Russball, Folge 69: „Die ertragreichste WM aller Zeiten“

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Seit dem Umzug zurück nach Deutschland habe ich keine Frage so oft beantwortet wie „Und? Vermisst du Moskau“. Ja, sehr – die Freunde, die Wucht und Pracht dieser Stadt, die tägliche Portion Absurdes, die Datscha im Grünen, den Chor. Nein, wirklich nicht – die Luft- und andere Verschmutzung, die permanenten Bauarbeiten, die Uniformierten überall, die Bürokratie, den Auto-Fokus in der Stadtplanung.

Meistens komme ich so fifty-fifty raus mit meiner Antwort, aber jetzt, wo es sommert und schon in Berlin die Nächte kurz und nur blau statt schwarz sind, da kippt es deutlich Richtung Moskau-Sehnsucht.

Auch, wenn man nach ein paar Jahren in der Stadt weiß, dass dieser Moskauer Sommer eine heimtückische Charmeoffensive ist – drei, vier, fünf Monate wirft sich dir die Stadt an den Hals, mit Bootsfahrten auf der Moskwa, Freunden auf dem Balkon, Musik bis in die Nacht und tanzenden Menschen in den Parks. Und dann kommen der Herbst, der olle Straßenüberschwemmer, das halbe Jahr Winter mit dreckigem Schnee und grauem Eis, dann wieder überschwemmte Straßen im Frühling, wegen Tau. Der Moskauer Sommer schleimt sich an einen ran, und zur WM vor einem Jahr hat er das besonders überzeugend getan. Also, genug geschwelgt – ein Foto noch von der Atmosphäre damals, und dann reden wir über allerlei Bilanzen.

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⚽ Die Bilanzen und Bilänzchen zum Jahr 1 nach der Fußball-Weltmeisterschaft sind oft sehr zahlenlastig: So hat die FIFA 2018 mehr als 4,6 Milliarden Dollar eingenommen, nach Steuern und Gedöns blieben gut 1,8 Milliarden Dollar übrig. „Rekordeinnahmen“ und „die ertragreichste WM aller Zeiten“, so steht es im Fifafinanzbericht. TASS weist darauf hin, dass 83 Prozent aller Einnahmen der FIFA zwischen 2015 und 2018 auf die WM zurückgehen. Nicht immer sind die Zahlen so spektakulär: Dem russischen Tourismus hat das Turnier angeblich nicht mal ein Prozent mehr ausländische Gäste gebracht als im WM-losen Jahr 2017. Und das, obwohl jeder zehnte WM-Besucher die Möglichkeit nutzte, mit seiner Fan-ID später noch mal einzureisen.

⚽ Weniger zahlenlastig ist der Rückblick, den Russian Football News auf die WM vor einem Jahr wirft. Stattdessen nimmt die Redaktion die einzelnen Gastgeberstädte unter die Lupe: Samara etwa profitiert von der zur WM gebauten neuer Infrastruktur, die aber seit der Abreise der Fans nicht mehr so gut in Schuss gehalten wird. In Rostow haben die Fans jetzt einen längeren Weg ins Stadion als zuvor, in Kasan wollen seit der WM offenbar mehr Menschen Englisch lernen. Ein interessanter Themenschwerpunkt, in dem stets auch Einwohner der jeweiligen Städte zu Wort kommen.

⚽ Dass das Verhältnis zwischen Russland und Georgien von Spannungen geprägt ist, konnte man ja gerade erst wieder in Tiflis beobachten: Nachdem sich ein russischer Duma-Abgeordneter im georgischen Parlament auf den Platz des Parlamentspräsidenten gesetzt und auf Russisch an die Zuhörer gewandt hatte, protestierten wütenden Georgier auf den Straßen der Hauptstadt. Bei Ausschreitungen und dem Polizeieinsatz wurden hunderte Menschen verletzt, die Proteste dauern bis heute an.

Die Wut in der Bevölkerung ging so weit, dass die Spieler dreier georgischer Fußballteams in T-Shirts aufliefen, auf denen Russland vorgeworfen wird, es habe 20 Prozent des georgischen Statsgebiets besetzt. Gemeint sind die georgischen Regionen Abchasien und Südossetien, die sich als unabhängige Staaten betrachten, tatsächlich aber komplett abhängig und kontrolliert von Russland sind. Aus dem russischen Parlament gibt es bereits Forderungen, die FIFA solle die T-Shirt-Aktion verurteilen. Unter den beteiligten Spielern sollen auch zwei Russen sein, die bei georgischen Vereinen unter Vertrag stehen.

⚽ Wer die letzte Russball-Folge gelesen hat, erinnert sich vielleicht: Die Besucherzahlen im russischen Profifußball sind nach der WM gestiegen und haben in der Premjer-Liga mit durchschnittlich 16817 Zuschauern pro Spiel einen neuen Rekordwert erreicht. Mit etwas Verspätung zieht Vedomosti daraus nun die Bilanz, die WM habe Russlands Fußballvereine gelehrt, wie man sich aus eigener Kraft finanziert und nicht mehr so von Sponsoren oder staatlichen Geldgebern abhängig ist. Steile These, die der Artikel nicht so recht belegt, trotzdem stecken ein paar interessante Fakten drin. Zum Beispiel, dass neben großen Namen wie Zenit, Spartak oder Lokomotive auch der FK Orenburg inzwischen einen großen Teil seines Budgets selber verdient – durch Eintrittskarten, Fanartikel, Ablösen.

Absolute Zahlen gibt es keine, bei Orenburg, dem Tabellensiebten der vergangenen Saison, machen diese Einnahmen inzwischen aber mehr als 90 Prozent des Budgets aus. Sieben von 16 Erstligaclubs sind dem Bericht zufolge allerdings auch heute noch weitgehend von zahlungskräftigen Sponsoren abhängig – in Russland oft regionale Regierungen, staatliche oder staatsnahe Unternehmen. Für diese Vereine hat Vedomosti, das ja eine Wirtschaftszeitung ist, nicht viel übrig: „Leibeigenentheater und Sozialprojekte“, mehr seien sie nicht – entweder das Amüsement eines reichen Geldgebers, oder dessen Chance, sich ein bisschen zu engagieren.

⚽ Ach ja, und weil da gerade „sieben von 16 Erstligaclubs“ stand: Das könnten bald schon 18 sein. Die Führung der Premjer-Liga hat eine Arbeitsgruppe gebildet, um Argumente für und gegen eine Vergrößerung zusammenzutragen, als nächstes müsste dann der Verband überzeugt werden. Nach TASS-Informationen haben sich alle Erstligavereine bis auf einen für den Vorschlag ausgesprochen. Besonders anschaulich ist, was Anatoli Mescherjakow, Aufsichtsratsvorsitzender von Lokomotive Moskau, dazu zu sagen hat: Erst mal müsse man (siehe Anschi Machatschkala, dazu gleich mehr) überhaupt ausreichend Vereine finden, die finanziell stabil genug seien für den Erstligabetrieb. „Und dann: Haben wir (genug) Stadien mit 15.000 Sitzen und Spielfeldern, die nicht dazu führen, dass sich die Spieler einen Bänderriss holen?“

⚽ Zwischendurch mal kurz: Der Twitter-Account „Football Manager Hair on Politicians“ ist erst seit Mitte Juni aktiv, hat aber schon ganz gut vorgelegt: Kim Jong-Un mit den Haaren von Jürgen Klopp, Jacob Rees-Mogg mit den Haaren von Rudi Völler. Und dann, rechtzeitig für diese Russball-Folge, das Zückerchen hier:

⚽ Diese Marotte, aus kyrillischen Buchstaben pdeudo-deutsche (oder -englische) Wörter zu basteln, finde ich ja ziemlich anstrengend. Trotz seines schmerzhaften Logos sei an dieser Stelle aber darauf hingewiesen, dass das Reportage-Projekt „Buterbrod und Spiele“ über den WM-Sommer 2018 gerade mit einem Grimme-Online-Award ausgezeichnet worden ist. Gern gelesen: den ausgiebigen Besuch bei Sergej Tschilikow und die kleine Randgeschichte über den Comedy-Youtuber Semjon Slepakow.

⚽ Das Logo von Paris Saint-Germain ist frei von Kyrillisch-Spielereien, obwohl es auf dieser Weltkarte bald ein weiteres Mal auftauchen wird. Sie zeigt, wo der französische Verein bereits überall Ableger seiner Nachwuchs-Akademie hat sprießen lassen, etwa in Montréal, Rio de Janeiro oder Düsseldorf. Ende August eröffnet jetzt auch eine Filiale in Moskau – direkt am Luschniki-Stadion, dem Ort des WM-Finales. Nach der Weltmeisterschaft hat es ja eine ganze Reihe neugegründeter Fußballschulen in Russland gegeben, da will nun auch der Meisterverein aus dem Weltmeisterland mitspielen.

Kinder zwischen 3 und 15 Jahren können ab dem Spätsommer an der Moskauer PSG-Akademie lernen. Trainiert wird zwei- bis viermal pro Woche, sechs reguläre und ein Torwarttrainer werden nach Vereinsangaben an der ersten PSG-Akademie auf russischem Boden lehren. Die Website steht, auf dem Instagram-Account sammeln sich die ersten Füllbilder und Nutzerkommentare. Und als jemand mit viel Liebe für Sprache weiß ich nicht, was mich mehr beschäftigt: Dass Fabien Allègre, der bei PSG für „Markendiversifizierung“ (doch, wirklich) zuständig ist, die Moskauer Akademie ohne Bescheidenheit oder Sprachgefühl als „eine der premiumsten des Landes“ ankündigt. Oder das Wissen, dass Paris Saint-Germain ins Russische streng phonetisch als Пари Сен-Жермен transliteriert wird, also Pari Sen-Schermen. Wenn das mal die Akademie nicht noch ein bisschen premiummer macht!

⚽ Willst du Jenissei oben sehen, musst du die Tabelle drehen. Es war keine gute Saison für den Verein aus Krasnojarsk, in der kommenden Saison spielt er bloß zweitklassig. Doch auch ohne Klassenerhalt hat sich der Club etwas anderes bewahrt: sein Talent dafür, sich geschickt in sozialen Netzwerken zu präsentieren. Wir erinnern uns: FK Jenissei, das sind die, die damals mit einem Einfamilienhaus und einem Lada mit personalisiertem Kennzeichen versucht haben, Cristiano Ronaldo zu sich zu locken. Die, die zum Pokalspiel fast 2000 Kilometer mit dem Zug anreisen, einschließlich Grillhähnchen.

Und nun eben die, die das Abstiegstrauma in einem schiefbunten Mischmasch aus Star Wars und Superheldenfilm aufgreifen: „Im Jahr 2019 flog der FK Jenissei aus der Russischen Premjer-Liga, wodurch es zu einer intergalaktischen Explosion und einem Riss im Raum-Zeit-Kontinuum kam und sich die Universen vermischten.“. Anders gesagt: Uns gibt es noch, wir nehmen die Sache mit Humor, also kauft doch bitte unsere neuen Trikots, ja?

⚽ Noch eine Abstiegsgeschichte, bloß dramatischer: Die Finanzkrise von Anschi Machatschkala hat sich über Monate hingezogen, noch vor kurzem sah es aus, als stehe der Verein vor dem kompletten Ende: Nach dem Aus in der Premjer-Liga bekam er nicht mal mehr die Lizenz für die FNL, also die zweite Liga. Wie ernst es um Anschi stand, zeigen die Überschriften, nachdem der Verein nun immerhin eine Drittligalizenz bekommen hat: „Anschi hat überlebt“„Anschi wird leben“„Anschi ist am Leben“, so liest sich das.

Anschi hat seine Fans in einem Instagram-Post über die Lizenz und die daran geknüpften Bedingungen informiert. So darf der Verein so lange keine neuen Spieler verpflichten, bis er die Gehälter nachgezahlt hat, die er seiner aktuellen Mannschaft und dem Trainerstab noch schuldet. Ausdrücklich erlaubt ist es dagegen, Spieler aus den eigenen Fußballakademie ins Profiteam aufrücken zu lassen – die Krise des Vereins als Chance für den Nachschub.

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Als Rausschmeißer noch mal ein Blick auf Russland und Georgien. Matthew Janney schreibt darüber, wie er das Angebot bekam, für die russische Rugby-Nationalmannschaft zu spielen – und welche Reaktion es gab, als er feststellte, dass er gar keine russischen Vorfahren hat, sondern georgische. Spoiler: Es ging seinem Bericht zufolge so in Richtung „Na, das kriegen wir schon im russischen Sinne gedreht.“ Fand ich vor allem deshalb interessant zu lesen, weil Russland ja auch im Fußball wie in der Politik die russische Staatsangehörigkeit ganz gerne mal strategisch vergibt.



