Putin der Woche (XXXIX)

putin-der-woche-hochzeit

Gesehen: Im YouTube-Kanal des Musikers und Komikers Oleg Lobowoi, der der Welt damit nicht sein erstes Putin-Lied schenkt.

Begleitung: Gutes Stichwort. Denn auch, wenn Putin selbst in dem Video nicht auftaucht – dass der Akkordeon-Begleiter dieses kleinen Frauenchors zufällig so aussieht, wie er aussieht, kann mir keiner erzählen.

Text: „Höre, geliebte Heimat, mein Lied über Putin: Putin, Putin, wir alle wollen Putin heiraten.“

Subtext: Ihr wollt ein Liebeslied? Ihr kriegt ein Liebeslied. Ein Lied, das ihr liebt, weil einfach alles drin vorkommt: das Vaterland, seine Birken, und ganz viel Putin, alles besungen von Menschen in russischer Tracht. Tadaaadada, daaadada, daaa-daaa, daaa-daaa.

Oben-Ohne-Punkte: 0/10, wegen unsichtbarem Putin

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Moskau von oben – Videos zum Schwelgen

Moskau ist usselig in diesen Tagen. Das Wasser steht auf den Straßen der Stadt, und weiß ist der restliche Schneematsch nur da, wo er nicht grau, schwarz oder braun ist. Gummistiefel müssen wettmachen, was die Kanalisation nicht auf die Reihe kriegt.

Da hilft nur: drüberstehen, oder noch besser: drüber fliegen. Denn der Blick von oben versöhnt, auch wenn er nur Winter zeigt, wieder mit der Stadt und macht das Ach zum Hach.

Von Frankfurt nach Domodjedowo

Kurz vor dem Start in Frankfurt am Main hat Marc Schneider, Flugbegleiter bei der Lufthansa, seine GoPro im Cockpit angebracht und mit ihr den kompletten Flug nach Moskau mitgeschnitten. Durch die Regenwolken hindurch in den Sonnenschein, dann wieder runter – mit einem Blick übers schneebedeckte Moskauer Umland und ein paar Flugkurven, bei denen man sich fast am Stuhl festhalten möchte.

Was im echten Leben rund drei Stunden braucht, dauert im Zeitraffer nur gut drei Minuten. Und dank GPS-Tracking wird gleichzeitig eingeblendet, wo sich das Flugzeug gerade aufhält.

Kletterpartie in Moscow City

„Evolution“ heißt der Turm von Moskau City, der sich wie die DNA-Doppelhelix nach oben schraubt. Roofman, Klettermaxe und selbsternannter Superheld, findet durch Katakomben, an Rohren vorbei und über ziemlich viele Treppenstufen nach oben.

Dabei werden zwecks besserer Selbstinszenierung ein paar Türen eingetreten, ab und an imaginären Verfolgern der Finger gezeigt – und dann ist er endlich oben. Mit einem unglaublichen Blick über die Stadt und Kameraschwenks, die auch als Schnelltest auf Höhenangst funktionieren.

Moskau als Winteridylle

Die Uni oben auf den Sperlingsbergen sieht aus wie Hogwarts, ein Ausflugsschiff fährt durch die eisfreie Mitte der Moskwa, die Kremlmauer leuchtet rot durch den noch weißen Schnee.

Sieben Minuten Rundflug, erst im schmeichelhaften Rosa eines sonnigen Wintermorgens, später dann bei Nacht. Und dazu die Sorte Pathos-Musik, die einen einmal tief durchatmen lässt. Moskau von seiner Eiskonfektseite.

Drohnenangriff auf der Twerskaja

Bei den Videos von Copter Mobi ist die Kamera stets so montiert, dass man Teile der Drohne sieht. Dass dieser Clip anders ist, merkt man allerdings schon in den ersten Sekunden: Man sieht nicht nur die Drohne, sondern auch fünf, sechs braune Eier, die auf ihr liegen und manchmal ein wenig wackeln.

