Russball, Folge 58: Torpedo Moskau knickt vor rassistischen Fans ein

 

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In der Russball-Ausgabe nach Mesuz Özils Rücktritt aus der Nationalmannschaft müssen wir auch hier über Rassismus und Fußball sprechen. Nachdem es während der WM in dieser Hinsicht ja weitgehend ruhig geblieben war, ist das Thema nun wieder präsent. Ansonsten geht es diese Woche um Bier, um einen Bären und darum, woraus genau einige WM-Gäste ihre Transparente fürs Stadion gebastelt haben.

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⚽ Ihr erinnert euch vielleicht an die Sache mit Erving Botaka, um die es letzte Woche hier schon mal ging: Botaka ist schwarz, als Torpedo Moskau ihn verpflichtete, gingen die Nazis unter den Ultras auf die Barrikaden: „Auf unserem Trikot gibt es Schwarz, aber in unseren Reihen nur Weiße“, so hieß einer ihrer rassistischen Slogans. Damals sah das noch nach einer unerfreulichen Randbegebenheit aus: Rechtsextreme Fans machen Krawall, viele andere Fußballfans halten dagegen.

Seitdem ist etwas Erschütterndes passiert: Kurz, nachdem die Ultras ihren Rassismus ins Netz hineingerotzt hatten, knickte die Vereinsspitze von Torpedo ein und verkündete: Botaka werde nun doch nicht zum Kader für die neue Saison gehören, es fehle das Geld für die Ablösesumme. Schon klar. Als wäre irgendein Fußballverein so naiv, so einen Kernaspekt eines Transfers nicht vor der Verkündigung zu klären.

Auf der Webseite von Torpedo ist bis heute das Interview online, das die Vereins-Pressestelle mit Botaka geführt hat, als man seine Verpflichtung verkündete. „Ich werde für den Verein kämpfen, ich werde mir Mühe geben, stets mein bestes Spiel zu zeigen. Am wichtigsten ist, dass die Fans mich akzeptieren.“ Immerhin: Fußballfans protestieren weiterhin gegen den Umgang mit Botaka, auch der Chef der Spielergewerkschaft äußert sich deutlich: „Der Fußball darf nicht zu einem Zurschaustellen rassistischer Überzeugungen werden.“ ⚽ Ist halt auch nicht einfach mit der doppelten Verneinung: In Russland braucht man zwei Nein-Aussagen, um etwas wirklich zu verneinen – „in Wladiwostok bin ich noch niemals nicht gewesen“, „ich hab an der Tür geklingelt, aber niemand hat nicht aufgemacht.“ Vermutlich liegt darin der Grund für eine zimelich absurde Falschmeldung, die Sport Express am Dienstag veröffentlicht hat: „Zenit, die Modepolizei: Verein warnt Fans vor Trikotkauf“, hieß es dort sinngemäß. (Inzwischen steht dort eine neue Fassung des Artikels, vor der Umleitung sieht man aber noch kurz die URL mit der ursprünglichen Schlagzeile.) Was war passiert?

Nun, das englischsprachige Social-Media-Team des Vereins hatte in voller Trump-Manier die Feststelltaste gedrückt und in Großbuchstaben allen gedroht, die eventuell vorhaben könnten, dieses Trikot nicht zu erwerben. Angelehnt an Trumps manischen Iran-Tweet, den ja in den letzten Tagen so einige parodiert haben. Für die Redaktion von Sport Express muss sich dieses „Never think about not buying“ wie ein „denk nicht mal daran, das hier zu kaufen“ gelesen haben. It’s not uncomplicated.

⚽ Statistiken dazu, was die WM gekostet hat, wie viele Fans gekommen sind und wie voll die Stadien waren, haben wir in den letzten Wochen ja nun wirklich genug gesehen. Diese Zahl allerdings war mir neu und so interessant, dass sie hier ihren Platz verdient hat: Aus den kostenlosen Zügen, mit denen Fußballfans während des Turniers durch Russland fahren konnten, wurden „Souvenirs“ im Wert von einer Million Rubel geklaut, das sind rund 13.500 Euro.

Decken, Bettbezüge, Untersetzer waren laut einem hochrangigen Mitarbeiter der russischen Bahn besonders beliebt bei den zugfahrenden Fans. Und noch etwas wurde häufig geklaut: Bettlaken. Aus denen, so der Bahn-Mann, hätten die Reisenden dann Banner gebastelt.

⚽ Russian Football News hat einen Ausblick zusammengestellt, wie sich Russlands Nationalmannschaft entwickeln muss, wenn sie bei künftigen Turnieren ähnlich gut abschneiden will wie bei der WM im eigenen Land. Unter anderem auf der Liste: junge Spieler besser fördern, kein Limit mehr für ausländische Spieler in der Premjerliga, mehr russische Spieler bei ausländischen Vereinen. Dieser Punkt ist von den dreien sicherlich am schwierigsten umzusetzen, weil man ihn nicht so einfach anordnen kann.

