Wedding Crashers in Machatschkala

Freitag Ausstellung, Samstag Theater, Sonntag Ballett. Das vergangene Wochenende war so bildungsbürgerlich, das glaubt einem wieder keiner. Eine empirische Anomalie, drei ganz unterschiedliche Abende. Beim Balet Moskva gab es „Equus“, ein Stück, das damit spielt, was eigentlich so einen geschundenen Tänzerkörper von dem eines Arbeitstieres wie dem Pferd unterscheidet. Die Grenzen zwischen Keuchen und Schnauben sind da ebenso fließend wie die zwischen Kostüm und orthopädischer Bandage. Und dazu auch noch Livemusik von drei Streichern und einem Pianisten – runde Sache.

Das Theater am Samstag war – mal wieder – eine Empfehlung der besten aller möglichen Russischlehrerinnen, genau genommen von ihr und ihrer Enkelin: Puschkins Erzählungen am Theater der Nationen, inszeniert von Robert Wilson, mit Musik von Cocorosie.

Prall, lebhaft, verspielt, mit viel musikalischem Schmackes und einem Schuss Pekingoper. Und obendrauf noch der Stolz, erstmals eine Theateraufführung komplett auf Russisch zu sehen, ohne Obertitel, ohne andere Hilfsmittel, und der ganzen Handlung folgen zu können. Jetzt verstehe ich, warum es so schwer ist, dafür Karten zu bekommen.

Eigentlich wollte ich aber – hallo, Überschrift – von der Ausstellung am Freitag erzählen. Die Surab-Zereteli-Galerie hier in Moskau steht und hängt voll mit Dingen, bei denen ich im Hinterkopf meinen Vater höre: „Kunst kommt von Können. Das hier ist Wunst.“ Überlebensgroße Ganzkörperporträts von Charlie Chaplin. Sich von der Wand runterbeulende Keramikblumensträuße. Entwürfe für Skulpturen wie das „Ist-es-nun-Peter-der-Große-oder-doch-Kolumbus“-Denkmal.

Gottseidank hat das Goetheinstitut hier zwei Säle leerräumen lassen und eine eigene Ausstellung veranstaltet, „Die Grenze“. Es geht grob darum, wo Europa endet und wo Asien beginnt, zu diesem Thema haben Künstler Videos, Installationen und Skulpturen beigetragen.

Taus Makhacheva hat von ihren Fotos gleich stapelweise Abzüge machen lassen, die Besucher dürfen sich bedienen. „19 a day“ heißt die Serie, denn im September 2014 hat Taus sich schick gemacht und den ganzen Tag damit verbracht, in der Stadt Machatschkala in Dagestan auf möglichst vielen Hochzeiten zu tanzen. Oder zu essen. Oder mit dem Brautpaar zu posieren. Oder einfach nett mit den anderen Gästen zu plaudern, auch wenn sie sie keinen von ihnen kannte – Taus war auf keiner der Hochzeiten eingeladen.

Dutzende prunkvolle Hochzeitssäle gibt es in Machatschkala; viel Gold, viel Glanz, und im September sind sie quasi durchgängig ausgebucht. Bräute mit Kopftuch, Bräute mit Krönchen, Bräute mit Schleier. Das mag sich nach Asien anfühlen oder nach Europa, der ungeladene Gast auf 19 Hochzeiten zu sein, spielt jedenfalls noch auf einer ganz anderen Ebene mit dem Thema Grenze und Grenzüberschreitung.

19 a Day

Allein schon dieses Motiv hier drüber: Die Brautleute, die wahrscheinlich gerade beide denken „Also von meiner Seite ist die nicht!“. Der Mann links, betont ernsthaft. Die Frau rechts, betont abgelenkt. Und über allem die Künstlerin, die in einer halben Stunde schon wieder mit einem anderen Paar posieren wird. Und keiner hat’s gemerkt.

Freitag Ausstellung, Samstag Theater, Sonntag Ballett. Ein abwechslunsgreiches, unterhaltsames Wochenende mit vielen Denkanstößen.

Nächsten Samstag gehen wir mal wieder zum Fußball.

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Gedenkmarsch für Boris Nemzow

Nemzow Gedenkmarsch

Zwei Jahre ist es heute her, dass Boris Nemzow erschossen wurde. „Auf offener Straße“ wollte ich erst schreiben, aber das wird dem Ort nicht gerecht. Nicht nur auf einer Brücke im Zentrum von Moskau, sondern sogar in unmittelbarer Nähe des Kreml – so nah, dass die Sicherheitskameras eigentlich den Mord genau im Visier gehabt hätten. Eigentlich.

Erschossen auf offenster Straße also, in der Nacht von Freitag auf Samstag. Ich erinnere mich an den Samstagmorgen vor zwei Jahren: Die Redaktion der Moscow Times ist zu klein, als dass es feste Wochenenddienste gäbe; es war also reiner Zufall, wer aus dem Team wann von Nemzows Tod erfuhr und sich des Themas annahm. Ich weiß noch, dass manche von uns unmittelbar vom Bett ans Laptop gegangen waren, als sie beim ersten Nachrichten-Quergucken auf dem Handy von Nemzows Tod erfahren hatten. Und dass irgendwann nachmittags, als die ersten Berichte veröffentlicht waren, eine Kollegin schrieb: „So, ich brauche jetzt mal ne Viertelstunde Pause zum Duschen – sitze hier noch im Schlafanzug.“ Sie war nicht allein.

