Das Problem am Winter in Russland

Moskau Winter Erlöserkathedrale

Das Problem am Winter hier in Russland sind halt die Temperaturen. Es ist einfach zu warm.

Zu warm in der Metro, wenn man 15 Minuten über vereisten Schnee dorthin geschlittert ist, um dann plötzlich mitten im Rolltreppenrudel zu stehen, von heißer Luft umweht und von dem, was man selbst und die Mitreisenden so ausdünsten. Zu warm beim Schaufenstergucken, wenn die Güterabwägung im Kopf so geht: Das da vorne ist eine echt schöne Jeans. Aber dafür jetzt Winterjacke, Fleecejacke, Mütze, Handschuhe, Schal, Halstuch, die Stulpen an den Handgelenken, die Stiefel, die Stulpen an den Knöcheln, die Hose und die Leggings drunter ausziehen? So schön kann keine Jeans sein.

Zu warm ist es auch in der Wohnung, weil die Nachbarn alle bis zum Anschlag heizen – kostet ja nix, oder fast nix jedenfalls. Was hab ich damals die potenziellen Vermieter verwirrt, als ich beim Wohnungssuchen nach den Nebenkosten gefragt habe. Nebenwas? Was will die komische Ausländerin? Ach, Öl, Gas, Strom? Naja, ein paar hundert Rubel halt im Monat, fünf Euro oder vielleicht zehn. Russland ist reich an Ressourcen, die Temperatur wird also reguliert nach dem Prinzip: Heizung läuft immer, zentral angeschaltet, und bei Bedarf kann man ja lüften. Nur seltsame Zugereiste lassen Ventile an die einzelnen Heizkörper dranflanschen, um zumindest die Wahl zwischen an und aus zu haben. Drehknöpfe mit einer Skala von 0 bis 5? Gibt es, sind aber so selten wie Plusgrade im Januar.

Drinnen überheizt, draußen knackig kalt, dazu das extrem harte Wasser. Der Moskauer Winter ist also auch der Grund, warum Haut und Haare hier besonders viel Liebe brauchen. Duschöl statt Duschgel, kein Shampoo ohne Spülung. Bodylotion, Handcreme, Gesichtscreme – zum ersten Mal im Leben besitze ich eine Fußcreme, ja sogar eine Nasencreme, für wenn das Salzwasser-mit-Bepanthen-Spray nicht mehr reicht, um die Schleimhäute halbwegs feucht zu halten. Als eine irische Freundin zum ersten Mal bei uns zu Besuch war, war sie arg perplex von den schwarzen Plastikwürfeln, die in den verschieden Zimmern vor sich hinsummen: „Was sind das, Luftbefeuchter? Bei uns zuhause hat jedes Haus einen Luftentfeuchter!“

Vielleicht ist es dieses Überangebot an Wärme, das uns den russischen Winter dann besonders lieben lässt, wenn er so richtig zeigt, was er kann. Nicht irgendwo um die standardmäßigen -15, nein – da gilt tatsächlich alles, was ich gerade beschrieben habe. Aber dann, wenn die Minusgrade in den Zwanzigern oder gar Dreißigern liegen, wird es interessant. Du trittst vor die Haustür und merkst, wie die Feuchtigkeit in der Nase gefriert. Du willst Fotos vom Roten Platz im Winter machen, aber nach einer Minute fühlst du deine Fingerspitzen nicht mehr (und kurz darauf stirbt ohnehin der Akku). Du stapfst eine halbe Stunde durch den Schnee, den Schal bis vor den Mund hochgezuppelt, so dass die ausgeatmete Luft am Stoff gefriert – und fühlst dich hinterher wie ein Held, während du im Café wartest, dass die Oberschenkel aufhören zu prickeln.

So ein Wetter hatten wir in den ersten Tagen dieses neuen Jahres, und was haben wir es genossen! Sind mit dem Zug ins Moskauer Umland gefahren, um dort an kleinen Kirchen vorbei durch noch mehr Schnee zu stapfen. Haben im Gästezimmer Käpt’n Blaubär vom Fensterrahmen losgeeist, an dem er leider mit seinem flauschigen Hintern festgefroren war. Waren in eisigster Winternacht in der orthodoxen Weihnachtsmesse. Haben wilde Experimente mit gefrierenden Seifenblasen, Schnee aus kochendem Wasser und einem steif gefrorenen Handtuch gemacht.

Ein großer Spaß, auch wenn wir permanent drei Handys dabei haben mussten zum Filmen, weil bei 30 Grad unter null eben nach wenigen Minuten der Akku entscheidet, dass jetzt aber auch genug ist. Wir hätten gerne noch mehr probiert – ob man mit einer gefrorenen Banane tatsächlich einen Nagel in die Wand schlagen kann zum Beispiel. Gestern Abend hatten Patenkind 3 und sein großer Bruder noch Wünsche angemeldet, doch sie werden warten müssen: Über Nacht kam der Wetterumschwung, heute bietet Moskau nur noch einstellige Minusgrade.

Es ist einfach zu warm.

