelle verlegt werden, weit weg vom Stadtzentrum. Acht Monate sind seitdem vergangen, und wer überrascht ist, dass das Zelt nie wieder aufgebaut wurde – nun ja, die WM ist vorbei, das internationale Interesse am Leben in Russland ist geschwunden, aber die Mächtigen, die sind geblieben.

Kein Zelt mehr für die Obdachlosen, und das im russischen Winter. „Es bedeutet, dass vielen Leuten nun kein Essen mehr haben und keine Möglichkeit, sich aufzuwärmen“, heißt es in einer Petition für den Wiederaufbau des Zelts am Dreibahnhofsplatz, die Moskauer Stadtregierung vernachlässige genau die Menschen, für deren Schutz sie verantwortlich sei. Wie der Alltag dieser Menschen nun aussieht, im Winter nach der WM, berichtet die Nowaja Gaseta.

⚽  Alexander Kokorin und Pawel Mamajew bleiben weiter hinter Gittern. Den beiden Profifußballer, die randalierten und daraufhin festgenommen wurden, sollen nach einer Anhörung nun bis Anfang April in Haft bleiben. Zuvor hatte sich Kokorin in einem offenen Brief bei seinen Fans entschuldigt – ohne Ergebnis.

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(Foto: Stanislav Kozlovskiy, Butyrka prison, CC BY-SA 3.0)

Mamajew wiederum machte einige Tage nach der Entscheidung bei einer PR-Aktion mit, die nicht nur ihn gut aussehen lässt, sondern auch das Butyrka-Gefängnis, in dem er sitzt: Dort trat er bei einem fototauglich inszenierten Fußballspiel an. Zwei mal zwanzig Minuten, Mamajew erst in der einen, dann der anderen Mannschaft. Ob’s was geholfen hat, zeigt sich wohl frühestens im April.

⚽ Am 23. Februar wird in Russland der „Tag des Vaterlandsverteidigers“ gefeiert. Männer werden mit stereotypen Männerglückwunschkarten beschenkt, bekommen Socken, Rasierschaum und andere klischeemäßige Männerdinge. Umgangssprachlich ist oft einfach vom „Männertag“ die Rede: Jeder Mann ist schließlich ein Soldat, irgendwie und potentiell, auch wenn viele russische Familien nach dem Schulabschluss alles dafür tun, dass ihre Söhne nicht zum Militär müssen, wo brutale Übergriffe auf junge Rekruten Alltag sind. Aber hey, Soldaten, Militär, Heldengeschichten – da will natürlich auch Russlands Nationalmannschaft mitspielen und gratuliert entsprechend:

Hübsch haarspalterig übrigens ein Kommentar darunter, dessen Verfasser sich sorgt, die Stürmer im Team könnten sich am „Tag des Vaterlandsverteidigers“ ungeliebt und vergessen fühlen: „Und was ist mit dem Tag des Vaterlandsangreifers?“

⚽ Am 10. März soll ja nun endlich das erste Spiel im neuen Dynamo-Stadion in Moskau stattfinden (immer vorausgesetzt, die kriegen das mit dem Rasen bis dahin geregelt – einfach hier mal klicken und dann zum zweiten Bild scrollen). Kevin Kuranyi, selbst ehemaliger Dynamo-Spieler, hat schon mal gesagt, dass er gerne zum Eröffnungsmatch kommt, wenn man ihn denn einlädt. Um seine Chancen zu steigern, lässt er sich direkt noch mit einer positiven Prognose zitieren: Das Spiel gegen Spartak wird selbstverständlich Dynamo gewinnen.

⚽ Zu José Mourinho gab es diesen Monat ja so diverse Meldungen. Erstens muss er trotz Steuerhinterziehung nicht ins Gefängnis, sondern zahlt stattdessen eine Geldstrafe. Zweitens durfte er beim Eishockeyspiel zwischen Avangard Omsk und SKA Petersburg den ersten Puck ins Spiel bringen und schaffte es dabei, sich auf dem roten Teppich langzumachen. Und weil er damit offenbar noch nicht tief genug gefallen war, entschied er sich als nächsten Karriereschritt hierfür:

Wer die Anspielung mit Balashika (deutsch: Balaschicha) nicht versteht: Bitte hier entlang.

