Russball, Folge 16: Liverpool, Spartak und sowjetische Kunst

Russball kscheib Suus Agnes 2 signed

Diese Russball-Folge beginnt mit einem „herzlich willkommen“ an alle neuen Leser. Falls ihr wegen des Facebook-Posts von Franziska Bluhm hier seid, freut mich das sehr – ein Lob für ein Digitalprojekt ausgerechnet von Franzi, da geht man schon etwas aufrechter. Wenn da nur nicht dieser Druck wäre, dass diese Ausgabe dann natürlich besonders gut werden muss… Besser nicht weiter drüber nachdenken, sondern loslegen.

⚽⚽⚽

⚽  Sehr schöne Aktion, die sich der FC Liverpool vor seiner Abreise nach Moskau hat einfallen lassen: Unter dem Hashtag #MyLFCMatchdayImage konnten Fans ihre Bilder zum Champions-League-Spiel gegen Spartak Moskau twittern, aus den vier besten wählten die Twitter-Follower dann ihren Favoriten aus. Gleich mehrere Motive bedienen sich bei sowjetischer Plakatkunst, das hier ist mein Lieblingsbild (und was für einen großartigen Namen hat sich denn bitte der Fan hinter diesem Bild ausgedacht: „Jürgeneedabiggerboat“ – das musste ich, Klopp hin oder her, mir auch erst mal laut vorsprechen):

Das eigentliche Spiel war dann eher mittelinteressant, will sagen: Es hat nicht nennenswert dabei gestört, sich mit den anderen Mitguckern zu unterhalten. Immerhin, 1:1, das freut natürlich Spartak mehr als Liverpool. Außerdem habe ich zwei Dinge zum ersten Mal gesehen: 8 (in Worten: acht) Minuten Nachspielzeit und eine Art Golfwägelchen, in dem die verletzten Spieler vom Rasen runter chauffiert werden. Für diesen Zuschauer eine klare Sache: „Ein neuer Service von Uber.“

⚽  Eine Runde Moskauer Stadtnachrichten: Zum einen hat Tatjana Potjajewa, die städtische Ombudsfrau für Menschenrechte, erheben lassen, wie viele rassistische Vorfälle es rund um die Moskauer Fußballstadien seit 2014 gegeben hat: knapp 100, beteiligt waren sowohl Fans als auch Spieler. Nun hat die Ombudsfrau vorgeschlagen, dass bei Fußballspielen in Zukunft spezielle Beobachter eingesetzt werden, die bei Fällen von Rassismus oder anderer Diskriminierung den Schiedsrichter informieren.

Die andere Stadtnachricht ist eine Prognose: Moskaus Tourismusbehörde hat mal durchgerechnet, wie viele Fußballfans im kommenden Jahr wohl zur WM anreisen, und da kommen schon ziemlich stolze Zahlen zusammen: Eine Million Fans erwartet Alexey Tichnenko, der die Behörde leitet – im Schnitt wahrscheinlich für einen Aufenthalt von drei Tagen. Dass die Zahl so hoch ist, liegt auch daran, dass Moskau aufgrund seiner Lage und der guten Flugverbindungen für viele Fans der erste Anlaufpunkt in Russland sein wird, von dem sie dann zum eigentlichen Spielort ihrer Mannschaft weiterreisen.

⚽  Wenn in Russland um den Pokal gespielt wird, machen das in den frühen Runden zunächst einmal die Teams der unteren Ligen untereinander aus. Im September steigen dann auch die Vereine der russischen Premjer Liga ein, und für eine ganze Reihe von ihnen ist die Sache nach nur einem Spiel auch schon wieder durch: Allein von den Top Vier der aktuellen Tabelle – Zenit St. Petersburg, Lokomotive Moskau, dem FK Krasnodar und ZSKA Moskau – hat es kein Verein in die nächste Pokalrunde geschafft, insgesamt flogen mehr Premjer-Liga-Klubs raus als weiterkamen.

