Russball, Folge 22: Wir basteln uns einen Stadion-Rasen

Russball kscheib Suus Agnes 2 signed

Echt, drei Tage in Tiflis, und du bist für Moskau komplett verdorben. Die freundlichen Menschen! Das grandiose Essen! Die fußgängertauglichen Straßen! Besonders cool an Fabrika, dem Ort, wo wir mit dem Team von Coda Story getagt haben, waren die viele Graffiti – mal schauen, vielleicht wird das noch mal ein separater Blogpost.

Eh das hier jetzt aber komplett in Richtung Georgien-Verklärung kippt, reden wir besser mal über Guram Kashia. Er spielt nicht nur für die georgische Fußball-Nationalmannschaft, sondern auch für den niederländischen Verein Vitesse Arnheim. Als sich unlängst alle Clubs der Eredivisie – also der obersten Liga in den Niederlanden – zusammentaten und ihre Kapitäne mit Regenbogen-Armbinde auflaufen ließen, sollte das ein Zeichen gegen Homophobie sein.

Für Kashia war es der Beginn massiver Anfeindungen. Georgische Fußballfans und Journalisten fordern seitdem, dass er nicht mehr für die georgische Nationalmannschaft spielen darf. Mehr zum Thema gibt es bei der Washington Post.

⚽⚽⚽

⚽ Angriff ist die beste Verteidigung, das gilt auch, wenn sich die Fans daneben benehmen: Beim Europa-League-Spiel gegen Rosenborg Trondheim haben Anhänger von Zenit St. Petersburg den Gästeblock auseinandergenommen. 700 Zenit-Fans waren zu dem Spiel nach Norwegen gereist, 80 Sitze waren hinterher kaputt. Nachdem Trondheim sich bei der UEFA über den Vandalismus der russischen Gäste beschwert hatten, ging Zenit in die Offensive: 80 kaputte Sitze? Jahaaaa, aber der Gästeblock war ja auch gar nicht richtig ausgerüstet für eine Match dieser Klasse.

Da, heißt es weiter, seien schließlich spezielle, vandalismusfeste Sitze üblich. „Zenit will sich nicht der Verantwortung für von unseren Fans verursachte Schäden entziehen“, zitiert TASS aus einem Statement des Vereins. Von böser Absicht könne aber keine Rede sein: „Solche Dinge passieren, wenn die Gasttribüne nicht richtig vorbereitet ist.“ Anders gesagt: Unsere Fans sind keine Vandalen! Sie machen bloß Sitze kaputt, wenn die nicht vandalismusfest sind. (Die UEFA interessiert das übrigens nicht, sie ermittelt trotzdem.)

⚽ „Russische Nationalmannschaft wird Weltmeister im 7-gegen-7-Fußball“, schreibt Argumenty i Fakty – und ich muss erst mal recherchieren, was das ist. Das Ergebnis ist interessant und, mit Blick auf Russland, ermutigend: Bei dieser Fußball-Variante, die auf Deutsch „CP-Fußball“ heißt, treten Sportler gegeneinander an, die nach einer Hirnschädigung im Kindesalter oder nach einem Schlaganfall Probleme haben, ihre Bewegungsabläufe zu kontrollieren. Um Weltmeister zu werden, hat Russland die Nationalmannschaft von Guatemala 4:2 geschlagen.

Ein großer Fortschritt im Vergleich zu noch vor wenigen Jahrzehnten: Als Moskau 1980 die Olympischen Sommerspiele ausrichtete, weigerten sich die sowjetischen Offiziellen, auch die Paralympics zu veranstalten. Offizielle Begründung: Bei uns gibt es keine Behinderten! Auch heute ist das Thema Behinderung hier kein einfaches, aber immerhin: 2014 hat Russland in Sotschi sowohl die Olympischen als auch die Paralympischen Winterspiele ausgerichtet.

⚽ Im Märzen der Bauer die Rösslein einspannt. Er setzt seine Felder und den Rasen von Dynamo Moskau instand. Ja, man kann schon mal lyrische Anwandlungen bekommen bei den Motiven, die der Telegramm-Kanal „Historical Football“ so verbreitet. Dieses Motiv aus dem Frühjahr 1935 ist aber auch einfach zu schön, das muss hier einen Ehrenplatz bekommen.

Frühjahrsaussaat: Das Spielfeld im Dynamo-Stadion wird im nach dem Umbau für die Saison vorbereitet“, heißt die Bildunterschrift in der Sammlung historischer Aufnahmen auf der Internetseite des Vereins. Die lohnt ohnehin das Stöbern – auch wegen dieser Aufnahme der allerersten Dynamo-Mannschaft aus dem Jahr 1924.

⚽ Zur Halbzeit in der Premjer-Liga versucht sich Russian Football News an einer Zwischenbilanz. Leider ist das Ergebnis eher gut gemeint als gut gemacht – es sei denn, man steht auf stream of consciousness und atemlose Endlossätze. Aber gut, für den Fall, dass hier ein Hardcore-Fan von Achmat Grosny, Amkar Perm, Anschi Machatschkala oder Arsenal Tula mitliest: Hier findet ihr Teil 1 der Halbzeitbilanz.

⚽ Ein Update ist nötig, vielleicht sogar eine Korrektur zur Russball-Folge der vergangenen Woche. Dort hatte ich einen Bericht von RBK zitiert, wonach Russland rund eine Million US-Dollar bezahlt, damit Argentinien seine Nationalmannschaft zu einem Freundschaftsspiel nach Moskau schickt. Nun allerdings hat sich Witali Mutko zu Wort gemeldet, Russlands oberster Fußballfunktionär.

Russlands Fußballverband habe nichts für diese Begegnung gezahlt, zitiert ihn die staatliche Nachrichtenagentur TASS, und hätte Mutko an dieser Stelle aufgehört, es wäre ein hartes Dementi. Doch es folgt ausführliches Lavieren über Kosten für Unterkunft, Flüge, Trainingseinrichtungen, Transfers der Gäste, es ist die Rede von „einem gewissen System an Interaktionen zwischen den Nationalmannschaften“. Will sagen: Russland hat vielleicht (noch?) nichts bezahlt für das Freundschaftsspiel. Aber wenn so eine Aufwandsentschädigung für die Anreise, Unterkunft etc. sich nun auf eine Million Dollar summiert, na dann…

Die Argentinier, das steht jedenfalls fest, sind schon mal in Moskau eingetrudelt. Und dieses Twitter-Video, bei dem sie aus einem Minibus steigen, hat bei fußballinteressierten Russen schon viel Spaß ausgelöst. Schließlich gehört das Fahren mit solchen „Marschrutkas“ zum Alltag all jener Moskauer, die nicht im unmittelbaren Zentrum der Stadt unterwegs sind.

⚽ Nur noch 217 mal schlafen, dann ist auch schon Fußball-Weltmeisterschaft. Moskaus Stadtverwaltung hat direkt mal durchgezählt, wer denn da wohl alles anreist und woher. Ergebnis: Mehr als die Hälfte aller Hotelreservierungen in Moskau während der WM kommt von Menschen aus nur drei Ländern: den USA (22 Prozent), China (16) und Mexiko (15). Insgesamt sind rund 60 Prozent der verfügbaren Hotelzimmer in Moskau bereits belegt.

Heißt das also, dass die größten Fangruppen bei der WM aus diesen drei Ländern kommen werden? Nicht zwingend. Gerade in diesen letzten Wochen des Jahres, wo wir den Resturlaub verbraten, ist uns doch allen präsent, wie leicht sich ein reserviertes Zimmer auch wieder stornieren lässt – online oft sogar bis einen Tag vor der Ankunft. Auf solche Stornierungen müssen sich Moskaus Hoteliers sicherlich einstellen. Denn auch, wenn die Fans optimistisch geplant haben – weder die USA noch China haben sich für die Weltmeisterschaft qualifiziert.