⚽ Das hier wollte ich letzten Monat schon verlinken, aber dann hatte Russian Football News Technikprobleme und die Seite war offline. Jetzt aber kann man den Text wieder lesen, der einem eine Vorstellung davon gibt, wie riesig das Gebiet ist, dass Russlands Liga-Fußballer Woche für Woche bereisen müssen. Denn der Artikel präsentiert ein Gedankenspiel: Stell dir vor, London wäre Moskau. In welche anderen Städte müsste man von dort aus zu Auswärtsspielen reisen, um genau so große Strecken zurückzulegen wie Russlands Fußballer? Einmal nachgerechnet, und schon spielen Vereine aus Aberdeen, Neapel, Barcelona, Wolfsburg, Warschau und Wien alle in derselben Liga. Und jedes Wochenende muss die Hälfte der Clubs reisen.

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Zum Schluss ein Buchtipp. Barney Ronay war für den Guardian bei der Fußball-WM in Russland. In „How Football (Nearly) Came Home“ erzählt er, wie sich die englische Mannschaft dort geschlagen hat (überraschend gut), wie der russische Sommer für ihn so war (überraschend heiß) und wie die Menschen in England auf den Erfolg ihres Teams reagiert haben (überrascht).

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Was mir besonders gefällt: Da schreibt nicht der Journalist (jeder hat ihn schon mal erlebt), der für vier Wochen in ein Land eingeflogen wurde und nun natürlich Experte für dieses Land ist. Ronay macht stattdessen zum Thema, was Russland mit ihm macht, konkret zum Beispiel die Sommerhitze von Nischni-Nowgorod: “It was ludicrously hot outside, heat that makes you want to stop and say OK, but seriously, what’s the actual, how’s the, when does it, this can’t be.”

Interessant auch sein beiläufiger Kommentar zum Zusammenhang zwischen British Empire und englischem Fußball: „Rather than threatening to bestride the world, England have instead been relentlessly baffled by it. The issue of ‚abroad‘, its otherness, its refusal to lie down or give ground or know its place has been the central note of confusion in England’s largely non-illustrious footballing history.“



 

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Immerwährender Moskauer Social-Media-Kalender

So sieht der Frühling als sowjetisches Mosaik im Garage-Museum aus. Wie er bei Facebook, Twitter oder Instagram aussieht, ist leicht vorherzusagen
So sieht der Frühling als sowjetisches Mosaik im Garage-Museum aus. Wie er bei Facebook, Twitter oder Instagram aussieht, ist leicht vorherzusagen

Vier Jahre in Moskau, da ist vieles inzwischen lieb vertraut. Heimat. Routine. Und gleichzeitig immer noch Besonders genug, um darüber zu posten, bei Twitter, Facebook, Instagram oder sonstwo. Neulich fiel mir dazu ein Blogpost ein, den ich vor einigen Jahren mal gelesen hatte. Isabel Bogdan und Maximilian Buddenbohm haben dort die ewig wiederkehrenden Themen gesammelt, zu denen wir alle so Monat für Monat in sozialen Netzwerken posten.

Damals fand ich das lustig und fühlte mich ertappt. Jetzt hatte ich das Gefühl: Für Moskau kann ich das inzwischen auch. Also, als kleines Geschenk zum neuen Jahr: Endlich nie wieder überlegen, was man gerade schreiben oder fotografieren soll! Bedient euch!

Januar

Frohes Neues Jahr!
Hier, ein Foto, wie ich mich bei -22 Grad aus dem Haus gewagt habe.
Frohe orthodoxe Weihnachten!
Hier, ein Foto, wie ich mich bei -26 Grad aus dem Haus gewagt habe.
Frohes Altes Neues Jahr!
Hier, ein Foto, wie ich mich bei -28 Grad aus dem Haus gewagt habe.
Wer kommt mit in die Banja?
Wer hat noch einen Trick, damit der Handyakku nicht so schnell leer geht?
Stollen in gute Hände abzugeben.

