Drei Jahre Moscow Times – sowas wie ein Fazit

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Dass es hier in den letzten Wochen ruhig war, lag daran, dass ich ein bisschen was sortieren musste – erst im Kopf, dann im echten Leben. Fünf Jahre Moskau heißt der Plan, die bisherigen drei habe ich bei der Moscow Times gearbeitet. So einen Abschnitt beendet man nicht ohne Nachdenken. Aber irgendwo zwischen „gehen, wenn’s am schönsten ist“ und „gehen, solange es noch schön ist“ ist der Zeitpunkt jetzt dann doch gekommen: Ende Januar höre ich auf.

Als ich bei der Moscow Times anfing, hatte Russland gerade die Krim annektiert, Boris Nemtsow lebte noch und der Krieg in Syrien war, von Russland aus gesehen, ganz weit weg. Was habe ich seitdem nicht alles gelernt in dieser kleinen, durch und durch unwahrscheinlichen Redaktion. Allem voran, wie man (komplett ohne Budget) einen Social-Media-Auftritt aufbaut, der rund um die Welt und rund um die Uhr funktioniert. Welche Posts für die russischen, für die amerikanischen, für die indischen Leser? Welcher Dreh, welche Uhrzeit? Anfang 2014 hatte die MT keine 50.000 Facebook-Fans, nach einem Jahr waren es schon 500.000. Steiles Wachstum, hohe Motivation.

Überhaupt, die Reichweite, die man mit englischsprachigen Inhalten so erreicht. Das Interesse an Russland wächst und wächst; wer kein Russisch kann und nicht auf Staatsmedien angewiesen sein will, der liest nun einmal die Moscow Times. Solch eine internationale, politisch interessierte Leserschaft zu haben, das ist meistens faszinierend. Nur ganz gelegentlich lässt es einen in Sekundenbruchteilen erblassen. Wie an dem einen Morgen, als dem Artikel über eine Massenschlägerei in einem Krankenhaus versehentlich das „M“ am Anfang der Überschrift fehlte. Ach guck, wie nett, da twittert ein Leser, ob wir uns die Zeile mit dem „Ass Brawl“ nicht noch mal ansehen wollen. Ach guck, es ist der Präsident von Estland.

Ich habe gelernt, woran man Kreml-Trolle bei Facebook erkennt (und wie viel Arbeit es ist, das dann auch zu überprüfen und sie zu blocken). Ich habe von den Englisch-Muttersprachlern im Team so zauberhafte Wendungen gelernt wie „He’s as useful as a chocolate hairdryer“ und, in harten Zeiten, den extrem einleuchtenden Begriff des „seagull management“. Ich habe den Unterschied gelernt zwischen dem, was in der russischen Verfassung drinsteht, und dem, was sie im Alltag auch tatsächlich gewährleistet.

Ich habe gelernt, nicht öfter als dreimal pro Woche zu fragen, ob wir an dem Bild, das wir da gerade verwenden, denn wohl auch die Rechte haben. Ich habe so, so viel über die russische Sprache gelernt. Ich habe gelernt, dass der große Mailverteiler (alle Kollegen nicht nur bei der Moscow Times, sondern im ganzen Gebäude, mit Vedomosti, Cosmopolitan usw.) dazu da ist, darüber informiert zu werden, wenn es besonders günstigen Honig oder besonders günstigen Kaviar zu kaufen gibt („Hast du den Preis für Kaviar gesehen? Bei Reuters kriegen sie ihn deutlich billiger, hat X erzählt.“)

Ich habe gelernt, Rosselkhoznadzor, Roskomnadzor und Rostechnadzor auseinander zu halten. Ich habe gelernt, dass die Standard-Anrede im Newsroom „Dude“ ist und „Katrin“ von all den anderen Dudes konsequent auf der zweiten Silbe betont wird. Ich habe gelernt, wie wichtig in einem autoritären Staat mit permanentem Druck auf die wenigen unabhängigen Medien ein Chefredakteur mit Rückgrat ist – einer, der nicht sagt „das können wir nicht schreiben“, sondern nur: „Wenn du das nächste Mal sowas schreibst, sag mir vorher Bescheid, dann bin ich vorbereitet.“ Ich habe gelernt, dass man jedes Live-Blog eines Putin-Auftritts mit viel Luft planen muss. Beginn: definitiv verspätet. Ende: komplett unplanbar.

