Einleben in Moskau – sieben Links für Neuankömmlinge

kremlmauer moskau

Moskau ist wie Uni, im September kommen die Neuen. Job, Wohnung, Registrierung, Internet, Handy – es ist ziemlich viel, was man sich hier in den ersten Wochen organisieren muss. Als kleine Hilfestellung für die Neuzugänge aus Deutschland und anderswo hier also eine Ladung Links. Manche, die mir beim Einleben geholfen haben – und manche, von denen ich wünschte, ich hätte sie damals™ schon gekannt.

A Girl and Her Travels: Meine Moskauer Lieblings-Bloggerin Polly ist vor kurzem hier weggezogen. Seitdem hat sie sich aber die Zeit genommen, all ihre Einblicke in das Leben in Moskau nach Themen zu sortieren und zu bündeln. Das Schöne an Pollys Posts ist, dass sie durch ihren Mann und die Schwiegerfamilie viel russischen Alltag erlebt und beschreibt. Besonders empfehlenswert also für Leute, die nicht des Jobs, sondern der Liebe wegen hierher kommen. Hier geht es zur „Moscow Master-List“, und hier zu einem meiner persönlichen Favoriten: „Russia, I love you, but you’re bringing me down.“

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App-Sammlung: Eine Reihe nützliche Russland-Apps habe ich Anfang des Jahres mal zusammengestellt. Zusätzlich muss man seitdem noch Yandex Transport erwähnen, das man inzwischen auch aus dem deutschen App-Store runterladen kann. Die russischsprachige ÖPNV-App zeigt live, wie weit der nächste Bus noch von eurer Haltestelle entfernt ist. Sehr nützlich in einer Stadt, in der die ausgehängten Fahrzeiten eher selten stimmen.

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Einkaufszettel: Gerade am Anfang, wenn man viel um die Ohren hat, fehlt oft die Zeit fürs Vokabellernen. Um trotzdem ein bisschen Übung zu bekommen, bietet sich der Einkauf im Laden oder auf dem Markt an, da geht man schließlich sowieso regelmäßig hin. Jennifer Eremeeva, Bloggerin und Moskauer Expat-Instanz, hat sich darum nützlich gemacht und Einkaufsvokabelzettel zusammengestellt, als PDFs, nach Lebensmittelgruppen. Damit euch sowas hier nicht passiert.

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Moscow Expats: Alles, worüber ihr als Neuankömmlinge euch gerade Gedanken macht, hat sich vorher schon mal jemand anderes gefragt, von „Funktionieren Amazon-Lieferungen nach Moskau“ bis „Wo steht ein Geldautomat, an dem ich mehr als nur 7500 Rubel auf einmal abheben kann?“ In dieser Facebook-Gruppe teilen Moskau-Immis ihre Erfahrungen miteinander, außerdem gibt es Wohnungs-, Sprachkurs- und Flohmarkt-Untergruppen. Wichtige Netikette: Vor dem Posten bitte mit der Suchfunktion schauen, ob eure Frage schon einmal gestellt wurde.

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Moskau-Tipps für Einsteiger: Die Broschüre der Deutschen Gruppe Moskau beantwortet Alltagsfragen von „Wie funktionieren hier öffentliche Verkehrsmittel“ über „Wo finde ich einen Tierarzt“ bis „In welchen Stadtteil ziehe ich am besten.“ Eine echte Fleißarbeit, diese Sammlung an Tipps, und rundum hilfreich. Gerade wird sie aktualisiert,  hier gibt es das aktuelle Heft als PDF.

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Russland letzte Woche: Diese wöchentliche Kollektion an Russland-Meldungen von Pavel Lokshin ist pointiert, komplett subjektiv und gerade darum so unterhaltsam. Halb Newsletter, halb Kolumne, mit aktuellen Links und Pavels Einordnung in die größeren Zusammenhänge. Hier kann man das Ganze abonnieren, um es regelmäßig gemailt zu bekommen.

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Sprachkolumne: Michele Berdy lebt seit Jahrzehnten in Moskau und schreibt eine wöchentliche Kolumne über die russische Sprache – anekdotenreich, anschaulich und meist mit aktuellem Aufhänger. Zuletzt hat sie zum Beispiel über Sanktionen und Gegensanktionen geschrieben. Oder über Warenje, was im Prinzip so eine Art russische Marmelade ist, nur eben mit anderer Konsistenz, anderem Konsumverhalten und anderem, speziellem Geschirr. It’s complicated. Gut, dass Michele das alles aufdröselt.

