Mit dem Zug von Peking in die WM-Stadt Moskau

Konnte ja keiner ahnen, dass die Deutsche Nationalmannschaft schon lange wieder hier weg ist, wenn Jon Eden in Moskau ankommt. Der 32-Jährige kommt aus Heidelberg, lebt in Kanada und hat sich bei seiner Anreise zur WM für die lange Variante entschieden: Am 17. Juni sind Jon und sein Vater Bernd in Peking in einen Zug gestiegen und losgefahren Richtung Westen. Ihr Ziel: Moskau, rechtzeitig zu den Viertelfinalspielen. Ihre Hoffnung: Dem DFB-Team zujubeln zu können.

jon eden peking bahnhof

Fußball, sagt Jon, ist für ihn der Weg, von Kanada aus seine Bindung zu Deutschland zu behalten. „Bis auf den Kontakt zu ein paar Freunden und Familie mache ich das vor allen Dingen über den Fussball“, erzählt er. „Ich schaue etwa fünf Bundesligaspiele jedes Wochenende und gehe zu jedem Heimspiel von Ottawa Fury, die in der USL kicken, das ist die zweite Nordamerikaliga.“

Vater-Sohn-Trips zu Fußballturnieren sind für ihn nichts Neues, die beiden waren auch schon gemeinsam bei der WM im Brasilien. Das 7:1 der deutschen Nationalmannschaft? Die beiden haben es zusammen gesehen, live im Stadion – und nach dem Turnier dann entschieden, auch zur nächsten Weltmeisterschaft gemeinsam zu reisen. Sein Vater Bernd kam dann auf die Idee, mit der Transsibirischen Eisenbahn zu fahren, erzählt Jon.

job eden zugfenster

Russland langsam und gründlich kennenlernen und sich dabei immer näher dem Ort des Finales annähern, so war das geplant. Wobei, WM und Zugfahren, das passt nicht immer zusammen, räumt Jon ein: „Das Deutschland-Mexiko-Spiel habe ich noch am Flughafenhotel in Beijing geschaut. Dort habe ich auch meinen Vater getroffen, er kam aus München und ich aus Ottawa. Bei Deutschland gegen Schweden waren wir gerade im Zug zwischen Mongolei und Russland. Das war extrem absurd, weil ich da noch keine russische SIM-Karte hatte und keine Ahnung, wie das Spiel ausgegangen ist.“

jon eden deutschland schweden

Was tun? Da hilft nur Recherche, auch über Sprachgrenzen hinweg. „Am nächsten Morgen, so gegen 6 Uhr in Ulan Ude, bin ich dann auf den Bahnsteig gegangen und habe zwei chinesische Reisende gefragt, wie das Spiel ausgegangen ist.“ Ergebnis: 2:1 für Deutschland durch ein rettendes Tor von Jérôme Boateng, nachdem Toni Kroos sich einen Platzverweis eingefangen hatte. Dass das nicht ganz korrekt war, erfuhren die beiden Reisenden erst später – aber gut, es ist wie beim Tippspiel: Die richtige Tendenz ist ja auch schon mal was wert. In Listwjanka am Baikalsee hatten die beiden dann die Gelegenheit, das Spiel nachträglich noch mal zu gucken. Außerdem abgehakt: große Hitze in der Banja, große Kälte im Wasser des Baikalsees.

Als Deutschland gegen Südkorea ausschied, saßen Jon und sein Vater wieder im Zug, irgendwo zwischen Irkutsk und Jekaterinburg, dem östlichsten WM-Austragungsort. Die Mannschaft flog heim, die beiden Zugfahrer rollten weiter – und sind nun heute, nach gut zwei Reisewochen, endlich in Moskau angekommen. Schnell noch ein Beweisfoto vor der Basiliuskathedrale, dann geht es weiter: Zum Viertelfinale nach Sotschi, weiter nach St. Petersburg zum ersten Halbfinale. Wie die beiden dann von Petersburg zurück in die Hauptstadt kommen, um dort das zweite Halbfinale zu gucken, erklärt sich von selber: Natürlich mit dem Zug.