Die Moscow Times ist ein Durchlauferhitzer. Die Mehrheit meiner Kollegen ist deutlich jünger, für sie ist es einer der ersten Jobs nach der Uni, manchmal der erste überhaupt. Mit, zwei, drei Jahren MT im Lebenslauf stehen einem dann viele Türen offen: Neulich habe ich eine Twitterliste gebastelt mit Ex-MT-Leuten, und wenn man sieht, wo die inzwischen überall sind, von New York Times bis Buzz Feed, von AFP bis Washington Post, dann ist das schon ziemlich beeindruckend – und ich bin stolz, mich da einreihen zu dürfen.

Welches neue Medium in dieser Twitterliste bald hinter meinem Namen steht, muss sich finden. Ich habe nach drei Jahren mit drei Chefredakteuren erst mal nur ganz grundsätzlich beschlossen, dass es Zeit für etwas Neues ist. Neue Kollegen, so großartig die aktuellen auch sind. Neue Projekte, die aber hoffentlich weiterhin mit Journalismus und Russland zu tun haben. Ein bisschen weiß ich schon, in welche Richtung es gehen soll, anderes muss sich finden. Zwei Jahre in Moskau bleiben noch.

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Twitter, Facebook, Instagram – jeder nur einen Wunsch!

In einer Zeit, als das Wünschen noch geholfen hat, gab es halt auch noch kein Internet. Heute gibt es das Web, es gibt dort Tools ohne Ende, viele davon kostenlos – und es gibt Wünsche, die daraus entstehen. Klar, Dienste wie Google, Facebook oder YouTube sind deshalb kostenlos, weil sie aus uns Nutzern Geld machen können.

Niemand zwingt uns dazu, diese Dienste zu nutzen – außer deren Erfolg, der Sog der anderen Nutzer. Kann also sein, dass sich der kommende Post ein bisschen liest wie der Blick ins Maul eines geschenkten Gauls. Bei kostenlosen Angeboten auch noch Ansprüche entwickeln? Echt jetzt?

Ja, echt jetzt. Zumindest für diejenigen, mit denen man sich als Social-Media-Mensch jeden Tag auseinandersetzt, muss das jetzt mal sein. Ich fass mich auch kurz – nur ein Wunsch pro Tool.

Facebook

Facebook muss man nicht erklären, seine „Pages“-App aber vielleicht doch. Die ist so eine Art dienstlicher Facebook-Zugang für Leute, die dort Seiten verwalten. Der Arbeitgeber kann ein Fußballclub sein, ein Waschmittelhersteller, eine Partei oder ein Promi – oder eben, wie bei mir, ein Medienunternehmen. Uns alle verbindet, dass wir nicht nur jetzt gerade mal einen spontanen Post raushauen, sondern sie mit „Pages“ auch zur späteren Veröffentlichung planen. Bei der Moscow Times gilt das etwa für Artikel, die dann gepostet werden sollen, wenn ich schlafe – für die Leser in anderen Zeitzonen. Es gilt auch für Regularien wie unser tägliches Kalenderblatt, das Guten-Morgen-Foto oder das Literaturzitat.

Das Problem: Nutzt man Facebook im Browser, werden einem die vorgeplanten Beiträge schlicht chronologisch angezeigt – zuoberst der, der als nächster erscheint. Wer scrollt, kommt vom Freitag zum Samstag zum Sonntag, vom Juni zum Juli zum August. In der „Pages“-App dagegen sieht das so aus:

Facebook Pages App kscheib

Nach dem 17. August kommt also der 18. Juli, dann der 13., dann, oh, der 14, das ist ja sogar ausnahmsweise mal sinnvoll. Wo gucke ich, wenn ich heute, am 30. Juni, wissen will, ob ich schon ein Literaturzitat für den 1. Juli eingeplant habe? Ich hab spaßeshalber mal immer weiter nach unten gescrollt – und brauchte sechs komplette Bildschirmlängen bis der 1. Juli erschien. Zwischen dem 2. und dem 5. hatte er sich versteckt, der Schelm. Im Moment hoffe ich jedenfalls bei jedem neuen App-Update, dass Facebook diesen Bug endlich behebt.

