Sängerleben zwischen zwei Kalendern

kscheib Christ-Erlöser-Kathedrale Fenster

Kurz nach Weihnachten einen Blogpost über Weihnachten lesen, wer will das schon? Aber da müsst ihr jetzt durch. Ist ja nicht so, als gäbe es gerade viel anderes zu tun in diesen Tagen zwischen den Jahren. Und außerdem wisst ihr danach dann endlich mal, was Weihnachten mit einer Bevölkerungsgruppe macht, über deren seltsames Leben viel zu selten einer spricht: mit den Sängern.

Wir sind die, die im August, spätestens im September das erste Mal mit Weihnachten konfrontiert werden. Je nachdem, in was für einem Chor wir sind, gibt es zur besten Biergartenzeit die erste Runde „Oh, du fröhliche“, die ersten Takte Weihnachtsoratorium, die ersten Diskussionen darüber, ob wir nun deutsches Latein (kürie, in exzelsis) oder italienisches Latein (kirie, in extschelsis) singen.

Kommt ihr dann irgendwann im Advent zum ersten unserer Weihnachtskonzerte, sind wir bereits in voller Festtagsendspurtstimmung. Kommt ihr zum zweiten Konzert, sind wir das ganze „Jauchzet, frohlocket“ schon ein wenig leid und fragen uns, ob es das wirklich wert war, dafür den Abend im Biergarten zu verpassen.

Absurd genug? Es geht noch seltsamer, nämlich (nur mal so als Beispiel) als deutsche Sängerin in (nur mal so zum Beispiel) einem russischen Chor, denn da kommen dann ja auch noch zwei verschiedene Kirchen und ihre jeweiligen Kalender ins Spiel. Und das geht dann so:

12. Dezember: Erstes Weihnachtskonzert mit dem Moscow International Choir. Händels Messias sitzt. Das Publikum geht so sehr mit, dass wir das Halleluja zweimal singen müssen. In der zweiten Hälfte Weihnachtslieder. Jingle Bells. Applaus, rote Wangen, Verbeugungen. Hast du die Mail vom Chor der Christ-Erlöser-Kathedrale gesehen? Ob wir bei deren Weihnachtskonzert als Verstärkung mitsingen wollen. Hmm.

15. Dezember: Zweites Konzert. Der Messias dauert heute 15 Minuten länger, weil in der ersten Reihe ein kleiner Junge sitzt und so begeistert ist, dass er nach jedem Stück applaudiert. Manchmal auch während der Stücke. Und alle fallen ein und klatschen mit, jedes Mal. Heute darum weniger Zugaben. Aber Jingle Bells. Muss ja.

18. Dezember: Kein kleiner Anklatscher, also sind wir zügig durch mit dem Messias, auch die zweite Hälfte geht schnell. Jingle bells, jingle bells. Oh Gott, hast du auch so Rückenschmerzen? Immer dieses Gestehe, gut, dass das jetzt vorbei ist. Andererseits: Wann singt man schon mal in Moskaus wichtigster Kathedrale? Ach komm, lass uns denen doch ruhig aushelfen.

24. Dezember: Heiligabend und es interessiert exakt niemanden. Die Russen nicht, weil ihr Weihnachten im Januar ist – und die Sache mit dem Baum und den Geschenken ja an Silvester stattfindet. Die Briten, Amerikaner, Australier nicht, weil heute ja nur so eine Art Vorglüh- und Anreisetag ist. Immerhin: Mitternachtsmesse in der englischen Kirche. „Stille Nacht kann gerne jeder in seiner eigene Sprache singen,“ sagt der Pfarrer.

25. Dezember: Ein normaler Arbeitstag, während bei Facebook die Freunde außerhalb von Russland ihre Weihnachtsgrüße posten. Abends dann die erste Probe in der Christ-Erlöser-Kirche. Die Hälfte des Repertoires ist aus unklaren Gründen auf Ukrainisch. Für „Stille Nacht“, lerne ich, gibt es zwei russische Textvarianten: „Stille Nacht, heilige Nacht“ oder „Die Nacht ist still, die Nacht ist heilig“. Wir singen die zweite Version, in der leeren Kirche, wo nur auf unserer Chorempore Licht brennt und auch dort nicht viel. Die Probe ist gut besucht, von den russischen Sängern hat keiner heute Wichtigeres vor. Für mich fühlt sich das Musikmachen unter bemalter Kuppel im Halbdunkel trotzdem weihnachtlich an.

26. Dezember: Zum Start in den Tag eine Stunde Russischunterricht, wir gehen die Liedtexte durch – Mond, Krippe, Hafer, zu Fleisch werden. Lautes Vorlesen und Korrigieren. Bis zum Konzert würde ich mir gerne noch den Lieblingsfehler beim Wiegenlied „Schlaf, Jesus, schlaf“ abtrainieren: Wenn ich mich nicht sehr konzentriere, singe ich statt „ja tam w raju“ (ich bin dort im Paradies) derzeit immer „ja tramwaju“ (ich straßenbahne).