 

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Russball, Folge 68: Rekord ein Jahr nach der Fußball-WM

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Wie war er, der Fußball-Mai in Russland? Fangen wir mit einem Bild an, getwittert vom offiziellen Account der Premjer-Liga. „Rekord“, das erste Wort über der Zahl, kann man sich vielleicht auch ohne Russischkenntnisse zusammenreimen:

Tatsächlich sind in dieser Saison, der ersten nach der Fußball-Weltmeisterschaft, so viele Leute zu den Erstliga-Spielen gekommen wie nie zuvor, nämlich eben diese 4036196. „Danke an jeden! Ihr seid die Besten“, twittert der Liga-Account. Im Schnitt kamen zu jedem Spiel 16817 Zuschauer, das sind gut 20 Prozent mehr als in der Saison davor.

Klar, wir wissen alle, da wurde mancherorts ordentlich angeschoben mit Freikarten und anderen Manövern. Trotzdem: Damit allein bekommt man keine vier Millionen Menschen ins Stadion.

Und sonst so?

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⚽  Eventuell ist Zenit St. Petersburg Meister geworden. Die Feierei – nur mal kurz mit dem Boot durch die Stadt und dann noch mal mit dem Bus – war so dezent und voller Understatement, man kann da nicht ganz sicher sein. Eventuell gab’s auch ein winziges Feuerwerk.

Russian Football News porträtiert Sergei Semak, der erst letztes Jahr als Trainer zu Zenit gekommen ist und direkt mal für den ersten Meistertitel seit 2015 gesorgt hat. Spannend, denn der Mann ist zwar früherer Zenit-Spieler, war als Trainer aber noch recht unerfahren. Championat wiederum hat einen Überblick über allerlei Leute, die im Hintergrund an diesem Meistertitel mitgewirkt haben, unter anderem Michail Birjukow. Er war an allen sechs Meistertiteln von Zenit beteiligt – 1984, noch zu Sowjetzeiten, als Torwart, außerdem 2007, 2010, 2012, 2015 und 2019 als Torwarttrainer. Und dann hat eventuell noch jemand ganz leise die jubelnden Fans gefragt: Кто чемпион? Wer ist Meister?

⚽ Vizemeister ist Lokomotive Moskau geworden, dafür hat das Team einen anderen Titel klar gemacht und im Pokal gesiegt. Mitten in der Sommerpause, am 6. Juli, wird es also ein Spiel zwischen Zenit und Lokomotive um den russischen Supercup geben. Wer alles wie international spielt, muss ich ja nicht aufdröseln, das kann man alles auf einen Blick hier sehen.

⚽ Tambow und Sotschi sind die beiden Aufsteiger in Russlands Premjer-Liga. Sotschi ist ja bekanntlich sowas Ähnliches wie der von Erich Kästner ausgedachte Gustav mit der Hupe: Der hatte erst nur eine Hupe und später dann das passende „Motorfahrrad“ dazu. Übertragen auf den Fußball heißt das: Sotschi hatte erst das großartige Stadion, das halt von der WM noch da stand.

Nun hat es der Verein auf ein Niveau geschafft, wo es auch nicht mehr so verschenkt wirkt, wenn er und seine Gegner in dieser Spitzenarena antreten. Bei Tambow wiederum muss ich, fernab von jeglichem Fußball, immer an „Tambow’s got Talent“ denken und an diese Geschichte hier. (Eh einer fragt: Ja, wir sind immer noch Facebookfreunde.)

⚽  Kurze Gedenkminute an dieser Stelle für Anschi Machatschkala. Nicht nur, weil sie per Relegation aus der Premjer-Liga abgestiegen sind, nein: Die finanziellen Probleme, um die es hier ja in den letzten Monaten immer wieder ging, haben den Verein eingeholt. Ergebnis: zu viele Schulden (darunter einiges an Spielergehältern) für eine Lizenz, Anschi darf nicht mal mehr in der zweiten Liga spielen.

Der Club steht damit vor seinem Ende. Die Regierung von Dagestan hätte helfen können, ist aber nicht zugunsten des Vereins eingeschritten – was ihr Magomed Adijew in einer seiner letzten Äußerungen als Anschi-Trainer hörbar nachträgt: „Ich habe mehr von der Regierung Dagestans erwartet. Alle haben gesehen und verstanden, dass der Präsident des Clubs nicht damit zurechtkommt, dass er bestimmte Probleme hat, aber die Regierung von Dagestan hat nichts getan.“ Der Fernsehsender Match TV sendet unterdessen schon mal einen Nachruf: „Darüber, wie ein weiterer russischer Fußballclub stirbt. Noch eine Region, in der es bald keinen hochklassigen Fußball mehr geben könnte.“

⚽ Legt man den Begriff „Region“ etwas großzügiger aus, bleibt auch nach dem wahrscheinlichen Ende von Anschi ja immer noch Achmat Grosny. Eine Teilrepublik weiter, von Dagestan nach Tschetschenien, und schon sind wir im Achmat-Gebiet. Den Futbolgrad-Text dazu kann ich nicht uneingeschränkt empfehlen – diese Passage à la „es gibt Berichte, dass Schwule verfolgt werden, aber hey, rund ums Stadion stehen freundliche Männer mit AK47s, die Sicherheitslage ist also top“ ist bestenfalls unreflektiert, schlimmstenfalls dumm.

Was der Text aber gut veranschaulicht, ist, wie ein Fußballverein, der nach dem Vater von Präsident Ramsan Kadyrow heißt, als PR-Instrument für ebendiesen Präsidenten eingesetzt wird: „Der FC Achmat, gesponsert von der Achmat-Stiftung, trägt seine Heimspiele in der Achmat-Arena aus, während die Fans ‚Achmat sila‘ (Achmat ist stark) rufen.“

⚽ Gianni Infantino war in Moskau, als ihm auffiel, dass das linke Revers seines Anzugs irgendwie leer wirkte. Schmucklos halt. Nackt geradezu. Aber gut, das lässt sich ändern, und so war Infantino im Kreml und hat sich von Wladimir Putin den Freundschaftsorden verleihen lassen. Der beißt sich farblich zwar ein wenig mit der Krawatte, aber gut, was will man machen. Auch Alexej Sorokin, Sportminister und einst Generaldirektor des WM-Organistations-Komitees, bekam die Auszeichnung. Im Gegenzug hat Infantino dann noch mal wiederholt, was er schon öfter gesagt hat: „Das war die beste Weltmeisterschaft aller Zeiten. Das sage nicht ich, sondern das sagt die ganze Welt.“ Der weiß halt, wie man sich bedankt.

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⚽  Da haben uns Alexander Kokorin und Pawel Mamajew durch so viele Russball-Folgen begleitet, und das soll nun ein Ende haben? Das Urteil gegen die beiden Fußballer ist gefällt, anderthalb Jahre Haft für Kokorin, ein Monat weniger für Mamajew, es ging um Prügeleien und das, was in Russland Hooliganismus heißt – mittelschwere Verstöße gegen die öffentliche Ordnung (genauere Definition hier). Falls sich jemand so richtig in den Fall vertiefen will, hier eine Chronologie/Themenseite dazu.

Das Strafmaß entspricht fast exakt den Forderungen der Staatsanwaltschaft. Die stellvertretende Chefin der Moskauer Gefängnisaufsicht hat unterdessen schon mal angekündigt, die beiden Spieler könnten ja im Gefängnis junge Fußballer trainieren. Ach so, und da Kokorin ja weiterhin bei Zenit unter Vertrag ist, ist er in der Haft Meister geworden und bekommt genau wie seine Kollegen, die auf freiem Fuß sind, eine entsprechende Medaille. Ob es bei den Haftstrafen bleibt, entscheidet sich dann Mitte Juni: Verteidigung wie Staatsanwaltschaft haben Einspruch eingelegt.

⚽ Tomas Zorn ist neuer Generaldirektor bei Spartak – ein Name, der mir bisher nichts sagte. Ein wenig Recherche ergibt: Der Mann ist gebürtiger Moskauer, der als Kind nach Deutschland kam und da aufwuchs. Nach eigenen Angaben vertritt er neben russischen Fußballern auch eine Reihe deutscher U17- und U19-Spieler. Hertha-Fans kennen seinen Namen vielleicht, weil er bis vor ein paar Monaten der Berater von Jordan Torunarigha war. Bombardir verweist unterdessen darauf, dass Zorn bereits mit Stanislaw Tschertschessow zusammengearbeitet hat. Das könne, heißt es dort, Gerüchte befeuern, dass Tschertschessow als Trainer zu Spartak zurückkehrt. Ob Spieler, die nach Russland wollen oder russische Spieler auf der Suche nach Engagements im Ausland, Zorn scheint gut vernetzt zu sein.

Interessant ist auch ein Artikel aus der Süddeutschen Zeitung, der schon ein paar Jahre alt ist: Damals ging es um die Frage, ob Zorn in eine Affäre um den bis heute mächtigen russischen Fußballfunktionär Sergej Prjadkin verwickelt ist, der als Chef von Russlands oberster Liga trotz eines Verbots gleichzeitig als Spielervermittler gearbeitet haben soll. (Mehr dazu auch hier beim Deutschlandfunk und hier bei Russian Football News). Die Nowaja Gasjeta hat die Angelegenheit 2011 gründlich untersucht und dabei sogar Hinweise dafür gefunden, dass es sich bei Zorn wahrscheinlich um Prjadkins Sohn handelt. „Wenn das so ist“, schließt der Bericht, „heißt das dann, dass quasi der gesamte russische Transfermarkt von der Familie eines Fußballfunktionärs und seiner Geschäftspartners dominiert ist?“ Nun ja.

⚽  Weil nach der Saison vor der Saison ist, hat Bombardir schon mal zusammengetragen, was sich demnächst in der Liga ändert: Der Videobeweis kommt wahrscheinlich (und kostet pro Verein offenbar 15 Millionen Rubel, also gut 200.000 Euro), die Verträge einiger prominenter Spieler laufen aus, sowas.

Wie es ständig in jeder Vorhersage über den russischen Fußball steht, fehlt auch hier nicht die Vorhersage, dass man sich nun aber endlich mal einigen wird auf eine neue Regel für Legionäre, also für die Zahl ausländischer Spieler pro Mannschaft. Oder doch pro Verein? Seit Jahren wird jetzt auf diesem Thema rumgedacht, allerlei Prominente geben O-Töne dazu ab. Wenn 2019/20 wirklich die Saison der Einigung ist, wäre das recht bemerkenswert.

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Als Rausschmeißer ein Blick nicht nach Russland, sondern etwas weiter westlich in die Republik Moldau, an die Grenze zur Ukraine. Dort liegt Transnistrien, das sich seit Anfang der Neunziger als eigenen Staat betrachtet – eine Sichtweise, der sich bisher kein anderes Land der Welt angeschlossen hat. Wer den Begriff „frozen conflict“ googelt, stößt schnell auf diese Region.

Vieles trennt die Menschen in Transnistrien und im Rest von Moldau, doch der Fußball vereint sie: Es gibt weiterhin eine gemeinsame Liga, Moldauer Meister war in den vergangenen zwei Jahrzehnten fast durchgängig der transnistrische FC Sheriff Tiraspol. Robert O’Connor berichtet im Calvert Journal über „eines der (…) bemerkenswertesten Beispiele für eine erfolgreiche Zusammenarbeit zwischen zwei kriegführenden Staaten“.



 

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Russball, Folge 61: Lokomotive Moskau fährt Metro

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Eventuell war zu Beginn der letzten Russball-Ausgabe hier beiläufig und extrem kurz vom anstehenden Schalker Auswärtsspiel in Moskau die Rede – gegen Lokomotive, in der Champions League. Wir waren zusammen mit den „Russischen Knappen“ da, einem vor allem, aber nicht nur russischen Schalke-Fanclub: Zwei Leute waren für das Spiel extra mit dem Nachtzug aus Weißrussland angereist, ein anderer mit dem Flugzeug aus der Ukraine, samt Umweg über die Türkei – Direktflüge zwischen Russland und der Ukraine gibt es ja seit ein paar Jahren nicht mehr. Wie gut, dass McKennie kurz vor Schluss noch dafür gesorgt hat, dass die alle nicht wieder heimfahren mussten, ohne ein Schalker Tor gesehen zu haben.

Unser Weg ins Stadion war im Vergleich dazu kurz und einfach – abgesehen davon, dass die Moskauer Kanalisation den Namen nicht verdient, also überall der Herbstregen auf den Straßen stand. Gut, dass es in der Metro immer noch an einigen Stellen kleine Verkaufsstände gibt, da konnte ich mir trockene Socken kaufen. 100 gut investierte Rubel! Und was auch auffiel: Das mit den netten Sicherheitskräften vorm Stadion hat sich nach der WM wohl erledigt. Auf die Frage, wo denn hier der Eingang zum Gästeblock sei, gab es vom Polizisten vorm Stadion keine Antwort, nur Starren und Schweigen. Bei den Loko-Mitarbeitern auf dem Stadiongelände dagegen ein ganz anderer Ansatz – freundlich, hilfsbereit, ein paar Durchsagen sogar auf Deutsch.