Instagram

Wenn ihr glaubt, dass Instagram da, wo ihr euch gerade aufhaltet, eine große Nummer ist, dann empfehle ich eine Reise Richtung Osten. You ain’t seen big until you’ve seen Instagram-in-Russia big. Von den 500 Millionen Instagram-Nutzern leben gefühlte 480 Millionen in Russland, jede noch so kleine Kneipe hat hier ihren eigenen Account und fordert Dich auf, das Bier doch bitte dort mit entsprechendem Hashtag zu posten. Fällt mir eine russische Freundin ein, die nicht bei Instagram ist? Ja, aber erst nach langem Überlegen.

Für die Redaktionsarbeit macht das Instagram ideal, um den Alltag in Russland abzubilden. Den Sexismus und den Backlash dagegen. Die tagtäglichen Absurditäten. Die unersetzbare, wunderschöne, brechend volle Metro. Das alles wäre allerdings deutlich einfacher zu zeigen, wenn man nach mehr als immer nur einem einzelnen Hashtag suchen könnte.

#Moskau streut zu weit, #Metro auch, #Moskauermetro (in allen Fällen sind natürlich die russischen, kyrillisch geschriebenen Hashtags gemeint) benutzen lange nicht so viele Menschen. Bei Twitter kann man problemlos eine &-Suche machen, bei Instagram muss man sich mit Krücken wie Mixagram behelfen. Vielleicht könnte Instagram das ja einfach kaufen und integrieren?

Storify

Mit Storify kann man selbstgeschriebenen Text und Social-Media-Posts von verschiedenen Plattformen leichter zu einer Geschichte kombinieren, als das mit vielen Redaktionssystemen geht. Zuletzt haben wir es bei der MT zum Beispiel benutzt, als Russlands Premierminister mit einem ungeschickten Zitat zu Rentenerhöhungen für allerlei Memes sorgte.

Storify ist praktisch, intuitiv, sieht gut aus – und hängt sich bei einem von fünf Artikeln so katastrophal auf, dass man nicht einmal mehr speichern kann. Egal, ob in Russland oder in Deutschland, in der Redaktion oder vom Privatrechner, mit VPN oder ohne – die Verbindung wackelt. Die freundliche, aber hilflose Support-Truppe arbeitet nach US-Uhrzeiten, meldet sich also erst zurück, wenn das Problem längst auf die übliche Art gelöst ist: den Text rauskopieren, die Links zu allen Posts in separaten Tabs öffnen, ein neues Storify beginnen – und darin dann wieder von null anfangen mit dem Zusammenbauen.

Tweetdeck

Das Problem gibt es, so lange ich Tweetdeck benutze, vor über einem Jahr hab ich mir schon mal den Frust darüber vom Hals gebloggt. Geändert hat sich nichts: Wer hier einen Tweet mit Bild zur späteren Veröffentlichung plant und ihn später noch mal ändern will (einen Tippfehler weg, einen passenderen Hashtag hinzu), dem bleibt weiterhin nur: löschen und von vorne anfangen. Denn bearbeiten lassen sich nur Tweets ohne Bild.

Ein ergiebiger Bug, über den man sich jede Woche ärgern kann.

Twitter

Nicht alle Wünsche muss man detailliert erklären, der hier ist ganz einfach: Twitter, können wir uns einfach drauf einigen, dass ich keine falschen Hinweise auf neue Nutzer-Interaktionen mehr angezeigt bekomme? Ich meine sowas hier: Oh, guck, eine neue Benachrichtigung von Twitter!

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Wie interessant, was mag es sein?twitter neu 2

Wieder nur ein neuer Hinweis auf etwas Altes. Meh. twitter neu 3

Also, Twitter: Kein Phantom-Alarm mehr, bei dem sich der neue Like und Retweet dann doch nur als neue Benachrichtung über einen alten entpuppt, ja? Danke.

