Die neue Moschee in Moskau – ein Rundgang auf Socken

Sicherheitsschleuse, Tasche durchleuchten lassen, quer über den Hof zum Fraueneingang der Moskauer Moschee. Schuhe ausziehen und ins Regal, Kopftuch aus der Handtasche kramen – als Frau in Moskau ist das ein vertrauter Griff.

Kann schließlich immer sein, dass man an einer orthodoxen Kirche vorbei kommt und sie gerne besichtigen würde. Wer dann ein eigenes Tuch dabei hat, muss sich nicht auf eines der Leihexemplare einlassen, die am Eingang verteilt (und anschließend an die nächste unbetuchte Besucherin weitergereicht) werden.

Heute also mal keine Kirche, sondern die riesige neue Kathedralmoschee. Keine fünf Monate ist die Eröffnung her, trotzdem war es eine andere Welt, in der wir damals lebten: Putin und Erdogan im Schulterschluss beim gemeinsamen Rundgang – so viel Eintracht zwischen den beiden ist heute schwer vorstellbar.

Ein Blick durch den Innenraum der Moschee

 

Sulfija Ismailowa, die uns herumführt, erzählt von den unterschiedlichen Nationalitäten, die am Bau der Moschee beteiligt waren. Ja, die prächtige Kuppel mit ihren Blautönen haben türkische Künstler ausgemalt: Koranverse in goldener Schrift, weiter unten eine Auswahl der Namen Allahs, „leider nur 40, für alle hat der Platz nicht gereicht.“

Die alte Moschee war längst zu klein geworden, zur neuen hat Sulfija allerlei Zahlen mitgebracht. 1500 Kilo schwer der Kronleuchter, 79 Meter hoch das Minarett, 57 Meter die Kuppel, oben drauf 12 Kilo Blattgold, innen drin Platz für 10.000 Gläubige und daher, mit denen in Rom und London, eine der größten Moscheen Europas. In den Teppich unter unseren Sockenfüßen ist ein Muster eingewebt, das für ordentliche Reihen an Betenden sorgt, alle mit demselben Abstand.

Noch interessanter als die Zahlen zum Bau und dem Auffrischungskurs zum Thema Islam (die fünf Säulen sind hier im Gebäude tatsächliche Säulen, neben jeder steht eine kleine Vitrine, etwa mit einem hellen und einem dunklen Faden für den Ramadan) ist aber, was Sulfija nebenbei erwähnt.

Dass „Allah“ schlicht „Gott“ bedeutet und nicht auf den Islam begrenzt ist – Schulwissen, klar. Aber dass arabische Christen „Allah“ sagen und damit die Dreifaltigkeit meinen, ist schon sehr viel anschaulicher. Als Sulfija die Regel erwähnt, dass man anderen Menschen nur das wünschen soll, was man sich selber wünscht, stehe ich plötzlich in Gedanken wieder an Kants Grab in Kaliningrad.

Zum Schluss gibt es nicht nur ein Wiedererkennen, sondern auch noch ein kleines Russisch-Erfolgserlebnis: „Wir dürfen nicht behaupten, dass unsere Religion besser ist als andere“, erklärt Sulfija, „Nur Gott ist der Richter.“ Den Nachsatz verstehe ich, ehe er aus dem Russischen ins Deutsche übersetzt wird. Schließlich haben wir ihn vergangenes Jahr im Chor gesungen – als Teil eines Rachmaninow-Stücks mit russisch-orthodox geprägtem Text.

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