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Russball, Folge 45: Warum Deutschland eventuell nicht Weltmeister wird

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Zurück aus dem Urlaub, das heißt: Sie haben uns nach Usbekistan rein- und hinterher auch wieder rausgelassen. Und weil die letzte Russball-Folge ja eine hintergründige war mit Reisetipps für die WM-Städte, konnte ich für diese hier aus dem Vollen schöpfen: Material aus zwei Wochen, eingedampft und ausformuliert zu diesem formschönen Newsletter. Los geht’s.

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⚽ Die Sache mit dem dressierten Bären, der bei einem Fußballspiel als Unterhaltungsprogramm herhalten musste, habt ihr sicher mitbekommen. Das hat ja große Wellen geschlagen, und zu Recht: Nein, das ist nicht lustig. Ja, das ist Tierquälerei. Nur, dass das geklärt ist.

Was ihr vielleicht nicht mitbekommen habt, ist ein anderer Vorfall, auch der mit einem Tier. Ein Fan von Lutsch-Energija Wladiwostok hat einen Hahn mit zum Spiel gebracht und versucht, ihn auf Trainer Alexander Grigrojan zu werfen (der Hahn drehte in der Luft ab in eine andere Richtung). Dass das wohl keine Geste des Wohlwollens und der Unterstützung war, ist auf den ersten Blick klar. Wie perfide die Aktion wirklich war, versteht man allerdings erst, wenn man weiß, dass „petuch“, das russische Wort für Hahn, hier auch ein Schimpfwort für „schwul“ ist. Ein homophober Angriff auf Grigorjan also, zusätzlich zur Tierquälerei. Dazu passen Meldungen wie diese in der New York Times, wonach das schwulenfeindliche Klima in Russland einige Fans davon abhält, zur WM zu reisen. (Kurz nach dem Vorfall hat sich der Club übrigens vom Trainer getrennt.)

⚽ Wenn das mal keine Entscheidung aus der Reihe „Was habt ihr euch denn dabei gedacht?“ wird: Bei WM-Spielen in Rostow am Don sollen rund 200 Kosaken als Sicherheitskräfte eingesetzt werden, 30 von ihnen zu Pferd. Das mag für deutsche Ohren jetzt vielleicht ganz nostalgisch nach Chorgesang oder nach „Moskau“ von Dschinghis Khan klingen – „Kosaken hey, hey, hey hebt die Gläser!“ Tatsächlich aber stehen die Kosaken im heutigen Russland für etwas anderes, die Nachrichtenagentur AP bringt es auf den Punkt: „Kosaken, eine paramilitärische Gruppe mit Wurzeln in der Zarenzeit (…). Ihnen wurde oft vorgeworfen, ihre Zuständigkeiten zu überschreiten und während ihrer Arbeit Gewalt einzusetzen.“

Vielleicht erinnert sich der ein oder andere noch an den Vorfall bei den Olympischen Spielen in Sotschi, als eine Gruppe Kosaken-Wachleute die Peitschen, die zur traditionellen Kosakentracht gehören, nutzten, um auf Mitglieder von Pussy Riot einzuprügeln. In Rostow sollen die Kosaken nach offiziellen Angaben nun also sowohl für Sicherheit sorgen als auch das „Kosakentum als Visitenkarte der Region“ präsentieren – „schließlich sind sie eines der Symbole der Don-Region mit dem höchsten Wiedererkennunsgwert.“ Bleibt die Frage, ob man bei der WM auch ihr Verhalten gegenüber friedlichem Protest in Sotschi wiedererkennen wird nach dem Prinzip: Kosaken, hey, hey, hey, hebt die Peitsche.