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Was man von Moskauer Bloggern alles lernen kann

red square diorama

Eigentlich sollte das hier eine schön ausformulierte Blogparade werden, detailliert und einordnend. Das Ergebnis war sehr lang, sehr öde und für Leser mutmaßlich auch nur halb nützlich. Mehr Gerümpeltotale als Schaufenster.

Darum hier stattdessen eine kleine Link-Kollektion, als Anregung zum Weiterstöbern. Ein Klick pro Blog (mit einer Ausnahme, weil die Saga vom Oligarchen einfach zu gut ist), von langem Atmosphärenstück bis zum Kochrezept. Was man so erfahren kann, wenn man Moskauer Blogs liest.

Wie man sich einen Oligarchen angelt (streng dienstlich). ♦ Was der Ukraine-Konflikt mit zwei Schwestern macht. ♦  Woran man merkt, dass man sich an den Alltag hier angepasst hat. ♦  Was sich heute schon über die Zeit nach Putin sagen lässt. ♦ Wie sich der Oligarch und seine Freundin in Sibirien die Zeit vertreiben. ♦  Wie man beim Lebensmittel-Einkauf nie wieder ins Stottern kommt. ♦ Was sich gerade in der Stadt an Kultur tut. ♦ Wie Staatsmedien Ressentiments schüren – und damit nicht alleine sind. ♦ In welch grazilen Posen Sowjet-Mode mal präsentiert wurde. ♦ Was der Oligarch macht, wenn er Hunger auf Lammfleisch hat. ♦ Wie hier die Kulturszene auf Linie gebracht wird. ♦ Was passiert, wenn man am Flughafen mit weißem Pulver in der Manteltasche erwischt wird.Was sich bei einer alltäglichen Metrofahrt alles Bemerkenswertes entdecken lässt. ♦ Wie einige Russen zu ihrem Personal stehen. ♦ Wie schmerzhaft es ist, wenn man versucht, schwarz Metro zu fahren. ♦ Was für Abschiedsfotos entstehen, wenn man dem Oligarchen Adieu sagt. ♦ Wie man mit kleinem Kind in Moskau Wurzeln schlägt. ♦ Was das Beste am russischen Frühstück ist. ♦ Wie die Monate früher in Russland hießen.  ♦ Warum man auch Oligarchen immer zweimal begegnet.

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Von hier an Katzenbloggerin

Katzenblogger

Liebe russische Behörden, nur damit da keine Zweifel aufkommen: Ich bin ja Katzenbloggerin. Echt jetzt.

Das nur als Hinweis, während ihr weiter an der Schraube dreht, um Meinungsäußerung und Meinungsvielfalt im Netz einzuschränken. Wie, kann man hier nachlesen. Aber, da das laut jüngsten Angaben eurer Internet-Aufsichtsbehörde ja Katzenblogger nicht betrifft, nehmt dieses Foto.

(Mehr zum Thema Internet-Zensur in Russland auch bei The Verge, in der Süddeutschen und bei Zeit Online. Danke an Anja für das Foto.)

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Zum Tod von Lisa Lynch

Zum Runterkommen nach der Papst-Spätschicht bei Twitter gestöbert und dann das gefunden: Lisa Lynch ist tot. Gestorben am Montag im Trinity Hospice, nach Jahren, in denen sie über „The Bullshit“ gebloggt hat. Den Krebs, der bei ihr vor einigen Jahren festgestellt wurde – und alles, was das an Therapie, Operationen, Schmerzen, verlorenen Haaren, manchmal auch verlorener Würde nach sich zog.

Falls sie den Humor auch einmal verloren hat, war er jedenfalls immer rechtzeitig zum nächsten Blogpost wieder da. Nicht haha-lustig, sondern knochentrocken, britisch, radikal offen. Alles an Lisa durfte Thema sein – jede Narbe, jeder Arztbesuch, jedes Zum-Klo-müssen-und-vor-lauter-Medikamenten-nicht-können. Körper, Kopf, Herz. Die Kommentare unter ihren Blogposts zeigen, wie sehr das ihre Leser geschätzt haben. Vielen hat es geholfen, mit einer ähnlichen Situation fertig zu werden.