Vor allem aber sind mir von diesem Tag die Trolle in Erinnerung geblieben. Dieser große Guardian-Bericht über die Petersburger „Troll-Fabrik“ war da zwar noch nicht veröffentlicht, aber die entsprechenden Facebook-Kommentare gehörten schon damals zum Alltag.

Ostukraine, Krim, Sanktionen und Flug MH17 – schon vor dem Nemzow-Mord hatte ich oft mit ihnen zu tun: den Kommentatoren mit ausgeprägt kremlfreundlicher Meinung, aber ohne Facebook-Freunde. Mit vier, fünf Kommentaren am Tag, aber seit Monaten ohne Updates auf der eigenen Facebookseite. Mit betont englischen Namen, aber strotzend von Fehlern in ihren Updates, die erklärten, dass „here in the US“ alles noch viel schlimmer sei. Am Tag nach dem Nemzow-Mord ware es oft sogar derselbe Wortlaut, in dem da immer wieder argumentiert wurde: Was soll denn Putin damit zu tun haben? Das bringt ihm doch gar nichts, Nemzow war keine ernsthafte Konkurrenz.

Ein Tag, an dem Geschwindigkeit und Masse den Troll-Teamleitern offenbar wichtiger waren als Unauffälligkeit. Vermutlich saßen sie genau so ungeduscht und zerknittert vor ihren Rechnern wie wir. (Wie einer der Petersburger Trolle diesen Tag erlebt hat, kann man hier beim Telegraph nachlesen.)

Gestern, am Sonntag, musste ich wieder an die fleißigen Trolle denken. Vom Nemzow-Trauermarsch haben viele Leute getwittert, und unter den Reaktionen waren sie dann wieder, die Kommentare mit den homogenen Argumentationsmustern: Das war doch alles vom Ausland aus gelenkt. Und überhaupt, das waren doch nur ganz wenige Leute.

Nun ja.

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Tag des Flauschverteidigers

Was sich geändert hat in den knapp drei Jahren, seit Russland die Krim annektiert hat: Die Karten zum 23. Februar sind weniger martialisch geworden. Ja, der Feiertag heißt immer noch „Tag des Vaterlandsverteidigers“, es ist schul- und für die meisten auch arbeitsfrei. Betritt ein Mann an diesem Tag ein Café oder ein Geschäft, darf er sich auf Glückwünsche einstellen. Egal, ob er tatsächlich Soldat ist oder doch eher Sachbearbeiter, Hausmann, Lehrer oder Automechaniker: jeder ein Vaterlandsverteidiger, potenziell.

2015 sahen die Grußkarten im Dom Knigi, dem großen Buchladen, noch so aus wie diese hier. Panzer, Nationalfarben, Militarismus. Auch gerne genommen: Kampfflugzeuge, Orden und andere Ehrenzeichen, Georgsbänder und rote Sterne.

2017, derselbe Buchladen. Noch immer hängt über der Information ein gerahmtes Putin-Porträt, an vaterländischem Enthusiasmus scheint es also nicht zu fehlen. Doch die Grußkarten sind diesmal anders. Weiß-rot-blaue Girlanden gibt es noch gelegentlich, für Traditionalisten auch Nelken, hier und da Tarnfleck. Panzer, Raketen oder Kampfjets hingegen finden sich keine, das Design ist durch die Bank weniger martialisch. Ziviler. Flauschiger.

Eine kleine Auswahl, willkürlich zusammengestellt und gekauft – und doch sagt sie viel aus mit ihren Kuschelkatzen, dem durch und durch zivilen Anzug, den betont verspielten Schrifttypen. Selbst vom „Tag des Vaterlandsverteidigers“ ist nur auf einer von ihnen die Rede, die anderen belassen es beim 23. Februar oder paraphraseln was vom „Tag der echten Männer“.

Und auch der Text in den Karten belässt es bei gelegentlichen Anspielungen aufs Soldatenleben: Neben Glück und Gesundheit sollen sich die Empfänger auch über „regelmäßige Siege“ freuen, über eine „Nachhut“, die ihm den Rücken frei hält.

Besonders eloquent ist das in der Katzen-und-Hund-Karte formuliert: „Auch wenn du keine Uniform trägst, können wir stolz auf dich sein. Durchschnittliche Männer gibt es Millionen, aber solche wie dich nur selten: Stark, mutig, zielgerichtet, immer nach Erfolg strebend. Mögen die Frauen stets mit Liebe auf dich blicken, gebannt vor Begeisterung!“

(Wem das alles zu verweichlicht ist: Zur Vorbereitung auf den 9. Mai bietet ein Moskauer Kindergarten Eltern an, ihren Nachwuchs in Uniform und mit Waffen fotografieren zu lassen.)