⚽ Zufällig bin ich dann noch auf einen Link gestoßen, der die beiden vorherigen Themen verbindet. Es geht um eine Meinungsumfrage, die schon ein paar Monate alt ist, sie wurde im vergangenen Dezember veröffentlicht. Und ja, man muss sie sicher mit einem Körnchen Salz nehmen, denn die Zahl der Befragten (2500) klingt erst mal groß, aber verteilt auf elf Gastgeberstädte sind es dann eben doch nur noch rund 230 pro Stadt. Doch die grundsätzliche Tendenz ist schon erwähnenswert: Mit welchem Gefühl sie ausländischen Fußballfans gegenüberstehen, die LGBT sind, wurden also 2500 Russen gefragt. Der Mehrheit war das ziemlich egal, 13 Prozent antworteten allerdings mit „verärgert“ und weitere 11 mit „reserviert“.

Wenn man die Zahlen ein bisschen weiter aufdröselt, kommt man zu zwei Ergebnissen. Wer beim WM-Besuch homophoben Menschen ausweichen will, der sollte sich erstens tendenziell von älteren Männern fernhalten – sie gaben überdurchschnittlich oft „verärgert“ an. Zweitens ist man geografisch am besten in Sotschi und Kasan – beides Vorrundenspielorte der deutschen Nationalelf – aufgehoben. Am deutlichsten gegen schwule und lesbische Fans eingestellt sind die Menschen in Wolgograd und Rostow am Don, beides Städte mit starkem Kosakenerbe und allem, was da an traditionellen, nationalistischen Wertvorstellungen dranhängt.

⚽ Was hat Arsène Wengers Abschied von Arsenal in einem Newsletter zu Fußball und Russland zu suchen? Die Antwort gibt Sport.ru mit dem lustigsten, lässigsten Tweet, den ich zu Wengers Abgang gesehen habe:

„Wenger verlässt Arsenal – wie es aussieht, kann man selbst nach 22 Jahren an der Macht abtreten.“ Beiläufiger Sarkasmus ist halt immer noch der beste Sarkasmus.

⚽ Ihr müsst jetzt sehr stark sein: Es gibt eine kleine Chance, dass Deutschland dieses Jahr seinen Titel als Fußball-Weltmeister nicht verteidigen wird. Die Quelle für diese Nachricht ist nicht das Petersburger Katzenorakel, sondern Stanislaw Tschertschessow, Trainer der russischen Nationalelf. Der Mann spricht fließend Deutsch, kennt sich im internationalen Fußball gut aus und war neulich zu Gast bei einer deutsch-russischen Podiumsdiskussion rund um die WM. Mit auf der Bühne, auf den beiden Seiten des Coaches: der deutsche Ex-Nationalspieler Cacau und Erik Stoffelshaus, sportlicher Direktor von Lokomotive Moskau.

Zunächst sollte Tschertschessow verraten, welchen deutschen Spieler er gerne für die russische Nationalmannschaft borgen würde. Spielverderber-Antwort: „Die deutschen Spieler stehen für mich nicht zur Verfügung, also denke ich da auch nicht drüber nach. (…) Löw hat seine Fußballer und ich meine.“ Um eine Antwort auf die Frage, wer denn nun Weltmeister wird, drückte sich der Nationaltrainer dann komplett – allerdings auf eine Art, die durchblicken ließ: Deutschland jedenfalls nicht. „Dazu sage ich nichts, weil hier auf beiden Seiten von mir Deutsche sitzen.“ Autsch! (Eine Umfrage unter russischen Fußballfans hat übrigens ergeben, dass nur vier Prozent von ihnen damit rechnen, dass ihre Mannschaft Weltmeister wird.)