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Wochenende in Moskau: Einfach mal machen

Nach einer Woche, die beruflich unnötig ärgerlich war und vor einer Woche, die den ersten Schnee bringen soll, hilft es, wenn das Wochenende es einem mal so richtig zeigt. Was es heißen kann, in dieser Stadt zu leben und Wurzeln geschlagen zu haben. Wie es ist, wenn man Leute gefunden hat, für die „warum nicht“ Grund genug ist, etwas auszuprobieren. Wo man sich plötzlich wiederfindet, wenn man sich Moskau einfach mal ausliefert – und am Montagmorgen immer noch davon zehrt.

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Samstag, früher Nachmittag. Wenn man das Puschkinmuseum, die alte und die neue Tretjakowgalerie, das Garage-Museum für moderne Kunst, das Multimedia Art Museum, das Moscow Museum of Modern Art, das jüdische Museum, das Museum für sowjetische Spielautomaten, das Kosmonautenmuseum, das Darwinmuseum, das Museum des Russischen Impressionismus, das Zentralmuseum des Großen Vaterländischen Krieges, das Zentralmuseum der russischen Streitkräfte, das Oldtimermuseum, das Borodino-Museum, das Museum für Orientalische Kunst, das Zoologische Museum, das Geologische Museum und das Architekturmuseum durch hat – dann, ja dann findet man sich plötzlich im Moskauer Museum für Straßenbeleuchtung wieder.

Also stehen G. und ich nun in einem von vier Kellerräumen und bekommen erzählt, dass damals zur Krönung von Alexander II. in Moskaus Straßen eine Festbeleuchtung aus 27.000 Öllampen in grünen Glaszylindern strahlte. Wie nach Öl und Kerosin erst Gas und dann Elektizität kamen (mit Osram-Glühbirnen aus Deutschland, das Museum zeigt dazu einen Werbespot aus dem Sechzigerjahre-Deutschland, in dem Osram-Glühbirnen Verkehrsunfälle und Raubüberfälle verhinden).

Wir sehen Verdunkelungsschilder aus dem Zweiten Weltkrieg („Licht im Fenster hilft dem Feind“), Stehlampen, Hängelampen und eine der 5000-Watt-Leuchten, die in den roten Sternen auf den Spitzen der Kremltürme stecken. Das Museum ist, soviel merkt man sofort, seinen Machern eine Herzensangelegenheit.

Sie erklären die Pulte, von denen aus einst Stadtteil für Stadtteil Moskaus Lichter angeknipst wurden, und zeigen eine Vitrine mit Birnen, in denen statt Drähten kleine Kunstwerke glühen: Blumen, Tiere, ein Schneemann. „Woher haben Sie denn von unserem Museum erfahren?“, fragt die Kassenfrau leicht perplex uns zwei erkennbare Ausländerinnen. Und überhaupt, wenn uns Straßenbeleuchtung interessiert: Im Sommer bietet das Museum auch Stadtrundgänge zum Thema an.

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Um den Tisch sitzen acht Leute aus fünf Ländern und reden Englisch, jedenfalls meistens. Nicht alle kennen sich, aber alle kämpfen mit derselben Speisekarte auf Koreanisch und Russisch, wechseln durch ihre jeweiligen Sprachen und die dazugehörigen Übersetzungs-Apps: Okay, Reis, Möhren, Zucchini – und was ist da noch drin? Kennst du das Wort? Sag’s noch mal langsam in deiner Sprache, vielleicht erkenn ich’s ja wieder? Wir entschlüsseln Fleisch- und Gemüsesorten, ehe wir irgendwo zwischen „Alge“ und „Farn“ kapitulieren. Passt schon. Mal sehen, was kommt.

Der Ort ist unterirdisch und es ist schwer, darin keine Metapher zu sehen, denn wir sind in Moskaus einzigem nordkoreanischen Restaurant. Es geht das Gerücht, dass es zur Botschaft gehört und dazu dient, mit Einnahmen in ausländischen Währungen das System zu stabilisieren. Ob der Rubel dabei eine große Hilfe ist? Alle Kellnerinnen sehen gleich aus – gleichgroß, gleichjung, gleichschön, gleichlange Haare, gleiche Frisur, gleiche Kleidung, gleiche Plateausohlen. Auf einem Fernseher läuft in Dauerschleife ein Konzert der Band Moranbong, im Publikum synchron applaudierende Militärs.

Dass das Essen auf keinen Fall in der Reihenfolge eintrifft, in der man es bestellt – wer würde es in Russland anders erwarten. So essen sechs von uns also in Etappen ihr scharfes Bibimbab (oder, wie die Speisekarte es erklärt, „Plow nach Pjönjanger Art“), danach kommen die Vorspeisen, darunter eine Art Pfannkuchen aus Maiskörnern, zusammengehalten von irgendwas zwischen Aspik und Fugensilikon. Und zum Schluss die Nudelsuppe für die zwei verbleibenden Hungrigen, am Tisch angerichtet. Die Kellnerin gibt gekochte Nudeln in zwei große Metallschalen, dann Fleisch und Gemüse, dann Wasser aus einem silbernen Teekessel mit schmaler Tülle. Die Kellnerin verschwindet, die beiden Nudelsuppenbesteller fangen an zu essen: Die Suppe ist kalt. Nicht abgekühlt, sondern nie warm gewesen. Gehört wohl so. Kurz darauf trifft eine weitere Vorspeise ein.

