Eine Milliarde schmutzige Gedanken

Wir müssen mal über Sex reden. Reden wir also über Buchcover.

Zwei Bücher liegen nebeneinander auf dem Sofatisch. Eines hat als Titelbild winzige Porträtfotos, so arrangiert, dass Sie das Bild einer Frau formen, die dem Leser den nackten Rücken zudreht.

Das Cover der englischen Ausgabe (Foto: Penguin)
Zum Pin-Up taugt das nicht – zu grisselig, und da, wo vielleicht die Seite einer Brust oder ein Hintern zu sehen wäre, stehen Titel und Untertitel des Buchs: »A Billion Wicked Thoughts – What the Internet Tells Us About Sexual Relationships«.

Buch zwei hat ein knatschrotes Cover. Darauf steht, in formatfüllenden Großbuchstaben: »Klick! Mich! An!«, Untertitel: »Der große Online-Sex-Report«. Nun ja.

Zwei Bücher? Dem Inhalt nach nur eines, geschrieben von Ogi Ogas und Sai Gaddam. Beides Wissenschaftler mit einem Doktor in Neuroinformatik, und beide hätten sie einen besseren Titel für ihr Buch verdient als dieses Trash-Fest, das sich da irgendwer im Blanvalet Verlag für die deutsche Ausgabe ausgedacht hat.

Denn das Buch hat zwar einige Passagen, die man ungerne in der S-Bahn laut vorlesen möchte. Aber zum größten Teil geht es um Daten und wie man sie analysiert, um wissenschaftliche Studien und Experimente, um Geschäftsmodelle im Internet, um Evolution und Hirnforschung – entlang erzählt am Thema Sex.

Einer der Ausgangspunkte ist der Versuch, aus den Suchbegrifen von Internetnutzern Muster abzuleiten, wo Menschen online nach Lustgewinn suchen. Wird häufiger nach »Brüste« gesucht oder nach »jung«? Wer sucht eher nach Bildern, wer eher nach Texten? Was verbindet die Suchmuster von schwulen Männern und heterosexuellen Frauen?

Das Cover der deutschen Ausgabe (Foto: Random House)
Die Washington Post verwies in ihrer Rezension auf den Sexualforscher Alfred Kinsey, eine Nummer kleiner geht es aber auch: Das Buch ist populär vermittelte Wissenschaft, zu einem Thema, das kaum jemanden nicht interessieren dürfte. Urlaubslektüre.

In den Nutzerbewertungen bei Amazon.de hat die Originalausgabe des Buches übrigens vier von fünf möglichen Sternen bekommen, die deutsche Version nur drei. Vielleicht ein Fall von Enttäuschung bei den Lesern, die sich angesichts des roten Covers mit brüllenden Buchstaben etwas anderes erhofft hatten.

(Dieser Text stand deutlich kürzer auch als “Netzhaut”-Kolumne in der WAZ-Wochenendbeilage.)

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