Februar

Wer empfiehlt mir eine Powerbank, die auch bei Minustemperaturen funktioniert?
Hier, ein Foto von einem Pfannkuchen mit Pilzen.
Hier, ein Foto von einem Pfannkuchen mit Lachs.
Hier, ein Foto von einem Pfannkuchen mit Äpfeln und Zimt.
Hier, ein Foto von einem Pfannkuchen mit saurer Sahne.
Wer kommt mit in die Banja?
Schaut mal, diese total ironisch gemeinte Karte habe ich zum Tag des Vaterlandsverteidigers verschenkt.

März

Mädels, alles Gute zum Weltfrauentag! Hier, eine Grußkarte aus Sowjetzeiten.
Hier, ein Foto von meiner Badewanne – das Wasser kommt heute mal wieder braun aus dem Hahn.
Hach, Tauwetter, mon amour.
Warum hat diese Stadt eigentlich keine funktionierende Kanalisation?
Ach, schade, sie haben die Winterbeleuchtung abgebaut.

April

Oh, die Cafés bauen ihre Holzterrassen auf.
Wann wird eigentlich das warme Wasser abgedreht? Hat mal wer den Link zur Übersicht?
Es riecht nach Farbe! Frühling!
Hier, ein Foto, wo jemand einen Gitterzaun neu anstreicht.

Mai

Kalt duschen nervt! (Alternativ: Hier, ein Foto vom eigens für diese paar Tage gekauften Boiler im Bad.)
Oh Mann, bei mir vorm Fenster üben Panzer für die Parade.
Oh Mann, bei mir vorm Fenster blockiert ein Müllauto die Zufahrt, damit die Panzer für die Parade üben können.
Oh wow, da üben Kampfjets über meinem Haus.
Wo gucken wir eigentlich dieses Jahr die Parade?
Weiß einer, welche Metrostationen während der Parade dicht sind?
Hier, ein Foto vom Sonnenbrand, den ich mir bei der Parade geholt habe.
Yes, endlich wieder warmes Wasser – ich bin dann mal duschen!

Juni

Draußensitzen mit Gurkenlimonade. Das Leben ist gut.
Mist, schon wieder nicht zur Apfelblüte in den Park von Kolomenskoje geschafft.
Wieso hängen schon wieder überall Fahnen?

Juli

Hier, ein Foto von meiner Badewanne – das Wasser kommt heute mal wieder braun aus dem Hahn.
Ah, toll – man kann abends draußen sitzen, bis es wieder hell wird.
Oh, nerv – man wird morgens viel zu früh wach, weil es wieder hell ist.
Riecht ihr das auch? Brennt da irgendwas?

August

Schön leer in der Stadt, sind wohl alle auf der Datsche.
TGIF! Gleich geht’s raus auf die Datsche!
Dritte Stunde im Stau und noch immer 28 Kilometer bis zur Datsche.
Hier, ein Foto von einem Weinglas auf einem Gartentisch. #dachalife
Wieso hängen schon wieder überall Fahnen?

September

Kreisch, der Sommer kann jeden Tag vorbei sein! #carpediem
Hier, ein Foto vom Schwimmen in der Moskwa.
Hier, ein Foto vom Sonnenuntergang hinter der Erlöserkathedrale, fotografiert von der Dachterrasse der Strelka-Bar.
Hier, ein Foto von Leuten in nassen T-Shirts am Springbrunnen im Gorkipark.
Oh, die Cafés bauen ihre Holzterrassen ab.
Nein, nein, nein! (Screenshot der Wetter-App).
Hello Wintermantel, my old friend.

Oktober

Mist, schon wieder nicht zur Apfelernte in den Park von Kolomenskoje geschafft.
Irgendwas mit Putins Geburtstag.
Ich friere. Ist eure Heizung schon an?
Hurra, meine Heizung ist endlich an!
Mist, die Heizung ist wieder aus – wo muss ich anrufen?
Oh Mann, meine Haut ist so trocken von der Heizung.
Hier, ein Foto vom ersten Schnee. Und ein Video! Und noch eins!
Es ist erst der soundsovielte und im Supermarkt gibt’s schon Weihnachtsdeko zu kaufen.