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⚽ Apropos Champions League: Lokomotive hatte gerade den FC Porto zu Gast, doch beinahe hätte es die Heimmannschaft nicht rechtzeitig zum Anpfiff ins Stadion geschafft: Moskau ist ja für die Verkehrsstrategie bekannt, dass zwischen der morgendlichen und der abendlichen Rushhour, dem Mittagspausenstau und den nächtlichen Dauerbaustellen so wenig freie Fahrt wie möglich auf den Straßen im Zentrum bestehen soll.

Daher standen auch die Moskauer Spieler auf dem Weg zum Match im Stau, aber immerhin: Seit gut zwei Jahren hat die Metro einen modernen, oberirdischen zweiten Ring, und der wiederum hat praktischerweise eine eigene Haltstelle namens „Lokomotiv“. Die Mannschaft stieg also um und war 55 Minuten vor Spielbeginn am Stadion. „Wie schön, dass es auf dem Zentralen Metroring keine Staus gibt“, twitterte der offizielle Vereinsaccount, „wir sind gut am Stadion angekommen und machen uns jetzt warm.“ Nur das Spiel, das ist trotzdem 1:3 ausgegangen. Aber hey, jedenfalls hat es pünktlich begonnen.

⚽ Anschi, Anschi – when will those dark clouds disappear? Der Verein war noch vor ein paar Jahren bekannt für sein opulentes Budget und entsprechend beeindruckende Spielerkäufe, doch in jüngster Zeit hat sich das drastisch geändert. AP berichtet, dass die Spieler seit März keine Gehälter mehr bekommen haben.

Am Donnerstag schließlich hat Russlands Fußballverband dem Club vorläufig untersagt, neue Spieler zu verpflichten. Der frühere Anschi-Verteidiger Wadim Afonin, der inzwischen zum FK Orenburg zurückgekehrt ist, hatte sich an den Verband gewandt. Ehe Afonin sein ausstehendes Gehalt nicht bekommen hat, darf Anschi Machatschkala also keine neuen Spieler holen. (Die ganze Entscheidung, in der es auch noch um die Ansprüche anderer Spieler geht, gibt es hier.)

⚽ Ihr erinnert euch vielleicht, dass es letztes Mal hier um Denis Gluschakow und Andrey Yeshchenko ging. Die beiden Spartak-Spieler hatten Ärger, weil sie einen Instagram-Post geliket hatten, in dem Trainer Massimo Carrera kritisierte wurde. Das hat sich inzwischen erledigt: Carrera, der Spartak 2017 zur Meisterschaft führte, ist seinen Trainerjob in Moskau los. Es gab noch ein Abschiedsessen mit der Mannschaft, das Carreras Agent, Marco Trabucchi, bei Twitter so kommentierte:

Yeshchenko ist, Konflikt hin oder her, auf dem Bild zu sehen, Gluschakow aber nicht. Da war wohl der Graben zwischen Spieler und Trainer zu tief. Wobei, vielleicht stimmt ja auch die Erklärung, die Championat.com süffisant zitiert: Wahrscheinlich, heißt es dort, sei Gluschakow bloß deshalb nicht zu sehen, weil er das Foto gemacht habe. Bei seiner Abschieds-PK hat Carrera außerdem alle Spartak-Fans aufgerufen, ins Stadion zu kommen und ihren Verein zu unterstützen – der nämlich dümpelt aktuell nur in der Tabellenmitte rum, statt oben mitzuspielen.

⚽  Der FK Rostow (ja, das sind die mit dem Teppich) war in der vergangenen Liga-Saison, na sagen wir mal: unauffällig. Neun Siege, elf Niederlagen, zehn Unentschieden, am Ende war das der 11. Tabellenplatz. Diese Spielzeit sieht das ganz anders aus: Rostow auf Platz 3, direkt hinter Zenit und Lokomotive. Wie kommt’s? Russian Football News versucht sich an einer Erklärung: variantenreiches Spiel, kluge Neuverpflichtungen, eine starke Verteidigung. „Wenn man von der aktuellen Saison ausgeht, dann ist weder die Meisterschaft noch ein Platz im europäischen Turnier unmöglich.“

Foto: FK Rostow
Foto: FK Rostow

⚽ Eine Runde Konjunktiv: Selbst, wenn sich Rubin Kasan dieses oder nächstes Jahr für Champions League oder Europa Leage qualifizierte, es dürfte dort nicht mitspielen. Die UEFA hat den Club gesperrt, für diese Saison und für die kommende. Begründet wird das damit, dass Rubin gegen die Regeln zum Financial Fair Play verstoßen hat.

Die jetzt verhängte Sperre ist bereits der zweite Akt in einem längeren Drama: Nachdem der Verein die Finanzregeln verletzt hatte, gab es 2014 eine Einigung mit der UEFA auf gewisse Einschränkungen, zu denen sich Rubin verpflichtete: keine höheren Gehälter, nur 21 statt 25 Spieler im Kader für den internationalen Wettbewerb – alle Details hier. Allerdings soll sich der Verein nicht an alle Vereinbarungen gehalten haben, daher folgte nun die härtere Strafe.

⚽ Unmittelbar nach der Fußball-WM durfte ich für die Kollegen bei n-tv.de aufschreiben, wie es hier im Lande nun wohl weitergehen wird. Das war die satirische Version, klar – trotzdem bin ich ein wenig stolz darauf, vorhergesagt zu haben, dass Witali Mutko nach Ende des Turniers wieder etwas von seiner alten Macht zurückbekommt.

Wir erinnern uns: Mutko hatte nicht nur eine solche Ämterfülle, dass es selbst der FIFA zuviel wurde, sondern war auch zu sehr in den russischen Dopingskandal verstrickt, als dass man ihn während der WM der Weltöffentlichkeit zumuten wollte. Aber gut, die WM ist vorbei, Russland ist wieder Russland und der Multifunktions-Mutko kann sich wieder auf den Chefsessel beim russischen Fußballverband setzen.

⚽ Was offenbar auch nur während der Weltmeisterschaft klappt, davor und danach aber nicht: Die Fans in einer akzeptablen Zeit aus dem Luschniki-Stadion wieder raus zu bekommen. Hmm, ob das wohl was zu tun hat mit den vielen freiwilligen, unbezahlten Helfern, die während der WM alle paar Meter standen, um den Besuchern den Weg zu weisen? Jedenfalls berichteten Fans nach dem Spiel zwischen ZSKA und Real Madrid, dass sie mehr als eine Stunde brauchten, um aus dem Stadion zur Metro zu kommen.

⚽  Eh das jetzt hier so klingt, als hätte die WM keinerlei positive Auswirkungen gehabt: doch doch. Vor allem die kleinen Vereine in den großen, schicken WM-Stadien freuen sich. Die Organisatoren des Turniers haben außerdem eine positive finanzielle Bilanz gezogen, aus der Interfax ausgiebig zitiert. Eine Kurzfassung auf Englisch gibt es bei der Moscow Times: Demnach hat die WM seit 2013 etwa 14,5 Milliarden Dollar an Investitionen nach Russland gebracht.

Andererseits liegen auch die Schätzungen, was die WM das Land gekostet hat, zwischen 11 und 14 Milliarden. Ob Russland langfristig von seiner Gastgeberrolle profitiert oder draufzahlt könne man ohnehin erst in ein, zwei Jahren sagen, argumentieren drei hochrangige Wirtschaftswissenschaftler in einem Gastkommentar für die Zeitung „Wedomosti“.

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Zum Schluss noch eine kleine Korrektur. Mir ist aufgefallen, dass sowohl die letzte als auch die vorletzte Russball-Folge die Nummer 59 hatte. Entgegen dessen, was ihr euch vermutlich beim Lesen gedacht haben, war das keine Anspielung auf das Tor von Denis Tscheryschew beim WM-Spiel Russland – Ägypten, sondern ein Fehler.

Ein Fehler, nach dem ich dann erst mal überlegen musste, welche Folge das hier denn dann ist. 60? 61? Oder 59 – hat sich ja bewährt? Wer Feedback zur Entscheidung oder zum Rest dieses Newsletters loswerden möchte, der kann das gerne in den Kommentaren tun oder via Twitter. Bis nächstes Mal, macht’s gut!



 

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Russball, Folge 59: Gibt es ein Fußball-Leben nach der WM?

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So ist das also, einen guten Monat nach Ende der Fußball-Weltmeisterschaft: In Moskau sieht man wieder Bettler auf den Straßen im Zentrum, auf der Nikolskaja Ulitsa trifft man abends keine feiernden Menschen mehr, die WM-Deko ist aus dem Stadtbild verschwunden. Nur in den kleinen Souvenirkiosken in den Unterführungen warten übriggebliebene Maskottchen noch auf ein Zuhause. Neulich habe ich ganz kurz sogar bei Gett, der Taxi-App meines Vertrauens, einen Fahrtpreis angezeigt bekommen, an dem nicht „wegen besonders hoher Nachfrage“ stand. Ich glaube, das habe ich zuletzt irgend wann Anfang Juni gesehen, vor der WM.

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⚽  Wie war das noch zu Beginn der WM? Russland dümpelte irgendwo unten im FIFA-Ranking rum, kein anderes Teilnehmerland war schlechter eingestuft. Und jetzt, nach dem überraschend erfolgreichen Turnier? Ein Sprung nach oben in die Top 50, wo sich nun Russland und Nigeria den 49. Platz teilen. Gleichzeitig ist Deutschland deutlich eingebrochen – Platz 15 statt Platz 1.

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Betriebe man sehr schlichte Statistik und schriebe diese Tendenz so fort (also Russland erneut 21 Plätze rauf und Deutschland erneut 14 Plätze runter), dann stünde schon beim nächsten Update der FIFA-Liste die russische vor der deutschen Fußball-Nationalmannschaft: Platz 28 zu Platz 29. Klar, so einfach ist das nicht mir der Rechnerei hinter dem Ranking. Aber dass die beiden Mannschaften so schnell so nah aneinanderrutschen, hätte vor der WM wohl niemand vorhergesagt.

⚽ Noch eine entscheidene Veränderung nach der WM, auch diesmal geht es um die russische Nationalmannschaft, oder zumindest um einen ihrer Spieler: Fjodor Smolow, der vor dem Turnier als die eine große Hoffnung des Teams galt, dann aber von Mannschaftskameraden wie Artjom Dsjuba in den Schatten gestellt wurde. Smolow jedenfalls spielt nach rund drei Jahren beim FK Krasnodar ab sofort bei Lokomotive Moskau, dem amtierenden Meister.

Wäre es bei der Weltmeisterschaft für ihn besser gelaufen, dann würde er jetzt vielleicht international spielen, vermutet Russian Football News und sagt voraus: Damit wird’s wohl nun nichts mehr, schließlich ist der Mann schon 28. Wer Smolow bei Krasnodar ersetzen könnte, das hat unterdessen Sports.ru aufgeschrieben.

⚽ Besagter Artjom Dsjuba, das soll hier nur kurz erwähnt werden, hat ebenfalls einen neuen Job, allerdings ohne den Verein gewechselt zu haben. Der Mann ist ab sofort Führungskraft, als Stimme bei Yandex Navigator führt er Autofahrer durch den Verkehr,, mit allerlei Anspielungen aus der Fußball-Sprache einschließlich Abpfiff-Jubel beim Erreichen des Ziels. Dsjuba ist als Neuzugang im Navi-Sprechteam in illustrer Gesellschaft: Bisher konnte man sich schon von Darth Vader und von Optimus Prime durch den Verkehr lotsen lassen.

⚽ Was ist der Stoff, aus dem gute virale Inhalte gemacht werden? Die Frage, mit der sich Social-Media-Leute in aller Welt beschäftigen, ist nun endgültig beantwortet, und zwar von einem Fan des FK Rostow. Statt Fahne oder Banner brachte er einen Teppich mit ins Stadion, um seinen Verein beim Spiel gegen Jenissei Krasnojarsk anzufeiern. Erfolgreich, Rostow gewann mit 4:0 und twitterte anschließend ein Foto des Fans samt Jubelteppich. Dazu das Versprechen: „500 Likes, und wir legen so einen Teppich bei uns ins Vereinsheim!“

Die Likes waren schnell zusammen, aktuell sind es bereits über 2000 – der Teppich liegt nun wie versprochen am Ehrenplatz. In einem Interview erzählte Alexej, der Rostow-Fan, dass dies nicht sein erster Ausflug mit dem Teppich war, der normalerweise einfach bei ihm zuhause rumliegt: „Ein paar mal hab ich ihn auch schon mit ans Meer genommen, einfach um da mit ein paar Freunden zu entspannen.“ Rostow hat jetzt noch mal nachgelegt und bietet ab sofort auch ein Fußball-Trikot in Teppichmuster an. Hübsch hässlich – Vorbestellungen gibt es schon ein paar hundert.