Falls jemand mit denselben Baustellen zu kämpfen hat oder – noch besser – einen Weg gefunden hat, sie zu umschiffen: Ich freue mich über Tipps, in den Kommentaren oder bei Twitter.

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Der Haken an Facebooks neuem Karussell

Seit Anfang des Monats ist immer mal wieder die Rede von einem neuen Look, der Facebookseiten für ihre Post demnächst zur Verfügung stehen soll. Bei AdWeek bzw SocialTimes durfte dieses Karussell-Format schon mal jemand ausprobieren, Allfacebook.de hat versucht, es mit einem Hack nachzubauen.

Für die Facebook-Seite der Moscow-Times wurde mir das neue Format am 1. Oktober zum ersten Mal angeboten – am World Ballet Day. Ballett ist in Russland eine große Sache, wir haben dazu einiges an Texten und Fotos. Der erste Post im neuen Design sah also so aus* – verschiedene Bilder, die sich durchblättern lassen und alle zum selben Link auf der Seite führen.:

On #WorldBalletDay, a look at the hard work involved in becoming a ballerina.

Posted by The Moscow Times on Thursday, October 1, 2015

Wie man als Admin solch einen Post anlegt, habe ich heute mal dokumentiert. Gestern ist „Круг Света“ zuende gegangen, der „Lichterkreis“, bei dem Bilder und Animationen auf berühmte Moskauer Gebäude projiziert werden, Leuchtskulpturen die Teiche schmücken und ständig irgendwo Feuerwerk ist. Ein klassisches Fotothema eben, also rein ins Status-Feld mit dem Link.

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Wie man sieht, zieht sich Facebook drei Motive von selbst, nach welchen Kriterien auch immer. Von zehn Motiven der Galerie hat es sich hier die Nummern zwei, vier und neun ausgesucht. Über die kleinen Symbole unter dem Post kann die Haken entfernen und so die angezeigten Fotos ändern, hier lassen sich auch neue Bilder hinzufügen. Die Obergrenze liegt bei fünf Motiven, ein kleiner Scrollbalken erleichtert die Auswahl.

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Noch kurz antexten, posten und voilà:

Moscow's "Circle of Lights" festival may be over, but these stunning photos still shine bright.

Posted by The Moscow Times on Monday, October 5, 2015

Kurzer Anreißer, fünf Bilder mit je demselben Text, außerdem fügt Facebook selbst als sechstes Motiv ein Logo der Seite hinzu. Eine schöne Ansicht, dieser Karussell-Post, die sich bestimmt nicht nur für Fotogalerien eignet. Auch Reisereportagen, Produktbesprechungen (hallo, iPhone!) und andere bildlastige Formate kann man sich so gut vorstellen. Wie schön, wenn es das Karussell schon gegeben hätte, als diese Analyse zur Ost-Ukraine entstand!

Einen Haken allerdings hat das neue Format, und der ist gar nicht mal so klein. Denn Facebook geht, zumindest im Moment, davon aus, dass nun jeder neue Eintrag ein Karussell werden soll. Plant man also einen nachrichtlichen Text, der nur ein einziges Bild hat, greift es sich aus dem Umfeld des Artikels weitere Motive, die nicht unbedingt mit seinem Thema zu tun haben. So zu sehen bei diesem Text zu den russischen Luftangriffen in Syrien:

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Klar, man muss nur schnell die zwei Haken bei Bild zwei und drei entfernen. Aber bei einer Nachrichtenseite, wo Meldungen, Kommentare und andere Artikel mit nur einem Bild die klare Mehrheit der Inhalte stellen, läppert sich das ganz schön: Von Montag bis Freitag plane ich über den Daumen etwa 100 Facebook-Post mit Link, darunter sind mit Glück 20, bei denen sich das Karussell anbietet. Bei den anderen 80 muss ich also jedes Mal diese Häkchen wegklicken.

Definitiv Grund genug, ins Nachtgebet die Bitte aufzunehmen, Facebook möge sein wirklich schönes neues Karussell in Zukunft als Option anbieten, die der Admin auswählen kann – aber nicht als automatisch voreingestellte Variante.

