Polizei und Kacheln – so war das in Usbekistan

Usbekistan kscheib Samarkand Bibi-Chanum-Moschee

Wie war das in Usbekistan? Es ist der Blogpost, den ich seit Monaten schreiben will, und der immer irgendwie liegen geblieben ist. Wegen der WM, ja, aber eben auch, weil es mir schwer fällt, dieses Land, durch das wir im April gereist sind, in einen durchgängigen Text zu zwingen.

Es sind einfach zu viele Eindrücke: Dass Khiwa, die alte Stadt in der Wüste, im Prinzip nur aus drei Farben besteht: Sandbraun für die Mauern, dazu Kacheln in Blau und Türkis. Dass das Brot hier nicht nur lecker, sondern ausgeprägt schön ist, vor allem in Samarkand. Dass die sowjetischen Protzbauten und die postsowjetisch-usbekischen so viel gar nicht unterscheidet.

Dass man bei so gut wie jeder Unterkunft, sei es ein Hotel oder eine schlichte Pension, aufs Dach hinauf darf, dort einen Tee trinken und über die Stadt gucken. Dass man auf der Suche nach Shampoo plötzlich in einem kleinen Geschäft eine Flasche „Head and Shouders“ (ja, ohne l) in der Hand hält, Duftrichtung: „Knoblauch“. Respekt, usbekischer Markenpirat, du hast Humor!

Dass die alten Paläste in Städten, die entlang der Seidenstraße erblühten, im Innenhof oft einen großen, flachen Sockel hatten, falls die Nomadenverwandtschaft vorbei kam und ihr Zelt aufstellen wollte. Dass die Madrasas eine prächtiger als die anderen sind. Dass die Züge hier schnell, sauber und klimatisiert sind wegen der Touristen, aber vor jeder Zugfahrt reihenweise Passkontrollen anstehen – vor dem Bahnhof, am Eingang zum Bahnhof, beim Verlassen des Bahnhofs Richtung Bahnsteig, beim Einsteigen.

Dass es diesem Land ein Anliegen war, schon vor der Anreise unmissverständlich mitzuteilen: Ja, okay, ihr zwei Journalisten dürft hier urlauben, aber kommt mal bloß nicht auf die Idee, hier herumzujournalisten! Ach so, und Fotoverbot in der Metro, ne? Ist klar! Autoritäres Regime und Seidenstraßenromantik, Polizeikontrollen und Kachelkunst, die zwei Schwerpunkte dieser Reise.

Die erzählenswerteste Geschichte trug sich in Samarkand zu, der Stadt, deren Hauptplatz an drei Seiten von Koranschulen flankiert wird, eine prachtvoller, imposanter und blau-türkis-gekachelter als die andere. Tagsüber stehen wir auf diesem Platz, dem Registan, schauen und staunen.

Usbekistand kscheib Registan Samarkand

In einem Reisereportagen-Buch findet sich eine Anekdote, in der der Autor abends an genau diesem Platz von einem Aufseher angesprochen wird, in etwa so: „Na, gefällt Ihnen Samarkand?“ – „Ja, sehr.“ – „Und wie finden Sie die Architektur hier?“ – „Beeindruckend.“ – „Aber wäre das nicht noch schöner, wenn es beleuchtet wäre?“ – „Ja, stimmt.“ – „Alles klar, 10 Dollar für jeden aus ihrer Gruppe.“ Eingesammelt, der Aufpasser legt einen Schalter um, das Licht geht an. Usbekistan gilt als eines der korruptesten Länder in der Region, wir grinsen über die Geschichte und denken nicht weiter nach.

Abends sind wir noch mal am Registan, alles ist beleuchtet, ohne dass jemand nachhelfen müsste. Der Platz selbst ist abends gesperrt, man kann nur an der nicht bebauten Seite entlang eines Zauns stehen und rüberfotografieren. Hier ein Grüppchen Touristen, da noch eins, ich stehe ein wenig am Rand, da kommt ein Polizist: „Na, woher sind Sie?“ – „Aus Deutschland.“ – „Reisen sie mit einer Gruppe“ – „Nein, nur zu zweit.“ – „Gefällt Ihnen Samarkand?“ – „Ja, sehr.“ – „Und wie finden Sie die Architektur hier?“ – „Beeindruckend.“ – „Haben Sie sich die Madrasen schon angesehen?“ – „Ja.“ – „Aber wäre das nicht noch schöner abends, wenn da sonst niemand drin ist?“

Usbekistand kscheib Registan Nacht Samarkand

15 Dollar später schiebt er den Zaun an der Ecke ein wenig zur Seite und winkt uns durch. Ein Manöver zwischen Routine und Ausnahme: Einerseits merkt man sofort: Der macht das nicht zum ersten Mal. Andererseits ist es ihm ein großes Anliegen, dass wir den Weg quer über den leeren Platz laufen, statt nur zu gehen – als würde das irgendwas daran ändern, dass all die Touristen auf der anderen Zaunseitee uns sehen.

Usbekistan Samarkand kscheib Ulugbek-Madrasa

Hinein in die Madrasa zur linken, sie heißt Ulugbek nach dem Khan, der sie im 15. Jahrhundert bauen ließ und so für die Ordnungshüter von Samarkand die Gelegenheit schuf, sich 600 Jahre später ein wenig Geld hinzu zu verdienen. Tagsüber darf man hier nur das Erdgeschoss und den Innenhof besichtigen, und wer die Treppe sieht, die wir nun hochsteigen in den ersten Stock, der weiß, warum.

„Nicht zu nah an den Rand heran, sonst fallen Sie runter“, sagt der Polizist noch, dann sind wir allein. Umgeben von, natürlich, blau und türkisen Wänden, viele Jahrhunderte alt, im Dunkel des Abends. Kacheln und Polizei, Polizei und Kacheln. So war das in Usbekistan.