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⚽ Wo wir gerade beim Thema Virales sind und der FK Jenissei schon erwähnt wurde: Bei dem hat neulich ein Fußball-Fan seiner Freundin in der Halbzeitpause einen Heiratsantrag gemacht, verkleidet als das Vereinsmaskottchen. Wer’s mag. Wobei mir die Vorstellung gefällt, dass auf deren Kaminsims daheim nun dauerhaft ein Foto steht, er mit Löwenkörper, sie mit diesem Gesichtsausdruck: „Ich kann nicht fassen, dass du das hier gerade vor all den Leuten machst. Aber ich lächle mal, und den Rest klären wir zuhause.“

⚽ Beim Nachrichtensichten für diese Russball-Ausgabe musste ich kurz daran denken, wie das damals vorm Volontariat war. Ich hab in Dortmund studiert, die Voloplätze wurden über das Institut für Journalistik vergeben. Vor der Beginn des Vergabeverfahrens gab es für jeden Jahrgang eine Abstimmung: Wollt ihr einen Sozialfonds gründen – jetzt, wo ihr noch nicht wisst, wer die anständig bezahlten Plätze bekommt und wer die schlecht bezahlten? Ein bisschen interne Umverteilung, bei der die paar Glücklichen mit Tarifgehalt (was de facto hieß: die Volontäre bei der Rheinischen Post) den Kommilitonen mit dem schlechtesten Gehalt (RTL? Ich weiß es nicht mehr genau) ein bisschen was abgeben. Wir haben dafür gestimmt.

An diese Entscheidung fühlte ich mich erinnert, als ich von einer Idee hörte, die unter den Vereinen der russischen Premjer-Liga kursiert. Dort mitzuspielen, das bedeutet lange, teure Reisen zu Auswärtsspielen, oft halbvolle Stadien – und nicht jeder Verein hat das Privileg, einem Staatsunternehmen oder reichen Unternehmer zu gehören. Russlands oberste Liga spielt daher nun mit dem Gedanken, einen „Stabilisierungsfonds“ einzurichten, um Vereinen bei akuten Geldproblemen unter die Arme zu greifen. In Dagestan werden sie diese Idee sicherlich mit Freude hören: Anschi Machatschkala spielt zwar in der Premjer-Liga, der Verein ist aber bei den Spielergehältern aktuell mit rund drei Millionen Euro im Rückstand.

⚽ Das Problem mit den nur halbvollen Stadien ist aktuell übrigens nicht so ausgeprägt wie sonst. Die Fußball-Begeisterung, angefacht durch Russlands unrwartet gutes Abschneiden bei der WM, hält an, viele Vereine verkaufen derzeit deutlich mehr Tickets als sonst. Mehr als 400.000 Zuschauer bei den ersten 15 Liga-Spielen – „ein großer Sieg für den russischen Fußball“, sagt Vizeministerpräsidentin Olga Golodez. Am vierten Spieltag der aktuellen Premjer-Liga-Saison kamen insgesamt 172 407 Zuschauer in die diversen Stadien, das ist laut Russian Football News nur ganz knapp hinter dem ewigen Liga-Rekord:

⚽  „Es ist inakzeptabel, dass Anlagen, die für solch ein großes Sportereignis gebaut wurden, und in die riesige Summen aus dem Haushalt investiert wurden, so schnell verfallen.“ Das sagt nicht irgendwer, sondern Alexander Wassiljew, Duma-Abgeordneter und hochrangiges Mitglied der Putin-Unterstützungsorganisation „Gesamtrussische Volksfront“.

In einer Pressemitteilung zählt sie Beispiele aus Samara, Wolgograd und Nischni Nowgorod auf, wo Teile der WM-Infrastruktur bereits beschädigt sind, Wege unterspült, gepflanzte Sträucher schon wieder verdorrt. Die Volksfront fordert nun von den Behörden vor Ort Erklärungen, wie es dazu kommen konnte – und wird die angesichts ihrer bekanntermaßen guten Kontakte in den Kreml wohl auch bekommen.

⚽ Was auch in diese August-Ausgabe gehört: Das Spiel zwischen Zenit St. Petersburg und Dinamo Minsk in der Europa League. Ich hab lange überlegt, wie ich dieses Spiel hier knackig zusammenfasse – und dann fiel mir auf, dass mein früherer Kollege Henni das netterweise übernommen hat:

Es war das erste Mal, dass ein russischer Fußballclub in einem europäischen Wettbewerb ein 0:4 aus dem Hinspiel wiedergutgemacht hat. Für Sergei Semak sicher ein Highlight seiner noch nicht allzu langen Zeit als Zenit-Trainer. Da wird man schon mal zum Poeten: „Das war ein heldenhaftes Spiel der Mannschaft, erst recht in Unterzahl“ sagte Semak nach dem Sieg. „Sie haben sich selbst in diese Situation gebracht, und sie haben sich selbst da wieder rausgeholt. Da schmeckt der Sieg um so süßer.

⚽ Dass ihr mit eurer Fan-ID bis Jahresende visafrei nach Russland einreisen dürft, haben diejenigen von euch, die im Sommer hier waren, sicher schon mitbekommen. Schließlich fiel die politische Entscheidung dazu schon Ende Juli, seit 3. August ist die Regelung in Kraft. Und weil Besucher Geld ins Land bringen und es für Hotelbetten, Eintrittskarten, Bier und Pelmeni ausgeben, wird die Sache jetzt noch mal beworben, mit einer Mail an alle, die damals zur WM eine Fan-ID beantragt haben. Eine Mail, die mit dem längsten, verschachteltesten Satz beginnt, den ich seit langem gelesen habe:

kscheib fussball fan id email screenshot

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Zum Schluss noch ein Abstecher nach Weißrussland, quasi „Weißrussball“: Ihr erinnert euch, dass Diego Maradona als Präsident von Dinamo Brest vorgestellt wurde und da zum Auftakt mal ganz dezent mit einem Fahrzeug vorfuhr, das wohl entsteht, wenn sich ein Jeep und ein Panzer sehr, sehr lieb haben.

Seitdem hat sich Präsident Maradona in Brest nicht mehr blicken lassen. Wann oder ob überhaupt er mal mit der Arbeit beginnt – unklar. Wie Maradona den Fanboy für Weißrusslands autoritären Präsidenten Lukaschenko gibt, und was Dinamo-Fans sagen, wenn man sie auf den neuen Vereinschef anspricht, hat Denis Trubetskoy aufgeschrieben.

Die nächste Russball-Folge gibt es Ende September – bis dann!



 

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Russball, Folge 24: Liebeserklärung an eine alte Schachtel

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Diese Woche machen wir das hier mal ein bisschen anders. Es gibt so viele kleine Meldungen rund um die kommende Fußball-Weltmeisterschaft in Russland, die aber untereinander nicht viel miteinander zu tun haben. Darum hat diese Russball-Ausgabe am Schluss einen kleinen Block mit Kurzmeldungen. Aber erst mal reden wir über die Liebe.

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⚽ Denn es ist ganz klar eine Liebeserklärung, die der Journalist Jegor Arefjew da verfasst hat. Er feiert darin das, wozu die Russen Korobka sagen, also Schachtel. Gemeint sind damit die umzäunten kleinen Plätze, oft im Innenhof russischer Wohnkomplexe, in denen nicht nur Kinder gerne Fußball spielen. „Der Boden war aus Erde, was heute eine Seltenheit ist“, erinnert sich Arefjew an die Korobka seiner Jugend. „Ein bisschen mehr Gras, und es wäre das Luschniki-Stadion im Miniformat gewesen. Unsere Zuschauer waren die Bewohner der beiden fünfgeschossigen Häuser nebenan und die Leser in der Bibliothek.“

Kaputte Knie, zerschossene Fensterscheiben im Erdgeschoss. Eine buntgemischte Subkultur mit ihren eigenen Regeln, zu der jedes Kind, jeder Jugendliche Zugang hatte. Es ist ein romantisches Bild, das Arefjew von dieser russischen Institution zeichnet. Das Calvert Journal hat vor ein paar Jahren mal ein Foto-Essay zu dem Thema zusammengestellt, das zeigt: Eine Korobka kann runtergekommen sein, mit Graffiti besprüht, mit rostigen Gittern oder Wänden aus nacktem Beton. Alles egal, es zählt, was man daraus macht. Und, schöner Zufall: Der Tagesspiegel hat auch gerade eine Hymne an die Korobka veröffentlich, in ihrer Berliner Variante. Mit dem wunderschönen ersten Satz: „Manche Menschen brauchen Käfige, um frei zu sein.“

kscheib russball korobka in bischkek

Das Foto ist in Kirgistan entstanden, bei einem abendlichen Spiel in einer Korobka in Bischkek – leicht verwischt, aber eine schöne Erinnerung. Auch unsere Wohnanlage hier in Moskau hat übrigens eine Korobka, auch wenn sie selten zum Fußballspielen genutzt wird. Dafür ist es ein untrügliches Zeichen für den Frühling, wenn die indischen Nachbarskinder darin wieder Cricket spielen.

⚽ Die Zeitschrift „Futbol“ zeichnet die Verletzungsprobleme von Manuel Neuer nach. „Ein neuer Lew Jaschin“ hätte Neuer werden können, heißt es dort in Erinnerung an die sowjetische Torwart-Legende.

Stattdessen stehe Deutschlands bester Torwart nun am Abgrund und werde auch nicht mehr zu seiner alten Form zurückfinden – da ist sich die Autorin sicher. Aber gut, das ist dieselbe Frau, die auch behauptet, im Stadion des VfL Osnabrück werde das Bier in Anderthalbliterbechern ausgeschenkt. Wäre ja schön, wenn sie in Sachen Manuel Neuer genau so falsch läge.

⚽ Keine Woche ohne Neuigkeiten zum Petersburger Krestowski-Stadion (ja, das mit der Korruption und dem undichten Dach). Laut Sports.ru wurde der Pressebereich dort so gebaut, dass sich dadurch das Spielfeld nicht mehr aus dem Stadion rausrollen lässt. Kann man ändern, kostet dann aber halt auch 300 Millionen Rubel, also 4,3 Millionen Euro.

Wenn eh gerade die Handwerker im Haus sind, kann ja vielleicht auch gerade mal jemand auf den Bot gucken, der zu jedem Spiel twittert, ob das Stadiondach offen oder zu sein wird. Der leider nämlich gerade an akuter Redundanz, will sagen: Er wiederholt sich. Oft.

⚽ Wo wir schon in Petersburg sind: Roberto Mancini legt Wert auf die Feststellung, dass er Trainer von Zenit bleiben will. Der Job als italienischer Nationaltrainer reize ihn nicht, auch wenn er nicht überrascht sei, dass sein Name als möglicher Nachfolger von Gian Piero Ventura im Gespräch sei. Der hatte den Job ja verloren, nachdem Italien in der WM-Quali gescheitert war.

„Surreal und extrem traurig“ fühle sich die Aussicht auf eine Fußball-Weltmeisterschaft ohne Italien für ihn an, sagte Manchini weiter. Er will sich aber ganz darauf konzentrieren, mit Zenit den russischen Meistertitel zu holen.

⚽ Was ich ja allmählich nicht mehr lesen kann, sind diese ganzen „Was läuft nur schief im russischen Fußball“-Artikel. Nicht, weil es da keine Probleme gäbe oder sie schwer zu benennen wären, nein – mangelnde Jugendarbeit, zu hohe Spielergehälter und Clubs, die sich nicht genug um die Fans kümmern, das sind schon alles legitime Sorgen. Aber dieses Déjà-vu, wenn jede Woche eine andere Website das grundsätzliche Lamentieren anstimmt…

Diesmal ist also Bombardir.ru dran und fragt: „Worin besteht das Hauptproblem des russischen Fußballs?“. Russian Football News hält dagegen und sammelt Zeichen dafür, dass die Mannschaft im Vorfeld der WM Fortschritte macht. Aber die vielleicht beste, weil konkreteste Bestandsaufnahme liefert Sports.ru: Wäre morgen schon WM, wie sähe dann die bestmögliche russische Nationalmannschaft aus? (Spoiler: Im Tor steht Igor Akinfejew.)

⚽ Mit zwei Instagram-Posts 20.000 Abonnenten erreichen – das schafft nicht jeder. Aber Juri Sjomin hat gerade halt auch einen Lauf. Als Trainer hat er Lokomotive Moskau auf den ersten Tabellenplatz gebracht, zuletzt gab es einen 1:0-Sieg gegen Anschi Machatschkala. (Wie die Chancen stehen, diese Position zu verteidigen, kann man hier nachlesen.)