⚽⚽⚽

Falls ihr übrigens auch mit der Idee spielt, zur WM im nächsten Jahr nach Russland zu kommen: Es gibt neuen Infos zu den Zügen, in denen Fans kostenlos vom einen Austragungsort zum anderen fahren dürfen. Keine ideale Lösung, wenn man nach Jekaterinburg will, aber für kurze Strecken wie Moskau – St. Petersburg durchaus machbar; erst recht, wenn man mehr Zeit als Geld hat.

Besonders empfehlen kann ich nach meinen Zugerfahrungen hier in Russland die „Lastotschka“, übersetzt „Schwalbe“ – ein Schnellzug, neu, schick und oft sogar mit WLAN. Alles weitere hier – macht’s gut und bis nächste Woche!



 

Weiterlesen

Russball, Folge 21: Was ihr bei der Fußball-WM um den Hals hängen habt

Russball kscheib Suus Agnes 2 signed

Diese Russball-Folge muss am Anfang kurz mal Dänball sein. Wir waren eine wunderbare Woche lang auf Fanø, vier Große, zwei Kleine – oder anders gesagt, zwei Schalker und vier mehr oder weniger langjährige BVB-Fans. Was tut man nicht alles, um dem Patenkind und seinem Bruder vorzuleben, dass es noch andere Optionen gibt: „Stimmt, das ist cool, dass da jemand einen Drachen steigen lässt, der aussieht wie die BVB-Biene. Aber hast du dir mal den restlichen Himmel angeguckt? Alles blau und weiß!“

Auf der Insel gibt es auch eine Schule, flankiert von einer Bücherei, allerlei Kletter- und Hüpfmöglichkeiten und einer Sportanlage. Nicht nur für Schüler, sondern offen für alle. Beeindruckt hat mich dort der Aushang am Fußballfeld, der vor allem im Herbst und Winter nützlich ist: Schicke eine SMS an diese Nummer, und die Beleuchtung wird für eine Stunde eingeschaltet.

russball dänemark flutlicht sms

Sehr einfach, sehr schlau – jetzt wüsste ich nur noch gerne, ob das automatisiert ist oder am anderen Ende ein Mensch sitzt, der einen Lichtschalter drücken muss. So oder so: Falls ihr Fußball spielenden Kindern eine Stunde Strom organisieren oder einfach als Kunstprojekt mitten in der Nacht einen dänischen Bolzplatz beleuchten wollt: Die Ländervorwahl ist +45, der Rest steht auf dem Zettel.

⚽⚽⚽

⚽ Sports Illustrated hat einen Auszug aus dem Buch „Under the Lights and In the Dark: Untold Stories of Women’s Soccer“ veröffentlicht. Es geht um die junge amerikanische Fußballerin Danielle Foxhoven, die 2012 für Energija Woronesch gespielt hat – eine gruselige Erfahrung. Kurzentschlossen hatte sie dem Club zugesagt, nachdem ihr Job bei einem US-Verein weggebrochen war. Der Artikel beginnt mit einer krassen Szene, in der ihr russischer Trainer sie ins Gesicht schlägt, weil sie sich auf den kalten Boden gesetzt hat. Es folgen Sexismus, Beschimpfungen, als Vitamine getarntes Doping.

Man kann das kaum lesen, ohne sich zu fragen, wie leidensfähig man als Profisportlerin eigentlich sein muss – und wie naiv man sein kann: Tabletten einfach schlucken, unerklärte Spritzen einfach akzeptieren. Wer über den Buchauszug hinaus weiterlesen will: Danielle Foxhoven hat über ihre Zeit in Russland gebloggt. Hier etwa über den traurigen Entschluss, mit dem Russischlernen aufzuhören: Sonst, so die Logik, würde sie noch mehr von den Seitenhieben ihrer Mitspielerinnen verstehen.

⚽ Dass Moskaus renoviertes Luschniki-Stadion mit einem Freundschaftsspiel gegen Argentinien wiedereröffnet werden soll, ist ja schon ein paar Tage bekannt. Neu sind aber die Infos, die RBK zu den Kosten für dieses Spiel recherchiert hat. Demnach zahlt Russland rund eine Million Dollar, damit die Argentinier dem Eröffnungsspiel den nötigen fußballerischen Glanz verleihen.

Bemerkenswert sind an dem RBK-Bericht zwei Details. Zum einen zitiert er einen Experten mit den Worten, Argentinien verlange normalerweise eher zwei Millionen pro Spiel. Der Russland-Rabatt entstehe dadurch, dass aktuell „alle Nationalmannschaften froh darüber sind, im Land der nächsten Weltmeisterschaft zu trainieren.“ Derselbe Experte veranschlagt dann auch noch schnell, welcher Anteil der Millionensumme dafür fällig wird, dass Lionel Messi mit anreist: zwischen 35 und 50 Prozent. So fühlt es sich also an, argentinischer Nationalspieler, aber nicht Messi zu sein: Schau mal, der da drüben ist genau so viel wert wie wir restlichen alle zusammen.

⚽ Neuer Tabellenführer in der Premjer Liga: Lokomotive Moskau hat den bisherigen Spitzenreiter Zenit St. Petersburg sowas von geschlagen – 3:0, und das auswärts. Zwei der Tore hat Jefferson Farfán geschossen, das dritte für Alexei Mirantschuk vorbereitet, das sah dann so aus:

Was heißt das nun für die restliche Saison? Einerseits ist der Verlust der Tabellenspitze noch keine Krise. Zenit war im vergangenen Jahrzehnt viermal russischer Meister, Lokomotives letzte Meisterschaft war 2004. Andererseits, das fasst der Chefredakteur von Russian Football News hier gut zusammen, haben die Moskauer eine deutlich leichtere Rückrunde vor sich. Bei Lokomotive jedenfalls ist der Jubel groß – schließlich bedeutet der Spitzenplatz auch, dass man vor den drei Lokalrivalen ZSKA, Spartak und Dynamo liegt.

⚽ Noch 225 Tage bis zur Fußball-WM, dazu machen hier gerade zwei Zahlen die Runde. Zum einen werden die Kosten für das Turnier höher liegen als bisher geplant: 678 Milliarden Rubel statt 643,5 Milliarden – umgerechnet ist das ein Anstieg von rund 500 Millionen Euro. Warum? Die offizielle Verlautbarung nennt keine Gründe. Aber solche Preissteigerungen sind bei Großereignissen nicht unüblich – und in Russland, wir erinnern uns an den Stadionbau in St. Petersburg, erst recht nicht.

Auch Zahl Nummer zwei liegt höher als bisher erwartet, das dürfte allerdings die meisten WM-Teilnehmer freuen. Die FIFA erhöht das Preisgeld, um das die Mannschaften bei der Weltmeisterschaft konkurrieren. 344 Millionen Euro oder, schön rund, 400 Millionen Dollar sind nun im Topf. Wer schon in der Gruppenphase ausscheidet, nimmt 8 Millionen mit heim, dem Weltmeister winken 38 Millionen. Alle Stufen dazwischen hier zum Nachlesen.

⚽ Falls ihr zur Weltmeisterschaft nach Russland kommen wollt, werdet ihr übrigens das hier um den Hals hängen haben – das neue Design wurde gerade vorgestellt:

russball kscheib fußball-wm fan-id russland

Die Fan-ID ist, wie schon beim Confed-Cup diesen Sommer, der Ausweis, ohne den nichts geht. Nur wer ihn vorzeigen kann, darf ins Stadion – die Eintrittskarte allein reicht da nicht. Auch wer ohne Visum einreisen oder einfach nur kostenlos mit der Metro zum Stadion fahren will, braucht die Fan-ID.