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Russball, Folge 58: Torpedo Moskau knickt vor rassistischen Fans ein

 

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In der Russball-Ausgabe nach Mesuz Özils Rücktritt aus der Nationalmannschaft müssen wir auch hier über Rassismus und Fußball sprechen. Nachdem es während der WM in dieser Hinsicht ja weitgehend ruhig geblieben war, ist das Thema nun wieder präsent. Ansonsten geht es diese Woche um Bier, um einen Bären und darum, woraus genau einige WM-Gäste ihre Transparente fürs Stadion gebastelt haben.

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⚽ Ihr erinnert euch vielleicht an die Sache mit Erving Botaka, um die es letzte Woche hier schon mal ging: Botaka ist schwarz, als Torpedo Moskau ihn verpflichtete, gingen die Nazis unter den Ultras auf die Barrikaden: „Auf unserem Trikot gibt es Schwarz, aber in unseren Reihen nur Weiße“, so hieß einer ihrer rassistischen Slogans. Damals sah das noch nach einer unerfreulichen Randbegebenheit aus: Rechtsextreme Fans machen Krawall, viele andere Fußballfans halten dagegen.

Seitdem ist etwas Erschütterndes passiert: Kurz, nachdem die Ultras ihren Rassismus ins Netz hineingerotzt hatten, knickte die Vereinsspitze von Torpedo ein und verkündete: Botaka werde nun doch nicht zum Kader für die neue Saison gehören, es fehle das Geld für die Ablösesumme. Schon klar. Als wäre irgendein Fußballverein so naiv, so einen Kernaspekt eines Transfers nicht vor der Verkündigung zu klären.

Auf der Webseite von Torpedo ist bis heute das Interview online, das die Vereins-Pressestelle mit Botaka geführt hat, als man seine Verpflichtung verkündete. „Ich werde für den Verein kämpfen, ich werde mir Mühe geben, stets mein bestes Spiel zu zeigen. Am wichtigsten ist, dass die Fans mich akzeptieren.“ Immerhin: Fußballfans protestieren weiterhin gegen den Umgang mit Botaka, auch der Chef der Spielergewerkschaft äußert sich deutlich: „Der Fußball darf nicht zu einem Zurschaustellen rassistischer Überzeugungen werden.“ ⚽ Ist halt auch nicht einfach mit der doppelten Verneinung: In Russland braucht man zwei Nein-Aussagen, um etwas wirklich zu verneinen – „in Wladiwostok bin ich noch niemals nicht gewesen“, „ich hab an der Tür geklingelt, aber niemand hat nicht aufgemacht.“ Vermutlich liegt darin der Grund für eine zimelich absurde Falschmeldung, die Sport Express am Dienstag veröffentlicht hat: „Zenit, die Modepolizei: Verein warnt Fans vor Trikotkauf“, hieß es dort sinngemäß. (Inzwischen steht dort eine neue Fassung des Artikels, vor der Umleitung sieht man aber noch kurz die URL mit der ursprünglichen Schlagzeile.) Was war passiert?

Nun, das englischsprachige Social-Media-Team des Vereins hatte in voller Trump-Manier die Feststelltaste gedrückt und in Großbuchstaben allen gedroht, die eventuell vorhaben könnten, dieses Trikot nicht zu erwerben. Angelehnt an Trumps manischen Iran-Tweet, den ja in den letzten Tagen so einige parodiert haben. Für die Redaktion von Sport Express muss sich dieses „Never think about not buying“ wie ein „denk nicht mal daran, das hier zu kaufen“ gelesen haben. It’s not uncomplicated.

⚽ Statistiken dazu, was die WM gekostet hat, wie viele Fans gekommen sind und wie voll die Stadien waren, haben wir in den letzten Wochen ja nun wirklich genug gesehen. Diese Zahl allerdings war mir neu und so interessant, dass sie hier ihren Platz verdient hat: Aus den kostenlosen Zügen, mit denen Fußballfans während des Turniers durch Russland fahren konnten, wurden „Souvenirs“ im Wert von einer Million Rubel geklaut, das sind rund 13.500 Euro.

Decken, Bettbezüge, Untersetzer waren laut einem hochrangigen Mitarbeiter der russischen Bahn besonders beliebt bei den zugfahrenden Fans. Und noch etwas wurde häufig geklaut: Bettlaken. Aus denen, so der Bahn-Mann, hätten die Reisenden dann Banner gebastelt.

⚽ Russian Football News hat einen Ausblick zusammengestellt, wie sich Russlands Nationalmannschaft entwickeln muss, wenn sie bei künftigen Turnieren ähnlich gut abschneiden will wie bei der WM im eigenen Land. Unter anderem auf der Liste: junge Spieler besser fördern, kein Limit mehr für ausländische Spieler in der Premjerliga, mehr russische Spieler bei ausländischen Vereinen. Dieser Punkt ist von den dreien sicherlich am schwierigsten umzusetzen, weil man ihn nicht so einfach anordnen kann.

⚽ Bei Sports.ru gucken sie in diesen Tagen intensiv auf die russische Nationalmannschaft und in die Zukunft. Dabei geht es nicht nur darum, welcher Nationalspieler künftig bei welchem Verein spielt. „Wo sehen wir das nächste Mal die Auswahl?“ ist ein Artikel überschrieben, in dem es um die kommenden Länderspiele geht. Bei einem Voting schließlich will die Redaktion es genauer wissen und blickt sogar noch weiter nach vorne: „Schafft es Russland zur Europameisterschaft 2020?“ lautet die Frage, die die Mehrheit der Leser mit „aber sicher“ beantwortet. Wär schon schön, zumal Russland ja einer der zahlreichen Gastgeber des Turniers sein wird.

russball voting euro 2020

⚽ Was bleibt von der WM? Hier in Russland ist es eine Debatte über Bier im Stadion. Also, richtiges Bier, mit Alkohol. Während des Turniers sind nicht nur die Fans auf den Geschmack gekommen, auch den Vereinen ist klar, dass sich da eine neue Einnahmequelle auftäte. So, wie bei Kummertastentanten gerne mal nach Rat „für einen Freund“ gefragt wird, kam auch hier der erste Vorstoß dadurch zustande, dass sich jemand, ganz altruistisch, für jemand anderen erkundigte: Rustam Minnichanow, Präsident von Tatarstan, ist selber Muslim, fragte aber „für unsere orthodoxen Brüder“ höflich bei Putin an, ob man das mit dem Bierverkauf nicht vielleicht auch in Zukunft so machen könnte wie während der WM.