Bemerkenswert ist, was Moskowski Komsomolez dazu schreibt. Offenbar hat der Pokal in Russland einen so niedrigen Stellenwert, dass viele Spitzenteams nicht allzu traurig sind, wenn sie früh wieder ausscheiden: „Von Jahr zu Jahr versuchen wir in dieser Turnierphase, die Vereine zu erwischen, die das Turnier sabotieren“, heißt es da. „Wir versuchen zu erkennen, wer gezielt nicht kämpft, nur mit einer Reservemannschaft aufläuft oder absichtlich den Sieg wegschenkt.“ Nach einer ausgiebigen Analyse kommt MK aber zum Ergebnis: Dieses Jahr haben die meisten Spitzenklubs tatsächlich aus Unvermögen verloren, nicht aus Absicht. Muss man vielleicht zweimal lesen, geht aber tatsächlich als gute Nachricht durch.

⚽  Die Kollegen von Championat.ru haben im Kalender geblättert und festgestellt, dass die aktuelle Liga-Saison zu genau einem Drittel vorbei ist. Darum haben sie eine kleine Rangliste der besten Spieler aufgestellt, sortiert nach Position. Gerankt werden allerdings nur diejenigen, die bei mindestens der Hälfte der bisherigen Begegnungen auch im Einsatz waren. Bei den Torhütern hat Alexander Dowbnja es auf Platz eins geschafft, nicht zuletzt wegen der Leistung im Spiel seines SKA-Energija Chabarowsk gegen Spartak vor ein paar Wochen:

⚽  Witali Mutko ist ein vielbeschäftigter Mann: Sein Amt als russischer Sportminister hat er im vergangenen Jahr zwar abgegeben, aber stellvertretender Ministerpräsident und Vorsitzender des russischen Fußballverbandes, das sind immer noch zwei Vollzeit-Jobs auf einmal. Immerhin, seit diesem Frühjahr ist es nur noch eine Doppel- statt einer Dreifachbelastung. Da hatte die FIFA nämlich entschieden, dass Mutko nicht mehr im FIFA-Rat sitzen darf, weil das dann doch eine zu große Verquickung seiner verschiedenen Jobs gewesen wäre. (Wir lernen: Wenn der Filz sich erkennbar in einer einzelnen Person manifestiert, wird es irgendwann selbst der FIFA zu viel.)

Seit der vergangenen Woche nun ist die von Mutko hinterlassene Lücke wieder gefüllt: Nach einigen Monaten ohne russischen Vertreter ist Alexej Sorokin in den FIFA-Rat nachgerückt. Wer nun glaubt, diesen Namen auch schon in Verbindung mit diversen Jobs gehört zu haben, liegt nicht ganz falsch: Modeschöpfer Alexej Sorokin und Admiral Alexej Sorokin sind allerdings dann doch andere Leute – dieser Alexej Sorokin, der nun am großen FIFA-Tisch sitzt, ist „nur“ der Leiter des Organisationskomitees für Russlands Fußball-WM im kommenden Jahr.

⚽ Wenn wir heute schon mit Kunst angefangen haben, dann hören wir jetzt auch mit Kunst auf: Das hier ist eines meiner Lieblingsbilder in der Neuen Tretjakowgalerie, wo in Moskau Gemälde aus der Epoche des Sozialistischen Realismus ausgestellt werden:

#goalkeeper #дейнека #russiaisreadyforworldsoccercup #germangoalkeeper

Ein Beitrag geteilt von Andrea Novelli (@andreanovellinsta) am

Alexander Deineka hat diesen Torwart in den Vierzigern gemalt, der Mann (also Deineka) war den Sowjetmächten genehm, lieferte brav Erbaulich-Patriotisches und wurde dafür oft ausgezeichnet. Sein Torhüter im Hechtsprung, der den Ball links aus dem Bild rausschiebt, ist auch der Ausgangspunkt für einen Artikel der Kulturjournalistin Milena Orlowa über Fußball in der russischen Kunst.

Veröffentlicht wurde der Überblick auf dem offiziellen WM-Portal, leider nur auf Russisch, aber keine Bange: Schon das Durchscrollen liefert einen guten Überblick, wie der Fußball russische Künstler beeinflusst hat. Zückerchen für Berliner: die Erinnerung an Johannes „Hanne“ Sobek auf dem Gemälde „Hertha greift an, Hanne am Ball“ von Nikolaus Sagrekow.

⚽⚽⚽

Das war’s dann auch schon mit dieser Russball-Folge. Es sei denn, es interessiert sich noch jemand für eine wahrhaft schwerwiegende Folge der Fußball-WM: Die Arbeitsgemeinschaft Durlacher Altstadtfest hat sich entschieden, ebendieses Durlacher Altstadtfest zu verschieben, damit es nicht mit der Weltmeisterschaft… das ist euch egal? Ihr wisst nicht mal, wo Durlach liegt? Banausen, allesamt. Bis nächste Woche!