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Sonntag Nachmittag und ich weiß nichts, außer dass M. mich heute zum Segeln mitnimmt. Fünf Jahre lang hat er in einem anderen Land „reichen weißen Kindern“ das Segeln beigebracht. Meine Segelerfahrung beschränkt sich auf die kälteste Woche meines Lebens, damals, kurz vor Ostern, auf einem Schiff auf dem Ijsselmeer. Nach Anweisung von M. bin ich heute 1. extrem warm angezogen und 2. pünktlich an unserem Treffpunkt, einer Hofeinfahrt im Moskauer Zentrum, in der ein knatschblauer alter UAZ-Geländewagen steht. „Wir haben beschlossen, dass du vorne sitzt – da gibt es einen Sicherheitsgurt“, sagt der Fahrer und Mitsegler, der mir kurz nach dem Start erklären wird, warum er trotz allem weiterhin Trump wählt.

Das Gespräch in eine andere Richtung zu lenken bedeutet, dass ich in der nächsten Stunde sehr viel über den UAZ erfahre. Dass man mit dem Hebel da zwischen Zweirad- und Allradantrieb wechseln kann. Dass es viel Kraft kostet, zu schalten und zu lenken. Dass außerhalb der Stadt plötzlich andere Fahrer winken und lichthupen, wenn man in so einem alten Schätzchen unterwegs ist. Dass das Auto zwar viel ächzt und andere Geräusche macht, die aber alle nichts bedeuten. Auf dem Rücksitz spielt K, eine junge Russin und Nummer vier unserer heutigen Segelei, mit ihrem Handy.

Als wir am Ziel nördlich von Moskau ankommen, noch weiter außerhalb der Stadt als Ikea und Obi, muss es flott gehen. Die Sonne steht schon tief, der Wind ist so stark, dass er uns immer wieder zurück Richtung Anlegestelle drückt und uns schließlich ein kleines Motorboot rausschleppt. Skipper M. geht das erkennbar an die Ehre, weshalb wir danach erst mal betont souverän in den Sonnenuntergang schippern. Es ist, das sagen auch die Mitsegler, schon verdammt windig heute – viele Kommandos, schnelles Wechseln von einer Seite des Boots zur anderen und zurück. Ich denke mir: Solange K. noch Handyfotos auf Instagram postet, wird es schon so ernst nicht sein. Und es mangelt ja auch nicht an Motiven: Das Wasser, in dem sich die Sonne spiegelt. Der Himmel, ganz frei vom Moskauer Herbstsmog. Die Birken am Ufer, in Gelb und Orange.

Auf dem Rückweg Richtung Ufer wird es dann noch mal ein wenig unentspannt. K. hat das Handy weggepackt und sieht käsig aus, M. holt sich bei einem Manöver nasse Füße, und wir alle lehnen uns zur selben Seite raus, so weit wir nur können. Dafür ist das Anlegemanöver dann perfekt, Ehre wiederhergestellt. In der Abenddämmerung fährt der UAZ zurück Richtung Zentrum, aus dem Bluetooth-Lautsprecher kommen abwechselnd Abba und amerikanische Powerballaden. Waterloo. Carry on My Wayward Son. Does Your Mother Know. K. sitzt jetzt vorne, M. und ich haben auf der Rückbank russische Militärhelme aufgesetzt. Safety first. Durch die Dachplane zieht Kälte ins Auto, aber immer noch wärmer als auf dem Wasser vorhin. „Nächstes Wochenende gehen wir auf den Schießstand,“ sagt K. „Komm doch mit.“

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Es steht ein Kasan im Rheinland

Man muss dieser Geschichte vielleicht vorausschicken, dass ich einen großartigen Bruder habe. Vage kann ich mich noch an Haareziehen und Schwitzkasten im Kinderzimmer erinnern, aber schon mit der Pubertät ist das gekippt. Da war er das plötzlich, der abends extra zu der jeweiligen Freundin kam, bei der ich gerade war, damit ich nicht alleine nach Hause radeln musste. Zusammen haben wir Strategien entwickelt, die bis heute funktionieren: Was besser Mama sagen, damit sie es Papa beibringt? Was besser Papa sagen, damit er es Mama unterbreitet? Und was einfach für uns behalten?

Als ich neu in der ersten großen Stadt war, der Geburtstag anrückte und ich dachte: Naja, bist ja ein rationaler Mensch, Dienstplan ist Dienstplan, dann feierst du halt nächstes Wochenende, wenn du zuhause bist – und dann am Tag vorher merkte, dass Rationalität weder Heimweh noch Sehnsucht verhindert, ist er stundenlang angereist, für ein bisschen Feiern, wenig Schlaf und eine ebenso stundenlange Rückreise. Als ein paar Berufsjahre später ein Projekt anstand, bei dem ich über Wochen einem cholerischen, fiesen Möpp ausgesetzt war, hat mein Bruder sich zunehmend alberne Namen für den Möpp und seine Visionen ausgedacht: „Na, was macht Projekt ‚Häschen in der Grube‘?“ Es waren seltene, dringend nötige Lacher in diesen Tagen.

Ich hab das immer für normal gehalten, Geschwister halt, klar verstehen wir uns. Bis eine Freundin hier in Moskau nach einigem Erzählen irgendwann sagte: „So you’re close, you and your brother.“ Seitdem denke ich da öfter drüber nach, dass das vielleicht doch besonders ist.

