Schicksalsjahre einer Bahnreisenden

Maschinengewehrsalven zum Start. Noch bevor der Zug in Shanghai losfährt, läuft auf den Bildschirmen an der Decke ein Ballerfilm. Der Ton steht auf laut, soll ja keiner was verpassen. Man kann diese Strecke prima fliegen. Aber über 1200 Kilometer mit dem Zug zurücklegen und dafür nicht mal fünf Stunden brauchen? Einfache Entscheidung.

Stehplätze gibt es keine, jeder hat hier seinen festen Sitz, vermerkt auf der Fahrkarte, wie auch die Nummer aus dem Pass. Ohne Ausweis keine Zugfahrt. Ein Hauch von Klarnamenpflicht in der Bahn.

Rechts von mir ein Laptoparbeiter, links Wasserbüffel. Keine Schaf-, dafür kleine Ziegenherden. Erst Reisfelder, dann Maisernte. Viele kleine Felder, auf manche passen gerade zehn Reihen Mais. Später dann große, frisch gepflügte Äcker, trockene dunkle Erde. Zwischen dem großen Braun immer mal wieder ein paar Quadratmeter Salat oder Gemüse, wie ein einsamer Schrebergarten mittig auf dem Platz des Himmlischen Friedens.

Sissi geht ja immer. Auch im Schnellzug von Shanghai nach Peking.

Und dann ist es plötzlich kurz vor Mittag und auf den Bildschirmen läuft Sissi. Graf Andrássy gesteht der Kaiserin seine Liebe. Sissi ist krank und kuriert sich auf Korfu (Betonung auf dem Fu) aus. Sissi und Franz fahren mit dem Boot durch Venedig und keiner jubelt. Dazwischen erscheint eine Chinesin im weißen Blazer, die vermutlich die langweiligen Dialog-Passagen zusammenfasst.

Sissi-Destillat für Reisende, das Opulenteste vom Opulenten. Ausstattungsschlachten bei Bällen. Schwenks übers knatschblaue Mittelmeer. Und eben die Schiffsfahrt durch Venedig, wo die Bürger das Kaiserpaar anschweigen. „Ich wollte, ich könnte es Dir ersparen“, sagt Franzl zu Sissi. Wären sie mal mit dem Zug gefahren.

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