Russball, Folge 59: Gibt es ein Fußball-Leben nach der WM?

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So ist das also, einen guten Monat nach Ende der Fußball-Weltmeisterschaft: In Moskau sieht man wieder Bettler auf den Straßen im Zentrum, auf der Nikolskaja Ulitsa trifft man abends keine feiernden Menschen mehr, die WM-Deko ist aus dem Stadtbild verschwunden. Nur in den kleinen Souvenirkiosken in den Unterführungen warten übriggebliebene Maskottchen noch auf ein Zuhause. Neulich habe ich ganz kurz sogar bei Gett, der Taxi-App meines Vertrauens, einen Fahrtpreis angezeigt bekommen, an dem nicht „wegen besonders hoher Nachfrage“ stand. Ich glaube, das habe ich zuletzt irgend wann Anfang Juni gesehen, vor der WM.

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⚽  Wie war das noch zu Beginn der WM? Russland dümpelte irgendwo unten im FIFA-Ranking rum, kein anderes Teilnehmerland war schlechter eingestuft. Und jetzt, nach dem überraschend erfolgreichen Turnier? Ein Sprung nach oben in die Top 50, wo sich nun Russland und Nigeria den 49. Platz teilen. Gleichzeitig ist Deutschland deutlich eingebrochen – Platz 15 statt Platz 1.

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Betriebe man sehr schlichte Statistik und schriebe diese Tendenz so fort (also Russland erneut 21 Plätze rauf und Deutschland erneut 14 Plätze runter), dann stünde schon beim nächsten Update der FIFA-Liste die russische vor der deutschen Fußball-Nationalmannschaft: Platz 28 zu Platz 29. Klar, so einfach ist das nicht mir der Rechnerei hinter dem Ranking. Aber dass die beiden Mannschaften so schnell so nah aneinanderrutschen, hätte vor der WM wohl niemand vorhergesagt.

⚽ Noch eine entscheidene Veränderung nach der WM, auch diesmal geht es um die russische Nationalmannschaft, oder zumindest um einen ihrer Spieler: Fjodor Smolow, der vor dem Turnier als die eine große Hoffnung des Teams galt, dann aber von Mannschaftskameraden wie Artjom Dsjuba in den Schatten gestellt wurde. Smolow jedenfalls spielt nach rund drei Jahren beim FK Krasnodar ab sofort bei Lokomotive Moskau, dem amtierenden Meister.

Wäre es bei der Weltmeisterschaft für ihn besser gelaufen, dann würde er jetzt vielleicht international spielen, vermutet Russian Football News und sagt voraus: Damit wird’s wohl nun nichts mehr, schließlich ist der Mann schon 28. Wer Smolow bei Krasnodar ersetzen könnte, das hat unterdessen Sports.ru aufgeschrieben.

⚽ Besagter Artjom Dsjuba, das soll hier nur kurz erwähnt werden, hat ebenfalls einen neuen Job, allerdings ohne den Verein gewechselt zu haben. Der Mann ist ab sofort Führungskraft, als Stimme bei Yandex Navigator führt er Autofahrer durch den Verkehr,, mit allerlei Anspielungen aus der Fußball-Sprache einschließlich Abpfiff-Jubel beim Erreichen des Ziels. Dsjuba ist als Neuzugang im Navi-Sprechteam in illustrer Gesellschaft: Bisher konnte man sich schon von Darth Vader und von Optimus Prime durch den Verkehr lotsen lassen.

⚽ Was ist der Stoff, aus dem gute virale Inhalte gemacht werden? Die Frage, mit der sich Social-Media-Leute in aller Welt beschäftigen, ist nun endgültig beantwortet, und zwar von einem Fan des FK Rostow. Statt Fahne oder Banner brachte er einen Teppich mit ins Stadion, um seinen Verein beim Spiel gegen Jenissei Krasnojarsk anzufeiern. Erfolgreich, Rostow gewann mit 4:0 und twitterte anschließend ein Foto des Fans samt Jubelteppich. Dazu das Versprechen: „500 Likes, und wir legen so einen Teppich bei uns ins Vereinsheim!“

Die Likes waren schnell zusammen, aktuell sind es bereits über 2000 – der Teppich liegt nun wie versprochen am Ehrenplatz. In einem Interview erzählte Alexej, der Rostow-Fan, dass dies nicht sein erster Ausflug mit dem Teppich war, der normalerweise einfach bei ihm zuhause rumliegt: „Ein paar mal hab ich ihn auch schon mit ans Meer genommen, einfach um da mit ein paar Freunden zu entspannen.“ Rostow hat jetzt noch mal nachgelegt und bietet ab sofort auch ein Fußball-Trikot in Teppichmuster an. Hübsch hässlich – Vorbestellungen gibt es schon ein paar hundert.

