Russball, Folge 54: Die WM hat ihr erstes Wunder

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Heute gilt’s, Deutschland spielt gegen Südkorea – wenn ihr das hier lest, mache ich wahrscheinlich in einem kleinen AirBnB in Kasan gerade die erste Tasse Tee des Morgens. Trotzdem müssen wir noch mal über das Schwedenspiel reden. Da stehen wir also auf dem Fan Fest oben an der Lomonossow-Uni mit Freunden, ein paar im Trikot, zwei haben eine große Fahne mitgebracht. Ich fühle mich 30 Prozent schuldig wegen des Lärms, den wir den Studenten zumuten, 30 Prozent nervös, 40 Prozent froh, an einem der schönsten Orte der Stadt zu sein und 20 Prozent dankbar, dass es so eine laue Sommerabendstimmung ist. Ja, das sind 120 Prozent. Ist halt ein besonderer Abend.

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Besonders, weil wir schon vor dem Anpfiff alle paar Minuten von russischen Fans angesprochen werden, die dringend ein gemeinsames Foto wollen, mit uns und mit der Fahne. Einer von ihnen hat ein Kreuz so breit wie ein Fußballtor und Hände so groß wie der Kopf von Manuel Neuer – jedenfalls kommt mir das so vor, denn ich sitze auf dem Boden und er steht. Deutschland, sagt er, klasse, sagt er, er kann auch ein Wort Deutsch, warte: Coburg! Coooburg, da ist er mal gewesen, jetzt bitte lächeln. Seinem Kumpel fällt es bereits deutlich leichter, die Kamera zu fokussieren als den eigenen Blick. Aber dass Deutschland das Ding hier natürlich gewinnt, das wollen sie uns noch mit auf den Weg geben. So geht das alle paar Minuten. Fahne, Lächeln, Foto, Deutschland schafft das! Und wir so: Noch ein Foto, na gut, hoffentlich habt ihr Recht, toitoitoi gegen Uruguay.

Bis zum Anpfiff ist unser Grüppchen gewachsen. Michail stößt dazu, den ich mal bei einer Reportage kennengelernt und nun zufällig hier getroffen habe – damals war er noch „Herr Antonov“, aber wenn man nebeneinandersteht und nebeneinanderleidet, wer siezt sich da? Dann setzt, nach einigen Spielminuten, diese russische Frauenstimme hinter uns ein: „Links! Spiel nach links! Los jetzt! Schießen, du musst schießen.“ Die Frau zur Stimme heißt Natalia, als das Spiel wegen Nasenbeinbruch unterbrochen ist, diskutiert sie hitzig mit Michail, wer der beste deutsche Fußballer aller Zeiten ist. Schweinsteiger, sagt sie. Müller, also Gerd, hält er dagegen.

Die letzten Spielmomente muss ich hier nicht beschreiben. Schon aber, dass es danach komplett unmöglich wird, auch nur ein paar Schritte Richtung Ausgang zu gehen. Alle paar Meter Schulterklopfen, Fotobitten, besonders charmant von zwei Frauen: Nein, danke, nicht ihr mit aufs Bild – nur die Fahne. Irgendwann wird sie eingepackt, damit wir überhaupt vorankommen. Im Shuttlebus heimwärts ist der deutsche Sieg plötzlich komplett egal, denn es sind Mexikaner anwesend, große Begeisterung.

Kurze mexikanische Musikeinlage, dann übernehmen die Russen, singen die Nationalhymne, „Katjuscha“ und ein Lied, dass ich irgendwann mal hier im Chor gelernt habe, wo jemand auf dem Pferd durch die Nacht reitet und Russland liebt. Auf den letzten paar Metern heimwärts dann noch dieser eine Mann, der uns sieht, die Faust hebt, und „Krooos!“ ruft – das kann sich alles gerne heute Abend in Kasan noch mal so anfühlen.

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⚽ Der ein oder andere, der sich auch abseits der WM für Russland interessiert, hat vielleicht schon mal gehört, dass das hier ein Land ist, in dem gelegentlich Wunder geschehen – vor allem in Sachen Infrastruktur. Eine Müllkippe behelligt seit Jahrzehnten die Menschen im Umland mit Gestank und Sorgen um Schlimmeres – ein Anruf bei Putins Telefon-Fragestunde, und das Ding wird dichtgemacht. Die Schneehaufen vor deiner Tür werden einfach nicht geräumt? Schreib „Nawalny“ drauf, und weg sind sie!

Auch die WM hat nun ein solches Wunder, es geschah in der Gastgeberstadt Nischni Nowgorod. Russlands Straßen sind, jedenfalls abseits von Metropolen wie Moskau oder St. Petersburg, berüchtigt für ihren schlechten Zustand. Schlaglöcher führen hier regelmäßig zu Protestaktionen. In Nischni hatte sich nun ein Prachtexemplar aufgetan, so groß, dass angereiste Fußbalfans darin (!) für Fotos posierten. Es kam, was nach so viel öffentlicher Aufmerksamkeit kommen musste, berichtet Lentatsch: Ein Tag später, und das Ding war aufgefüllt. Ein Loch weniger in Nischni. Ein Wunder!

⚽ Der Beweis, dass die Kategorie „Arschloch“ keiner einzelnen Nationalität vorbehalten ist, haben in den ersten WM-Tagen sowohl Briten als auch Russen angetreten. Fans beider Staatsangehörigkeiten wurden dabei beobachtet, wie sie in Wolgograd Nazi-Lieder sangen und den Hitlergruß zeigten. Immerhin: Die Briten hat man nach der Heimreise erwischt, zwei von ihnen dürfen für drei bzw. fünf Jahre kein Spiele der englischen Nationalmannschaft mehr besuchen, bei zwei weiteren steht die Entscheidung noch aus.

⚽ Es ist nicht das erste Mal bei dieser WM, dass mir eine Grafik von Reuters begegnet, die irgendwie schick aussieht, bei der ich aber auf Anhieb nicht so richtig verstehe, wozu sie gut ist. Auch diese fußballförmige Visualisierung hier ist ziemlich komplex, man muss sich durch einiges an Erklärungen scrollen, um zu begreifen, wie sie funktioniert.