Die Drohne schwebt über die Twerskaja, dreht sich am McDonald’s, fliegt dann weiter die Straße entlang Richtung Kreml. Ein paar Ehrenrunden vorm Ritz-Carlton (von 1:15 kann man nach 3:15 springen, ohne groß was zu verpassen), dann sucht sich die Drohne in der Warteschlange an einer roten Ampel ihr Opfer.  Und ein Moskauer Autofahrer fragt sich, warum er plötzlich Eigelb und Eiweiß auf der Windschutzscheibe hat.

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Putin der Woche (XXXIII)

putin der woche putin putout

Gesehen: Im Youtube-Kanal des slowenischen Komikers Klemen Slakonja, der mit dem Lied „Putin, Putout“ gerne beim Eurovision Song Contest angetreten wäre. Das wird nichts, aber über zwei Millionen Aufrufe sind ja nun so schlecht auch nicht.

Begleitung: Allerlei Tanzpersonal, eine Flasche Wodka und ein weißes Pferd, auf dem Putin oben ohne reiten darf.

Text: Zu Beginn des Videos geht es um Putins mehr oder weniger vorhandene Englichkenntnisse. Da ist es nur konsequent, dass er in absichtlich holprigem Englisch singt: „I know that World War Three, nobody wants to see – so please, EU and USA, don’t mothersuckers mess with me.“ Und später dann, mit Binnenreim: „And by the way, Eurovision is so gay! But please don’t take my soccer World Cup 2018 away!“

Subtext: Wodka, Militär, Ballerinas, Bären, Schach, Pussy Riot, rote Nelken, Gasvorkommen, High Heels, Hammer und Sichel, Raumfahrt, Buranowskije Babuschki, die Olympischen Winterspiele in Sochi, Amurtiger, Fellmützen – wie viele Russland-Klischees passen eigentlich in ein Youtube-Video? Und wird es lustiger, je mehr wir unterbringen? Warte, wir lassen noch mal den halbnackten Mann auf dem Pferd durchs Bild reiten.

Oben-Ohne-Punkte: 7/10, weil nicht konsequent durchgehalten

(Danke an Oliver Bilger für den Link.)

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Mein Leben als Futterlieferantin für Twitters Fake-Accounts

Im Dezember waren wir ein Wochenende in Kasan, und auf dem Flug dahin gab es bei Aeroflot ein Sandwich, das aufgeklappt so aussah:

Seit Russland kaum noch Lebensmittel aus Westeuropa ins Land lässt, ist Käse hier ein beliebtes Seufz-Thema. Dass der Tweet einiges an Resonanz fand, hat mich also eher gefreut als gewundert. Einige Replies, so um die 180 Retweets und ein paar hundert Like-Sternchen Like-Herzchen – darauf hatte es sich nach drei, vier Tagen eingependelt, dann ließ das Interesse nach. Alles ganz normal.

Dann kam Silvester, und während ich mich aufs Raclette bei den Nachbarn freute, schien das olle Käsebrot plötzlich wieder neuen Leuten zu schmecken. Es hagelte Interaktionen, innerhalb von wenigen Stunden. Ins neue Jahr ging der Tweet schon mit mehr als 200 Retweets/1000 Likes, inzwischen sind es rund 300/2000. „Irgendwer mit vielen Followern muss den weiterverbreitet haben,“ dachte ich – und lag falsch. Alle durchgeguckt, kein großer Multiplikator dabei.

Stattdessen haben die Accounts, die sich neuerdings an diesem Tweet abarbeiten, einiges gemeinsam:

– extrem wenige Follower
– extrem wenige bisherige Tweets
– keine Twitter-Bio (den Bereich, wo Nutzer etwas über sich selber schreiben)
– oft kein Profilbild, nur Twitters voreingestellten Eierkopp
– die meisten haben Frauennamen – Viktoria, Lisa, Julia, Viktoria, Lisa, Julia
– die meisten ihrer Tweets sind Retweets

Die Schlagzahl, in der diese ganzen Accounts sich an dem Aeroflot-Käsebrot abreagieren, hat mehrere Folgen. Mir spammt es die Übersicht voll, weil alle paar Minuten neue Reaktionen gemeldet werden:

käsebrot 1

Die echten Twitterer, die aus ehrlichem Interesse auf den Tweet reagiert haben, bekommen ebenfalls einen Teil dieses Reaktionsmülls ab:

Und, wichtigste Folge: Es wird ziemlich schnell offensichtlich, dass hinter diesen Twitter-Nutzern keine Menschen stecken, sondern ein Automatismus. Einer, der reihenweise Accounts anlegt und sie mit minimalem Aufwand leidlich echt aussehen lässt.