Die „orthodoxen Brüder“ beziehungsweise ihre Kirchenoberen haben jegliches Interesse an Alkohol natürlich bereits weit von sich gewiesen, ebenso der Rat der russischen Muftis. Allein, es wird nichts bringen, denn Putin will die Sache nun prüfen, das klingt nach einem Ja, auch wenn der Präsident selbst ja bekanntlich keinen Alkohol trinkt. Zitat: „Na, wenn schon die Muslime fordern, dass wir mit dem Bier liebraler umgehen sollen…“

⚽  Dass die RFPL jetzt RPL heißt, klingt auf Anhieb vielleicht ein bisschen kryptisch. Tatsächlich reden wir von Russlands oberster Fußballliga, die sich bisher „Russische Fußball-Premjerliga“ nannte. Ab der neuen Saison, die dieses Wochenende beginnt, hat sie nun nicht nur ein neues Logo (der Bärenkopf, ihr erinnert euch), sondern auch einen Namen. Kürzer sollte er wohl sein, griffiger, und was lässt man da weg? Den „Fußball“, offenbar. Ein Signal gesunden Selbstvertrauens, schließlich heißt es auch nicht Bundesfußballiga. Im offiziellen Video zur neuen Spielzeit der Russischen Premjerliga tauchen übrigens diverse Spielernamen auf, die man seit der WM auch außerhalb von Russland kennt:

⚽ Ein Reporter der Moscow Times hat mit Kindern gesprochen, die an einem Fußball-Sommerlager in Moskau teilnehmen. Viele von ihnen erzählen, wie überrascht sie waren vom guten Abschneiden ihrer Nationalmannschaft: „Selbst nach dem Sieg über Saudi-Arabien habe ich noch gedacht, warum feiern denn alle? Es ist doch nur Saudi-Arabien.“ Um so motivierter sind die Nachwuchsspieler nun, und um so mehr wünschen sie sich, selbst mal fürs russische Team zu spielen.

Lustig auch, was sonst noch auf die Liste der WM-Höhepunkte aus Kinderperspektive gehört: die vielen Ausländer, vor allem, ihnen helfen zu können, wenn sie den Weg nicht wussten. Und: lange wach sein, weil der Krach von der Fanzone nebenan verhindert, dass man einschläft.

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Das war sie also, die letzte wöchentliche Russball-Ausgabe. Den Newsletter wird es zwar weiterhin geben – danke für die vielen positiven Rückmeldungen, die zu dieser Entscheidung geführt haben! Künftig kommt er aber nur noch einmal monatlich in eure Inbox geplumpst. Wenn euch dazwischen Themen begegenen, die mit Fußball in Russland zu tun haben und zu denen ihr gerne mehr wüsstet, freue ich mich über einen Zuruf – sei es hier in den Blog-Kommentaren oder bei Twitter. Macht’s gut!



 

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Russball, Folge 44: Die Mutter aller WM-Reiseführer

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Diese Russball-Ausgabe ist etwas anders als sonst. Ich treibe mich mal wieder rum in der Welt, außerhalb von Russland und meist offline. Aktuelles aus dem russischen Fußball gibt es hier also diesmal nicht, dafür aber etwas, das ich seit langem schon mal zusammenstellen wollte.

So viele Leute und Redaktionen haben inzwischen ihre Reiseführer zu den russischen WM-Gastgeberstädten veröffentlicht, unterschiedlich erhellend und mit unterschiedlichen Schwerpunkten. Hinzu kommen die Infos, die abseits der WM schön länger existieren. Aus all dem zusammen habe ich hier, Stadt für Stadt, das Beste rausdestilliert. Die Mutter aller WM-Reiseführer, damit ihr euch nicht selbst durch den Wust an Angeboten lesen müsst. Also: Willkommen auf der Metaebene und viel Spaß bei der Reiseplanung!

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⚽ Nischni Nowgorod. „The city with the best commute“ hat der Guardian Nischni Nowgorod mal genannt, die Stadt mit dem besten Weg zur Arbeit. Denn den legen einige Menschen hier inzwischen mit der Seilbahn zurück, wenn ihr Privatleben auf der einen Seite der Wolga stattfindet und ihr berufliches auf der anderen. Bei Wikitravel sind sie in Sachen Sehenswürdigkeiten nicht unnötig überschwänglich: „Im Kreml gibt es eine Kirche, ein Kriegsdenkmal mit ewiger Flamme, ein annehmbares Kunstmuseum“, der Lonely Planet warnt vor einem „Mangel an guten Hotels“, weist aber immerhin auf schöne Restaurants in Kremlnähe hin (konkrete Restauranttipps hier). Was auch interessant klingt: diese Liste von Herrenhäusern, in einem von ihnen soll Peter der Große übernachtet haben.

Was muss man übers Stadion von Nischni Nowgorod wissen? 45.000 Sitze, die Architektur soll an die Wellen der Wolga erinnern. Nach der WM soll hier der örtliche Zweitligaverein Olimpjets Nischni Nowgorod seine Heimspiele austragen.

⚽ Jekaterinburg. Das Stadion in der östlichsten WM-Stadt ist vor alle für seine Tribüne bekannt, die aus dem Gebäude seitlich herausragt – das sorgt für spektakuläre Bilder. Fußballerisch ist Jekaterinburg allerdings keine Heldenstadt, aber immerhin hat Nationalspieler Fjodor Smolow mal beim FK Ural gespielt.

