Putin der Woche (XLVIII)

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Gesehen: Auf der Crowdfunding-Seite von Wjatscheslaw Nesterow. Der Künstler plant einen Kalender namens „Putin für jeden Tag“, der bis zum Jahr 2120 gelten soll – wenn auch nur mit einem Eintrag pro Jahr.

Begleitung: Ein Dinosaurier im Handtaschenformat. Wobei mir das Bild, wo Putin mit einem Ameisenbär Gassi geht, fast noch besser gefällt.

Text: Ein Eintrag pro Jahr, ein Blick in die russische Zukunft – das klingt dann zum Beispiel so: „2016: Das Problem mit der Korruption ist gelöst. Sie ist nun legal und steuerpflichtig.“ – „2030: Die russische Fußball-Nationalmannschaft gewinnt den Hauptpreis im Sportlotto.“ – „2033: Die Ägäis wird in Nicht-gay-is umbenannt“.

Noch Fragen? Die beantwortet der Künstler selbst: „Keine dieser Illustrationen hat einen politischen Kontext. Wenn Sie hier einen entdecken, dann sind das nur Ihre eigenen Gedanken, aber nicht die Gedanken von Wjatscheslaw Nesterow, der hat keine Gedanken.“

Subtext: Im März wird Putin mal wieder wiedergewählt – richten wir uns also besser darauf ein, dass das noch lange so bleibt.

Oben-Ohne-Punkte: 0/10

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Russball, Folge 21: Was ihr bei der Fußball-WM um den Hals hängen habt

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Diese Russball-Folge muss am Anfang kurz mal Dänball sein. Wir waren eine wunderbare Woche lang auf Fanø, vier Große, zwei Kleine – oder anders gesagt, zwei Schalker und vier mehr oder weniger langjährige BVB-Fans. Was tut man nicht alles, um dem Patenkind und seinem Bruder vorzuleben, dass es noch andere Optionen gibt: „Stimmt, das ist cool, dass da jemand einen Drachen steigen lässt, der aussieht wie die BVB-Biene. Aber hast du dir mal den restlichen Himmel angeguckt? Alles blau und weiß!“

Auf der Insel gibt es auch eine Schule, flankiert von einer Bücherei, allerlei Kletter- und Hüpfmöglichkeiten und einer Sportanlage. Nicht nur für Schüler, sondern offen für alle. Beeindruckt hat mich dort der Aushang am Fußballfeld, der vor allem im Herbst und Winter nützlich ist: Schicke eine SMS an diese Nummer, und die Beleuchtung wird für eine Stunde eingeschaltet.

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Sehr einfach, sehr schlau – jetzt wüsste ich nur noch gerne, ob das automatisiert ist oder am anderen Ende ein Mensch sitzt, der einen Lichtschalter drücken muss. So oder so: Falls ihr Fußball spielenden Kindern eine Stunde Strom organisieren oder einfach als Kunstprojekt mitten in der Nacht einen dänischen Bolzplatz beleuchten wollt: Die Ländervorwahl ist +45, der Rest steht auf dem Zettel.

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⚽ Sports Illustrated hat einen Auszug aus dem Buch „Under the Lights and In the Dark: Untold Stories of Women’s Soccer“ veröffentlicht. Es geht um die junge amerikanische Fußballerin Danielle Foxhoven, die 2012 für Energija Woronesch gespielt hat – eine gruselige Erfahrung. Kurzentschlossen hatte sie dem Club zugesagt, nachdem ihr Job bei einem US-Verein weggebrochen war. Der Artikel beginnt mit einer krassen Szene, in der ihr russischer Trainer sie ins Gesicht schlägt, weil sie sich auf den kalten Boden gesetzt hat. Es folgen Sexismus, Beschimpfungen, als Vitamine getarntes Doping.

Man kann das kaum lesen, ohne sich zu fragen, wie leidensfähig man als Profisportlerin eigentlich sein muss – und wie naiv man sein kann: Tabletten einfach schlucken, unerklärte Spritzen einfach akzeptieren. Wer über den Buchauszug hinaus weiterlesen will: Danielle Foxhoven hat über ihre Zeit in Russland gebloggt. Hier etwa über den traurigen Entschluss, mit dem Russischlernen aufzuhören: Sonst, so die Logik, würde sie noch mehr von den Seitenhieben ihrer Mitspielerinnen verstehen.

