Wie die russische Bürokratie uns bis nach Deutschland verfolgte

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Was nach Russland geblieben ist: Über manche Dinge schreibt man lieber erst, wenn sie vorbei sind. Sicherheitshalber, damit man nicht irgendwen verärgert und doch noch was schief geht. So ist das auch mit diesem Blogpost, der aus Vorsichtsgründen erst heute erscheint. denn ich hatte Angst vor einer kulturellen Institution in Moskau: dem Bolschoi mit seinen Kassenfrauen.

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Zum Abschied von Russland gehört auch der Abschied von T., der besten aller Russischlehrerinnen. Neben vielen schönen Vokabeln und einer 70-prozentigen Trefferquote bei der Entscheidung zwischen vollendeter und unvollendeter Verbform verdanke ich ihr auch unzählige Ideen, was man in Moskau so unternehmen kann. Kaum eine Ausstellung, in der sie nicht war, kaum ein Orchester, das sie nicht schon einmal gehört hatte, kaum ein Theaterstück, zu dem sie nicht mehr zu erzählen wusste. Zum Abschied sollte sie also eine Karte für eine Operninszenierung am Bolschoi bekommen, die Markus und ich gesehen und gemocht hatten: Il Viaggio a Reims von Rossini. In einer der letzten Russischstunden hatten wir noch eine Kritik dazu gelesen und es war klar: Daran würde auch T. Spaß haben.

Gutscheine verkauft das Bolschoi nicht, aus Prinzip, wobei das Prinzip vermutlich heißt: Das wäre ja auch zu einfach. Aber gut – ein wenig unsubtiles Nachfragen und ich weiß einen Tag, an dem T. abends Zeit hat und die Reise nach Reims auf dem Programm steht. Onlinebuchung, ich komme! Registriert auf der Bolschoi-Seite bin ich, und guck mal, als Maßnahme gegen Schwarzhandel mit Karten muss man angeben, für wen die Karte ist. Alles ausgefüllt – Vorname, Vatersname, Nachname – und fertig. T. umarmt, Tränchen verdrückt, Eintrittskarte per Mail nachgereicht und das Land verlassen.

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Ein paar Wochen darauf kommt eine Mail, T. war am Bolschoi, ihre Karte abholen – man muss den Mailausdruck vor der Aufführung in eine offizielle Karte verwandeln. Aber so einfach ist es nicht, denn der Mensch, der da online gebucht hat und der Mensch, für den die Karte ist, sind nicht derselben. Das ist komplett unerhört und kann nur mittels einer notariell (!) beglaubigten (!!) Vollmacht (!!!) gerichtet werden. Die Kassenfrau hat auch direkt erklärt, was da alles drinstehen muss – vollständiger Name, klar, Passnummer, ausstellende Behörde, Datum der Passausstellung – das alles natürlich einmal mit Ts. Daten und einmal mit meinen. Immerhin, ein Zugeständnis: Das Bolschoi ist in seiner endlosen Großmut bereit, dieses Dokument auf Englisch statt auf Russisch entgegenzunehmen.

Ein Notar muss also her, in dieser neuen Stadt, wo wir noch zwischen Kartons und an die Wand gelehnten Bildern wohnen. Mal P. fragen, der ist schließlich Jurist, ein wichtiger Mann in einem wichtigen Laden. Außerdem war er schon mal zu Besuch bei uns in Moskau und hat so allerlei Alltagsgeschichten gehört. Er versteht also auf Anhieb, dass hier nicht Gehorsam nötig ist, sondern nur seine Simulation. Kurz darauf geht ein PDF per Mail zu T. Es hat zwar nie einen Notar gesehen, bietet dafür aber wundervoll förmliches Englisch, alle wichtigen Pass- und Personendaten, vor allem aber: Stempel. Viele Stempel, rote Stempel, runde Stempel, obendrüber ein Briefkopf, untendrunter eine Unterschrift. Was Juristen können, können nur Juristen. Mit einer Mischung aus Triumph und Bangen harren wir der nächsten Nachricht aus Moskau.

Ein paar Tage darauf kommt eine Mail, T. war am Bolschoi, ihre Karte abholen. Dachte sie jedenfalls, aber nein: „Das Epos geht weiter“, schreibt sie, und dass sie gerne der Kassenfrau ihre Meinung gesagt habe, aber sie fürchte, dann gar kein Ticket mehr zu bekommen. Was also haben wir falschgemacht? Na klar: Direkt bei der Buchung einer Karte, mit meinem Bolschoi-Kundenkonto und mit T. als von Anfang an eingetragener Kartenempfängerin haben wir – vermutlich war sein Portemonnaie gerade griffbereit – zum Bezahlen dummerweise Markus‘ Kreditkarte verwendet. Die famose semi-notarielle Vollmacht reicht also nur halb. Das Bolschoi will dasselbe noch mal haben, nur diesmal vom Kreditkartenbesitzer. Lautes Fluchen, schnelles Mailen an P., der zum zweiten Mal den Rettungsjuristen mit imposanter Stempelkollektion gibt. Nächstes PDF, nächste Mail.