Dass wir nicht nur um drei Uhr morgens über die Zukunft der Sozialdemokratie philosophieren können, sondern uns auch über ein paar tausend Kilometer Abstand über den Alltagskram auf dem Laufenden halten. Welche Nichte diese Woche nicht in der Kita war wegen Ohrenschmerzen. Wann der Moskauer Balkonsalat geerntet werden kann. Wir schreiben, wir telefonieren, wir skypen. Wir sagen „Du fehlst mir“ und „Pass auf dich auf“. Wir tun bekloppte Dinge füreinander. Womit die Geschichte vom Kasan dann auch schon anfangen kann.

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Kasan ist nicht nur der Name einer russischen Stadt, sondern auch eines Kessels. Ein großes, gusseisernes Ding, mit einem Metallzylinder drunter, in den Holzscheite kommen. So kann man draußen nicht nur grillen, sondern auch kochen. Anfang des Sommers habe ich das bei Freunden auf der Datscha zum ersten Mal gesehen, daraus Plow gegessen und gewusst: Mein Bruder, der so gerne kocht und grillt, hätte da einen Mordsspaß dran.

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Wo kauft man einen Kasan? Im Supermarkt schon mal nicht, auch nicht im Haushaltswarenladen, wie sich rausstellt, und selbst Utkonos, der Onlineladen für alles Denkbare, hat im Sortiment eine kasanförmige Lücke. Aber dann, auf dem großen Markt an der Dorogomilowskaja: Einer der vielen freundlichen Zentralasiaten versteht mich nicht nur, sondern spielt auch gleich Eskorte zum Stand ein paar Reihen weiter: Samoware, Grillspieße, riesige Messer – und Kasane.

„Haben Sie auch eine Waage?“, frage ich vorsichtig, und so finden wir heraus: sieben Kilo die gusseiserne Schüssel mit Deckel, noch mal fünf Kilo der Untersatz – also, im Prinzip, fluggepäcktauglich. Okay, kein Karton zum Transportieren, aber ein riesiger, fester Plastiksack. Wäre der linke Arm ein bisschen weniger gebrochen, die Schlepperei zur Straße wäre erträglicher, aber immerhin ist so für die kurze Fahrt heimwärts ein Taxi gerechtfertigt.

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Deutlich weniger hilfreich als die Markthändler ist die Telefonauskunft von Aeroflot. Die Schüssel, also der eigentliche Kasan, passt problemlos in den Koffer und landet wenige Wochen später in Düsseldorf. Der Untersatz dagegen ist aus einem Stück geschweißt, die drei Beine lassen sich also nicht abmontieren oder auch nur anwinkeln. Überhaupt passt er nur in die größte Reisetasche, an Koffer ist nicht zu denken. Und selbst dann sieht es aus, als hätte man ein Oktopusbaby in die Tasche genötigt, das nun alle Arme von sich streckt.

Einerseits sind die Maße der Tasche über dem, was laut Kleingedrucktem erlaubt ist. Andererseits sind Gepäckvorgaben in Russland in etwa so bindend, wie wenn man im Sommer zu einem Eis „schmilz nicht“ sagt. Handgepäck? Gerne drei bis vier Teile. Riesenkoffer? Aber hallo! Darf der Kasan also mitfliegen? Die Aeroflotfrau erzählt was von Kilos und Zentimetern, will sich aber nicht festlegen. Dann also ein Versuch mit Sicherheitsnetz.

Als das nächste Mal ein freundlicher Mit-Moskauer auf Stippvisite nach Deutschland fliegt, hat er alles Nötige im Handgepäck. Das Unnötige, also der Kasan und einige Schichten Bläschenfolie und Handtücher, soll in der Reisetasche aufgegeben werden. Für den Fall, dass das nicht klappt, fahre ich morgens um halb sechs mit zum Flughafen und könnte so im Prinzip die Tasche wieder mit nach Hause nehmen. Vorerst aber wird sie russifiziert, sprich: in Plastikfolie eingeschweißt. Das ist für russische Flugreisende absolutes Pflichtprogramm, und wenn es verhindert, dass ein Oktopusbein die Reisetasche durchdringt: um so besser. Wobei, Oktopus? Eingeschweißt sieht das Ding eher wie ein Schwein aus. Ein Schwein mit Henkel.

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Am Check-in-Schalter versuche ich es mit einem verschlafen-apathischen Gesicht. Alles total Routine hier, nur bitte fangen Sie kein Gespräch an, weder mit dem eigentlichen Passagier noch mit mir. Aber warum sollte sie auch. Ein Schwein mit Henkel, ordnungsgemäß eingeschweißt und keine zehn Kilo schwer? Klar fliegt das mit. Kleiner Freudentanz außer Sichtweite und dann ab zurück nach Hause, ins Bett. Zum Frühstück gibt es dann die Nachricht: Das Ding hat den Flug unbeschadet überstanden, alle Beine noch dran am Oktopusschwein. Es steht auch schon im Bruderhaus.