⚽ Dass Moskaus renoviertes Luschniki-Stadion mit einem Freundschaftsspiel gegen Argentinien wiedereröffnet werden soll, ist ja schon ein paar Tage bekannt. Neu sind aber die Infos, die RBK zu den Kosten für dieses Spiel recherchiert hat. Demnach zahlt Russland rund eine Million Dollar, damit die Argentinier dem Eröffnungsspiel den nötigen fußballerischen Glanz verleihen.

Bemerkenswert sind an dem RBK-Bericht zwei Details. Zum einen zitiert er einen Experten mit den Worten, Argentinien verlange normalerweise eher zwei Millionen pro Spiel. Der Russland-Rabatt entstehe dadurch, dass aktuell „alle Nationalmannschaften froh darüber sind, im Land der nächsten Weltmeisterschaft zu trainieren.“ Derselbe Experte veranschlagt dann auch noch schnell, welcher Anteil der Millionensumme dafür fällig wird, dass Lionel Messi mit anreist: zwischen 35 und 50 Prozent. So fühlt es sich also an, argentinischer Nationalspieler, aber nicht Messi zu sein: Schau mal, der da drüben ist genau so viel wert wie wir restlichen alle zusammen.

⚽ Neuer Tabellenführer in der Premjer Liga: Lokomotive Moskau hat den bisherigen Spitzenreiter Zenit St. Petersburg sowas von geschlagen – 3:0, und das auswärts. Zwei der Tore hat Jefferson Farfán geschossen, das dritte für Alexei Mirantschuk vorbereitet, das sah dann so aus:

Was heißt das nun für die restliche Saison? Einerseits ist der Verlust der Tabellenspitze noch keine Krise. Zenit war im vergangenen Jahrzehnt viermal russischer Meister, Lokomotives letzte Meisterschaft war 2004. Andererseits, das fasst der Chefredakteur von Russian Football News hier gut zusammen, haben die Moskauer eine deutlich leichtere Rückrunde vor sich. Bei Lokomotive jedenfalls ist der Jubel groß – schließlich bedeutet der Spitzenplatz auch, dass man vor den drei Lokalrivalen ZSKA, Spartak und Dynamo liegt.

⚽ Noch 225 Tage bis zur Fußball-WM, dazu machen hier gerade zwei Zahlen die Runde. Zum einen werden die Kosten für das Turnier höher liegen als bisher geplant: 678 Milliarden Rubel statt 643,5 Milliarden – umgerechnet ist das ein Anstieg von rund 500 Millionen Euro. Warum? Die offizielle Verlautbarung nennt keine Gründe. Aber solche Preissteigerungen sind bei Großereignissen nicht unüblich – und in Russland, wir erinnern uns an den Stadionbau in St. Petersburg, erst recht nicht.

Auch Zahl Nummer zwei liegt höher als bisher erwartet, das dürfte allerdings die meisten WM-Teilnehmer freuen. Die FIFA erhöht das Preisgeld, um das die Mannschaften bei der Weltmeisterschaft konkurrieren. 344 Millionen Euro oder, schön rund, 400 Millionen Dollar sind nun im Topf. Wer schon in der Gruppenphase ausscheidet, nimmt 8 Millionen mit heim, dem Weltmeister winken 38 Millionen. Alle Stufen dazwischen hier zum Nachlesen.

⚽ Falls ihr zur Weltmeisterschaft nach Russland kommen wollt, werdet ihr übrigens das hier um den Hals hängen haben – das neue Design wurde gerade vorgestellt:

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Die Fan-ID ist, wie schon beim Confed-Cup diesen Sommer, der Ausweis, ohne den nichts geht. Nur wer ihn vorzeigen kann, darf ins Stadion – die Eintrittskarte allein reicht da nicht. Auch wer ohne Visum einreisen oder einfach nur kostenlos mit der Metro zum Stadion fahren will, braucht die Fan-ID.

Was mich übrigens interessieren würde: Warum ist die ID das einzige, was zwar zur WM gehört, aber nicht im WM-Design gestaltet ist? Dieses Planschbecken-Stadion, aus dem da der Ball raushüpft, hat nichts mit dem Look des Turniers zu tun. Nicht mal die Schrifttype stimmt, das müsste Duscha (Душа) sein. Beim Confed-Cup war das auch schon so – was es nicht leichter macht, wenn man versucht, den Ort zu finden, wo man seinen Ausweis abholt.

