Russball, Folge 30: WM-Flugtickets für 5 Rubel (aber nicht für euch)

Russball kscheib Suus Agnes 2 signedFaule Journalisten fangen ihre Reportagen ja gerne damit an, dass sie an irgendeinem Ort ankommen und dann erst mal ausgiebig ihren Taxifahrer zitieren. Der erste Russe, mit dem ich mich 2018 unterhalten habe, war ebenfalls ein Taxifahrer – er hat uns auf einen Hügel am Rand von Murmansk gefahren, von wo aus man das Nordlicht sehen konnte. Viel Warten, viel Hochgucken, und dann plötzlich: ein grünes Leuchten am Himmel, das langsam intensiver wird. Einatmen. Ausatmen. Staunen.

Als wir genug nach oben geguckt hatten, gönnte uns der Taxifahrer auf dem Heimweg noch einen Blick in die Zukunft: „Natürlich bin ich mir nicht komplett sicher – aber zu 99,9 Prozent werdet ihr dieses Jahr wieder Weltmeister.“ Für so einen schmeichelhaften WM-Orakelspruch ist hoffentlich auch der „Journalist zitiert Taxifahrer“-Einstieg ausnahmsweise okay.

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⚽  So kann’s gehen: Letzten Mittwoch die neue Russball-Folge veröffentlicht, in der Witali Mutko ankündigt, sein Amt als Chef des russischen Fußballverbandes ruhen zu lassen. Und dann kommt ein paar Stunden später die Meldung, dass Mutko auch als Leiter des WM-Organisationskomitees abtritt. Habt ihr sicherlich alle mitbekommen, darum eher der Vollständigkeit halber hier noch ein Link mit den Details.

⚽ Russischer Fußballfan müsste man sein, dann könnte man zu den WM-Spielen der eigenen Mannschaft für nur 5 Rubel – also 7 Cent – anreisen. Mit dem Flugzeug, wohlgemerkt, und auch nicht mit irgendeinem dubiosen Billigflieger, sondern mit Aeroflot. 70.000 solcher Tickets will der Staatskonzern zur Verfügung stellen – oder auch mehr, je nachdem, wie weit Russland im Turnier kommt. Eh einer fragt: Nein, das ist keines dieser Angebote nach dem Ryanair-Prinzip, wo zum Ticketpreis dann noch Gebühren für Gepäck, Kreditkartennutzung, Sitzplatzwahl und Essen an Bord anfallen. In den 5 Rubeln sind bereits alle Gebühren drin, verspricht Aeroflot. Wie das neue Angebot publik gemacht wurde? Bei einem öffentlichkeitswirksamen Gespräch zwischen Vorstandschef Witali Saweljew und Russlands Präsident Wladimir Putin. Der möchte schließlich im März wiedergewählt werden – da gibt es vorher Geschenke an die Wähler, bis hin zu Ticket-Schnäppchen. Den ganzen Wortlaut des Gesprächs („Können die Fans nicht einfach umsonst fliegen?“ – „Nein, aber…“ – „Ich weiß! Für einen Rubel“ – „Nein, aber…“) kann man hier nachlesen.

Aeroflot-Chef Saweljew im Gespräch mit Wladimir Putin (Foto: Kremlin.ru)
Aeroflot-Chef Saweljew im Gespräch mit Wladimir Putin (Foto: Kremlin.ru)

⚽ Preisfrage: Welche Heimatstadt eines deutschen Bundesligisten wird hier beschrieben? „In XY leben mehr als 500.000 Menschen. Für junge Leute gibt es hier nichts zu tun, also ziehen sie zum Studieren und Arbeiten in respektablere, lebendigere Städte wie Düsseldorf, Berlin oder Frankfurt.“ Liebe Dortmunder, ihr seid gemeint! So stuft euch jedenfalls Witali Subzow ein, der für Sports.ru recherchiert hat, wie man auch bei fast ausverkauftem Stadion noch an Karten für ein BVB-Spiel kommt.

Das Touristen-Paket – mit Ticket, Unterkunft, Begrüßungsmappe, Eintritt ins BVB-Museum und weiterer Bespaßung – scheint Subzow sehr beeindruckt zu haben. Selbst die Stadionwurst („exzellente Qualität“) wird lobend erwähnt. Alles in allem liegt ein Hauch des Staunens über Subzows Erlebnisbericht. Selbst Russlands Top-Mannschaften spielen nur selten vor ausverkauften Stadien. Und hier, in dieser wenig respektablen, wenig lebendigen Stadt, gehen die Eintrittskarten „schneller weg als das neue iPhone oder Turnschuhe von Kanye West.“ Entsprechend bringt der Autor seinen Lesern dann auch noch ein deutsches Wort bei: „ausverkauft“.