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⚽ Wo wir gerade beim Thema Virales sind und der FK Jenissei schon erwähnt wurde: Bei dem hat neulich ein Fußball-Fan seiner Freundin in der Halbzeitpause einen Heiratsantrag gemacht, verkleidet als das Vereinsmaskottchen. Wer’s mag. Wobei mir die Vorstellung gefällt, dass auf deren Kaminsims daheim nun dauerhaft ein Foto steht, er mit Löwenkörper, sie mit diesem Gesichtsausdruck: „Ich kann nicht fassen, dass du das hier gerade vor all den Leuten machst. Aber ich lächle mal, und den Rest klären wir zuhause.“

⚽ Beim Nachrichtensichten für diese Russball-Ausgabe musste ich kurz daran denken, wie das damals vorm Volontariat war. Ich hab in Dortmund studiert, die Voloplätze wurden über das Institut für Journalistik vergeben. Vor der Beginn des Vergabeverfahrens gab es für jeden Jahrgang eine Abstimmung: Wollt ihr einen Sozialfonds gründen – jetzt, wo ihr noch nicht wisst, wer die anständig bezahlten Plätze bekommt und wer die schlecht bezahlten? Ein bisschen interne Umverteilung, bei der die paar Glücklichen mit Tarifgehalt (was de facto hieß: die Volontäre bei der Rheinischen Post) den Kommilitonen mit dem schlechtesten Gehalt (RTL? Ich weiß es nicht mehr genau) ein bisschen was abgeben. Wir haben dafür gestimmt.

An diese Entscheidung fühlte ich mich erinnert, als ich von einer Idee hörte, die unter den Vereinen der russischen Premjer-Liga kursiert. Dort mitzuspielen, das bedeutet lange, teure Reisen zu Auswärtsspielen, oft halbvolle Stadien – und nicht jeder Verein hat das Privileg, einem Staatsunternehmen oder reichen Unternehmer zu gehören. Russlands oberste Liga spielt daher nun mit dem Gedanken, einen „Stabilisierungsfonds“ einzurichten, um Vereinen bei akuten Geldproblemen unter die Arme zu greifen. In Dagestan werden sie diese Idee sicherlich mit Freude hören: Anschi Machatschkala spielt zwar in der Premjer-Liga, der Verein ist aber bei den Spielergehältern aktuell mit rund drei Millionen Euro im Rückstand.

⚽ Das Problem mit den nur halbvollen Stadien ist aktuell übrigens nicht so ausgeprägt wie sonst. Die Fußball-Begeisterung, angefacht durch Russlands unrwartet gutes Abschneiden bei der WM, hält an, viele Vereine verkaufen derzeit deutlich mehr Tickets als sonst. Mehr als 400.000 Zuschauer bei den ersten 15 Liga-Spielen – „ein großer Sieg für den russischen Fußball“, sagt Vizeministerpräsidentin Olga Golodez. Am vierten Spieltag der aktuellen Premjer-Liga-Saison kamen insgesamt 172 407 Zuschauer in die diversen Stadien, das ist laut Russian Football News nur ganz knapp hinter dem ewigen Liga-Rekord:

⚽  „Es ist inakzeptabel, dass Anlagen, die für solch ein großes Sportereignis gebaut wurden, und in die riesige Summen aus dem Haushalt investiert wurden, so schnell verfallen.“ Das sagt nicht irgendwer, sondern Alexander Wassiljew, Duma-Abgeordneter und hochrangiges Mitglied der Putin-Unterstützungsorganisation „Gesamtrussische Volksfront“.