Dazu füttert er sie mit einer Handvoll unverfänglicher Tweets, die sie automatisch retweeten. Kleine Stichprobe bei den ganzen ViktoriaLisaJulias, und man findet schnell die Übereinstimmungen. Einige (etwa sie und sie) haben das hier retweetet:

Andere (zum Beispiel sie und sie) das hier:

Sogar Tweets von einem der russischen Twitter-Mitarbeiter müssen als Füllmasse herhalten. Vor allem aber besteht die Timeline dieser Hunderte von Accounts aus Retweets einer Person (der sie natürlich auch so gut wie alle folgen): Sasha Spilberg.

Sie scheint hier eine große Nummer bei Youtube zu sein, fast drei Millionen Menschen haben ihren Kanal abonniert. Bei Twitter hakt es allerdings bei Sasha noch ein wenig, erst eine halbe Million Fans. Aber da scheint ja gerade jemand dran zu arbeiten, wie diese Statistik von Twittercounter zeigt:

sasha spilberg twittercounter

Bis zum 30. Dezember stetiges, organisches Wachstum, ab dem 31. dann ein unvermittelter Sprung in die Höhe. Das ist der Tag, an dem sie begann, die automatisierte Aufmerksamkeit für meinen Käsebrot-Tweet. Offenbar hat also jemand den Vorsatz, zum neuen Jahr Sasha Spilbergs Followerzahl künstlich hochzutreiben. Schwer vorstellbar, dass das ein professionelles Social-Media-Team so plump tun würde. Ein Fan also? Oder jemand, der ihr was will? (Wie war das damals noch mal mit den Fake-Fans der FDP?)

Bei Twitter gemeldet hab ich die Fakes, bisher hieß die Rückmeldung „wir untersuchen das“. Aber wer weiß: Wenn sie schon die Fake-Accounts nicht stillegen, basteln sie ja vielleicht zumindest an einer Funktion, die solche Aktionen weniger nervig macht: „Benachrichtigungen für diesen einen Tweet abschalten.“

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Putin der Woche (XV)

putin der woche heckscheibe
Gesehen: Bei Youtube, auf einer Heckscheibe – gefilmt von einer der unzähligen russischen Dashcams.

Begleitung: Ein strategisch eingesetzter Scheibenwischer.

Text: „Putin hat die Sanktionen vergessen.“

Subtext: Wie haben es die Leute vom Guardian so schön ausgedrückt: Diese Woche hab ich mich bei meiner großen Call-in-Show mal wieder als die Lösung aller Probleme Russlands präsentiert. Auch sonst waren die vergangenen Tage nicht schlecht fürs Ego. Dann lass ich natürlich auch das letzte Problem, diese ansonsten arg langweilige Heckscheibe, nicht ungelöst. Sanktionen? Probleme? I wo. Winkewinke!

Oben-Ohne-Punkte: 0/10

Danke an Christoph für den Link, der als Video noch mehr Sapß macht:

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Verstärkung gesucht

250,000 Facebook-Fans, 60,000 Twitter-Follower, dazu ein YouTube-Kanal und ein Instagram-Account, die mal ein bisschen Liebe brauchen könnten. Das, lieber Leser, kann alles Dir gehören, jedenfalls auf Zeit.

Wir suchen bei der Moscow Times eine Praktikantin oder einen Praktikanten für Social Media. Die ganze Stellenanzeige gibt es hier, und wer sich die URL ansieht, der merkt schon: Einfach ist hier nur wenig. Einerseits sitzen wir an schicken, schnellen Macs in einem Gebäude im Norden der Stadt, in dem es entfernt so aussieht wie auf dem Bild. Die Atmosphäre ist irgendwo zwischen Start-Up und Lokalredaktion, die Kollegen kommen aus allen möglichen Ländern, und irgendwer plant immer gerade eine Reise irgendwohin und holt sich in der Teeküche Tipps von drei anderen, die schon da waren. Einerseits.