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T. ist dann tatsächlich in der Aufführung gewesen, Reise nach Reims, Rossini, sie mailt begeistert von den Sängern und der Inszenierung. Was ja die Hauptsache ist. Und wenn das Gefühl bleibt, dass das Bolschoi vielleicht mehr Erfolg im Kampf gegen Schwarzmarkttickets hätte, wenn es anstelle seiner Onlinekunden mal die Männer anspräche, die jeden, aber auch wirklich jeden Aufführungsabend direkt vorm Gebäude stehen… nun ja. Wäre vermutlich effektiver, aber dann hätten wir uns in den letzten Wochen bestimmt nicht so oft mit T. gemailt. Was schade gewesen wäre.

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Odessa oder Odesa?

Odessa oder Odesa, wie heißt das nun richtig? Die Russen schreiben es mit zwei S, die Ukrainer nur mit einem, die Deutschen dafür aber wieder mit zwei, die Briten auch, eigentlich, nur auf den Glastüren am Flughafen steht dann irgendwie doch „Odesa International Airport“.

Ein S, zwei S, vielleicht ist das gar nicht so wichtig. Hauptsache, wir sind hier, was von Moskau aus gar nicht so einfach war. Direktflüge zwischen Russland und der Ukraine gibt es seit drei Jahren nicht mehr, unsere Anreise war also ein Umweg mit zwischenzeitlichem Rumsitzen in Warschau. Der Preis für eine Woche in der Stadt, die bei allen Freunden, die schon mal hier waren, das große Hach auslöst. „Hach, Odessa – da kann keiner einen Satz sagen, ohne dass Humor drin steckt.“- „Hach, Odessa – wie Italien, nur näher.“ – „Hach, Odessa, ich hab selten so gut gegessen.“

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Am ersten Abend direkt mal in die Oper, das wohl schönste Gebäude der Stadt. Groß und opulent, rote Samtsitze und -vorhänge, dazu vergoldete Lampen, vergoldete Decke, vergoldete Brüstungen – vielleicht sollte man besser aufzählen, was nicht vergoldet ist. Trotzdem sind die Karten günstig: 200 Hrywnja, also 6 Euro, für die teuersten Plätze.

Draußen sind es immer noch 28 Grad, drinnen nicht viel weniger. Ein Blick runter in den Orchestergraben: viele Tops mit Spaghettiträgern, einige Hemden, die bis zum dritten Knopf offen sind. Eine Erinnerung, dass Musizieren bei solcher Hitze harte Arbeit ist – auch, wenn man es dem Orchester nicht anhört.

Gespielt wird heute Abend Donizettis „L’elisir d’amore“, allerdings nur im Prinzip, mit umgedeuteter Handlung. Statt um Liebe auf einem italienischen Landgut geht es um Menschen, die verrückt sind nach Aufmerksamkeit, Fernsehruhm, Selfies. Mit großen Tablets machen die Sänger auf der Bühne permanent Fotos voneinander. „Wir haben hier auch eine sehr schöne Treppe“, sagt die Platzanweiserin, als die Pause beginnt, „da können Sie sich gut fotografieren.“

Odessa Opernhaus Treppe Selfies

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Es gab Zeiten, da war jeder dritte Mensch, der in Odessa lebte, Jude. Im Handel, in der Kultur und im intellektuellen Leben der Stadt spielte die jüdische Bevölkerung eine wichtige Rolle. Erste Pogrome gab es schon zur Zarenzeit, während des Zweiten Weltkriegs wurden mehrere Hunderttausend Juden in Odessa ermordet. Von „Odessa Mama“ wurde in den Vorkriegsjahren auf Jiddisch so gesungen:

Ver es iz nor nit geven
In der sheyner shtot Odess
Hot di velt gor nit gezeyn
Un er veyst nit fun progress.

Vos mir Vin un vos Pariz,
Blotte, khoyzik, kayn farglaykh,
Nor Odess ot dortn iz
A Gan Eydn, zog ikh aykh.

(Wer noch nicht gewesen ist/in der schönen Stadt Odessa,/hat die Welt nicht gesehen/und weiß nichts vom Fortschritt. Was sind mir Wien und Paris/Unsinn, ein Scherz, kein Vergleich./Nur in Odessa ist/ein Garten Eden, sag ich euch. Eine englische Nachdichtung gibt es hier.) Und weiter: Oy, Odessa Mama, du bist mir endlos lieb und teuer. Oy, Odessa Mama, ach, ich sehne mich nach dir.

Heute begegnet einem das jüdische Erbe in Odessas Gebäuden, in seinen Denkmälern und Museen, aber vor allem in seiner Küche. Hummus, Falafel, Forschmak stehen auf vielen Speisekarten, in manchen Restaurants wird man mit Musikvideos auf Hebräisch beschallt. Pizza Makkabi, anyone?

odessa pizzeria makkabi

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Wie sieht Odessas berühmter Humor aus, wenn man ihn auf die Architektur anwendet?