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Erotisches Butterbrot

Schon als wir ganz neu hier in Moskau waren faszinierte mich der Hausflur, der zur Übergangswohnung gehörte, genauer gesagt: das Bücherregal. Dass eine fremde Hand Bücher für einen hinlegt, passiert hier gar nicht mal so selten. Diese Schmonzette hier zum Beispiel hielt die Hausmeisterin eines Gebäudes bereit, in dem wir über AirBnB Gäste untergebracht hatten. Oder doch lieber ein Buch über einen Hausgeist, aussortiert von den Nachbarn? Die Geschichte vom Amphibienmann wiederum lag mal bei Rezeptor rum, einer Kette vegetarischer Cafés.

Aktueller Spitzenreiter in der Kategorie „wir haben da mal ein Buch hingelegt“ ist aber das Fundstück von gestern Abend. Irgendwo nahe der Metrostation Kurskaja waren eine Freundin und ich ins erstbeste Café gegangen, das wir in all seinem überbeleuchteten, unterbegrünten Charme dann auch komplett für uns hatten. Auf dem Tisch Apfelstrudel und Tee, auf der Fensterbank dieser Band hier:

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Erotische Küche für jeden Tag“ – was da allein schon das Titelfoto alles verspricht: Herztorte! Bananen! Mit undefinierbarem Gemüse gefüllte Röllchen! Zu einer Torte arrangierte Bratenscheiben mit Kirschtomaten! Alles Klassiker geübter Verführungsköche, klare Sache.

Innendrin leider keine Fotos mehr, nur noch sporadische Zeichnungen. Das Buch mag von 2006 sein, die Gestaltung erinnert eher an die Siebziger. Dafür entschädigt das Inhaltsverzeichnis: Was sich hier an poetischer Strahlkraft Bahn bricht, ist schon bemerkenswert.

Ein armer, einsamer Kochbuch-Redakteur muss Stunden und Stunden damit verbracht haben, sich diese Namen auszudenken. Begonnen hat er dabei ganz handfest mit dem Kapitel „бутерброд“ (buterbrod), also mit belegten Broten. Einer ganzen Seite voll.

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Sandwich „Bouquet der Leidenschaft“, Seite 16. Sandwich „Matrosenliebe“, Seite 17. Sandwich „Feigenbaum“, Seite 19. Zwischendurch schwächelt der Texter kurz und führt ein profanes „Sandwich mit Auberginen“ auf, fängt sich dann aber wieder zugunsten der großen erotischen Küchenlyrik: Sandwich „Halbmond“, Sandwich „Amors Pfeil“, Sandwich „Herzensfreund“.

Langsam kommt uns unser Apfelstrudel arg profan vor. Hätten wir mal jede ein Sandwich „Nach Mitternacht“ von Seite 27 bestellt! Oder doch das Kartoffelgericht „Lambada“ von Seite 149?

Wir blättern dann noch ein wenig in den erotischen Salaten („Schwanentreue“, „Wolke Sieben“, „Des Zaren Freude“), den Suppen („Illusion“, „Versuchung“) und den Omelettes („Tanz in der Nacht“, „Weiße Rosen“, „Herzdame“), da fällt aus dem Buch eine Grußkarte, mit rosa Blumen und zwei funkelnden Eheringen: „Liebe Kinder, ich gratuliere euch zum ersten Hochzeitstag! Möget ihr noch viele solche Jahrestage feiern: zehnte, zwanzigste, sechzigste. Dicke Küsse, Mama.“ Darauf trinken wir. Auch wenn es nur Tee ist und nicht der Cocktail „Romantisches Gefühl“, Seite 173.

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Coda

Coda story logo

Neuer Monat, neuer Job: Als ich vor zwei Wochen hier die Bilanz von drei Jahren bei der Moscow Times zog, hatte ich ja schon angekündigt, dass sich etwas Neues anbahnt. Nun ist es endlich auch spruchreif: Ab sofort kümmere ich mich um Social Media bei Coda – einem journalistischen Nonprofit, das sich auf hintergründigen Journalismus konzentriert, oft mit einem Blick auf die Staaten der früheren Sowjetunion.

Ziemlich genau ein Jahr ist es her, dass mir Coda zum ersten Mal aufgefallen ist. Damals war das Projekt noch ganz neu und veröffentlichte gerade die Video-Dokureihe „Transmoskva“ von Pascal Dumont. Als ersten Schwerpunkt hatte sich Coda da gerade das Thema #LGBTQCrisis rausgesucht. Seitdem sind zwei weitere Komplexe hinzugekommen – #DisinformationCrisis und #MigrationCrisis. Drei Themen, die in diesen Tagen gar nicht genug Aufmerksamkeit bekommen können – darum arbeitet Coda unter anderen mit dem Guardian, Eurasianet und Magnum Photos zusammen.

Wer wissen will, aus welchen Mythen sich Schwulenhass in Russland speist, was virale Videos mit dem Krieg in der Ukraine zu tun haben oder wer geflohenen Schwangeren hilft, mit der deutschen Bürokratie zurecht zu kommen, der kann das bei Coda nachlesen. Bei anderen Themen ist auch Angucken eine Option, Coda arbeitet viel mit Video und Animation.