Was mich übrigens interessieren würde: Warum ist die ID das einzige, was zwar zur WM gehört, aber nicht im WM-Design gestaltet ist? Dieses Planschbecken-Stadion, aus dem da der Ball raushüpft, hat nichts mit dem Look des Turniers zu tun. Nicht mal die Schrifttype stimmt, das müsste Duscha (Душа) sein. Beim Confed-Cup war das auch schon so – was es nicht leichter macht, wenn man versucht, den Ort zu finden, wo man seinen Ausweis abholt.

⚽ Maslow, Maslow, warum kommt mir der Name noch mal bekannt vor? Ach ja, die Bedürfnispyramide, damals im SoWi-Unterricht. Erfunden hat sie Abraham Maslow, dessen Namensvetter Denis heute Geschäftsführer beim FK Amkar Perm ist. Und es wäre mir ein akutes Bedürfnis, dass der Mann seine schwulenfeindlichen Statements künftig für sich behält – oder ihm zumindest ordentlich Kritik entgegenschlägt, wenn er sowas hier sagt:

„Schwule im russischen Fußball? Gottseidank bin ich noch keinem begegnet und ich hoffe, das bleibt auch so. (…) In der Bibel steht, dass Gott Adam und Eva schuf, nicht Adam und Adam.“ Bei den Spieler von Perm sei er sich jedenfalls sicher, dass alle „eine traditionelle Orientierung“ haben, behauptet Maslow weiter: „Alle Jungs sind entweder verheiratet oder leben mit ihrer Freundin.“ (Was, die leben unverheiratet zusammen? Was sagt denn da die Bibel?)

Lenta.ru protokolliert Maslows Äußerungen und weist zur darauf hin, dass es in Europa durchaus offen schwule Männer im Fußball gibt: Thomas Hitzlsperger als Profifußballer, den Briten Ryan Atkin als Schiedsrichter. Und ich frage mich, ob man da unten auf die Fan-ID vielleicht nicht nur „Say no to racism“ drucken könnte, sondern auch „Say no to homophobia“. Oder, ganz schlicht, „Don’t be an idiot.“

⚽ Zum Runterkommen eine kleine Nachricht von der Rheinland-Russland-Schiene. Normalerweise ist Konstantin Rausch ja immer der FC-Köln-Spieler, der auch zur russischen Nationalmannschaft gehört. Heute also mal andersrum: Der russische Nationalspieler Konstantin Rausch hat seinen Vertrag beim 1. FC Köln verlängert und bleibt nun bis 2021. Soundtrack zur Entscheidung: Wat och passeet, dat Eine es doch klor: Mer blieven, wo mer sin, schon all die lange Johr.

⚽ Begonnen hat diese Russball-Ausgabe mit einer leidensfähigen Fußballerin, enden soll sie also mit zwei nicht minder unerschütterlichen Nachwuchsmannschaften. Am Samstag sollten die Jugendteams des FK Amkar Perm und des FK Ural gegeneinander antreten – in Perm, also fast schon im asiatischen Teil Russlands. Anfangs war das auch ein ganz normales Spiel. Bis zur 35. Minute.

Nein, das ist kein Nebel. Das ist Schnee.

Viel Schnee.

Verdammt viel Schnee.

Wie sagt man noch mal „Abbrechen wegen Unbespielbarkeit“ auf Russisch? Keine Ahnung, und auch egal. Die 90 Minuten wurden ganz normal runtergespielt, nur der schwarzweiße Ball gegen einen bunten ausgetauscht. Am Ende stand es 5:1 für die Gastgeber; die dann vor lauter Glück noch eine endlose Fotostrecke des Schneematches veröffentlicht haben.

⚽⚽⚽

Während ihr das hier gelesen habt, bin ich auf dem Weg nach Tiflis – das Team von Coda Story, zu dem ich als Social Media Editor gehöre, trifft sich dort zur Redaktionsklausur. Mal sehen, vielleicht erzählt ja jemand am Rande eine interessante Geschichte vom georgischen Fußball. Die lest ihr dann nächsten Mittwoch hier – bis dahin, macht’s gut!



 

Weiterlesen

From Russia with Seufz

Jeder hat ja so seine Dinge, die ihn besonders schnell nerven. Nicht die ernsthaft furchtbaren, weltbewegenden Probleme, sondern die Kleinigkeiten, die am Geduldsfaden zuppeln: Hallo? Na? Noch elastisch? Bei mir sind das – Berufskrankheit – vor allem Sprachnachlässigkeiten. Wenn im Radio einer die indirekte Rede nicht richtig kann. Wenn in einem Artikel „scheinbar“ steht, wo „anscheinend“ stehen müsste.

Ausgelutschte, floskelige Formulierungen, vor allem in Überschriften, sind auch so eine Baustelle. Und da muss man hier in Moskau, wenn man sich viel aus englischsprachigen Medien informiert, vor allem eines ertragen: endlose Spielchen mit dem Originaltitel des James-Bond-Films, den wir auf Deutsch als „Liebesgrüße aus Moskau“ kennen.

Auf Englisch heißt er „From Russia with Love“, und es vergeht keine Woche, ohne dass irgendjemand glaubt, nun aber wirklich die eine Wortspielüberschrift gefunden zu haben, die der Welt noch gefehlt hat. Das klingt dann so:

From Russia, with 30 – Love (es geht um Tennis) 

From Russia with Bullets (Afghanistan)

From Russia with Mutts (Hunde)

From Russia with Love… and also adoptions (Donald Trump Jr.) 

From Russia with ‚I love it‘ (Donald Trump Jr.)

From Russia with Dirt (Donald Trump Jr.)

From Russia with Snow (Wetter)

From Russia with Lofts (Immobilien)

From Russia with Code (Spieleprogrammierer) 

From Russia with Risk (Finanzen)

From Russia with Gloves (Ok, der ist eventuell tatsächlich ganz lusti… Fußball, es geht um Fußball)

From Russia with Talent (Eishockey)

From Russia with Hockey (Eishockey)

From Russia with Size (Eishockey)

From Russia with Chaos (Putin)

From Russia with Laughs (Buchkritik)

From Russia with Fuel (Nordkorea)

From Russia with Fraud (Geldwäsche)

From Russia with Lust (Fernsehkritik)

From Russia with Style (Theater)

From Russia with Malice (Putin)

From Russia with Tech (Startups)

From Russia with Ambivalence (Kunst)

From Russia with Incompetence (Filmkritik)

From Russia with Incomprehension (Reise)

From Russia with Caviar (Kaviar)

From Russia with Trump (Donald Trump)

From Russia with Likes (Twitter)

From Russia with Hate (Desinformation)

From Russia with Bluff (Staatsmedien)

From Russia with Views (Bergsteigen)

From Russia with Lunch (Restaurantkritik)

From Russia with Loss (General Motors)

From Russia with Circus (Zirkustournee)

From Russia with Rev (Geländewagen)

From Russia with Crime and Punishment (Reisen)

From Russia with Cybercrime (Hacker)

From Russia with Fear (Taxifahren)

From Russia with Poison (Desinformation)

From Russia with Fireworks (Raumfahrt)

From Russia with Questions (US-Präsidentschaftswahl)

From Russia with Jazz (Jazz)

From Russia with Laughter (US-Präsidentschaftswahl)

From Russia with Loneliness (Sport)

From Russia with Nuance (Fernsehserien)

Die Liste wäre noch länger, hätte ich mich nicht auf den Zeitraum seit Anfang 2016 beschränkt. Allein auf der Seite der New York Times gibt es seitenweise Google-Treffer mit „From Russia with…“ in der Überschrift, beim Guardian sieht es kaum besser aus. Eine Formulierung, so abgenutzt wie Varianten von „Ziemlich beste Freunde“ in deutschen Überschriften

Also, liebe englischsprachigen Kollegen: Das Thema ist durch, wirklich. Kein Bedarf mehr. Null.

Es sei denn, es möchte jemand eine Hymne auf den unglaublich leckeren Reiseintopf schreiben, den man hier in vielen Restaurants bekommt. „From Russia with Plov“ geht noch durch. Ausnahmsweise.

