Russball, Folge 15: Jogi Löw gerät unter die Deutschlehrer

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Willkommen zur neuen Russball-Folge, die mit einer Zahl beginnt: 500.000. Laut FIFA sind schon mehr als eine halbe Million Bestellungen für WM-Tickets eingegangen, seit der Verkauf letzte Woche begonnen hat.

Im Moment läuft die erste von vier Verkaufsphasen, in der man feste Reihen von Karten kaufen kann, zum Beispiel für einen bestimmten Ort oder ein bestimmtes Team. Wer in Russland lebt, für den gibt es übrigens eine eigene Kategorie mit besonders preisgünstigen Tickets – schließlich haben viele Fans hier deutlich weniger Geld zur Verfügung als in anderen WM-Teilnehmerländern.

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⚽  Konstantin Rausch vom 1. FC Köln hat mit Futbol darüber gesprochen, wie es zu seinem Einsatz für die russische Fußball-Nationalmannschaft gekommen ist und welche Verbindungen er zu Russland hat. Es geht sowohl um seine Lebensumstände (in einem sibirischen Kuhkaff geboren, ab dem fünften Lebensjahr in Deutschland) als auch ums Sportliche (Ausdauer, Geschwindigkeit, gute Flanken nennt er als seine Stärken). Man kann den ganzen langen Riemen von einem Gespräch hier nachlesen.

Oder man nimmt einfach die Erkenntnis mit, dass es in Russland offenbar ein Ritual gibt, wie es klischee-russischer nicht sein könnte. Gerade hat Rausch erzählt, dass es für ihn nicht schwer war, einen russischen Pass zu bekommen, da erklärt ihm die Interviewerin: „In Russland haben wir eine Tradition: Wenn du deinen Pass erhältst, musst du als erstes die letzten beiden Ziffern deiner Passnummer ansehen. Sie stehen für die Anzahl der Liter Alkohol, die du zur Feier des Tages trinken musst.“ Ich könnte jetzt hier noch einen Witz mit Konstantin Rauschs Nachnamen machen, aber dafür bin ich mir zu fein.

⚽ Endlich mal eine Kick-Off-Veranstaltung, die den Namen verdient: Am Goethe-Institut hier in Moskau war letzte Woche großes Gewusel zum Start in ein russlandweites Projekt. Dabei lernen Kinder Deutsch, indem sie sich mit Fußball beschäftigen. Die Schüler zwischen 11 und 13 Jahren, die bei „Mit Deutsch zum Titel“ mitmachen, bekommen jede Woche zwei zusätzliche Unterrichtsstunden: eine zum Fußballtraining, eine zum Deutschlernen mit Fußballbezug.

kscheib Russball Goetheinstitut Wladislaw Schaworonkow

Zum Anpfiff (schön stilecht mit Trillerpfeife) waren einige Schüler aus Moskau direkt ins Institut gekommen. Wladislaw Schaworonkow, einer der beteiligten Deutschlehrer, hat das Foto aufgenommen – vielen Dank dafür! Der Schirmherr des Projekts spricht selber übrigens zwar nicht immer Hochdeutsch, aber gut, dafür kennt er sich mit der anderen Hälfte des Projektes gut aus: Jogi Löw hat den Job übernommen. Das kann man ja dann auch direkt mal als Anlass nehmen, um über Umlaute zu sprechen.

⚽ Hat man eigentlich mal wieder was gehört, wo die deutsche Nationalmannschaft während der Fußball-WM wohnen will? Letzter Stand war ja, dass Sotschi noch im Rennen ist – der Strand, die Ruhe, die kurzen Wege. Die USA jedenfalls haben sich laut Sports Illustrated bereits entschieden, und zwar für St. Petersburg. Jetzt fehlt nur noch eines: Die US-Mannschaft muss sich für das Turnier auch qualifizieren.

⚽  Spannung, Tore, Fangesänge, Debatten über Schiedsrichterentscheidungen. Einige Dinge, die die Fußball-Weltmeisterschaft mit sich bringt, fallen einem sofort ein. Russlands Zentralbank hat nun auf etwas hingewiesen, was wohl nicht jeder Fußballfan direkt mit der WM verbindet: Inflation. Durch die steigende Nachfrage werden demnach rund um die Austragungsorte wahrscheinlich die Preise steigen, wenn auch nur kurzfristig. Insgesamt sind elf Städte davon betroffen.

⚽ Pyros im Stadion sind in Russland leider keine Seltenheit. Beim Champions-League-Spiel von Spartak Moskau gegen Maribor flog aus dem Spartak-Fanblock eine Leuchtrakete in Richtung des deutschen Schiedsrichters Deniz Aytekin und nur knapp an ihm vorbei:

Die UEFA wird sich morgen, am Donnerstag, mit dem Vorfall befassen. Auf die Entscheidung blicken auch viele Engländer mit großem Interesse, denn Spartaks nächstes Spiel geht gegen den FC Liverpool. Falls die UEFA entscheidet, dieses Spiel zur Strafe ohne Publikum stattfinden zu lassen, würden viele Liverpool-Fans ihre Reisepläne sicher noch mal überdenken.

⚽ Und als hätte Spartak damit nicht genug Baustellen, haben sie es in der Liga noch nicht mal geschafft, den FK Tosno zu besiegen. Dabei war Tosno nach einer Roten Karte den größten Teil des Spiels in Unterzahl. Der amtierende Meister erreicht nur ein 2:2 gegen den Dreizehnten der Tabelle. Das ist, als scheitere Bayern München an Eintracht Frankfurt.

Nach dem Abpfiff soll es bei Spartak in der Kabine ziemlich abgegangen sein: „Wollt ihr, dass ich gehe? Macht ihr das absichtlich?“ soll Trainer Massimo Carrera gefragt und danach einen nicht näher bezeichneten Gegenstand an die Wand geworfen haben. Und Bombardir.ru analysiert so schlicht wie vernichtend: „Spartak hat vergessen, wie man gewinnt.“ Unterm Strich: Keine Situation, wo man als Journalist bei einer Pressekonferenz unbedacht lachen sollte.