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Ein paar Wochen später hat der Kasan seinen ersten Einsatz. Gulasch für ein Dutzend Leute, gekocht mit russischem Equipment unter rheinischem Himmel. „Und, bist Du zufrieden,“ schreibe ich, kurz darauf kommt die Antwort: „Wenn ich einen zweiten hätte, könnte ich auch die Nudeln zum Gulasch im Kasan machen.“

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Der Mann auf dem Boot

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„Komm mit auf ein Bierchen nach Gelsenkirchen,“ sagt der Russe auf dem Ausflugsboot und strahlt. Schalke-Fan sei er, natürlich, und heute Abend für „die Bundesmannschaft.“ Gucken will er mit einem Kumpel, sie haben sich 24 Bier kalt gestellt – 6 Veltins, 6 Leffe und 12 andere. Damals, bei dem Brasilien-Spiel, hatte er sich ja vorgenommen, für jedes Tor ein Bierchen zu trinken – das war ein harter Abend. Eine Flasche Jägermeister kann er jedenfalls durchaus an einem Abend trinken, nicht, weil er Alkoholiker wäre, bloß ein großer Mann halt.

Beruflich war er oft in Deutschland, das da drüben ist übrigens ein Open-Air-Theater, da treten oft so Death-Metal-Bands auf wie die, in der er damals gespielt hat, als er noch die Haare bis zum Hintern hatte, darum ja auch die ganzen Tattoos. Und wir sind also alle drei aus Deutschland? Super, er hat da zwei gute Freunde, Stefan und Ralf. 

Hier, die Brücke ist interessant, oben Autos, auf der Etage drunter nicht nur Schienen für die Metro – ihr sagt „U-Bahn“ auf Deutsch, oder? – sondern sogar eine Haltestelle, mitten auf der Brücke, welche Stadt hat sowas schon. Die Haltestelle heißt „Sperlingsberge“, kleiner Vogel, genau, ja, sparrow – auf Deutsch also Sperling? Okay. „Adler“ kennt er auch, „Storch“, „Taube.“ 

Er interessiert sich ja sehr für Geschichte, vor allem deutsche, der Kaiser damals, die ganze Epoche, und die Marine – meine Güte, was waren das für Schiffe, Riesenschiffe! Politik hingegen – das da vorne ist übrigens eine Sporthalle, wir nennen sie auch die Schildkröte, ihr seht ja, warum, und dahinter das Stadion machen wir gerade schön für die WM 2018. Wobei, die russische Nationalmannschaft, ach, wie die schon laufen, schau mal, so – er dreht die Fußspitzen nach innen und taumelt übers Deck. Nein, die Russen können halt keinen Fußball spielen, Eishockey, ja, aber keinen Fußball, da sind wir für andere Teams, Deutschland, Italien, aber heute Abend, keine Sorge, das schafft Deutschland schon. 55 Zoll groß ist der Bildschirm zuhause, von Hitachi – schon riesig, ne? 

Politik jedenfalls, das ist nichts für ihn. Was die Merkel da mit den muslimischen Flüchtlingen macht, muss sie selber wissen. Und hier in Russland, ach hör auf. Wobei: Ihr denkt immer, Moskau, ja ja, Wodka, Matrjoschkas, Balalaikas – und dann kommt ihr hierher und das ist eine europäische Stadt! Politik ist Scheiße, warte, auf Deutsch: Katzendreck! 

Das sind übrigens Solarzellen und Antennen da oben auf der Akademie der Wissenschaften, sieht ein bisschen aus wie ein Gehirn, ne? Sagt mal, raucht ihr? Nee? Klug, ich leider schon, nicht viel, so fünf, sechs am Tag. Ich bin mal kurz weg.

Ruhig liegt die Moskwa. Ein leichter Wind zieht übers Wasser. Am Ufer sitzen Menschen auf Bänken, unterhalten sich oder blicken einfach in die Ferne und…

Ja, jedenfalls, das mit der Politik. Hitler war verrückt. Stalin war verrückt. Heute weiß man das. Wobei heute ja wieder mehr Leute Stalin mögen, und was schon stimmt: Also gegen Religion hatte Stalin eigentlich gar nichts, der hat auch keine Kirchen einreißen lassen, das waren alles seine Leute in den Ministerien, Chruschtschow, Molotow.

Heute gibt es in Moskau übrigens 600 Kirchen, auch eine Deutsche, und oh, guckt mal da, das Gesicht an der Hauswand, kennt ihr den? Nein? Ach komm – das ist Hermann Hesse, da steckt so ein Künstler hinter. Ja, wir sagen German Gesse, ist halt so auf Russisch, wir haben ja auch German Gering gesagt, und Adolf Aloisewitsch.

Die Brücke da nennen wir ja auch die Kussbrücke, da war mal so eine Aktion fürs Guinnessbuch – über zweitausend Menschen, die sich küssen. Und das da hinten ist unser Außenministerium, und jetzt sind wir ja auch schon da, Kiewer Bahnhof, einer von zwölf Bahnhöfen in Moskau, Flughäfen haben wir vier. Dann macht’s mal gut, wir sehen uns, auf ein Bierchen in Gelsenkirchen! 

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Das Tass-Archiv auf Instagram


Das sollte einer dieser Arbeitstage werden, wo man so richtig was wegschafft. Ein fleißiger Dienstag, an dem erst mal ordentlich Facebook-Kommentare moderiert werden, dann „On this day“-Kalenderblätter recherchiert und geschrieben, auf Vorrat, mindestens bis Monatsende.

Danach Mails, anschließend mal gucken, welche Kollegen-Accounts bei Twitter zum Verifizieren eingereicht werden sollen. Bisschen Planung für morgen, denn Mittwoch ist Produktionstag bei der Moscow Times, da gibt es immer so ein paar Grafiken, die auch bei Social Media ganz gut…

Nun ja.