⚽ Maslow, Maslow, warum kommt mir der Name noch mal bekannt vor? Ach ja, die Bedürfnispyramide, damals im SoWi-Unterricht. Erfunden hat sie Abraham Maslow, dessen Namensvetter Denis heute Geschäftsführer beim FK Amkar Perm ist. Und es wäre mir ein akutes Bedürfnis, dass der Mann seine schwulenfeindlichen Statements künftig für sich behält – oder ihm zumindest ordentlich Kritik entgegenschlägt, wenn er sowas hier sagt:

„Schwule im russischen Fußball? Gottseidank bin ich noch keinem begegnet und ich hoffe, das bleibt auch so. (…) In der Bibel steht, dass Gott Adam und Eva schuf, nicht Adam und Adam.“ Bei den Spieler von Perm sei er sich jedenfalls sicher, dass alle „eine traditionelle Orientierung“ haben, behauptet Maslow weiter: „Alle Jungs sind entweder verheiratet oder leben mit ihrer Freundin.“ (Was, die leben unverheiratet zusammen? Was sagt denn da die Bibel?)

Lenta.ru protokolliert Maslows Äußerungen und weist zur darauf hin, dass es in Europa durchaus offen schwule Männer im Fußball gibt: Thomas Hitzlsperger als Profifußballer, den Briten Ryan Atkin als Schiedsrichter. Und ich frage mich, ob man da unten auf die Fan-ID vielleicht nicht nur „Say no to racism“ drucken könnte, sondern auch „Say no to homophobia“. Oder, ganz schlicht, „Don’t be an idiot.“

⚽ Zum Runterkommen eine kleine Nachricht von der Rheinland-Russland-Schiene. Normalerweise ist Konstantin Rausch ja immer der FC-Köln-Spieler, der auch zur russischen Nationalmannschaft gehört. Heute also mal andersrum: Der russische Nationalspieler Konstantin Rausch hat seinen Vertrag beim 1. FC Köln verlängert und bleibt nun bis 2021. Soundtrack zur Entscheidung: Wat och passeet, dat Eine es doch klor: Mer blieven, wo mer sin, schon all die lange Johr.

⚽ Begonnen hat diese Russball-Ausgabe mit einer leidensfähigen Fußballerin, enden soll sie also mit zwei nicht minder unerschütterlichen Nachwuchsmannschaften. Am Samstag sollten die Jugendteams des FK Amkar Perm und des FK Ural gegeneinander antreten – in Perm, also fast schon im asiatischen Teil Russlands. Anfangs war das auch ein ganz normales Spiel. Bis zur 35. Minute.

Nein, das ist kein Nebel. Das ist Schnee.

Viel Schnee.

Verdammt viel Schnee.

Wie sagt man noch mal „Abbrechen wegen Unbespielbarkeit“ auf Russisch? Keine Ahnung, und auch egal. Die 90 Minuten wurden ganz normal runtergespielt, nur der schwarzweiße Ball gegen einen bunten ausgetauscht. Am Ende stand es 5:1 für die Gastgeber; die dann vor lauter Glück noch eine endlose Fotostrecke des Schneematches veröffentlicht haben.

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Während ihr das hier gelesen habt, bin ich auf dem Weg nach Tiflis – das Team von Coda Story, zu dem ich als Social Media Editor gehöre, trifft sich dort zur Redaktionsklausur. Mal sehen, vielleicht erzählt ja jemand am Rande eine interessante Geschichte vom georgischen Fußball. Die lest ihr dann nächsten Mittwoch hier – bis dahin, macht’s gut!



 

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Russball, Folge 14: ein Anti-Fußball-Rant und Vereine bei YouTube

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Zum Auftakt in die neue Russball-Woche was Buntes: Die WM-Vorfreude-Briefmarken der Russischen Post sind durch die Bank schön gestaltet und teilweise sogar richtig clever. Weil ich mit den einzelnen Motiven nicht diesen kompletten Blogpost füllen wollte (und eventuell auch die einzige bin, die sich für das nischige Nischenthema Fußballbriefmarken interessiert), habe ich anderswo drüber geschrieben: Russische Briefmarken zur Fußball-WM: vier Stadien und ein Riesenpokal. Kleiner Anreiz: Ein besonders schönes Exemplar werde ich verschenken. Meldet euch einfach!