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Dann allerdings ist sie ziemlich spannend, hat einen hohen Spielwert und beantwortet viele Fragen: Bei welchen Vereinen spielen die WM-Fußballer, sortiert nach Kontinent? Wer aus dem Schalker Kader ist der Nationalspieler mit den meisten Länderspielen, und für welches Land spielt er? In welchen Ländern der Welt sind Spieler aus Südkorea als Legionäre im Einsatz? Kann man sich gut bookmarken für demnächst, wenn das mit den spielfreien Tagen losgeht.

⚽ Was merkt man von der Fußball-Weltmeisterschaft, wenn man in keiner der Gastgeberstädte ist, sondern tief in der russischen Provinz? Jana George lebt seit einem guten Jahr in Stawropol, 1500 Autokilometer südlich von Moskau im Nordkauksus. Sie unterrichtet dort Deutsch und bloggt außerdem über den Alltag, wie ihn ihre deutsch-russische Familie dort erlebt.

An ihrem aktuellen Blogpost „Fußball in Stavropol? Es geht um die Wurst!“ fand ich vor allem interessant, wie teuer es ist, wenn man seine Kinder zum Fußballtraining anmelden will, und warum das so ist. Da blickt man auf die Nachwuchsprobleme, die der russische Fußball hat, noch mal mit ganz anderen Augen. Lesenwert, diese Notiz aus der Provinz – auch wegen der Rätselfrage am Schluss.

⚽  Wie gut klappt das hier in Russland derzeit mit der Verständigung, also: sprachlich gesehen? Was man so hört, ist es weniger ein Fall von „All die Englisch-Fortbildungen für Bahnschaffner und Metro-Kassiererinnen haben sich echt ausgezahlt“ und eher ein Fall von „Naja, nach zehn Minuten kam zufällig jemand vorbei, der Englisch sprach, der hat dann geholfen.“ Einmal war dieser Jemand offenbar Jewgeni Feldman, ein bekannter russischer Fotograf.

Er berichtet von einer Bahnfahrt zwischen den WM-Gastgeberstädten Nischni Nowgorod und Saransk: „Der Zug war voller Ausländer. Die Schaffnerin sprach kein Englisch. Schließlich habe ich die Bettwäsche verteilt, erklärt, dass man sie hinterher zurückgeben muss, und die Leute auf den elektronischen Passagierlisten abgehakt.” Merke: Nicht jeder freiwillige Helfer hat eine offizielle Volunteer-Uniform an.

⚽ Im Moment sind ja ziemlich viele Isländer in Russland, mindestens einer von ihnen wird nach der WM dauerhaft hier bleiben: Hörður Björgvin Magnússon spielt in der kommenden Saison bei ZSKA Moskau, für zweieinhalb Millionen Euro trennt sich Bristol City von ihm. Falls der Name dem ein oder anderen bekannt vorkommt: Ja, das ist der Mann, der beim Spiel gegen Argentinien dafür zuständig war, Lionel Messi zu stoppen.

⚽ Mir ist ein Lied begegnet für die Leute, die mit Fußball überhaupt nichts anfangen können. Es ist schon ein paar Jahre alt (man merkt’s vor allem an der Frisur der Sängerin), aber gut, die großen Gefühle sind ja zeitlos. Und so singt sie denn, Irina Otijewa: „Ich hasse Fußball, ich kann das nicht gucken, ich kann da nicht mitfiebern. Er ist schon wieder mit blauen Flecken heimgekomen und mit einer zerrissenen Hose. Ich hasse Fußball, entschuldige, aber was ist das für ein Spiel? Man braucht wenig Verstand, um Leuten die Beine zu brechen.“

⚽ Was man hier im Stadion bei den WM-Spielen so zu essen bekommt, ist beliebig und langweilig: Popcorn, Hot Dogs, labbrige Baguettes in den Varianten „Schinken-Käse“ und „irgendwas Gemüseartiges“, Erdnüsse. Aber immerhin, eine authentisch russische, besondere Kleinigkeit hat es aufs Menü geschafft: Lebkuchen aus Tula. Die Stadt ist für zwei Dinge bekannt, Lebkuchen und Samoware, aber wer will im Stadion schon Tee trinken. Also sind es die Lebkuchen geworden, mit süßer Füllung, und was soll ich sagen: Die Fans scheinen da ziemlich drauf abzugehen.

⚽ Das Gefühl, wenn du etwas versuchst, in Worte zu fassen, und dann kommt jemand anderes und bringt es besser auf den Punkt – das hat mir unlängst Alice Bota beschert. Sie ist für die ZEIT hier in Moskau, und wir haben beide zu beschreiben versucht, wie sich unsere Stadt in diesen Tagen anfühlt – vor allem, wenn man bedenkt, dass hier gerade angereiste Fans Freiheiten haben, von denen dauerhaft hier lebende Russen nur träumen können.

Und nein, das wird hier jetzt kein fishing for compliments, ich bin mit meiner Variante, „Die Freiheit der anderen“ zufrieden. Aber den Text von Alice, „Russen, was ist los mit euch?“, finde ich sprachlich einfach wunderbar, zum Beispiel diese Einschätzung hier: „Dieser freundliche kleine Ausnahmezustand wird womöglich ein paar Fragen aufwerfen.“

⚽  Was übrigens auch am Rande zu diesem Thema gehört: Wie viel höflicher, freundlicher, professioneller die Leute in allerlei Dienstleistungsjobs derzeit hier in Russland sind. Das merkt man, auch am Flughafen:

⚽ Eigentlich versucht die russische Regierung ja gerade, während alle mit der Weltmeisterschaft beschäftigt sind, eine Erhöhung des Rentenalters durchzudrücken. In der Hoffnung, dass es weniger Widerstand gibt, weil alle Fußball gucken und sich für Politik in diesen Wochen nicht interessieren. Allein, der Trick scheint nicht zu funktionieren. Eine aktuelle Umfrage zeigt: 26 Prozent der Befragten sehen zwar die WM als wichtigstes Ereignis der vergangenen Woche, aber 25 Prozent die Rentenpläne, das Thema wird also durchaus wahrgenommen.