In Jekaterinburg wurde einst die russische Zarenfamilie ermordet, das Kulturmagazin „Calvert Journal“ weist auf den Weißen Turm hin, einen Wasserturm, der typisch ist für die Architektur des russischen Konstruktivismus (der Fernsehturm musste ja neulich dran glauben). Wer es lieber etwas nerdiger mag, schaut sich das QWERTY-Denkmal an oder sucht in der Stadt nach Spuren des alljährlichen Straßenkunst-Festivals „Stenograffia“. Oh, und ein Igel-Orakel haben sie in Jekaterinburg auch. Weiter geht’s von der östlichen zur westlichsten WM-Stadt.

QWERTY-denkmal

⚽ Kaliningrad. Geopolitisch wichtig, historisch interessant – über das frühere Königsberg gibt es viel zu erzählen. Das Stadion sollte eigentlich Ende März eröffnet werden, Schalke hatte sich, Gazprom sei Dank, angesagt. Das Spiel fiel aus, offiziell wegen Kälte. Während der WM finden hier mehrere Gruppenspiele statt, danach wird das Stadion „Baltika-Arena“ heißen – nicht nach dem Bier, sondern nach dem örtlichen Fußballclub. Apropos Bier: Von den Bars, in denen man in Kaliningrad Fußball gucken kann, kann ich das „Hmel“ (Hopfen) aus eigener Erfahrung empfehlen.

An jeder Ecke kann man in Kaliningrad Bernstein kaufen, oder noch besser: Man fährt aus der Stadt raus nach Jantarny, in den Ort, der nach dem russischen Wort für Bernstein benannt wurde. 95 Prozent der weltweiten Bernsteinmenge kommt hierher. Die offizielle FIFA-Seite empfiehlt, wenn auch in arg holprigem Deutsch, eine ganze Reihe Museen, von denen viele einen Deutschland-Bezug haben. Am Wichtigsten ist aber, dass in Kaliningrad Immanuel Kant geboren wurde und dort auch beerdigt ist. Fußball und Kant – die Verbindung liegt auf der Hand:

⚽ Rostow am Don. Ich bin ja arg versucht, die Liste der Rostower Sehenswürdigkeiten mit dem „Haus, das auf dem Kopf steht“ zu beginnen. Aber vielleicht fangen wir erst mal mit dem Stadion hier an: Es ist eine von mehreren WM-Arenen, die letztlich bescheidener ausfallen als die ursprünglichen grandiosen Pläne es vorsahen. Nach der WM wird die Zahl der Plätze von 45.000 auf 40.000 reduziert, und selbst die zu füllen dürfte schon eine Herausforderung werden für den FC Rostow.

Rostow ist die Partnerstadt von Dortmund und von Gera und liegt nicht weit von der ukrainischen Grenze. Man kann hier viel über die Geschichte der Donkosaken erfahren oder es sich einfach in einem der Fischrestaurants gut gehen lassen. Das Calvert Journal, immer eine gute Anlaufstelle für nicht ganz so mainstreamige Kulturtipps, weist auch auf Rostows Unterführungen hin, in denen man immer wieder Mosaike aus Sowjetzeiten findet, auch ein Bummel über den Markt klingt nach einer entspannten, nicht ganz so touristischen Idee.

⚽ Kasan. Für Kasan, das muss ich vielleicht vorweg schicken, habe ich eine Schwäche. Die freundlichen Menschen, der Kreml in seiner Kombination aus russischer Orthodoxie und Islam, die Uni, an der Lenin studiert hat. Das wird übrigens, vor allem für chinesische Touristen, ganz gezielt vermarktet. Wikitravel weist zusätzlich auf das „Museum des sozialistischen Lebens“ hin, beim Guardian kann man nachlesen, warum Kasan als Sporthauptstadt Russlands gilt.

Was noch? Mit dem Boot kann man sich von Kasan nach Weliki Bolgar schippern lassen und sich dort den „Tadsch Mahal von Russland“ ansehen (offiziell: die Weiße Moschee). Und wer sich eher für das Stadion interessiert als für Ausflüge ins Umland und Kulturprogramm: Der Guardian erklärt, was das Stadion mit einer Wasserlilie zu tun hat und was sein wichtigstes Alleinstellungsmerkmal ist.

Die Weiße Moschee bei Nacht
Die Weiße Moschee bei Nacht

⚽ Samara. Noch eine WM-Gastgeberstadt an der Wolga, der Fluss prägt das Bild der Stadt. Zu Sowjetzeiten durften Ausländer Samara nicht besuchen, weil die Stadt eine entscheidende Rolle im Raumfahrtprogramm der UdSSR spielte – mehr dazu im örtlichen Raumfahrtmuseum. Der Lonely Planet hält den für Stalin gebauten Bunker für die wichtigste Attraktion der Stadt, Wikitravel zählt eine ganze Reihe an Alternativen auf, die nicht so spektakulär, aber teilweise dennoch interessant sind (Bonus: Viele von ihnen kann man sich vorab per virtueller Tour ansehen).

Zum Stadion: Bilder vom Bau der Samara Arena gibt es hier, aktuell ist es das Stadion, das am weitesten hinter dem Zeitplan zur Fertigstellung hinterherhinkt. Wenn es denn mal fertig ist, soll es knapp 45.000 Zuschauer fassen und, in Anspielung an Samaras Geschichte, aussehen, als sei es gerade aus dem Weltraum gelandet.

⚽ Moskau. Dass Moskau die einzige Gastgeberstadt ist, in der WM-Spiele gleich in zwei Stadien ausgetragen werden, hat der eine oder andere vermutlich schon gehört, vielleicht auch, wie sich die Moskauer Begegnungen auf die beiden Spielorte verteilen und warum das Spartak-Stadion ein Chamäleon ist. Russian Football News hat außerdem einen guten Überblick über die vielen Moskauer Fußballvereine: Dynamo, Lokomotive, Spartak, Torpedo und ZSKA.