Foto: Startup Stock Photo
Foto: Startup Stock Photo

Andererseits haben wir das älteste CMS, mit dem ich seit dem Volo gearbeitet habe, und das war immerhin 1998. Neuankömmlinge müssen sich aus den schicken Mac-Bildschirmen, den schicken Mac-Tastaturen und den schicken Mac-Mäusen erst mal eine Kombination zusammenklauben, die auch funktioniert. Verständnis dafür, wie kritischer Journalismus funktioniert, ist in Russland nicht sehr weit verbreitet – die Philosophie ist eher „wenn ihr nicht für uns seid, seid ihr wohl gegen uns“ Das führt zu interessanten Facebook-Kommentaren. Und ja, das politische Klima hier ist genau so, wie ihr es euch vorstellt in einem Land, das in einen bewaffneten Konflikt mit einem Nachbar verwickelt ist.

Wenn das jetzt als Reaktion nicht „Oh Gott“ auslöst, sondern „Das muss ich mir mal anschauen“, dann freue ich mich über eine Bewerbung. Es wird viel ums Tagesgeschäft gehen, darum, wie man Leser rund um die Welt so erreicht, dass sie in ihrer Zeitzone im richtigen Moment den richtigen Inhalt von uns sehen. Aber es ist auch genug Luft zum Rumprobieren. Für Liveblogs, schlaflose Foto-Aktionen, Storifies, Memes, Thinglinks und anderen Spökes, den ihr als Idee mitbringt. Als Pluspunkt kann ich bieten, dass sich Leute (hier, hier, hier und anderswo) von mir bisher immer gut ausgebildet gefühlt haben. Sowas macht mir Spaß, und ihr wärt hier garantiert weder Kaffeekocher noch Kopierhilfe.

Zwei Hinweise noch zur Ausschreibung: Das Praktikum ist, so leid mir das tut, unbezahlt. Und ja, auch wenn ihr das hier auf Deutsch lest, suchen wir im Prinzip Englisch-Muttersprachler. Da mir klar ist, dass ich nicht in der besten Position bin, auf diesem Anspruch zu bestehen, hier die Ausnahmeregel: Wer kein Muttersprachler ist, aber schon Erfahrung im Arbeiten für englischsprachige Medien mitbringt und diese Erfahrung auch belegen kann, ist herzlich willkommen. Bei Zeitpunkt und Dauer des Praktikums sind wir flexibel, es würde also auch gut in die Semesterferien passen.

Fragen? Hier fragen

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Chinas Staatsmedien und die Ironie

Der Eingang zum Xinhua-Komplex in Peking
Der Eingang zum Xinhua-Komplex in Peking

Dass die staatlich kontrollierten Medien in China nicht immer gut darin sind, Ironie zu erkennen, war hier schon mal Thema. Als The People’s Daily eine satirische Lobeshymne auf Kim jong Un für bare Münze nahm und weiter verbreitete, ging ein Lachen um die Welt.

Bisher noch nicht ausreichend gewürdigt wurde dagegen die Rolle derselben Staatsmedien als Ironie-Lieferant. Als Beispiel taugt dafür die staatliche Nachrichtenagentur Xinhua, bei der ich 2012 über das Medienbotschafter-Programm der Bosch-Stiftung ein paar Tage hospitieren durfte. Eigentlich sollte der Zeitraum länger werden, aber es kam ein Parteitag dazwischen, währenddessen viele chinesische Redaktionen lieber keine Gäste im Haus haben wollten.

Der „Stift“, das Xinhua-Redaktionshochhaus
Am Anfang ist die Marschmusik. Quer über den Innenhof des Xinhua-Geländes ist sie bis zur Schranke am Eingang zu hören, dazu eine Lautsprecherstimme: eins-zwei, eins-zwei, eins-zwei. Daneben steht aufrecht das Haupthaus, das angeblich an einen Bleistift erinnern soll.