Gleichzeitig rutschen die Zustimmungswerte für Präsident Putin in allen abgefragten Kategorien deutlich nach unten. So sagen aktuell nur noch 67 Prozent, dass sie ihm vertrauen und 69 Prozent sind mit seinem Handeln zufrieden. Beide Werte lagen in der Vorwoche noch bei 75 Prozent. Parallel laufen Vorbereitungen für Demos gegen die neue Rentengesetzgebung in mindestens sieben russischen Städten.

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Was noch fehlt: Ein Text aus der Irish Times, der mir in den vergangenen Tagen öfter begegnet ist, immer mit Kommentaren in dieselbe Richtung: Wann, wann, wann stirbt endlich dieser Irrglaube unter englischsprachigen Journalisten aus, dass „Vlad“ die Kurzform von „Vladimir“ ist? Vlad ist ein eigener Name, noch dazu rumänisch, nicht russisch. Wer Wladimir abkürzen möchte, sagt „Wowa“.

Wenn die Times also „Thanks Vlad for a World Cup full of contradictions“ und damit Putin meint, ist das, als wolle man Angela Merkel danken und schreibe deshalb „Danke, Anke“. Trotzdem soll der Text hier verlinkt sein. Weil er unterm Strich mehr interessante Beobachtungen und Einordnungen liefert als die Überschrift nervt.

Mehr dann nächste Woche – bis dann, macht’s gut, und viel Spaß beim Gucken des Kasan-Spiels heute Abend!



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Russball, Folge 53: Das ist nicht mehr das Moskau, das ich kenne

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Taxifahrer, die aussteigen und einem die Tür aufhalten. Laut singende Menschen, die abends durch unsere Straße ziehen. Polizisten, die Dinge durchwinken, die hier sonst sofort abgebrochen oder mit Festnahmen enden würden: Transparente ausrollen, auf Denkmäler klettern, sowas. Für diejenigen, die von außen angereist sind, mag das gar nicht so besonders sein: Eine Stadt, in der eine Fußball-WM stattfindet, natürlich sind die Menschen da ausgelassen, die Polizei versucht’s erst mal mit Deeskalation, die Einheimischen zeigen sich von ihrer besten Seite.

Für die von uns, die hier dauerhaft leben, ist der Unterschied sehr viel deutlicher. Der Moskauer an sich, er ist halt oft eher so eine Art Berliner: Kurz angebunden bis unwirsch, vor allem, wenn man was fragen will. Die Polizei zeigt sich normalerweise (Ausnahmen bestätigen die Regel) eher demonstrativ präsent als zurückhaltend. Derselbe Gesichtsausdruck, der für uns in Deutschland ernst und abweisend wirkt, gilt hier als normal.

Was das mit den Moskauern macht, ist sehr hübsch in einem Artikel der Nowaja Gasjeta beschrieben, deren Reporter sich im Zentrum der Stadt unter die feiernden ausländischen Fans gemischt hat: „Menschen, die in Shorts, Jeans, kurzen Röcken ihre Beine hochwarfen. Kolumbianer. Der Karneval hatte gerade erst begonnen, und die Moskauer Großmutter, die die Kolumbianer nun so betrachtete, wie Großmütter sonst Hare Krischnas mit Trommeln betrachten, konnte noch ungestört ihre Lieblingsstraße entlang gehen.“

Und ich bin irgendwo zwischen grummeliger Empörung (Na toll, für die vier Wochen versteht ihr also plötzlich Englisch, helft Leuten, die nach dem Weg fragen und rempelt nicht alle zur Seite, die im Bus eine halbe Sekunde zu spät die Tür frei machen) und Rührung. Diese Rentner, die sich da in der Innenstadt um einen Akkordeonspieler gesammelt haben und nun singen und vorbeiströmende Fans zum Mittanzen animieren – so wunderbar ist Moskau, wenn es sich mal richtig ins Zeug legt.

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⚽ Der WM-Effekt ist nicht auf Moskau beschränkt. „Solche Gefühle hat Samara noch nicht erlebt“, heißt es in einem Artikel der Komsomolskaja Prawda. Was war passiert? Vor dem Spiel Costa Rica – Serbien war eine große Gruppe Costa-Ricaner vor das Mannschaftshotel gezogen und hatte dort ihr Team so lange besungen, bis sich die Spieler zeigten und bedankten. Das Video allein macht schon gute Laune:

Der größte Spaß ist aber, zu lesen, wie der Journalist vor Ort diese ungewohnte, importierte Lebensfreude beschreibt: „Es war ein monumentaler, unvorstellbarer Anblick: Stellen Sie sich bloß vor, dass mitten in den Straßen von Samara (…) eine Menschenmenge aus heißblütigen Lateinamerikanern tobt, die Polizei gelassen daneben steht und darauf achtet, dass diese Leidenschaft nicht ausufert, die Busse ruhig auf die Nebenspur wechseln und Passanten sofort nach der Kamera oder dem Telefon greifen.“ Die Verwunderung, was in Russland plötzlich möglich ist, kann man gut heraushören.

⚽ Das ging schnell: Gestern habe ich darüber gebloggt, dass Leonid Sluzki in seiner Rolle als WM-Experte bei Russlands wichtigstem Staatsfernsehsender beiläufig Alexej Nawalny erwähnt hat. Das ist dort, na sagen wir mal: unüblich. Sehr unüblich. Massiv unüblich. Einige Stunden lang wurde Sluzki im Netz als Held gefeiert, man fragte sich bereits, welche heiklen politischen Themen er als nächstes ansprechen würde.

Dann, spät am gestrigen Abend, kam die Meldung: Sluzki wird keine weiteren Spiele mehr im Fernsehen kommentieren. Der Status Quo in seiner ganzen deprimierenden Reichweite ist damit wiederhergestellt. Lektion für alle: Wer ihn verletzt, fliegt raus.

