Gedenkmarsch für Boris Nemzow

Nemzow Gedenkmarsch

Zwei Jahre ist es heute her, dass Boris Nemzow erschossen wurde. „Auf offener Straße“ wollte ich erst schreiben, aber das wird dem Ort nicht gerecht. Nicht nur auf einer Brücke im Zentrum von Moskau, sondern sogar in unmittelbarer Nähe des Kreml – so nah, dass die Sicherheitskameras eigentlich den Mord genau im Visier gehabt hätten. Eigentlich.

Erschossen auf offenster Straße also, in der Nacht von Freitag auf Samstag. Ich erinnere mich an den Samstagmorgen vor zwei Jahren: Die Redaktion der Moscow Times ist zu klein, als dass es feste Wochenenddienste gäbe; es war also reiner Zufall, wer aus dem Team wann von Nemzows Tod erfuhr und sich des Themas annahm. Ich weiß noch, dass manche von uns unmittelbar vom Bett ans Laptop gegangen waren, als sie beim ersten Nachrichten-Quergucken auf dem Handy von Nemzows Tod erfahren hatten. Und dass irgendwann nachmittags, als die ersten Berichte veröffentlicht waren, eine Kollegin schrieb: „So, ich brauche jetzt mal ne Viertelstunde Pause zum Duschen – sitze hier noch im Schlafanzug.“ Sie war nicht allein.

Vor allem aber sind mir von diesem Tag die Trolle in Erinnerung geblieben. Dieser große Guardian-Bericht über die Petersburger „Troll-Fabrik“ war da zwar noch nicht veröffentlicht, aber die entsprechenden Facebook-Kommentare gehörten schon damals zum Alltag.

Ostukraine, Krim, Sanktionen und Flug MH17 – schon vor dem Nemzow-Mord hatte ich oft mit ihnen zu tun: den Kommentatoren mit ausgeprägt kremlfreundlicher Meinung, aber ohne Facebook-Freunde. Mit vier, fünf Kommentaren am Tag, aber seit Monaten ohne Updates auf der eigenen Facebookseite. Mit betont englischen Namen, aber strotzend von Fehlern in ihren Updates, die erklärten, dass „here in the US“ alles noch viel schlimmer sei. Am Tag nach dem Nemzow-Mord ware es oft sogar derselbe Wortlaut, in dem da immer wieder argumentiert wurde: Was soll denn Putin damit zu tun haben? Das bringt ihm doch gar nichts, Nemzow war keine ernsthafte Konkurrenz.

Ein Tag, an dem Geschwindigkeit und Masse den Troll-Teamleitern offenbar wichtiger waren als Unauffälligkeit. Vermutlich saßen sie genau so ungeduscht und zerknittert vor ihren Rechnern wie wir. (Wie einer der Petersburger Trolle diesen Tag erlebt hat, kann man hier beim Telegraph nachlesen.)

Gestern, am Sonntag, musste ich wieder an die fleißigen Trolle denken. Vom Nemzow-Trauermarsch haben viele Leute getwittert, und unter den Reaktionen waren sie dann wieder, die Kommentare mit den homogenen Argumentationsmustern: Das war doch alles vom Ausland aus gelenkt. Und überhaupt, das waren doch nur ganz wenige Leute.

Nun ja.

Weiterlesen

Der Tag danach

Was tun am Tag danach? Am Tag nach dieser Zeremonie, dieser Rede, diesem unverholenen Nationalismus? Was tun angesichts dessen, was da dräut?

Immerhin: Der Termin von Donald Trumps Amtseinführung stand lange fest, man konnte also planen. Der Plan sieht vor, am frühen Nachmittag das Haus zu verlassen, Treffpunkt: Triumfalnaja-Platz. Ich bin früh dran, mache also noch einen Schlenker durch ein Geschäft und komme dort mit einem älteren Russen ins Gespräch. „Sie werden sich nicht erinnern, wie es war, als Deutschland geteilt war,“ fängt er an, worauf ich mein Alter offenbare und er routiniert-charmant mit „Waaas? Also wirklich, ich hätte kein Jahr über 25 geschätzt!“ reagiert. Wir schäkern ein bisschen und er erzählt von seinem Freund aus der DDR, der inzwischen in Köln lebt, und vor ein paar Jahren haben sie sich dann mal in Prag getroffen und…

Es ist eine sehr alltägliche Geschichte, mit Humor erzählt. Wie dem Freund der Mietwagen geklaut wurde, weil er ein paar Kartons drin hatte mit dem Aufdruck einer Luxus-Parfümmarke. Wie die Firma des Freundes dafür sorgte, dass an der Grenze ein neuer Mietwagen auf ihn wartete. Und weil man als Deutsche in Russland manchmal für Hitler, manchmal für Rammstein, aber immer für Fußball und für die Automobilindustrie steht, macht der ältere Herr beim Erzählen diese Sache mit den Fußnoten, also: Bei jedem Auto, das in der Geschichte auftaucht, wird die Marke erwähnt und, falls deutsch, wohlwollend benickt. Der geklaute Mietwagen war ein Volkswagen Kombi, hmhm. Und der Ersatz sogar ein Mercedes, jaha.