In einer Pressemitteilung zählt sie Beispiele aus Samara, Wolgograd und Nischni Nowgorod auf, wo Teile der WM-Infrastruktur bereits beschädigt sind, Wege unterspült, gepflanzte Sträucher schon wieder verdorrt. Die Volksfront fordert nun von den Behörden vor Ort Erklärungen, wie es dazu kommen konnte – und wird die angesichts ihrer bekanntermaßen guten Kontakte in den Kreml wohl auch bekommen.

⚽ Was auch in diese August-Ausgabe gehört: Das Spiel zwischen Zenit St. Petersburg und Dinamo Minsk in der Europa League. Ich hab lange überlegt, wie ich dieses Spiel hier knackig zusammenfasse – und dann fiel mir auf, dass mein früherer Kollege Henni das netterweise übernommen hat:

Es war das erste Mal, dass ein russischer Fußballclub in einem europäischen Wettbewerb ein 0:4 aus dem Hinspiel wiedergutgemacht hat. Für Sergei Semak sicher ein Highlight seiner noch nicht allzu langen Zeit als Zenit-Trainer. Da wird man schon mal zum Poeten: „Das war ein heldenhaftes Spiel der Mannschaft, erst recht in Unterzahl“ sagte Semak nach dem Sieg. „Sie haben sich selbst in diese Situation gebracht, und sie haben sich selbst da wieder rausgeholt. Da schmeckt der Sieg um so süßer.

⚽ Dass ihr mit eurer Fan-ID bis Jahresende visafrei nach Russland einreisen dürft, haben diejenigen von euch, die im Sommer hier waren, sicher schon mitbekommen. Schließlich fiel die politische Entscheidung dazu schon Ende Juli, seit 3. August ist die Regelung in Kraft. Und weil Besucher Geld ins Land bringen und es für Hotelbetten, Eintrittskarten, Bier und Pelmeni ausgeben, wird die Sache jetzt noch mal beworben, mit einer Mail an alle, die damals zur WM eine Fan-ID beantragt haben. Eine Mail, die mit dem längsten, verschachteltesten Satz beginnt, den ich seit langem gelesen habe:

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Zum Schluss noch ein Abstecher nach Weißrussland, quasi „Weißrussball“: Ihr erinnert euch, dass Diego Maradona als Präsident von Dinamo Brest vorgestellt wurde und da zum Auftakt mal ganz dezent mit einem Fahrzeug vorfuhr, das wohl entsteht, wenn sich ein Jeep und ein Panzer sehr, sehr lieb haben.

Seitdem hat sich Präsident Maradona in Brest nicht mehr blicken lassen. Wann oder ob überhaupt er mal mit der Arbeit beginnt – unklar. Wie Maradona den Fanboy für Weißrusslands autoritären Präsidenten Lukaschenko gibt, und was Dinamo-Fans sagen, wenn man sie auf den neuen Vereinschef anspricht, hat Denis Trubetskoy aufgeschrieben.

Die nächste Russball-Folge gibt es Ende September – bis dann!



 

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So viel Spaß für wenig Geld: 2000 Rubel

Keine WM mehr, das heißt: Endlich Zeit, das zu bloggen, was in den letzten Wochen liegengeblieben ist. Dazu gehört ein 2000-Rubel-Schein, der hier auf dem Schreibtisch lag, damit ich ihn nicht versehentlich ausgebe.

Der 2000er und der 200er sind beide noch recht neu im russischen Banknotensortiment. Ich wusste also, dass sie bunter sind als die anderen, mit leuchtenderen Farben, und dass sie irgendwelche tollen Sicherheitsmerkmale haben. Auf der einen Seite des 2000ers ist das Kosmodrom Wostotschny zu sehen, der Weltraumbahnhof, der mal Baikonur ablösen soll:

2000 rubel augmented reality wostotschny

Die andere Seite zeigt die Russki-Brücke von Wladiwostok:

2000 Rubel augmented reality

Das war mein Kenntnisstand, bis wir mit ein paar Leuten in einem Café saßen und P., meine frühere Sprachtandem-Partnerin, sagte: Jetzt passt mal auf, ich zeig euch was. Handy raus, App geöffnet, Ergebnis: Fünf Menschen machen große Augen. Denn zu den Geldscheinen gibt es eine Augmented-Reality-Version. Also hab ich nachgeschlagen, wie man das Bild auf seinem Handybildschirm mitschneidet, und dann auf der Fensterbank ein kleines Experiment gestartet.

