Russball, Folge 5: Frauenfußball, Stalingrad und Alkohol

Draußen Regen, drinnen Kerzenschein. So schön, dieser Moskauer Herbst, da kann man sich wenigstens aufs Bloggen konzentrieren und wird nicht durch Draußensitzen, Freilufttrinken oder gar Grillen abgelenkt. Okay, er hätte jetzt nicht schon im Juli anfangen müssen, aber was soll’s.

12 Grad und Regen, das hat ja auch seine schönen Seiten: Wenn hier demnächst die neue Saison in der Ersten Liga anfängt, können sie einfach von Anfang an den roten Fußball nehmen. Kann ja nicht mehr lange dauern bis zum ersten Schnee.

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⚽ Eine Erfolgsmeldung zum Start. Die immer wieder vorgebrachte These, dass sportliche und andere Großereignisse in autoritär regierten Ländern dazu beitragen können, diese weltoffener, freier, liberaler zu machen, ist endlich belegt. Seit wenigen Tagen gilt in Russland tatsächlich eine neue Regelung, die einen entscheidenden Lebensbereich liberalisiert: den Konsum

Wer alkoholische Getränke kaufen wollte,  musste dazu bisher an der Kasse auf Nachfrage den Pass zeigen. Künftig geht das auch mit Führerschein oder Fan-ID, schließlich sollen auch Touristen an Bier oder Wodka kommen, wenn sie gerade den Pass nicht dabei haben. Geschichte wird gemacht. Es geht voran. 

⚽ Schon der zweite deutsche Neuzugang bei Lokomotive Moskau innerhalb weniger Monate. Warum das keiner mitbekommen hat? Weil es nicht um Spieler geht. Ende Januar hat sich der Verein Erik Stoffelshaus als neuen Sportdirektor geholt, der vorher erst ein gutes Jahrzehnt bei Schalke und dann einige Jahre in Kanada war (und in seiner Twitter-Biografie stilecht „Entscheidend is auf’m Platz!“ zitiert).

Jetzt stößt Willi Kronhardt, ehemaliger Profifußballer und Trainer, als internationaler Scout hinzu. Der Mann ist das, wozu wir oft etwas ungenau „Russlanddeutscher“ sagen, was in seinem Fall heißt: Er verbrachte die ersten Jahre seiner Kindheit in Kasachstan. Und so, wie ich ihn hier gerade als Deutschen reklamiert habe, titelt die Website „Tengrinews.kz“ ihrerseits dann auch ganz stolz: „Gebürtiger Kasache bekommt einen Posten bei Lokomotive Moskau.“

⚽ An Polina Gagarina erinnert sich vielleicht die eine oder der andere noch, sie hätte mit „A Million Voices“ 2015 beinahe den Eurovision Song Contest gewonnen. Nun reicht sie, mit ordentlich Vorlauf, schon mal ihre Bewerbung für den Fußball-WM-Hit 2018 ein: „Команда 2018“, also „Mannschaft 2018“, wobei es laut Gagarina und ihren Mitmusikern DJ Smash und Egor Kreed nicht nur um Fußball gehen soll: „Ein Team, das sind nicht nur 11 Leute auf dem Platz. Ein Team, das sind wir mit dir zusammen.“ Kuckstu hier:

⚽ Beim Confed Cup war ja erst kurz vor Beginn klar, welcher russische Fernsehsender zu welchen Konditionen die Spiele zeigen würde. Insofern ist es nicht allzu beunruhigend, wenn man liest, dass es für die russischen Übertragungsrechte der Fußball-WM noch keine Einigung gibt. Sind ja noch elf Monate bis zum Eröffnungsspiel. Okay, AP merkt zu Recht an, dass die FIFA sowas sonst Jahre im Voraus aushandelt. Aber eben nicht in Russland.

In den USA hält FOX die Übertragungsrechte und wird darum jetzt fleißig von allerlei Social-Media-Plattformen umworben. Facebook, Snapchat und Twitter wissen schließlich alle, wie sehr Sport ihre Nutzer begeistert und bindet – und sollen daher Angebote in zweistelliger Millionenhöhe gemacht haben, um online Videos von Höhepunkten der Spiele zeigen zu dürfen. 