Jetzt also auch noch Instagram. Sjomin, Jahrgang ’47, hat es klug angefangen und sich Hilfe von einem Digital Native aus der eigenen Familie geholt. Der – oder vielmehr: die – darf dann auch direkt mit aufs erste Bild: „Meine Enkelin hatte die Idee, hier einen Account zu eröffnen. Sie sagt, die Leute lesen und gucken sowas gerne, und ich hab hab was zu erzählen. Na dann mal los.“

Und jetzt, wie versprochen, noch ein paar kleine Meldungen rund um die WM:

⚽ Studenten an den WM-Austragungsorten sollen nun doch nicht aus dem Wohnheimen vertrieben werden, um Platz für Sicherheitskräfte zu schaffen. Das hat das russische Bildungsministerium versprochen. Stattdessen sollen die Nationalgardisten nur in den Zimmern derjenigen Stundenten einziehen, die zufällig genau dann, wenn an ihrem Studienort die Fußball-Weltmeisterschaft stattfindet, im Urlaub sind.

⚽  1. Dezember, 16 Uhr deutscher Zeit – dann werden in Moskau die WM-Gruppen ausgelost. Mit prominentem Personal: Miroslav Klose trägt den Pokal rein, es moderieren Gary Lineker und die russische Sportjournalistin Maria Komandnaja. Sie ist auch die Frontfrau dieses virtuellen Rundgangs durchs Luschniki-Stadion:

⚽ Apropos: Die Länder, die ein Spiel in Rostow am Don zugelost bekommen, wissen schon mal, dass ihre Mannschaft und deren Fans an einem frisch gebauten Flughafen landen. Im Frühling soll er eröffnet werden, jetzt durfte schon mal ein Fernsehreporter durchs Gebäude gehen.

⚽  Noch mal apropos: Russlands Fluglinien hoffen selbstverständlich, dass die WM ihnen einen ordentlichen Gewinn beschert. Im Moment sieht es danach aus: Laut Interfax werden Flüge zwischen Moskau und St. Petersburg im kommenden Sommer 40 Prozent teurer sein als üblich. Bei Austragungsorten wie Jekaterinburg oder Sotschi ist der Anstieg nicht ganz so hoch.

⚽ Falls jemand Ambitionen hat, bis zur Weltmeisterschaft sein Russisch aufzupolieren: Sports.ru hat ein Quiz gebaut, bei dem man alle WM-Teilnehmerländer aufzählen soll. Auf Russisch natürlich, in kyrillischen Buchstaben. Wer am Laptop keine kyrillische Tastatur hat, probiert es also vielleicht am besten per Handy.

⚽ „Überall auf der Welt weihnachtet es, so auch in Langenfeld.“ So hat mir im Volontariat mal ein Redakteur erklärt, wie man große Geschichten aufs Lokale runterbricht. Nach demselben Prinzip gibt es gerade allerlei Berichte dazu, welcher Bundesliga-Verein welche Spieler zur WM nach Russland schickt – Eintracht Frankfurt zum Beispiel, Borussia Mönchengladbach oder auch der HSV und St. Pauli.

⚽ Die Doping-Proben, die bei der WM genommen werden, sollen nicht in Russland untersucht werden, sondern dafür extra ins Ausland gebracht werden. Schließlich ist die russische Anti-Doping-Agentur immer noch suspendiert, weil sie sich nicht an die Regeln der Welt-Anti-Doping-Agentur hält.

⚽ Zwölf WM-Stadien werden es kommendes Jahr sein, fünf davon bekommen ihren Rasen aus Frankreich. Der soll besonders widerstandsfährig sein, schreibt der Courrier de Russie.

⚽ Sehr schmeichelhaft, was die Leser von Lenta.ru da für die Fußball-Weltmeisterschaft vorhersagen: Rund 3000 von ihnen haben sich bisher an einer Umfrage beteiligt, wer der nächste Fußball-Weltmeister wird, und beinahe jeder zweite hat für Deutschland gestimmt. Immerhin 8 Prozent antworteten auf „Wer wird bei der WM 2018 gewinnen“ mit „Die Freundschaft“. Hach!

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Die Schlusspointe kommt in dieser Russball-Folge von Wjatscheslaw Nesterow. Er ist Illustrator und arbeitet gerade an einem satirischen Kalender, der bis ins Jahr 2120 gehen und sich komplett um Wladimir Putin drehen soll. Für jedes Jahr hat sich Nesterow außerdem eine Überschrift ausgedacht. Eine davon passt in ihrer ganzen Bosheit, die sich erst nach der Hälfte des Satzes zeigt, hier sehr hübsch rein: „2030 – die russische Fußball-Nationalmannschaft gewinnt den Hauptpreis im Sportlotto.“



 

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Russball, Folge 22: Wir basteln uns einen Stadion-Rasen

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Echt, drei Tage in Tiflis, und du bist für Moskau komplett verdorben. Die freundlichen Menschen! Das grandiose Essen! Die fußgängertauglichen Straßen! Besonders cool an Fabrika, dem Ort, wo wir mit dem Team von Coda Story getagt haben, waren die viele Graffiti – mal schauen, vielleicht wird das noch mal ein separater Blogpost.

Eh das hier jetzt aber komplett in Richtung Georgien-Verklärung kippt, reden wir besser mal über Guram Kashia. Er spielt nicht nur für die georgische Fußball-Nationalmannschaft, sondern auch für den niederländischen Verein Vitesse Arnheim. Als sich unlängst alle Clubs der Eredivisie – also der obersten Liga in den Niederlanden – zusammentaten und ihre Kapitäne mit Regenbogen-Armbinde auflaufen ließen, sollte das ein Zeichen gegen Homophobie sein.

Für Kashia war es der Beginn massiver Anfeindungen. Georgische Fußballfans und Journalisten fordern seitdem, dass er nicht mehr für die georgische Nationalmannschaft spielen darf. Mehr zum Thema gibt es bei der Washington Post.

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⚽ Angriff ist die beste Verteidigung, das gilt auch, wenn sich die Fans daneben benehmen: Beim Europa-League-Spiel gegen Rosenborg Trondheim haben Anhänger von Zenit St. Petersburg den Gästeblock auseinandergenommen. 700 Zenit-Fans waren zu dem Spiel nach Norwegen gereist, 80 Sitze waren hinterher kaputt. Nachdem Trondheim sich bei der UEFA über den Vandalismus der russischen Gäste beschwert hatten, ging Zenit in die Offensive: 80 kaputte Sitze? Jahaaaa, aber der Gästeblock war ja auch gar nicht richtig ausgerüstet für eine Match dieser Klasse.

Da, heißt es weiter, seien schließlich spezielle, vandalismusfeste Sitze üblich. „Zenit will sich nicht der Verantwortung für von unseren Fans verursachte Schäden entziehen“, zitiert TASS aus einem Statement des Vereins. Von böser Absicht könne aber keine Rede sein: „Solche Dinge passieren, wenn die Gasttribüne nicht richtig vorbereitet ist.“ Anders gesagt: Unsere Fans sind keine Vandalen! Sie machen bloß Sitze kaputt, wenn die nicht vandalismusfest sind. (Die UEFA interessiert das übrigens nicht, sie ermittelt trotzdem.)

⚽ „Russische Nationalmannschaft wird Weltmeister im 7-gegen-7-Fußball“, schreibt Argumenty i Fakty – und ich muss erst mal recherchieren, was das ist. Das Ergebnis ist interessant und, mit Blick auf Russland, ermutigend: Bei dieser Fußball-Variante, die auf Deutsch „CP-Fußball“ heißt, treten Sportler gegeneinander an, die nach einer Hirnschädigung im Kindesalter oder nach einem Schlaganfall Probleme haben, ihre Bewegungsabläufe zu kontrollieren. Um Weltmeister zu werden, hat Russland die Nationalmannschaft von Guatemala 4:2 geschlagen.

Ein großer Fortschritt im Vergleich zu noch vor wenigen Jahrzehnten: Als Moskau 1980 die Olympischen Sommerspiele ausrichtete, weigerten sich die sowjetischen Offiziellen, auch die Paralympics zu veranstalten. Offizielle Begründung: Bei uns gibt es keine Behinderten! Auch heute ist das Thema Behinderung hier kein einfaches, aber immerhin: 2014 hat Russland in Sotschi sowohl die Olympischen als auch die Paralympischen Winterspiele ausgerichtet.

⚽ Im Märzen der Bauer die Rösslein einspannt. Er setzt seine Felder und den Rasen von Dynamo Moskau instand. Ja, man kann schon mal lyrische Anwandlungen bekommen bei den Motiven, die der Telegramm-Kanal „Historical Football“ so verbreitet. Dieses Motiv aus dem Frühjahr 1935 ist aber auch einfach zu schön, das muss hier einen Ehrenplatz bekommen.

Frühjahrsaussaat: Das Spielfeld im Dynamo-Stadion wird im nach dem Umbau für die Saison vorbereitet“, heißt die Bildunterschrift in der Sammlung historischer Aufnahmen auf der Internetseite des Vereins. Die lohnt ohnehin das Stöbern – auch wegen dieser Aufnahme der allerersten Dynamo-Mannschaft aus dem Jahr 1924.

⚽ Zur Halbzeit in der Premjer-Liga versucht sich Russian Football News an einer Zwischenbilanz. Leider ist das Ergebnis eher gut gemeint als gut gemacht – es sei denn, man steht auf stream of consciousness und atemlose Endlossätze. Aber gut, für den Fall, dass hier ein Hardcore-Fan von Achmat Grosny, Amkar Perm, Anschi Machatschkala oder Arsenal Tula mitliest: Hier findet ihr Teil 1 der Halbzeitbilanz.

⚽ Ein Update ist nötig, vielleicht sogar eine Korrektur zur Russball-Folge der vergangenen Woche. Dort hatte ich einen Bericht von RBK zitiert, wonach Russland rund eine Million US-Dollar bezahlt, damit Argentinien seine Nationalmannschaft zu einem Freundschaftsspiel nach Moskau schickt. Nun allerdings hat sich Witali Mutko zu Wort gemeldet, Russlands oberster Fußballfunktionär.

Russlands Fußballverband habe nichts für diese Begegnung gezahlt, zitiert ihn die staatliche Nachrichtenagentur TASS, und hätte Mutko an dieser Stelle aufgehört, es wäre ein hartes Dementi. Doch es folgt ausführliches Lavieren über Kosten für Unterkunft, Flüge, Trainingseinrichtungen, Transfers der Gäste, es ist die Rede von „einem gewissen System an Interaktionen zwischen den Nationalmannschaften“. Will sagen: Russland hat vielleicht (noch?) nichts bezahlt für das Freundschaftsspiel. Aber wenn so eine Aufwandsentschädigung für die Anreise, Unterkunft etc. sich nun auf eine Million Dollar summiert, na dann…

Die Argentinier, das steht jedenfalls fest, sind schon mal in Moskau eingetrudelt. Und dieses Twitter-Video, bei dem sie aus einem Minibus steigen, hat bei fußballinteressierten Russen schon viel Spaß ausgelöst. Schließlich gehört das Fahren mit solchen „Marschrutkas“ zum Alltag all jener Moskauer, die nicht im unmittelbaren Zentrum der Stadt unterwegs sind.

⚽ Nur noch 217 mal schlafen, dann ist auch schon Fußball-Weltmeisterschaft. Moskaus Stadtverwaltung hat direkt mal durchgezählt, wer denn da wohl alles anreist und woher. Ergebnis: Mehr als die Hälfte aller Hotelreservierungen in Moskau während der WM kommt von Menschen aus nur drei Ländern: den USA (22 Prozent), China (16) und Mexiko (15). Insgesamt sind rund 60 Prozent der verfügbaren Hotelzimmer in Moskau bereits belegt.

Heißt das also, dass die größten Fangruppen bei der WM aus diesen drei Ländern kommen werden? Nicht zwingend. Gerade in diesen letzten Wochen des Jahres, wo wir den Resturlaub verbraten, ist uns doch allen präsent, wie leicht sich ein reserviertes Zimmer auch wieder stornieren lässt – online oft sogar bis einen Tag vor der Ankunft. Auf solche Stornierungen müssen sich Moskaus Hoteliers sicherlich einstellen. Denn auch, wenn die Fans optimistisch geplant haben – weder die USA noch China haben sich für die Weltmeisterschaft qualifiziert.

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Falls ihr übrigens auch mit der Idee spielt, zur WM im nächsten Jahr nach Russland zu kommen: Es gibt neuen Infos zu den Zügen, in denen Fans kostenlos vom einen Austragungsort zum anderen fahren dürfen. Keine ideale Lösung, wenn man nach Jekaterinburg will, aber für kurze Strecken wie Moskau – St. Petersburg durchaus machbar; erst recht, wenn man mehr Zeit als Geld hat.

Besonders empfehlen kann ich nach meinen Zugerfahrungen hier in Russland die „Lastotschka“, übersetzt „Schwalbe“ – ein Schnellzug, neu, schick und oft sogar mit WLAN. Alles weitere hier – macht’s gut und bis nächste Woche!



 

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Russball, Folge 19: Würdet ihr mit dieser Frau eine WM-Unterkunft teilen?