Xinhua ist die große, die einzige und vor allem: die staatliche Nachrichtenagentur in China. Andere Länder haben Sperrfristen, China hat Xinhua. Erst, wenn sie etwas berichtet, ist eine Meldung auf dem Markt – so ist es immer noch oft. Hier wird entschieden, was wahr ist und was öffentlich.

Vom Redaktionsalltag soll nichts Konkretes nach außen dringen, den Zettel muss ich noch vor Praktikumsbeginn unterschreiben. Das ist an sich nicht unüblich, auch in demokratischen Ländern unterschreiben Mitarbeiter solche Klauseln, wenn Firmen ihre Geschäftsgeheimnisse schützen wollen. Hier ist es allerdings doppelt bedeutsam, denn nicht nur Xinhua will sich schützen. Auch das Austauschprogramm beruht auf dieser Vertraulichkeit; wenn ein Medienbotschafter-Jahrgang sie ramponiert, erschwert er dem nächsten die Chance zum Einblick – und brockt den chinesischen Kollegen Ärger ein.

Zur Infrastruktur auf dem Xinhua-Gelände gehören auch Wohnblocks und ein eigenes Hotel.
Um vieles kann es darum in diesem Blogpost nicht gehen. Nicht um die redaktionelle Praxis, die gerade so kurz nach den neuen Beschlüssen des Parteitags interessant war. Nicht um die kritisch-flapsigen Sprüche beim Gang übers Firmengelände, das ein eigener kleiner Kosmos ist, mit Supermarkt, Hotel, Wohnblocks für pensionierte Mitarbeiter, einer Post und dem Souvenir-Shop, in dem der Schnaps der Marke Xinhua leider gerade aus dem Sortiment genommen wurde. Nicht darum, wie man beim Gespräch über den WLAN-Zugang merkt: Ach guck, Nerd ist Nerd, bei uns und bei euch.

Stattdessen eine Beobachtung, für die man nie bei Xinhua gewesen sein muss. Man kann das von außen mitbekommen, wie die Marschmusik, ehe man das Gelände betritt.

Greatfirewallofchina.orgViele Internetseiten, die der Regierung in Peking gefährlich scheinen oder ihr auch nur lästig fallen, sind in China blockiert, gelegentlich kommen neue hinzu. Unter Greatfirewallofchina.org lässt sich das leicht testen: einfach eine URL eingeben und die Seite versucht, sie von China aus aufzurufen. Google? Fail. Twitter? Fail. Facebook? Fail. Amnesty International, Reporter ohne Grenzen, Wikileaks? Fail, fail, fail.

Und was macht Xinhua? Betreibt einen eigenen Twitter-Account mit derzeit fast 800.000 Followern, mit offiziellem Verifizierungs-Häkchen. Dort posten die Redakteure zum Beispiel Fotos vom aktuellen Militärmanöver. Von einem Schönheitswettbewerb in Peking. Chinas eigenes Computerbetriebssystem soll im Oktober vorgestellt werden. Mehr private Investoren für die chinesische Eisenbahn gesucht. Chinesische Promis machen mit bei der Ice Bucket Challenge. Die Schlagzahl der Tweets ist hoch, oft sind es mehrere pro Stunde.

Technisch ist es kein Problem, trotz geblockter Seite auch von Peking aus zu twittern. Das geht bequem per VPN oder, etwas umständlicher, auch mit einem IFTTT-Recipe nach dem Prinzip „Wenn ich eine Mail von diesem Account an jenen Account schicke, dann poste deren Inhalt auf meinen Twitter-Account.“

Wie gesagt, technisch keine große Nummer. Aber in Sachen Ironie ist eine staatliche Nachrichtenagentur, die jeden Tag ein paar Dutzend Mal die Zensurmaßnahmen ihrer eigenen Regierung umschifft, schon bemerkenswert. Erst recht, wenn sie dabei auch direkt noch auf „China View“, ihren Auftritt bei YouTube hinweist.

Auch YouTube ist in China geblockt.

Bloggen ist schön, macht aber viel Arbeit. Unter dem Motto “Schönes bleibt” nutze ich deshalb den Moskauer Sommer, um ein paar Dinge aufzuschreiben, für die sonst immer die Zeit fehlte.