⚽ Was auch noch unklar ist: Wo die Fans alle wohnen sollen, die da kommenden Sommer zur WM anreisen. Rosturism, die russische Tourismusbehörde, kommt in einer Bestandsaufnahme zu dem Schluss, dass es nicht genügend Hotels gibt. Von den elf Spielorten gebe es lediglich in Moskau, Sankt Petersburg, der Republik Tatarstan (also rund um Kasan), der Region Krasnodar (Sotschi) und der Oblast Swerdlowsk (Jekaterinburg) ausreichend Hotelzimmer. 

Im Umkehrschluss heißt das: Wer ein Spiel in Kaliningrad, Nischni Nowgorod, Rostow am Don, Samara, Saransk oder Wolgograd sehen will, sollte die Daumen drücken, dass sich da bis zur WM noch was tut – oder damit planen, auf Hostels oder Privatunterkünfte auszuweichen.

⚽ „Der Fußball und die Deutschen“ überschreibt Trud.ru eine lange Analyse, die auch „Warum klappt das da in Deutschland mit dem fußballerischen Erfolg und bei uns in Russland nicht?“ heißen könnte. Als Hauptunterschied sieht Autor Sergeij Stetschkin die erfolgreiche deutsche Nachwuchsarbeit. „Bei der WM 1998 wurde Deutschland von Kroatien 3:0 geschlagen, bei der EM 2000 kam es nicht über die Gruppenphase hinaus.“ Schwerfällig und alt sei die Mannschaft gewesen, im Schnitt 31 Jahre. „Daraufhin krempelte der DFB die Ärmel hoch und stieß Reformen an.“ Das Ergebnis: jüngere Nationalspieler und eine erfolgreichere Nationalelf.

2012, so Stetschkin, hätten Deutschland und Russland sogar ein Memorandum zur Zusammenarbeit unterzeichnet, doch daraus sei nichts geworden, „und das kann man nicht den Deutschen vorwerfen.“ Was die Übertragbarkeit deutscher Nachwuchsförderung auf Russland angeht, ist er ohnehin Pessimist: Russland habe zwar in jüngster Zeit selbst einige Fußballschulen eröffnet. Doch die funktionierten nicht, weil „Lobbyarbeit, Vetternwirtschaft und Korruption auf allen Stufen der Bildungspyramide blühend gedeihen.“

⚽ Die britische Regierung ist früh dran und hat ihren Reiseratgeber für Fußballfans, die kommendes Jahr zur Weltmeisterschaft nach Russland reisen wollen, schon fertig. „Be on the Ball“ handelt umfassend und sorgfältig die wichtigen Baustellen ab: Sicherheit, Krankenversicherung, Visum. Die russische Eigenart, dass man sich bei der örtlichen Polizei registrieren muss. Dass Tickets nicht reichen, um ins Stadion zu kommen, sondern auch eine Fan-ID nötig ist. Alles knapp und nützlich, auch für Nicht-Briten. 

Lustig auch, welche Bedürfnisse die Autoren den reisenden Fußballfans unterstellen: Der ultrakurze Sprachführer am Ende des Ratgebers besteht aus gerade mal 18 Einträgen. Eins, zwei, drei, bitte, danke, guten Tag, auf Wiedersehen. Ich spreche kein Russisch, sprechen Sie Englisch? Und dann die Frage ganz zum Schluss, nicht etwa nach Essen, Bier oder Arzt, sondern, wie dieser Screenshot zeigt, nach der absoluten Grundversorgung: „Wie heißt Ihr WLAN-Passwort?“

 

kscheib russball be on the ball vocab

⚽ Vor der Fußball-Weltmeisterschaft wird der WM-Pokal schon mal auf Tour durch Russland geschickt und tingelt in zwei Etappen allerlei große Städte ab. Man kann sich dazu die extrem begeisterte Pressemitteilung durchlesen, die die FIFA dazu rausgehauen hat. Oder man liest bei The18.com eine gar nicht mal so unlustige Mischung aus Fakten und Sarkasmus zum selben Thema: „24 – Zahl der Städte, die der Pokal besuchen wird. 108 – Zahl der Pinkelpausen unterwegs.“

⚽ „Profitiert der Frauenfußball in Russland von der WM?„, fragt der Deutschlandfunk, auch wenn es im Beitrag dann nur am Rande darum geht. Wer sich aber für russische Frauen als Sportfunktionärinnen, als Führungskräfte oder einfach für Mann-Frau-Rollenbilder in Russland interessiert, kann hier den Bericht nachlesen. 