Das Ganze dauert keine fünf Minuten, die Geschichte hat keine Pointe. Aber als wir uns verabschieden, merke ich, wie gut in diesem leicht dünnhäutigen Zustand, der mich seit gestern Abend erwischt hat, so ein einfacher Austausch tut. Nichts Weltbewegendes, nur ein paar nette Worte mit einem Fremden, der beim Lebensmittelabwiegen zufällig nach demselben Plastikbeutel gegriffen hat. Einer spricht langsam. Einer hört genau zu. Kommunikation findet statt.

Später treffen wir uns dann wie verabredet mit ein paar Leuten auf dem Triumfalnaja-Platz. Viele sind wir nicht und das ist, wegen des russischen Versammlungsrechts, auch gut so. Dies ist schließlich kein Protestmarsch hier, keine Demo, nein nein. Nur ein paar Leute, die zusammen spazieren gehen. Wie man das halt so tut am Wochenende, bei Minusgraden, wenn der Wind den Schnee am Schal vorbei in den Kragen pustet.

Wir laufen die Twerskaja runter, am Rathaus vorbei und, ja, auch am Ritz Carlton. Wir reden über unsere Heimatländer, was dort gerade politisch geschieht, was wir erhoffen und befürchten. Wir reden über die Weihnachtsferien, über den Job, über Eishockey und diskutieren, wie voll es wohl bei Pro-Trump-Events in Moskau wäre, wenn man mal die ganzen Journalisten rausrechnet.

Es geht quer über den Roten Platz, kurz hinter dem Leninmausoleum kommt uns eine Gruppe von Frauen entgegen, die alle dieselben Schilder hochhalten – irgendwas mit Herzchen. Gleicher Plan zur gleichen Zeit? Nein, die Nachfrage ergibt: Hausaufgabe für den Deutschkurs. Wir gehen noch ein paar Schritte weiter, manche ziehen ihr T-Shirt an, andere halten es hoch. Blick nach links, Blick nach rechts. Ein paar schnelle Fotos mit der Basiliuskathedrale im Rücken und dann ab ins Warme.

Was tun am Tag danach? Rausgehen. Miteinander reden. Sich nicht einschüchtern lassen. Für etwas einstehen. Und nächstes Mal dann auch: Rechtzeitig das T-Shirt bestellen.

Foto: Inna Kiyasova
Foto: Inna Kiyasova

Weiterlesen

Eine Email aus #ElectricYerevan

Tatev

Dass Tatev Vardapetyan und ich uns kennengelernt haben, ist erst ein paar Monate her. In einer Kneipe in Jerewan saßen wir auf dem Boden und redeten zwischen Bier und Pizza über die politische Lage in Armenien, über Deutschland, Russland und die Türkei. Ich rede gerne schnell. Tatev redet schneller.

Sie ist 23, hat als Journalistin über Menschenrechtsfragen berichtet und koordiniert außerdem das Projekt „Radio Without Borders South Caucasus„. Und seit einigen Tagen besteht ihre Facebookseite aus immer neuen Posts zur Protestbewegung #ElectricYerevan, aus Fotos von Demonstranten und von Polizisten.

Letzte Nacht haben wir hin- und hergemailt.

Tatev, wo bist Du gerade? Wie antwortest Du auf meine Fragen?

Gerade bin ich auf der Baghramjan-Allee, die immer noch von Demonstranten besetzt ist – schon seit neun Tagen, aber die Menschen sind immer noch hier, wenn auch nicht mehr so viele wie zuvor. Aber die, die noch hier sind, sind motiviert und entschlossen, so lange wie nötig zu bleiben. Mithilfe von Freunden habe ich ein Laptop mit WLAN-Verbindung gefunden.

Wie ist die Atmosphäre um Dich herum?

Im Moment sehe ich zwei Hauptgruppen vor mir: Leute, die patriotische Lieder singen, tanzen und die Slogans der Protestbewegung rufen („Wir sind die Besitzer dieses Landes“, „Wir werden siegen“, „Schließt euch an“ und „Nicht plündern“) und, ein Stück weiter weg, Leute, die im Kreis auf dem Boden sitzen und eine öffentliche Diskussion begonnen haben. Hauptsächlich geht es um die Frage, was wir als nächstes tun sollen. Die Diskussionen sind basisdemokratisch, wir haben keine Führung, kein Richtig oder Falsch. Und wir achten darauf, dass jeder mitmachen kann – bei uns findest Du LGBT-Gruppen und Nationalisten nebeneinander.