⚽ Letzte Woche hab ich hier schon auf das Foto-Essay hingewiesen, mit dem Sports.ru Jekaterinburg vorgestellt hat, eine der Gastgeberstädte der Fußball-Weltmeisterschaft. Nun ist mir noch eines begegnet, die Bilder sind schon von Ende August, diesmal geht es um Samara. Die Stadt liegt südöstlich von Moskau, auch dort sollen WM-Spiele stattfinden, allerdings hängt man mit den Vorbereitungen etwas hinter dem Zeitplan.

Hässliche Wohnklötze, dafür die Lage der Stadt direkt an der Wolga – ein Blick auf Samaras Kontraste lohnt sich. Und wer danach noch Interesse hat, klickt hier für eine Übersicht der schäbigsten Ecken der Stadt. Sie sollen bis zur Weltmeisterschaft im kommenden Jahr hinter hohen Zäunen versteckt werden, damit Besucher sie nicht zu Gesicht bekommen.

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Mit einer Zahl ging es diese Woche los, mit einer anderen Zahl hören wir auf, es ist ein Negativrekord: 64 – so einen niedrigen Rang auf der FIFA-Liste hat Russland noch nie gehabt. Mal sehen, ob sich Russland da bis zum WM-Beginn in neun Monaten wieder ein bisschen weiter nach oben kämpfen kann.

Wenn ja, werde ich es hier selbstverständlich erwähnen – ihr könnt ja den Russball-Newsletter abonnieren, dann bekommt ihr es garantiert mit. Und nun packe ich den Zaunpfahl wieder ein und verabschiede mich bis zur nächsten Woche. Macht’s gut!



 

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Russball, Folge 9: Springt eine Hummel mit dem Fallschirm ab

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Probleme, die man als Bloggerin nicht hat: „Nun haben wir schon einen Spezialbereich auf unserer Website, jetzt soll er auch immer schön frisch aussehen“. Aber gut, das hat sich die Nachrichtenagentur TASS mit ihrem Schwerpunkt zur Fußball-WM nun selber eingebrockt. Sowas will, auch bei mauer Nachrichtenlage, gefüllt sein. In größtmöglicher Detailtreue und kleinstmöglicher Relevanz wird deshalb also nun dort der Fortschritt bei den WM-Vorbereitungen dokumentiert.

So erfahren wir, dass in Kasan möglicherweise riesige Blumensträuße den Weg zum Stadion flankieren sollen, eingewickelt in Flaggen der Teilnehmerländer. Dass in Kaliningrad ein 25 Meter hoher Strommast gebaut wird, der aussehen soll wie WM-Maskottchen Sabiwaka. Und wem das alles noch zu interessant ist, der findet diese Meldung: Bei der Rasen-Aussaat im Stadion von Rostow wurden sechs verschiedene Sorten Grassamen verwendet. Sechs! Verschiedene! Sorten! So viel besser als fünf, und sieben wäre ja nun auch wirklich übertrieben.

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⚽ Kleines Update zur Meldung aus der vergangenen Woche, wonach Russland während der WM spezielle Ausnüchterungszentren für betrunkene Fußballfans einrichten will: Das hat offenbar bei dem ein oder anderen für Unruhe gesorgt, weil die sogenannten Wytreswiteli in der Sowjetunion nicht den besten Ruf hatten.

Vize-Ministerpräsident Witali Mutko muss also den Erklärbär geben: „Sie werden als Ausnüchterungseinrichtungen bezeichnet, dabei sind sie dazu da, menschenwürdige Bedingungen herzustellen,“ beteuert er. Wer zu viel getrunken habe, brauche nun mal einen Ort, um seinen Rausch auszuschlafen.

⚽ Rostow war in der Premjer-Liga bei Anschi Machatschkala zu Gast und mit dem, was man da im Stadion vorfand, erkennbar unzufrieden. „Die Anschi-Arena ist bereit für das Spiel, aber der Platz…“ twitterte der offizielle Rostow-Account und fügte noch ein besorgtes Emoji hinzu. In der Tat: Im Grün des Spielfeld sieht man zahlreiche fußgroße, braune Löcher, das Ergebnis ist eher ein Acker als ein Erstligaplatz. Von der Heimmannschaft gab es keine Twitter-Reaktion, offenbar war man mit Wundenlecken ausgelastet: Trotz ramponierten Rasens gewann Rostow auswärts mit 1:0.

https://twitter.com/rostovfc/status/893486363139424256

⚽ Aiden McGeady ist Fußballprofi aus Schottland, von 2010 bis 2014 hat er für Spartak Moskau gespielt. In einem Interview hat er nun erzählt, wie nach mehreren Niederlagen in Folge die Vereinsführung völlig selbstverständlich einen Termin arrangierte, bei dem Spartaks oberste Ultras der Mannschaft die Meinung sagen bzw. brüllen durften.

„Einer von den Ultras hat zu (einem brasilianischen Spieler) gesagt, wenn ich dich noch einmal nach einer Niederlage in einem Nachtclub sehe, dann schlag ich dir die Fresse ein,“ erzählt McGeady. Nicht die einzige surreale Szene des Termins, der in seiner Gänze hier nachzulesen ist. „Und dann haben sie den Raum verlassen, und als sie rausgingen, hatten sie alle Waffen hinten in ihren Jeans stecken.“ (Und der Spartak-Sprecher so: Kann ich weder bestätigen noch dementieren, was fragt ihr mich als nächstes, nach irgendwas aus dem Jahr 1967?)

⚽ Jede Nationalmannschaft hat ja so ihre eigenen Erfolgsrezepte, die russische wird Anfang September in einem Testspiel mal die pragmatische Methode probieren: Willst du gewinnen, dann suche dir einen Gegner, bei dem das auch realistisch ist. In diesem Fall ist das Dynamo Moskau, zur aktuellen Saison frisch in Russlands oberste Liga aufgestiegen und dort derzeit, wenn man wohlwollend sein will, so gerade noch im Mittelfeld platziert. (Übrigens gibt es dazu eine interessante Parallele im englischen Profifußball, die allerdings schon ein paar Jahre her ist.)