*irgendwas ruckelt da gerade beim Zusammenspiel zwischen WordPress und den Embed-Codes von Facebook. Um den Post zu sehen, einfach aufs Datum klicken, bitte.

(Danke an Lars für Allfacebook-Link & Denkanstoß)

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Prost Freitag!

Vor einigen Wochen ist die Kaffeemaschine bei uns in der Redaktionsküche verschwunden, Alles zu teuer, der kostenlose Kaffee in Zeiten wie diesen, also verschwand auch gleich die Kristallschale voller Würfelzucker. Der kostenlose Shuttlebus von der Metro zur Redaktion rollt ebenfalls nicht mehr, das bedeutet jeden Morgen 15 Minuten Fußweg zusätzlich – und abends wieder.

Kurzfristig waren dann auch die Trinkwasserkanister weg (Leitungswasser trinkt hier keiner freiwillig), aber da immerhin kam nach Protestmails an den ganz, ganz großen Verteiler die Rückmeldung, der Lieferant sei bloß pleite, ein neuer aber schon gefunden. Wir sind also nicht allein mit dem Knapsen.

Das Ganze würde sich noch mehr nach sinkendem Schiff anfühlen, wenn nicht eine andere Tradition Bestand hätte. Sie gehört zum Freitag wie die Stille in der Redaktion, denn samstags erscheint keine Zeitung, also sind wir nur ein paar verstreute Onliner. Und könnten, wenn wir denn wollten, rüber in die Kantine gehen und dort die urrussische Art bewundern, in der sich dort Beständigkeit manifestiert:

Cognac

Ein Tablett mit Cognac-Gläsern, zwei Finger breit gefüllt, direkt neben der Kasse. S’war immer so, s’war immer so. Wer will, darf sich einen nehmen, kostenlos. Wer zwei nimmt, bekommt einen strafenden Blick.

Das Tablett steht da ab 8 Uhr morgens.

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Opa Günter

Opa Günter

Vieles an der Art, wie Moskau derzeit an das Ende des Zweiten Weltkriegs erinnert, fühlt sich seltsam an. Das Säbelrasseln, oder was immer da heute so rasselt, wenn tagelang Panzer und Raketen durch die Straßen rollen, damit am Samstag bei der Parade alles klappt. Das Branding, bei dem wirklich alles mit St.-Georgs-Bändern verziert und beworben wird, bis hin zur Wodkaflasche im Supermarkt.

Das Stalin-Revival, das hier parallel betrieben wird und zu dem kritische Stimmen selten sind. Die Militarisierung von Kleidung, wenn Kindergartenkinder sich von ihren Eltern erfolgreich eine Soldatenmütze vom Straßenhändler erquengeln. Der gar nicht so latente Druck, dass das die einzig wahre Art des Gedenkens ist und man da mitzumachen hat (dazu die Tage noch ein eigener Blogpost.)

Wir haben uns in der Redaktion einen anderen Ansatz ausgesucht, und ich finde, er passt zu einem Team aus einem halben Dutzend Nationalitäten in dieser Generation und noch deutlich mehr, wenn wir ein, zwei Generationen zurückgehen.

Ich wusste nicht, dass Matt aus dem Wirtschaftsressort polnische Vorfahren hatte (die später als Italiener getarnt über Venezuela in die USA ausgewandert sind und dort dann Angst vor McCarthys Hexenjagd hatten). Ich wusste nicht, dass der Opa unseres Chefredakteurs einen Backstein aus der Reichstagsmauer mit zurück nach Dagestan genommen hat. Und auch die Geschichte meines Kollegen Sam, dessen Urgroßvater als einer der letzten Amerikaner im Mai 1945 in Deutschland starb, kannte ich vorher nicht. Wieso eigentlich nicht? Wenn wir schon das Privileg haben in einem Team aus Menschen zu arbeiten, die von beiden Seiten des Eisernen Vorhangs stammen und aus Ländern, die im Zweiten Weltkrieg gegeneinander gekämpft haben – warum reden wir so wenig darüber?