Kurz nach den Facebook-Kommentaren und noch vor den Kalenderblättern ist was dazwischen gekommen. Ein Tweet nämlich, in dem ein Moskauer Kollege auf ein TASS-Archivbild hinwies. Mit Hashtag. Dem man ja mal folgen könnte, erst bei Twitter, dann weiter drüben bei Instagram.

Eine Stunde später ist dieser Blogpost fertig – weil solche Bilder bestimmt auch für andere faszinierend sind. Die TASS ist im Staatsbesitz, die Inszenierung von sowjetischer und russischer Wirklichkeit auf ihren Fotos fällt also manchmal eher idyllisch als kritisch aus. Mit diesem Wissen im Hinterkopf ist der Hashtag архив_тасс aber durchaus interessant:

Einer der Moskauer Zuckerbäckerbauten in den Fünfzigern, effektvoll beleuchtet.


Studenten der Lomonossow-Universität als begeistertes Publikum einer Rede von Fidel Castro.


Ein Ausflug ins Neuland der Telekommunikation. Aufgenommen wurde das Bild in einer Fabrik in Riga, und natürlich passt das Haarband perfekt zur präsentierten Produktreihe.


Bären und Schnee – zwei Russlandklischees auf einmal abgehakt!


Mode im Herbst 1975 (Die Haare! Der Eyeliner!). Und täusche ich mich, oder wurde mehr Herbstlaub fotografiert, als das mit den Farbfotos noch neu und aufregend war?

#архив_ТАСС Осень в парке, 1975 год Фото: © Фотохроника ТАСС

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Ein Mann bringt 1979 in einem Überschwemmungsgebiet in Baschkortostan gerettete Hasen in Sicherheit. In Uniform. Natürlich.


Vereiste Wimpern, gefrorene Atemluft am Schal: Eine Vorstellung davon, wie kalt es in der Region Krasnojarsk wird, gibt dieses Bild aus dem Jahr 1988.


In den russischen Krisenzeiten Anfang der Neunziger versucht ein Junge, als Autowäscher am Straßenrand Geld zu verdienen.

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Remote Moscow startet in die zweite Saison

Remote Moscow tour

Und plötzlich steht man auf einer Metro-Rolltreppe, eine Hand am Geländer, eine in der Luft. Man geht langsam auf die Zehenspitzen, und die Leute vor und hinter einem machen mit. Schließlich haben wir alle dieselben Stöpsel im Ohr. Wir sind unterwegs mit „Remote Moscow“.

Das Projekt kommt von Rimini Protokoll und Feodor Elutine, entwickelt haben sie es vergangenes Jahr zusammen mit dem Goetheinstitut: einen Stadtrundgang mit ferngesteuerten Teilnehmern, die per Funk Kommandos ins Ohr bekommen, Denkanstöße und manchmal auch kleine Manipulationsversuche in Sachen Gruppendynamik.

Sehenswürdigkeiten? Egal. Das hier ist Moskau auf der Metaebene. Und ohne groß zu spoilern kann man sagen: Dieser Rundgang macht was mit seinen Teilnehmern. Noch heute komme ich manchmal an Ecken vorbei und denke, ach, da sind wir doch so gerannt, weil… und da mussten wir durch diesen Innenhof, um…

Schon letztes Jahr war „Remote Moscow“ schnell so populär, dass man Tickets zügig buchen musste und immer wieder weitere Termine ergänzt wurden. Aktuell ist das Projekt im Bereich „Innovation“ für eine Goldene Maske nominiert, immerhin Russlands wichtigster Theaterpreis. Und gerade wurde bekannt, dass es eine zweite Saison „Remote Moscow“ geben wird. Am 14. Mai ist der erste Termin, auf Englisch gibt es die Tour erstmals wieder in der Woche darauf, am 21.

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Moskau von oben – Videos zum Schwelgen

Moskau ist usselig in diesen Tagen. Das Wasser steht auf den Straßen der Stadt, und weiß ist der restliche Schneematsch nur da, wo er nicht grau, schwarz oder braun ist. Gummistiefel müssen wettmachen, was die Kanalisation nicht auf die Reihe kriegt.

Da hilft nur: drüberstehen, oder noch besser: drüber fliegen. Denn der Blick von oben versöhnt, auch wenn er nur Winter zeigt, wieder mit der Stadt und macht das Ach zum Hach.

Von Frankfurt nach Domodjedowo

Kurz vor dem Start in Frankfurt am Main hat Marc Schneider, Flugbegleiter bei der Lufthansa, seine GoPro im Cockpit angebracht und mit ihr den kompletten Flug nach Moskau mitgeschnitten. Durch die Regenwolken hindurch in den Sonnenschein, dann wieder runter – mit einem Blick übers schneebedeckte Moskauer Umland und ein paar Flugkurven, bei denen man sich fast am Stuhl festhalten möchte.

Was im echten Leben rund drei Stunden braucht, dauert im Zeitraffer nur gut drei Minuten. Und dank GPS-Tracking wird gleichzeitig eingeblendet, wo sich das Flugzeug gerade aufhält.

Kletterpartie in Moscow City

„Evolution“ heißt der Turm von Moskau City, der sich wie die DNA-Doppelhelix nach oben schraubt. Roofman, Klettermaxe und selbsternannter Superheld, findet durch Katakomben, an Rohren vorbei und über ziemlich viele Treppenstufen nach oben.