 

Weiterlesen

Russball, Folge 20: Liebe Kaliningrader, bitte keine Fußballfans hauen!

Russball kscheib Suus Agnes 2 signed

Goldene Regel für Russlandkorrespondenten: Egal, wie wenig dein Bericht wirklich mit dem Präsidenten zu tun hat, wie wenig der sich für das Thema interessiert oder darauf Einfluss nimmt: Putin muss in die Überschrift.

Dein Redakteur freut sich, weil er sofort weiß, wie er das Thema bebildert. Dein Leser freut sich, weil er jemanden wiedererkennt. Selbst die Suchmaschine würde sich freuen, wenn sie es könnte. Okay, du strickst mit an einem Putin-Bild, das ihm noch mehr Macht zuschreibt, als er ohnehin schon hat. Aber hey, Regeln sind Regeln. Womit wir beim Thema wären.

⚽⚽⚽

⚽ „Wird Russland bei der Fußball-WM 2018 Putin blamieren?“, fragt also regelkonform Newsweek-Autor Teddy Cutler. Was folgt, ist eine ziemlich lange Passage, die grob sagt: Ist echt nicht schön für einen WM-Gastgeber, wenn die eigene Mannschaft beim Turnier im eigenen Land schwach spielt. Cutler meint, sich unter anderem an ein 7:0 von Deutschland gegen Brasilien bei der letzten WM zu erinnern. Joah. Nö.

Was uns der Artikel trotz seiner Putin-Überschrift eigentlich sagen will, kann man auch einfach hier bei TASS nachlesen: Russland ist im monatlichen FIFA-Ranking weiter abgerutscht, auf Platz 65. Das sagt allerdings nur bedingt etwas über die tatsächliche Stärke der Mannschaft aus: Als Gastgeber muss sich Russland nicht für die WM qualifizieren. Während andere Mannschaften also Punkte aus der Quali sammeln, punktet die russische Nationalelf nur bei gelegentlichen Freundschaftsspielen, die für die FIFA-Statistiker deutlich weniger zählen.

⚽ Apropos: Gerade haben sich Russland und Brasilien auf ein Freundschaftsspiel im kommenden Frühjahr geeinigt. 23. März in Moskau, das steht fest – in welchem Stadion wird noch bekanntgegeben. Jedenfalls hat der Präsident des brasilianischen Fußballverbands versprochen, keine B-Mannschaft zu dem Spiel zu schicken, sondern auch Stars wie Neymar.

⚽ Kleiner Service für die Anhänger von Lokomotive Moskau oder generell alle Fußballfans, die sich einfach besser über den russischen Ligafußball informieren wollen: Der aktuelle Tabellenzweite hat seit der vergangenen Woche nun auch einen englischen Twitter-Auftritt. Wer ihm jetzt folgt, kann also später behaupten, von Anfang an dabei gewesen zu sein. Der erste Tweet zeugt schon mal von Humor:

⚽  Rassismus und Hooligans – zwei Themen, um die es hier bei Russball schon oft ging und – traurig, aber garantiert – auch noch öfter gehen wird. Heute diesmal nur ganz kurz und in Zahlen: Rassistische Idioten unter den Fans von Spartak Moskau haben ihrem Verein eine Strafe eingebrockt. Beim nächsten Spiel im Rahmen eines UEFA-Wettbewerbs muss ein Block von mindestens 500 Sitzplätzen frei bleiben. Stattdessen soll dort ein Banner für Toleranz und Gleichberechtigung wehen.

Die zweite Zahl betrifft die bei der Fußball-Weltmeisterschaft gesperrten russischen Hooligans. Stand 9. Oktober stehen auf der offiziellen Liste des russischen Innenministeriums 374 Menschen, die keine WM-Veranstaltungen besuchen dürfen. Manche sind sogar bis zum Jahr 2020 gesperrt. Auch der Name Alexeij Jerunow, einer der brutalsten russischen Hooligans, soll sich auf der Liste finden.

⚽ Kaliningrad wird der westlichste WM-Austragungsort sein, und Bürgermeister Alexander Jaroschuk ist schon voll im Thema. In einem Radiointerview hat er nicht nur eine Vision von Staus und Überfüllung an die Wand gemalt („der Verkehr wird sehr stark eingeschränkt sein, nahezu verboten, bis auf Shuttlebusse für Fans“), sondern auch direkt noch die Kaliningrader zum Wohlverhalten aufgerufen.

Wer Englisch spricht, sagte Jaroschuk, soll sich nützlich machen und Touristen helfen oder zumindest ein bisschen Smalltalk mit ihnen machen. Vor allem aber, ganz wichtig: Bitte keine angereisten Fußballfans verhauen! Ach so, und wer sich fragt, wie eine Stadt von rund 400.000 Einwohnern mit erwarteten 70.000 bis 100.000 Besuchern umgeht – auch da hat der Bürgermeister einen Plan: Die Kaliningrader, schlägt er vor, sollten am besten die Stadt verlassen und sich irgendwo auf dem Lande ein bisschen entspannen.

Kaliningrads Bürgermeister Alexander Jaroschuk
Kaliningrads Bürgermeister Alexander Jaroschuk
(Foto: Westpress Kaliningrad/ A. Podgorchuk, Klops.ru/ CC-BY-SA 4.0)

⚽  Selbst die Militär- und Geheimdienstexperten vom Fachdienst Jane’s widmen sich der Fußball-Weltmeisterschaft. Den Fußballfans, die zur WM nach Russland reisen, sagen sie „ein erhöhtes Risiko von Verletzungen und Schäden an ihren Besitztümern“ voraus.

Weitere Kernaussagen: Cyberattacken seien wahrscheinlich, bei Taschendiebstahl oder Raub müsse man sich darauf gefasst machen, dass die russische Polizei wenig hilfreich sei und dem Vorfall womöglich gar nicht erst nachgehe. Russlandreisende „mit nicht-weißem ethnischem Hintergrund“ müssten außerdem damit rechnen, „zum Angriffsziel von Fußballfans oder von radikalen Gruppen zu werden.“ Weitere Details will das Jane’s-Team veröffentlichen, wenn im Dezember die Spielansetzungen feststehen.

⚽ Wo wir gerade bei Warnungen für WM-Reisende sind: Die ägyptische Website „Youm7“ greift einmal ganz tief in die Stereotypenkiste und warnt die Fußballfans unter ihren Lesern davor, sich eine Russin anlachen zu wollen. Geldgierig seien die, entweder sehr dünn oder sehr dick, selten irgendetwas dazwischen. AP hat mit der Autorin des Artikels gesprochen – sie legt Wert auf die Feststellung, das seien keine Vorurteile, sondern ihre persönlichen Erfahrungen.

Einen Grund gibt es übrigens tatsächlich, weshalb die WM-Reisevorbereitungen für Ägypter deutlich aufwendiger sind als für andere Landsleute: Seit Ende 2015 ein russisches Passagierflugzeug über dem Sinai abgestürzt ist, hat Russland alle Flugverbindungen zwischen den Ländern gestoppt. Dass sie in den wenigen Monaten bis zur Weltmeisterschaft wieder aufgenommen werden, ist unwahrscheinlich.

⚽ Und noch ein WM-Reisender, aber fangen wir mit einer kleinen Textaufgabe an: Joseph B. ist Präsident eines großen Sportverbandes. Im Rahmen eines Korruptionsskandals sperrt ihn der Verband im Jahr 2015 für acht Jahre von all seinen Sportveranstaltungen. B. geht in Berufung, die Sperre wird auf sechs Jahre reduziert. In welchem Jahr darf Joseph B. wieder zu einer Sportveranstaltung gehen? Rechne vorteilhaft.