Opa Günter, der Vater meines Vaters, ist ein paar Tage nach meiner Konfirmation gestorben. Dass seine Enkelin mal für eine russische Zeitung auf Englisch ein Stück seiner Lebensgeschichte aufschreiben würde – ich glaube, das hätte ihn in seiner Unwahrscheinlichkeit genau so zum Lachen gebracht wie ein Zeitungsbericht im Lokalteil, in dem irgendwann in den Achtzigern mal stand, die Nazis hätten ihn erschossen. Nicht, dass sie es nicht versucht hätten – aber diese Folgen konnten sie ja auch nicht absehen.

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Putin der Woche (XIV)

Putin der Woche

Gesehen: In unserem Noch-Redaktionsgroßraum bei der Moscow Times.

Begleitung: Olivgrüne Hose, Angel, Halskette mit Kreuz. Sonnenbrille lässig am Hosenbund.

Text: „Geheimnisse der Stars“, der Name der Zeitschrift, aus der dieses Poster stammt. Dazu ein Putin-Autogramm unten links.

Subtext: Ganz schön lange her, dass ihr mich hier aufgehängt habt, das Poster rollt sich schon von den Seiten zusammen. In den neuen Räumen erwarte ich dann aber ein Stück Tesa an jeder Ecke, damit sowas nicht mehr passiert! Oder Heftzwecken, ach was: Tesa UND Heftzwecken, ist das klar? Also, wer rollt mich jetzt hier zusammen und zwei Etagen drunter wieder auf? Ey, wo seid ihr denn alle hin? Hallo? Hallooo?

Oben-Ohne-Punkte: 10/10

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Verstärkung gesucht

250,000 Facebook-Fans, 60,000 Twitter-Follower, dazu ein YouTube-Kanal und ein Instagram-Account, die mal ein bisschen Liebe brauchen könnten. Das, lieber Leser, kann alles Dir gehören, jedenfalls auf Zeit.

Wir suchen bei der Moscow Times eine Praktikantin oder einen Praktikanten für Social Media. Die ganze Stellenanzeige gibt es hier, und wer sich die URL ansieht, der merkt schon: Einfach ist hier nur wenig. Einerseits sitzen wir an schicken, schnellen Macs in einem Gebäude im Norden der Stadt, in dem es entfernt so aussieht wie auf dem Bild. Die Atmosphäre ist irgendwo zwischen Start-Up und Lokalredaktion, die Kollegen kommen aus allen möglichen Ländern, und irgendwer plant immer gerade eine Reise irgendwohin und holt sich in der Teeküche Tipps von drei anderen, die schon da waren. Einerseits.

Foto: Startup Stock Photo
Foto: Startup Stock Photo

Andererseits haben wir das älteste CMS, mit dem ich seit dem Volo gearbeitet habe, und das war immerhin 1998. Neuankömmlinge müssen sich aus den schicken Mac-Bildschirmen, den schicken Mac-Tastaturen und den schicken Mac-Mäusen erst mal eine Kombination zusammenklauben, die auch funktioniert. Verständnis dafür, wie kritischer Journalismus funktioniert, ist in Russland nicht sehr weit verbreitet – die Philosophie ist eher „wenn ihr nicht für uns seid, seid ihr wohl gegen uns“ Das führt zu interessanten Facebook-Kommentaren. Und ja, das politische Klima hier ist genau so, wie ihr es euch vorstellt in einem Land, das in einen bewaffneten Konflikt mit einem Nachbar verwickelt ist.

Wenn das jetzt als Reaktion nicht „Oh Gott“ auslöst, sondern „Das muss ich mir mal anschauen“, dann freue ich mich über eine Bewerbung. Es wird viel ums Tagesgeschäft gehen, darum, wie man Leser rund um die Welt so erreicht, dass sie in ihrer Zeitzone im richtigen Moment den richtigen Inhalt von uns sehen. Aber es ist auch genug Luft zum Rumprobieren. Für Liveblogs, schlaflose Foto-Aktionen, Storifies, Memes, Thinglinks und anderen Spökes, den ihr als Idee mitbringt. Als Pluspunkt kann ich bieten, dass sich Leute (hier, hier, hier und anderswo) von mir bisher immer gut ausgebildet gefühlt haben. Sowas macht mir Spaß, und ihr wärt hier garantiert weder Kaffeekocher noch Kopierhilfe.