⚽ In Russland ist ja nicht Weihnachten, sondern Neujahr das Fest, wo man mit der Familie um einen festlich geschmückten Baum sitzt und Geschenke auspackt. Das nur für den Hinterkopf, damit klar ist, warum diese Neujahrs-Videos von ZSKA Moskau für unseren Geschmack so weihnachtlich aussehen. Inhaltlich sind sie jedenfalls eine Übung in Selbstironie. An einer Pinnwand sollen die Spieler Zettel mit ihren Plänen und guten Vorsätzen für 2018 anbringen. Pontus Wernbloom, bekannt für sein Temperament, will seine Selbstbeherrschung verbessern – hat ja auch direkt super geklappt:

Der Brasilianer Vitinho möchte gerne für die Nationalmannschaft spielen – schon erscheint ein Mitspieler und winkt mit einem russischen Pass. Auf dem Zettel von Trainer Wiktar Hantscharenka steht „Stürmer kaufen“ – ZSKA-Präsident Jewgeni Giner nimmt den Zettel grinsend wieder ab. Und was passiert, wenn dein Plan fürs neue Jahr „Kapitän werden“ heißt – und dann kommt der aktuelle Kapitän vorbei, während du gerade den Zettel an die Wand pinnst? Auftritt Alexander Golowin und Igor Akinfejew:

⚽ Auch Jewgeni Sirjankin, Fußballexperte von Sport Express, hat seine Neujahrswünsche aufgeschrieben. Ganz oben auf der Liste steht selbstverständlich das Thema Fußball-WM. Der Wunsch, der sich da in Großbuchstaben manifestiert, ist so realistisch, dass es schon fast Satire ist: „RUSSLANDS NATIONALMANNSCHAFT ERREICHT DAS VIERTELFINALE DER WELTMEISTERSCHAFT“ – “!!!111!!!!einself!!”, möchte man hinzufügen.

„Wenn dieses Wunder geschieht“, schreibt Sirjankin weiter, „kann sich die Nationalmannschaft schon zu den Siegern des Turniers zählen. Denn darüber hinaus gibt es nur noch die unerreichbaren Sterne.“ Glücklich der Fan, der seine Wünsche so auswählt, dass sein Team sie auch erreichen kann.

⚽  Wer Moskau von seiner besten Seite sehen will, muss rauf auf die Sperlingsberge. Zur einen Seite die Moskauer Lomonossow-Universität (MGU), ein Prunk- und Prachtstück im stalinistischen Zuckerbäckerstil. Zur anderen Seite die Aussicht runter auf die Stadt, mit so gut wie allen Sehenswürdigkeiten auf einen Blick. Wenn wir Besuch in Moskau haben, fahren wir oft abends dort hoch, weil das Panorama im Dunkeln besonders schön ist.

Der perfekte Ort also, um dort während der WM eine Fan-Zone einzurichten, oder? Kommt drauf an, wen man fragt. Viele Studierende der MGU sind alles andere als begeistert von der Idee, einen Monat lang jeden Tag Remmidemmi direkt vor der Haustür zu haben – zumal das Unigebäude nicht nur aus Hörsälen, Seminarräumen und Büros besteht, sondern zu einem großen Teil auch Studentenwohnheim ist. Krach, Verkehrskollaps, Störungen beim Vorlesungsbetrieb, betrunkene Fans – auf einem Flyer haben die Gegner der Fan-Zone ihre Sorgen aufgelistet.

kscheib russball studenten protest MGU fanzoneMehr als 10.000 Nutzer informieren sich bei VKontakte über den Protest. „Ich weiß gar nicht, was mich mehr nervt – die eigentlichen Beeinträchtigungen selbst, oder die Achtlosigkeit und der Mangel an Dialog. Wahrscheinlich eher letzteres,“ sagt Michail Schirjajew, der Fußballfan ist, an der MGU Materialwissenschaften studiert und den Protest mit organisiert. Nur die Universitätsleitung sei in die Pläne von WM-Organisatoren, Stadt und FIFA eingebunden gewesen. Wie andere Studierende zu der Fan-Zone vor ihrer Haustür stehen, und wie die Planer ihr Projekt verteidigen, hat Sports.ru gegenübergestellt.