⚽ Nützlich, was die Berner Zeitung da veröffentlicht hat: ein kleines Vereinsporträt von ZSKA Moskau, reduziert aufs Wesentliche. Ein bisschen Statistik zu den Liga-Erfolgen der jüngsten Zeit, ein Überblick der bekannten, oder besser: der halbwegs bekannten Spieler.

Die Berner formulieren das mit nicht allzu viel Takt so: „Auch im Sturm sind keine renommierten Fussballer zu finden.“ Das lässt, aus Schweizer Perspektive, hoffen. Denn wenn die Young Boys Bern in der Champions League weiterkommen wollen, müssen sich am 15. und am 23. August gegen ZSKA behaupten.

⚽ Russland hat gerade den Tag des Fallschirmjägers begangen – das ist hier eine große Sache, mit ganz eigenem Ritual. Männer in blau-weiß geringelten Leibchen betrinken sich, planschen in den Springbrunnen der Stadt und prügeln vor lauter Enthemmung auch schon mal auf Journalisten ein.

Im Vergleich dazu hatte, wer auch immer beim FK Ural aus Jekaterinburg im Kostüm des Maskottchens steckt, einen fast schon entspannten Tag. Okay, er oder sie musste zu Ehren der Fallschirmjäger selber aus einem Flugzeug springen, aber immerhin mit Hochkulturkomponente: Die Spieler des FK Ural werden angesichts der orange-schwarzen Vereinsfarben auch шмели genannt, also die Hummeln. Für das Video des fliegenden Hummelmaskottchens konnte es also nur eine musikalische Untermalung geben, natürlich von Nikolai Rimski-Korsakow:

⚽ Da wollte sich jemand an Wladimir Putin ranwanzen, ist damit aber auf die Nase gefallen. Der jemand, immerhin Bürgermeister der sibirischen Stadt Tscheremchowo, hatte wohl im Handbuch autoritärer Führungsfiguren nachgelesen, dass diese sich gerne als Macher präsentieren, die alle wichtigen Entscheidungen selber treffen. (Wir erinnern uns an die urbane Legende, wonach Stalin höchstselbst die Moskauer Metro-Ringlinie erfunden hat.) Aber: Keine Regel ohne Ausnahme.

Besagter Bürgermeister sagte also vor Publikum, er rechne damit, dass die russische Fußball-Nationalmannschaft sich bei der WM nur dann ernsthaft Mühe geben werde, wenn Putin selbst sie trainiert. Was der, geschmeichelt oder nicht, sofort von sich wies. Ranwanzen gescheitert. Aber wenn Russland dann – so ganz ohne jemals von Putin trainiert worden zu sein – bei der WM im eigenen Land wie beim Confed Cup in der Gruppenphase ausscheidet, will es wieder keiner gewesen sein.

⚽ 11 Freunde nimmt den Fall Yohan Mollo als Anlass einer Bestandsaufname: Wenn russische Fans einzelne Spieler rassistisch oder schwulenfeindlich beschimpfen, wie reagieren dann die Vereine? Und was, wenn dem Spieler der Kragen platzt und er den Stinkefinger zeigt? (Mollo selbst sagt, er habe einen Freund auf der Tribüne gemeint, nicht die Fans.) Was bleibt, ist ein Klima, in dem der Fokus auf dem Verhalten des angegriffenen Spielers liegt – nicht auf den Fans und ihren Pöbeleien.

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Zum Schluss noch ein kleiner Hinweis, damit ihr euch emotional wappnen könnt: Bei der nächsten Russball-Folge wird hier alles ein bisschen anders sein, aus Gründen. Aber das seht ihr ja dann. Eine schöne Woche noch!



 

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Russball, Folge 8: Was betrunkene Fans bei der WM erwartet

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Die neue Russball-Folge beginnt mit der Gewissheit, dass Slapstick immer noch existiert und funktioniert. Beweis: der Versuch von Juri Sjomin, Trainer von Lokomotive Moskau, eine Wasserflasche wegzukicken. Die Flasche war danach weg, Sjomins Schuh allerdings auch. Gibt es das auch als GIF? Aber natürlich gibt es das auch als GIF.

Schön auch: Der Twitter-Account @welcome_2018, der Vorfreude auf die Fußball-WM im kommenden Jahr schüren soll, berichtet oft und gerne davon, wie gut alles beim Bau der Stadien vorangeht. Diesmal gab es ein echtes Knüllerbild: Im Stadion in Rostow sprießen die ersten Grashalme!

Gut, dass das mal einer dokumentiert hat.

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⚽ Jewgeni Brjun hat einen Plan. Der Mann ist (wörtlich übersetzt) oberster Psychiater-Narkologe des russischen Gesundheitsministerium, kennt sich also aus mit Betäubungsmitteln und ihren Auswirkungen auf die Psyche des gemeinen Fußballfans. Und da bei der Fußballweltmeisterschaft „die Anwesenheit betrunkener Fans unvermeidlich ist“, will das Ministerium laut Westi eine Einrichtung wiederbeleben, die vor allem in der Sowjetunion verbreitet war: die Ausnüchterungszentren.

Wer in Deutschland so betrunken ist, dass er der Polizei auffällt, landet vielleicht in einer Ausnüchterungszelle oder, in extremen Fällen, im Krankenhaus. In Russland dagegen gab es seit dem frühen 20. Jahrhundert die вытрезвители (Wytreswiteli), spezielle Einrichtungen für die nicht lebensgefährlich Betrunkenen. Abwarten, kalte Dusche, den Rausch ausschlafen, oft in Gruppenzimmern, anschließend dafür bezahlen (in den Achtzigern in Moskau zum Beispiel zwei Kopeken).