⚽ Rund 33.000 Leute passen ins Stadion in Jekaterinburg, nur 27.000 waren am Freitag da, als Ägypten gegen Uruguay spielte. Sowas fällt auf, vor allem, wenn man Sitze in Knatschorange hat. Warum bleiben da so viele Plätze frei, die Frage beschäftigt viele Russen. Auch der Regionalgouverneur, Jewgeni Kuiwaschew, konnte sich in einem Instagram-Post den Ärger nicht ganz verkneifen: „Es hat mich ein wenig gekränkt, die leeren Plätze zu sehen, aber mir fehlen dazu die Befugnis und die nötigen Informationen: Für Tickets sind unsere Partner bei der FIFA zuständig.“

Игра закончилась победой Уругвая над Египтом, счет 1-0. Первый матч ЧМ в Екатеринбурге прошел без происшествий, все службы отработали хорошо. Впереди еще три игры. Стадион «Екатеринбург Арена» зарекомендовал себя прекрасно. В комментариях пишут про пустые места на центральной трибуне. Да, к сожалению, оставались свободные места. Согласно данным FIFA, на игру пришли 27015 человек, хотя были распространены более 30 тысяч билетов — на все свободные места. Мне было немного обидно видеть пустые места, но я тут не обладаю полномочиями и необходимой информацией: билетами занимаются наши партнеры из FIFA. В любом случае, заполняемость стадиона составила более 80%, боковые и верхние трибуны были заполнены почти под завязку. Болельщики получили огромное удовольствие от игры. Надо учитывать и то, что все-таки внимание к командам Уругвая и Египта не такое большое, как к некоторым другим сборным. В будущем нас ждут игры Мексики, Швеции, Франции. Думаю, людей на стадионе будет достаточно.

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Eine Erklärung ist, dass auf den leeren Plätzen VIP-Gäste sitzen sollten, denen es dort dann zu kalt war. So klingt es auch bei der FIFA, die nur etwas schwammig von Gruppenbuchungen spricht, bei denen die Gruppenmitglieder nicht erschienen seien. Die Vermutung liegt nahe, dass da nicht von Fan-Reisegruppen die Rede ist, sondern von Sportfunktionären oder Jekaterinburger Offiziellen.

Ein Fan hat unterdessen ganz andere Probleme: Er kam zu dem Spiel in Jekaterinburg und musste dort feststellen, dass es seinen Sitzplatz nicht gab. Die Nummer, die auf seinem Ticket stand, gab es im Stadion (das ja für die WM umgebaut wurde) nicht.

⚽ Mein Bauchgefühl sagt mir, dass ihr über das Deutschland-Mexiko-Spiel in den vergangenen Tagen schon genug gesehen und gehört habt. Da spare ich mir also sowohl Gejammer als auch Analyse, sondern verlinke einfach eine kleine russische Presseschau vom Morgen danach.

⚽ Dieses Spiel da in Wolgograd, England gegen Tunesien, muss ja ein ziemliches Mückenfestival gewesen sein – hier eine kleine Fotosammlung zu dem Thema. Sportschau-Frau Julia Scharf entschied sich für den einzig passenden Hut und bekam dafür sogar die Aufmerksamkeit russischer Buchmacher:

„Ausländische Journalisten diskutieren während des Spiels zwischen Tunesien und England in sozialen Netzwerken die leeren Plätze und die Grashüpfer im Stadion„, heißt es da. „Das deutsche Fernsehen macht seine Übertragung generell in Masken.“ Stimmt so nicht, aber das Foto ist in der Welt und dreht seine Runden im Netz. Ach so, und eine Torte in Stadionform gab es auch.

⚽ Schön, wofür sich der russische Geheimdienst alles zuständig fühlt: Die kroatische Nationalmannschaft, die ihr Quartier irgendwo in der Nähe von St. Petersburg hat, wollte Fahrräder für ihren Kader haben, 30 Stück. Abgenickt werden musste das nach dem Bericht einer regionalen Nachrichtenseite allerdings von den zuständigen Sicherheitsleuten, und deren Chef ist vom FSB. So fiel die pragmatische Entscheidung: 30 Kroaten auf Fahrrädern, wie sollen wir die denn alle im Auge behalten? Komm, wir geben ihnen zwei Fahrräder, das muss reichen.

Besonders zauberhaft ist der Witz, der dem Bericht zufolge rund um das Mannschaftsquartier kursiert: Wenn auch nur einem der kroatischen Nationalspieler etwas passiere, heißt es da, könnten sich die Sicherheitskräfte, die für sie zuständig sind, schon mal darauf einstellen, demnächst nur noch Schachturniere in Sibirien zu bewachen. Und wenn die fahrradlosen Kroaten demnächst wegen akutem Lagerkoller aus dem Turnier ausscheiden, können sie immerhin sagen: Der FSB ist schuld!

⚽  Es gibt viele Dinge, die man am DFB kritisieren kann. Die überzogenen Versprechungen zum Moskauer Fan-Camp zum Beispiel, oder das Rumlavieren beim Thema Menschenrechte in Russland. Der Fairness halber soll aber hier auch erwähnt sein, dass sich die offizielle Delegation vorgenommen hat, sich hier auch mit Menschen und Organisationen zu treffen die sich für Freiheitsrechte einsetzen. Eines dieser Treffen war mit Memorial, wer mehr über diese NGO erfahren will, kann das hier.

⚽ So sieht es aus, wenn Fußballfans nach dem WM-Eröffnungsspiel in Moskau die Nacht zum Tag machen: Das Strelka-Institut zeigt, wann und wo Menschen in einer normalen Nacht in Moskau etwas kaufen (grün) und wann sie in der Nacht nach dem Eröffnungsspiel etwas gekauft haben (pink). In einer durchschnittlichen Juni-Nacht gibt es zwischen Mitternacht und 9 Uhr morgens kaum irgendwelche Einkäufe, heißt es im Artikel zu der Grafik.

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In der WM-Nacht hingegen kann man sehen, wie die ganze Nacht hindurch Transaktionen stattfinden, vor allem von Fans, die Essen und Getränke kaufen. Man sieht, gerade nach Miternacht, ganz deutlich, wo Moskaus Kneipenstraßen liegen. Die Summe, die in dieser Nacht für Getränke ausgegeben wurde, lag doppelt so hoch wie sonst. Und wo wir schon bei Fans sind und der Frage, wofür sie Geld ausgeben: Seit Beginn der WM sinken die Mietpreise in Moskau – vermutlich, weil sie vor dem Turnier so obszön hoch waren.