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Gespiegelte Videos & gnubreW etlegeipseg

Das Schild ist ganz klar falschrum. Die Folge „South Park“ bei YouTube fängt gerade an, nur dass da „HTUOS KRAP“ auf dem Schild steht; außerdem gucken S, K, R und P in die falsche Richtung. Beim Fußball-Clip kommt der Freistoß von der anderen Seite, und Lady Gaga sieht arg blötschig aus, so mit vertauschten Gesichtshälften.

Gespiegelte Videos sind bei YouTube gar nicht mal so selten. Das liegt an der Automatik, mit der hochgeladene Filme darauf geprüft werden, ob sie unter Copyright stehen: Wer einen Bundesliga-Mitschnitt, einen Kinofilm oder eine Folge „Sherlock“ vor dem Upload spiegelt, macht sie schwerer zu finden. (Nach demselben Prinzip filmen manche das Material auch vom Bildschirm ab.) Und der Aufwand lohnt sich, denn ein populärer Clip kann in wenigen Stunden schon mal fünfstellige Zuschauerzahlen erreichen.

So weit, so plausibel. Richtig interessant wurde es dann beim Relegationsspiel zwischen dem HSV und Greuther Fürth: Auf dem Platz 22 verzweifelte Fußballer, auf der Bande die spiegelverkehrte Werbung eines Wettanbieters.

Was für ein Kalkül! Wobei der Wettanbieter (der hier ungenannt bleiben soll) gegenüber den Online Marketing Rockstars (die sich auch sonst zu lesen lohnen) natürlich die Unschuld vom Lande gab: Keineswegs gehe es hier darum, bei gespiegelten Videos die einzig lesbare Werbung zu haben, neinnein: „Wir wollten uns einfach abheben.“

Schon klar.

(Dieser Text ist so ähnlich auch in der Wochenendbeilage der WAZ erschienen. Danke an Christoph Burseg von VeeScore für Idee und Erklärgeduld.)

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Film-Fundstücke aus dem Pathé-Archiv: Dortmund

Von dem großartigen Fundus an historischen Filmen, der seit knapp vier Wochen bei Youtube steht, war hier ja schon mal die Rede. Und klar: Dass sich zu einer Millionenstadt wie Moskau reichlich Material in den Pathé-Archiven findet, ist keine Überraschung.

Überraschend war dagegen, was es an sehenswerten Clips auch aus Dortmund gibt und wie weit sie zurückreichen. Zu den frühesten musste ich mir den genauen Hintergrund erst mal anlesen (gute Zusammenfassungen hier und hier). Kurzfassung: Weil Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg mit den Reparationszahlungen in Verzug geriet, besetzten französische Truppen erst Düsseldorf und Duisburg, später dann das ganze Ruhrgebiet.

Ganz leicht ist es nicht, diese Filme zu verstehen, zumal ohne Ton. Uniformierte führen andere Uniformierte ab – am ehesten lassen sich Deutsche und Franzosen noch an den verschiedenen Kopfbedeckungen unterscheiden. Sich an Gebäuden zu orientieren, ist dagegen schwierig. Der erste Reflex: Ach guck, das Klinikviertel! Dann die Erkenntnis: Das kann überall sein – vor den Bomben des Zweiten Weltkriegs sahen viele Ecken in Dortmund so aus.

Die Auswirkungen der Besatzung beschreibt die Stadt Dortmund heute so: „Als die Franzosen am 22. Oktober 1924 die Stadt Dortmund schließlich räumten, waren fast 90 Prozent aller Erwerbstätigen arbeitslos und 78 Zechen im Oberbergamtsbezirk Dortmund stillgelegt.“

1947 geht es um den Wohnungsmangel im Ruhrgebiet – und damit vor allem um Bergleute. In Dortmund entsteht gerade eine neue Bergmannssiedlung, im Krieg beschädigte Bergmannshäuser werden gleichzeitig repariert:

SPD und Dortmund – es gab eine Zeit, da waren das fast Synonyme. Was die Massen an Menschen erklärt, die hier 1952 dem neuen Parteichef (und gebürtigen Bochumer) Erich Ollenhauer zuhören:

Wenn Pathé die Filme für britische Kino-Wochenschauen gedreht hat, wird natürlich die britische Beteiligung hervorgehoben – so wie hier beim Bericht über eine schwere Explosion in einem Wohnhaus:

Und zum Schluss, als bunter Rausschmeißer, die Erkenntnis: Es gab offenbar eine Zeit, da war „Holiday on Ice“ ein ganz großes Ding. Und Dortmund hatte Europas größte Eislaufhalle.