⚽ Die Entscheidung über den russischen Pokalsieger wird aller Wahrscheinlichkeit nach kommenden Mai in Wolgograd fallen. Sergej Prjadkin, immerhin Chef der russischen Fußball-Liga, lässt sich so zitieren: „Zu 99 Prozent findet das Spiel in Wolgograd statt – der Vorstand muss es nur noch genehmigen.“ Hundertprozentig fest ist das Datum der Begegnung: der 9. Mai, an dem Russland den Sieg über den Nationalsozialismus feiert.

Termin und Austragungsort passen gleich doppelt zusammen: In der Stadt, die vielen Deutschen als Stalingrad geläufiger ist, finden sich noch heute Spuren des Zweiten Weltkriegs; 2018 jährt sich der sowjetische Sieg in der Schlacht von Stalingrad zum 75. Mal. Wolgograds WM-Stadion wiederum entsteht in Sichtweite der monumentalen „Mutter Heimat“-Statue, die mit erhobenem Schwert ihre Landsleute aufruft, in den Kampf zu ziehen. Wer derzeit die Anhöhe zur „Rodina-mat“ hochsteigt, blickt genau auf die Stadionbaustelle.

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Nochmal kurz zum Deutschlandfunk: In dessen Sendung „Sport am Samstag“ habe ich ein bisschen was erzählt dazu, wo es bei der Abstimmung zwischen FIFA und russischen Organisatoren noch hakt (die Phantomtickets, ihr erinnert euch), wie sehr der russische Staat im Blick hat, wann man sich als Fan hier wo aufhält, und wie sich das anfühlt. Mehr dazu hier, der Button zum Nachhören versteckt sich in der unteren rechten Ecke des Aufmacherfotos.



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Digitaler Journalismus im Zentralen Telegrafenamt

Zentrales Telegrafenamt Moskau

Da saßen wir also, reihenweise Journalisten, und hörten Referenten vom Guardian und vom Calvert Journal zu. Der Guardian macht derzeit eine Moskau-Woche (letztes Jahr gab es sowas schon mal mit Mumbai), und heute sollte es um Journalismus gehen: Welche Stereotypen westliche Medien nach Ansicht russischer Journalisten über deren Land verbreiten (Wodka, Kriminalität, Expansionismus, Dashcam-Videos) und umgekehrt. Was für Erzählformen sich online in letzter Zeit entwickelt haben. Wie man englischsprachigen Medien Themen anbietet. Was ein guter Einstieg ist. Wie Social Media hilft, die Reichweite zu steigern (selbst dann, wenn Dein Hashtag gekapert wird).

Vieles war sehr grundlegend, aber die Zielgruppe waren auch eher Berufseinsteiger, darunter eine ganze Gruppe Journalismus-Studenten. Da konnte man also zwischendurch gut mal ein wenig durchs Gebäude stromern und staunen.

Denn „DI Telegraf“ ist heute ein Veranstaltungsort und Coworking Space, aber früher war der Zwanzigerjahre-Bau an der Twerskaja das Zentrale Telegrafenamt. Als die Bürger der Sowjetunion Ende Juni 1941 übers Radio vom Angriff Hitlerdeutschlands auf ihr Land erfuhren, saß Molotow in diesem Gebäude und sprach zu ihnen.

Seltsam, dass ein solcher Gebäudekomplex in dieser Lage nicht längst ein Einkaufszentrum, ein Hotel oder der Hauptsitz einer Immobilienfirma ist. Seltsam, aber schön – denn das Gebäude mit seinem industriellen Charme, den freiliegenden Ziegelwänden und dem rauen Putz ist rundum sehenswert.