⚽ Dass einem zwei Monate vor der WM öfter mal Namen deutscher Fußballer in russischen Medien begegne, ist klar. Dass zu diesen Namen aber auch Julian Pollersbeck gehört, hat mich dann doch überrascht: Championat.com widmet dem Torwart des HSV eine große Analyse und beschreibt, wie sehr er auch außerhalb seines Torraumes aktiv ist – das zeigt auch eine beeindruckende Heatmap. „Sieht aus, als ginge es um zwei verschiedene Spieler“, kommentiert Championat das Bild, „aber nein: Er schafft es, die Aufgaben des Torwarts mit denen eines Verteidigers zu kombinieren.“

⚽ Ist die Wurzel allen Übels im russischen Fußball ein Mangel an bespielbaren Plätzen? Anton Michaschenok ist davon überzeugt. Der Sportjournalist hat vor kurzem selber einen Fußballverein gegründet, den FK Gorki, und berichtet nun aus dem Trainingsalltag: „In unserer Stadt mit 500.000 Einwohnern gibt es nur zwei Kunstrasenplätze, auf denen man derzeit trainieren kann,“ zwei weitere Plätze existierten, seien aber unbespielbar. So trainiert der FK Gorki derzeit eben dann, wenn einer der Plätze frei ist – abends um acht, bei schlechtem Licht, so dass man den Ball kaum sieht.

Ehe das jetzt nach dem Gemopper eines Einzelnen klingt: Michaschenok zählt viele solche Fälle auf – von Fußballern in anderen großen Städten, für die erst um neun oder zehn Uhr abends ein Trainingsplatz frei wird, oft bei noch schlechterer Beleuchtung. Von einem Platz, der gebaut werden sollte, aber das Geld kam aus drei verschiedenen Töpfen und einer davon war leer. Von einem Platz, der fertig ist, auf dem aber niemand spielt, weil die dazugehörige Schule noch nicht eröffnet wurde. Wie soll da Fußballnachwuchs heranwachsen, wenn er nirgends spielen kann? Fazit: „Um eine Fußballnation zu werden, müssen wir erst einmal lernen, wie man Fußballplätze baut und instand hält.“

⚽ Apropos Fußballplätze: Zum Schluss noch ein Blick auf drei WM-Stadien, bei allen gab es aktuelle Entwicklungen. Sowohl in Saransk als auch in Wolgograd haben die Eröffnungsspiele stattgefunden. Alles hat soweit gut geklappt, auch wenn mich die Bilder vom fertigen Wologograder Stadion immer noch daran erinnern, wie großzügig da jemand Ideen geklaut hat was das für eine architektonische Hommage ist an Pekings Olympiastadion, das Vogelnest. Nur mal so zum Vergleich das zweite Bild in diesem Tweet:

Und hier ein Foto aus Peking:

Den größten Fortschritt bei den WM-Vorbereitungen gab es allerdings weder in Wolgograd noch in Saransk, sondern in Samara. Wir erinnern uns: das ist das Stadion, das neulich Ärger mit der FIFA bekam wegen massiver Verzögerungen. Nicht mal ein Rasen lag da bisher, und genau das hat sich nun geändert: Habemus caespitem, wie der Lateiner sagt. Okay, das frisch ausgerollte Gras hat jetzt nur noch zwei Monate Zeit, um auch anständig anzuwachsen. Aber darüber reden wir dann, wenn in Samara das erste Spiel angepfiffen wird.

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Wir können uns nicht verabschieden, ohne noch kurz über Kasachstan zu reden. Ein Bild von dort macht hier in Russland seit ein paar Tagen die Runde: Im Achtelfinale des dortigen Pokals sollte ein Spieler des FK Maktaaral eingewechselt werden, musste vorher aber dringend noch mal schnell ums Eck, in diesem Fall wörtlich: Erst suchte er sich ein Pinkelplätzchen hinter der Ersatzbank, dann hinter einem Banner – alles nur, um Sekunden später mit dem Spieler, der für ihn vom Platz ging, abzuklatschen. Aber natürlich hat er zwischendurch sicherlich Sagrotan benutzt, das hat die Kamera nur nicht eingefangen. So möchte ich mir das jedenfalls vorstellen. Bis nächste Woche!