⚽ Endlich steht fest, welche russischen Fernsehsender die WM übertragen werden: Das Konsortium „2 Sport 2“ hat die Rechte gekauft, es vertritt drei Sender, darunter den erst vor ein paar Jahren gegründeten Sport-Kanal „Match TV“. 32 Millionen Dollar sollen die Rechte gekostet haben – ziemlich wenig, wenn man sich in Erinnerung ruft, dass die FIFA dafür ursprünglich 120 Millionen haben wollte. Der Hollywood Reporter verspricht eine Erklärung unter der Überschrift: „Why Russian Networks Got Soccer World Cup Rights for a Fraction of the Asking Price“. Im Text dann: keine Erklärung, nur der Hinweis, dass die russischen Geschäftspartner nun mal nicht mehr bezahlen wollten. Soso. Aha.

⚽ Amkar Perm kämpft ums Überleben. Dem Erstliga-Club fehlt das Geld, so einfach ist es, aber dann auch wieder nicht. Denn hinter den Sorgen des Vereins steckt auch ein strukturelles Problem im russischen Vereinsfußball: Viele Mannschaften gehören bis heute dem Staat – sei es direkt, oder durch einen Staatskonzern. In Perm ist es die Regionalregierung, die wiederum hat seit Jahresbeginn einen neuen Sportminister, und der will lieber in den Breitensport investieren als in einen Verein, der irgendwo unten in der Erstligatabelle rumdümpelt.

Bricht einem Verein, der in Privatbesitz ist, ein Investor weg, dann macht er sich auf die Suche nach einem neuen. Amkar Perm hat diese Option nicht, es gibt schließlich keine zweite Regionalregierung mit zweitem Haushalt und zweitem Sportminister. Bis zum 11. Januar, so die Vereinsführung, müsse die Finanzierung für die Rückrunde stehen. Sonst werde der für den Tag geplante Abflug des Teams ins Trainingslager abgesagt. Stand Ende Dezember gab es immerhin noch Verhandlungen zwischen Verein und Regierung.⚽ Zum Schluss noch was Historisches. Es geht um einen Putschversuch, nicht allzu lange nach dem Ende der Sowjetunion. Ein sportpolitischer Staatsstreich, quasi: Kurz vor der Weltmeisterschaft in den USA forderten 14 Spieler der russischen Nationalmannschaft einen neuen Trainer – auf ganz großer Bühne, per offenem Brief an Boris Jelzin.

Die Geschichte war mir komplett neu, und sie ist so interessant, dass man sogar den ziemlich krautigen Stil verzeihen kann, in der Russian Football News sie erzählt. Einfach beim dritten Absatz einsteigen, wo es um den Begriff „Refusenik“ geht, und ein Stück postsowjetischer Sportgeschichte nacherleben.

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Ach so, mein Neujahrswunsch ist übrigens: Falls ihr dass Gefühl habt, das Russball euch gut informiert, unterhält oder gar beides, dann sagt das doch gerne weiter – dem Kollegen am Nebentisch, der Freundin auf dem Bolzplatz oder einfach den Followern bei Twitter. Ich mach das hier gerne und freue mich über jeden, der mitliest. Bis dann!



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Russball, Folge 7: Warum liegt hier überhaupt Stroh?

Russball kscheib Suus Agnes 2 signed

Diese Folge Russball entsteht, während die Frauenfußballteams von Russland und Deutschland bei der Europameisterschaft gegeneinander spielen. Kurz vor der Halbzeit, Deutschland führt 1:0, da kann man gut nebenher ein bisschen bloggen. Zum Beispiel diese Übersicht von Sky Sport zum Thema Legionärinnen. Sie zeigt: Selbst wenn man das deutsche Team rausrechnet, bleiben immer noch 41 Teilnehmerinnen des Turniers übrig, die ihr Geld in der Bundesliga verdienen.

Nur zwei der teilnehmenden Nationen haben dem Bericht zufolge keine einzige Bundesliga-Spielerin im Kader: England und Russland. (Dass das mit den Legionären für Russlands Fußball-Männer eine große Baustelle ist, davon war ja letzte Woche hier schon mal die Rede.)

 

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⚽ Wir befinden uns im Jahre 2017 nach Christus. Ganz Russland hat sich mit der Korruption beim Bau der WM-Stadien abgefunden. Ganz Russland? Nein! Ein von unbeugsamen Bauern bevölkertes Dorf im Süden des Landes hat aus Protest sein eigenes Stadion gebaut – komplett aus Stroh.