Wer nach den Fotos Lust bekommen hat: Man kann da einfach reingehen – am Portier vorbei, als gehörte man hierher, dann mit dem Aufzug in den 5. Stock. Der Eingang ist in einer Seitenstraße, dem Gasjetni Pereulok. Auch, wenn die nach Zeitungen benannt ist statt nach Radio oder Digitalem.

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Putin der Woche (XX)

putin der woche stalin

Gesehen: Bei Twitter – und ursprünglich in Wladikawkas, via Natalia Antonova und Yaroslava Pulinovich.

Begleitung: Josef Wissarionowitsch Stalin.

Text: Keiner.

Subtext: Auge in Auge. Ein Händedruck von Mann zu Mann. Ich hab mir mal das Standard-Werk „Krim“ in zwei Bänden unter den Arm geklemmt. Und du, immer noch mit Schnäuz? Wär mir ja zu fusselig. Aber gut, Du willst so aussehen, wie sie dich in Erinnerung haben. Wobei das mit der Erinnerung eine recht selektive Sache ist, sonst hätten wir ja wohl kaum so eine Pro-Stalin-Stimmung hier. Forderungen nach einem Museum zu Deinen Ehren, dafür wird das Gulag-Museum weichgespült. Inzwischen halten bei Umfragen 16 Prozent der Russen Deinen Einfluss für „eindeutig positiv“, 36 Prozent für „eher positiv als negativ“. In dem Klima kann ich auch gut mal den Hitler-Stalin-Pakt verteidigen. Nichts zu danken. Aber das mit dem Schnäuz überleg Dir noch mal.

Oben-Ohne-Punkte: 0/10

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It’s complicated

georgsband chor ipad

Der 9. Mai mag vorbei sein, aber das Nachdenken über das Kriegsende und wie man es in Russland feiert noch nicht. Denn am 19. hat mein Chor hier sein erstes Konzert der Saison, und seit Probenbeginn im Januar bedeutet das: viel Textübersetzen, viel Nachdenken und manchmal auch ganz schön schlucken müssen.

Denn in der zweiten Hälfte (erste Hälfte allerlei Rachmaninow, kannte ich vorher als Chorkomponist gar nicht, dabei ist „W Molitwach neussypajuschtschuju“ wirklich schön und auch erfreulich komplex) singen wir Lieder über den Zweiten Weltkrieg. Siegeslieder, Partisanenlieder, Lieder von der Sehnsucht, der Krieg möge endlich aufhören.

„Das sollen nicht nur russischen Lieder sein, wir sind ja ein internationaler Chor,“ hatte unser Dirigent Anfang des Jahres gesagt, „also bringt mal alle was mit, was da zu der Zeit in eurem Land populär war – auch Katrin.“ Wir kennen uns jetzt ein gutes Jahr, und ich weiß, das ist sein Humor, seine Art zu zeigen: Du bist hier nicht „die Anderen“, egal, woher Du kommst.

„Eure Hitler-Attentäter, was haben die denn so gesungen?“

Überhaupt hört man hier Russen sehr viel öfter von „den Faschisten“ reden oder von „Nazi-Deutschland“, wenn das Gespräch auf den Krieg kommt. Immer schön mit Präfix. Das habe ich, zum Beispiel in England, oft ganz anders erlebt. Und sicherheitshalber kommen in der Probenpause auch noch ein paar Mitsängerinnen vorbei und sagen: „Versteh ihn nicht falsch, das war ein Scherz, ihr hattet ja sicher auch Lieder gegen die Nazis.“ – „Genau, eure Hitler-Attentäter, was haben die denn so gesungen? Bringste halt ein Lied von denen mit.“ Ich möchte sie alle umarmen.

Dass das Ganze dann doch nicht so flauschig und einfach ist, wird klar, als mehr Lieder zusammenkommen. „Wetscher na Rejdje“ singen ist einfach, „Zhuravli“ auch. Schwieriger wird es schon bei „Swjaschtschennaja wojna„, dem Lied vom „Heiligen Krieg“, mit drastischen Sprachbildern und viel Heldenpathos. Das Lied, bei dessen Titel Google Translate der Einfachheit halber schlicht „Dschihad“ ausspuckt.