Erst vor wenigen Jahren wurden alle Ausnüchterungszentren geschlossen, nun soll es sie also bald wieder geben, jedenfalls in den WM-Gastgeberstädten. In einem TASS -Text umreißt ein anderer Offizieller den Zweck der Zentren so: „Ausnüchtern, eine Strafe bezahlen  (…) und nach Hause gehen.“

⚽  „Lorem ipsum dolor sit amet.“ Wer einfach irgendeinen Fülltext braucht, nimmt gerne diesen. Schwieriger wird es schon, wenn der Text nach etwas Bestimmten aussehen soll und von ihm abhängt, ob Fernsehzuschauer einen Plot glaubwürdig finden. In der Serie „The Americans“ etwa kommt in Folge 11 der aktuellen Staffel eine Kladde vor, in der eine Russin, die unter Korruptionsverdacht steht, die Namen ihrer Kontaktpersonen festgehalten hat.

Was schreibt man da rein, damit es hübsch authentisch-russisch aussieht? Die Antwort machte diese Woche hier in Russland bei Twitter die Runde: lauter Namen russischer Fußballspieler und -trainer.  Wladimir Granat, Wiktor Wassin,  Rolan Gussew… wer die komplette Liste der Fußballschurken selbst entziffern möchte, kann das hier:

⚽ Bombardir.ru will wissen, welcher russische Spitzenverein auch bei Social Media spitze ist und hat sich darum acht Vereine vorgenommen: Zenit St. Petersburg, Spartak Moskau, ZSKA Moskau, Lokomotive Moskau, Dynamo Moskau, Rostow, Krasnodar und Rubin Kasan. Beim Ranking nach Followern liegt Zenit ganz vorne: 979.358 bei Facebook, 844.344 bei VKontakte, 840.000 bei Twitter und 288.000 bei Instagram, das ist der Sieg in allen Disziplinen des digitalen Vierkampfs.

Auch gemessen an den Interaktionen der Fans gewinnt Zenit deutlich: die meisten Likes, die meisten Shares. Wer sich für die genauen Zahlen und Platzierungen der einzelnen Vereine interessiert, findet den detaillierten Artikel hier. Außerdem gibt es kurze Einzelkritiken dazu, wie sich die acht Clubs inhaltlich in sozialen Netzwerken positionieren. 

⚽ „Wie sich zeigt, kommt der beste Torschütze der Europa League aus Russland“, freut sich Sport.ru, und ich musste spontan erst mal nachgucken, wer eigentlich alles zur UEFA gehört, also bei der Europa League prinzipiell teilnehmen darf. Klar, die west- und mitteleuropäischen Länder – aber wie weit nach Asien reicht eigentlich das „E“ von „UEFA“? Ziemlich weit, wie sich rausstellt. Armenien, Aserbaidschan und Georgien im Kaukuasus, dann Kasachstan in Zentralasien und, ja, auch Russland. Insgesamt sind es aktuell acht Länder, an die Wikipedia ein dezentes Sternchen macht: „Mitgliedsland liegt vollständig oder zum größten Teil in Asien.“

Aus Russland sind dieses Mal Lokomotive Moskau, Zenit St. Petersburg und der FK Krasnodar bei der Europa League dabei, der erfolgreichste Torschütze spielt allerdings bei keinem dieser drei Vereine. Maxim Maximow ist zwar Russe, trifft aber für den FK Trakai aus Litauen – in der Europa League bisher siebenmal. Sein Trainer lässt bereits durchblicken, dass diverse Vereine Interesse an Maximow angemeldet haben, auch aus Russland.

⚽ Als Schiedsrichter bist du natürlich neutral, das steht in der Arbeitsplatzbeschreibung. Außer vielleicht, es fällt ein Tor, du stehst an der Seitenlinie und das Jubelrudel aus glücklichen Spielern bildet sich direkt vor dir. Da könntest du doch mal… nur ganz kurz… und diskret. Ha! Abgeklatscht! Hat ja keiner gesehen, oder?

⚽ Arsenal Tula hat neulich den FK SKA-Energija Chabarowsk mit 1:0 geschlagen. Ein Freistoß-Tor, alles nicht besonders spektakulär. Dass das Match hier trotzdem eine Erwähnung wert ist, liegt an einer Begebenheit vor dem Spiel, die Tula eine Strafe von 10.000 Rubel (etwa 140 Euro) eingebracht hat: Tulas Spieler haben den Fehler begangen, beim Aussteigen alle Türen des Mannschaftsbus zu benutzen. Dabei ist doch klar festgeschrieben, wie das mit dem Aussteigen zu gehen hat: „Die Fußballer sollen nur durch die vordere Tür aussteigen, und zwar in Abständen von drei bis fünf Sekunden.“

⚽ Seit Trainer Mircea Lucescu wegen Erfolglosigkeit bei Zenit St. Petersburg rausgeflogen ist, hat er Zeit. Zeit, um in langen Interviews Theorien zu entwickeln, warum russische Vereine international nicht mithalten können. Russische Klubs müssten, so Lucescu, ihre eigenen Stars heranziehen – schließlich seien ihre Einnahmen nicht so hoch, dass sie ernsthaft auf dem internationalen Transfermarkt mitbieten könnten.

„Ich war beim deutschen Pokalfinale, Bayern gegen Dortmund,“ erinnert sich der Trainer, 100 Euro habe er gezahlt für eine ganz normale Eintrittskarte. „Der Lebensstandard in Russland ermöglicht es heutzutage nicht, Tickets zu solchen Preisen zu verkaufen“, auch die Einnahmen durch Fernsehrechte seien in Russland deutlich niedriger als anderswo. Dann noch die UEFA-Regeln fürs Financial Fair Play, die begrenzen, wie sehr sich Vereine verschulden dürfen – für Lucescu alles Gründe, warum es russischen Clubs schwerfällt, Spitzenspieler einzukaufen

⚽ Lokomotive Moskau hat sein Stadion aufgehübscht – neue Leinwände, bessere VIP-Logen, mehr Souvenirstände, bald soll es auch kostenloses WLAN geben. Etwa tausend Menschen weniger passen nun ins Stadion, aber akute Überfüllung ist für den Verein ohnehin nur selten ein Problem.

Gekostet hat der ganze Spaß laut Präsident ‎Ilja Gerkus ein paar Millionen Euro, da waren dann auch noch neue Sitze und einmal frisch Anstreichen drin, beides in der Vereinsfarben – dieser Kombi aus Rot und Grün, die bei mir sofort Hunger auf Chipsfrisch von Funny-Frisch auslösen. Ilja Gerkus ist jedenfalls mächtig verliebt in seine neuen Leinwände und instagrammt darum neuerdings gerne mal sowas hier (Vorsicht, auch ihr könntet Sehnsucht nach dem Chipsregal kriegen):

Начинаем чемпионат!!