Okay, das ruckelt ein bisschen, wenn ich zu nah dran gehe, aber ansonsten ist das schon sehr schick gemacht: Wie die Planeten da um die Sojus-2-Rakete kreisen, die auf dem Weltraumbahnhof auf ihren Start wartet. Habt ihr die Erde gesehen? Warte, da kommt sie wieder vorbeirotiert!

Dann die Rückseite, das mit den Autos auf der Brücke ist auch ziemlich klasse – auch, wenn beim Rauszoomen irgendwann die Bereiche der Straße ins Blickfeld kommen, wo die animierten Autos plötzlich verschwinden. Unterm Strich aber eine feine Spielerei, und die Zutaten – Geld und Handy – hat man ja meistens dabei. Nächstes Mal bin also ich diejenige, die im Café sagt: Jetzt passt mal auf, ich zeig euch was.

(Mit Dank an Matt fürs Identifizieren der Rakete und an Iuliia für Hilfe beim Video.)

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Troika am Finger: One ring to ride them all

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Dem russischen Winter begegne ich in diesem Jahr mit zweifachem Tuning am eigenen Körper. Zum einen Kontaktlinsen, nach Jahren mal wieder – weil es einfach nervt, wenn du von Mitte November bis Mitte März kein Gebäude betreten kannst, ohne erst mal blind zu sein. Und zum anderen ein neuer Ring. Knatschblau, aus Keramik, glänzend.

Wer ihn gegen das Licht kippt, sieht den Schriftzug: „Troika“, das ist für Moskau, was für London die Oyster Card ist – eine aufladbare Guthabenkarte für Bus und U-Bahn. „Payring“ steht auch noch drauf, das ist der Hersteller mit Sitz in Moskau.

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Direkt nach der Sache mit den beschlagenen Brillengläsern nervt kaum etwas so sehr, wie im Winter am Metro-Eingang zu stehen und den Verkehr aufzuhalten, weil erst wieder Hand-, Hosen- und Jackentasche nach der Troika-Karte durchsucht werden müssen, gerne auch zweimal. Seit die Moskauer Metro vor einigen Wochen verkündet hat, dass es die Troika nun auch als Ring geben soll, hab ich immer mal wieder versucht, einen zu bekommen.

Die Antwort war immer entweder „Haben wir noch nicht“ oder „Haben wir nicht mehr.“ Bis zu dem netten Mann am Souvenirstand in der Metrostation Kiewskaja: „Troika-Ringe? Wir haben nur blaue, und nur Größe 17 oder 21, aber die können sie gerne mal anprobieren.“

2200 Rubel und keine fünf Minuten später gehe ich frisch beringt zur Kasse, um meinen Ring aufzuladen. Dazu muss man ihn erst mal wieder ausziehen und einer milde desinteressierten Kassiererin aushändigen – Aufladen am Automaten kann man den Ring im Gegensatz zur Karte nicht, dazu müsste man ihn in den flachen Kartenschlitz reinquetschen. Aber wenn nicht gerade Rush-Hour ist, kommt man ja auch an der Kasse schnell dran.

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Dann der erste Test: An der Schleuse kurz vor der Rolltreppe, wo man sonst seine Karte hinhält, wedle ich mit dem Ringfinger rum – nichts. Nochmal – nichts. Aber schon beim nächsten Versuch klappt es: Der Trick ist, eine Faust zu machen und die dann, Handrücken nach oben, gerade vor das Kartenlesefeld zu halten. Kein Wackeln, kein Wedeln – die Schleuse schwenkt auf.

Ich fahre an diesem Tag noch ein paar Mal Metro, immer mit dem ganzen Tamtam: hochfahren, rausgehen, wieder reinkommen. Jedes Mal klappt das Bezahlen mit dem Ring problemlos, solange die Handhaltung stimmt. Ein bisschen nervig nur: An den Schleusen vor der Rolltreppe hält man die Karte normalerweise an den Pfosten rechts von sich. Ich trage den Bezahlring aber links, weil rechts schon der Ehering steckt.