 

Уровень! Ставрополье, креативно и с юмором:-) #россия #russia #arena #stadium

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41.000 Rubel Budget, 4500 Strohballen als Material, Bauzeit unter einer Woche. Dazu ein Schild am Eingang: „Beim Bau wurde kein einziger Rubel gestohlen oder abgezweigt.“ Getauft haben die Erbauer ihr Strohprojekt übrigens „Zenit-Arena“, in Anspielung an das Petersburger Krestowski-Stadion, bekannt wie kein anderes für Mauscheleien und explodierende Baukosten. (Eine gute Zusammenfassung dazu hat der Economist gerade veröffentlicht.)

⚽ Offiziell hat Wladimir Putin noch nicht gesagt, ob er im kommenden Jahr noch einmal bei der Präsidentschaftswahl antritt. Ein offizieller Wahlkampfauftritt war es also nicht, als er am vergangenen Freitag im Staatsfernsehen fast drei Stunden lang Fragen von Schülern beantwortete. Ist ja auch ein dankbarer Termin: keine allzu kritischen Fragen, nur talentierte, fotogene Kinder und ein volksnaher Präsident.

Nur bei einem Thema wollte Putin sich lieber nicht aus der Deckung wagen. Fragen zur Opposition, zum Feminismus, zum Bevölkerungswachstum, alles kein Problem. Aber eine Prognose zum Abschneiden der russischen Nationalmannschaft bei der WM im eigenen Land? Auf keinen Fall. Also entstand folgendes Gespräch zwischen Putin und Pascha (kurz für Pawel), einem Jungen, dessen Team laut Moderator bei der „WM der Waisenhaus-Mannschaften“ gewonnen hatte.

Pascha: Wladimir Wladimirowitsch, bitte sagen Sie: Wird unsere Nationalmannschaft bei der Fußball-Weltmeisterschaft gewinnen?
Putin: Pascha, wer von uns beiden ist Weltmeister, du oder ich?
Pascha: Ich.
Putin: Dann sag mir bitte, als Spezialist: Wird unsere Nationalmannschaft bei der Fußball-Weltmeisterschaft gewinnen?

Einen kurzen Moment lang sah man Pascha die Sorge an, darauf nun ernsthaft antworten zu müssen, dann retteten ihn Applaus und Gelächter. Durch die Geräuschkulisse hörte man nur noch, wie Putin „Setz dich“ sagte. Und Pascha, ganz diplomatisch: „Alles ist möglich.“


 

⚽ Geldbuße für zwei Moskauer Vereine: Spartak Moskau und Dynamo Moskau müssen beide rund 3600 Euro Strafe zahlen, in beiden Fällen geht es um Rassismus von Fans. Die Details hat Reuters hier – wie auch eine Warnung des Fußballverbands: Wenn sich solche Vorfälle wiederholten, heißt es da, seien auch strengere Strafen denkbar. 

⚽  Was ich auch noch nicht wusste: Es gibt in Russland einen Bayer-Leverkusen-Fanclub, der sich den (deutschen) Namen „Russische Pillendreher“ gegeben hat. Gerade mal 29 Mitglieder hat der Club, dafür aber eine ziemlich professionelle Website, wo man nachsehen kann, wo sie denn so sitzen, die russischen Bayer-Fans.

Russische Städte von Moskau bis Barnaul sind da vertreten, andere Mitglieder leben in WeißrusslandKasachstan oder der Ukraine. Gelernt habe ich das alles bei Twitter, von Anna. Wer sich für einen russischen Blick auf deutschen Fußball interessiert, sollte ihr folgen. 

⚽  Nach dem Eiffelturm, dem Empire State Building und der Elbphilharmonie hat nun endlich auch das Petersburger Stadion einen Twitter-Account. Genauer gesagt: Das Stadiondach. Der Account ist erst ein paar Tage alt, hat also bisher erst wenige Tweets zu bieten: „Heute bin ich geschlossen“steht dann da, oder „Hallo alle, noch eine halbe Stunde bis zum Spiel.“  

Seltsamerweise fehlt die Nachricht „Heute bin ich geschlossen, aber ihr werdet trotzdem nass.“ So geschehen beim Spiel von Zenit gegen Rubin Kasan, das Video von Lifenews zeigt fallende Tropfen und einen Fan, der im Sitzen den Regenschirm aufgespannt hat. So ein teures Stadion, und trotzdem nicht ganz dicht. Vielleicht sollte man vorsorglich für die WM schon mal Kontakt zu Moskaus Schönwetterpiloten knüpfen.