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⚽ Weniger begeistert haben sich im Stadion zuletzt einige Fans von Zenit St. Petersburg umgesehen. Es waren die wirklich treuen Anhänger. Die, die Geld in die Hand nehmen und sich eine Dauerkarte kaufen. Dumm nur, dass es die Plätze, die zu den Karten gehören, im Stadion dann gar nicht gab. „Wir hatten Karten für Sektor A 207, Reihe 11, Platz 16, 17 und 18“, erzählt ein Fan. Im Stadion musste er dann feststellen, dass Reihe 11 nur bis Platz 15 geht.

Erst nach mehreren Beschwerden habe der Verein sich des Problems angenommen und die Dauerkarten auf andere Plätze umgeschrieben. Wie es dazu kommen konnte? Vermutlich, weil während des Confed Cups zusätzliche Sitzplätze zur Verfügung standen und diese Information im Buchungssystem nach dem Ende des Turniers nicht korrigiert wurde.

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Zum Abschluss ein Foto. James Hill hat es gemacht, wie so viele großartige Bilder aus Russland. Da steht ein zotteliges Pferd auf etwas, das mal ein Fußballplatz gewesen sein muss. Man sieht noch ein Tor, ein Klotz Birkenholz hält eine der Stangen aufrecht, das Netz ist zerfleddert. Eine Szene aus Baruta, so weit westlich in Russland, dass man fast schon in Lettland ist.

Die New York Times erzählt an diesem Dorf entlang die Geschichte vom Schrumpfen der russischen Bevölkerung, vor allem auf dem Land. Kein Fußballtext, trotzdem unbedingt lesenswert. Bis nächste Woche!



 

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Eine handliche kleine Schmiergeld-Preisliste

Wir müssen mal über Korruption reden. Nicht, weil Russland mit diesem Problem auf der Welt alleine da stünde – wer aus dem Rheinland kommt, kennt die Redensart „Mer kennt sich, mer hilft sich“, mit der der Kölsche Klüngel umschrieben wird. Eine Hand wäscht die andere, in Mülheim wie in Moskau. Aber das Ausmaß ist hier dann doch ein anderes. 

Im Korruptionsindex von Transparency International steht Russland auf Platz 131 von 176. Das klingt abstrakt, bedeutet aber konkret: Jeder, den du hier ansprichst, kann eine Geschichte erzählen zum Thema Filz, Bestechung, Schmiergeld. Eine Geschichte von „Lässt sich das vielleicht auch anders lösen?“ und von „Na, dann sagen Sie doch mal, was Sie sich so vorstellen.“ Eine Geschichte von „Das geht auch einfacher, aber das kostet dann.“

Gut, erzählen kann jeder. Darum habe ich in der folgenden Liste nur die Fälle verbloggt, die meine unmittelbaren Freunde, Bekannte, Kollegen erlebt haben. Kein Hörensagen, kein „der Kollege eines Schwagers“. Nur ein paar Anekdoten aus dem unmittelbaren Umfeld, gesammelt in allerlei Gesprächen. Anonymisiert, zwangsläufig. Aber vielleicht ja trotzdem ganz interessant, was die verschiedenen Preisklassen und die Abwicklung angeht. Oder wüsstet ihr, wie das funktioniert, wenn man einen Streifenpolizisten bestechen will?

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Problem: Du möchtest beim Moskauer Marathon starten. Dazu braucht man ein Gesundheitszeugnis, aber es ist schon Samstag und der Lauf ist am Sonntag.

Du suchst bei Spravka.ru eine Adresse in deiner Nähe raus, gehst in einen Hinterhof, eine Treppe herab in einen Keller. Dort sitzt eine Frau im weißen Kittel. Sie fragt dich, ob du gesund bist. Wenn du das bestätigst, stellt sie dir ein Gesundheitszeugnis aus. Untersuchung: keine. Preis: 400 Rubel (5,70 Euro).

Problem: Ein Jahr später, wieder Marathon. Du hast aber keinen Bock, für das Gesundheitszeugnis so viel Aufwand zu betreiben wie letztes Mal. Geht das nicht auch ohne Aus-dem-Haus-Gehen?

Klar. Für 700 Rubel (10 Euro) kommt jemand vorbei und bringt dir ein ausgefülltes, abgestempeltes Gesundheitszeugnis. (Für ein paar hundert Rubel mehr gibt es übrigens auch die Blanko-Variante, auf der du den Namen selber eintragen kannst. Falls mal ein Freund zu Besuch kommt und mitlaufen möchte.)

Problem: Auf deinem Weg zur Arbeit ist eine Baustelle, die Fahrbahn ist deshalb dort im Moment schmaler als sonst. Nun haben dich zwei Polizisten rausgewunken, die gesehen haben wollen, dass du mit einem Rad über die Fahrbahnmarkierung drüber warst. Sie wollen deinen Führerschein behalten.

Du hast gerade nicht so viel Bargeld dabei? Kein Problem, die beiden vertrauen dir. „Kennst du dich hier in der Gegend aus?“ – „Ja, ich fahr hier jeden Tag lang.“ – „Na, dann weißt du ja auch, wo ein Geldautomat ist.“ Den Führerschein halten sie so lange fest, bis du wieder da bist, mit 5000 Rubel (72 Euro) für jeden. Jetzt schön nebeneinander im Auto sitzen und das Geld auf Schoßhöhe rüberreichen, damit die Transaktion von außen nicht zu sehen ist. Fertig, gute Fahrt noch. 

Problem: Du möchtest als Freiberuflerin von zuhause aus arbeiten – legal, also musst du ein Gewerbe anmelden. Das geht aber nicht von einer Privatadresse.

Du suchst dir jemand, der eine Bürofläche hat. Für 3000 Rubel (43 Euro) pro Monat bestätigt er dir schriftlich, dass du in seinem Büro einen Schreibtisch hast und von da aus deinem Gewerbe nachgehst.