Also, jedes Mal den Arm vorm eigenen Körper querhalten zum Durchschleusen – das braucht ein bisschen Training, bis es sich nicht mehr seltsam anfühlt. Andererseits: Jeder Linkshänder macht das mit seiner Troika-Karte schon lange genau so. Kein großes Ding.

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Wichtig auch: In den Eingangshallen der Metro – der Russe sagt „Vestibül“, weil er französische Lehnwörter liebt – hängen gelbe Kästen mit Bildschirm, an die man seine Troika-Karte halten kann, um zu sehen, wie viel Geld noch drauf ist. Hier dauert es zwei, drei Versuche, bis das Gerät meinen Ring erkennt und richtig anzeigt, was er noch an Rubeln auf sich hat. Aber was soll das schon, wenn die Schleuse in der Metro ebenfalls anzeigt, was nach dem Durchgehen noch an Guthaben bleibt?

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Den Bus-Test besteht der Troika-Ring ebenfalls: Hand dahin am Drehkreuz halten, wo man sonst die Karte platziert, und sofort geht das grüne Licht an und das Kreuz lässt sich drehen. Kein Gewarte, kein Hantieren, keine unangenehme Schlange hinter mir.

Bleiben noch auf der persönlichen Testliste: Straßenbahn, Oberleitungsbus, Flughafenschnellzug. Alles Verkehrsmittel, die man mit der Karte bezahlen kann, also auch mit dem Ring bezahlen können soll. Wahrgenommen habe ich ihn ohnehin nur die erste Stunde oder so – ich trage gerne Ringe, also fühlte sich auch die Bezahlvariante nicht wie ein Fremdkörper an. Und wer weiß: Wenn hier in Moskau demnächst richtiger Winter ist, also -25 statt nur -5 Grad, dann probiere ich mal, ob der Ring auch durch Handschuhe hindurch funktioniert.

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Eine handliche kleine Schmiergeld-Preisliste

Wir müssen mal über Korruption reden. Nicht, weil Russland mit diesem Problem auf der Welt alleine da stünde – wer aus dem Rheinland kommt, kennt die Redensart „Mer kennt sich, mer hilft sich“, mit der der Kölsche Klüngel umschrieben wird. Eine Hand wäscht die andere, in Mülheim wie in Moskau. Aber das Ausmaß ist hier dann doch ein anderes. 

Im Korruptionsindex von Transparency International steht Russland auf Platz 131 von 176. Das klingt abstrakt, bedeutet aber konkret: Jeder, den du hier ansprichst, kann eine Geschichte erzählen zum Thema Filz, Bestechung, Schmiergeld. Eine Geschichte von „Lässt sich das vielleicht auch anders lösen?“ und von „Na, dann sagen Sie doch mal, was Sie sich so vorstellen.“ Eine Geschichte von „Das geht auch einfacher, aber das kostet dann.“

Gut, erzählen kann jeder. Darum habe ich in der folgenden Liste nur die Fälle verbloggt, die meine unmittelbaren Freunde, Bekannte, Kollegen erlebt haben. Kein Hörensagen, kein „der Kollege eines Schwagers“. Nur ein paar Anekdoten aus dem unmittelbaren Umfeld, gesammelt in allerlei Gesprächen. Anonymisiert, zwangsläufig. Aber vielleicht ja trotzdem ganz interessant, was die verschiedenen Preisklassen und die Abwicklung angeht. Oder wüsstet ihr, wie das funktioniert, wenn man einen Streifenpolizisten bestechen will?

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Problem: Du möchtest beim Moskauer Marathon starten. Dazu braucht man ein Gesundheitszeugnis, aber es ist schon Samstag und der Lauf ist am Sonntag.

Du suchst bei Spravka.ru eine Adresse in deiner Nähe raus, gehst in einen Hinterhof, eine Treppe herab in einen Keller. Dort sitzt eine Frau im weißen Kittel. Sie fragt dich, ob du gesund bist. Wenn du das bestätigst, stellt sie dir ein Gesundheitszeugnis aus. Untersuchung: keine. Preis: 400 Rubel (5,70 Euro).