⚽ Für viele Fußballfans wird die Weltmeisterschaft im kommenden Jahr sicherlich ihr erster Russlandbesuch sein – und damit eine Gelegenheit, sich mit den schwerfälligen Namen vertraut zu machen, die öffentliche Einrichtungen hier oft haben. MOSTRANSAWTO zum Beispiel ist zuständig, wenn man sich in und um MOS(kau) TRANSportieren lassen möchte mit dem Gefährt, zu dem der Russe AWTObus sagt.

Der neue Mostransawto-Chef Wladislaw Muraschow überlegt sich gerade, wie man das Busfahren für zugereiste Fans einfacher machen kann: WIFI in den Bussen wird demnächst getestet und soll bis kommenden Sommer weit verbeitet sein. 1700 neue Busse werden angeschafft. Vor allem aber soll man künftig beim Einsteigen einfach die Kredit- oder EC-Karte vors Lesegerät halten können und so bezahlen – kein Kleingeld, keine aufladbare Buskarte. Schließlich, so Muraschow, würden im Moskauer Umland ja auch einige der Mannschaften untergebracht.

⚽  Die Sport-Website Championat.ru hat eine neue Reihe gestartet. Unter dem Motto „Как это работает“ („Wie es funktioniert“) stellen sie unterschiedliche Aufgabenfelder rund um den Fußball vor. Schiedsrichter zum Beispiel, PressesprecherKonditionstrainer, aber auch Spezielleres wie die Arbeit eines Kameramanns beim Vereinsfernsehen. Die Texte holen gerne mal historisch aus – zum Beispiel mit diesem Video aus der Anfangszeit des Spartak-Vereinsfernsehens. Der Clip scheint aus dem Jahr 2002 zu stammen, als Spartak in einer Champions-League-Gruppe mit BaselLiverpool und Valencia spielte:

 

Besonders lesenswert aus dieser Reihe: der Artikel über die Übersetzer russischer Fußballclubs. Als Mitte der Neunziger brasilianische Legionäre wie Luis RobsonLeandro Samarone und Leonidas nach Russland kamen, sei das Thema erstmals relevant geworden, schreibt Championat. Heute haben dem Bericht zufolge nur der FK Tosno und Dynamo Moskau Mannschaften, bei der alle Spieler Russisch sprechen. 

„Der Prozentsatz der Leute, die Englisch sprechen, ist in unserer Stadt sehr niedrig“, erzählt der Übersetzer von Anschi Machatschkala. „Wenn die Spieler also in die Stadt gehen wollen, etwas einkaufen, sagen sie mir Bescheid und wir gehen zusammen.“ Die Tabelle am Schluss des Artikels verrät schließlich noch: Rubin Kasan ist eine ligaweite Ausnahme, denn dort übersetzt mit der 29-jährigen Ada Nasirowa eine Frau. 

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Bei der EM hat das deutsche Team unterdessen noch ein Tor geschossen, Elfmeter, aber immerhin, ein Tor. Da hat’s wohl doch nicht geholfen, dass die Russinnen vorher noch eine optimistische Luftballondeko getwittert hatten – drei pralle Ballons in den russischen Farben, drei schlappe in den deutschen. Abpfiff, das Spiel ist vorbei, diese Russball-Folge auch. Bis nächste Woche!



 

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Gedenkmarsch für Boris Nemzow

Nemzow Gedenkmarsch

Zwei Jahre ist es heute her, dass Boris Nemzow erschossen wurde. „Auf offener Straße“ wollte ich erst schreiben, aber das wird dem Ort nicht gerecht. Nicht nur auf einer Brücke im Zentrum von Moskau, sondern sogar in unmittelbarer Nähe des Kreml – so nah, dass die Sicherheitskameras eigentlich den Mord genau im Visier gehabt hätten. Eigentlich.