Neue Kollegen also, in New York, in Tiflis und in Berlin. Neue Themen – allein das Einlesen in den letzten Tagen, von Armenien bis Tadschikistan, war schon faszinierend. Neue Aufgaben zum Einarbeiten: Social Media für Videos, was muss ich da noch mal wissen? Was geben wir als Redaktion uns für Regeln für Live-Tweets? Und was mache ich wohl beim Moderieren von Facebook-Kommentaren, wenn die plötzlich auf Georgisch sind?

So viel Neues, aber auch ein paar Konstanten: Weiterhin Social Media, weiterhin auf Englisch, weiterhin mit Blick auf Russland und die Region – über all das bin ich froh. Wer sich für die Arbeit von Coda interessiert, findet mehr bei der taz oder beim NiemanLab – und natürlich bei Facebook, Twitter, Instagram und was immer wir uns sonst noch so an Plattformen aussuchen.

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Wo Moskau seinen Düsseldorf-Park versteckt

Düsseldorf-Park Moskau

Moskau und Düsseldorf sind Partnerstädte, schon seit mehr als 20 Jahren. Als Knapp-neben-Düsseldorf-Geborene und Heute-in-Moskau-Lebende fand ich es natürlich interessant, ob man das abseits von Delegationen und Terminen hier irgendwo merkt. Gibt es einen Hauch von Düsseldorf im Moskauer Alltag? Also, abgesehen von der Tatsache, dass auch hier Bier und Eishockey populär waren. Irgendwann hörte ich von diesem Ort, dann kam auch noch ein freier Tag dazu. Zeit für eine Mission – schließlich sind Livetweets nicht nur bei großen Nachrichtenlagen interessant.

Für den ersten Streckenteil schlug Google Maps einen von Moskaus schicken neuen „Magistral“-Bussen vor – besonders schnell, besonders modern, besonders blau lackiert. Seit der letzten Fahrplanumstellung gibt es diese Magistrals, die weniger oft halten und einen dafür zügig von A nach B bringen. Und zügig ist, wenn ich so auf meinen Stadtplan blicke, eine gute Sache.

Die Strecke führt erst mal durchs Zentrum – vorbei an der Leninbibliothek, an Alexandergarten und Kreml zur Rechten und Duma und Bolschoi-Theater zur Linken. Endstation ist an der Metro-Haltestelle Kitai-Gorod, immer noch zentral. Aber ich kann mich nicht erinnern, hier schon mal in die violette Linie gestiegen zu sein. Denn die ist, wenn man nicht gerade mal dringend vom Puschkindenkmal zur Geheimdienstzentrale will, für wenig gut.

Bei Twitter melden sich unterdessen allerlei Leute mit Düsseldorf-Bezug. Gemeinsam schmieden wir Pläne für die Umbenennung einer Düsseldorfer U-Bahn-Station und betreiben meteorologische Vergleiche. Nebenbei lerne ich außerdem, wo Düsseldorf noch so Partnerstädte hat.

Ich steige da aus, wo die Gestaltung der Metrostationen mit deutlich weniger Enthusiasmus betrieben wird als in den unterirdischen Palästen im Stadtzentrum: In Textilschtschiki. Früher ein eigenständiger Ort, in dem Textilarbeiter lebten. Seit 1960 ein Moskauer Stadtteil voller Wohnhochhäuser.

Hier fühlt es sich nach Vorort an, und Fußgänger sind ganz furchtbar egal: Um von der Metro zur Bushaltestelle zu kommen, tauche ich erst verwirrt durch dieselbe Unterführung hin und her, gehe dann querfeldein zwischen zwei Gebäuden hindurch und muss schließlich noch ohne Ampel eine sechsspurige Straße überqueren. Dafür ist der Bus Nr. 350 dann erst mal weg. Zwanzig Minuten warten bis zum nächsten – als Moskauer Innenstadtbewohnerin ziemlich ungewohnt.

Hier draußen heißen die Bushaltestellen ganz profan „Ljublinskajastraße 139“ oder „Pererwastraße 50“ – keine Sehenswürdigkeiten, auch sonst kaum Bemerkenswertes. Nur Bettenburgen, Schnee, Schlaglöcher und der wackere Bus, der tatsächlich irgendwann da hält, wo ich raus will. „Djusseldorfski Park“ steht auf dem Schild, und daneben gibt es gleich ein paar Verbote, fürs Heimatgefühl.

Akkurat umzäunt ist der Park, hinter dem Gitter steht links eine kleine Kirche, sogar noch mit Kind in der Krippe davor – hier in Russland ist Weihnachten ja noch keine drei Wochen her. Ansonsten: Schaukeln, Klettergerüste, viele Frauen mit Kinderwagen. Die Wege sind eher schneefrei getrampelt als geräumt, der Blick fällt in alle Richtungen auf Wohnblocks. Mitten im Park bellt ein hysterischer Hund einen Mann an, der falschrum steht – eine Radschläger-Skulptur, bedruckt mit cartoonartigen Düsseldorfer Stadtszenen. Gehry, Altbier, Karneval.