“Wir können doch Lili Marleen nicht auf Deutsch singen.“

Und parallel das Hin und Her über den Chor-Mailverteiler, von „Wir können doch Lili Marleen nicht auf Deutsch singen, ich weiß, dass das auch SS-Männer gesungen haben“ – „Aber im Text geht es um Kriegsmüdigkeit, Marlene Dietrich hat es für die alliierten Truppen gesungen“ bis zu „Konzertkleidung: schwarz und lang, im zweiten Teil wäre es schön, wenn alle ein Georgsband anstecken“. Oh.

Das Georgsband, schwarz und orange, ist aus einem Militärorden entstanden. Es war lange Zeit ein Symbol für die Leistung der sowjetischen Armee im Zweiten Weltkrieg und für den Sieg allgemein. Dann kam der Krieg in der Ukraine, und plötzlich trugen es die putintreuen Politiker, die Separatisten in der Ostukraine, die Krimnaschisten, ganz demonstrativ. Letzten Mai hat eine Cafékette jedem Kassenbon einen halben Meter Bändel beigelegt. Wodkaflaschen bekommen es um den Hals geknotet, damit sie sich besser verkaufen. Es weht auf dem offiziellen Kalender, den der Kreml an Journalisten verteilt. Viele Gründe für Unbehagen. Ich möchte das nicht tragen.

„Willst Du die Veteranen nicht ehren?“

Es folgen Gespräche, in zwei Varianten. Die mit anderen Ausländern sind kurz: „Ich möchte das nicht tragen.“ – „Klar, würde ich auch nicht.“ Die mit Russen sind meist länger: „Ich möchte das nicht tragen.“ – „Aber bist Du nicht froh, dass Du nicht im Faschismus aufwachsen musstest? Willst Du die Veteranen nicht ehren? Ist das nicht schöner, wenn’s einheitlich aussieht? Ist doch egal, wer es sonst noch trägt, solange wir das Richtige damit meinen.“ Doch. Gerne. Weiß nicht. Nein.

Dass Uniformität etwas Erstrebenswertes ist – der Glaube endet bei mir kurz nach Chorkleidung. Die kann ich mir noch herleiten aus „liebes Publikum, ihr sollt nicht gucken, ihr sollt hören.“ Aber schon das britische Klima, bei dem sich rechtfertigen muss, wer keine Mohnblume ans Revers (oder Trikot) steckt, ist mir suspekt. Genau wie „wir feiern den Sieg über ein totalitäres Regime mit einer Runde Gruppenzwang“, schon vor Ukraine, Krim und Putin-Propaganda.

„kleinstmögliches Zeichen von Opposition“

Das Ganze ist nicht gelöst. Die Diskussion geht weiter, vor kurzem hat zum ersten Mal eine Russin aus dem Sopran diplomatisch-vorsichtig gemailt, dass das Bändel vielleicht negative Reaktionen im Publikum auslösen könnte aufgrund dessen, wie es in jüngster Zeit verwendet wurde.

Eine Bekannte, ebenfalls Russin, erzählt, dass sie und ihre Freunde aus Prinzip kein Georgsband tragen, „als kleinstmögliches Zeichen von Opposition“. Und ich erinnere mich regelmäßig daran, dass auch das hier schon ein Wert an sich ist: Dass wir diese Debatte führen, und dass wir, mit Bändel oder ohne, im Jahr 2015 alle zusammen da vorne stehen können und zusammen Musik machen.

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9. Mai 2015

Manchmal ist es gut, wenn einem Leute den Blick auf die paradierenden Panzer verstellen. Stattdessen Gespräche mit den anderen Zuschauern, die auch nicht mehr sehen können. Zwei Russen, die frotzeln: „Sie sind Deutsche und verstehen Russisch? Sind Sie eine Spionin?“ Ein Hauch von Stolz, als das Russisch zum Zurückfrotzeln reicht: „Klar, das hier (der Jackenknopf) ist ein kleines Mikrofon.“

Ein Stück weiter steht eine Gruppe junge Männer in blauen Anzügen, angereist aus einer Stadt, deren Namen keiner von uns versteht, auch nicht im zweiten und dritten Anlauf. Egal. Sie haben Schilder mit Fotos ihrer Großväter dabei, die vor 70 Jahren im Krieg gekämpft haben.