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Wenn keiner deiner Freunde dich mehr in Moskau besuchen kommen will, dann weißt du: Es ist Herbst. Zeit, all die Restfahrten auf den zurückgebliebenen Metrotickets aufzubrauchen und statt zweimal nur noch einmal die Woche ins georgische Restaurant zu gehen. Nachsaison.

Was im Privatleben stimmt, sieht im offiziellen russischen Terminkalender allerdings ganz anders aus. Mitte November kommt die spanische Nationalmannschaft zu einem Freundschaftsspiel ins St. Petersburger Stadion – ja, genau, das mit dem Dachschaden. Und für einen noch unklaren Termin vor Jahresende hat sich auch der britische Außenminister Boris Johnson angesagt – ja, genau, der mit dem Dachschaden. Ich weiß jedenfalls, bei welchem Besuch ich lieber dabei wäre.

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⚽ Diese Fußball-Woche hat mit einer ziemlich steilen Lernkurve für mich angefangen. Aus russischen Medien war zu erfahren, dass es eine isländische Website namens „The Reykyavik Grapevine“ gibt, und dass diese wiederum weiß, wo die frisch qualifizierten Isländer während der Fußball-Weltmeisterschaft in Russland wohnen wollen: Gelendschik soll Islands Fußballverband (Knattspyrnusamband Íslands. Nein, ich denk mir das nicht aus.) sich auserkoren haben, einen Ort nicht weit von Sotschi. Da war ja beim Confed-Cup die deutsche Nationalmannschaft untergebracht und liebäugelt mit der Idee, dort auch nächstes Jahr wieder zu wohnen.

Nicht nur stößt man beim Rumlesen auf „The Reykyavik Grapevine“ auf schwarzhumorige Überschriften wie „Verunglückte Schweine durften sich erst mal ausruhen, ehe sie geschlachtet wurden“. Man erfährt auch, dass das WM-Hotel zwar „nicht ganz wie Walhalla“ ist, aber immerhin von der FIFA empfohlen wird. Auf deren Seite ist das Hotel „Nadeschda“ bereits als komplett ausgebucht markiert. Schnell noch ein Blick auf den Instagram-Account des Hotels: Sowjetsoldaten. Sideboob. Die Frau mit dem blauen Haarnetz. Ich habe so viele Fragen.

⚽ Einem russischen TV-Bericht zufolge sollen neben Island und England (siehe Russball-Folge 18) noch einige weitere Teams bereits wissen, wo sie ihr WM-Quartier einrichten wollen. Russland behält selbstverständlich seinen Standort in Nowogorsk, nordwestlich von Moskau. Der Iran hat sich Kaluga, 200 Kilometer weiter südlich, ausgesucht, während Brasilien und Spanien sich wie die Isländer für die Region Krasnodar, also das Gebiet rund um Sotschi, entschieden haben sollen.

Wäret ihr ein Fußballverband und auf der Suche nach einem Quartier für euer Team, wäre übrigens das hier die Website eurer Wahl: http://tbc-russia2018.com/ – „tbc“ steht für „Team Base Camp“. Dort könnt ihr mehr als 60 mögliche Standorte anschauen, nach Regionen sortieren, nach Sonderwünschen filtern und untereinander vergleichen: Wie viele Zimmer, wie viele Sterne, wie weit vom Flughafen? Aber auch: Wie weit zum Trainingsplatz, und können Paparazzi oder neugierige Fans ihn einsehen? AirBnB für Nationalmannschaften.

⚽  Alisa ist keine Spielerfrau, hat aber trotzdem mit Fußball zu tun. Was Siri für Apple ist und Alexa für Amazon, das soll Alisa für Yandex sein, Russlands großen Technologiekonzern. Man kann die App also zum Beispiel fragen: „Alisa, wie viele Menschen leben in Moskau?“, und Alisa sagt dann „In Moskau leben 12 380 664 Menschen.“ Alles ganz einfach?

Nicht so ganz. Denn bei Fußballfragen bekommt Alisa Loyalitätsprobleme, das ist gleich mehreren Nutzern aufgefallen. „Magst du ZSKA?“, hat jemand sie gefragt – „Ich liebe ZSKA“ – „Und wer wird russischer Fußballmeister?“ – „Zenit.“ Auch auf Fragen nach Spartak antwortet Alisa mit Zenit-Parolen – Details dazu hier. Probehalber habe ich sie dann noch gefragt, ob Russland denn wohl nächstes Jahr Fußball-Weltmeister wird. Diplomatische Antwort: „Das sehen wir ja dann.“

⚽ Wie sehr Zenit St. Petersburg die Premjer-Liga dominiert, davon war hier ja schon das ein oder andere Mal die Rede. Ein Ergebnis vom vergangenen Spieltag verdeutlicht das nun noch mal ganz besonders, obwohl es auf den ersten Blick gar nicht für eine starke Zenit-Leistung spricht: Es war ein 0:1 gegen Arsenal Tula. Das ist ein Verein, den man (ganz im Gegensatz zu Zenit) eher im Mittelfeld der Tabelle findet.

Warum das Resultat trotzdem ein Beleg dafür ist, wie viel stärker Zenit im Vergleich zur Konkurrenz ist? Weil es die erste Niederlage des Vereins in der aktuellen Saison war. Zwölf Spieltage lang nur Siege oder mal ein Unentschieden, erst am 13. musste die Mannschaft sich wieder mit dem Gefühl auseinandersetzen, als Verlierer vom Platz zu gehen.

⚽  Vom Tabellenersten Zenit zum aktuellen Schlusslicht. Bloß neun Punkte hat Anschi Machatschkala in 13 Spielen gesammelt, als einzige in der Liga hat die Mannschaft aus Dagestan damit eine zweistellig negative Tordifferenz, nämlich -17. Russian Football News hat Gründe dafür gesammelt, vom abrupten Trainerwechsel nach nur sechs Spielen über weggekaufte Spieler bis hin zu Problemen bei der Chancenverwertung. Die ganze Analyse, mit allerlei bunten Diagrammen, gibt es hier. Und wer sich beim Blick auf die Überschrift „Anzhi, are you OK?“ fragt, woran die noch mal erinnert: Bitte hier ab 1:40 beim Refrain mal gut zuhören.

⚽  Zur Fußball-Weltmeisterschaft wird in Moskau das Angebot an kostenlosem WLAN weiter ausgebaut. In der Metro, im Bus, in Cafés und Restaurants gehört das schon jetzt zum Standard, nun sollen drei weitere Bereiche mit Gratis-WIFI versorgt werden: Moskaus Straßen, Kultureinrichtungen, und öffentliche Anlagen wie Universitäten und Parks.

Laut Wedomosti sind Ausschreibung und Vergabe soweit erledigt (drei separate Betreiber für die drei Bereiche, das kann noch lustig werden). Interessant ist aber vor allem die Frage, für wen und für wie lange diese Infrastruktur überhaupt sinnvoll ist. Mit den vielen WM-Gästen steige die Belastung der Mobilfunknetze, schreibt das Blatt, das Gratis-WLAN solle sie entlasten und den Fans hohe Roamingkosten ersparen. Andererseits werde nach der Weltmeisterschaft das Interesse wohl stark nachlassen, zitiert Wedomosti einen Experten: Vor allem in der Moskauer Innenstadt ist die LTE-Abdeckung gut, und mobiles Internet ist hier ohnehin billig.

⚽  Statistiken gehören zum Fußball dazu – Ballbesitz, Schüsse aufs Tor, gelbe Karten, rote Karten. Bombardir.ru hat allerdings eine kleine Kollektion eher ungewöhnlicher Daten zu Russlands oberster Fußball-Liga gesammelt. Und so halten wir hier einmal kurz inne und schicken warme Gedanken voller Mitgefühl an Eric Bicfalvi. Der Rumäne von Ural Oblast Swerdlowsk ist aktuell der meistgefoulte Spieler im russischen Premjer-Liga-Fußball. 4,1 mal pro Match muss er sich wieder aufrappeln, nachdem ihn ein Gegner umgenietet hat. In der bisherigen Spielzeit sind so schon 45 Fouls an Bicfalvi zusammengekommen.

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Zum Schluss noch eine Runde nutzloses Wissen, präsentiert von der Taschenrechner-App auf meinem Handy: Selbst wenn alle 334.252 Isländer nächsten Sommer kollektiv zur Weltmeisterschaft nach Russland reisen, dann kriegen sie gerade mal die Hälfte aller WM-Stadien voll. Wenn ihr diesen Fakt demnächst beim Fußball-Fachsimpeln mit Freunden erwähnt, dann weist sie doch gerne auch direkt auf dieses Blog und den Russball-Newsletter hin. Danke!



 

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Russball, Folge 14: ein Anti-Fußball-Rant und Vereine bei YouTube

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Zum Auftakt in die neue Russball-Woche was Buntes: Die WM-Vorfreude-Briefmarken der Russischen Post sind durch die Bank schön gestaltet und teilweise sogar richtig clever. Weil ich mit den einzelnen Motiven nicht diesen kompletten Blogpost füllen wollte (und eventuell auch die einzige bin, die sich für das nischige Nischenthema Fußballbriefmarken interessiert), habe ich anderswo drüber geschrieben: Russische Briefmarken zur Fußball-WM: vier Stadien und ein Riesenpokal. Kleiner Anreiz: Ein besonders schönes Exemplar werde ich verschenken. Meldet euch einfach!

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⚽ „Lokomotive steht auf dem zweiten Platz, wie kann das sein?“ Nein, bei Sports.ru haben sie kein Problem damit, pointierte Überschriften zu formulieren. „Jetzt, wo ZSKA ohne Transfers auskommen muss und Spartak nach der Meisterschaftssaison erst wieder zu sich kommt, ist nur Lokomotive (19 Punkte) ernsthaft an Zenit (20 Punkte) dran.“

Es folgt eine lange Liste an Gründen: Das frisch renovierte Stadion lockt viele Lokomotive-Fans an, die Transferpolitik ist vielversprechend, der Trainer hat vielleicht nicht unbedingt die eigene Vereinsführung, aber doch die Fans hinter sich. Außerdem, so Sports.ru, seien hier ja nun immerhin „Die wichtigsten Brüder des russischen Fußballs“ unter Vertrag, Alexei und Anton Mirantschuk. Letzterer bringt Lokomotive derzeit allerdings nicht viel: Im Moment ist er ausgeliehen an den FC Levadia Tallinn.

⚽ Eine Überschrift nach demselben Muster, aber zu einem anderen Thema trägt Bombardir.ru zu dieser Russball-Folge bei: „Pesjakow ist der beste russische Torwart der Saison. Wie kam es dazu?“ Sergeij Pesjakow, das muss man kurz erklären, steht im Tor des FK Rostow, aktuell Fünfter der Tabelle. Seinen Erfolg verdankt er laut Bombardir nicht nur seinem guten Reaktionsvermögen, sondern auch Rostows starker Abwehr, die dem Gegner kaum Chancen zu Torschüssen lässt.

Das Ganze ist um so interessanter, als es sich um denselben Pesjakow handelt, den Anschi Machatschkala mal ausgeliehen und dann, mangels Erfolg, vor Ende des vereinbarten Zeitraums, wieder zurückgegeben hat – autsch! Um denselben Pesjakow auch, aus dessen Patzern und Pannen noch letztes Jahr dieses Video hier gebastelt wurde:

⚽ Am meisten geärgert habe ich mich diese Woche über die Luzerner Zeitung, eh ich gemerkt habe, dass ich mich eher über die Sport-Nachrichtenagentur SID ärgern muss. Es ist nämlich so, dass die FIFA in den vergangenen Wochen für Agenturjournalisten eine Rundreise durch alle russischen WM-Gastgeberstädte veranstaltet hat. Das Ergebnis ist, jedenfalls bei SID, ein umfangreicher Text, in dem Kritikpunkte durch eine hohe Dichte an begeisterten Bürgern, gut zitierbaren Offiziellen, Investitionsstatistiken und umfassend dargestellten FIFA-Positionen weggekuschelt werden.

Wer nicht weiß, dass die beiden Autoren ihre Eindrücke als Gäste der FIFA gesammelt haben, mit FIFA-Betreuung und von der FIFA organisierten O-Ton-Gebern – wem dieses Körnchen Salz fehlt, der bekommt ein durchweg positives Bild von der russischen WM im kommenden Jahr. Man hätte mal mit einem einem russischen Umweltschützer, einem russischen Menschenrechtler, einem russischen Korruptionsexperten sprechen können, aber die gehörten wohl nicht zum angebotenen Programm. Kritikpunkte werden also alle abstrakt und in indirekter Rede abgehandelt, Lob und Zuversicht dürfen dagegen echte Menschen mit echten Namen und echt griffigen Sätzen verbreiten.