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⚽ „Lokomotive steht auf dem zweiten Platz, wie kann das sein?“ Nein, bei Sports.ru haben sie kein Problem damit, pointierte Überschriften zu formulieren. „Jetzt, wo ZSKA ohne Transfers auskommen muss und Spartak nach der Meisterschaftssaison erst wieder zu sich kommt, ist nur Lokomotive (19 Punkte) ernsthaft an Zenit (20 Punkte) dran.“

Es folgt eine lange Liste an Gründen: Das frisch renovierte Stadion lockt viele Lokomotive-Fans an, die Transferpolitik ist vielversprechend, der Trainer hat vielleicht nicht unbedingt die eigene Vereinsführung, aber doch die Fans hinter sich. Außerdem, so Sports.ru, seien hier ja nun immerhin „Die wichtigsten Brüder des russischen Fußballs“ unter Vertrag, Alexei und Anton Mirantschuk. Letzterer bringt Lokomotive derzeit allerdings nicht viel: Im Moment ist er ausgeliehen an den FC Levadia Tallinn.

⚽ Eine Überschrift nach demselben Muster, aber zu einem anderen Thema trägt Bombardir.ru zu dieser Russball-Folge bei: „Pesjakow ist der beste russische Torwart der Saison. Wie kam es dazu?“ Sergeij Pesjakow, das muss man kurz erklären, steht im Tor des FK Rostow, aktuell Fünfter der Tabelle. Seinen Erfolg verdankt er laut Bombardir nicht nur seinem guten Reaktionsvermögen, sondern auch Rostows starker Abwehr, die dem Gegner kaum Chancen zu Torschüssen lässt.

Das Ganze ist um so interessanter, als es sich um denselben Pesjakow handelt, den Anschi Machatschkala mal ausgeliehen und dann, mangels Erfolg, vor Ende des vereinbarten Zeitraums, wieder zurückgegeben hat – autsch! Um denselben Pesjakow auch, aus dessen Patzern und Pannen noch letztes Jahr dieses Video hier gebastelt wurde:

⚽ Am meisten geärgert habe ich mich diese Woche über die Luzerner Zeitung, eh ich gemerkt habe, dass ich mich eher über die Sport-Nachrichtenagentur SID ärgern muss. Es ist nämlich so, dass die FIFA in den vergangenen Wochen für Agenturjournalisten eine Rundreise durch alle russischen WM-Gastgeberstädte veranstaltet hat. Das Ergebnis ist, jedenfalls bei SID, ein umfangreicher Text, in dem Kritikpunkte durch eine hohe Dichte an begeisterten Bürgern, gut zitierbaren Offiziellen, Investitionsstatistiken und umfassend dargestellten FIFA-Positionen weggekuschelt werden.

Wer nicht weiß, dass die beiden Autoren ihre Eindrücke als Gäste der FIFA gesammelt haben, mit FIFA-Betreuung und von der FIFA organisierten O-Ton-Gebern – wem dieses Körnchen Salz fehlt, der bekommt ein durchweg positives Bild von der russischen WM im kommenden Jahr. Man hätte mal mit einem einem russischen Umweltschützer, einem russischen Menschenrechtler, einem russischen Korruptionsexperten sprechen können, aber die gehörten wohl nicht zum angebotenen Programm. Kritikpunkte werden also alle abstrakt und in indirekter Rede abgehandelt, Lob und Zuversicht dürfen dagegen echte Menschen mit echten Namen und echt griffigen Sätzen verbreiten.

Dass die Luzerner Zeitung dann auch noch die (selbst von diesem sehr wohlwollenden Text nicht gedeckte) Überschrift „Russland ist für die WM bereit“ drüberdengelt… hört ihr das? Ja, das ist der Locher eines Mitarbeiters der FIFA-Pressestelle, der den Artikel gerade für sein Jahresabschlussgespräch mit dem Chef abgeheftet hat. Ein schöner Erfolg! (Wer den Einstiegssatz „Jekaterinburg feiert schon“ googelt, bekommt übrigens genau vier Links, die für sich sprechen: zwei Auftritte der russischen Botschaft, ein „Business-Portal“ in Jekaterinburg, und eben die Luzerner Zeitung.)