Problem: Es ist vier Uhr morgens, ihr wart feiern und seid alle ziemlich angezählt. Vermutlich solltest du dich nicht mehr ans Lenkrad setzen, stattdessen kommst du auf die Idee: Einfach ganz langsam fahren, dann kann ja nichts passieren. Klar, dass das der Polizei auffällt. Sie winkt dich raus, lässt dich pusten, und du bist über dem Erlaubten. Dabei brauchst du dein Auto doch jeden Tag beruflich!

Für eines bist du dann doch noch klar genug im Kopf: Um zu merken, dass die Polizisten nichts dagegen hätten, das hier auf dem kleinen Dienstweg zu regeln. Der eine weist dich auch sofort an, wieder einzusteigen und zum nächsten Geldautomaten zu fahren. Alkoholtest oder nicht, du sitzt wieder am Lenkrad, aber dafür hast du ja jetzt eine Polizei-Eskorte, die hinter dir herfährt. Über 100.000 Rubel (1435 Euro) sind es am Ende, die du abhebst und den beiden übergibst. Viel Geld – aber ein Jahr ohne Führerschein, das hätte dich den Job gekostet.

Problem: Du möchtest heiraten, hast aber unterschätzt, wie viel Vorlauf es braucht, einen Standesamttermin in Moskau zu bekommen.

Wer schwanger ist, bekommt auch kurzfristig noch einen Termin. Also: Umhören, welcher Arzt einem auch unbefruchtet bescheinigt, dass man schwanger ist, ihm 900 Rubel (13 Euro) für eine Bescheinigung geben und sie beim Standesamt vorlegen. Leider fehlt dann ein entscheidender Stempel – wie ärgerlich, denn für die gefälschte Bescheinigung gibt’s kein Geld zurück. Aber bei einem anderen Arzt und für 1200 Rubel (17 Euro) bekommst du schließlich das richtige Attest für die falsche Schwangerschaft. Jetzt wird geheiratet!

Problem: Du bist eigentlich noch nicht alt genug, um Bier trinken zu dürfen. Nun hat eine Polizeistreife einen Freund und dich dabei erwischt, wie ihr auf einem Spielplatz sitzt und genau das tut. Alkoholkonsum im öffentlichen Raum, ihr seid unter 18 – die beiden drohen mit 1000 Rubel Bußgeld, vor allem aber wollen sie eure Eltern informieren.

„Lässt sich das nicht vielleicht auch anders lösen?“ Die beiden Streifenpolizisten zeigen sich durchaus zugänglich für die Idee, die 1000 Rubel (14 Euro) selber einzustecken, statt sie als Bußgeld zu verbuchen. Dein Kumpel hat auch 1000 Rubel dabei, aber noch keine Erfahrung im Bestechen und versucht deshalb, dem einen Mann das Geld direkt in die Hand zu drücken. Großes Hallo, was machen Sie denn da? Der Polizist erklärt: Fallen lassen auf den Boden muss man den Schein. Kurz darauf bückt sich einer der beiden Beamten – ach schau, ein Fundstück. Sowas. Immerhin: Eure Eltern erfahren nichts.

Problem: Deine Zeit in Moskau geht vorbei, du ziehst zurück nach Deutschland und dein Kater soll mit. Doof nur: Haustiere brauchen zur Ausreise allerlei Papiere. Und die bekommt nur, wer in diese eine Klinik weit draußen im Süden von Moskau fährt, dort eine Wartenummer zieht, wartet, das Tier vorzeigt, wieder wartet…. Und du hast mit der Umzugsplanung gerade echt genug um die Ohren.

Gut, dass du dich schon vor einiger Zeit nach einem Tierarzt erkundigt hast, der solche Probleme löst. Damals sollte der Kater kastriert werden – das hat der Arzt dann bei euch auf dem Küchentisch gemacht, nachdem er den mit Mülltüten abgeklebt hatte. Kostenpunkt: 5000 Rubel (72 Euro). Die Bescheinigung bringt der Arzt jetzt sogar für deutlich weniger vorbei: 3000 Rubel (43 Euro), und schon hast du alle nötigen Papiere in der Hand, damit aus dem Haustier ein Reisetier werden kann. 

Problem: Noch eine Auslandsreise, diesmal geht es um Mensch, nicht Tier. Der Urlaub ist gebucht, in ein paar Tagen geht es los – nur der Reisepass ist nicht mehr zu finden. Als russischer Staatsangehöriger weißt du: ein neuer Pass, das dauert einen Monat, außerdem hast du gar nicht die nötigen Unterlagen zur Hand. Und jetzt? Kein Urlaub?

Ein bisschen Recherche im Internet und es findet sich eine Frau, die behauptet, solche Probleme lösen zu können. Ein Anruf, eine Absprache, zur vereinbarten Zeit gehst du zur zuständigen Behörde. Dort nimmt dich deine Kontaktperson in Empfang, unter ihrer Betreuung darfst du an den diversen Warteschlangen stets vorbei zu den Schaltern. Formular hier, Stempel dort, fertig. Dann überweist du deiner Möglichmacherin 30.000 Rubel (430 Euro), quasi als inoffizielle Expressgebühr. Fünf Tage später ist der fertige Pass da.

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Russball, Folge 5: Frauenfußball, Stalingrad und Alkohol

Draußen Regen, drinnen Kerzenschein. So schön, dieser Moskauer Herbst, da kann man sich wenigstens aufs Bloggen konzentrieren und wird nicht durch Draußensitzen, Freilufttrinken oder gar Grillen abgelenkt. Okay, er hätte jetzt nicht schon im Juli anfangen müssen, aber was soll’s.

12 Grad und Regen, das hat ja auch seine schönen Seiten: Wenn hier demnächst die neue Saison in der Ersten Liga anfängt, können sie einfach von Anfang an den roten Fußball nehmen. Kann ja nicht mehr lange dauern bis zum ersten Schnee.