Wer als Antwort 2021 ausgerechnet hat, darf sich zwar ein Fleißkärtchen nehmen, wird sich aber im kommenden Jahr wundern. Denn was die Textaufgabe vergaß, zu erwähnen: Joseph B. ist gut befreundet mit Wladimir P., in dessen Land 2018 eine große Sportveranstaltung stattfindet. Dank persönlicher Einladung seines Freundes wird B. nun also doch im Stadion sein. Der Sportfunktionär B. mag gesperrt sein, der Privatmann B. hingegen reist zur Weltmeisterschaft. Und was sagt die FIFA? „So lange er dort keine offizielle Funktion hat, dürfte das in Ordnung gehen.“

⚽  Ziemlich viel Ausblick auf die WM war das jetzt, darum zum Schluss noch ein Blick in die Neue Zürcher Zeitung. Deren Autor denkt einen Schritt weiter und geht der Frage nach, was eigentlich nach dem Turnier aus den prächtigen neuen Stadien wird. In Wolgograd zum Beispiel spielt dort dann der FC Rotor, der sich aktuell so gerade noch in der 1. Division (Russlands zweiter Liga) hält. Eine Arena, von der in Deutschland selbst mancher Erstligist nur träumen kann:

⚽⚽⚽

Zum Schluss noch eine Frage. Fändet ihr es nützlich, wenn ich in Zukunft in jeder Russball-Folge einen Tipp zur WM-Reisevorbereitung einbaue? Was man vorher kaufen, runterladen, lesen, einpacken sollte? So ein bisschen wie diese App-Sammlung hier, aber eben auch Bücher, Kleidung, Sprachkurse und anderes Reisezubehör für Fußballfans? Sagt mir gerne Bescheid, was ihr davon haltet – entweder per Blog-Kommentar oder bei Twitter. Ich bin gespannt!



 

Weiterlesen

Was tut die Sowjetfrau, wenn Mode sie überfordert?

Hier sollte eigentlich ein Blogpost stehen über ein Heft mit Schnittmustern, das 1970 in der Sowjetunion veröffentlicht wurde. Gefunden hatte ich das schon vor Monaten, immer mal wieder versucht, darüber zu schreiben, und war immer unzufrieden. Bis mir auffiel: Ich bin hier eigentlich überflüssig.

Die Illustrationen sind so wundervoll typisch für die Siebziger – die Frisuren, die Wimpern, die Brillen, die Stoffe! Und auch den Begleittext, den die schneidernde Sowjetfrau da an die Hand bekommt, kann man in seinem professionellen „Komm, Mädchen, ich erklär dir die Welt“-Ton auch nicht toppen. Also: Hier eine kleine Collage.

***

„Immer noch verirren wir uns recht oft in der Vielfalt neuer Modelle in Illustrierten, zeitweise ohne für uns selbst etwas Neues zu finden. Sich einfach für Mode zu interessieren und dabei nichts für sich zu finden ist wirklich zu wenig. Wir möchten, dass die Mode uns dient, und wir können es erreichen. Aber wie?“

kscheib sowjetmode brille

„In diesem Heft bieten für uns die Künstler nicht nur einzelne, selbständige Modelle an, sondern zeigen uns, wie man mit Hilfe von Einzelteilen und Ergänzungen ein ,einsames‘ Kleid, einen Anzug, einen Kleiderrock so umwandeln oder variieren kann, dass man im Laufe der Woche jeden Tag anders aussieht.“

kscheib sowjetmode mäntel

„Ein Pullover, den man heutzutage mit einem Rock trägt, wirkt sehr originell, wenn Sie dazu ihren Lieblingsschmuck anlegen.“

kscheib sowjetmode rot

„Wenn eine junge Frau 20 Jahre alt und eine Studentin ist, so denkt sie wahrscheinlich daran, wie man aus ein paar Sachen solche Bekleidungsmöglichkeiten erstellt, die ihr Aussehen siebenmal pro Woche verändern könnten.“

kscheib sowjetmode kleid

„Dafür muss man nur zwei Kleidungssätze besitzen: erstens – einen schrägkarierten Rock und eine Weste, und zweitens – einen weißen Faltenrock und eine ärmellose Tunika, sowie als Ergänzung dazu einen feinen, z. B. schwarzen, blauen oder braunen Pullover, zwei Blusen, kariert und einfarbig, am besten in Weiß, einen langen Seidenschal, ein gemustertes Tuch (als Halstuch) und einen einfarbigen Wollschal für die Herbsttage.“

kscheib sowjetmode muster

„Es wäre gut, dazu noch zwei Gürtel zu besitzen: einen breiten Ledergürtel und einen aus Metallringen.“

kscheib sowjetmode tailliert

„Anziehungskraft und Weiblichkeit liegen in Ihren Händen. Der Schlüssel dazu – Vielfältigkeit und Wandelbarkeit der Bekleidung.“

kscheib Sowjetmode karo

***

 

Fertig – damit stellt sich endlich nie wieder die Frage, welches meiner karierten Kleiderstücke ich morgen anziehen soll! Wer jetzt noch lesen will, was eine geübte Selbstnäherin aus diesen Schnittmustern alles herauslesen kann, findet die Antwort bei Kakakiri im Blog.

Weiterlesen

Russball, Folge 19: Würdet ihr mit dieser Frau eine WM-Unterkunft teilen?

Russball kscheib Suus Agnes 2 signed

Wenn keiner deiner Freunde dich mehr in Moskau besuchen kommen will, dann weißt du: Es ist Herbst. Zeit, all die Restfahrten auf den zurückgebliebenen Metrotickets aufzubrauchen und statt zweimal nur noch einmal die Woche ins georgische Restaurant zu gehen. Nachsaison.

Was im Privatleben stimmt, sieht im offiziellen russischen Terminkalender allerdings ganz anders aus. Mitte November kommt die spanische Nationalmannschaft zu einem Freundschaftsspiel ins St. Petersburger Stadion – ja, genau, das mit dem Dachschaden. Und für einen noch unklaren Termin vor Jahresende hat sich auch der britische Außenminister Boris Johnson angesagt – ja, genau, der mit dem Dachschaden. Ich weiß jedenfalls, bei welchem Besuch ich lieber dabei wäre.

⚽⚽⚽

⚽ Diese Fußball-Woche hat mit einer ziemlich steilen Lernkurve für mich angefangen. Aus russischen Medien war zu erfahren, dass es eine isländische Website namens „The Reykyavik Grapevine“ gibt, und dass diese wiederum weiß, wo die frisch qualifizierten Isländer während der Fußball-Weltmeisterschaft in Russland wohnen wollen: Gelendschik soll Islands Fußballverband (Knattspyrnusamband Íslands. Nein, ich denk mir das nicht aus.) sich auserkoren haben, einen Ort nicht weit von Sotschi. Da war ja beim Confed-Cup die deutsche Nationalmannschaft untergebracht und liebäugelt mit der Idee, dort auch nächstes Jahr wieder zu wohnen.

Nicht nur stößt man beim Rumlesen auf „The Reykyavik Grapevine“ auf schwarzhumorige Überschriften wie „Verunglückte Schweine durften sich erst mal ausruhen, ehe sie geschlachtet wurden“. Man erfährt auch, dass das WM-Hotel zwar „nicht ganz wie Walhalla“ ist, aber immerhin von der FIFA empfohlen wird. Auf deren Seite ist das Hotel „Nadeschda“ bereits als komplett ausgebucht markiert. Schnell noch ein Blick auf den Instagram-Account des Hotels: Sowjetsoldaten. Sideboob. Die Frau mit dem blauen Haarnetz. Ich habe so viele Fragen.

⚽ Einem russischen TV-Bericht zufolge sollen neben Island und England (siehe Russball-Folge 18) noch einige weitere Teams bereits wissen, wo sie ihr WM-Quartier einrichten wollen. Russland behält selbstverständlich seinen Standort in Nowogorsk, nordwestlich von Moskau. Der Iran hat sich Kaluga, 200 Kilometer weiter südlich, ausgesucht, während Brasilien und Spanien sich wie die Isländer für die Region Krasnodar, also das Gebiet rund um Sotschi, entschieden haben sollen.