Erschossen auf offenster Straße also, in der Nacht von Freitag auf Samstag. Ich erinnere mich an den Samstagmorgen vor zwei Jahren: Die Redaktion der Moscow Times ist zu klein, als dass es feste Wochenenddienste gäbe; es war also reiner Zufall, wer aus dem Team wann von Nemzows Tod erfuhr und sich des Themas annahm. Ich weiß noch, dass manche von uns unmittelbar vom Bett ans Laptop gegangen waren, als sie beim ersten Nachrichten-Quergucken auf dem Handy von Nemzows Tod erfahren hatten. Und dass irgendwann nachmittags, als die ersten Berichte veröffentlicht waren, eine Kollegin schrieb: „So, ich brauche jetzt mal ne Viertelstunde Pause zum Duschen – sitze hier noch im Schlafanzug.“ Sie war nicht allein.

Vor allem aber sind mir von diesem Tag die Trolle in Erinnerung geblieben. Dieser große Guardian-Bericht über die Petersburger „Troll-Fabrik“ war da zwar noch nicht veröffentlicht, aber die entsprechenden Facebook-Kommentare gehörten schon damals zum Alltag.

Ostukraine, Krim, Sanktionen und Flug MH17 – schon vor dem Nemzow-Mord hatte ich oft mit ihnen zu tun: den Kommentatoren mit ausgeprägt kremlfreundlicher Meinung, aber ohne Facebook-Freunde. Mit vier, fünf Kommentaren am Tag, aber seit Monaten ohne Updates auf der eigenen Facebookseite. Mit betont englischen Namen, aber strotzend von Fehlern in ihren Updates, die erklärten, dass „here in the US“ alles noch viel schlimmer sei. Am Tag nach dem Nemzow-Mord ware es oft sogar derselbe Wortlaut, in dem da immer wieder argumentiert wurde: Was soll denn Putin damit zu tun haben? Das bringt ihm doch gar nichts, Nemzow war keine ernsthafte Konkurrenz.

Ein Tag, an dem Geschwindigkeit und Masse den Troll-Teamleitern offenbar wichtiger waren als Unauffälligkeit. Vermutlich saßen sie genau so ungeduscht und zerknittert vor ihren Rechnern wie wir. (Wie einer der Petersburger Trolle diesen Tag erlebt hat, kann man hier beim Telegraph nachlesen.)

Gestern, am Sonntag, musste ich wieder an die fleißigen Trolle denken. Vom Nemzow-Trauermarsch haben viele Leute getwittert, und unter den Reaktionen waren sie dann wieder, die Kommentare mit den homogenen Argumentationsmustern: Das war doch alles vom Ausland aus gelenkt. Und überhaupt, das waren doch nur ganz wenige Leute.

Nun ja.

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Der Tag danach

Was tun am Tag danach? Am Tag nach dieser Zeremonie, dieser Rede, diesem unverholenen Nationalismus? Was tun angesichts dessen, was da dräut?

Immerhin: Der Termin von Donald Trumps Amtseinführung stand lange fest, man konnte also planen. Der Plan sieht vor, am frühen Nachmittag das Haus zu verlassen, Treffpunkt: Triumfalnaja-Platz. Ich bin früh dran, mache also noch einen Schlenker durch ein Geschäft und komme dort mit einem älteren Russen ins Gespräch. „Sie werden sich nicht erinnern, wie es war, als Deutschland geteilt war,“ fängt er an, worauf ich mein Alter offenbare und er routiniert-charmant mit „Waaas? Also wirklich, ich hätte kein Jahr über 25 geschätzt!“ reagiert. Wir schäkern ein bisschen und er erzählt von seinem Freund aus der DDR, der inzwischen in Köln lebt, und vor ein paar Jahren haben sie sich dann mal in Prag getroffen und…

Es ist eine sehr alltägliche Geschichte, mit Humor erzählt. Wie dem Freund der Mietwagen geklaut wurde, weil er ein paar Kartons drin hatte mit dem Aufdruck einer Luxus-Parfümmarke. Wie die Firma des Freundes dafür sorgte, dass an der Grenze ein neuer Mietwagen auf ihn wartete. Und weil man als Deutsche in Russland manchmal für Hitler, manchmal für Rammstein, aber immer für Fußball und für die Automobilindustrie steht, macht der ältere Herr beim Erzählen diese Sache mit den Fußnoten, also: Bei jedem Auto, das in der Geschichte auftaucht, wird die Marke erwähnt und, falls deutsch, wohlwollend benickt. Der geklaute Mietwagen war ein Volkswagen Kombi, hmhm. Und der Ersatz sogar ein Mercedes, jaha.