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⚽ Eine Erfolgsmeldung zum Start. Die immer wieder vorgebrachte These, dass sportliche und andere Großereignisse in autoritär regierten Ländern dazu beitragen können, diese weltoffener, freier, liberaler zu machen, ist endlich belegt. Seit wenigen Tagen gilt in Russland tatsächlich eine neue Regelung, die einen entscheidenden Lebensbereich liberalisiert: den Konsum

Wer alkoholische Getränke kaufen wollte,  musste dazu bisher an der Kasse auf Nachfrage den Pass zeigen. Künftig geht das auch mit Führerschein oder Fan-ID, schließlich sollen auch Touristen an Bier oder Wodka kommen, wenn sie gerade den Pass nicht dabei haben. Geschichte wird gemacht. Es geht voran. 

⚽ Schon der zweite deutsche Neuzugang bei Lokomotive Moskau innerhalb weniger Monate. Warum das keiner mitbekommen hat? Weil es nicht um Spieler geht. Ende Januar hat sich der Verein Erik Stoffelshaus als neuen Sportdirektor geholt, der vorher erst ein gutes Jahrzehnt bei Schalke und dann einige Jahre in Kanada war (und in seiner Twitter-Biografie stilecht „Entscheidend is auf’m Platz!“ zitiert).

Jetzt stößt Willi Kronhardt, ehemaliger Profifußballer und Trainer, als internationaler Scout hinzu. Der Mann ist das, wozu wir oft etwas ungenau „Russlanddeutscher“ sagen, was in seinem Fall heißt: Er verbrachte die ersten Jahre seiner Kindheit in Kasachstan. Und so, wie ich ihn hier gerade als Deutschen reklamiert habe, titelt die Website „Tengrinews.kz“ ihrerseits dann auch ganz stolz: „Gebürtiger Kasache bekommt einen Posten bei Lokomotive Moskau.“

⚽ An Polina Gagarina erinnert sich vielleicht die eine oder der andere noch, sie hätte mit „A Million Voices“ 2015 beinahe den Eurovision Song Contest gewonnen. Nun reicht sie, mit ordentlich Vorlauf, schon mal ihre Bewerbung für den Fußball-WM-Hit 2018 ein: „Команда 2018“, also „Mannschaft 2018“, wobei es laut Gagarina und ihren Mitmusikern DJ Smash und Egor Kreed nicht nur um Fußball gehen soll: „Ein Team, das sind nicht nur 11 Leute auf dem Platz. Ein Team, das sind wir mit dir zusammen.“ Kuckstu hier:

⚽ Beim Confed Cup war ja erst kurz vor Beginn klar, welcher russische Fernsehsender zu welchen Konditionen die Spiele zeigen würde. Insofern ist es nicht allzu beunruhigend, wenn man liest, dass es für die russischen Übertragungsrechte der Fußball-WM noch keine Einigung gibt. Sind ja noch elf Monate bis zum Eröffnungsspiel. Okay, AP merkt zu Recht an, dass die FIFA sowas sonst Jahre im Voraus aushandelt. Aber eben nicht in Russland.

In den USA hält FOX die Übertragungsrechte und wird darum jetzt fleißig von allerlei Social-Media-Plattformen umworben. Facebook, Snapchat und Twitter wissen schließlich alle, wie sehr Sport ihre Nutzer begeistert und bindet – und sollen daher Angebote in zweistelliger Millionenhöhe gemacht haben, um online Videos von Höhepunkten der Spiele zeigen zu dürfen. 

⚽ Was auch noch unklar ist: Wo die Fans alle wohnen sollen, die da kommenden Sommer zur WM anreisen. Rosturism, die russische Tourismusbehörde, kommt in einer Bestandsaufnahme zu dem Schluss, dass es nicht genügend Hotels gibt. Von den elf Spielorten gebe es lediglich in Moskau, Sankt Petersburg, der Republik Tatarstan (also rund um Kasan), der Region Krasnodar (Sotschi) und der Oblast Swerdlowsk (Jekaterinburg) ausreichend Hotelzimmer. 

Im Umkehrschluss heißt das: Wer ein Spiel in Kaliningrad, Nischni Nowgorod, Rostow am Don, Samara, Saransk oder Wolgograd sehen will, sollte die Daumen drücken, dass sich da bis zur WM noch was tut – oder damit planen, auf Hostels oder Privatunterkünfte auszuweichen.

⚽ „Der Fußball und die Deutschen“ überschreibt Trud.ru eine lange Analyse, die auch „Warum klappt das da in Deutschland mit dem fußballerischen Erfolg und bei uns in Russland nicht?“ heißen könnte. Als Hauptunterschied sieht Autor Sergeij Stetschkin die erfolgreiche deutsche Nachwuchsarbeit. „Bei der WM 1998 wurde Deutschland von Kroatien 3:0 geschlagen, bei der EM 2000 kam es nicht über die Gruppenphase hinaus.“ Schwerfällig und alt sei die Mannschaft gewesen, im Schnitt 31 Jahre. „Daraufhin krempelte der DFB die Ärmel hoch und stieß Reformen an.“ Das Ergebnis: jüngere Nationalspieler und eine erfolgreichere Nationalelf.

2012, so Stetschkin, hätten Deutschland und Russland sogar ein Memorandum zur Zusammenarbeit unterzeichnet, doch daraus sei nichts geworden, „und das kann man nicht den Deutschen vorwerfen.“ Was die Übertragbarkeit deutscher Nachwuchsförderung auf Russland angeht, ist er ohnehin Pessimist: Russland habe zwar in jüngster Zeit selbst einige Fußballschulen eröffnet. Doch die funktionierten nicht, weil „Lobbyarbeit, Vetternwirtschaft und Korruption auf allen Stufen der Bildungspyramide blühend gedeihen.“

⚽ Die britische Regierung ist früh dran und hat ihren Reiseratgeber für Fußballfans, die kommendes Jahr zur Weltmeisterschaft nach Russland reisen wollen, schon fertig. „Be on the Ball“ handelt umfassend und sorgfältig die wichtigen Baustellen ab: Sicherheit, Krankenversicherung, Visum. Die russische Eigenart, dass man sich bei der örtlichen Polizei registrieren muss. Dass Tickets nicht reichen, um ins Stadion zu kommen, sondern auch eine Fan-ID nötig ist. Alles knapp und nützlich, auch für Nicht-Briten. 