Vor ein paar Jahren hatte ich mal das Vergnügen, Lisa Lynch zu interviewen. Danach gab es Beschwerden, weil manche Leser ihre Formulierungen zu drastisch fanden. Ich war verunsichert, aber Lisa hatte daran einen Heidenspaß und mailte, sie wolle sich die Sache mit der „Brustwarze als i-Tüpfelchen“ auf ein T-Shirt drucken lassen, auf Deutsch klinge das schließlich klasse.

Aus ihrem Blog ist inzwischen ein Buch geworden, „The C-Word“. Was aus den Plänen wird, es zu verfilmen, wird sie nicht mehr erfahren. Lisa Lynch wurde 33 Jahre alt. Ihr letzter Tweet ist von Heiligabend.

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Das schönste Wikipedia-Blog nördlich der Alpen

Dortmund ist ja das beste Beispiel für eine Großstadt am östlichen Rand des Ruhrgebiets. So stand es in einem Buch, das Pflichtlektüre für Dortmunder Journalistik-Studenten war. Hängengeblieben ist der Satz wegen des konstruierten Superlativs, der seltsamen Verortung.

Nach demselben Prinzip funktioniert der Charme eines kleinen Blogs, das es sich zur Aufgabe gemacht hat, Wikipedia zu durchforsten. Immer auf der Suche nach einer Formulierung, die zwar nichts mit Dortmund zu tun hat, aber doch mit einer geografischen Floskel: „Nördlich der Alpen“. Das klingt nach Hannibal und seinen Elefanten, nach der Trapp-Familie, die sich nach der letzten Strophe „Edelweiß“ auf den Weg in die Freiheit macht.

Ein Foto, ein paar Zeilen Text, viel mehr steckt gar nicht drin in so einem Blogpost. Und das Aha, was wir hier nördlich der Alpen doch alles an Unikaten zu bieten haben. Den besterhaltenen römischen Backofen nördlich der Alpen. Den längsten einröhrigen, im Gegenverkehr betriebenen Straßentunnel – nördlich der Alpen. Die früheste Darstellung einer Brille. Nördlich der Alpen.

Gemacht wird das Blog von @colognella, neue Posts erscheinen gleichzeitig auch als Tweets. Seit ich den letzten gesehen habe, frage ich mich, was an einer Nacktdarstellung autonom sein kann:

Man merkt, das ist lehrreich – wie an der Uni: Die größte Population von Mauereidechsen nördlich der Alpen lebt am Hauptbahnhof in Zürich. Die älteste Kamelie nördlich der Alpen blüht in der Nähe von Dresden. Und die älteste jüdische Gemeinde nördlich der Alpen liegt in NRW. Wo genau, das kann man hier nachsehen.

(Dieser Text stand so ähnlich auch als “Netzhaut”-Kolumne in der WAZ-Wochenendbeilage.)

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Frau Freitag könnte noch mal

Vor ein paar Wochen hatte Frau Freitag Zeit zum Telefonieren. Wir haben über Bücher gesprochen, die wie ihres aus einem Blog entstehen – was das für den Autor heißt, den Lektor, den Verlag, die Blog- und die Buchleser.

Bücher und Blogs, Schriftzeichen und Binärcode – hier als Kunstwerk auf dem Campus der Tsinghua-Uni

Frau Freitag ist bloggende Lehrerin, durch ihr erstes Buch bin ich auf das Blog aufmerksam geworden. Und mag, dass sie sich nach Jahren und Jahren als Lehrerin immer noch berufen fühlt, Schülern was beizubringen – gleichzeitig aber eine sehr realistische Einschätzung hat, wie wichtig es ihren Schülern ist, was zu lernen.

Das meiste aus unserem Telefonat ist in diesen Text hier eingeflossen. Übrig blieb ein Schnipsel, der in den Artikel nicht so recht passte, aber für Leute, die gern von Frau Freitag lesen, interessant ist: Ihr zweites Buch ist gerade auf dem Markt, kommt denn da wohl noch ein drittes? Und siehe da: „Meine neue Klasse – die ist so lieb, die geben nichts her“, hat Frau Freitag gesagt. Aber ein drittes Buch, über mehr Privates und weniger Schule, das ginge schon: „Ich hätte noch eins.“

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