„Das Symbol Düsseldorfs – ein Kind, das ein Rad schlägt“, erklärt die Tafel neben der Skulptur, und dass das hier ein Geschenk von Düsseldorf an Moskau war, zur Einweihung des Parks vor acht Jahren. Beim Versuch, dazu mehr zu ergoogeln, erfahre ich noch, dass Düsseldorf in Ostdeutschland liegt. Nun ja. Die restliche Runde durch den Park ist schnell gedreht, zwischendurch noch einmal über den schneebedeckten Rasen zum Teich, der bei den etwas älteren Kindern gerade sehr populär ist.

Erkenntnis des Ausflugs: Es gibt ihn also wirklich, den „Djusseldorfski Park“ – nur wird ihn kein Moskauer finden, der ihn nicht ausdrücklich und mit viel Einsatz sucht. Oder in einem der vielen Hochhäuser von Textilschtchiki wohnt.

Alle Tweets zum #DjusseldofskiPark gibt es hier zum Nachlesen.

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Russische Landeskunde mit Schoko-Bonbons

Es gibt so Momente: Abendessen im Restaurant, Gespräch mit einer netten Zufallsbekanntschaft. Ich schwärme von meiner Russischlehrerin: So klug, so reflektiert, so humorvoll, so kritisch. Erklärt anschaulich, geht auf ihre Schüler ein, kennt sich mit Geschichte, Politik, Kultur genau so aus wie mit dem Alltag von Kindergarten bis Rente, mit der Sowjetunion ebenso wie mit dem heutigen… „Ach so,“ sagt die Tischnachbarin, „du bist bei Tatjana! Bei der hatte ich früher auch Unterricht – schöne Grüße!“

Die beste aller möglichen Russischlehrerinnen hat viele Pluspunkte. Ihr vielleicht größter ist die Begeisterung, wann immer man ihr mit einer Frage aus dem echten Leben kommt, denn die haben immer Vorrang. Als jetzt zum ersten Mal im neuen Jahr das Wort „Grammatikübungen“ fiel, habe ich sie darum gefragt, ob wir nicht noch mal auf ein Thema von vor ein paar Monaten zurückkommen könnten – diesmal für mich zum Mitschreiben und Bloggen: конфеты (Konfeti). Pralinen also, oder besser: Schokoladenbonbons, und was sie und ihre Verpackung über die Geschichte dieses Landes erzählen.

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„Dass wir zu Sowjetzeiten so gutes Konfekt hatten, hat mich immer gewundert. Vielleicht, weil die Fabriken und die Rezepte sich schon vor der Revolution etabliert hatten und an den Standards dann festgehalten wurde? Jedenfalls gab es zwei große Marken, Babajewski und Roter Oktober. Das waren die teuren, guten Schokoladenbonbons, für Feiertage, als Geschenk, oder um sie zum Neuen Jahr in den Baum zu hängen.“

Mischka kosolapi Bonbons

„Eine der ältesten Bonbonsorten ist „Mischka kossolapi“, das tollpatschige Bärchen, nach einem Gemälde von Iwan Schischkin, „Morgen im Kiefernwald“. Das war die Zeit, als selbst Bonbonpapiere lehrreich sein sollten – russische Natur, russische Künstler, solche Motive halt, und stilistisch immer Realismus. Dieses Gemälde hing damals auch wirklich in jedem Hotel, jedem Restaurant, jeder Schule. Schischkin gilt als der echteste, der russischste Maler – dabei konnte er eigentlich nur ein Motiv, den Wald. Selbst die Bären auf dem Bild hat ein Freund von ihm gemalt. Später gab es dann noch „Mischka na severje“, das Bärchen im Norden. Das schmeckte ein bisschen anders, und auf dem Bonbonpapier war ein Eisbär abgebildet.“

Krasnaja Schapotschka Rotkäppchen Bonbons

„Für uns Kinder waren die фантики (Fantiki), die Bonbonpapiere, genau so wichtig wie die Bonbons selber. Diese Papierchen und bunte Glas- oder Porzellanscherben, das waren die zwei Dinge, die wir gesammelt und untereinander getauscht haben. Und Krasnaja Schapotschka, Rotkäppchen, habe ich geliebt – weil man sah, das war kein russisches Mädchen, die Kleidung war anders, irgendwie besonders. Meine Mutter hat mir dann das komplette Outfit genau so nachgeschneidert, fürs Kostümfest im Pionierlager.“

Belotschka russische Bonbons

„Das hier ist auch eine sehr alte Bonbonsorte: „Belotschka“ heißt das Eichhörnchen in einer Erzählung von Puschkin, „Das Märchen vom Zaren Saltan“. Es knackt goldene Nüsse, und in jeder ist ein Smaragd drin. Deshalb sind in diesem Bonbon auch Nussstücke drin. Dieses Prinzip, dass der Inhalt zum Motiv auf der Verpackung passen muss, ist mir besonders von einem anderen Bonbon in Erinnerung geblieben, das war gelb und hieß Kara-Kum – auch wieder lehrreich, diesmal sollten wir den Namen einer sowjetischen Wüste lernen. Wenn man in das Bonbon gebissen hat, waren da ganz kleine, harte Karamelsplitter drin. Als ob man auf Sand beißt – das mochte ich nie.“