⚽ Zum Schluss noch ein Wort zu Russlands 3:1 gestern Abend, das aller Wahrscheinlichkeit nach ja den Einzug ins Achtelfinale bedeutet. Das Spiel war gar nicht so doll, aber hinterher noch ein bisschen ins Stadtzentrum zu fahren, dort die hupenden Autos und feiernden Leute zu sehen – das hat schon großen Spaß gemacht.

Für die russischen Fans ist der Erfolg um so schöner, als er so unerwartet kommt. Am besten merkt man das vielleicht an einem Artikel von Championat.ru, dessen Überschrift schlicht lautet: „АААААААААаааааааа!!!1“ Darum zum Schluss noch ein Actionfoto, bei dem ihr mir einfach mal glauben müsst, dass es ein beflaggtes Auto zeigt, das in der Dunkelheit über den Neuen Arbat fährt.

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So, morgen gehe ich mir dann übrigens auch endlich mein erstes WM-Spiel live ansehen, Portugal gegen Marokko, hier bei uns im Luschniki-Stadion. Dank Reuters weiß ich, dass wohl auch ein ausgesuchter Möpp mit im Stadion sein wird: Sepp Blatter, früherer FIFA-Chef. Der ist zwar eigentlich für alle fußballerischen Aktivitäten gesperrt, aber was heißt das schon. Es ist WM in Russland, und wenn der Präsident dem Blattersepp einen Stadionbesuch ermöglichen will, dann macht er das auch.

Bis nächste Woche, macht’s gut!



 

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Was für ein Moskau erwartet die WM-Besucher diesen Sommer?

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Kann eine Stadt zu sauber sein? Seit ein paar Tagen denke ich herum auf einem Kommentar, den Ilja Klischin, Digitaldirektor des Fernsehsenders RTVi, für die Zeitung Wedomosti geschrieben hat. Er kritisiert, vor der Weltmeisterschaft werde Moskau so sehr gesäubert und auf Hochglanz poliert, dass in der Stadt inzwischen „leblose Sterilität“ herrsche: „Kein Müll liegt herum, die Sockel der Gebäude sind nicht beschmiert, keine zerbrochenen Fenster, keine oder kaum Obdachlose. (…) Auf den ersten Blick wäre es töricht, darin etwas Schlechtes zu sehen. Sauberkeit ist besser als Schmutz, aber es gibt eine Sauberkeit, die ungesund und sogar schmerzhaft ist, wie in einem Krankenhausflur.“

Tatsächlich beschäftigt mich dieses Gefühl, dass hier in Moskau ein bisschen arg viel Wert auf Oberfläche gelegt wird, auch immer mal wieder. Wenn man sich zum Beispiel fragt, warum man im Stadtzentrum (also da, wo die Geld bringenden Touristen sich aufhalten) so gut wie keine Spuren von Armut sieht, keine Bettler oder Obdachlose. Oder wenn mit dem Ende des Winters in der ganzen Innenstadt Plastik-Kirschbäume mit rosa Blüten aufgestellt werden – kein Duft, keine Natur, keine lang herbeigesehnten Frühlingsboten. Nur für teures Geld gekaufte Fakes, weil’s gut aussieht bei Instagram. Ein autoritär regiertes Land, in dem gleichzeitig Arbeitskraft billig ist – kein Wunder, dass Putzen und Dekorieren da so verbreitet sind. Sekundärtugenden.

Ich frage mich dann manchmal, was Leute, die zur WM zum ersten Mal nach Russland kommen, von hier wohl für Eindrücke mitnehmen. Versteht mich nicht falsch: Ich bin froh über jede und jeden, der überhaupt hierher kommt, das tun viel zu wenige. Sich selbst ein Bild zu machen ist immer erst mal eine gute Idee. Das Problem ist nur, dass dieses Bild halt auch täuschen kann – wenn es in einem Aspekt dem Bekannten gleicht und man daraufhin auf alle anderen Aspekte verallgemeinert.

Konkret: Wie oft habe ich mich mit Leuten unterhalten, die gerade frisch in Moskau gelandet waren und überrascht, wie modern, wohlhabend, lebendig diese Stadt ist. Kein Sowjetgrau, keine verhärmten Gesichter – na sowas. Und dann folgt oft der Schluss: Na, wenn die hier Porsche-Autohäuser, ausreichend Obst im Supermarkt und Straßen mit Radwegen haben, dann wird ja der Rest hier sicher auch so sein, wie ich es aus meiner westlichen, demokratisch regierten Heimat kenne. Schließlich sehen die Menschen hier auf der Straße ja auch überhaupt nicht so aus, wie man aussehen müsste, wenn man in einem Land lebt, das seine Bürger nur so lange in Ruhe lässt, wie sie nicht gegen die Politik der Regierung protestieren.

Das sind so Trugschlüsse, die ich ein paar Mal zu oft gehört habe in den vergangenen Jahren. Und es hilft sicher auch nicht, wenn der, der da anreist, kein Fußballfan oder regulärer Tourist ist. Sondern ein Journalist, der zu einem G20-Gipfel, einem Sportturnier oder einem Staatsbesuch kommt. Natürlich wohnt man dann in einem schicken Hotel, natürlich ist jedes Essen und jede Taxifahrt tiptop organisiert und natürlich wird man selber keine Probleme bekommen, wenn man seine Meinung zur Annektion der Krim oder zur Korruption in der Politik äußert.