Lustig auch, welche Bedürfnisse die Autoren den reisenden Fußballfans unterstellen: Der ultrakurze Sprachführer am Ende des Ratgebers besteht aus gerade mal 18 Einträgen. Eins, zwei, drei, bitte, danke, guten Tag, auf Wiedersehen. Ich spreche kein Russisch, sprechen Sie Englisch? Und dann die Frage ganz zum Schluss, nicht etwa nach Essen, Bier oder Arzt, sondern, wie dieser Screenshot zeigt, nach der absoluten Grundversorgung: „Wie heißt Ihr WLAN-Passwort?“

 

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⚽ Vor der Fußball-Weltmeisterschaft wird der WM-Pokal schon mal auf Tour durch Russland geschickt und tingelt in zwei Etappen allerlei große Städte ab. Man kann sich dazu die extrem begeisterte Pressemitteilung durchlesen, die die FIFA dazu rausgehauen hat. Oder man liest bei The18.com eine gar nicht mal so unlustige Mischung aus Fakten und Sarkasmus zum selben Thema: „24 – Zahl der Städte, die der Pokal besuchen wird. 108 – Zahl der Pinkelpausen unterwegs.“

⚽ „Profitiert der Frauenfußball in Russland von der WM?„, fragt der Deutschlandfunk, auch wenn es im Beitrag dann nur am Rande darum geht. Wer sich aber für russische Frauen als Sportfunktionärinnen, als Führungskräfte oder einfach für Mann-Frau-Rollenbilder in Russland interessiert, kann hier den Bericht nachlesen. 

⚽ Die Entscheidung über den russischen Pokalsieger wird aller Wahrscheinlichkeit nach kommenden Mai in Wolgograd fallen. Sergej Prjadkin, immerhin Chef der russischen Fußball-Liga, lässt sich so zitieren: „Zu 99 Prozent findet das Spiel in Wolgograd statt – der Vorstand muss es nur noch genehmigen.“ Hundertprozentig fest ist das Datum der Begegnung: der 9. Mai, an dem Russland den Sieg über den Nationalsozialismus feiert.

Termin und Austragungsort passen gleich doppelt zusammen: In der Stadt, die vielen Deutschen als Stalingrad geläufiger ist, finden sich noch heute Spuren des Zweiten Weltkriegs; 2018 jährt sich der sowjetische Sieg in der Schlacht von Stalingrad zum 75. Mal. Wolgograds WM-Stadion wiederum entsteht in Sichtweite der monumentalen „Mutter Heimat“-Statue, die mit erhobenem Schwert ihre Landsleute aufruft, in den Kampf zu ziehen. Wer derzeit die Anhöhe zur „Rodina-mat“ hochsteigt, blickt genau auf die Stadionbaustelle.

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Nochmal kurz zum Deutschlandfunk: In dessen Sendung „Sport am Samstag“ habe ich ein bisschen was erzählt dazu, wo es bei der Abstimmung zwischen FIFA und russischen Organisatoren noch hakt (die Phantomtickets, ihr erinnert euch), wie sehr der russische Staat im Blick hat, wann man sich als Fan hier wo aufhält, und wie sich das anfühlt. Mehr dazu hier, der Button zum Nachhören versteckt sich in der unteren rechten Ecke des Aufmacherfotos.



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Prost Freitag!

Vor einigen Wochen ist die Kaffeemaschine bei uns in der Redaktionsküche verschwunden, Alles zu teuer, der kostenlose Kaffee in Zeiten wie diesen, also verschwand auch gleich die Kristallschale voller Würfelzucker. Der kostenlose Shuttlebus von der Metro zur Redaktion rollt ebenfalls nicht mehr, das bedeutet jeden Morgen 15 Minuten Fußweg zusätzlich – und abends wieder.

Kurzfristig waren dann auch die Trinkwasserkanister weg (Leitungswasser trinkt hier keiner freiwillig), aber da immerhin kam nach Protestmails an den ganz, ganz großen Verteiler die Rückmeldung, der Lieferant sei bloß pleite, ein neuer aber schon gefunden. Wir sind also nicht allein mit dem Knapsen.

Das Ganze würde sich noch mehr nach sinkendem Schiff anfühlen, wenn nicht eine andere Tradition Bestand hätte. Sie gehört zum Freitag wie die Stille in der Redaktion, denn samstags erscheint keine Zeitung, also sind wir nur ein paar verstreute Onliner. Und könnten, wenn wir denn wollten, rüber in die Kantine gehen und dort die urrussische Art bewundern, in der sich dort Beständigkeit manifestiert:

Cognac

Ein Tablett mit Cognac-Gläsern, zwei Finger breit gefüllt, direkt neben der Kasse. S’war immer so, s’war immer so. Wer will, darf sich einen nehmen, kostenlos. Wer zwei nimmt, bekommt einen strafenden Blick.

Das Tablett steht da ab 8 Uhr morgens.

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Erklär mir einer Russland

Dieses Video kann ich alle paar Wochen angucken, und immer erkenne ich etwas Neues wieder. Die marianengrabentiefe Überzeugung, dass ein Stück Papier durch jeden weiteren Stempel an Zauberkraft gewinnt. Der Wahnsinn, der folgt, wenn man glaubt, sich hier auf anderswo übliche Zeiten und Fristen verlassen zu können. Dass in komplett dienstlichen Situationen und bei hellichtem Tage plötzlich Alkohol ausgeschenkt wird.

Eine russische Beratungsfirma steckt hinter dem Clip, der zur Sensibilisierung westlicher Geschäftsleute für russische Eigenheiten gedacht ist. Sogar die Szene am Schluss, wo die pseudobegeisterten Mitarbeiter schmerzhaft lange in die Kamera winken müssen, fühlt sich komplett stimmig an.

Und ich kann mich bis heute nicht entscheiden, ob das gelegentlich holperige Englisch Absicht ist oder nicht.

(Danke an Polly für den Link, irgendwann damals.)

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