Zwei Hinweise noch zur Ausschreibung: Das Praktikum ist, so leid mir das tut, unbezahlt. Und ja, auch wenn ihr das hier auf Deutsch lest, suchen wir im Prinzip Englisch-Muttersprachler. Da mir klar ist, dass ich nicht in der besten Position bin, auf diesem Anspruch zu bestehen, hier die Ausnahmeregel: Wer kein Muttersprachler ist, aber schon Erfahrung im Arbeiten für englischsprachige Medien mitbringt und diese Erfahrung auch belegen kann, ist herzlich willkommen. Bei Zeitpunkt und Dauer des Praktikums sind wir flexibel, es würde also auch gut in die Semesterferien passen.

Fragen? Hier fragen

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Moskaus Metro in Instagram-Bildern – das Making-of

Thinglink wollte ich schon lange mal für ein größeres redaktionelles Projekt testen (diese Newsmap aus der heißen Zeit des Ukraine-Konflikts war eher ein schnelles Nebenprodukt), und im nachrichtenarmen Dezember bot sich endlich eine Gelegenheit. Das Ergebnis kombiniert die Metro und Instagram – zwei Dinge, die die meisten Moskauer benutzen und viele von ihnen sogar lieben.

So zufrieden ich mit dem Ergebnis bin, der Weg dahin war unnötig steinig, und das lag an Instagram. Während Twitter und Facebook einem die redaktionelle Nutzung leicht machen, macht Instagram einem lieber Umstände. (Ein klein bisschen hoffe ich ja noch, dass ich mich einfach dumm angestellt habe und hier später in den Kommentaren nachlesen kann, wie einfach alles gewesen wäre. Aber selbst von Kollegen mit deutlich mehr Instagram-Erfahrung kam auf Fragen hin meist nur: „Nein, die Funktion gibt es wirklich nicht. Ja, das ist doof.“) Darum ein kleines Protokoll.

1. So schlicht und schön sich Instagram mobil nutzen lässt, so umständlich ist es im Browser. Einloggen, Fotos gucken, Fotos liken – viel mehr geht nicht auf Instagram.com. Keine Suchfunktion, auch die Hashtags unter den Fotos sind keine Links. Meh.

2. Zur Suche gibt es externe Dienste wie Iconosquare. Ein Foto der Haltestelle Kievskaya zu finden, geht also so: Bei Iconosquare „Kievskaya“ eingeben. Unter den Suchergebnissen ein Foto finden. Bei Iconosquare das Profil des Nutzers öffnen, der es gepostet hat. Den Nutzernamen rauskopieren und im Tab nebenan hinter Instagram.com/ einfügen. Runterscrollen bis zum Motiv. Motiv öffnen. Link rauskopieren und in Thinglink einbetten.

3. Nein, Thinglink hat im Gegegsatz zu Storify keine integrierte Instagram-Suche.

4. Ja, Moskau hat knapp unter 200 Metrohaltestellen. Nicht alle davon sind schön, aber doch viele.

5. Das unter 2 erwähnte Runterscrollen kann bei fleißigen Instagrammern länger dauern. Nützlich wäre eine Suchfunktion, die nur Posts aus einem bestimmten Zeitraum anzeigt; stattdessen bleibt nur klicken und scrollen, klicken und scrollen. Es empfiehlt sich darum, nur Bilder aus den letzten zwei Wochen zu verwenden. Oder aus Profilen, die noch keine vierstelligen Bilderzahlen gepostet haben. Aber find die mal, in Russland.

6. Auch via Iconosquare kann man Instagram immer nur nach einem einzelnen Hashtag durchsuchen, nicht nach einer Kombination. Wenn die Haltestelle also heißt wie eine Sehenswürdigkeit, der nahegelegene Park oder der ganze Stadtteil, kann die Recherche nach einem passenden Motiv auch schon mal eine halbe Stunde dauern. Bei Twitter würde ich einfach nach „#Sokolniki #Metro“ suchen. Bis dahin bleibt Instagram ein Tool, mit dem ich privat gerne rumspiele, das redaktionell aber eine bessere Benutzeroberfläche braucht.