Zurück zu Ilja Klischin und seinem Kommentar über Moskaus Hochglanzoberfläche. Er schlägt den Bogen von der von oben verordneten Sauberkeit zu anderen Dingen, die ebenfalls von oben verfügt werden: „Wir sind hier nicht in Singapur, aber noch weniger sind wir in der Schweiz im Sinne autoritärer oder demokratischer Reinheit.“ Stattdessen spiegle die Säuberung im öffentlichen Raum die zunehmende Reglementierung des öffentlichen Lebens wieder: „Man darf nicht einfach ein Unternehmen gründen, man darf nicht einfach zu einer Demo gehen, man darf nicht einfach etwas retweeten, man darf keinen Schritt machen ohne vorherige Rücksprache.“

Was für ein Moskau werden die Menschen, die zur Fußball-WM anreisen, also erleben? Mein Blick auf die Stadt ist nicht so düster wie der von Klischin, aber ich kann nachvollziehen, wie er zu seinem Fazit kommt: „Leer und sauber. Kein Ausdruck des Lebens ist authentisch und nicht bloßes Imitat, keinem liegt ein unabhängiger Gedanke (…) zugrunde. In diesem sterilen Paradies der Reinheit muss alles angemeldet und genehmigt sein, und alles atmet eine tödliche Kälte. Das ist das Moskau, das Ausländer diesen Sommer während der Fußball-WM sehen werden.“

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Russball, Folge 46: Dieser Bär steht jetzt für den russischen Fußball

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Fasst man’s denn? Das WM-Stadion in Samara ist nach unendlich vielen Verzögerungen eröffnet worden, nur sechs Wochen vor Turnierbeginn. Ab sofort rechne ich also täglich mit der Fertigstellung des Flughafens in Berlin! Ansonsten habe ich neulich den möglicherweise absurdesten Text meiner jüngeren journalistischen Karriere verfasst, über ein Festival, das hier in Russland parallel zur Weltmeisterschaft stattfindet und bei dem der gemeinen Gurke in all ihren Inkarnationen gehuldigt wird. Was sonst noch los war:

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⚽ Zeit, mit der Hand durch die Sofaritze zu fahren und zu gucken, ob man noch ein bisschen Kleingeld findet. Mal zählen…ach guck, das sind ja genau 1656 Euro und 6 Cent. Wie praktisch, denn dafür kann man rund um die Spielübertragungen der Fußball-Weltmeisterschaft eine Werbesekunde im russischen Fernsehen kaufen. Gemeint sind damit natürlich nur Werbeplätze bei den Sendern Perwy Kanal, Rossija 1 und Match, die die Spiele übertragen. Die Sekunde für rund 1700 Euro, das entspricht einem Minutenpreis von 7,5 Millionen Rubel.

Ist das nun viel oder wenig? Die Redaktion von RBK zählt auf: Im Vergleich zur WM vor vier Jahren in Brasilien ist der Werbepreis konstant, damals verlangten die russischen Sender mit den Übertragungsrechten 7,538 Millionen pro Minute. Womit ich nicht gerechnet hätte, ist, dass dagegen bei der Europameisterschaft 2012 die Werbepreise der russischen Sender deutlich höher lagen. Warum, erklärt ebenfalls RBK: Damals „galt Russland als der Favorit in seiner Gruppe, die Zuschauer (…) erwarteten mindestens ein Überstehen der Gruppenphase, doch dazu kam es nicht.“

⚽ Wie sagte der zehnjährige Besuch aus dem Rheinland diese Woche: „Ihr habt hier echt überall Springbrunnen!“ Und ja, der Anlass war einer mitten im Einkaufszentrum, direkt neben dem Starbucks, aber die Beobachtung stimmt auch für Freiluftmoskau. Sachen abends schön beleuchten und im Sommer Springbrunnen sprudeln lassen, das sind zwei große Stärken der Stadtplaner hier.

Im vergangenen Sommer waren es 594 Brunnen in Moskau, diesmal kommt mindestens noch einer hinzu: Auf dem Gelände rund ums Luschniki-Stadion soll ein sogenannter „trockener Brunnen“ entstehen, also einer, zu dem kein mit Wasser gefülltes Becken gehört. Nur Wasser, das aus dem Boden schießt, in vielen kleinen Strahlen. Hinter der neuen Tretjakowgalerie gibt es sowas hier schon, und wenn im Sommer 30 Grad und mehr sind, ist das einer der kühlsten, angenehmsten Plätze in der Stadt: Einfach ein paar Schritte durch den Brunnen gehen, von den Fontänen links und rechts nassgemacht werden und sich dann zum Trocknen schön in die Sonne setzen. Das können Fußballfans demnächst also auch tun, wenn sie sich vor dem Stadionbesuch ein wenig abkühlen wollen – oder danach ihre Tränen verbergen. Was, ich, am heulen? Alter, das ist bloß Springbrunnenwasser!

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⚽ Interessante Reihe, da bei Sports.ru: Im Blog „Futbol auf Deutsch“ porträtiert Konstantin Andrejew seit einem guten Jahr Nachwuchsfußballer, die außerhalb Russlands leben, aber russischer Abstammung sind und somit möglicherweise mal für die russische Nationalmannschaft spielen könnten. (Der Subtext wird ironisch angedeutet: Wir sind doch hier so großzügig mit russischen Pässen, wenn wir einen ausländischen Spieler sehen, der den Fußball bei uns im Land voranbringen könnte. Und jetzt schaut mal, bei dem Jung hier wäre es so einfach!)

Das sind keine Namen, die ich jemals zuvor gehört hatte, aber die Porträts lesen sich interessant. Maximilan Lebedev zum Beispiel aus dem U17-Kader von Bayern München. Die Brüder Konstantin und Andreas Schiler, die aktuell für den SV Sandhausen in der U19 spielen. Und ganz abgesehen davon, ob es nun für eine Profikarriere reicht, ob die bis zur Nationalelf führt und welche Nationalelf es dann ist – interessant sind auch die Fragen zum Alltag der jungen Männer, von Russisch-Sprachkenntnissen über Familie bis hin zum Lieblingsessen. Lesen lohnt sich!

⚽ Das ist mir letzte Woche komplett durchgegangen: Russlands Premjer-Liga hat ein neues Logo – ein Bärenkopf in den Russlandfarben, mit Augen, die entfernt an den Terminator erinnern. Entworfen vom Studio Art.Lebedev, das hier in Russland schon so einige Großaufträge wegdesignt hat: Der aktuelle Metroplan ist dort entstanden, die Sitzpolster im Bus, selbst Moskaus Gullydeckel. Wer bei der Fußball-WM im Sommer auf dem alten Moskauer Olympiagelände unterwegs ist, orientiert sich an Schildern von Art.Lebedev. Und nun also dieses Logo.