Kreml, Roter Platz, Basiliuskathedrale – die Klassikeer muss man hier ja kaum noch erwähnen. Der offizielle FIFA-Guide legt Besuchern neben dem Hotel Ukraina und dem Museum „Garage“ auch das Alte Telegrafenamt ans Herz, vergisst zu letzterem allerdings den Profitipp: Wer seitlich in den Gasjetnij Pereulok abbiegt, am Eingang irgendwas von „Coworking Space“ nuschelt und dann forsch in den Aufzug steigt, kann das Gebäude auch von innen besichtigen. Es ist noch Zeit übrig für einen Tagesausflug ins Umland? Außer dem Goldenen Ring bietet sich auch der Kunstpark in Nikola-Leniwets an.

Das Hotel Ukraina, im Hintergrund das Weiße Haus, Sitz der russischen Regierung
Das Hotel Ukraina, im Hintergrund das Weiße Haus, Sitz der russischen Regierung

⚽ Saransk. Die Hauptstadt von Mordwinien, das klingt erst mal nach Herr der Ringe. Tatsächlich liegt die eher kleine Stadt Stadt östlich von Moskau, ihr im Ausland bekanntester Einwohner ist Gérard Depardieu, der sich ja vor einigen Jahren nach Russland hat einbürgern lassen, der Steuern halber. Der Mann hat dort inzwischen sein eigenes Kulturzentrum. Die Liste der örtlichen Sehenswürdigkeiten ist kurz, zu ihnen gehört sicherlich das Museum für mordwinische Nationalkultur. Wenn das jetzt alles eher enttäuschend klingt, dann soll hier das Calvert Journal zitiert sein: „Saransk ist (…) eine Elegie an Billigbauten mit krass präsentierten farbigen Glasplatten und leuchtend buntem Stuck. Hier kann man die Kontraste, den Irrsinn und die Gastfreundschaft der russischen Provinz in ihrer Bestform erleben.“

Was das Stadion angeht, finden sich in diversen Quellen sehr unterschiedliche Einschätzungen. Während die offizielle FIFA-Seite poetisch textet, der Bau solle „Sonne, Wärme, Offenheit und Gastfreundschaft“ symbolisieren, sieht der Guardian die Vorzüge der Mordwinien-Arena eher nüchtern: Sie „liegt nah genug am Bahnhof wie auch am frisch fertiggestellten Flughafen für alle Fußballfans, denen eher nach Großstadtleben ist.“

⚽ Sotschi. Eigentlich müsste man immer vorweg schicken, dass „Sotschi“ hier nur so halb stimmt – wir reden von Adler, jedenfalls wenn es darum geht, wo die WM-Spiele stattfinden. Der Vorort liegt eine gute halbe Stunde von Sotschis Stadtzentrum entfernt, das kann man gut mit dem Bus fahren oder, für kleines Geld, auch mit dem Taxi. Andererseits, und das ist für anreisende Fans dann wieder sehr praktisch, liegt der Flughafen in Adler, das sorgt für kurze Wege zu vielen Hotels und ins Fischt-Stadion, das tagsüber sehenswert ist und bei Nacht erst recht. Wo kann man schon mal in der Halbzeitpause aufs Meer blicken?

Sotschi selbst ist ein seit Jahrzehnten populärer Bade- und Kurort, nach Restaurants und Cafés muss man also nicht lange suchen. Auch sonst ist die Stadt, sagen wir mal: touristisch durchaus entwickelt. Oder, etwas drastischer formuliert: „Sotschi ist ein heruntergekommenes Paradies mit Neonschildern, seltsamen Geschäften und sonderbaren Kuranwendungen, hat sich aber trotzdem einen gewissen Charme erhalten.“ Zwischen all dem Geblinke und der Musikbeschallung empfiehlt sich ein Besuch im Dendrarium, einer Art botanischen Garten, der am Hang mit Blick aufs Wasser liegt. Kühl, schattig, halbwegs leise – der perfekte Ort an einem heißen Sommertag.

Auf dem Weg ins Fischt-Stadion in Adler
Auf dem Weg ins Fischt-Stadion in Adler

⚽ Wolgograd. Das Stadion – 45.000 Plätze, ab 2014 ohne größere Zwischenfälle gebaut – liegt in Sichtweite der wichtigsten Wolgograder Sehenswürdigkeit: Auf dem Mamajew-Hügel erinnern eine riesige Frauenstatue und eine Gedenkhalle mit ewiger Flamme an die Opfer der Schlacht von Stalingrad. Selbst bei den Vorbereitungen für den Stadionbau wurden nicht explodierte Bomben aus dem Zweiten Weltkrieg gefunden. An neun Tagen im Jahr heißt die Stadt im Gedenken immer noch „Stalingrad“ statt „Wolgograd“.

Wer in Wolgograd lecker essen gehen will, orientiert sich am besten am „Foodball“-Blog, das Wolgograder Sprachstudenten auf Deutsch, Englisch und Russisch betreiben. Und biegt danach vielleicht noch Richtung „Alaska Bar“ ab – dort soll es Wassermelonenbier geben. Wenn das kein Alleinstellungsmerkmal ist.

⚽ Sankt Petersburg. Hier hat der russische Fußball seine Wurzeln, hier wurde selbst während der Belagerung im Zweiten Weltkrieg noch Fußball gespielt, um die Moral in der Bevölkerung zu unterstützen. Natürlich schaut man sich hier die Eremitage, den Newski-Prospekt und die Isaakskathedrale und die Admiralität an, dazu die Auferstehungskirche und und und… ihr seht das Problem, es gibt einfach verdammt viel zu sehen. Schließlich war das hier lange Zeit die russische Hauptstadt. Auch eine Fahrt mit der Metro lohnt sich wegen zahlreicher prächtiger Stationen (wie das Metrofahren funktioniert, steht hier). Und wenn man mit der Stadt durch ist, gibt es ja auch noch die ganzen Ziele im Umland wie den Lagodasee.

Am Stadion wurde rund zehn Jahre gebaut, manchmal leckt das Dach. Passend zur Größe der Stadt und des Topvereins Zenits ist die Arena hier auch deutlich größer, sie fasst rund 64.000 Zuschauer. Das ist schon ein ziemlich spektakuläres Bauwerk geworden – jetzt, wo es endlich fertig ist. Und überhaupt, zur Frage, warum das alles so lang gedauert hat, gibt es doch eine ganz leicht nachvollziehbare Antwort:

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Das Foto der Weißen Moschee ist von Ramil Photo360 unter CC BY-SA 4.0, das QWERTY-Foto ist von Kristina Wienand – vielen Dank! Nächste Woche bin ich dann wieder in Moskau und schreibe von da die nächste reguläre Russland-Folge. Bis dahin, macht’s gut!