Aljonka Bonbons Russlan

„Die Aljonka-Bonbons wurden Ende der Sechziger herausgebracht, also nach Chrustschows Tauwetter. Plötzlich nichts Lehrreiches mehr auf der Verpackung, sondern einfach dieses Mädchen. Nicht mal eine Pionierin, keine Pose. Mein Onkel hat damals meiner Cousine so ein Kopftuch umgebunden und sie genau so fotografiert wie Aljonka auf dem Bonbonpapier. Kopftuch, Knopfaugen – so sahen wir Mädchen damals ja alle aus.“

Wdochnowenije Inspiration Bonbon

„Dieses Motiv heißt „Wdochnowenije“, Inspiration, und alles dreht sich ums Ballett: die Fassade des Bolschoi in Gold, darunter die beiden Tänzer im Scheinwerferlicht. Ursprünglich gab es dieses Motiv nicht als Bonbon, sondern als Schokoladentafel, mit einzeln verpackten Riegeln – so wie Kinderschokolade in Deutschland. Dann konnte ein Kavalier bei einer Ballettaufführung in der Pause seiner Dame Schokolade anbieten, ohne dass jemand Stücke abbrechen und sich die Finger mit Schokolade verschmieren musste.“

Weltraum-Odyssee Bonbon

„Dieses Bonbon heißt „Kosmitscheskaja Odisseja“, Weltraum-Odyssee. Polarexpeditionen, Raumfahrt, Atomspaltung – immer, wenn es in der Sowjetunion große Begeisterung für etwas gab, wurde auch ein passendes Bonbon erfunden. Ich habe tatsächlich als Kind Bonbons gegessen, die „Radii“ hießen, also Radium. Und es waren ja nicht nur die Bonbons: Damals gab es in meinem Freundeskreis gleich zwei Jungen, denen ihre Eltern den Namen „Elektron“ gegeben hatten. Beim Spielen haben wir sie dann halt „Elek“ gerufen, das war nicht so lang.“

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Es gäbe noch mehr zu bloggen, wir haben uns schließlich eine ganze Unterrichtsstunde lang mit den Bonbons befasst. Welche Form sie haben müssen, mit den spitz gefalteten Ecken. In welchem Wodka drin ist und welches Moskaus Kaufleute und Mäzene würdigt. Aus welchen drei Schichten die Verpackung bestehen muss – die bunt bedruckte, darunter Folie, darunter Pergament. Geht aber leider nicht, denn ich muss mich auf die nächste Stunde vorbereiten. Übungen zu den Präpositiv-Endungen von Substantiven und Adjektiven stehen an. Diesmal dann wohl wirklich.

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Der Tag danach

Was tun am Tag danach? Am Tag nach dieser Zeremonie, dieser Rede, diesem unverholenen Nationalismus? Was tun angesichts dessen, was da dräut?

Immerhin: Der Termin von Donald Trumps Amtseinführung stand lange fest, man konnte also planen. Der Plan sieht vor, am frühen Nachmittag das Haus zu verlassen, Treffpunkt: Triumfalnaja-Platz. Ich bin früh dran, mache also noch einen Schlenker durch ein Geschäft und komme dort mit einem älteren Russen ins Gespräch. „Sie werden sich nicht erinnern, wie es war, als Deutschland geteilt war,“ fängt er an, worauf ich mein Alter offenbare und er routiniert-charmant mit „Waaas? Also wirklich, ich hätte kein Jahr über 25 geschätzt!“ reagiert. Wir schäkern ein bisschen und er erzählt von seinem Freund aus der DDR, der inzwischen in Köln lebt, und vor ein paar Jahren haben sie sich dann mal in Prag getroffen und…

Es ist eine sehr alltägliche Geschichte, mit Humor erzählt. Wie dem Freund der Mietwagen geklaut wurde, weil er ein paar Kartons drin hatte mit dem Aufdruck einer Luxus-Parfümmarke. Wie die Firma des Freundes dafür sorgte, dass an der Grenze ein neuer Mietwagen auf ihn wartete. Und weil man als Deutsche in Russland manchmal für Hitler, manchmal für Rammstein, aber immer für Fußball und für die Automobilindustrie steht, macht der ältere Herr beim Erzählen diese Sache mit den Fußnoten, also: Bei jedem Auto, das in der Geschichte auftaucht, wird die Marke erwähnt und, falls deutsch, wohlwollend benickt. Der geklaute Mietwagen war ein Volkswagen Kombi, hmhm. Und der Ersatz sogar ein Mercedes, jaha.

Das Ganze dauert keine fünf Minuten, die Geschichte hat keine Pointe. Aber als wir uns verabschieden, merke ich, wie gut in diesem leicht dünnhäutigen Zustand, der mich seit gestern Abend erwischt hat, so ein einfacher Austausch tut. Nichts Weltbewegendes, nur ein paar nette Worte mit einem Fremden, der beim Lebensmittelabwiegen zufällig nach demselben Plastikbeutel gegriffen hat. Einer spricht langsam. Einer hört genau zu. Kommunikation findet statt.