27. Dezember und der erste Proben-Tag, an dem wirklich für keinen der Beteiligten Weihnachten ist. Nicht mehr. Noch nicht. Stattdessen singen wir: ein schwedisches Lied mit russischem Text. Ein italienisches Lied mit russischem Text. Ein englisches Lied mit russischem Text. Dann noch schnell die Kleidungsfrage und die Chance, sich der eigenen Russifizierung zu vergewissern: „Kannst du bitte mal in der Kiste mit den Halstüchern gucken,“ schreibe ich nach Hause. „Zuunterst ist ein weißes in einer Plastiktüte, hat das Glitzer?“ Es hat. Kostüm steht. Und ich nutze noch schnell eine Gelegenheit: Tagsüber drängeln sich in der Kathedrale Touristen und es herrscht Fotografierverbot. Jetzt sind nur wir hier…

28. Dezember: Letzte Textänderungen – weil wirklich keiner singen will, dass Maria ihren Sohn in den Armen hält, „während Josef Tee kocht“. Überhaupt, Josef. Dass der auf Russisch drei Silben hat (I-o-sef), damit konnte ja niemand rechnen. Also noch mal neu gucken, wie sich der Text da auf die Noten verteilt. Ansonsten sind heute nur wenige Leute zur Probe gekommen – Silvester naht, da müssen die Neujahrsgeschenke verpackt, das Neujahrsessen gekocht und der Neujahrsbaum geschmückt werden. „Morgen noch eine kurze Probe, dann reicht es erst mal,“ sagt der Dirigent.

Was dann kommt: Erst Neujahr. Dann das Weihnachtskonzert, am 7. Januar. Und schließlich, weil das alles ja noch nicht verwirrend genug ist, steht am 14. Januar im russischen Kalender „Altes Neujahr“.

Da gibt’s dann aber kein Konzert.

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Der Chorworkshop mit Voces8 in acht Highlights

Milton Abbey Summer School Scores

Kein Ausschlafen, Essen in der Kantine, jeden Tag stundenlange Probenarbeit, abends Konzerte und wenn man gerade ins Bett gefallen ist, weckt einen der Feueralarm. Man muss schon eine besondere Sorte Musik-Nerd sein, um so seinen Urlaub zu verbringen.

Wir sind 150, und jeder einzelne ist froh, einen Platz ergattert zu haben. Denn die Dozenten bei diesem Chorworkshop in der südenglischen Pampa sind Voces8. Wenn man sich als Sänger von jemandem etwas abgucken möchte, dann sind die acht schon keine so ganz schlechte Wahl. (Hier singen sie das ohnehin ziemlich großartige „Ubi Caritas“ von Ola Gjeilo.)

Sportler fahren ins Trainingslager. Wir sind hier, in Milton Abbey, einer Schule im historischen Gebäude. Die Highlights der Woche, natürlich in acht Punkten:

1. Das Einsingen

Das mag komisch klingen, aber ja, die Einsingübungen waren für mich tatsächlich einer der Höhepunkte. Wahrscheinlich, weil der Kontrast so groß ist zum Chor hier in Moskau, wo die Devise „im Zweifel forte und marcato“ gilt und das Aufwärmen chronisch zu kurz kommt.

Die halbe Stunde Wachwerden jeden Morgen – Körper, Atmung, Stimme – war gerade deshalb eine super Sache. Erst recht, weil jeder von den acht Sängern/Dozenten seine eigenen Methoden mitgebracht hatte.

Gähnen, Hecheln, Explosivlaute, Tonfolgen, das kennt man ja. Luftgitarre spielen (und hinterher zerdreschen) war mir dagegen neu – genau wie das allmorgendliche Gefühl, dass eine halbe Stunde mehr Schlaf der Auge-Hand-Koordination vielleicht ganz gut getan hätte. („Try not to hit yourself in the face“, siehe Video, bringt es ganz gut auf den Punkt.)

So sorgfältig betreut hat die Stimme dann auch tatsächlich sechs Tage Proben, drei Konzerte, zwei Gottesdienste und allerlei abendliches Spontangesinge gut überstanden.

2. Das Zuhören

Töne angeben? Ach komm, ihr seid doch schon groß, der Grundton reicht. So in etwa war die Haltung, egal, mit wem von Voces8 wir gerade gearbeitet haben. Fiel mir am Anfang schwer, weil es lange keiner mehr eingefordert hatte. Noch ein Grund also, sich zu konzentrieren. Und ein Erfolgserlebnis, je verlässlicher es nach und nach wieder klappte.