 

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Mein kleiner, roter Koffer: Aeroflot ändert zweimal in einem Monat seine Handgepäck-Regeln

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Diese Geschichte spielt zwar in Russland, aber sie beginnt in China. Dort habe ich Ende 2012 nach ein paar Monaten in Peking gemerkt, dass auf dem Rückflug nach Deutschland nicht alles in den Koffer passen würde. Kurz darauf stand ich in einer Markthalle einem Verkäufer gegenüber, der die Vorzüge eines kleinen, roten Hartschalenköfferchens demonstrierte, indem er mit beiden Füßen darauf rumhüpfte: Sehen Sie mal, wie robust der ist!

Stimmt. Als Handgepäck ist der kleine Trolleykoffer seitdem mit mir in alle möglichen Länder gereist, mit allen möglichen Fluglinien, auch Aeroflot. Wir waren zusammen in London und in Bischkek, in Dänemark und Dubai, in Irkutsk und in Israel. Die Gurte innendrin sind ein bisschen leierig, aber die Hartschale weiterhin hart. Es hätte ewig so weitergehen können. Dann dachte sich jemand bei Aeroflot etwas Neues aus.

Reise mit einer russischen Fluglinie, und du lernst eine völlig neue Definition des Begriffs „Handgepäck“ kennen: Während ich den roten Koffer und meine Jacke ins Klappfach über den Sitzen schiebe, verstaut der Sitznachbar: einen Koffer, zwei Plastiktüten aus dem Duty-Free-Shop, einen Blumenstrauß, eine Reitgerte, ein Paar Stiefel, einen Reithelm, einen Ledersattel, vier Ballen Heu und ein leise vor sich hin wieherndes Shetlandpony. Wer da zu spät kommt, den bestraft der Platzmangel.

Kein Wunder also, dass Aeroflot da was ändern will und ankündigte: 1. Ab Mitte Februar nur noch ein Stück Handgepäck (plus Handtasche, das bleibt). 2: Das Handgepäck darf nur noch 40 x 55 x 20 Zentimeter groß sein. Zollstock ans rote Köfferchen: 22 cm. Bei Lufthansa dürfte er 23 haben, bei British Airways und vielen anderen Fluglinien 25. Anders gesagt: Fünf Reisejahre lang hat niemand uns getrennt, nun stehe ich in Moskau am Flughafen, und ein Aeroflot-Kontrollmann sagt: Nein, stop, das müssen Sie aufgeben, das ist kein Handgepäck. Ja, auch wenn die Kollegin beim Check-in den Trolley gerade durchgewunken hat – zurück auf Null, noch mal von vorne in die Schalterschlange.

Mit dem Ärger, der bei der zweiten Runde Anstehen im Bauch grollt, bin ich nicht allein. Als erstes haben sich Russlands Musiker gegen die neuen Regeln gewehrt – und eine Sonderregelung für sich erkämpft. In einer Moskauer Facebookgruppe für Journalisten beraten vor allem die Fernseh- und Fotokollegen, welche Airline in Sachen Kamera und Stativ im Handgepäck entgegenkommender sind. Und bei Twitter und Facebook bekommt Aeroflot die volle Breitseite an Fragen und Beschwerden ab – und antwortet dort oft eher ungelenk.

Nach dem Doppel-Check-in ist genug Zeit, ein Beschwerdeformular auf der Aeroflotseite auszufüllen. Kurzfassung: Ich verstehe, dass ihr weniger Handgepäck-Stücke zulasst. ich verstehe nicht, warum eure Größenvorgaben unter denen der Konkurrenz liegen. Sollen eure Passagiere sich jetzt ein neues Köfferchen kaufen, nur für Aeroflot-Flüge? Abgeschickt, rein in den Flieger nach Deutschland und eine Woche lang Wichtigeres getan: Mit der Familie den 80. Geburtstag der Lieblingstante feiern. Freunde besuchen. Von Patenkind 1 hören, wie es nach der Grundschule weitergeht. Mit Patenkind 2 eine seiner ersten Skatrunden spielen. Patenkind 3 die subtile Frage nach eventuell mitgebrachten Geschenken beantworten. Visumskram. Arztkram. Kramkram.