„Wir sind kein Militär, wir sind Ingenieure“, betont einer von ihnen. Sie sind extra angereist zur Parade, die inzwischen fast vorbei ist. Zeit, gemeinsam nach oben zu gucken.

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Opa Günter

Opa Günter

Vieles an der Art, wie Moskau derzeit an das Ende des Zweiten Weltkriegs erinnert, fühlt sich seltsam an. Das Säbelrasseln, oder was immer da heute so rasselt, wenn tagelang Panzer und Raketen durch die Straßen rollen, damit am Samstag bei der Parade alles klappt. Das Branding, bei dem wirklich alles mit St.-Georgs-Bändern verziert und beworben wird, bis hin zur Wodkaflasche im Supermarkt.

Das Stalin-Revival, das hier parallel betrieben wird und zu dem kritische Stimmen selten sind. Die Militarisierung von Kleidung, wenn Kindergartenkinder sich von ihren Eltern erfolgreich eine Soldatenmütze vom Straßenhändler erquengeln. Der gar nicht so latente Druck, dass das die einzig wahre Art des Gedenkens ist und man da mitzumachen hat (dazu die Tage noch ein eigener Blogpost.)

Wir haben uns in der Redaktion einen anderen Ansatz ausgesucht, und ich finde, er passt zu einem Team aus einem halben Dutzend Nationalitäten in dieser Generation und noch deutlich mehr, wenn wir ein, zwei Generationen zurückgehen.

Ich wusste nicht, dass Matt aus dem Wirtschaftsressort polnische Vorfahren hatte (die später als Italiener getarnt über Venezuela in die USA ausgewandert sind und dort dann Angst vor McCarthys Hexenjagd hatten). Ich wusste nicht, dass der Opa unseres Chefredakteurs einen Backstein aus der Reichstagsmauer mit zurück nach Dagestan genommen hat. Und auch die Geschichte meines Kollegen Sam, dessen Urgroßvater als einer der letzten Amerikaner im Mai 1945 in Deutschland starb, kannte ich vorher nicht. Wieso eigentlich nicht? Wenn wir schon das Privileg haben in einem Team aus Menschen zu arbeiten, die von beiden Seiten des Eisernen Vorhangs stammen und aus Ländern, die im Zweiten Weltkrieg gegeneinander gekämpft haben – warum reden wir so wenig darüber?

Opa Günter, der Vater meines Vaters, ist ein paar Tage nach meiner Konfirmation gestorben. Dass seine Enkelin mal für eine russische Zeitung auf Englisch ein Stück seiner Lebensgeschichte aufschreiben würde – ich glaube, das hätte ihn in seiner Unwahrscheinlichkeit genau so zum Lachen gebracht wie ein Zeitungsbericht im Lokalteil, in dem irgendwann in den Achtzigern mal stand, die Nazis hätten ihn erschossen. Nicht, dass sie es nicht versucht hätten – aber diese Folgen konnten sie ja auch nicht absehen.

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Wählen Sie jetzt die Nummer 1945!

Mein Mobilfunkanbieter möchte mit mir 70 Jahre Kriegsende feiern. Er teilt mir das abends mit, und auf den ersten Blick denke ich, mein müder Kopf hat da was falsch übersetzt.

Beeline Sonderangebot

Schon seit Wochen gibt es hier „70 Jahre Sieg“-Glückwunschkarten in den Läden, in Russlands Farben, aber auch mit vielen Design-Zitaten aus der Sowjetunion. Auf der riesigen Leuchttafel an der Ecke Arbat und Neuer Arbat, die den Abendhimmel immer nach Gewitter aussehen lässt, erscheint schon im März regelmäßig ein Siegesslogan.