Wäret ihr ein Fußballverband und auf der Suche nach einem Quartier für euer Team, wäre übrigens das hier die Website eurer Wahl: http://tbc-russia2018.com/ – „tbc“ steht für „Team Base Camp“. Dort könnt ihr mehr als 60 mögliche Standorte anschauen, nach Regionen sortieren, nach Sonderwünschen filtern und untereinander vergleichen: Wie viele Zimmer, wie viele Sterne, wie weit vom Flughafen? Aber auch: Wie weit zum Trainingsplatz, und können Paparazzi oder neugierige Fans ihn einsehen? AirBnB für Nationalmannschaften.

⚽  Alisa ist keine Spielerfrau, hat aber trotzdem mit Fußball zu tun. Was Siri für Apple ist und Alexa für Amazon, das soll Alisa für Yandex sein, Russlands großen Technologiekonzern. Man kann die App also zum Beispiel fragen: „Alisa, wie viele Menschen leben in Moskau?“, und Alisa sagt dann „In Moskau leben 12 380 664 Menschen.“ Alles ganz einfach?

Nicht so ganz. Denn bei Fußballfragen bekommt Alisa Loyalitätsprobleme, das ist gleich mehreren Nutzern aufgefallen. „Magst du ZSKA?“, hat jemand sie gefragt – „Ich liebe ZSKA“ – „Und wer wird russischer Fußballmeister?“ – „Zenit.“ Auch auf Fragen nach Spartak antwortet Alisa mit Zenit-Parolen – Details dazu hier. Probehalber habe ich sie dann noch gefragt, ob Russland denn wohl nächstes Jahr Fußball-Weltmeister wird. Diplomatische Antwort: „Das sehen wir ja dann.“

⚽ Wie sehr Zenit St. Petersburg die Premjer-Liga dominiert, davon war hier ja schon das ein oder andere Mal die Rede. Ein Ergebnis vom vergangenen Spieltag verdeutlicht das nun noch mal ganz besonders, obwohl es auf den ersten Blick gar nicht für eine starke Zenit-Leistung spricht: Es war ein 0:1 gegen Arsenal Tula. Das ist ein Verein, den man (ganz im Gegensatz zu Zenit) eher im Mittelfeld der Tabelle findet.

Warum das Resultat trotzdem ein Beleg dafür ist, wie viel stärker Zenit im Vergleich zur Konkurrenz ist? Weil es die erste Niederlage des Vereins in der aktuellen Saison war. Zwölf Spieltage lang nur Siege oder mal ein Unentschieden, erst am 13. musste die Mannschaft sich wieder mit dem Gefühl auseinandersetzen, als Verlierer vom Platz zu gehen.

⚽  Vom Tabellenersten Zenit zum aktuellen Schlusslicht. Bloß neun Punkte hat Anschi Machatschkala in 13 Spielen gesammelt, als einzige in der Liga hat die Mannschaft aus Dagestan damit eine zweistellig negative Tordifferenz, nämlich -17. Russian Football News hat Gründe dafür gesammelt, vom abrupten Trainerwechsel nach nur sechs Spielen über weggekaufte Spieler bis hin zu Problemen bei der Chancenverwertung. Die ganze Analyse, mit allerlei bunten Diagrammen, gibt es hier. Und wer sich beim Blick auf die Überschrift „Anzhi, are you OK?“ fragt, woran die noch mal erinnert: Bitte hier ab 1:40 beim Refrain mal gut zuhören.

⚽  Zur Fußball-Weltmeisterschaft wird in Moskau das Angebot an kostenlosem WLAN weiter ausgebaut. In der Metro, im Bus, in Cafés und Restaurants gehört das schon jetzt zum Standard, nun sollen drei weitere Bereiche mit Gratis-WIFI versorgt werden: Moskaus Straßen, Kultureinrichtungen, und öffentliche Anlagen wie Universitäten und Parks.

Laut Wedomosti sind Ausschreibung und Vergabe soweit erledigt (drei separate Betreiber für die drei Bereiche, das kann noch lustig werden). Interessant ist aber vor allem die Frage, für wen und für wie lange diese Infrastruktur überhaupt sinnvoll ist. Mit den vielen WM-Gästen steige die Belastung der Mobilfunknetze, schreibt das Blatt, das Gratis-WLAN solle sie entlasten und den Fans hohe Roamingkosten ersparen. Andererseits werde nach der Weltmeisterschaft das Interesse wohl stark nachlassen, zitiert Wedomosti einen Experten: Vor allem in der Moskauer Innenstadt ist die LTE-Abdeckung gut, und mobiles Internet ist hier ohnehin billig.

⚽  Statistiken gehören zum Fußball dazu – Ballbesitz, Schüsse aufs Tor, gelbe Karten, rote Karten. Bombardir.ru hat allerdings eine kleine Kollektion eher ungewöhnlicher Daten zu Russlands oberster Fußball-Liga gesammelt. Und so halten wir hier einmal kurz inne und schicken warme Gedanken voller Mitgefühl an Eric Bicfalvi. Der Rumäne von Ural Oblast Swerdlowsk ist aktuell der meistgefoulte Spieler im russischen Premjer-Liga-Fußball. 4,1 mal pro Match muss er sich wieder aufrappeln, nachdem ihn ein Gegner umgenietet hat. In der bisherigen Spielzeit sind so schon 45 Fouls an Bicfalvi zusammengekommen.

⚽⚽⚽

Zum Schluss noch eine Runde nutzloses Wissen, präsentiert von der Taschenrechner-App auf meinem Handy: Selbst wenn alle 334.252 Isländer nächsten Sommer kollektiv zur Weltmeisterschaft nach Russland reisen, dann kriegen sie gerade mal die Hälfte aller WM-Stadien voll. Wenn ihr diesen Fakt demnächst beim Fußball-Fachsimpeln mit Freunden erwähnt, dann weist sie doch gerne auch direkt auf dieses Blog und den Russball-Newsletter hin. Danke!



 

Weiterlesen

Russball, Folge 18: Wo Englands Elf bei der Fußball-WM wohnen wird

Russball kscheib Suus Agnes 2 signed

Die 18. Russball-Folge schon, endlich volljährig! Okay, andere haben noch sehr viel wichtigere Zahlen zu feiern. Russlands Präsident Putin zum Beispiel ist am Wochenende 65 geworden – auf dem Gabentisch lag unter anderem italienische Bettwäsche. Neid!

⚽⚽⚽

⚽  Keine 250 Tage mehr bis zum Anpfiff der Fußball-Weltmeisterschaft hier in Russland. Nach und nach wird klarer, welche Mannschaften teilnehmen dürfen – auch Deutschland hat sich qualifiziert, ihr habt das eventuell mitbekommen. „Fast im Trainingsmodus erspielten sich die Deutschen den ersten (Gruppen)Platz“, schreibt Championat. „Erinnern sie sich, wie Deutschland 2014 die WM gewann?“, fragt Futbol und ergänzt: Seitdem habe „das deutsche Fließband die nächste Ladung Spitzenspieler geliefert, die für fünf Nationalmannschaften ausreichen würden.“

Sport Express sieht deshalb ein Luxusproblem auf den Bundestrainer zukommen: „Im Frühjahr 2018 wird Löw ein großes Problem haben: Wie wählt man aus all den besten Spielern Deutschlands die 23 für den WM-Kader aus?“ Einer wird garantiert dabei sein, da sind sich Russlands Sportjournalisten sicher: Joshua Kimmich, der „neue Lahm“. Kimmich, der 2017 als einziger bei allen Länderspielen eingesetzt wurde. Kimmich, „der neue Star des ‚Bundesteams‘.“

⚽ Auch England ist dabei bei der WM, und im Gegensatz zu Deutschland ist auch schon klar, wo die Mannschaft wohnen wird:

Nein, okay, nicht in diesem kleinen Erdloch, aber quasi nebenan. ForRestMix heißt das Hotel in Repino bei St. Petersburg, eher nett und adrett als eine Luxusabsteige. Blümchenlampenschirme. Zierkissen. Beigetöne. „Ein Kontrast zu den opulenten Unterkünften der Vergangenheit“, formuliert der Guardian diplomatisch.