Problem: Ein Jahr später, wieder Marathon. Du hast aber keinen Bock, für das Gesundheitszeugnis so viel Aufwand zu betreiben wie letztes Mal. Geht das nicht auch ohne Aus-dem-Haus-Gehen?

Klar. Für 700 Rubel (10 Euro) kommt jemand vorbei und bringt dir ein ausgefülltes, abgestempeltes Gesundheitszeugnis. (Für ein paar hundert Rubel mehr gibt es übrigens auch die Blanko-Variante, auf der du den Namen selber eintragen kannst. Falls mal ein Freund zu Besuch kommt und mitlaufen möchte.)

Problem: Auf deinem Weg zur Arbeit ist eine Baustelle, die Fahrbahn ist deshalb dort im Moment schmaler als sonst. Nun haben dich zwei Polizisten rausgewunken, die gesehen haben wollen, dass du mit einem Rad über die Fahrbahnmarkierung drüber warst. Sie wollen deinen Führerschein behalten.

Du hast gerade nicht so viel Bargeld dabei? Kein Problem, die beiden vertrauen dir. „Kennst du dich hier in der Gegend aus?“ – „Ja, ich fahr hier jeden Tag lang.“ – „Na, dann weißt du ja auch, wo ein Geldautomat ist.“ Den Führerschein halten sie so lange fest, bis du wieder da bist, mit 5000 Rubel (72 Euro) für jeden. Jetzt schön nebeneinander im Auto sitzen und das Geld auf Schoßhöhe rüberreichen, damit die Transaktion von außen nicht zu sehen ist. Fertig, gute Fahrt noch. 

Problem: Du möchtest als Freiberuflerin von zuhause aus arbeiten – legal, also musst du ein Gewerbe anmelden. Das geht aber nicht von einer Privatadresse.

Du suchst dir jemand, der eine Bürofläche hat. Für 3000 Rubel (43 Euro) pro Monat bestätigt er dir schriftlich, dass du in seinem Büro einen Schreibtisch hast und von da aus deinem Gewerbe nachgehst.

Problem: Es ist vier Uhr morgens, ihr wart feiern und seid alle ziemlich angezählt. Vermutlich solltest du dich nicht mehr ans Lenkrad setzen, stattdessen kommst du auf die Idee: Einfach ganz langsam fahren, dann kann ja nichts passieren. Klar, dass das der Polizei auffällt. Sie winkt dich raus, lässt dich pusten, und du bist über dem Erlaubten. Dabei brauchst du dein Auto doch jeden Tag beruflich!

Für eines bist du dann doch noch klar genug im Kopf: Um zu merken, dass die Polizisten nichts dagegen hätten, das hier auf dem kleinen Dienstweg zu regeln. Der eine weist dich auch sofort an, wieder einzusteigen und zum nächsten Geldautomaten zu fahren. Alkoholtest oder nicht, du sitzt wieder am Lenkrad, aber dafür hast du ja jetzt eine Polizei-Eskorte, die hinter dir herfährt. Über 100.000 Rubel (1435 Euro) sind es am Ende, die du abhebst und den beiden übergibst. Viel Geld – aber ein Jahr ohne Führerschein, das hätte dich den Job gekostet.

Problem: Du möchtest heiraten, hast aber unterschätzt, wie viel Vorlauf es braucht, einen Standesamttermin in Moskau zu bekommen.

Wer schwanger ist, bekommt auch kurzfristig noch einen Termin. Also: Umhören, welcher Arzt einem auch unbefruchtet bescheinigt, dass man schwanger ist, ihm 900 Rubel (13 Euro) für eine Bescheinigung geben und sie beim Standesamt vorlegen. Leider fehlt dann ein entscheidender Stempel – wie ärgerlich, denn für die gefälschte Bescheinigung gibt’s kein Geld zurück. Aber bei einem anderen Arzt und für 1200 Rubel (17 Euro) bekommst du schließlich das richtige Attest für die falsche Schwangerschaft. Jetzt wird geheiratet!

