Let’s hear it for Beijing

Frisch eingetroffen: ein neues sinofiziertes Musikvideo. „Laowai Style“ war die Peking-Variante von „Gangnam Style“, im Look eher handgemacht, aber lustig. Deutlich schicker und näher am Original ist „Beijing State of Mind“ (nach dem Vorbild von „Empire State of Mind„, der New-York-Hymne von Jay Z und Alicia Keys).

Sehenswürdigkeiten und Alltagsszenen als Kulisse, ein paar Konstanten des (Expat)-Lebens in Peking als Text – so hat Mark Griffith sein Video gebaut, Andrew Dougherty und Princess Fortier singen. Beida, CBD, dianpingche, das reicht für fünf Minuten Sehnsucht. Die Stellen, wo Dougherty vom Dreck in der Luft und schwitzigen U-Bahn-Fahrten rappt, verhindern, dass die Sehnsucht ausufert.

Link via Vera.

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Sieben nützliche China-Apps

Was muss aufs Handy eines China-Reisenden? Diese sieben Apps helfen, sich einzuleben, von A nach B zu kommen oder mit anderen ins Gespräch. Die meisten dieser Apps sind kostenlos – und die, die was kosten, ihr Geld wert.

Das Zeichen für „Frau“ in der Schrifterkennung von KTdict

Pleco und KTdict C-D sind von vielen ausprobierten die besten Wörterbuch-Apps. Einfach zu bedienen, großer Wortschatz, Aussprache-Hilfen, alles da. Einmal Chinesisch/Englisch, einmal Chinesisch/Deutsch – wer doch mal eine Vokabel in der einen App nicht findet, kann mit der anderen ausgleichen.

Besonders gut an KTdict: Man kann mit dem Finger auf dem Display Schriftzeichen nachmalen und bekommt sie dann übersetzt.

Hinter Beijing on a Budget steckt Daniel McCrohan, der in China lebt und hier für den „Lonely Planet“ schreibt. In der App gibt er Tipps, wie man kostenlos oder für kleines Geld das Alltagspeking kennenlernt – zum Beispiel das Kaufhaus Tian Yi, in dem Chinesen Schnäppchen shoppen. Schal, Mütze, Notizblöcke, Handy-Hülle – ich bin mit zwei vollen Tüten rausmarschiert. Wer die App offline benutzen möchte, braucht die Bezahlversion.

MotionX-GPS ist keine spezifische China-App, aber seit zwei Jahren meine Begleitung. Nicht nur, weil man so von jedem neuen Ort eine Landkarte in der Tasche hat (vorher im WLAN runterladen). MotionX nutzt das GPS-Signal, um einem auf dieser Karte auch zu zeigen, wo man ist – und zeichnet den gelaufenen Weg auf. Heißt also: Einfach loslaufen in der neuen Stadt. Wenn jegliche Orientierung verschütt geht, kann man immer noch den getrackten Pfad zurücklaufen.

Besonders hohe Werte bei der Luftverschmutzug schickt die App auf Wunsch auch als Push-Meldung

Die Luft in Peking ist vielleicht nicht ganz so schlecht wie in Delhi, aber immer noch so ungesund, dass man es merkt. Brennen im Rachen, juckende Augen. Wie schlimm ist es heute? Atemmaske anziehen? Die Infos liefert CN Air Quality.

Während offizielle Daten zur Luftverschmutzung oft überraschend positiv sind, verwendet diese App als Quelle unter anderem Messwerte der Pekinger US-Botschaft. Die gibt es auch hier bei Twitter.

Von den zahlreichen U-Bahn-Plänen bin ich mit Explore Metro immer gut gefahren. Leicht zu bedienen, übersichtlich – außerdem gibt es Nutzer-Tipps, was man an den einzelnen Haltestellen unternehmen kann. Wenn jetzt bitte jemand noch was ähnlich Gutes für Busse programmieren könnte.

Keine Lust auf Körperkontakt in der U-Bahn? Taxis sind in Peking lächerlich billig. Allerdings müssen Aussprache-Anfänger mit Dialogen wie diesem leben: „Bitte nach Dongzhimen.“ – „Dongzhimen?“ – „Nach Dongzhimen.“ – „Dongzhimen?“ – „Dongzhimen!“ – „Ach DONGzhimen!“ (Folgt Wortschwall, der wohl grob bedeutet: Komische Ausländerin, hätte se ja auch mal direkt sagen können.)

Manchmal ist das lustig, für alle anderen Fälle zeigt TaxiBook gut lesbar auf dem Handybildschirm an: „Guten Tag, bitte bringen Sie mich nach…“ Bei der Liste der Ziele fehlt die Deutsche Botschaft, aber die Kanadische direkt nebenan ist drin.