Bei Tripadvisor kommen zwar im Schnitt 4,5 Punkte zusammen, einige Gäste teilen diese Einschätzung jedoch nicht: „furchtbar stickig“ – „überteuert“ – „riecht immer noch wie ein Sanatorium aus Sowjetzeiten“. Die Journalistin Amie Ferris-Rotman, von der auch der Tweet oben ist, hat sich bei den Anwohnern umgehört und festgestellt: Besonders scharf auf das englische Team sind die auch nicht. Immerhin, es gibt einen Nachtclub, sogar mit Themenabend. „Schuluniform-Party“, anyone?

⚽ Wer sich nicht qualifiziert hat, ist die Ukraine. Da hatte es vor dem entscheidenden Spiel gegen Kroatien in russischen Medien durchaus Spekulationen gegeben: „Wird die Ukraine verlieren, um nicht nach Russland zu müssen“, hatte beispielsweise Argumenty i Fakty gefragt. Die Annexion der Krim, der Konflikt in der Ostukraine – das alles ist im Alltag präsent und hat natürlich auch Auswirkungen auf Großveranstaltungen, wie zuletzt beim Eurovision Song Contest.

Selbst die Flugverbindungen von Kiew nach Moskau sind seit Jahren eingestellt. Meldungen, welche ukrainischen Fans, Funktionäre, vielleicht gar Spieler bei der Einreise Probleme hatten, wird es rund um dieses Turnier nun also nicht geben. Die Ukraine wiederum muss nicht entscheiden, ob sie eine WM auf russischem Boden boykottiert – was Konsequenzen von Seiten der FIFA hätte haben können.

⚽ Zenit St. Petersburg trauert um seinen Sportdirektor: Konstantin Sarsania galt als der Mann hinter dem Erfolg des Clubs in den vergangenen Jahren. Am vergangenen Freitag fühlte er sich unwohl und wurde ins Krankenhaus gebracht, wo er am Tag darauf starb, offenbar an einer Thrombose. Wie sehr er Zenit geprägt hat, kann man bei Russian Football News im Detail nachlesen. Sarsania wurde 49 Jahre alt.

⚽ Am Montag war ich morgens im Hotel Baltschug-Kempinsky, was exakt so nobel ist, wie es klingt. Die Moscow Times, mein früherer Arbeitgeber, hat ihre Jubiläumsausgabe vorgestellt. Gegründet hat die Zeitung vor 25 Jahren ein Holländer, Derk Sauer, der seit kurzem auch wieder der Besitzer ist. Die Botschafterin der Niederlande war also da, sprach am Rande auch über Fußball und die theoretisch ja noch total vorhandene Chance, dass ihr Team sich noch qualifiziert – wir waren alle zu taktvoll, um zu widersprechen.

Interessant war auch noch eine Info am Rande: Eigentlich gibt es die Moscow Times inzwischen nur noch online, wenn nicht gerade Jubiläum ist. Während der Fußball-Weltmeisterschaft nächsten Sommer, bei der Moskau ja einer der Austragungsorte ist, wird es sie allerdings kurzfristig wieder als Tageszeitung geben. Nützlich für diejenigen Fans, die kein Russisch können, aber doch zumindest Englisch – also schon mal merken.

⚽ Eine neue Folge unserer beliebten Serie „Ronaldinho hat keine Prinzipien, dafür aber Grund zum Lächeln, wenn er am Kontoauszugdrucker steht“: Zu Putins oben schon erwähntem Geburtstag gab es in Grosny ein Fußballspiel, angeleiert vom dortigen Gewaltherrscher, Ramsan Kadyrow. Ex-Fußballprofis aus Russland und Italien sollten bei dem tschetschenischen Match gegeneinander antreten, Ronaldinho wurde also als Teilzeitrusse durchgewunken. Auch Kadyrow hatte sich aufgestellt und alle, die wussten, was gut für sie ist, bildeten brav eine Rettungsgasse von ihm bis zum Tor.

Dass Ronaldinho sich gerne mal vor Kadyrows Karren spannen lässt, ist ja nichts Neues – siehe Russball-Folge 6. Neu auf der „Sind vor nix fies“-Liste begrüßen wir außerdem: Salvatore Schillaci, Fabrizio Ravanelli und Marco Delvecchio.

⚽ Erinnert ihr euch an diesen Fußballkommentator, der ewig bei 1Live in den O-Ton-Charts lief? „Der steht nicht im Abseits! Du blinder Linienrichter! Du Blindmann, verdammt noch mal! Das geht doch auf keine grüne Kuhhaut…“ Boris Rupert war das damals, 2001 bei Borussia Dortmund (danke an Birthe fürs schnelle Finden!), und endlich, endlich gibt es nun ein würdiges russisches Gegenstück.

Ein nicht gegebener Elfmeter, ein nicht gepfiffenes Handspiel, und der Livestream-Kommentator und Pressesprecher von Torpedo Wladimir war nicht mehr zu halten: „Elfmeter! Was machst du denn? Das ist ein Elfmeter! Eine Schande für den russischen Schiedsrichterverband – da könnt ihr mich ruhig für bestrafen! Hand! (…) Eine Schande für den russischen Fußball!“ Und dann, der wütende Abgang: „Schauen Sie Fußball ohne Kommentator! Auf Wiedersehen!“. Der Rest ist Schweigen. Zum Nachhören gibt es den Rant hier.

⚽⚽⚽

Während dieser Blogpost entstanden ist, hat Russland 1:1 gegen den Iran gespielt und Katalonien sich wider Erwarten nicht für unabhängig erklärt. Damit liegt dann auch die clevere Idee, dem FC Barcelona ein neues Zuhause in der russischen Liga zu finden, erst mal auf Eis. Dabei hatte der FK Jenissei Krasnojarsk sich das doch alles schon so schön überlegt. Wenn’s doch noch was wird, erfahrt ihr das nächste Woche hier – bis dann!



 

Weiterlesen

Putin der Woche (XLVIII)

kscheib putin der woche berlusconi bettwäsche

Gesehen: Auf dem Instagram-Account der italienischen Textilienfirma Lenzuolissimi.

Begleitung: Silvio Berlusconi, der Putin diesen Satz Bettwäsche zum 65. Geburtstag geschenkt hat, im Vordergrund. Allerlei Architektur und Flaggen im Hintergrund.

Text: Keiner

Subtext: Vladimir, carissimo! Wir alten Knacker mit zweifelhafter Auffassung von den Aufgaben eines Staatschefs müssen doch zusammenhalten. „Politics makes strange bedfellows,“ sagt man auf Englisch, jetzt gilt das endlich auch wortwörtlich. Wie sagt man „bunga bunga“ auf Russisch?

Oben-Ohne-Punkte: 5/10 für die komplett unbedruckten Kopfkissen

Weiterlesen

Putin der Woche (XLVII)

kscheib Putin der Woche Caviar iphone

Gesehen: Im Online-Shop von Caviar – einer Firma, die sich auf allerlei Putin-Bling spezialisiert hat.

Begleitung: Die Basiliuskathedrale, der Kreml, alles schön aus Gold.

Text: „V.V. Putin, 2018“. Dazu eine Produktbeschreibung: Das Rot soll an die russische Verfassung erinnern. Die ganze Handy-Hülle schließlich stehe für „die Wünsche und Hoffnungen derjenigen, die bereit sind, Wladimir Putins Kandidatur bei der kommenden Präsidentschaftswahl zu unterstützen“.