Dabei werden zwecks besserer Selbstinszenierung ein paar Türen eingetreten, ab und an imaginären Verfolgern der Finger gezeigt – und dann ist er endlich oben. Mit einem unglaublichen Blick über die Stadt und Kameraschwenks, die auch als Schnelltest auf Höhenangst funktionieren.

Moskau als Winteridylle

Die Uni oben auf den Sperlingsbergen sieht aus wie Hogwarts, ein Ausflugsschiff fährt durch die eisfreie Mitte der Moskwa, die Kremlmauer leuchtet rot durch den noch weißen Schnee.

Sieben Minuten Rundflug, erst im schmeichelhaften Rosa eines sonnigen Wintermorgens, später dann bei Nacht. Und dazu die Sorte Pathos-Musik, die einen einmal tief durchatmen lässt. Moskau von seiner Eiskonfektseite.

Drohnenangriff auf der Twerskaja

Bei den Videos von Copter Mobi ist die Kamera stets so montiert, dass man Teile der Drohne sieht. Dass dieser Clip anders ist, merkt man allerdings schon in den ersten Sekunden: Man sieht nicht nur die Drohne, sondern auch fünf, sechs braune Eier, die auf ihr liegen und manchmal ein wenig wackeln.

Die Drohne schwebt über die Twerskaja, dreht sich am McDonald’s, fliegt dann weiter die Straße entlang Richtung Kreml. Ein paar Ehrenrunden vorm Ritz-Carlton (von 1:15 kann man nach 3:15 springen, ohne groß was zu verpassen), dann sucht sich die Drohne in der Warteschlange an einer roten Ampel ihr Opfer.  Und ein Moskauer Autofahrer fragt sich, warum er plötzlich Eigelb und Eiweiß auf der Windschutzscheibe hat.

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Woran die Stadt Moskau alles Anteile hat

Open Data Stadt Moskau

Offenheit ist jetzt nicht das erste, was einem zu russischen Behörden und Institutionen einfällt. Dass die Stadt Moskau ein eigenes Portal für Open Data hat, war also zumindest für mich neu und überraschend.

Einige der Daten erfüllen mit Mühe das Kriterium „leidlich nützlich“, wie etwa diese Adressliste aller Moskauer Archiveoder eine Auflistung aller Busbahnhöfe auf dem Stadtgebiet (Spoiler: es sind acht). Eine Übersicht der Ausstellungen mit Eisfiguren, der mobilen Toilettenhäuschen – kann sein, dass das alles gelegentlich mal wem weiterhilft. Ist als Datensatz aber eher unspektakulär.

Sehr viel ergiebiger ist da doch die Liste der Unternehmen, an denen die Stadt Moskau Anteile hält. 155 sind das immerhin, und während sich manche sofort erschließen (Planetarium, Wasserwerk, Handelskammer, Ringbahn, Straßenbeleuchtung), sind andere durchaus bemerkenswert. Ein paar Highlights:

    – die Öffentliche Aktiengesellschaft für Informationstechnologie, Telekommunikation und Informationsmanagement im Bauwesen, an der vor allem ihr Akronym bemerkenswert ist: „INTUS“
    – die Öffentliche Aktiengesellschaft „Холодильник N 11″, was auf Deutsch nichts anderes heißt als „Kühlschrank Nummer 11“
    – wo wir schon so schön durchzählen: die Öffentliche Aktiengesellschaft „Wäscherei-Fabrik Nr. 55“
    „Amo Plant“, eine Autofabrik in der lettischen Stadt Jelgava, 2004 erbaut, zehn Jahre später insolvent, steht zum Verkauf
    – die Öffentliche Aktiengesellschaft „Selenograder Quelle“, die Trinkwasser verkauft (und deren Produkte ich hier noch kein einziges Mal im Laden gesehen habe)
    – ein Steinbruch in Pitkjaranta, nahe der finnischen Grenze. Produktpalette: Granit, Schotter und Sand

Es wäre eine allzu billige Überleitung, an dieser Stelle darauf hinzuweisen, dass die Stadt Moskau ohnehin genug Schotter hat, Steinbruch oder nicht. Eine Metropole, die an 155 Unternehmen beteiligt ist, vor der aktuellen Krise fast ein Viertel des russischen Bruttoinlandsprodukts erwirtschaftet hat und heute immer noch ein knappes Fünftel beiträgt.

Wenn man sich aber einmal erholen will von all dem Stress, der mit Geld in solchen Dimensionen einhergeht, was tut man dann? Natürlich, man gönnt sich ein paar Wochen im Sanatorium. Schön am Schwarzen Meer, in modernen Gebäuden, mit Sportkomplex direkt dran. Das Ressort „Kamtschija“ in Bulgarien bietet sich an, mit seinem Strand und Bootsfahrten auf dem Fluss als Unterhaltungsprogramm. Eigentümer auch hier, 1500 Kilometer von der russischen Hauptstadt entfernt: die Stadt Moskau.

SOK Kamchia Bulgarien Moskau

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Winter in Moskau: Warum läufst Du denn so komisch?