Das Ganze dauert keine fünf Minuten, die Geschichte hat keine Pointe. Aber als wir uns verabschieden, merke ich, wie gut in diesem leicht dünnhäutigen Zustand, der mich seit gestern Abend erwischt hat, so ein einfacher Austausch tut. Nichts Weltbewegendes, nur ein paar nette Worte mit einem Fremden, der beim Lebensmittelabwiegen zufällig nach demselben Plastikbeutel gegriffen hat. Einer spricht langsam. Einer hört genau zu. Kommunikation findet statt.

Später treffen wir uns dann wie verabredet mit ein paar Leuten auf dem Triumfalnaja-Platz. Viele sind wir nicht und das ist, wegen des russischen Versammlungsrechts, auch gut so. Dies ist schließlich kein Protestmarsch hier, keine Demo, nein nein. Nur ein paar Leute, die zusammen spazieren gehen. Wie man das halt so tut am Wochenende, bei Minusgraden, wenn der Wind den Schnee am Schal vorbei in den Kragen pustet.

Wir laufen die Twerskaja runter, am Rathaus vorbei und, ja, auch am Ritz Carlton. Wir reden über unsere Heimatländer, was dort gerade politisch geschieht, was wir erhoffen und befürchten. Wir reden über die Weihnachtsferien, über den Job, über Eishockey und diskutieren, wie voll es wohl bei Pro-Trump-Events in Moskau wäre, wenn man mal die ganzen Journalisten rausrechnet.

Es geht quer über den Roten Platz, kurz hinter dem Leninmausoleum kommt uns eine Gruppe von Frauen entgegen, die alle dieselben Schilder hochhalten – irgendwas mit Herzchen. Gleicher Plan zur gleichen Zeit? Nein, die Nachfrage ergibt: Hausaufgabe für den Deutschkurs. Wir gehen noch ein paar Schritte weiter, manche ziehen ihr T-Shirt an, andere halten es hoch. Blick nach links, Blick nach rechts. Ein paar schnelle Fotos mit der Basiliuskathedrale im Rücken und dann ab ins Warme.

Was tun am Tag danach? Rausgehen. Miteinander reden. Sich nicht einschüchtern lassen. Für etwas einstehen. Und nächstes Mal dann auch: Rechtzeitig das T-Shirt bestellen.

Foto: Inna Kiyasova
Foto: Inna Kiyasova

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Eine Email aus #ElectricYerevan

Tatev

Dass Tatev Vardapetyan und ich uns kennengelernt haben, ist erst ein paar Monate her. In einer Kneipe in Jerewan saßen wir auf dem Boden und redeten zwischen Bier und Pizza über die politische Lage in Armenien, über Deutschland, Russland und die Türkei. Ich rede gerne schnell. Tatev redet schneller.

Sie ist 23, hat als Journalistin über Menschenrechtsfragen berichtet und koordiniert außerdem das Projekt „Radio Without Borders South Caucasus„. Und seit einigen Tagen besteht ihre Facebookseite aus immer neuen Posts zur Protestbewegung #ElectricYerevan, aus Fotos von Demonstranten und von Polizisten.

Letzte Nacht haben wir hin- und hergemailt.

Tatev, wo bist Du gerade? Wie antwortest Du auf meine Fragen?

Gerade bin ich auf der Baghramjan-Allee, die immer noch von Demonstranten besetzt ist – schon seit neun Tagen, aber die Menschen sind immer noch hier, wenn auch nicht mehr so viele wie zuvor. Aber die, die noch hier sind, sind motiviert und entschlossen, so lange wie nötig zu bleiben. Mithilfe von Freunden habe ich ein Laptop mit WLAN-Verbindung gefunden.

Wie ist die Atmosphäre um Dich herum?

Im Moment sehe ich zwei Hauptgruppen vor mir: Leute, die patriotische Lieder singen, tanzen und die Slogans der Protestbewegung rufen („Wir sind die Besitzer dieses Landes“, „Wir werden siegen“, „Schließt euch an“ und „Nicht plündern“) und, ein Stück weiter weg, Leute, die im Kreis auf dem Boden sitzen und eine öffentliche Diskussion begonnen haben. Hauptsächlich geht es um die Frage, was wir als nächstes tun sollen. Die Diskussionen sind basisdemokratisch, wir haben keine Führung, kein Richtig oder Falsch. Und wir achten darauf, dass jeder mitmachen kann – bei uns findest Du LGBT-Gruppen und Nationalisten nebeneinander.