3. Der Ort

Schon sehr englisch, unser Zuhause für eine Woche – die Architektur, der perfekte Rasen, die zermatschten Erbsen beim Mittagessen, die Unterbringung in den verschiedenen Schulgebäuden („In welchem Haus bist Du denn?“ – „Slytherin.“).

Milton Abbey

In einem Aufenthaltsraum hängt noch die Liste, welches Haus im letzten Schuljahr die meisten Punkte gesammelt hat. Ein junger Tenor sieht aus wie Neville Longbottom. Und wie heißt der Gastmusiker, der mit uns am zweiten Tag etwas einstudiert? Alexander L’Estrange. Keine weiteren Fragen.

4.  Das Repertoire

Jedes Land hat ja für jedes Niveau so seine typischen Chorwerke, und irgendwann hat man die meisten mal gesungen oder zumindest gehört. Die Woche in Dorset war also auch eine Chance, viele neue Stücke kennenzulernen: Fyre, Fyre! von Thomas Morley (Schmackes!), Stephen Paulus‘ Pilgrim’s Hymn (Mystik!), My spirit sang all day von Gerald Finzi (Taktwechsel! Noch einer! Schon wieder!) – und das war nur die Kammermusik.

Außerdem gelernt: Shantys und Lieder aus der Tudorzeit lassen sich problemlos mischen. Henry VIII hat mehr komponiert als nur Greensleeves. Und so eine kleine Mozartmesse kann man im Notfall auch ganz gut vom Blatt singen.

5. Die Atmosphäre

Dass die Leiter eines Workshops bei den Proben und Konzerten ansprechbar sind, ist klar. Wie viel man aber auch sonst mit einigen von Voces8 zu tun hatte – in der Essensschlange, an der Bar, zwischen Tür und Angel – das war schon sehr sympathisch.

Manche waren sogar mit Eltern/Partner/Nachwuchs angereist, und auch sonst war die Atmosphäre durchweg familiär: Gäste wie Alexander L’Estrange und seine Band oder Paul Phoenix kamen also nicht nur zu ihren Proben und Konzerten, sondern blieben länger und gaben ihrerseits Feedback und Tipps („Wenn ihr ‚Falalalala‘ singt, denkt dran: Das haben die damals so getextet, weil sie nicht offen sagen konnten ‚Oh, Baby, ich mag, was Du da gerade tust‘.“). Wahrscheinlich hat es auch denen in der Milton-Abbey-Idylle gefallen.

6. Die Kammermusikgruppen

Endlich mal wieder ein Madrigal singen, und dann auch noch in so einer madrigaligen Atmosphäre: liebliches Südengland, Sommer (jaja, englischer Sommer – Unterhemden, Longsleeves und eine Wärmflasche für nachts, so packt der Profi). Geprobt im Ballsaal mit sehenswerter Decke, aufgeführt in einer Abteikirche, wie man das halt so tut.

 

Milton Abbey Ballroom Ceiling

Alles, was im großen Ensemble unter „passt schon irgendwie“ fällt, hat uns unser Chorleiter hier nicht durchgehen lassen (danke, Chris!).  Schön, mal wieder so konzentriert und in kleiner Besetzung an ein paar Stücken zu arbeiten.

7. Der Französisch-Fail

Kein Gemeinschaftserlebnis, sondern ein komplett persönliches: Wie sehr der Versuch, sich mit den französischen Teilnehmern zu unterhalten, gescheitert ist. Zuhören, verstehen, kein Problem. Aber antworten? J’habite à Moscou, i je rabote chez une gasyetta. Gelächter auf beiden Seiten.

Jedenfalls habe ich beschlossen, das als Erfolgserlebnis zu deuten. Weil die ganzen gepaukten Vokabeln offenbar im Hirn inzwischen gut Wurzeln geschlagen haben.

8. Die anderen Sänger

Was das für eine vielfältige, internationale Gruppe war, fiel vor allem an den Abenden auf, wo alle aufgerufen waren, eine Kleinigkeit aufzuführen – „your party piece“. Hätte ich doch nur mehr Videos gemacht! Von der wahrscheinlich ältesten Kursteilnehmerin, sicher gut in den Siebzigern, als Eliza Doolittle mit „Wouldn’t it be loverly“.

Von den drei Jungs, alle noch diesseits des Bartwuchses, mit Gitarre, Ukulele und einem selbstgebastelten Mash-up aus zwei Pop-Nummern.  Von allem, was da stimmlich zwischen Opernhaus und Fankurve so abging. Und von Händels Halleluja-Chor, kurz vor Mitternacht, ohne Noten, aber mit Vehemenz. Alle zusammen.