Problem: Du bist eigentlich noch nicht alt genug, um Bier trinken zu dürfen. Nun hat eine Polizeistreife einen Freund und dich dabei erwischt, wie ihr auf einem Spielplatz sitzt und genau das tut. Alkoholkonsum im öffentlichen Raum, ihr seid unter 18 – die beiden drohen mit 1000 Rubel Bußgeld, vor allem aber wollen sie eure Eltern informieren.

„Lässt sich das nicht vielleicht auch anders lösen?“ Die beiden Streifenpolizisten zeigen sich durchaus zugänglich für die Idee, die 1000 Rubel (14 Euro) selber einzustecken, statt sie als Bußgeld zu verbuchen. Dein Kumpel hat auch 1000 Rubel dabei, aber noch keine Erfahrung im Bestechen und versucht deshalb, dem einen Mann das Geld direkt in die Hand zu drücken. Großes Hallo, was machen Sie denn da? Der Polizist erklärt: Fallen lassen auf den Boden muss man den Schein. Kurz darauf bückt sich einer der beiden Beamten – ach schau, ein Fundstück. Sowas. Immerhin: Eure Eltern erfahren nichts.

Problem: Deine Zeit in Moskau geht vorbei, du ziehst zurück nach Deutschland und dein Kater soll mit. Doof nur: Haustiere brauchen zur Ausreise allerlei Papiere. Und die bekommt nur, wer in diese eine Klinik weit draußen im Süden von Moskau fährt, dort eine Wartenummer zieht, wartet, das Tier vorzeigt, wieder wartet…. Und du hast mit der Umzugsplanung gerade echt genug um die Ohren.

Gut, dass du dich schon vor einiger Zeit nach einem Tierarzt erkundigt hast, der solche Probleme löst. Damals sollte der Kater kastriert werden – das hat der Arzt dann bei euch auf dem Küchentisch gemacht, nachdem er den mit Mülltüten abgeklebt hatte. Kostenpunkt: 5000 Rubel (72 Euro). Die Bescheinigung bringt der Arzt jetzt sogar für deutlich weniger vorbei: 3000 Rubel (43 Euro), und schon hast du alle nötigen Papiere in der Hand, damit aus dem Haustier ein Reisetier werden kann. 

Problem: Noch eine Auslandsreise, diesmal geht es um Mensch, nicht Tier. Der Urlaub ist gebucht, in ein paar Tagen geht es los – nur der Reisepass ist nicht mehr zu finden. Als russischer Staatsangehöriger weißt du: ein neuer Pass, das dauert einen Monat, außerdem hast du gar nicht die nötigen Unterlagen zur Hand. Und jetzt? Kein Urlaub?

Ein bisschen Recherche im Internet und es findet sich eine Frau, die behauptet, solche Probleme lösen zu können. Ein Anruf, eine Absprache, zur vereinbarten Zeit gehst du zur zuständigen Behörde. Dort nimmt dich deine Kontaktperson in Empfang, unter ihrer Betreuung darfst du an den diversen Warteschlangen stets vorbei zu den Schaltern. Formular hier, Stempel dort, fertig. Dann überweist du deiner Möglichmacherin 30.000 Rubel (430 Euro), quasi als inoffizielle Expressgebühr. Fünf Tage später ist der fertige Pass da.

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Putin der Woche (XXXIII)

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Gesehen: In meinem Spam-Ordner. Endlich ist es so weit, dass der „Putin der Woche“ zu mir kommt, statt dass ich nach ihm die Augen offen halten muss. Russifizierung erfolgreich abgeschlossen!

Begleitung: Ein Bär und die Initialen von Wladimir Wladimirowitsch Putin. Das Werbevideo (siehe unten) zeigt außerdem: In der Geldbörse stecken stapelweise 5000-Rubel-Scheine

Text: „Putin-Wallet. Porte­mon­naie-Sonderausgabe mit männlichem Charakter.“ Weiter unten im langen, langen Begleittext findet sich auch noch der wichtige Hinweis, dass „dieses Accessoire es vermag, die Aufmerksamkeit des schönen Geschlechts auf sich zu ziehen.“

Subtext: Nichts sagt „Kaufkraft“ wie ein Porte­mon­naie mit dem Bildnis des Mannes, unter dem sich der Rubel so tippitoppi entwickelt hat. Von wegen „einem nackten Mann in die Tasche greifen“ – Putin ist schließlich nur halbnackt, und in seiner Tasche stecken lauter große Scheine. Müssen sie ja auch, wegen der Inflation.