Auch Aeroflot scheint die Zeit gut genutzt zu haben: In der Woche zwischen meinem Hin- und Rückflug hat es die neue Regel wieder abgeschafft, jedenfalls den Teil mit den Koffermaßen. Oder, wie es in der Antwortmail auf meine Beschwerde heißt: Zwei lange Absätze „Warum die neue Regeln gut und richtig sind“, gefolgt von einem kleinen Absatz „…aufgrund der hohen Zahl von Nachfragen unserer Passagiere nach einer Änderung der Maße für Handgepäck (…) gelten nun 55 cm Länge, 40 cm Breite und 25 cm Höhe.“

Nach zwei Wochen (und was wird eigentlich aus all den Gebühren, die Passagiere in dieser Zeit unverhofft für ein zweites Gepäckstück zahlen mussten?) nun das große Zurückrudern. Wir werden also weiter zusammen reisen können, auch bei Aeroflot – der kleine, rote, chinesische Koffer und ich. Nur der Typ mit dem Shetlandpony – der hat weiterhin ein Problem.

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Let’s hear it for Beijing

Frisch eingetroffen: ein neues sinofiziertes Musikvideo. „Laowai Style“ war die Peking-Variante von „Gangnam Style“, im Look eher handgemacht, aber lustig. Deutlich schicker und näher am Original ist „Beijing State of Mind“ (nach dem Vorbild von „Empire State of Mind„, der New-York-Hymne von Jay Z und Alicia Keys).

Sehenswürdigkeiten und Alltagsszenen als Kulisse, ein paar Konstanten des (Expat)-Lebens in Peking als Text – so hat Mark Griffith sein Video gebaut, Andrew Dougherty und Princess Fortier singen. Beida, CBD, dianpingche, das reicht für fünf Minuten Sehnsucht. Die Stellen, wo Dougherty vom Dreck in der Luft und schwitzigen U-Bahn-Fahrten rappt, verhindern, dass die Sehnsucht ausufert.

Link via Vera.

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Sieben nützliche China-Apps

Was muss aufs Handy eines China-Reisenden? Diese sieben Apps helfen, sich einzuleben, von A nach B zu kommen oder mit anderen ins Gespräch. Die meisten dieser Apps sind kostenlos – und die, die was kosten, ihr Geld wert.

Das Zeichen für „Frau“ in der Schrifterkennung von KTdict

Pleco und KTdict C-D sind von vielen ausprobierten die besten Wörterbuch-Apps. Einfach zu bedienen, großer Wortschatz, Aussprache-Hilfen, alles da. Einmal Chinesisch/Englisch, einmal Chinesisch/Deutsch – wer doch mal eine Vokabel in der einen App nicht findet, kann mit der anderen ausgleichen.

Besonders gut an KTdict: Man kann mit dem Finger auf dem Display Schriftzeichen nachmalen und bekommt sie dann übersetzt.

Hinter Beijing on a Budget steckt Daniel McCrohan, der in China lebt und hier für den „Lonely Planet“ schreibt. In der App gibt er Tipps, wie man kostenlos oder für kleines Geld das Alltagspeking kennenlernt – zum Beispiel das Kaufhaus Tian Yi, in dem Chinesen Schnäppchen shoppen. Schal, Mütze, Notizblöcke, Handy-Hülle – ich bin mit zwei vollen Tüten rausmarschiert. Wer die App offline benutzen möchte, braucht die Bezahlversion.

MotionX-GPS ist keine spezifische China-App, aber seit zwei Jahren meine Begleitung. Nicht nur, weil man so von jedem neuen Ort eine Landkarte in der Tasche hat (vorher im WLAN runterladen). MotionX nutzt das GPS-Signal, um einem auf dieser Karte auch zu zeigen, wo man ist – und zeichnet den gelaufenen Weg auf. Heißt also: Einfach loslaufen in der neuen Stadt. Wenn jegliche Orientierung verschütt geht, kann man immer noch den getrackten Pfad zurücklaufen.

