Hoffnung und Käsebrot

„Dein Blog verwaist“, sagt der Lieblingsbruder, „so langsam weiß ich, wo der Weihnachtstinnef herkommt„. Er sagt das, während wir Spanplatten auf einen Boden schrauben; die Sorte von Tätigkeit, bei der man gut reden kann.

Darüber, wie es sich anfühlt, wenn man normalerweise mit Sprache hantiert und plötzlich sprachlos ist. Über das tiefstmögliche Tief, auf einen Schlag 120 Kollegen zu verlieren. Über das höchstmögliche Hoch, noch mal Tante zu werden. Darüber, dass der Januar vermutlich von jemandem entworfen wurde, der in der Drehbuchschule ein paar Mal zu oft das Wort „Fallhöhe“ gehört hat.

Worüber schreibt man nach sowas? Vielleicht über Hoffnung. Und über Käsebrot.

Alle paar Monate gibt es bei uns an der Journalistenschule ein Online-Seminar, für Volontäre ist es Pflicht. Tag eins und zwei lehrt ein Kollege, an Tag drei darf ich abklatschen. Darf mit Volos darüber reden, wie wir in der Redaktion Facebook nutzen, Twitter und deren kleinen Nerdbruder Google Plus. Und darf das erleben, was wir Referenten den Käsebrot-Moment getauft haben: Auf die Frage, wer einen Twitter-Account hat, sagt früher oder später ein Volo: Hab ich nicht, brauch ich auch nicht. Mir ist egal, wer sich gerade ein Käsebrot macht.

Stimmt, es gibt bei Twitter viele überflüssige Einträge. Während dieser Blogpost entsteht, ist der letzte Tweet, in dem das Wort „Käsebrot“ vorkommt, neun Minuten her. Der davor 30 Minuten, und nein, der geht mit seiner blässliche Schrippe nicht mal als Foodporn durch.

Der Käsebrot-Spruch im Seminar ist trotzdem kein Zeichen von Erkenntnis, sondern von Dünkel. Alte Journalistenkrankheit, auch bei jungen Journalisten. Dabei haben wir doch gerade erst beim Stichwort #aufschrei gesehen, dass Twitter auch Substanz kann, Denkanstöße sogar. Grund zum Reinschauen, Umgucken, Anrecherchieren gibt es da genug.

Und das scheint auch die aktuelle Volo-Generation so zu sehen: Als wir 2010 mit diesem Seminar anfingen, fiel das Stichwort „Käsebrot“ meist gleich morgens am dritten Seminartag. Nach und nach wurde es später, und diesen Monat war es endlich so weit: Niemand hat das Wort „Käsebrot“ in den Mund genommen. Zum ersten Mal. Das macht Hoffnung.

(Hinweis: Ein Teil dieses Textes stand am vergangenen Samstag so ähnlich als „Netzhaut“-Kolumne in der WAZ-Wochenendbeilage.)

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