Dass die Luzerner Zeitung dann auch noch die (selbst von diesem sehr wohlwollenden Text nicht gedeckte) Überschrift „Russland ist für die WM bereit“ drüberdengelt… hört ihr das? Ja, das ist der Locher eines Mitarbeiters der FIFA-Pressestelle, der den Artikel gerade für sein Jahresabschlussgespräch mit dem Chef abgeheftet hat. Ein schöner Erfolg! (Wer den Einstiegssatz „Jekaterinburg feiert schon“ googelt, bekommt übrigens genau vier Links, die für sich sprechen: zwei Auftritte der russischen Botschaft, ein „Business-Portal“ in Jekaterinburg, und eben die Luzerner Zeitung.)

⚽ Mit derselben FIFA-Tour waren auch einige Fotografen in Jekaterinburg. Sports.ru hat aus ihren Aufnahmen ein kleines Stadtporträt gebastelt, das viele Seiten des östlichsten WM-Austragungsortes zeigt. Mit dabei: Lenin, tanzende Kinder, sowjetische Oldtimer, ein Hund in pinken Schuhen – und, wenn man runterscrollt, auch einige Bildern vom noch nicht ganz fertigen Stadion. Und was textet die Redaktion dazu bei Twitter? „Nicht schlecht, könnte aber noch besser sein.“

⚽ „Überall weihnachtet es, auch in Langenfeld.“ Mit diesem schönen Einstiegssatz hat mir im Volontariat mal ein Kollege erklärt, wie man Geschichten aufs Lokale „runterbricht“. Westline tut das auch, weshalb es in „Warum der VfL Bochum Geld von der FIFA erhalten könnte“ zwar um Bochum geht, aber genau so gut um Dortmund oder München gehen könnte.

Interessant ist der Kern der Geschichte: Für die WM 2018 hat die FIFA die sogenannte Abstellungsgebühr erhöht – also das Geld, das ein Verein bekommt, wenn einer seiner Spieler wegen des WM-Einsatzes nicht mittrainieren kann. Hardcore-Fußballfans mögen das schon gewusst haben, für mich war es neu und interessant, wie „Unsere Spieler fahren 2018 nach Russland“ durchaus ein lukratives Geschäftsmodell sein kann.

⚽ Welcher russische Fußballverein hat den besten YouTube-Auftritt? Die meisten Abonnenten jedenfalls hat, na? Genau. Natürlich Zenit, denn dort sitzen die bereits in der vergangenen Russball-Folge erwähnten Social-Media-Talente. „Rasdewalka“, Umkleide, heißt dort ein Format, das beworben wird als „Die einzige Nachrichten-Show, die Ihnen nicht die Laune verdirbt.“ Dazu gehören dann Spielchen wie dieses, bei dem Passanten Wörter wie Skopje („eine Waffe“) oder Trondheim („irgendwas aus der skandinavischen Mythologie, das hat mit Thor zu tun“) erklären sollen:

Ganz lustig ist auch das Videoblog auf dem YouTube-Auftritt von ZSKA Moskau, inoffizielles Motto: Jetzt haben wir schon den Selfie-Stick angeschafft, nun soll er sich auch rentieren. Hier mal ein Trollgesicht eingebaut, dort eine Filmszene dazwischengeschnitten – doch doch, kann man so machen. Andere Videos, wie dieses hier von Rubin Kasan, haben eher den Charme von „Klassenpflegschaftsvorsitzender der Jahrgangsstufe 9 filmt den Ausflug ins Kernwasserwunderland“. Den kompletten Überblick über alle YouTube-Kanäle russische Fußballvereine gibt es hier.

⚽ Das hier klingt auf den ersten Blick wie eine bunte Meldung, entpuppt sich dann aber als deutlich mehr: ESPN FC berichtet über die Idee eines früheren Boxers, parallel zur Fußball-WM ein Boxturnier zu veranstalten, um „die Aggression runter von der Straße in den Boxring zu holen.“ Ob die Zahl randalierender Hooligans wirklich sinkt, wenn sie sich bei einem Boxkampf abreagieren können? Bisher jedenfalls ist das Turnier nicht viel mehr als ein Plan.

ESPN erwähnt zwar, dass die Idee ursprünglich vom russischen Duma-Abgeordneten Igor Lebedew kommt. Was fehlt, ist, dass dieser Lebedew ein gewaltverherrlichender Populist ist, der nach den Attacken russischer Hooligans in Marseille twitterte: „Ich kann nichts Falsches an kämpfenden Fans sehen. Im Gegenteil: Gut gemacht, Jungs. Weiter so!“ Solche Statements sind gewissermaßen Familientradition: Lebedews Vater ist Wladimir Schirinowski, zu dessen Hetzparolen auch schon mal Aufforderungen gehören, seine Mitarbeiter sollten doch bitte eine missliebige Journalistin vergewaltigen.

Noch nicht düster genug? Dann schauen wir mal auf den Boxer, der in dem Artikel für sein Projekt werben darf. Wladimir Nosow ist Mitglied von Sorok Sorokow, und nein, das ist kein „Social Orthodox movement“, sondern ein „Orthodox social movement“: millitante Gläubige, die sich zum Beispiel mit Gewalt gegen Schwule zu profilieren versuchen. Russisch-orthodoxe Möchtegern-Taliban. Mehr zu Wladimir Nosow, dieser Szene, und wie sie von der Kirchenspitze toleriert wird, kann man hier und hier nachlesen.

⚽ Alexander Tichonow hat über Jahrzehnte hinweg den Biathlon dominiert und bei Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen reihenweise Goldmedaillen erkämpft. Heute ist er Sportfunktionär und, wenn ich diesen Blogpost von ihm recht verstehe, nebenbei damit beschäftigt, sicherzustellen, dass ihm so bald keine Stelle im diplomatischen Dienst angeboten wird. Will sagen: Tichonow zieht in dem Post mal so richtig ab.

Was ihn ärgert, ist, wie viele Subventionen in Russland in den Fußball gesteckt werden, und wie wenige Erfolge es dennoch gibt. „Fußball bekommt Mittel, die ausreichen würden, um den ganzen Rest des russischen Sports zu fördern“, ist Tichonow überzeugt. „Und diese Faulenzer (gemeint ist die Fußball-Nationalmannschaft) haben es in 25 Jahren nur einmal über die Gruppenphase hinaus geschafft.“

Biathlon, das sei mehr als ein Sport, er bereite Männer und Frauen auch darauf vor, ihr Land zu verteidigen, schimpft Tochonow weiter, aber nein, überall würden immer weiter Fußballplätze gebaut, demnächst, wenn man nur Mutko dorthin schicke, sicher auch am Nordpol. Es ist ein Fußballhasser-Rant der Extraklasse, und ich kann nur dazu raten, ihn sich selber durchzulesen, und sei es mit Google Translate. Für maximalen Unterhaltungswert am besten vorher noch dieses Foto vom Tichonow mit all seinen Medaillen ansehen. Bling!

⚽  Und jetzt noch ein Text, der hier nicht hingehört. Es geht nicht so recht um Russland, und um Fußball geht es überhaupt nicht. Aber diese Reportage aus einer entlegenen Region Alaskas, wo russischstämmige „Altgläubige“ leben, ist einfach zu gut, um ihn nicht zu verlinken. Fußball ist in dieser traditionellen Gesellschaft was für Mädchen. Unterdessen hat das Football-Team Probleme, genug Spieler für eine Mannschaft zusammenzubekommen: „Keeping a high school football team together is tough, between a Russian Orthodox sect leery of the outside world and the chores of life in an isolated village.“

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Das war’s auch schon wieder, ein Russball mit ziemlich viel Weltmeisterschafts-Content. Wer darob für sich zu dem Schluss gekommen ist, dass er dieses Turnier miterleben will: Morgen* gehen laut einer frisch eingetrudelten FIFA-Meldung die ersten Tickets in den Verkauf. Vielleicht können wir ja nächste Woche schon drüber reden, wie das so klappt. Bis dann!

(*Das kommt davon, wenn man nach Mitternacht noch bloggt: In einer früheren Fassung dieses Blogposts stand, die Karten gebe es schon heute. Sorry!)



 

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Russball, Folge 13: Was Russlands Fußballfans über Osnabrück wissen

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Während wir hier schön entspannt über Fußball reden, strampelt sich Matyas Amaya schon wieder ab. Er ist vor vier Jahren in Argentinien losgeradelt, rollt derzeit durch Westeuropa und will es bis zum Beginn der Fußball-WM im kommenden Jahr nach St. Petersburg schaffen. Ob er weiß, dass es da von Lübeck aus eine Fähre… na, lassen wir das.

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⚽ Rumms, das Transferfenster ist zu, einige sind echt noch auf den allerletzten Drücker durchgeklettert. Die komplette Liste aller Abgänge und Neuzugänge der russischen Premjer-Liga gibt es hier (haben Rostow und Anschi eigentlich den kompletten Kader ausgetauscht?), es reichen aber eigentlich auch einzelne Personalien: Éder zu Lokomotive Moskau. Mollo, der von russischen Fans schwulenfeindlich beschimpft wurde, von Zenit nach Fulham.

Einigkeit besteht unterdessen bei Autoren und Lesern von Bombardir.ru darüber, dass Spartak die Transferpriode komplett verbockt hat: Nur vier neue Spieler, und die nicht mal auf den Positionen, wo die Mannschaft schwächelt. Dazu zahlreiche Absagen, die dem Image des Vereins schaden. Das hat Sports.ru besonders süffisant aufgearbeitet: Mit einer Liste der „18 Spieler, die Spartak diesen Sommer nicht gekauft hat“. Unterzeile: „Obwohl der Verein wollte.“ Benedikt Höwedes gehört übrigens auch dazu.

⚽ So kann man natürlich auch für genug Unterstützung bei Auswärtsspielen sorgen: Manchester United kommt Ende September nach Moskau, um hier gegen ZSKA ein Champions-League-Spiel zu bestreiten. Nun verspricht der Verein: Alle Fans, die zum Anfeuern mit nach Russland fliegen, bekommen die Visumgebühr erstattet. 118,20 Pfund pro Nase sind das laut Manchester Evening News. (Falls es übrigens deutsche Manchester-Fans gibt, die ebenfalls zu dem Spiel anreisen wollen: Sagt mir Bescheid und ich verrate euch, wo ihr das Visum deutlich günstiger bekommt.)

⚽ Als ich ganz neu in Russland war, gab es diese Werbung der Otkritije-Bank. Sie bestand weitgehend daraus, dass Cristiano Ronaldo versuchte, das Wort „Otkritije“ auszusprechen. Ich saß vorm Fernseher, fühlte mich verstanden und getröstet. Russische Aussprache, it’s complicated.

Heute ist Otkritije für etwas anderes bekannt: Sie ist der erste von Russlands zehn „systemrelevanten“ Banken, die vom Staat gerettet werden musste. So geschehen in der vergangenen Woche – danke, Zentralbank! Und warum steht das hier, zwischen all den Fußballthemen? Weil die Retter abgenickt haben, dass Otkritije trotz Pleite weiterhin Sponsor von Spartak Moskau bleiben darf. 1,2 Milliarden Rubel dafür, dass das Stadion „Otkritije-Arena“ heißt, das sind doch Peanuts.

⚽ Russlands Nationalmannschaft hat sich ein Freundschaftsspiel gegen Dynamo Moskau gegönnt – wer siegen will, muss sich halt die Gegner entsprechend aussuchen. 3:0 stand es am Ende einer Begegnung, die nach allem, was man so liest, wohl eher mittelprächtig war. Kaum Stars auf dem Platz (ein kluger Mensch hat daraus direkt ein Quiz gemacht: „Russlands neue Nationalelf: Wer sind all diese Menschen?“), ein Spiel ohne Glanz.

Oder, wie Sport.ru zusammenfasst: „Die russische Nationalmannschaft im September 2017, das sind: Vorlagen von Konstantin Rausch, ein Tor von Mário Fernandes, und Roman Neustädter mit Kapitänsbinde. Bekäme man so etwas in irgend einem anderen Spiel zu sehen? Natürlich nicht.“ Immerhin: Anton Miranchuk von Lokomotive Moskau stand erstmals im Nationalmannschaftstrikot auf dem Platz und bedankte sich mit einem Wuchtschuss zum 1:0.