Die öffentlichen Diskussionen laufen seit gestern, wir wollen sie jeden Tag zur selben Zeit fortsetzen. Es gibt auch schon Arbeitsgruppen mit festen Agendas – eine von ihnen hat zum Beispiel die Facebook-Gruppe „Electric Yerevan Media Hub“ gegründet. Sie sammeln verlässliche Informationen, Artikel und Neuigkeiten zu den Protesten, um Falschmeldungen und Propaganda in den Medien zu bekämpfen. Das ist wichtig, um Leuten zu zeigen, wie bürgerschaftliches Engagement funktioniert.

Seit wann beteiligst Du Dich an den Protesten?

Ich habe mich den Protesten am 23. Juni angeschlossen, nachdem die Polizei mit Gewalt eine Demonstration aufgelöst und viele Menschen verhaftet hat. Die ganze Gesellschaft war empört über die Brutalität der Polizei, denn die Demonstranten waren und sind friedlich. Tatsächlich war die Härte des Polizeieinsatzes der Hauptgrund, warum sich an dem Tag Tausende Menschen auf der Baghramjan-Allee versammelt haben. Wir verlangen auch, dass die Polizisten sich für ihr Vorgehen rechtfertigen müssen und diejenigen bestraft werden, die Gewalt gegen friedliche Demonstranten eingesetzt haben.

Wer sind Deine Mitdemonstranten?

Nationalisten, Leute von Bürgerinitiativen und NGOs, Menschenrechtler, Leute aus der LGBT-Community, Feministen – alles Mitglieder der armenischen Gesellschaft, und irgendwie haben wir es geschafft, die letzten neun Tage friedlich miteinander zusammenzuarbeiten. Am Anfang gab es noch Anführer, inzwischen organisiert sich die Basis selber.

Man muss auch sagen, dass solche Bürgerbewegungen in Armenien noch sehr neu sind, wir müssen noch viel lernen. Zum Beispiel hatten wir eine Woche lang keine Agenda – wir haben nur getanzt, gesungen, zusammen gegessen, Sprechchöre gemacht und versucht zu verhindern, dass die Polizei unser 24-Stunden-Sit-in auflöst. Das war unsere Schwäche.

Als Präsident Sersch Sargsjan angeboten hat, die Regierung könne die Kosten für die Strompreiserhöhung übernehmen, während unsere Notfallfinanzierung überprüft wird, haben wir „nein danke“ gesagt – das deckt sich nicht mit unseren Forderungen. Denn das würde ja bedeuten, dass sie Mittel aus dem Staatshaushalt nehmen, mit anderen Worten: unser Geld. Daraufhin wurde die Situation hier auf der Baghramjan-Allee sehr unübersichtlich, vor allem als die Polizei drohte, die Straße zu räumen. Einige Demonstranten sind auf den Freiheitsplatz gezogen, um die Situation auf der Allee zu entschärfen, die Leute hier hat das verunsichert: keine Anführer, keine Agenda, keine Pläne, wie es weitergeht. Da haben wir gemerkt, dass wir die öffentlichen Diskussionen brauchen, um die Zukunft zu planen.

Interessiert #ElectricYerevan irgendwen abseits der Hauptstadt?

Unser Hashtag ist zwar #ElectricYerevan, aber Proteste gab es auch anderswo, darum hieß es auch schon #ElectricArmenia. In Gjumri und Wanadsor wird jeden Tag demonstriert. In einigen Dörfern haben Leute ihre Autobahn blockiert. Und wir haben viel Unterstützung aus dem Ausland – Menschen aus der armenischen Diaspora haben in den USA und in Europa Demos organisiert. Es gab Solidaritätsaktionen von Mitgliedern der Gezi-Park-Protestbewegung in der Türkei, von Linken und Sozialisten in Russland, der Ukraine, Georgien und selbst in Aserbaidschan.

Siehst Du Parallelen zwischen eurer Protestbewegung und denen in anderen Ländern?

Ich glaube, #ElectricYerevan ähnelt allen Bewegungen, die von jungen Leuten angestoßen wurden – parteifern und ohne klare Anführer. Und ich hoffe, dass das dazu führt, dass linke Gruppen in Armenien sichtbarer werden und sich besser organisieren.

Was soll euer Protest erreichen?

Im Moment fordern wir, das die Pläne für eine Strompreiserhöhung gestoppt werden und wir eine Diskussion führen über den Preis. Außerdem wollen wir eine Untersuchung der Polizeigewalt am 23. Juni. Bis das passiert, werden wir weiter demonstrieren – auf der Baghramjan-Allee oder anderswo.

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