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Wie kommt es an? So mittel. Natürlich kursieren allerlei Photoshop-Witzchen – mit der russischen Version von „Pu der Bär“, mit Elch, mit Mutko. Manchen Leuten ist der Bär zu nah am Russlandklischee, sie frotzeln, da fehlten doch noch Balalaika und Wodkaflasche. Nationalspieler Denis Gluschakow wurde nach seiner Meinung gefragt und rettete sich in ein höfliches „interessant“. Und dann war da noch ein Hinweis auf einen hippen Barbershop in Moskau, und ja: Dessen Logo sieht tatsächlich aus, als könnte es das Vorbild fürs Ligalogo gewesen sein. Trotzdem verstehe ich den Backlash nicht so richtig. Im Vergleich zu dem kleinteiligen, unaufgeräumten bisherigen Logo ist der Bär mit den roten Laseraugen ein echter Fortschritt:

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⚽  „Westi“, die Nachrichtensendung des russischen Staatssenders „Rossija 1“, hat durchgerechnet, was russische Fußballfans so investieren müssen, wenn sie alle drei Vorrundenspiele ihrer Mannschaft sehen wollen, also in Moskau, St. Petersburg und Samara. Das Ganze ist nicht immer akkurat gerechnet und ein wenig schief konzipiert (einerseits fehlen die Kosten für die Anreise nach Moskau, als lebe der typische Fan dort, andererseits werden aber auch in Moskau Hotelkosten mit eingepreist), dennoch ist die Liste im Kern ganz anschaulich: Wenn man davon ausgeht, dass Iwan Musterfan jeweils die billigste Ticketkategorie nimmt, dann kommt er für einen WM-Aufenthalt in Moskau auf 29.000 Rubel, in Petersburg auf auf 19.000 und in Samara auf 17.000 Rubel, dazu kommen noch Fahrtkosten.

Zusammen sind das mehr als zwei Durchschnittsgehälter, und man könnte an dieser Stelle des Berichts einen Schlussstrich ziehen. Aber als Staatsmedium ist man nun mal in der Pflicht, man hat für WM-Begeisterung und Hurrapatriotismus zu sorgen. Weshalb der Bericht von „Westi“ nicht mit dem Fazit endet, das sei ja nun recht viel Geld, selbst wenn man sparsam lebe. Nein, hinten wurden schön noch zwei Sätze drangedengelt: „Aber wenn unsere Mannschaft sich gegen alle Gegener gut schlägt und es über die Gruppenphase hinaus schafft, werden unsere positiven Emotionen diese Kosten ganz klar ausgleichen. Wir sind für unser Team!“

⚽  Über den Jahreswechsel 2017/2018 waren wir oben in Murmansk, es war knackig kalt und eine ganz großartige Reise. Nordlicht gesehen, den Eisbrecher Lenin besichtig, Markus hat für den Weltspiegel einen kleinen Film drüber gemacht. Daran musste ich diese Woche wieder denken, als Zenit St. Petersburg diese Bilder twitterte: Die Arbeiter, die gerade an einem neuen Eisbrecher für die russische Flotte bauen, scheinen allesamt Zenit-Fans zu sein:

⚽  Angeklickt und erst mal enttäuscht gewesen: „Das Tschertschessow-Kreuzworträtsel“ hieß es in der Überschrift und ich freute mich schon, allerlei Fragen zu Russlands Nationaltrainer zu beantworten: „Sieben Buchstaben, beginnt mit D: deutsche Stadt, in der Tschertschessow von 1993 bis 1995 als Spieler aktiv war.“ Aber nein, leider kein Rätsel, aber doch ein langes, tiefgehendes Porträt des Glatzenmanns, der die Russen so aufstellen soll, dass sie es vor heimischem Publikum über die Gruppenphase hinaus schaffen.

Ein bisschen sehr chronologisch ist der Artikel, das bremst ihn manchmal. Aber sonst liest er sich gut und anekdotenreich – einschließlich der Begebenheit, wie Tschertschessow 2001 Torwart beim FC Tirol Insbruck war und der Verein einen neuen Trainer bekam, der den gesundheitlich angeschlagenen Tschertschessow erst mal für ein paar Spiele auf die Bank setzte, bis er auskuriert war und sich vor dem Neuen beweisen konnte. Der hieß übrigens Joachim Löw.

⚽ Kennt ihr eigentlich den „Soviet Art Bot“ bei Twitter? Nein? Solltet ihr aber – nicht nur für Fußballbilder wie dieses hier:

⚽ Das ist mal ne Ansage: „Ohne die Fußball-Weltmeisterschaft gäbe es in Russland derzeit kein Wirtschaftswachstum.“ Gesagt hat das Arkadi Dworkowitsch, und der muss es wissen: Dworkowitsch ist Wirtschaftswissenschaftler und seit 2012 einer von Russlands stellvertretenden Premierministern. Mehr zu seiner außergewöhnlichen Rechnung hier.

⚽ Ein paar Woche ist es her, dass ich mich mit Mascha getroffen habe. Sie schreibt gerade an ihrer Doktorarbeit, liebt das Rumstöbern in Archiven und kann sich für alte Dokumente begeistern. Wir sind rund um die Lomonossow-Universität spazierengegangen und sie hat mir gezeigt: Hier in dem Turm ist mein Wohnheimzimmer, da vorne ist der Haupteingang zum Unigebäude – und da, nicht weit weg, soll die Fanzone gebaut werden. Der zentrale Ort, wo in Moskau all die Fußballfans zusammen feiern können, die keine Karten fürs Stadion bekommen haben.