⚽ Bei Sports.ru gucken sie in diesen Tagen intensiv auf die russische Nationalmannschaft und in die Zukunft. Dabei geht es nicht nur darum, welcher Nationalspieler künftig bei welchem Verein spielt. „Wo sehen wir das nächste Mal die Auswahl?“ ist ein Artikel überschrieben, in dem es um die kommenden Länderspiele geht. Bei einem Voting schließlich will die Redaktion es genauer wissen und blickt sogar noch weiter nach vorne: „Schafft es Russland zur Europameisterschaft 2020?“ lautet die Frage, die die Mehrheit der Leser mit „aber sicher“ beantwortet. Wär schon schön, zumal Russland ja einer der zahlreichen Gastgeber des Turniers sein wird.

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⚽ Was bleibt von der WM? Hier in Russland ist es eine Debatte über Bier im Stadion. Also, richtiges Bier, mit Alkohol. Während des Turniers sind nicht nur die Fans auf den Geschmack gekommen, auch den Vereinen ist klar, dass sich da eine neue Einnahmequelle auftäte. So, wie bei Kummertastentanten gerne mal nach Rat „für einen Freund“ gefragt wird, kam auch hier der erste Vorstoß dadurch zustande, dass sich jemand, ganz altruistisch, für jemand anderen erkundigte: Rustam Minnichanow, Präsident von Tatarstan, ist selber Muslim, fragte aber „für unsere orthodoxen Brüder“ höflich bei Putin an, ob man das mit dem Bierverkauf nicht vielleicht auch in Zukunft so machen könnte wie während der WM.

Die „orthodoxen Brüder“ beziehungsweise ihre Kirchenoberen haben jegliches Interesse an Alkohol natürlich bereits weit von sich gewiesen, ebenso der Rat der russischen Muftis. Allein, es wird nichts bringen, denn Putin will die Sache nun prüfen, das klingt nach einem Ja, auch wenn der Präsident selbst ja bekanntlich keinen Alkohol trinkt. Zitat: „Na, wenn schon die Muslime fordern, dass wir mit dem Bier liebraler umgehen sollen…“

⚽  Dass die RFPL jetzt RPL heißt, klingt auf Anhieb vielleicht ein bisschen kryptisch. Tatsächlich reden wir von Russlands oberster Fußballliga, die sich bisher „Russische Fußball-Premjerliga“ nannte. Ab der neuen Saison, die dieses Wochenende beginnt, hat sie nun nicht nur ein neues Logo (der Bärenkopf, ihr erinnert euch), sondern auch einen Namen. Kürzer sollte er wohl sein, griffiger, und was lässt man da weg? Den „Fußball“, offenbar. Ein Signal gesunden Selbstvertrauens, schließlich heißt es auch nicht Bundesfußballiga. Im offiziellen Video zur neuen Spielzeit der Russischen Premjerliga tauchen übrigens diverse Spielernamen auf, die man seit der WM auch außerhalb von Russland kennt:

⚽ Ein Reporter der Moscow Times hat mit Kindern gesprochen, die an einem Fußball-Sommerlager in Moskau teilnehmen. Viele von ihnen erzählen, wie überrascht sie waren vom guten Abschneiden ihrer Nationalmannschaft: „Selbst nach dem Sieg über Saudi-Arabien habe ich noch gedacht, warum feiern denn alle? Es ist doch nur Saudi-Arabien.“ Um so motivierter sind die Nachwuchsspieler nun, und um so mehr wünschen sie sich, selbst mal fürs russische Team zu spielen.

Lustig auch, was sonst noch auf die Liste der WM-Höhepunkte aus Kinderperspektive gehört: die vielen Ausländer, vor allem, ihnen helfen zu können, wenn sie den Weg nicht wussten. Und: lange wach sein, weil der Krach von der Fanzone nebenan verhindert, dass man einschläft.

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Das war sie also, die letzte wöchentliche Russball-Ausgabe. Den Newsletter wird es zwar weiterhin geben – danke für die vielen positiven Rückmeldungen, die zu dieser Entscheidung geführt haben! Künftig kommt er aber nur noch einmal monatlich in eure Inbox geplumpst. Wenn euch dazwischen Themen begegenen, die mit Fußball in Russland zu tun haben und zu denen ihr gerne mehr wüsstet, freue ich mich über einen Zuruf – sei es hier in den Blog-Kommentaren oder bei Twitter. Macht’s gut!



 

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