⚽ Mit derselben FIFA-Tour waren auch einige Fotografen in Jekaterinburg. Sports.ru hat aus ihren Aufnahmen ein kleines Stadtporträt gebastelt, das viele Seiten des östlichsten WM-Austragungsortes zeigt. Mit dabei: Lenin, tanzende Kinder, sowjetische Oldtimer, ein Hund in pinken Schuhen – und, wenn man runterscrollt, auch einige Bildern vom noch nicht ganz fertigen Stadion. Und was textet die Redaktion dazu bei Twitter? „Nicht schlecht, könnte aber noch besser sein.“

⚽ „Überall weihnachtet es, auch in Langenfeld.“ Mit diesem schönen Einstiegssatz hat mir im Volontariat mal ein Kollege erklärt, wie man Geschichten aufs Lokale „runterbricht“. Westline tut das auch, weshalb es in „Warum der VfL Bochum Geld von der FIFA erhalten könnte“ zwar um Bochum geht, aber genau so gut um Dortmund oder München gehen könnte.

Interessant ist der Kern der Geschichte: Für die WM 2018 hat die FIFA die sogenannte Abstellungsgebühr erhöht – also das Geld, das ein Verein bekommt, wenn einer seiner Spieler wegen des WM-Einsatzes nicht mittrainieren kann. Hardcore-Fußballfans mögen das schon gewusst haben, für mich war es neu und interessant, wie „Unsere Spieler fahren 2018 nach Russland“ durchaus ein lukratives Geschäftsmodell sein kann.

⚽ Welcher russische Fußballverein hat den besten YouTube-Auftritt? Die meisten Abonnenten jedenfalls hat, na? Genau. Natürlich Zenit, denn dort sitzen die bereits in der vergangenen Russball-Folge erwähnten Social-Media-Talente. „Rasdewalka“, Umkleide, heißt dort ein Format, das beworben wird als „Die einzige Nachrichten-Show, die Ihnen nicht die Laune verdirbt.“ Dazu gehören dann Spielchen wie dieses, bei dem Passanten Wörter wie Skopje („eine Waffe“) oder Trondheim („irgendwas aus der skandinavischen Mythologie, das hat mit Thor zu tun“) erklären sollen:

Ganz lustig ist auch das Videoblog auf dem YouTube-Auftritt von ZSKA Moskau, inoffizielles Motto: Jetzt haben wir schon den Selfie-Stick angeschafft, nun soll er sich auch rentieren. Hier mal ein Trollgesicht eingebaut, dort eine Filmszene dazwischengeschnitten – doch doch, kann man so machen. Andere Videos, wie dieses hier von Rubin Kasan, haben eher den Charme von „Klassenpflegschaftsvorsitzender der Jahrgangsstufe 9 filmt den Ausflug ins Kernwasserwunderland“. Den kompletten Überblick über alle YouTube-Kanäle russische Fußballvereine gibt es hier.

⚽ Das hier klingt auf den ersten Blick wie eine bunte Meldung, entpuppt sich dann aber als deutlich mehr: ESPN FC berichtet über die Idee eines früheren Boxers, parallel zur Fußball-WM ein Boxturnier zu veranstalten, um „die Aggression runter von der Straße in den Boxring zu holen.“ Ob die Zahl randalierender Hooligans wirklich sinkt, wenn sie sich bei einem Boxkampf abreagieren können? Bisher jedenfalls ist das Turnier nicht viel mehr als ein Plan.

ESPN erwähnt zwar, dass die Idee ursprünglich vom russischen Duma-Abgeordneten Igor Lebedew kommt. Was fehlt, ist, dass dieser Lebedew ein gewaltverherrlichender Populist ist, der nach den Attacken russischer Hooligans in Marseille twitterte: „Ich kann nichts Falsches an kämpfenden Fans sehen. Im Gegenteil: Gut gemacht, Jungs. Weiter so!“ Solche Statements sind gewissermaßen Familientradition: Lebedews Vater ist Wladimir Schirinowski, zu dessen Hetzparolen auch schon mal Aufforderungen gehören, seine Mitarbeiter sollten doch bitte eine missliebige Journalistin vergewaltigen.

Noch nicht düster genug? Dann schauen wir mal auf den Boxer, der in dem Artikel für sein Projekt werben darf. Wladimir Nosow ist Mitglied von Sorok Sorokow, und nein, das ist kein „Social Orthodox movement“, sondern ein „Orthodox social movement“: millitante Gläubige, die sich zum Beispiel mit Gewalt gegen Schwule zu profilieren versuchen. Russisch-orthodoxe Möchtegern-Taliban. Mehr zu Wladimir Nosow, dieser Szene, und wie sie von der Kirchenspitze toleriert wird, kann man hier und hier nachlesen.