Da kann mein Bauchgefühl noch so sehr sein, dass man mit der Erinnerung an einen Sieg, der Millionen russischer Leben gekostet hat, vielleicht besser nicht seine Produkte bewerben sollte, wenn man die Kunden nicht vergrätzen will. Aber so scheint hier keiner zu denken. Schließlich hängt hier jeder Friseur und jede Apotheke Plakate ins Schaufenster, die das Ergebnis des „Großen Vaterländischen Krieges“ nicht etwa würdigen – das wäre die falsche Wortfamilie – sondern in Knatschfarben in die Welt rausplärren.

Beeline muss also wohl eher keinen Backlash fürchten, wenn es sich zum allgegenwärtigen Hurrapatriotismus folgende Produktideen einfallen lässt:

„Lieber Kunde! Machen Sie mit bei unserer Aktion „Hurra Sieg!“ Alle Dienstleistungen der Aktion sind kostenlos. Melodien aus den Kriegsjahren statt des Freizeichens – „Katjuscha„, „Tag des Sieges„, „Dunkle Nacht„. Rufen sie kostenlos die Nummer 1945 an oder gehen Sie auf Mai9.ru/hurra“

Beeline SMS ganz

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Keine Russland-Witze mehr bei der BBC

Am 22. Juni 1941 beginnt „Unternehmen Barbarossa“, der Überfall Deutschlands auf die Sowjetunion.

Einen Tag später schreibt John Watt, Leiter des Bereichs Unterhaltung bei der BBC, an seinen Vorgesetzten. „Kann ich eine Richtlinie haben zu Russland?“, fragt er. „Nicht politisch, aber ob wir ganz allgemein noch Anspielungen auf Genossen und Witze übers aktuelle Geschehen in Russland machen dürfen?“

Auftauchen würden diese Witze bereits, so Watt, darum brauche er eine Rückmeldung – lieber jetzt als gleich.

BBC – Archive – WWII: The Soviet Union Joins the Allies – Memos Regarding Jokes about Russia

Es dauert einen Tag, bis die Antwort kommt – ein Vermerk in Großbuchstaben, unmissverständlich: ALLE WITZE ÜBER RUSSLAND BIS AUF WEITERES BITTE EINSTELLEN.

BBC – Archive – WWII: The Soviet Union Joins the Allies – Memos Regarding Jokes about Russia

(Gefunden im Archiv der BBC)

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Film-Fundstücke aus dem Pathé-Archiv: Dortmund

Von dem großartigen Fundus an historischen Filmen, der seit knapp vier Wochen bei Youtube steht, war hier ja schon mal die Rede. Und klar: Dass sich zu einer Millionenstadt wie Moskau reichlich Material in den Pathé-Archiven findet, ist keine Überraschung.

Überraschend war dagegen, was es an sehenswerten Clips auch aus Dortmund gibt und wie weit sie zurückreichen. Zu den frühesten musste ich mir den genauen Hintergrund erst mal anlesen (gute Zusammenfassungen hier und hier). Kurzfassung: Weil Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg mit den Reparationszahlungen in Verzug geriet, besetzten französische Truppen erst Düsseldorf und Duisburg, später dann das ganze Ruhrgebiet.

Ganz leicht ist es nicht, diese Filme zu verstehen, zumal ohne Ton. Uniformierte führen andere Uniformierte ab – am ehesten lassen sich Deutsche und Franzosen noch an den verschiedenen Kopfbedeckungen unterscheiden. Sich an Gebäuden zu orientieren, ist dagegen schwierig. Der erste Reflex: Ach guck, das Klinikviertel! Dann die Erkenntnis: Das kann überall sein – vor den Bomben des Zweiten Weltkriegs sahen viele Ecken in Dortmund so aus.