Später treffen wir uns dann wie verabredet mit ein paar Leuten auf dem Triumfalnaja-Platz. Viele sind wir nicht und das ist, wegen des russischen Versammlungsrechts, auch gut so. Dies ist schließlich kein Protestmarsch hier, keine Demo, nein nein. Nur ein paar Leute, die zusammen spazieren gehen. Wie man das halt so tut am Wochenende, bei Minusgraden, wenn der Wind den Schnee am Schal vorbei in den Kragen pustet.

Wir laufen die Twerskaja runter, am Rathaus vorbei und, ja, auch am Ritz Carlton. Wir reden über unsere Heimatländer, was dort gerade politisch geschieht, was wir erhoffen und befürchten. Wir reden über die Weihnachtsferien, über den Job, über Eishockey und diskutieren, wie voll es wohl bei Pro-Trump-Events in Moskau wäre, wenn man mal die ganzen Journalisten rausrechnet.

Es geht quer über den Roten Platz, kurz hinter dem Leninmausoleum kommt uns eine Gruppe von Frauen entgegen, die alle dieselben Schilder hochhalten – irgendwas mit Herzchen. Gleicher Plan zur gleichen Zeit? Nein, die Nachfrage ergibt: Hausaufgabe für den Deutschkurs. Wir gehen noch ein paar Schritte weiter, manche ziehen ihr T-Shirt an, andere halten es hoch. Blick nach links, Blick nach rechts. Ein paar schnelle Fotos mit der Basiliuskathedrale im Rücken und dann ab ins Warme.

Was tun am Tag danach? Rausgehen. Miteinander reden. Sich nicht einschüchtern lassen. Für etwas einstehen. Und nächstes Mal dann auch: Rechtzeitig das T-Shirt bestellen.

Foto: Inna Kiyasova
Foto: Inna Kiyasova

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Blogstatistik 2016 – ihr sucht was?

Trump Putin Pferd

Einmal im Jahr mache ich mir hier den Spaß und gucke, mit welchen Suchbegriffen im vergangenen Jahr Leute auf diesem Blog gelandet sind. Nichts Offensichtliches mit Putin, Moskau, Russland. Kein Chor, China, Twitter. Es geht um die seltenen, obskuren Suchanfragen – die, die in der Statistik nur ein einziges Mal auftauchen.

Wie immer gibt es einige Anfragen, bei denen ich bis heute nicht weiß, warum ich da zuständig sein sollte: „wie sieht paul panzer normal aus“ zum Beispiel: Ich lege Wert auf die Feststellung, zwar über Panzer, aber noch nie über Paul Panzer gebloggt zu haben. Und warum, bitte, googelt jemand ernsthaft „philipp jaroussky unterhemd“, wenn doch „philipp jaroussky paradiso“ ein so viel besseres Ergebnis zeitigt, nicht hier, sondern bei YouTube? Und auch dem Menschen, der sich für „verdienst eisfischer“ interessiert, kann hier leider nicht geholfen werden.

Bei ein paar Begriffen dagegen kann ich mir zumindest grob vorstellen, worum es gehen sollte. Darum also hier ein kleiner Service, damit alle Suchenden, die zu diesem Blog fehlgeleitet wurden, doch noch zu Findenden werden.

wasser test farbe lila – falls das hier nicht gewünscht war, dann bitte direkt zu Alice Walker.

wie schwer ist die kleine ja joghurt150 Gramm (und es gibt also tatsächlich Menschen, für die „Joghurt“ feminin ist!)

alltag in moskau lois fisher-ruge – klasse Buch, sehr lesenswert, aus der Zeit als, wer von Deutschland nach Moskau zog, noch Grundbedarf wie Toilettenpapier einpackte. Das Buch gibt’s gebraucht bei eBay oder Amazon, und zum Weiterlesen lohnt das hier.

simone de beauvoir eine fuchtel? – Jemand anderes sucht, ich lerne was draus: „Fuchtel“ ist offenbar ein österreichisches Wort für eine herrschsüchtige Frau. (Oder für diesen CDU-Abgeordneten.)

trump putin pfert – ein Fall für die Google-Bildersuche. Und für den Duden.

baku aserbaidschan interessante orte – wo anfangen? Mit der Altstadt natürlich, immerhin Weltkulturerbe. Dann die Promenade mit dem ganzen ölfinanzierten Prunk. Die Bibi-Heybat-Moschee und dann, im Umland, die Felsmalereien von Gobustan und die Schlammvulkane und… sagen wir so: Ohne gebrochenen Arm wäre ich gern noch länger dort geblieben.

krokodile haltung – ähm, meist horizontal? Oder geht es um Haltung im Sinne von Haustier? Dann einfach: bitte nicht.

armenian chor hollandaise – nicht die geringste Ahnung, was hier gewünscht ist. Sänger, die ihre Saucenrezepte mit anderen teilen? Oder war vielleicht die „Marseillaise“ gemeint? Hm hm hm. Hier ist jedenfalls ein armenischer Chor bei einem Auftritt in Marseille.

russische flagge Ärmel timati – wieder was gelernt: Timati scheint tatsächlich gelegentlich Klamotten zu entwerfen. Flaggenärmel scheinen aber nicht zur Kollektion zu gehören.

da lacht der hammer – Lachender Hammer? Leider nein. Lachen mit Hammer? Gerne hier.