⚽ Alexander Tichonow hat über Jahrzehnte hinweg den Biathlon dominiert und bei Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen reihenweise Goldmedaillen erkämpft. Heute ist er Sportfunktionär und, wenn ich diesen Blogpost von ihm recht verstehe, nebenbei damit beschäftigt, sicherzustellen, dass ihm so bald keine Stelle im diplomatischen Dienst angeboten wird. Will sagen: Tichonow zieht in dem Post mal so richtig ab.

Was ihn ärgert, ist, wie viele Subventionen in Russland in den Fußball gesteckt werden, und wie wenige Erfolge es dennoch gibt. „Fußball bekommt Mittel, die ausreichen würden, um den ganzen Rest des russischen Sports zu fördern“, ist Tichonow überzeugt. „Und diese Faulenzer (gemeint ist die Fußball-Nationalmannschaft) haben es in 25 Jahren nur einmal über die Gruppenphase hinaus geschafft.“

Biathlon, das sei mehr als ein Sport, er bereite Männer und Frauen auch darauf vor, ihr Land zu verteidigen, schimpft Tochonow weiter, aber nein, überall würden immer weiter Fußballplätze gebaut, demnächst, wenn man nur Mutko dorthin schicke, sicher auch am Nordpol. Es ist ein Fußballhasser-Rant der Extraklasse, und ich kann nur dazu raten, ihn sich selber durchzulesen, und sei es mit Google Translate. Für maximalen Unterhaltungswert am besten vorher noch dieses Foto vom Tichonow mit all seinen Medaillen ansehen. Bling!

⚽  Und jetzt noch ein Text, der hier nicht hingehört. Es geht nicht so recht um Russland, und um Fußball geht es überhaupt nicht. Aber diese Reportage aus einer entlegenen Region Alaskas, wo russischstämmige „Altgläubige“ leben, ist einfach zu gut, um ihn nicht zu verlinken. Fußball ist in dieser traditionellen Gesellschaft was für Mädchen. Unterdessen hat das Football-Team Probleme, genug Spieler für eine Mannschaft zusammenzubekommen: „Keeping a high school football team together is tough, between a Russian Orthodox sect leery of the outside world and the chores of life in an isolated village.“

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Das war’s auch schon wieder, ein Russball mit ziemlich viel Weltmeisterschafts-Content. Wer darob für sich zu dem Schluss gekommen ist, dass er dieses Turnier miterleben will: Morgen* gehen laut einer frisch eingetrudelten FIFA-Meldung die ersten Tickets in den Verkauf. Vielleicht können wir ja nächste Woche schon drüber reden, wie das so klappt. Bis dann!

(*Das kommt davon, wenn man nach Mitternacht noch bloggt: In einer früheren Fassung dieses Blogposts stand, die Karten gebe es schon heute. Sorry!)



 

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Russball, Folge 9: Springt eine Hummel mit dem Fallschirm ab

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Probleme, die man als Bloggerin nicht hat: „Nun haben wir schon einen Spezialbereich auf unserer Website, jetzt soll er auch immer schön frisch aussehen“. Aber gut, das hat sich die Nachrichtenagentur TASS mit ihrem Schwerpunkt zur Fußball-WM nun selber eingebrockt. Sowas will, auch bei mauer Nachrichtenlage, gefüllt sein. In größtmöglicher Detailtreue und kleinstmöglicher Relevanz wird deshalb also nun dort der Fortschritt bei den WM-Vorbereitungen dokumentiert.

So erfahren wir, dass in Kasan möglicherweise riesige Blumensträuße den Weg zum Stadion flankieren sollen, eingewickelt in Flaggen der Teilnehmerländer. Dass in Kaliningrad ein 25 Meter hoher Strommast gebaut wird, der aussehen soll wie WM-Maskottchen Sabiwaka. Und wem das alles noch zu interessant ist, der findet diese Meldung: Bei der Rasen-Aussaat im Stadion von Rostow wurden sechs verschiedene Sorten Grassamen verwendet. Sechs! Verschiedene! Sorten! So viel besser als fünf, und sieben wäre ja nun auch wirklich übertrieben.

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⚽ Kleines Update zur Meldung aus der vergangenen Woche, wonach Russland während der WM spezielle Ausnüchterungszentren für betrunkene Fußballfans einrichten will: Das hat offenbar bei dem ein oder anderen für Unruhe gesorgt, weil die sogenannten Wytreswiteli in der Sowjetunion nicht den besten Ruf hatten.