Mehr Dortmund-Filme aus dem Pathé-Archiv gibt es hier.

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Film-Fundstücke aus dem Pathé-Archiv: Moskau

Mitte April hat British Pathé sein komplettes Archiv bei Youtube veröffentlicht – 85.000 Filme, der älteste aus dem Jahr 1896. Wochenschauen aus dem Kino, ruckeliges Rohmaterial, viel Schwarzweißes und ein bisschen Farbe.

Keine drei Wochen ist das her, was erklärt, warum viele faszinierende Clips erst ein paar Dutzend Mal gesehen wurden. Das dauert halt, das alles zu durchstöbern.

Die schiere Masse hat auch die Idee zunichte gemacht, darüber einen Blogpost zu schreiben. Einer reicht einfach nicht, um so in den Filmen zu schwelgen, wie sie es verdient haben. Es wird also wohl eine kleine Serie werden – zum Start hier meine historischen Lieblingsvideos aus Moskau.

1. Ohne Ton, aber mit reichlich Schnee entstanden 1924 diese Bilder von Lenins Beerdigung. 35 Grad unter null waren es an diesem Tag, trotzem lief ein langer Trauerzug an der Basilius-Kathedrale vorbei zum Kreml.

2. Kein Video aus Moskau, aber mit Moskauer Bezug: Zwei Jahre vor seiner ermordung wendet sich Leo Trotzki im mexikanischen Exil an die Öffentlichkeit. Er rechnet mit Stalin ab und verurteilt die Schauprozesse in seiner früheren Heimat.

3. Nicht alles im Pathé-Archiv ist große Geschichte, aber auch die Filme aus dem Alltag in Moskau erzählen Geschichten. Wie bei diesem Staffelrennen: Kein Zehnkampf, kein Fünfkampf, kein Triathlon – die Disziplinen sind Laufen, Radfahren, Rudern und Motorradfahren.

4. Konrad Adenauer 1955 zu Besuch in Moskau – „der wichtigste Staatsbesuch seit dem Krieg.“ Eine halbe Minute, nicht mehr, und am Schluss der Hinweis, dass es auch um die BRD und die DDR gehen soll. Schließlich, so der Sprecher, sei beiden Seiten klar, dass die Wiedervereinigung für den Frieden in Europa nötig sei.

5. Gott, ist das hölzern, was diese Kinder auswendig lernen mussten und nun hier aufsagen. Trotzdem eine große Überraschung, dass es 1960 hier schon eine Schule gab, in der nur Englisch gesprochen wurde. Heute sind internationale Schulen in Moskau normal, damals war es einen eigenen Bericht wert.

6. Trockenhauben und Toupierkämme – ein Blick auf das Schönheitsideal im Moskau der frühen Sechzigerjahre.

7. Schauspieler des National Theatre reisen nach Moskau, um dort „Othello“ aufzuführen und zwischendurch als Protagonisten für diesen Film über das Russland der Sechziger aufzutreten. Schwer zu sagen, was interessanter ist – die Bilder aus der Hauptstadt oder der Sprecher-Kommentar: „Unsere Schauspieler wollen hier auch russische Leute treffen“, sagt er in perfekter received pronunciation. „Wie leben diese geheimnisvollen Menschen, die einst im Krieg unsere Verbündeten waren, aber für uns stets eine unbekannte Größe sind?“

Fundstück bei 5’15“: eine Kamerafahrt bei uns am Haus vorbei – leider mit Blick in die andere Richtung. Dafür gibt es zum Schluss dann noch Sir Laurence Olivier als Othello.

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