Vielleicht so: „Ach komm, ich bau jetzt mal ein Haus, das aussieht, als hätte es nur eine Wand.“ (Unbekannter Architekt, achtzehnhundertdunnemals).

odessa haus mit nur einer wand kscheib

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„Ich separiere Sie mal“, sagt Irina, die ältere Dame, die uns durch die Stadt führt. „Separatismus ist ja sehr populär in diesen Tagen, also machen wir das jetzt auch.“ Spricht’s und stellt sich zwischen uns, damit wir trotz der Bauarbeiten kurz vorm Stadtgeburtstag beide hören können, was sie über Odessa erzählt. Von dem Haus mit der weiß-rosa Fassade, das sich eine reiche Familie einst bauen ließ. In welchem Stil, wollte der Architekt wissen, Antwort: „Wir haben Geld genug, machen Sie einfach alle Stile.“

Die Straße, an der das Haus liegt, nennen manche Bewohner von Odessa übrigens die schamlose Straße, erzählt Irina. Das liegt an den Platanenbäumen, die hier stehen und deren Rinde abblättert, wenn darunter neue nachgewachsen ist. „Die ziehen sich einfach so hier um, wo es jeder sehen kann“, sagt Irina und lächelt. „Darum ’schamlose Straße‘.“

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Das mit dem Strand allerdings, das haben sie hier nicht so drauf. Man muss aus der Stadt rausgondeln mit dem Bus nach Arcadia, was nach einem dystopischen Staat klingt. Tatsächlich hat das Allgemeinwohl hier keine allzu große Priorität: Nur ein schrabbeliger, kleiner, betonbegrenzter Teil des Strandes ist kostenlos und für alle zugänglich. Für alle weiteren Abschnitte muss man Eintritt in einen Beach Club zahlen – mit Glück findet man einen, in dem man nicht beschallt wird. Sonne ist Sonne, Meerblick ist Meerblick, auf einer Liege unterm Sonnenschirm ist gut Liegen. Aber mehr als einmal muss man das nicht erleben.

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Was sie hingegen hier können: Blickkontakt, Lächeln, kleines Schwätzchen. Kopfsteinpflaster, Fußgängerzone, Wind, der vom Wasser her weht. Und Stuck, den können sie auch.

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Die korrekte Schreibweise, das versteht man spätestens mit der Abschiedswehmut am letzten Abend, ist übrigens weder Odessa noch Odesa. Richtig schreibt man es: Ohdessa.

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Singt mehr Scratch!

Nach dem Wochenende bei den Scratch Muziekdagen Leiden kann ich noch weniger als eh schon fassen, warum es in Deutschland so wenige Scratch-Musikprojekte gibt. Dabei erschließt sich der Charme des Unfertigen, des Halbimprovisierten, sofort: Wenn sich 800 Leute freiwillig in eine Kirche auf „Klapstoeltjes“ hocken, mit weniger Beinfreiheit als in der Economy Class.

Wenn Menschen im Pausengespräch Dinge sagen wie: „Ach, wir wohnen nur drei Städte weiter, das radeln wir heute Nacht schnell zurück“. Wenn die frisch restaurierte Thomas-Hill-Orgel ihren ersten Einsatz hat, der Dirigent Dönekes über Mozart und Händel erzählt und zwischendurch noch ein Sänger einer Cellistin vom Dirigentenpult aus einen Heiratsantrag macht – dann ist das schon ein ziemlich besonderer Tag und das Konzert hat noch nicht mal angefangen.

Die Holländer haben sich in ihrem Scratch-Eifer an den Briten orientiert, das Festival in Leiden gibt es seit 25 Jahren. Eine Handvoll ausländischer Gäste waren wir diesmal, aus Deutschland und aus Belgien. Für viele, die in kleineren Chören singen, ist so ein Scratchprojekt die Chance, mal eines der großen Chorwerke aufzuführen.

Wer jetzt Lust bekommen hat: Hier ein paar Scratch-Projekte in den kommenden Monaten. Ist sogar eins in NRW bei.

13. April: Scratch in Rotterdam. „Ein deutsches Requiem“ von Brahms, aufgeführt in der Laurenskerk.

13. April: Mitsing-Aida (die Oper) in Amsterdam.

20. Mai: Hoofdstadt Scratch in Amsterdam. Verdi-Requiem im Concertgebouw.

24. Mai: Scratch 2013 in Hagen. Ein Musicalprogramm unter dem leicht staubigen Namen „Chartstürmer„.

8. Juni: Musical Sing Along in Den Haag. Rent, Haispray, Aida (das Musical) und Les Misérables, das haben ja im Moment viele im Ohr.

22. Juni: Scratch Kampen. Unter anderem mit dem Gloria von Vivaldi und der Krönungsmesse von Mozart. Geleitet von Aart Mateboer, der Sonntag in Leiden die Tenor-Solopartie gesungen hat.

21. September: Haydn-Schöpfung-Scratch in Gouda. Programm: Wie der Name schon sagt.

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