 

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Bach, Orff, Händel

Ein musikalischer Monat, dieser Februar. Donnerstags und manchmal auch am Wochenende: Proben mit dem Sinfonischen Chor für die Johannespassion am Karfreitag. Ein Brocken von einem Werk, gefühlt ist jede zweite Nummer ein Chorstück. Und immer wieder dasselbe: Ah, das Motiv kenn ich. Das kann ich doch schon, hier, pass auf… Mist. Hat er’s wieder variiert.

Dann, seit Dienstag, noch bis Freitag: Jeden Abend Carmina Burana mit dem Philharmonischen Chor Bochum und den BoSys. Verstärker heißt das, wenn für große Werke Externe hinzugeholt werden. Und weil die Carmina Wucht braucht und wir das Stück 2012 gemacht haben (einschließlich Flashmöbbchen), sind einige von uns jetzt solche Verstärker.

Geleitet wird das Konzert am Freitag von Michael Bojesen, der nicht nur ein paar frickelige Einsingübungen mitgebracht hat, sondern auch Stücke wie dieses „Nirvana“ schreibt, das hier aus irgendwelchen Gründen beim Yoga inszeniert wurde:

Freitag Abend also Carmina-Aufführung im Bochumer Audimax, und am Tag drauf: Leiden. Seit 25 Jahren treffen sich da Sänger zu einem Scratch-Festival. Also: Stück selbständig einstudieren, Noten mitbringen. Morgens treffen, den ganzen Tag proben und abends dann ein Konzert. Was an Perfektion fehlt, wird mit Adrenalin wieder ausgeglichen.

Der Messias sitzt noch vom Dezember; Proben auf Holländisch hat Charme. Letztes Mal mussten wir uns auf „Boterbloemen plukken“ und „Binnenbanden plakken“ einsingen, „Butterblumen pflücken“ und „Fahrradschläuche flicken“. Und der Ort für das Scratch-Festival ist grandios: die Pieterskerk, um die sich damals die Pilgerväter gesammelt haben, ehe sie in die USA aufbrachen.

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Noch eine Woche bis zum „Messias“ mit dem IFC

Advent, das heißt in Peking: Massive Weihnachtsdeko vor und in Einkaufszentren. Schlange stehen für den Weihnachtsmarkt der deutschen Botschaft. Proben für Händels Messias.

Einerseits saßen neulich bei der Probe des International Festival Chorus in unserer Alt-Reihe, nach Nationen: Kanada, Spanien, Deutschland, Australien, Indonesien, Frankreich. Andererseits ist der Chor geprägt von seinem künstlerischen Leiter Nicholas Smith, der vom OBE hinter seinem Namen über den Akzent, das entfernt Stephen-Fry-eske Aussehen und den Humor Britishness ausstrahlt.

Wenn die Frauenstimmen nicht genug Schmackes bei dramatischen Stellen geben: „That was a schoolgirl sound. I want the full, clotted-cream sound.“ Wenn kein Tenor die Frage beantworten kann, was das gerade für ein Intervall mit dem Bass war: „You’re looking at me and thinking, ‚I didn’t even know we had an interval with the basses‘.“ Wenn ein Kompliment zu machen ist: „You were very, very good at auditions, I was surprised.“ Wenn er ein Konzert mit durchgehend ausgezeichneter Intonation gehört hat: „It was perfectly tuned. Revolting, I was deeply upset.“

Das Messiah-Poster, vermutlich inspiriert von „All we, like sheep“ im zweiten Teil des Werks

Es ist, wie man merkt, ein Fest – auch, weil die Probearbeit extrem sorgfältig und fordernd ist. Weiß nicht, wann ich zuletzt so wenige Fragen beantworten konnte, die der Dirigent den Sängern stellt. Die mit dem Intervall – und jetzt nicht in die Noten gucken – kommt oft, oder gerne auch mal: Na, was für einen musikalischen Witz hat Händel hier eingebaut? Erkannt bisher: einen einzigen – schmutzige Dissonanzen bei der Textstelle „He shall purify“.

Und nebenbei lernt man viel über Musik in China. Was an Formularen, Stempeln, Bescheinigungen vom Arbeitgeber (!) nötig ist, ehe sich Sänger zu einem Auftritt zusammenrotten dürfen. Wie man in einem Land für Konzerte wirbt, in dem Facebook und Twitter gesperrt und Handzettelverteilen ein Garant für polizeiliche Aufmerksamkeit ist. Warum es in China besonders wichtig ist, wann immer im Messias-Text „shall be“ vorkommt, ein deutlich hörbares L zu singen. Offenbar hat es da in vergangenen Jahren Raunen und Gekicher im Publikum gegeben. Vier Proben haben wir noch, um das hinzubekommen.

Zum Weiterlesen: „Bittersweet Symphony“.

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