Die öffentlichen Diskussionen laufen seit gestern, wir wollen sie jeden Tag zur selben Zeit fortsetzen. Es gibt auch schon Arbeitsgruppen mit festen Agendas – eine von ihnen hat zum Beispiel die Facebook-Gruppe „Electric Yerevan Media Hub“ gegründet. Sie sammeln verlässliche Informationen, Artikel und Neuigkeiten zu den Protesten, um Falschmeldungen und Propaganda in den Medien zu bekämpfen. Das ist wichtig, um Leuten zu zeigen, wie bürgerschaftliches Engagement funktioniert.

Seit wann beteiligst Du Dich an den Protesten?

Ich habe mich den Protesten am 23. Juni angeschlossen, nachdem die Polizei mit Gewalt eine Demonstration aufgelöst und viele Menschen verhaftet hat. Die ganze Gesellschaft war empört über die Brutalität der Polizei, denn die Demonstranten waren und sind friedlich. Tatsächlich war die Härte des Polizeieinsatzes der Hauptgrund, warum sich an dem Tag Tausende Menschen auf der Baghramjan-Allee versammelt haben. Wir verlangen auch, dass die Polizisten sich für ihr Vorgehen rechtfertigen müssen und diejenigen bestraft werden, die Gewalt gegen friedliche Demonstranten eingesetzt haben.

Wer sind Deine Mitdemonstranten?

Nationalisten, Leute von Bürgerinitiativen und NGOs, Menschenrechtler, Leute aus der LGBT-Community, Feministen – alles Mitglieder der armenischen Gesellschaft, und irgendwie haben wir es geschafft, die letzten neun Tage friedlich miteinander zusammenzuarbeiten. Am Anfang gab es noch Anführer, inzwischen organisiert sich die Basis selber.

Man muss auch sagen, dass solche Bürgerbewegungen in Armenien noch sehr neu sind, wir müssen noch viel lernen. Zum Beispiel hatten wir eine Woche lang keine Agenda – wir haben nur getanzt, gesungen, zusammen gegessen, Sprechchöre gemacht und versucht zu verhindern, dass die Polizei unser 24-Stunden-Sit-in auflöst. Das war unsere Schwäche.

Als Präsident Sersch Sargsjan angeboten hat, die Regierung könne die Kosten für die Strompreiserhöhung übernehmen, während unsere Notfallfinanzierung überprüft wird, haben wir „nein danke“ gesagt – das deckt sich nicht mit unseren Forderungen. Denn das würde ja bedeuten, dass sie Mittel aus dem Staatshaushalt nehmen, mit anderen Worten: unser Geld. Daraufhin wurde die Situation hier auf der Baghramjan-Allee sehr unübersichtlich, vor allem als die Polizei drohte, die Straße zu räumen. Einige Demonstranten sind auf den Freiheitsplatz gezogen, um die Situation auf der Allee zu entschärfen, die Leute hier hat das verunsichert: keine Anführer, keine Agenda, keine Pläne, wie es weitergeht. Da haben wir gemerkt, dass wir die öffentlichen Diskussionen brauchen, um die Zukunft zu planen.

Interessiert #ElectricYerevan irgendwen abseits der Hauptstadt?

Unser Hashtag ist zwar #ElectricYerevan, aber Proteste gab es auch anderswo, darum hieß es auch schon #ElectricArmenia. In Gjumri und Wanadsor wird jeden Tag demonstriert. In einigen Dörfern haben Leute ihre Autobahn blockiert. Und wir haben viel Unterstützung aus dem Ausland – Menschen aus der armenischen Diaspora haben in den USA und in Europa Demos organisiert. Es gab Solidaritätsaktionen von Mitgliedern der Gezi-Park-Protestbewegung in der Türkei, von Linken und Sozialisten in Russland, der Ukraine, Georgien und selbst in Aserbaidschan.

Siehst Du Parallelen zwischen eurer Protestbewegung und denen in anderen Ländern?

Ich glaube, #ElectricYerevan ähnelt allen Bewegungen, die von jungen Leuten angestoßen wurden – parteifern und ohne klare Anführer. Und ich hoffe, dass das dazu führt, dass linke Gruppen in Armenien sichtbarer werden und sich besser organisieren.

Was soll euer Protest erreichen?

Im Moment fordern wir, das die Pläne für eine Strompreiserhöhung gestoppt werden und wir eine Diskussion führen über den Preis. Außerdem wollen wir eine Untersuchung der Polizeigewalt am 23. Juni. Bis das passiert, werden wir weiter demonstrieren – auf der Baghramjan-Allee oder anderswo.

Weiterlesen