⚽ Die Zeitschrift „Futbol“ hat eine Reporterin nach Osnabrück (ins Russische übertragen als Оснабрюк, also Osnabrjuk) geschickt. Was Lydia Didyk dort vorgefunden hat: Spuren der Hexenverfolgung, von Addi Vetter und Patrick Owomoyela, vom „Lieblingsautor jugendlicher Mädchen, Erich Maria Remarque“. Fans, die fast alle Trikots mit der Nummer 9 tragen. Und die Erinnerung an den Feuerzeugwurf eines Fans damals im DFB-Pokal: „Sie wissen hier, wie man seinen Spaß hat.“

Es ist kein besonders schmeichelhafter Blick auf den VfL Osnabrück und seine Stadt, wo es 20 Meter vom Stadioneingang „ein Solarium gibt, aus dem gebräunte Frauen direkt auf die Tribünen gehen“. Im Stadion dann: Bierleichen und wabernde Marihuana-Schwaden, getrunken wird dem Bericht zufolge aus „Anderthalbliterbechern“ (in Wirklichkeit eher nicht). Anekdoten, Szenen, die sich nicht so recht zu einem Ganzen fügen wollen. Ihr Fazit liefert die Autorin darum sicherheitshalber ausformuliert mit – und sagt darin mehr über sich selbst als über Osnabrück: „Es sind nicht nur die mächtigen Fanbewegungen, die Fußballdeutschland groß machen, sondern auch ihre kleineren Ableger in den umliegenden Städten. Auch, wenn man die Namen mancher dieser Clubs erst bei der Wikipedia-Lektüre kennenlernt.“

⚽ Auch, dass ab dieser Saison eine Frau Bundesligaspiele pfeift, dürfen wir ab sofort bei fußballinteressierten Russen als bekannt voraussetzen. Im Portrait – ebenfalls in „Futbol“, ebenfalls von Lydia Didyk – erfahren wir, wie viel Zeit es Bibiana Steinhaus gekostet hat, sich immer wieder zu bewähren und langsam nach ganz oben zu arbeiten. Ergebnis: „Feministinnen in aller Welt freuen sich“, Ribéry hin, Demirbay her.

⚽ Hab ich’s gesagt, vor ein paar Wochen, dass Zenit St. Petersburg einfach den allerbesten Social-Media-Auftritt aller russischen Vereine hinlegt? Und als bräuchte es noch eine Bestätigung, hat das Team dieses Wochenende wieder einen rausgehauen. Auch in Russland ist Liga-Pause wegen der WM-Quali, man muss sich also anderweitig die Zeit vertreiben.

Zenits englischsprachiges Twitter-Team hat darum seine „Beardy XI“ aufgestellt, eine Elf nur aus Bartträgern. Andere Vereine zogen nach (Respekt, FC Bayern!), und schon war wieder eine ligalose Stunde gefüllt. Wer mag, kann ja mal einen ganz genauen Blick auf den Zenit-Spieler oben links werfen. Oder hier noch mehr Twitterperlen ansehen.

⚽ Welche jungen Bundesliga-Spieler haben Großes vor sich? Die Antwort gibt dieser Talent-Radar, mit dem russische Fußballfans deutsche Namen wie Gian-Luca Itter, Johannes Eggestein und Dženis Burnić, aber auch internationale wie Amine Harit und Dan-Axel Zagadou kennen lernen können. Wenn ich ehrlich bin: Manche Namen auf dieser Liste hatte ich auch noch nicht gehört.

⚽ Noch eine Schiedsrichtergeschichte? Na gut. Wladislaw Besborodow war erst Profifußballer, heute ist er Schiedsrichter und pfeift seit 2009 auch international. Ab und zu spielt er aber auch gerne noch mal selber, zuletzt bei einem Jubiläumsspiel zum 20. Geburtstag seines lettischen Ex-Vereins FK Ventspils. 5:5 ging das Match zwischen der aktuellen Mannschaft und einem Altherrenteam aus, Besborodow schoss zwei Tore. Und eines davon war ein echtes Zückerchen, direkt von der Mittellinie. (Ich hätte es gern hier eingebettet, aber es gibt leider nur eine Autoplay-Variante mit Sound, und das war mir dann doch zu penetrant. Also, hier klicken und staunen).

⚽ RBTH, das Flauschportal unter den russischen Staatsmedien, die sich an Ausländer wenden, wirft eine elementare Frage auf: Was wird bei der Fußball-Weltmeisterschaft 2018 bloß Russlands Antwort auf die Vuvuzela sein? Die Antwort ist: Löffel, genau genommen bunt lackierte Holzlöffel. Ein traditionelles Rhythmusinstrument, dessen Auftritte man im Russland der Gegenwart leiderleider suchen muss.

Verdienstvoll also, dass die RBTH-Leute gleich auch noch dieses Video ausgegraben haben, damit man sich vorstellen kann, wie das nächstes Jahr im Stadion dann klingt (nämlich: sehr viel besser als eine Vuvuzela, was aber auch überhaupt keine Kunst ist). Und damit auch Anfänger mitlöffeln können, gibt es analog zum Esstäbchenhalter für Kinder jetzt Löffelhalter. Die formen ein V, für Victory. Die Löffel des Sieges. So schön.

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Zum Schluss noch Glückwünsche an Stanislaw Tschertschessow. Russlands Nationaltrainer ist gerade 54 Jahre alt geworden. Von den Spielern gab es ein Trikot mit der neuen Zahl an Lebensjahren drauf – in Sachen Kreativität ungefähr das Fußball-Äquivalent von Schlips oder Socken. Die Redaktion der offiziellen WM-Website dagegen hat eine ganz zauberhafte Grafik gebastelt. Sie würdigt Tschertschessows Erfolge und, als einizges Element im ansonsten leeren Gesicht: Tschertschessows Schnäuzer!

Nächste Woche dann mehr. Und wenn ihr wollt, könnt ihr Russball auch hier direkt abonnieren:



 

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Russball, Folge 9: Springt eine Hummel mit dem Fallschirm ab

Russball kscheib Suus Agnes 2 signed

Probleme, die man als Bloggerin nicht hat: „Nun haben wir schon einen Spezialbereich auf unserer Website, jetzt soll er auch immer schön frisch aussehen“. Aber gut, das hat sich die Nachrichtenagentur TASS mit ihrem Schwerpunkt zur Fußball-WM nun selber eingebrockt. Sowas will, auch bei mauer Nachrichtenlage, gefüllt sein. In größtmöglicher Detailtreue und kleinstmöglicher Relevanz wird deshalb also nun dort der Fortschritt bei den WM-Vorbereitungen dokumentiert.

So erfahren wir, dass in Kasan möglicherweise riesige Blumensträuße den Weg zum Stadion flankieren sollen, eingewickelt in Flaggen der Teilnehmerländer. Dass in Kaliningrad ein 25 Meter hoher Strommast gebaut wird, der aussehen soll wie WM-Maskottchen Sabiwaka. Und wem das alles noch zu interessant ist, der findet diese Meldung: Bei der Rasen-Aussaat im Stadion von Rostow wurden sechs verschiedene Sorten Grassamen verwendet. Sechs! Verschiedene! Sorten! So viel besser als fünf, und sieben wäre ja nun auch wirklich übertrieben.

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⚽ Kleines Update zur Meldung aus der vergangenen Woche, wonach Russland während der WM spezielle Ausnüchterungszentren für betrunkene Fußballfans einrichten will: Das hat offenbar bei dem ein oder anderen für Unruhe gesorgt, weil die sogenannten Wytreswiteli in der Sowjetunion nicht den besten Ruf hatten.

Vize-Ministerpräsident Witali Mutko muss also den Erklärbär geben: „Sie werden als Ausnüchterungseinrichtungen bezeichnet, dabei sind sie dazu da, menschenwürdige Bedingungen herzustellen,“ beteuert er. Wer zu viel getrunken habe, brauche nun mal einen Ort, um seinen Rausch auszuschlafen.

⚽ Rostow war in der Premjer-Liga bei Anschi Machatschkala zu Gast und mit dem, was man da im Stadion vorfand, erkennbar unzufrieden. „Die Anschi-Arena ist bereit für das Spiel, aber der Platz…“ twitterte der offizielle Rostow-Account und fügte noch ein besorgtes Emoji hinzu. In der Tat: Im Grün des Spielfeld sieht man zahlreiche fußgroße, braune Löcher, das Ergebnis ist eher ein Acker als ein Erstligaplatz. Von der Heimmannschaft gab es keine Twitter-Reaktion, offenbar war man mit Wundenlecken ausgelastet: Trotz ramponierten Rasens gewann Rostow auswärts mit 1:0.

https://twitter.com/rostovfc/status/893486363139424256

⚽ Aiden McGeady ist Fußballprofi aus Schottland, von 2010 bis 2014 hat er für Spartak Moskau gespielt. In einem Interview hat er nun erzählt, wie nach mehreren Niederlagen in Folge die Vereinsführung völlig selbstverständlich einen Termin arrangierte, bei dem Spartaks oberste Ultras der Mannschaft die Meinung sagen bzw. brüllen durften.

„Einer von den Ultras hat zu (einem brasilianischen Spieler) gesagt, wenn ich dich noch einmal nach einer Niederlage in einem Nachtclub sehe, dann schlag ich dir die Fresse ein,“ erzählt McGeady. Nicht die einzige surreale Szene des Termins, der in seiner Gänze hier nachzulesen ist. „Und dann haben sie den Raum verlassen, und als sie rausgingen, hatten sie alle Waffen hinten in ihren Jeans stecken.“ (Und der Spartak-Sprecher so: Kann ich weder bestätigen noch dementieren, was fragt ihr mich als nächstes, nach irgendwas aus dem Jahr 1967?)

⚽ Jede Nationalmannschaft hat ja so ihre eigenen Erfolgsrezepte, die russische wird Anfang September in einem Testspiel mal die pragmatische Methode probieren: Willst du gewinnen, dann suche dir einen Gegner, bei dem das auch realistisch ist. In diesem Fall ist das Dynamo Moskau, zur aktuellen Saison frisch in Russlands oberste Liga aufgestiegen und dort derzeit, wenn man wohlwollend sein will, so gerade noch im Mittelfeld platziert. (Übrigens gibt es dazu eine interessante Parallele im englischen Profifußball, die allerdings schon ein paar Jahre her ist.)

⚽ Nützlich, was die Berner Zeitung da veröffentlicht hat: ein kleines Vereinsporträt von ZSKA Moskau, reduziert aufs Wesentliche. Ein bisschen Statistik zu den Liga-Erfolgen der jüngsten Zeit, ein Überblick der bekannten, oder besser: der halbwegs bekannten Spieler.

Die Berner formulieren das mit nicht allzu viel Takt so: „Auch im Sturm sind keine renommierten Fussballer zu finden.“ Das lässt, aus Schweizer Perspektive, hoffen. Denn wenn die Young Boys Bern in der Champions League weiterkommen wollen, müssen sich am 15. und am 23. August gegen ZSKA behaupten.

⚽ Russland hat gerade den Tag des Fallschirmjägers begangen – das ist hier eine große Sache, mit ganz eigenem Ritual. Männer in blau-weiß geringelten Leibchen betrinken sich, planschen in den Springbrunnen der Stadt und prügeln vor lauter Enthemmung auch schon mal auf Journalisten ein.

Im Vergleich dazu hatte, wer auch immer beim FK Ural aus Jekaterinburg im Kostüm des Maskottchens steckt, einen fast schon entspannten Tag. Okay, er oder sie musste zu Ehren der Fallschirmjäger selber aus einem Flugzeug springen, aber immerhin mit Hochkulturkomponente: Die Spieler des FK Ural werden angesichts der orange-schwarzen Vereinsfarben auch шмели genannt, also die Hummeln. Für das Video des fliegenden Hummelmaskottchens konnte es also nur eine musikalische Untermalung geben, natürlich von Nikolai Rimski-Korsakow:

⚽ Da wollte sich jemand an Wladimir Putin ranwanzen, ist damit aber auf die Nase gefallen. Der jemand, immerhin Bürgermeister der sibirischen Stadt Tscheremchowo, hatte wohl im Handbuch autoritärer Führungsfiguren nachgelesen, dass diese sich gerne als Macher präsentieren, die alle wichtigen Entscheidungen selber treffen. (Wir erinnern uns an die urbane Legende, wonach Stalin höchstselbst die Moskauer Metro-Ringlinie erfunden hat.) Aber: Keine Regel ohne Ausnahme.

Besagter Bürgermeister sagte also vor Publikum, er rechne damit, dass die russische Fußball-Nationalmannschaft sich bei der WM nur dann ernsthaft Mühe geben werde, wenn Putin selbst sie trainiert. Was der, geschmeichelt oder nicht, sofort von sich wies. Ranwanzen gescheitert. Aber wenn Russland dann – so ganz ohne jemals von Putin trainiert worden zu sein – bei der WM im eigenen Land wie beim Confed Cup in der Gruppenphase ausscheidet, will es wieder keiner gewesen sein.

⚽ 11 Freunde nimmt den Fall Yohan Mollo als Anlass einer Bestandsaufname: Wenn russische Fans einzelne Spieler rassistisch oder schwulenfeindlich beschimpfen, wie reagieren dann die Vereine? Und was, wenn dem Spieler der Kragen platzt und er den Stinkefinger zeigt? (Mollo selbst sagt, er habe einen Freund auf der Tribüne gemeint, nicht die Fans.) Was bleibt, ist ein Klima, in dem der Fokus auf dem Verhalten des angegriffenen Spielers liegt – nicht auf den Fans und ihren Pöbeleien.

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Zum Schluss noch ein kleiner Hinweis, damit ihr euch emotional wappnen könnt: Bei der nächsten Russball-Folge wird hier alles ein bisschen anders sein, aus Gründen. Aber das seht ihr ja dann. Eine schöne Woche noch!



 

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