Besonders hohe Werte bei der Luftverschmutzug schickt die App auf Wunsch auch als Push-Meldung

Die Luft in Peking ist vielleicht nicht ganz so schlecht wie in Delhi, aber immer noch so ungesund, dass man es merkt. Brennen im Rachen, juckende Augen. Wie schlimm ist es heute? Atemmaske anziehen? Die Infos liefert CN Air Quality.

Während offizielle Daten zur Luftverschmutzung oft überraschend positiv sind, verwendet diese App als Quelle unter anderem Messwerte der Pekinger US-Botschaft. Die gibt es auch hier bei Twitter.

Von den zahlreichen U-Bahn-Plänen bin ich mit Explore Metro immer gut gefahren. Leicht zu bedienen, übersichtlich – außerdem gibt es Nutzer-Tipps, was man an den einzelnen Haltestellen unternehmen kann. Wenn jetzt bitte jemand noch was ähnlich Gutes für Busse programmieren könnte.

Keine Lust auf Körperkontakt in der U-Bahn? Taxis sind in Peking lächerlich billig. Allerdings müssen Aussprache-Anfänger mit Dialogen wie diesem leben: „Bitte nach Dongzhimen.“ – „Dongzhimen?“ – „Nach Dongzhimen.“ – „Dongzhimen?“ – „Dongzhimen!“ – „Ach DONGzhimen!“ (Folgt Wortschwall, der wohl grob bedeutet: Komische Ausländerin, hätte se ja auch mal direkt sagen können.)

Manchmal ist das lustig, für alle anderen Fälle zeigt TaxiBook gut lesbar auf dem Handybildschirm an: „Guten Tag, bitte bringen Sie mich nach…“ Bei der Liste der Ziele fehlt die Deutsche Botschaft, aber die Kanadische direkt nebenan ist drin.

Und hier ein paar Apps, die ihr euch sparen könnt: City Weekend (zeigt bei der Suche nach Veranstaltungen in Peking welche in Shanghai an), Beijing Guide (arg spärlicher Inhalt), Doodle Chinese (langweilig), Every Trail (hakelige Handhabung, ungenaue Ortung), China Goggles (tut’s nicht), Lost in China (tut’s nur selten).

 

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Noch eine Woche bis zum „Messias“ mit dem IFC

Advent, das heißt in Peking: Massive Weihnachtsdeko vor und in Einkaufszentren. Schlange stehen für den Weihnachtsmarkt der deutschen Botschaft. Proben für Händels Messias.

Einerseits saßen neulich bei der Probe des International Festival Chorus in unserer Alt-Reihe, nach Nationen: Kanada, Spanien, Deutschland, Australien, Indonesien, Frankreich. Andererseits ist der Chor geprägt von seinem künstlerischen Leiter Nicholas Smith, der vom OBE hinter seinem Namen über den Akzent, das entfernt Stephen-Fry-eske Aussehen und den Humor Britishness ausstrahlt.

Wenn die Frauenstimmen nicht genug Schmackes bei dramatischen Stellen geben: „That was a schoolgirl sound. I want the full, clotted-cream sound.“ Wenn kein Tenor die Frage beantworten kann, was das gerade für ein Intervall mit dem Bass war: „You’re looking at me and thinking, ‚I didn’t even know we had an interval with the basses‘.“ Wenn ein Kompliment zu machen ist: „You were very, very good at auditions, I was surprised.“ Wenn er ein Konzert mit durchgehend ausgezeichneter Intonation gehört hat: „It was perfectly tuned. Revolting, I was deeply upset.“

Das Messiah-Poster, vermutlich inspiriert von „All we, like sheep“ im zweiten Teil des Werks

Es ist, wie man merkt, ein Fest – auch, weil die Probearbeit extrem sorgfältig und fordernd ist. Weiß nicht, wann ich zuletzt so wenige Fragen beantworten konnte, die der Dirigent den Sängern stellt. Die mit dem Intervall – und jetzt nicht in die Noten gucken – kommt oft, oder gerne auch mal: Na, was für einen musikalischen Witz hat Händel hier eingebaut? Erkannt bisher: einen einzigen – schmutzige Dissonanzen bei der Textstelle „He shall purify“.