Oben-Ohne-Punkte: 10/10

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Von 800 Rubeln und 19 Prozent

Rubelmünzen 
Wenn Börsenanleger auf fallende Rubelkurse wetten, ist das Spekulation. Tun es Journalisten, fällt das unter Recherche, oder sagen wir mal: kollegiales Kräftemessen in Sachen ökonomisches Urteilsvermögen. Ein Kampf des Intellekts und des Pragmatismus. Eine Fingerübung in Russlandkunde, geboren aus Weltanschauung, Bauchgefühl und tiefgehendem Hintergrundwissen.

Okay, es war Fatalismus.

In anderen Redaktionen gibt es Wahlwetten – wie viel Prozent für wen, wie viele Sitze, welche Gewinne und Verluste. Oder komplexe Fußball-Tippspiele, einschließlich vom Hausboten eingesammeltem Geld. Bei uns, die wir alle in Rubel bezahlt werden, waren die Regeln schlichter: am 30. Oktober raten, wo am 30. November der Rubel im Vergleich zum Dollar steht – und dann warten.

Heute kam die Auflösung per Rundmail, und mit ihr die Erkenntnis: Auch, wer nur zum Wirtschaftsteil greift, um in der Bahn die Füße auf den Sitz gegenüber legen zu können, hat Chancen. Siegesjubel dank der Strategie, den Kursverfall der letzten Oktobertage einfach linear fortzuschreiben! Her mit dem 800-Rubel-Jackpot!

Unter den zwei Letztplatzierten befindet sich mindestens eine Führungskraft, ein echter Russlandexperte. Dass die Schadenfreude trotzdem nicht so richtig aufkommen will, liegt vielleicht an dem Nachsatz des Kollegen, der das Prognose-Spiel angeleiert hat. In seiner Mail schreibt er: „Der Preis von 800 Rubeln ist jetzt 19 Prozent weniger wert als beim Einsammeln am 30. Oktober.“

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Pou, das Häufchen fürs Handy

Da ist ein Häufchen auf meinem Handy. Ich habe dafür 1,79 Euro bezahlt. Nach einer Party, wie das halt so ist.

Familienfeier, ringsum Schwippschwiegercousinen und -cousins im Schüler- und Studentenalter. Sie haben Häufchen auf dem Handy und erzählen, was da alles geht: mit dem Häufchen spielen, damit es fröhlich ist. Es schlafen schicken, wenn es müde ist. Ihm Kleidung kaufen und die Wohnung tapezieren. Es füttern, bis das Häufchen ein Häufchenchen macht. Wie ein Tamagotchi (Ältere werden sich erinnern), nur halt bunter, und nicht ei-, sondern häufchenförmig. In braun.

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Dass das Wesen – laut App-Beschreibung ein Alien – auch noch „Pou“ heißt zeigt allen, die Englisch sprechen, das Humorniveau der App-Entwickler: Seht, wir haben ihn endlich gefunden – den Weg, aus Scheiße Geld zu machen.

Denn die 1,79 habe nicht nur ich bezahlt. Kollege und Chef verweisen bei Pou-Fragen an ihre jeweiligen Töchter. Fragen im Freundeskreis ergeben: Nicht nur Nichten und Neffen sind Experten in der Häufchenpflege. Auch Erwachsene melden sich, ihr Häufchen sei seinerseits schon fast volljährig. Und falls sie alle ihrem Pou mal was gönnen wollen, gibt es ja In-App-Käufe. Zaubertränke zum Beispiel, für schnell ausgegebene Kleckerbeträge wie 89 Cent. Es läppert sich.

Eine Kollegin, die anonym bleiben möchte, gesteht dann noch: Sie müsse dringend mal wieder nach dem Häufchen schauen. Lange her, dass sie es gefüttert hat: „Aber die sterben ja nicht.“

(Dieser Text ist so ähnlich auch in der Wochenendbeilage der WAZ erschienen. Möglicherweise so gar einschließlich der Formulierung „aus Scheiße Geld machen“.)

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