November

Schon wieder Regen – ich will den Schnee zurück!
Warum hat diese Stadt eigentlich keine funktionierende Kanalisation?
Hier, ein Urlaubsfoto aus einem heißen Land und ein Kommentar à la „Noch mal Wärme tanken“.
Wieso hängen schon wieder überall Fahnen?
Hier, ein Foto von meiner Badewanne – das Wasser kommt heute mal wieder braun aus dem Hahn.
Hier, ein Foto von der Winterbeleuchtung am Gartenring!
Hier, ein Foto von der Winterbeleuchtung an der Twerskaja!
Hier, ein Foto von der Winterbeleuchtung auf dem Roten Platz!
Hier, ein Foto von der Winterbeleuchtung an den Patriarchenteichen!
Wer kommt mit in die Banja?

Dezember

Endlich richtiger, fluffiger Schnee!
Yay, noch mehr Schnee.
Schon wieder Schnee.
Und Eis. Müsste mal einkaufen, will mich aber nicht draußen auf die Nase legen.
Wie machen das die Russinnen bloß: bei der Glätte auf Absätzen, und nie fällt eine hin?
Geil, habt ihr die Schneeräummaschine gesehen?
Wer fliegt in den nächsten Tagen nach Deutschland und kann Stollen mitbringen?
Ist das Feuerwerk heute Abend im Gorkipark echt erst um eins?
Hallo Deutschland – also bei uns ist ja schon das neue Jahr!

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Tag des Flauschverteidigers

Was sich geändert hat in den knapp drei Jahren, seit Russland die Krim annektiert hat: Die Karten zum 23. Februar sind weniger martialisch geworden. Ja, der Feiertag heißt immer noch „Tag des Vaterlandsverteidigers“, es ist schul- und für die meisten auch arbeitsfrei. Betritt ein Mann an diesem Tag ein Café oder ein Geschäft, darf er sich auf Glückwünsche einstellen. Egal, ob er tatsächlich Soldat ist oder doch eher Sachbearbeiter, Hausmann, Lehrer oder Automechaniker: jeder ein Vaterlandsverteidiger, potenziell.

2015 sahen die Grußkarten im Dom Knigi, dem großen Buchladen, noch so aus wie diese hier. Panzer, Nationalfarben, Militarismus. Auch gerne genommen: Kampfflugzeuge, Orden und andere Ehrenzeichen, Georgsbänder und rote Sterne.

2017, derselbe Buchladen. Noch immer hängt über der Information ein gerahmtes Putin-Porträt, an vaterländischem Enthusiasmus scheint es also nicht zu fehlen. Doch die Grußkarten sind diesmal anders. Weiß-rot-blaue Girlanden gibt es noch gelegentlich, für Traditionalisten auch Nelken, hier und da Tarnfleck. Panzer, Raketen oder Kampfjets hingegen finden sich keine, das Design ist durch die Bank weniger martialisch. Ziviler. Flauschiger.

Eine kleine Auswahl, willkürlich zusammengestellt und gekauft – und doch sagt sie viel aus mit ihren Kuschelkatzen, dem durch und durch zivilen Anzug, den betont verspielten Schrifttypen. Selbst vom „Tag des Vaterlandsverteidigers“ ist nur auf einer von ihnen die Rede, die anderen belassen es beim 23. Februar oder paraphraseln was vom „Tag der echten Männer“.

Und auch der Text in den Karten belässt es bei gelegentlichen Anspielungen aufs Soldatenleben: Neben Glück und Gesundheit sollen sich die Empfänger auch über „regelmäßige Siege“ freuen, über eine „Nachhut“, die ihm den Rücken frei hält.

Besonders eloquent ist das in der Katzen-und-Hund-Karte formuliert: „Auch wenn du keine Uniform trägst, können wir stolz auf dich sein. Durchschnittliche Männer gibt es Millionen, aber solche wie dich nur selten: Stark, mutig, zielgerichtet, immer nach Erfolg strebend. Mögen die Frauen stets mit Liebe auf dich blicken, gebannt vor Begeisterung!“

(Wem das alles zu verweichlicht ist: Zur Vorbereitung auf den 9. Mai bietet ein Moskauer Kindergarten Eltern an, ihren Nachwuchs in Uniform und mit Waffen fotografieren zu lassen.)

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