Franziska Bluhm schreibt hier darüber, was für sie Instagrams Charme ausmacht und wo es noch von anderen lernen könnte.

Von Lars Wienand kam und Katharina Kierig kam der Hinweis auf Mixagram – und ja, das ist zwar noch im Werden, aber manchmal gelingen tatsächlich Suchen nach zwei Hashtags gleichzeitig.

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Gastpost zu Spruce bei Journalisten-Tools.de

Drüben bei den Journalistentools von Sebastian Brinkmann gibt es heute einen kleinen Gastpost von mir.

Es geht um Spruce, ein kostenloses Hilfsmittel, mit dem man ohne großes Photoshoppen oder langwierige Bildrecherche Fotos und Text kombinieren kann. Nützlich ist das zum Beispiel bei Twitter.

Vom Namen „Spruce“ kann man übrigens ganz trefflich einen Ohrwurm bekommen. Schließlich muss Alfred Doolittle pünktlich zur Kirche, und zwar „spruced up and looking in me prime.“

Zum Weiterlesen: Wie Tweets mit Spruce besser wahrgenommen werden

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Endlich alle Stempel für den neuen Job

Moscow Times  
Wo hört Bürokratie auf und fängt absurdes Theater an? In Russland kann man sich das gut und oft fragen, egal, ob es ums Visum geht, um einen Büchereibesuch oder irgendwas dazwischen. In einem Land, wo man schon mal sieben Stempel braucht, um eine Fahrt in einem Pendlerzug filmen zu dürfen, dauert manches halt ein bisschen länger – auch die Wartezeit, bis es in Sachen Job etwas zu verkünden gibt.

Jetzt aber: Auf den neuen Visitenkarten steht „редактор социальных медиа“, oder, wenn man sie umdreht, „Social Media Editor“, darüber das blaue Logo der Moscow Times. Eine unabhängige Tageszeitung, die nicht in Staatsbesitz ist – was in Russland dieser Tage so schnell zu einer Seltenheit wird, dass es einen gruselt. Gleichzeitig ist seit Beginn des Konflikts in der Ukraine die Nachfrage nach unabhängiger Berichterstattung besonders groß: Anfang Februar hatte die Moscow Times 50.000 Fans bei Facebook, heute sind es schon deutlich über 200.000; bei Twitter ist das Wachstum ähnlich.

Ich arbeite also nun wieder auf Englisch, was nach rund einem Jahrzehnt Pause etwa dem entspricht, wie andere das „ich hab mal wieder das Motorrad aus der Garage geholt“-Gefühl beschreiben. Ok, der AP-Style sitzt noch nicht komplett wieder, manchmal rutscht noch ein britischer Begriff dazwischen oder em-dash und en-dash gehen durcheinander, aber das wird noch. Es hat sich hier jedenfalls sehr schnell sehr richtig angefühlt – schon jetzt würde es mir fehlen, von der Fotoredakteurin morgens nicht mehr mit „Hey dude, what’s up?“ begrüßt zu werden.

Sanoma Independent MediaUnd es macht großen Spaß, sich in so Neuerungen reinzufrickeln wie die, dass wir rund um die Welt und durch alle Zeitzonen gelesen werden. Kein klassischer Morgen-Peak mehr in der Online-Nutzung, sondern verschiedene Spitzen im Tagesverlauf. Da kann es schon mal sein, dass der stärkste Facebook-Post des Tages einer ist, der erscheint, wenn alle Redakteure schlafen.

Ein dicker Pluspunkt ist auch, dass dieses kleine britisch-russisch-holländisch-kanadisch-irisch-georgisch-amerikanisch-(deutsche) Team jeden Tag über ein Land diskutiert, recherchiert und berichtet, das ich noch entdecke. Aber eben in einer Sprache, in der ich den Debatten, Einschätzungen und Argumenten folgen kann.

Das Wichtigste aber bleibt: Unabhängiger Journalismus ist in Russland rar. Dafür zu sorgen, dass er sein Publikum findet – hier und international – ist nicht die schlechteste Aufgabe, die man dieser Tage haben kann.

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