 

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Russball, Folge 26: Moskau, Kasan, Sotschi

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Das war eine fleißige Woche seit der letzten Russball-Folge: Am Mittwoch haben Max-Jacob Ost und ich uns für seinen Rasenfunk-Podcast über den Fußball in Russland und vor allem die Vorbereitungen auf die Weltmeisterschaft im kommenden Sommer unterhalten: Russland vor der WM 2018 – Kurzpass 044.

Freitag dann die WM-Auslosung (dazu unten mehr), und am Montag hat VICE ein Interview gebracht, für das René Bosch und ich vor allem über Tipps für deutsche Fußball-Fans gesprochen haben, die nach Russland reisen wollen: Hotelpreise, Sprachkenntnisse, Visum, die wichtigsten Apps, die man vorher runterladen sollte. Und um meinen Lieblingsitaliener hier in Moskau ging’s auch: Was erwartet Fans in Russland?

Sowohl Max als auch René verdanke ich auch einige neue Blog-Leser, Twitter-Follower, Newsletter-Abonnenten – wie schön, herzlich willkommen! Heute geht’s fast ausschließlich um die WM, zum Start mit einem Blick auf die drei Städte, in denen die deutsche Mannschaft ihre Gruppenspiele austrägt.

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⚽ Muss ich Moskau überhaupt noch erklären? Kommt doch ständig vor hier, bei Russball und in den anderen Blogposts. Es ist die Stadt, wo die wichtigsten Sehenswürdigkeiten in jedem Bus mitfahren. Wo man das Leitungswasser besser nicht trinkt. Wo man im Sommer so schön Boot fahren kann oder sogar segeln. Die Stadt, wo du in der Metro-Station hoch gucken und die Liebe sehen kannst. Alles Dinge, die man hier als Fan erleben kann.

Was muss man fußballtechnisch über die Stadt wissen? Sie ist schuld daran, dass an der WM zwar zwölf Stadien, aber nur elf Städte beteiligt sind. Moskau darf zweimal ran, mit dem Luschniki-Stadion und dem von Spartak. Passt aber irgendwie ins Bild, schließlich hat diese Stadt auch gleich fünf große Fußballvereine hervorgebracht: Lokomotive Moskau, Dynamo Moskau, Spartak Moskau und ZSKA Moskau spielen in der ersten Liga, Torpedo Moskau in der dritten. Und wo wir schon mit Zahlen hantieren: Bei Lokomotive sind Russlands Fußballzwillinge beschäftigt, Alexei und Anton Miranchuk, beide auch Nationalspieler.

⚽ Dann also Kasan. Ich war da immer nur im Winter – das Erlebnis, mit Eisfischern ins Gespräch zu kommen, werden die deutschen Fußballer und ihre Fans im Juni wohl nicht haben. Dafür kann, wer immer hierher reist, eine russische Stadt erleben, in der Islam und Orthodoxes Christentum gleich stark vertreten sind – im örtlichen Kreml stehen die Mariä-Verkündigungs-Kathedrale und die Kul-Scharif-Moschee nicht weit voneinander entfernt. (Hier sieht man die Moschee bei Google Arts & Culture.)

Interessant an Kasan ist auch, dass Lenin hier studiert hat – einen Seminarraum, in dem er damals saß, kann man immer noch im Originalzustand besichtigen. Direkt vor dem Uni-Gebäude steht außerdem eine Lenin-Statue, die man aber kaum als Lenin erkennt. Keine Halbglatze, kein Bart, kein visionär ausgestreckter Arm. Der Kasaner Lenin sieht halb nach Babyspeck aus und halb nach Boygroup. Ist halt noch Student.

Ich wollte hier jetzt eigentlich noch was über die Kasan-Arena schreiben (laut WM-Werbung „das einzige Fußballstadion der Welt, in dem zwölf Schwimm-Weltrekorde aufgestellt wurden“). Dann habe ich einen Freund, der Sportreporter ist und bei ebendiesem Schwimm-Turnier war, gefragt, was potentielle WM-Reisende noch über Kasan wissen sollten. Er möchte ungenannt bleiben, weist aber darauf hin, dass es an der Bauman-Straße – Kasans Fußgängerzone – den Club „Coyote Ugly“ gibt. Dort tanzen Damen mit viel Energie und wenig Kleidung auf dem Tresen, und wenn, sagen wir mal, ein deutscher Sportreporter den Raum betritt, wird er zu einem besonderen Ritual genötigt: Man setzt ihm einen Bauarbeiterhelm auf, dann klopft ihm eine der Tänzerinnen kräftig mit einem Baseballschläger auf den Kopf. Anschließend muss er einen Wodka auf Ex trinken, und dann wird geschaut, was passiert. Kostet 15 Euro, umgerechnet.

Ich bin mir nicht ganz sicher, ob er die Geschichte als Warnung oder als Empfehlung gemeint hat.

⚽ Sotschi schließlich ist die dritte Stadt, in der die deutsche Nationalelf eines ihrer Gruppenspiele austragen wird. „Man kann den Fußballfans in Sotschi nur gratulieren zu dieser ausgezeichneten Auswahl an Teams“, schreibt eine lokale Nachrichtenseite. Interessant wird jetzt auch, ob sich das DFB-Team daraufhin nun entscheidet, wie während des Confed-Cups wieder in Sotschi zu wohnen. In den Worten von Leon Goretzka: „Es ist nicht das Verkehrteste auf der Welt, beim Frühstück aufs Meer zu blicken.“ Wer von Sotschi spricht, meint übrigens meist Adler, den etwas abseits gelegenen Vorort, in dem die olympischen Sportstätten wie auch das Fischt-Stadion liegen.