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Das Problem am Winter in Russland

Moskau Winter Erlöserkathedrale

Das Problem am Winter hier in Russland sind halt die Temperaturen. Es ist einfach zu warm.

Zu warm in der Metro, wenn man 15 Minuten über vereisten Schnee dorthin geschlittert ist, um dann plötzlich mitten im Rolltreppenrudel zu stehen, von heißer Luft umweht und von dem, was man selbst und die Mitreisenden so ausdünsten. Zu warm beim Schaufenstergucken, wenn die Güterabwägung im Kopf so geht: Das da vorne ist eine echt schöne Jeans. Aber dafür jetzt Winterjacke, Fleecejacke, Mütze, Handschuhe, Schal, Halstuch, die Stulpen an den Handgelenken, die Stiefel, die Stulpen an den Knöcheln, die Hose und die Leggings drunter ausziehen? So schön kann keine Jeans sein.

Zu warm ist es auch in der Wohnung, weil die Nachbarn alle bis zum Anschlag heizen – kostet ja nix, oder fast nix jedenfalls. Was hab ich damals die potenziellen Vermieter verwirrt, als ich beim Wohnungssuchen nach den Nebenkosten gefragt habe. Nebenwas? Was will die komische Ausländerin? Ach, Öl, Gas, Strom? Naja, ein paar hundert Rubel halt im Monat, fünf Euro oder vielleicht zehn. Russland ist reich an Ressourcen, die Temperatur wird also reguliert nach dem Prinzip: Heizung läuft immer, zentral angeschaltet, und bei Bedarf kann man ja lüften. Nur seltsame Zugereiste lassen Ventile an die einzelnen Heizkörper dranflanschen, um zumindest die Wahl zwischen an und aus zu haben. Drehknöpfe mit einer Skala von 0 bis 5? Gibt es, sind aber so selten wie Plusgrade im Januar.

Drinnen überheizt, draußen knackig kalt, dazu das extrem harte Wasser. Der Moskauer Winter ist also auch der Grund, warum Haut und Haare hier besonders viel Liebe brauchen. Duschöl statt Duschgel, kein Shampoo ohne Spülung. Bodylotion, Handcreme, Gesichtscreme – zum ersten Mal im Leben besitze ich eine Fußcreme, ja sogar eine Nasencreme, für wenn das Salzwasser-mit-Bepanthen-Spray nicht mehr reicht, um die Schleimhäute halbwegs feucht zu halten. Als eine irische Freundin zum ersten Mal bei uns zu Besuch war, war sie arg perplex von den schwarzen Plastikwürfeln, die in den verschieden Zimmern vor sich hinsummen: „Was sind das, Luftbefeuchter? Bei uns zuhause hat jedes Haus einen Luftentfeuchter!“

Vielleicht ist es dieses Überangebot an Wärme, das uns den russischen Winter dann besonders lieben lässt, wenn er so richtig zeigt, was er kann. Nicht irgendwo um die standardmäßigen -15, nein – da gilt tatsächlich alles, was ich gerade beschrieben habe. Aber dann, wenn die Minusgrade in den Zwanzigern oder gar Dreißigern liegen, wird es interessant. Du trittst vor die Haustür und merkst, wie die Feuchtigkeit in der Nase gefriert. Du willst Fotos vom Roten Platz im Winter machen, aber nach einer Minute fühlst du deine Fingerspitzen nicht mehr (und kurz darauf stirbt ohnehin der Akku). Du stapfst eine halbe Stunde durch den Schnee, den Schal bis vor den Mund hochgezuppelt, so dass die ausgeatmete Luft am Stoff gefriert – und fühlst dich hinterher wie ein Held, während du im Café wartest, dass die Oberschenkel aufhören zu prickeln.

So ein Wetter hatten wir in den ersten Tagen dieses neuen Jahres, und was haben wir es genossen! Sind mit dem Zug ins Moskauer Umland gefahren, um dort an kleinen Kirchen vorbei durch noch mehr Schnee zu stapfen. Haben im Gästezimmer Käpt’n Blaubär vom Fensterrahmen losgeeist, an dem er leider mit seinem flauschigen Hintern festgefroren war. Waren in eisigster Winternacht in der orthodoxen Weihnachtsmesse. Haben wilde Experimente mit gefrierenden Seifenblasen, Schnee aus kochendem Wasser und einem steif gefrorenen Handtuch gemacht.

Ein großer Spaß, auch wenn wir permanent drei Handys dabei haben mussten zum Filmen, weil bei 30 Grad unter null eben nach wenigen Minuten der Akku entscheidet, dass jetzt aber auch genug ist. Wir hätten gerne noch mehr probiert – ob man mit einer gefrorenen Banane tatsächlich einen Nagel in die Wand schlagen kann zum Beispiel. Gestern Abend hatten Patenkind 3 und sein großer Bruder noch Wünsche angemeldet, doch sie werden warten müssen: Über Nacht kam der Wetterumschwung, heute bietet Moskau nur noch einstellige Minusgrade.

Es ist einfach zu warm.

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