Und nebenbei lernt man viel über Musik in China. Was an Formularen, Stempeln, Bescheinigungen vom Arbeitgeber (!) nötig ist, ehe sich Sänger zu einem Auftritt zusammenrotten dürfen. Wie man in einem Land für Konzerte wirbt, in dem Facebook und Twitter gesperrt und Handzettelverteilen ein Garant für polizeiliche Aufmerksamkeit ist. Warum es in China besonders wichtig ist, wann immer im Messias-Text „shall be“ vorkommt, ein deutlich hörbares L zu singen. Offenbar hat es da in vergangenen Jahren Raunen und Gekicher im Publikum gegeben. Vier Proben haben wir noch, um das hinzubekommen.

Zum Weiterlesen: „Bittersweet Symphony“.

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Beijing Bikes

Rappelig vor viel zu spät getrunkenem Grüntee – einer der wenigen Gründe, an einem Sonntag um 7 Uhr durch die Hutongs zu schlendern. Zu der Zeit gehört die Gegend hier den Gassigehern und Nachttopf-Rausbringern. Vor den Türen parken die Zwei-, Drei- und Vierräder, mit denen die Pekinger tagsüber unterwegs sind. Mit Pedalen, Elektro- oder Benzinmotor, auf jeden Fall aber mit mehr als nur leichten Gebrauchsspuren und mit allerlei kreativem Gepimpe.

Und jetzt, beim Sichten und Hochladen der Fotos, ist er plötzlich da: der erste Abschiedsschmerz. Drei Wochen vor Abflug, genau so verfrüht wie das vorgezogene Heimweh, an einem schönen Dortmund-Abend, zwei Wochen vor dem Start ins Medienbotschafter-Programm.

Das Heimweh hat sich nach der Ankunft in Peking nicht wieder gemeldet. Das Gefühl von Abschied und der Wunsch, wiederzukommen nach China, war sicher nicht zum letzten Mal da.

 

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Mit Alice in Wonderland

Dieses dumme Gefühl, wenn man eins und eins zusammenzählt und merkt, das hätte schneller gehen können  – das hatte ich gestern in einem Pekinger Vorort. Ich wusste, wie der nie fertig gewordene Freizeitpark dort heißt. Ich kannte den Vornamen meiner Begleiterin. Und trotzdem hat es erst nach einer halben Stunde klick gemacht: Unterwegs in Wonderland, mit Alice!

Wonderland sollte in den Neunzigern mal eine Attraktion werden und sieht heute aus wie Disneyland nach der Apokalyse. Zum Fotografieren, Filmen, Rumstöbern ideal: keine Wächter, keine Absperrungen, keine Warnschilder. Bitte selber abschätzen, ob dieser Stahlträger trägt, ob diese Treppe langsam nach oben führt oder abrupt nach unten.

Unwahrscheinlich, dass an diesen Gebäuden noch was zu retten ist. Aber die Hecken davor sind frisch geschnitten, und zwischen den beiden größten Gebäuden baut jemand Kohl und Salat an. Der Betonmischer steht still, aber an dem Zelt daneben hängen Kleidungstücke zum Trocknen und es steigt Rauch auf.

In der Herbstsonne sieht Wonderland trotz des Verfalls idyllisch aus. Dass es auch bedrohlich wirken kann, zeigt Catherine Hyland in ihrem Video:

Wonderland from catherine Hyland on Vimeo.

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