Die Gebäude des Olympischen Dorfs sind heute Hotels, es gibt also genug Unterkünfte der Kategorie „einfach, aber sauber“. Allerdings wohnt man dort dann ziemlich in der Pampa: links Hotel, rechts Hotel, kaum Busse. Selbst, wenn man sich mit dem Taxi in die Nähe vom Stadion bringen lässt, kann es gut noch mal 30 bis 45 Minuten Fußweg bedeuten, bis man am richtigen Eingang ist. Aber vielleicht gibt es während der WM ja einen Shuttle-Service.

Wer die Dreiviertelstunde nach Sotschi fährt – auf der Strecke gibt es einiges an Busverbindungen, mit teils recht drastisch argumentierenden Busfahrern – kann dort nicht nur im Hafen Wladimir Putins offizielle Yacht liegen sehen. Es lohnt sich auch unbedingt, in den botanischen Garten zu gehen. Vor zwei Jahren ist mein Moskauer Chor im Hochsommer bei einem Musikwettbewerb in Sotschi angetreten, und dieser Garten war so ziemlich der einzige Ort, wo man tagsüber gleichzeitig draußen und trotzdem im halbwegs Kühlen sein konnte.

⚽ Erst mal nicht in Sotschi spielen darf die Mannschaft von Brasilien – sie tritt in der Gruppenphase in Moskau, St. Petersburg und Rostow an. Dumm nur, dass die Brasilianer schon vor der Auslosung ihr WM-Quartier in Sotschi gebucht haben. Da löst das Moppern des Trainers über lange Anreisen dann nicht mehr ganz so viel Mitleid aus. Ähnlich sieht es auch bei den Engländern aus, die sich ja schon vor einigen Wochen für eine sowjetisch angehauchte Unterkunft irgendwo hinter Petersburg entschieden haben. Ihnen stehen nun folgende Anreisen zu den Gruppenspielen bevor:

Und überhaupt, wer sich jetzt über lange Anreisen beschwert, hat sich vermutlich vorher nicht allzu intensiv mit russischer Geographie befasst. Dabei sind Wladiwostok, Omsk, Irkutsk nicht mal Austragungsorte, der östlichste ist Jekaterinburg, was auf einer West-Ost-Achse durch Russland nicht mal auf halber Strecke liegt. Die Teams der russischen Liga müssen da für ihre Spiele um die Meisterschaft ganz andere Distanzen zurücklegen, in der zweiten Liga sind sie sogar noch länger unterwegs.

⚽ RBK hat Wirtschaftsexperten gefragt, was die Fußball-WM Russland wohl an Geld bringen wird. Das Ergebnis ist ernüchternd: „Aller Wahrscheinlichkeit nach ein Verlustgeschäft“ erwartet ein Analyst der Raiffeisenbank, ein anderer Fachmann sieht die Auswirkungen auf Russlands Wirtschaftswachstum „im Bereich…..“. Alles, was da kurzfristig an neuen Jobs in Hotels, Restaurants usw. geschaffen werde, breche quasi Mitte Juli wieder weg.

Unterm Strich sagt RBK daher 0,2 Prozent Wirtschaftswachstum durch die WM voraus – trotz Prognosen, wonach angereiste Fans hier rund 3 Milliarden Dollar ausgeben werden. Dmitri Peskow, Sprecher von Präsident Putin, hat auf die RBK-Analyse mit seiner eigenen Rechnung reagiert: Schließlich seien bei einer WM nicht nur die wirtschaftlichen, sondern auch die gesellschaftlichen Auswirkungen wichtig.

⚽ Langsam wird es Zeit, einen Weihnachtswunschzettel zu schreiben. Wobei in Russland ja Väterchen Frost die Geschenke bringt, und das auch erst an Silvester, aber egal. Dieser russische Fußballfan, der hier gerade bei Instagram die Runde macht, kümmert sich rechtzeitig:

Смешно как-то 😂#чм2018 #футбол #воображение

Ein Beitrag geteilt von Марина (@marina_budakova) am

Wer immer dieses Meme getextet hat, der ist gut im Gebrauch russischer Schimpfwörter. Auf Deutsch klingt das dann in etwa so:

– „Liebes Väterchen, ich habe nur einen einzigen Wunsch: Dass unsere Nationalmannschaft bei der WM im eigenen Lande nicht völlig abkackt.“
– „Alter, bin ich ein scheiß Zauberer oder was?“

⚽ Laut „Futbol“ soll in Russlands Premjer-Liga eine Art Fan-ID eingeführt werden. Das klingt auf den ersten Blick interessant: Schon beim Confed-Cup durfte ohne Fan-ID niemand ins Stadium, genau so wird es bei der WM sein – und man muss eine ganze Menge persönlicher Daten dafür angeben. Auf den zweiten Blick reicht dann aber auch ein normaler Ausweis oder Reisepass und damit der Datensatz, den man dem Staat anvertraut hat. Einfacher gesagt: Wer ins Stadion will, muss sich in Zukunft ausweisen können.

⚽ Zur WM-Infrastruktur gehören nicht nur Stadien, Hotels, Straßen und Züge. Wenn russische und internationale Fans ihre ganzen Selfies entspannt instagrammen wollen, brauchen sie auch anständiges Internet. Allein Moskau nimmt deshalb fast 15 Millionen Dollar in die Hand, dafür sollen in der Stadt mehr als 2000 neue WLAN-Hotspots entstehen. Dabei ist Moskau im Vergleich zu deutschen Großstädten schon jetzt super aufgestellt: Kostenloses WLAN in der Metro, in Parks, in vielen Bussen und Taxen, dazu in so gut wie allen Cafés und Museen. Ach so, und mobiles Internet – LTE natürlich – für ein paar hundert Rubel im Monat hab ich schon gesagt?