Moskau Winter Schnee Füße

  • Weil Schneematsch auf dem Boden ist.
  • Weil Eis auf dem Boden ist.
  • Weil unter dem Schneematsch Eis auf dem Boden ist.
  • Weil die Stiefel neu sind und die Blase an der Ferse auch.
  • Weil der Akku vom iPhone platt ist und ich es in die Tasche der eher engen Hose gesteckt habe zum Aufwärmen.
  • Weil die Ex-Frau des Moskauer Bürgermeisters eine Pflasterstein-Firma hat. In letzter Zeit werden immer mehr Bürgersteige gepflastert statt geteert, und das Eis setzt sich schön in die Fugen.
  • Weil ich Angst habe, auszurutschen.
  • Weil ich gerade fast ausgerutscht wäre.
  • Weil ich gestern ausgerutscht bin und nun ein stattliches Hämatom an der Hüfte habe.
  • Weil sich der Wollsocken im linken Schuh eigenmächtig um den Fuß gedreht hat.
  • Weil das iPhone immer noch nicht wieder angeht und ich als zusätzliche Wärmequelle jetzt noch die Hand in die enge Hosentasche gesteckt habe.
  • Weil ich heute mal das Schlurfen als Strategie gegens Ausrutschen teste.
  • Weil ich 45 Minuten im Schnee vor einer Kirche angestanden habe und jetzt meine Zehen nicht mehr fühle.
  • Weil es bergauf geht.
  • Weil es bergab geht.
  • Weil ich Abstand halte zu den Autos, die dreckiges Schmelzwasser hochspritzen lassen.
  • Weil das Geländer an dieser vereisten Treppe auf Kniehöhe angebracht ist.
  • Weil ich heute dummerweise eine Hose ohne Taschen angezogen habe und das iPhone jetzt in der Achselhöhle aufwärme.
  • Weil ich endlich wieder drinnen in einem Gebäude bin – aber der Boden ist frisch gewischt, und natürlich muss man Plastikhüllen über den Schuhen tragen.

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Die neue Moschee in Moskau – ein Rundgang auf Socken

Sicherheitsschleuse, Tasche durchleuchten lassen, quer über den Hof zum Fraueneingang der Moskauer Moschee. Schuhe ausziehen und ins Regal, Kopftuch aus der Handtasche kramen – als Frau in Moskau ist das ein vertrauter Griff.

Kann schließlich immer sein, dass man an einer orthodoxen Kirche vorbei kommt und sie gerne besichtigen würde. Wer dann ein eigenes Tuch dabei hat, muss sich nicht auf eines der Leihexemplare einlassen, die am Eingang verteilt (und anschließend an die nächste unbetuchte Besucherin weitergereicht) werden.

Heute also mal keine Kirche, sondern die riesige neue Kathedralmoschee. Keine fünf Monate ist die Eröffnung her, trotzdem war es eine andere Welt, in der wir damals lebten: Putin und Erdogan im Schulterschluss beim gemeinsamen Rundgang – so viel Eintracht zwischen den beiden ist heute schwer vorstellbar.

Ein Blick durch den Innenraum der Moschee

 

Sulfija Ismailowa, die uns herumführt, erzählt von den unterschiedlichen Nationalitäten, die am Bau der Moschee beteiligt waren. Ja, die prächtige Kuppel mit ihren Blautönen haben türkische Künstler ausgemalt: Koranverse in goldener Schrift, weiter unten eine Auswahl der Namen Allahs, „leider nur 40, für alle hat der Platz nicht gereicht.“

Die alte Moschee war längst zu klein geworden, zur neuen hat Sulfija allerlei Zahlen mitgebracht. 1500 Kilo schwer der Kronleuchter, 79 Meter hoch das Minarett, 57 Meter die Kuppel, oben drauf 12 Kilo Blattgold, innen drin Platz für 10.000 Gläubige und daher, mit denen in Rom und London, eine der größten Moscheen Europas. In den Teppich unter unseren Sockenfüßen ist ein Muster eingewebt, das für ordentliche Reihen an Betenden sorgt, alle mit demselben Abstand.

Noch interessanter als die Zahlen zum Bau und dem Auffrischungskurs zum Thema Islam (die fünf Säulen sind hier im Gebäude tatsächliche Säulen, neben jeder steht eine kleine Vitrine, etwa mit einem hellen und einem dunklen Faden für den Ramadan) ist aber, was Sulfija nebenbei erwähnt.

Dass „Allah“ schlicht „Gott“ bedeutet und nicht auf den Islam begrenzt ist – Schulwissen, klar. Aber dass arabische Christen „Allah“ sagen und damit die Dreifaltigkeit meinen, ist schon sehr viel anschaulicher. Als Sulfija die Regel erwähnt, dass man anderen Menschen nur das wünschen soll, was man sich selber wünscht, stehe ich plötzlich in Gedanken wieder an Kants Grab in Kaliningrad.

Zum Schluss gibt es nicht nur ein Wiedererkennen, sondern auch noch ein kleines Russisch-Erfolgserlebnis: „Wir dürfen nicht behaupten, dass unsere Religion besser ist als andere“, erklärt Sulfija, „Nur Gott ist der Richter.“ Den Nachsatz verstehe ich, ehe er aus dem Russischen ins Deutsche übersetzt wird. Schließlich haben wir ihn vergangenes Jahr im Chor gesungen – als Teil eines Rachmaninow-Stücks mit russisch-orthodox geprägtem Text.

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