Und hier ein paar Apps, die ihr euch sparen könnt: City Weekend (zeigt bei der Suche nach Veranstaltungen in Peking welche in Shanghai an), Beijing Guide (arg spärlicher Inhalt), Doodle Chinese (langweilig), Every Trail (hakelige Handhabung, ungenaue Ortung), China Goggles (tut’s nicht), Lost in China (tut’s nur selten).

 

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Noch eine Woche bis zum „Messias“ mit dem IFC

Advent, das heißt in Peking: Massive Weihnachtsdeko vor und in Einkaufszentren. Schlange stehen für den Weihnachtsmarkt der deutschen Botschaft. Proben für Händels Messias.

Einerseits saßen neulich bei der Probe des International Festival Chorus in unserer Alt-Reihe, nach Nationen: Kanada, Spanien, Deutschland, Australien, Indonesien, Frankreich. Andererseits ist der Chor geprägt von seinem künstlerischen Leiter Nicholas Smith, der vom OBE hinter seinem Namen über den Akzent, das entfernt Stephen-Fry-eske Aussehen und den Humor Britishness ausstrahlt.

Wenn die Frauenstimmen nicht genug Schmackes bei dramatischen Stellen geben: „That was a schoolgirl sound. I want the full, clotted-cream sound.“ Wenn kein Tenor die Frage beantworten kann, was das gerade für ein Intervall mit dem Bass war: „You’re looking at me and thinking, ‚I didn’t even know we had an interval with the basses‘.“ Wenn ein Kompliment zu machen ist: „You were very, very good at auditions, I was surprised.“ Wenn er ein Konzert mit durchgehend ausgezeichneter Intonation gehört hat: „It was perfectly tuned. Revolting, I was deeply upset.“

Das Messiah-Poster, vermutlich inspiriert von „All we, like sheep“ im zweiten Teil des Werks

Es ist, wie man merkt, ein Fest – auch, weil die Probearbeit extrem sorgfältig und fordernd ist. Weiß nicht, wann ich zuletzt so wenige Fragen beantworten konnte, die der Dirigent den Sängern stellt. Die mit dem Intervall – und jetzt nicht in die Noten gucken – kommt oft, oder gerne auch mal: Na, was für einen musikalischen Witz hat Händel hier eingebaut? Erkannt bisher: einen einzigen – schmutzige Dissonanzen bei der Textstelle „He shall purify“.

Und nebenbei lernt man viel über Musik in China. Was an Formularen, Stempeln, Bescheinigungen vom Arbeitgeber (!) nötig ist, ehe sich Sänger zu einem Auftritt zusammenrotten dürfen. Wie man in einem Land für Konzerte wirbt, in dem Facebook und Twitter gesperrt und Handzettelverteilen ein Garant für polizeiliche Aufmerksamkeit ist. Warum es in China besonders wichtig ist, wann immer im Messias-Text „shall be“ vorkommt, ein deutlich hörbares L zu singen. Offenbar hat es da in vergangenen Jahren Raunen und Gekicher im Publikum gegeben. Vier Proben haben wir noch, um das hinzubekommen.

Zum Weiterlesen: „Bittersweet Symphony“.

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Beijing Bikes

Rappelig vor viel zu spät getrunkenem Grüntee – einer der wenigen Gründe, an einem Sonntag um 7 Uhr durch die Hutongs zu schlendern. Zu der Zeit gehört die Gegend hier den Gassigehern und Nachttopf-Rausbringern. Vor den Türen parken die Zwei-, Drei- und Vierräder, mit denen die Pekinger tagsüber unterwegs sind. Mit Pedalen, Elektro- oder Benzinmotor, auf jeden Fall aber mit mehr als nur leichten Gebrauchsspuren und mit allerlei kreativem Gepimpe.

Und jetzt, beim Sichten und Hochladen der Fotos, ist er plötzlich da: der erste Abschiedsschmerz. Drei Wochen vor Abflug, genau so verfrüht wie das vorgezogene Heimweh, an einem schönen Dortmund-Abend, zwei Wochen vor dem Start ins Medienbotschafter-Programm.

Das Heimweh hat sich nach der Ankunft in Peking nicht wieder gemeldet. Das Gefühl von Abschied und der Wunsch, wiederzukommen nach China, war sicher nicht zum letzten Mal da.

 

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Mit Alice in Wonderland

Dieses dumme Gefühl, wenn man eins und eins zusammenzählt und merkt, das hätte schneller gehen können  – das hatte ich gestern in einem Pekinger Vorort. Ich wusste, wie der nie fertig gewordene Freizeitpark dort heißt. Ich kannte den Vornamen meiner Begleiterin. Und trotzdem hat es erst nach einer halben Stunde klick gemacht: Unterwegs in Wonderland, mit Alice!

Wonderland sollte in den Neunzigern mal eine Attraktion werden und sieht heute aus wie Disneyland nach der Apokalyse. Zum Fotografieren, Filmen, Rumstöbern ideal: keine Wächter, keine Absperrungen, keine Warnschilder. Bitte selber abschätzen, ob dieser Stahlträger trägt, ob diese Treppe langsam nach oben führt oder abrupt nach unten.