Subtext: Samstag hat der Präsident Geburtstag, und bisher bekommt er nur eine Oppositionsdemo geschenkt. Komm, da fällt uns doch was besseres ein. Handyzubehör für seine Unterstützer – los, wir schreiben „limitierte Auflage, nur 65 Stück“. Lustig, das merkt der nie!

Oben-Ohne-Punkte: 0/10

Weiterlesen

Russball, Folge 17: Wohin mit den Fans, wenn das WM-Stadion zu klein ist?

Russball kscheib Suus Agnes 2 signed

Es war so ein guter Plan gewesen: ein Sonntag auf der Datsche, draußen Herbst, drinnen Tee und ein Laptop, um an diesem Blogpost zu schreiben. So hatte ich mir das vorgestellt, bis der Link zum „Virtuellen Museum“ von Zenit St. Petersburg dazwischen kam. Alte Fußballregelbücher, Plakate, Trophäen, Schuhe… eventuell habe ich mich da ein klein wenig festgelesen.

Immerhin, ein bisschen was habt ihr auch davon, denn sonst könnte ich nicht zu dieser Adidas-Sporttasche aus den Siebzigern verlinken. In den Jahrzehnten davor war die Ausrüstung sowjetischer Fußballer immer in der Sowjetunion hergestellt worden, dann folgte, so die Museumsmacher, eine vorsichtige Öffnung: Es gab die ersten importierten Trainingsklamotten aus Finnland. Die Tasche bekam ein Zenit-Spieler schließlich bei einem Freundschaftsspiel in Westdeutschland geschenkt – „einer der ersten Markenartikel, den unsere Mannschaft je erhalten hat.“

⚽⚽⚽

⚽ „Russlands Fußball-Nationalmannschaft bekommt einen weiteren Legionär“, titelt Lenta.ru. Es geht um den Kölner Abwehrspieler Konstantin Rausch, der ja neulich schon mal bei einem Freundschaftsspiel Russland – Dynamo Moskau ran durfte. Nun hat die FIFA also abgenickt, dass Rausch auch bei offiziellen Länderspielen für Russland antreten darf.

Gemeinsam mit Roman Neustädter wird er zum Kader gehören, wenn Russland am Samstag gegen Südkorea und am Dienstag gegen den Iran spielt. Für die Leser, denen Rausch noch kein Begriff ist, reicht Lenta noch eine kurze Info nach: In der aktuellen Saison habe Rausch bisher fünfmal für Köln gespielt und sei dabei „nicht durch erfolgreiche Aktionen aufgefallen.“

⚽  Damit bei der Fußball-Weltmeisterschaft genügend Fans ins Stadion von Jekaterinburg passen, mussten die Architekten improvisieren. Die Lösung, die in diesen Tagen dort entsteht, erinnert an einen Klapptisch: Eine der Tribünen wird derzeit so weit nach oben verlängert, dass die Zuschauer de facto außerhalb des Stadions sitzen und hinein blicken in Richtung Spielfeld.

Man kann das „unglaublich“ finden wie The Sun oder Facepalm-würdig wie manche Sportjournalisten. Oder man nimmt es einfach philosophisch: „Wenn du dich einsam fühlst, dann denk einfach an die Tribüne in Jekaterinburg, die ganz alleine außerhalb des Stadions steht.“

⚽ Kleiner Service für Fans von Borussia Dortmund: Bei ESPN gibt es ein ausführliches Spielerporträt von Alexander Golowin, an dem seit dem Sommer offenbar sowohl der BVB als auch Arsenal interessiert sind. Der Mann ist 21, spielt bei ZSKA Moskau und gilt als einer der besten jungen Spieler, die Russland derzeit zu bieten hat. Drahtig und wendig ist der Mittelfeldspieler, der seit zwei Jahren auch zum Kader der Nationalmannschaft gehört. Für die WM im kommenden Jahr gilt er als gesetzt.

⚽ Allmählich läuft das hier auch an mit dem Weltmeisterschafts-Merchandising: Neulich war ich abends noch im Buchladen Dom Knigi, nach einem Geburtstagsgeschenk für den großen Bruder von Patenkind 3 suchen. Und da, zwischen den ganzen anderen Schulutensilien, lagen diese Hefte mit Zabivaka, dem WM-Maskottchen in allerlei Posen. Für 20 Rubel das Stück (30 Cent), also hab ich mal den ganzen Fünfer-Satz mitgenommen. Vielleicht ja ein Thema für einen eigenen Blogpost, wenn mir in den nächsten Tagen noch mehr Merchandising begegnet.

kscheib Russball Fußball-WM Zabivaka Maskottchen

⚽ Für einen Euro hat der Russe Alexander Grinberg 2013 den FC Marbella gekauft, der spanische Klub steckte damals tief in den roten Zahlen. Seitdem müssen dort allerdings deutlich höhere Summen geflossen sein, nicht nur in saubere Geschäfte. Denn nun hat die spanische Polizei nicht nur Vereinspräsident Grinberg, sondern gleich ein ganzes Dutzend Menschen aus seinem Umfeld festgenommen. Der Vorwurf: Geldwäsche und Zugehörigkeit zur russischen Mafia.

⚽ Gerade erst haben die Fans von Spartak Moskau ihrem Verein ein Auswärtsspiel vor leerem Gästeblock in Sevilla eingebrockt, da droht dem Verein schon neuer Ärger. Beim Spiel gegen den FC Liverpool in der vergangenen Woche gab es mehrere Vorfälle, die nun von der UEFA untersucht werden, auch Rassismusvorwürfe stehen im Raum. Letzteres gilt übrigens nicht nur für das eigentliche Champions-League-Spiel der beiden Vereine, sondern auch für die Begegnung ihrer Nachwuchsmannschaften in der Uefa Youth League.

⚽ Zugunsten von Menschen mit Kinderlähmung gab es am vergangenen Freitag ein Benefiz-Fußballspiel in der Sapsan-Arena, dem kleinen Stadion, in dem die Jugendmannschaft von Lokomotive Moskau ihre Spiele austrägt. Russlands Sportminister Pawel Kolobkow hat mitgespielt, NOK-Chef Alexander Schukow, diverse Wirtschaftsbosse. Vor allem aber war ein Mann auf dem Platz, an den sich Schalke-Fans noch gut erinnern. Und siehe da: Marcelo Bordon sieht noch haargenau so aus wie damals:

⚽ Nachdem der Ticketverkauf für die Fußball-Weltmeisterschaft im kommenden Sommer angelaufen ist, bekommen allmählich auch die Flughafenbetreiber eine genauere Vorstellung davon, was da so auf sie zukommt. In St. Petersburg zum Beispiel hat die Leitung des Flughafens Pulkowo mal durchgerechnet und erwartet nun für 2018 ein Plus von zehn Prozent bei den Reisenden.

An Domodedowo, Moskaus größtem Flughafen, soll unterdessen die Ladenfläche fast vervierfacht werden, damit Fußballfans möglichst viel Geld in den Geschäften lassen und der Flughafenbetreiber seine Mieteinnahmen steigern kann. Aus Deutschland gibt es Flugverbindungen von Berlin, Düsseldorf, Frankfurt, Leipzig und München nach Domodedowo.

⚽⚽⚽

Als Rausschmeißer noch ein Stück aus dem Guardian, das nur am Rande mit Russland zu tun hat: „Terrace diplomacy: when football fans get political“ gibt einen guten Überblick, welche Fans sich in letzter Zeit mit Bannern politisch positioniert haben. Spartak-Fans hatten zum Beispiel Anfang des Jahres gegen eine Hooligan-Doku der BBC protestiert, andere Banner forderten Beispielsweise die Rückgabe der Elgin Marbles an Griechenland oder kritisierten die UEFA.

Nächste Wochen schauen wir dann mal, wie sich Russland in seinen beiden Länderspielen geschlagen hat. Wem das zu lange dauert: Alle alten Russball-Folgen könnt ihr hier nachlesen.



 

Weiterlesen