⚽ Leonid Sluzki ist wieder auf dem Markt. In seinem halben Jahr bei Hull City hat Russlands früherer Nationaltrainer nur vier Siege seiner Mannschaft erlebt, das war dann doch zu wenig. Für Hull heißt das: Schon wieder einen neuen Trainer suchen, den vierten seit Sommer 2016. Und für Sluzki? Kann gut sein, dass die Episode eher für als gegen ihn zählt – Erfahrung als Trainer in England, wer hat das in Russland schon?

Die Sluzki/Hull-Bilanz von Sports.ru klingt denn auch so: „Er holte 2017 zwar nur vier Siege, aber er lernte Englisch, arrangierte sich mit Spielern und Fans, deren Mentalität ihm fremd war, und war mit einer ganz anderen Art von Leistungsdruck konfrontiert.“ Erfahrungen, so der Kommentator, die Sluzki so in Russland nicht hätte machen können und von denen er in den nächsten Karriere-Jahrzehnten profitieren könne. Kann also gut sein, dass der ein oder andere russische Verein schon die Fühler Richtung Sluzki ausstreckt. (Wer übrigens, wie ich, bisher nicht wusste, warum Sluzki seine Karriere als Profifußballer früh beenden musste: Einfach mal ans Ende von diesem Guardian-Artikel hier scrollen. Ooooohhhh!)

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Mann, das ist heute eine lange Russball-Ausgabe geworden – und ich hab sogar noch ein paar zeitlose Links aufbewahrt für nächste Woche. Zum Schluss noch zwei Artikel, zu denen man nicht viel erklären muss, die aber in den nächsten Monaten für potenzielle Russland-Reisende nützlich sein könnten: Ein Überblick über alle russischen WM-Stadien und ein zweiter über die Zeitzonen, in denen sie liegen. Wer jetzt immer noch nicht genug hat: Alle alten Russball-Folgen zum Nachlesen gibt es hier. Bis nächste Woche!



 

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Die neue Moschee in Moskau – ein Rundgang auf Socken

Sicherheitsschleuse, Tasche durchleuchten lassen, quer über den Hof zum Fraueneingang der Moskauer Moschee. Schuhe ausziehen und ins Regal, Kopftuch aus der Handtasche kramen – als Frau in Moskau ist das ein vertrauter Griff.

Kann schließlich immer sein, dass man an einer orthodoxen Kirche vorbei kommt und sie gerne besichtigen würde. Wer dann ein eigenes Tuch dabei hat, muss sich nicht auf eines der Leihexemplare einlassen, die am Eingang verteilt (und anschließend an die nächste unbetuchte Besucherin weitergereicht) werden.

Heute also mal keine Kirche, sondern die riesige neue Kathedralmoschee. Keine fünf Monate ist die Eröffnung her, trotzdem war es eine andere Welt, in der wir damals lebten: Putin und Erdogan im Schulterschluss beim gemeinsamen Rundgang – so viel Eintracht zwischen den beiden ist heute schwer vorstellbar.

Ein Blick durch den Innenraum der Moschee

 

Sulfija Ismailowa, die uns herumführt, erzählt von den unterschiedlichen Nationalitäten, die am Bau der Moschee beteiligt waren. Ja, die prächtige Kuppel mit ihren Blautönen haben türkische Künstler ausgemalt: Koranverse in goldener Schrift, weiter unten eine Auswahl der Namen Allahs, „leider nur 40, für alle hat der Platz nicht gereicht.“

Die alte Moschee war längst zu klein geworden, zur neuen hat Sulfija allerlei Zahlen mitgebracht. 1500 Kilo schwer der Kronleuchter, 79 Meter hoch das Minarett, 57 Meter die Kuppel, oben drauf 12 Kilo Blattgold, innen drin Platz für 10.000 Gläubige und daher, mit denen in Rom und London, eine der größten Moscheen Europas. In den Teppich unter unseren Sockenfüßen ist ein Muster eingewebt, das für ordentliche Reihen an Betenden sorgt, alle mit demselben Abstand.

Noch interessanter als die Zahlen zum Bau und dem Auffrischungskurs zum Thema Islam (die fünf Säulen sind hier im Gebäude tatsächliche Säulen, neben jeder steht eine kleine Vitrine, etwa mit einem hellen und einem dunklen Faden für den Ramadan) ist aber, was Sulfija nebenbei erwähnt.

Dass „Allah“ schlicht „Gott“ bedeutet und nicht auf den Islam begrenzt ist – Schulwissen, klar. Aber dass arabische Christen „Allah“ sagen und damit die Dreifaltigkeit meinen, ist schon sehr viel anschaulicher. Als Sulfija die Regel erwähnt, dass man anderen Menschen nur das wünschen soll, was man sich selber wünscht, stehe ich plötzlich in Gedanken wieder an Kants Grab in Kaliningrad.

Zum Schluss gibt es nicht nur ein Wiedererkennen, sondern auch noch ein kleines Russisch-Erfolgserlebnis: „Wir dürfen nicht behaupten, dass unsere Religion besser ist als andere“, erklärt Sulfija, „Nur Gott ist der Richter.“ Den Nachsatz verstehe ich, ehe er aus dem Russischen ins Deutsche übersetzt wird. Schließlich haben wir ihn vergangenes Jahr im Chor gesungen – als Teil eines Rachmaninow-Stücks mit russisch-orthodox geprägtem Text.

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„Du bist der Nächste!“

Ein Sieg für Schalke, ein Kino-Besuch mit Freunden, ausgehen mit Kolleginnen zum Weltfrauentag. Es hätte ein gutes Wochenende sein können, wäre da nicht gleichzeitig ein Facebook-Post meines WAZ-Kollegen Sinan gewesen. Man liest die Wut und Frustration in jeder Zeile – denn für Sinan war der Schalke-Sieg das letzte positive Erlebnis am Samstag:

Ob es nun die Zug-Mitreisenden sind, ein Autofahrer oder die Gelsenkirchener Polizei: Klar wusste ich abstrakt, was Alltagsrassismus bedeutet. Aber so konkret und gehäuft mitzubekommen, welche Formen er annimmt, ist dann doch schockierend. Und verdient alle Öffentlichkeit, die es kriegen kann.

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