Unwahrscheinlich, dass an diesen Gebäuden noch was zu retten ist. Aber die Hecken davor sind frisch geschnitten, und zwischen den beiden größten Gebäuden baut jemand Kohl und Salat an. Der Betonmischer steht still, aber an dem Zelt daneben hängen Kleidungstücke zum Trocknen und es steigt Rauch auf.

In der Herbstsonne sieht Wonderland trotz des Verfalls idyllisch aus. Dass es auch bedrohlich wirken kann, zeigt Catherine Hyland in ihrem Video:

Wonderland from catherine Hyland on Vimeo.

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…oder schläfst Du schon?

Schläfer bei Ikea
Schläfer bei Ikea

An ihm hier bin ich bei Ikea in Peking mehrfach vorbeigelaufen, in Zehn-Minuten-Abständen. Bis klar war, dass er da nicht einfach rumliegt und kurz die Augen geschlossen hat. Dieser Mann schläft. Während um ihn rum Menschen auf Matratzen rumdrücken und Notizen mit Ikea-Stiften auf Ikea-Zetteln machen.

Schläfer beim Möbelschweden? „Ist hier ganz normal“, sagt ein Kunde, „die Verkäufer scheint das nicht zu stören.“ Genau wie die Dauersitzer in der Couch-Abteilung, die sich Bücher mitgebracht haben. Einer arbeitet gerade einen Aktenordner durch. Keiner, der ihn dabei stört.

Bequeme Betten und Sofas in einem Gebäude, das im Sommer klimatisiert ist und im Winter geheizt. Ein plausibles Ausflugsziel. Mehr Bilder von solchen Schlaf-Ausflüglern hier bei Chinahush. Die Los Angeles Times hat mit einigen von ihnen gesprochen, den Text gibt es hier.

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Laowai Style – Gangnam goes Peking

Erst hat jeder (ein ungefährer Wert) das Video zu „Gangnam Style“ angeguckt. Dann lustige Cover von Mitt Romney über Ban Ki-moon bis Ai Weiwei gepostet. Eh ihr’s bald alle leid seid hier noch schnell meine aktuelle Lieblingsvariante: „Laowai Style“.

Laowai ist ein chinesischer Begriff für Ausländer – wobei es in diesem Clip um diejenigen geht, die schon länger in China sind und sich hier eingelebt haben. Zwischendurch gibt’s auch Bilder vom Campus der Tsinghua-Universität, an der wir Medienbotschafter unsere Uni-Wochen absolvieren. Das große rote Ufo bei 0:33 ist das Audimax.

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Schicksalsjahre einer Bahnreisenden

Maschinengewehrsalven zum Start. Noch bevor der Zug in Shanghai losfährt, läuft auf den Bildschirmen an der Decke ein Ballerfilm. Der Ton steht auf laut, soll ja keiner was verpassen. Man kann diese Strecke prima fliegen. Aber über 1200 Kilometer mit dem Zug zurücklegen und dafür nicht mal fünf Stunden brauchen? Einfache Entscheidung.

Stehplätze gibt es keine, jeder hat hier seinen festen Sitz, vermerkt auf der Fahrkarte, wie auch die Nummer aus dem Pass. Ohne Ausweis keine Zugfahrt. Ein Hauch von Klarnamenpflicht in der Bahn.

Rechts von mir ein Laptoparbeiter, links Wasserbüffel. Keine Schaf-, dafür kleine Ziegenherden. Erst Reisfelder, dann Maisernte. Viele kleine Felder, auf manche passen gerade zehn Reihen Mais. Später dann große, frisch gepflügte Äcker, trockene dunkle Erde. Zwischen dem großen Braun immer mal wieder ein paar Quadratmeter Salat oder Gemüse, wie ein einsamer Schrebergarten mittig auf dem Platz des Himmlischen Friedens.

Sissi geht ja immer. Auch im Schnellzug von Shanghai nach Peking.

Und dann ist es plötzlich kurz vor Mittag und auf den Bildschirmen läuft Sissi. Graf Andrássy gesteht der Kaiserin seine Liebe. Sissi ist krank und kuriert sich auf Korfu (Betonung auf dem Fu) aus. Sissi und Franz fahren mit dem Boot durch Venedig und keiner jubelt. Dazwischen erscheint eine Chinesin im weißen Blazer, die vermutlich die langweiligen Dialog-Passagen zusammenfasst.

Sissi-Destillat für Reisende, das Opulenteste vom Opulenten. Ausstattungsschlachten bei Bällen. Schwenks übers knatschblaue Mittelmeer. Und eben die Schiffsfahrt durch Venedig, wo die Bürger das Kaiserpaar anschweigen. „Ich wollte, ich könnte es Dir ersparen“, sagt Franzl zu Sissi. Wären sie mal mit dem Zug gefahren.

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