Vize-Ministerpräsident Witali Mutko muss also den Erklärbär geben: „Sie werden als Ausnüchterungseinrichtungen bezeichnet, dabei sind sie dazu da, menschenwürdige Bedingungen herzustellen,“ beteuert er. Wer zu viel getrunken habe, brauche nun mal einen Ort, um seinen Rausch auszuschlafen.

⚽ Rostow war in der Premjer-Liga bei Anschi Machatschkala zu Gast und mit dem, was man da im Stadion vorfand, erkennbar unzufrieden. „Die Anschi-Arena ist bereit für das Spiel, aber der Platz…“ twitterte der offizielle Rostow-Account und fügte noch ein besorgtes Emoji hinzu. In der Tat: Im Grün des Spielfeld sieht man zahlreiche fußgroße, braune Löcher, das Ergebnis ist eher ein Acker als ein Erstligaplatz. Von der Heimmannschaft gab es keine Twitter-Reaktion, offenbar war man mit Wundenlecken ausgelastet: Trotz ramponierten Rasens gewann Rostow auswärts mit 1:0.

https://twitter.com/rostovfc/status/893486363139424256

⚽ Aiden McGeady ist Fußballprofi aus Schottland, von 2010 bis 2014 hat er für Spartak Moskau gespielt. In einem Interview hat er nun erzählt, wie nach mehreren Niederlagen in Folge die Vereinsführung völlig selbstverständlich einen Termin arrangierte, bei dem Spartaks oberste Ultras der Mannschaft die Meinung sagen bzw. brüllen durften.

„Einer von den Ultras hat zu (einem brasilianischen Spieler) gesagt, wenn ich dich noch einmal nach einer Niederlage in einem Nachtclub sehe, dann schlag ich dir die Fresse ein,“ erzählt McGeady. Nicht die einzige surreale Szene des Termins, der in seiner Gänze hier nachzulesen ist. „Und dann haben sie den Raum verlassen, und als sie rausgingen, hatten sie alle Waffen hinten in ihren Jeans stecken.“ (Und der Spartak-Sprecher so: Kann ich weder bestätigen noch dementieren, was fragt ihr mich als nächstes, nach irgendwas aus dem Jahr 1967?)

⚽ Jede Nationalmannschaft hat ja so ihre eigenen Erfolgsrezepte, die russische wird Anfang September in einem Testspiel mal die pragmatische Methode probieren: Willst du gewinnen, dann suche dir einen Gegner, bei dem das auch realistisch ist. In diesem Fall ist das Dynamo Moskau, zur aktuellen Saison frisch in Russlands oberste Liga aufgestiegen und dort derzeit, wenn man wohlwollend sein will, so gerade noch im Mittelfeld platziert. (Übrigens gibt es dazu eine interessante Parallele im englischen Profifußball, die allerdings schon ein paar Jahre her ist.)

⚽ Nützlich, was die Berner Zeitung da veröffentlicht hat: ein kleines Vereinsporträt von ZSKA Moskau, reduziert aufs Wesentliche. Ein bisschen Statistik zu den Liga-Erfolgen der jüngsten Zeit, ein Überblick der bekannten, oder besser: der halbwegs bekannten Spieler.

Die Berner formulieren das mit nicht allzu viel Takt so: „Auch im Sturm sind keine renommierten Fussballer zu finden.“ Das lässt, aus Schweizer Perspektive, hoffen. Denn wenn die Young Boys Bern in der Champions League weiterkommen wollen, müssen sich am 15. und am 23. August gegen ZSKA behaupten.

⚽ Russland hat gerade den Tag des Fallschirmjägers begangen – das ist hier eine große Sache, mit ganz eigenem Ritual. Männer in blau-weiß geringelten Leibchen betrinken sich, planschen in den Springbrunnen der Stadt und prügeln vor lauter Enthemmung auch schon mal auf Journalisten ein.

Im Vergleich dazu hatte, wer auch immer beim FK Ural aus Jekaterinburg im Kostüm des Maskottchens steckt, einen fast schon entspannten Tag. Okay, er oder sie musste zu Ehren der Fallschirmjäger selber aus einem Flugzeug springen, aber immerhin mit Hochkulturkomponente: Die Spieler des FK Ural werden angesichts der orange-schwarzen Vereinsfarben auch шмели genannt, also die Hummeln. Für das Video des fliegenden Hummelmaskottchens konnte es also nur eine musikalische Untermalung geben, natürlich von Nikolai Rimski-Korsakow:

⚽ Da wollte sich jemand an Wladimir Putin ranwanzen, ist damit aber auf die Nase gefallen. Der jemand, immerhin Bürgermeister der sibirischen Stadt Tscheremchowo, hatte wohl im Handbuch autoritärer Führungsfiguren nachgelesen, dass diese sich gerne als Macher präsentieren, die alle wichtigen Entscheidungen selber treffen. (Wir erinnern uns an die urbane Legende, wonach Stalin höchstselbst die Moskauer Metro-Ringlinie erfunden hat.) Aber: Keine Regel ohne Ausnahme.