Die Auswirkungen der Besatzung beschreibt die Stadt Dortmund heute so: „Als die Franzosen am 22. Oktober 1924 die Stadt Dortmund schließlich räumten, waren fast 90 Prozent aller Erwerbstätigen arbeitslos und 78 Zechen im Oberbergamtsbezirk Dortmund stillgelegt.“

1947 geht es um den Wohnungsmangel im Ruhrgebiet – und damit vor allem um Bergleute. In Dortmund entsteht gerade eine neue Bergmannssiedlung, im Krieg beschädigte Bergmannshäuser werden gleichzeitig repariert:

SPD und Dortmund – es gab eine Zeit, da waren das fast Synonyme. Was die Massen an Menschen erklärt, die hier 1952 dem neuen Parteichef (und gebürtigen Bochumer) Erich Ollenhauer zuhören:

Wenn Pathé die Filme für britische Kino-Wochenschauen gedreht hat, wird natürlich die britische Beteiligung hervorgehoben – so wie hier beim Bericht über eine schwere Explosion in einem Wohnhaus:

Und zum Schluss, als bunter Rausschmeißer, die Erkenntnis: Es gab offenbar eine Zeit, da war „Holiday on Ice“ ein ganz großes Ding. Und Dortmund hatte Europas größte Eislaufhalle.

Mehr Dortmund-Filme aus dem Pathé-Archiv gibt es hier.

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Wie wir die Moskauer Siegesparade nicht mal ansatzweise sahen

Die besten Orte, um am 9. Mai die große Moskauer Militärparade zu sehen, sind: 1. Die VIP-Tribüne auf dem Roten Platz. 2. Die Pressetribüne. 3. Der Fernsehsessel. 4. Sonstwo auf dem Roten Platz.

Unser Frauengrüppchen ist unterwegs zu Nummer 5: Mit der Metro bis zur Haltestelle Twerskaja, wo es um 9 noch gute Stehplätze in der zweiten Reihe hinterm Absperrgitter gibt.

müllauto Seitenstraßen blockieren die Paradenplaner gerne mal mit geparkten Müllautos, die daraufhin sofort als Aussichts-Plattform umgenutzt werden. Wir sehen auch von hier unten: dunkelgrüne Armee-Gefährte, die ich leichtfertig für Panzer halte.

Die Korrektur kommt kurz darauf via Twitter: Das ist doch self-propelled artillery! Anfängerfehler.

Lang wird uns die Stunde bis zum Beginn nicht, zu interessant ist das Leutegucken. Wieder überall schwarz-orangene Bänder, dazu Russlandfahnen; als die Nicht-Panzer ihre Motoren anwerfen, brandet kurz Jubel auf. Sie rollen weg und es bleibt das, was beim Rosenmontagszug die Putz- und Baggagewagen sind: drei, vier grüne Trumms, die man gut auf einem Abenteuerspielplatz parken könnte. Kein einziges Regiment marschiert vorbei, stattdessen sehen wir das Geschehen auf dem Roten Platz beim netten Nebenmann auf dem Tablet-Bildschirm.

Nein, die Twerskaja ist nicht der beste Ort, wenn man ein Paradengefühl erleben will. Aber als Gegenpol zu den durchchoreografierten Fernsehbildern ist sie genau richtig. Die entspannten Soldaten, die gelangweilten Wachhunde. Der Dreck und Lärm, den solche Motoren machen. Die Zuschauer, die auf ein Gerüst klettern und wieder runtergescheucht werden. Familien, die für den Nachmittag Schaschlik-Pläne schmieden.

6Auch zum Flugzeugegucken stehen wir hier falsch: Dass gerade wieder neue Maschinen der russischen Luftwaffe unterwegs zu uns sind, hören wir nur am Jubel aus den Wohnhäusern gegenüber. Denn die Helikopter, Transport- und Kampfflugzeuge fliegen hinter uns vorbei – bis wir sie sehen, sind sie nur noch kleine Tupfen in Keilformation. Im Herbst gingen sie als Kraniche durch.

Erst, als Putin und die Paradeure Feierabend haben, wird es bei uns noch einmal kurz spektakulär. Denn nun rollen reichlich Fahrzeuge vorbei, mit Raketen (non-self propelled rockets?) hinten drauf oder mit wehenden Fahnen. Sehr nah, sehr grün, und nie ganz zu sehen wegen all der Fotohandys. War’s das jetzt? Das war’s. In der U-Bahn-Haltestelle legt ein alter Mann in Uniform Blumen vor einem Kriegerdenkmal nieder. Wenn ein Bild von heute bleibt, mehr als rollende Militärmaschinerie, ist es das.

veteran

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