 

Weiterlesen

„Du bist der Nächste!“

Ein Sieg für Schalke, ein Kino-Besuch mit Freunden, ausgehen mit Kolleginnen zum Weltfrauentag. Es hätte ein gutes Wochenende sein können, wäre da nicht gleichzeitig ein Facebook-Post meines WAZ-Kollegen Sinan gewesen. Man liest die Wut und Frustration in jeder Zeile – denn für Sinan war der Schalke-Sieg das letzte positive Erlebnis am Samstag:

Ob es nun die Zug-Mitreisenden sind, ein Autofahrer oder die Gelsenkirchener Polizei: Klar wusste ich abstrakt, was Alltagsrassismus bedeutet. Aber so konkret und gehäuft mitzubekommen, welche Formen er annimmt, ist dann doch schockierend. Und verdient alle Öffentlichkeit, die es kriegen kann.

Weiterlesen

Sochi, Moskau und die Sicherheit

„Wie ist das denn während Sochi mit der Sicherheit in Moskau?“ Die Frage kam jetzt öfter, und die kurze Antwort ist: Weiß ich nicht. Noch nicht lange genug da, noch nicht genug den Blick geschult.

Was ich weiß, ist: Wenn ich zur U-Bahn gehe, sehe ich zwischen Haustür und Bahnsteig immer ein halbes Dutzend Uniformierte, oft mehr. „Uniformierte“ klingt ungelenkt, aber sie sind schwer zu unterscheiden: Polizisten, ja. Schwarze Sheriffs vom einen Einkaufszentrum. Grüngefleckte Sheriffs vom anderen. Manchmal entpuppt sich einer als Schaffner oder als Mensch, der privat Bomberjacke und Stiefel trägt, aber ja, ein halbes Dutzend auf 15 Minuten Fußweg sind es immer.

Ich weiß, dass das nichts Besonderes ist. Schon vor zwei Jahren sah man reichlich Sicherheitskräfte in der Metro – bei Fußballspielen zum Beispiel noch eine ganz eigene Einheit. Oder auch Soldaten, oft noch sehr jung, mit kleinen, kurzhaarigen Köpfen und zu großen Kappen, ein ganz eigenes Kindchenschema. Jedenfalls sind demonstrativ sichtbare Sicherheitskräfte schon deshalb nicht der Zeit der Winterspiele vorbehalten, weil Moskau Moskau ist, mit ständiger Angst vor Anschlägen am Flughafen oder an Metro-Haltestellen.

Sicherheit Metro Moskau Ich weiß, dass es irgendjemand für eine kluge Idee gehalten hat, in der Haltestelle Wystawotschnaja/Delowoi Zentr Fotos von Sicherheitsleuten aufzuhängen. Mit Schäferhund, mit Gewehr im Anschlag, mit Handgranate. Zu Pferd, mit Kindern, das Kreuz eines Priesters küssend. Vermutlich soll man sich davon sicherer fühlen.

Was ich weiß, ist, dass der ersten Tipps einer Russland-Erfahrenen, als sich unser Umzug abzeichnete, war: „Guck in der Metro keine Uniformierten an, das gibt nur Ärger.“ Das widerstrebt mir ganz massiv und weckt die Renitenz – warum soll ich weggucken, sollen die doch weggucken – aber dann hab ich es eilig, den Pass nicht dabei oder sonst einen Grund, gucke also weg und fühle mich irgendwo zwischen feige und pragmatisch.

Was ich inzwischen weiß, ist, dass sie mich wohl eh nur bei akuter Langeweile kontrollieren würden. Denn wer kontrolliert wird, der sieht anders aus.

Zweimal bin ich umgestiegen heute beim Metrofahren. In beiden Fällen standen am Übergang von einer Linie zur anderen Polizisten und überprüften die Papiere von Menschen, die nach Nordkaukasus oder Zentralasien aussehen. (Dazu lohnt es sich auch, diesen Blogpost zu lesen.) Dass Menschen aus dieser Region hier – gelinde gesagt – schief angeguckt werden, beschränkt sich nicht auf den dienstlichen Blick eines Polizisten, es gilt genau so für private Blicke.

Wie es ist während Sochi mit der Sicherheit in Moskau? Ich weiß es nicht.

Weiterlesen