Besagter Bürgermeister sagte also vor Publikum, er rechne damit, dass die russische Fußball-Nationalmannschaft sich bei der WM nur dann ernsthaft Mühe geben werde, wenn Putin selbst sie trainiert. Was der, geschmeichelt oder nicht, sofort von sich wies. Ranwanzen gescheitert. Aber wenn Russland dann – so ganz ohne jemals von Putin trainiert worden zu sein – bei der WM im eigenen Land wie beim Confed Cup in der Gruppenphase ausscheidet, will es wieder keiner gewesen sein.

⚽ 11 Freunde nimmt den Fall Yohan Mollo als Anlass einer Bestandsaufname: Wenn russische Fans einzelne Spieler rassistisch oder schwulenfeindlich beschimpfen, wie reagieren dann die Vereine? Und was, wenn dem Spieler der Kragen platzt und er den Stinkefinger zeigt? (Mollo selbst sagt, er habe einen Freund auf der Tribüne gemeint, nicht die Fans.) Was bleibt, ist ein Klima, in dem der Fokus auf dem Verhalten des angegriffenen Spielers liegt – nicht auf den Fans und ihren Pöbeleien.

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Zum Schluss noch ein kleiner Hinweis, damit ihr euch emotional wappnen könnt: Bei der nächsten Russball-Folge wird hier alles ein bisschen anders sein, aus Gründen. Aber das seht ihr ja dann. Eine schöne Woche noch!



 

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Moskau

Moskau, Moskau. Das ARD-Hörfunkstudio dort bekommt 2014 einen neuen Korrespondenten. Und ich geh mit.

Nach ein paar Probeläufen, bei denen die Kollegen vor Ort es uns leicht und die Abende lang gemacht haben, sind wir zu dem Schluss gekommen: kann man machen. Also bereiten wir uns vor auf den Umzug in ein Land, das auch mehr als zwanzig Jahre nach Ende der Sowjetunion im Umbruch ist. Ein Land voller Kultur und Traditionen, das 2014 die Olympischen Winterspiele ausrichtet. Ein Land, zu dessen Staatschef „lupenreiner Demokrat“ und „Oben-ohne-Fotos“ die einfachen, aber nicht die wichtigsten Assoziationen sind. Ein Land, in dem NGOs drangsaliert und Schwule und Lesben diskriminiert werden. So ein Land kann gar nicht genug Journalisten haben.

Was auch bedeutet: Ich bin hiermit wieder auf dem Markt. Nach fast sechs Jahren im kleinen, feinen Online-Team bei DerWesten, drei Chefredakteuren, deutlich mehr Geschäftsführern. Einer Zeit, in der die Grenzen zwischen Kollegen und Freunden vielfach auf das Erfreulichste verschwommen sind. Und in der ich einiges gelernt habe über Innovation, über Einfach-mal-Ausprobieren und mindestens genau so viel über Beharrungskräfte. Der Chef kann sich vorstellen, mich im Anschluss an Moskau zurückzunehmen. Ich kann mir vorstellen, im Anschluss an Moskau zurückzukommen. Bis dahin bin ich freigestellt und kann ab Februar in Russland für jemand anderen arbeiten, sofern es nicht die unmittelbare Konkurrenz ist. Was in Moskau eher unwahrscheinlich sein dürfte.

Vielleicht heißt das zum Start auch erst mal: ein paar Monate die alten Russischkenntnisse auffrischen (wann sagt man noch mal год/года und wann лет?) und neue darauf aufbauen. Ankommen, organisieren, Wurzeln schlagen. Nur auf Dauer ist „mitreisende Partnerin“, glaube ich, kein Vollzeitjob.  Im Moment weiß ich nicht mal, ob es wieder Onlinejournalismus sein soll, ob überhaupt Journalismus, oder etwas ganz anderes. Es wird sich finden, und wenn ihr Moskau-Verbindungen habt, freu ich mich über Tipps und Links.

Russland ist ein schönes Land. Werft die Gläser an die Wand.

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