Mascha und ihre Kommilitonen haben Angst, nicht vor den Fans, sondern vor dem Krach bis spät in die Nacht, mitten in der Prüfungszeit. Wie sie ihren Protest dagegen sichtbar machen, und wie die FIFA, der Uni-Rektor und die Stadt Moskau mit diesem Protest umgehen, habe ich für die Berliner Zeitung aufgeschrieben. Am Tag, nachdem der Artikel im Blatt war, war ich abends mit dem Moskau-Besuch noch mal oben in den Sperlingsbergen, und siehe da: Baustellenlärm, Kipplaster, Bagger, Staubschwaden wehen hoch und verschleiern den Blick aufs Unigebäude. Es sieht nicht gut aus mit den Erfolgschancen für den Studentenprotest.

kscheib russball fanzone bauarbeiten

⚽ Dass Niko Kovac neuer Bayern-Trainer wird, inspiriert nicht nur deutsche Dichter, es beschäftigt auch die russische Fachpresse. Sowetski Sport kritisiert zum Beispiel, Kovac habe keine Champions-League-Erfahrungen und als Trainer noch keinen einzigen Titel geholt, was er wohl auch im DFB-Pokalfinale am 19. Mai nicht schaffen werde.

Bei Sports.ru gbt es sogar eine umfangreiche Analyse all der Gründe, warum der neue Trainer scheitern muss, unter der Überschrift: „Niko Kovac wird neuer Bayern-Trainer – es scheint, als ob das nicht die beste Idee ist.“ Begründung hier: Kovac sei es gewohnt, seinen Kopf duchsetzen zu können – das werde ihm bei Hoeneß und Rumenigge nicht gelingen. Seine Lieblingsaufstellung bei der Eintracht lasse sich nicht auf die Bayern übertragen, und überhaupt habe Kovac den Job ja nur bekommen, weil Tuchel ihn nicht wollte.

⚽ Die tunesische Nationalmannschaft wird während der WM im Moskauer Vorort Seljatino untergebracht, gerade war der Moskauer Sportminister auf Inspektionstour dort. Ein Reporter von Championat.com ist mitgelaufen und berichtet: ein paar schiefe Kacheln und seltsam verlegte Rohre, Rasen im schlechten Zustand, an der Hotelrezeption gibt’s noch keine tunesische Fahne. Alles Sachen, die sich bis Turnierbeginn noch regeln lassen. Besonders hübsch fand ich die Bemerkung des Reporters, eine „Motivation nach deutscher Art“ sei für die Tunesier leider nicht möglich: Die örtliche Bierbar ist derzeit leider geschlossen.

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Zum Abschluss noch ein Text, der nichts mit Russland zu tun hat, dafür aber mit Fußball, mit Familie, mit einem Fan – und einem der noch sucht, ob es eine Mannschaft gibt, deren Fan er sein möchte. Auf die Gefahr hin, dass euch in den letzten Tagen auch andere Leute diesen Text nahegelegt haben – er verdient es auch, mehrfach empfohlen zu werden: „Papsi, ich bin doch gar kein Fan“. Bis nächste Woche!



 

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Russball, Folge 44: Die Mutter aller WM-Reiseführer

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Diese Russball-Ausgabe ist etwas anders als sonst. Ich treibe mich mal wieder rum in der Welt, außerhalb von Russland und meist offline. Aktuelles aus dem russischen Fußball gibt es hier also diesmal nicht, dafür aber etwas, das ich seit langem schon mal zusammenstellen wollte.

So viele Leute und Redaktionen haben inzwischen ihre Reiseführer zu den russischen WM-Gastgeberstädten veröffentlicht, unterschiedlich erhellend und mit unterschiedlichen Schwerpunkten. Hinzu kommen die Infos, die abseits der WM schön länger existieren. Aus all dem zusammen habe ich hier, Stadt für Stadt, das Beste rausdestilliert. Die Mutter aller WM-Reiseführer, damit ihr euch nicht selbst durch den Wust an Angeboten lesen müsst. Also: Willkommen auf der Metaebene und viel Spaß bei der Reiseplanung!

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⚽ Nischni Nowgorod. „The city with the best commute“ hat der Guardian Nischni Nowgorod mal genannt, die Stadt mit dem besten Weg zur Arbeit. Denn den legen einige Menschen hier inzwischen mit der Seilbahn zurück, wenn ihr Privatleben auf der einen Seite der Wolga stattfindet und ihr berufliches auf der anderen. Bei Wikitravel sind sie in Sachen Sehenswürdigkeiten nicht unnötig überschwänglich: „Im Kreml gibt es eine Kirche, ein Kriegsdenkmal mit ewiger Flamme, ein annehmbares Kunstmuseum“, der Lonely Planet warnt vor einem „Mangel an guten Hotels“, weist aber immerhin auf schöne Restaurants in Kremlnähe hin (konkrete Restauranttipps hier). Was auch interessant klingt: diese Liste von Herrenhäusern, in einem von ihnen soll Peter der Große übernachtet haben.

Was muss man übers Stadion von Nischni Nowgorod wissen? 45.000 Sitze, die Architektur soll an die Wellen der Wolga erinnern. Nach der WM soll hier der örtliche Zweitligaverein Olimpjets Nischni Nowgorod seine Heimspiele austragen.

⚽ Jekaterinburg. Das Stadion in der östlichsten WM-Stadt ist vor alle für seine Tribüne bekannt, die aus dem Gebäude seitlich herausragt – das sorgt für spektakuläre Bilder. Fußballerisch ist Jekaterinburg allerdings keine Heldenstadt, aber immerhin hat Nationalspieler Fjodor Smolow mal beim FK Ural gespielt.

In Jekaterinburg wurde einst die russische Zarenfamilie ermordet, das Kulturmagazin „Calvert Journal“ weist auf den Weißen Turm hin, einen Wasserturm, der typisch ist für die Architektur des russischen Konstruktivismus (der Fernsehturm musste ja neulich dran glauben). Wer es lieber etwas nerdiger mag, schaut sich das QWERTY-Denkmal an oder sucht in der Stadt nach Spuren des alljährlichen Straßenkunst-Festivals „Stenograffia“. Oh, und ein Igel-Orakel haben sie in Jekaterinburg auch. Weiter geht’s von der östlichen zur westlichsten WM-Stadt.

QWERTY-denkmal

⚽ Kaliningrad. Geopolitisch wichtig, historisch interessant – über das frühere Königsberg gibt es viel zu erzählen. Das Stadion sollte eigentlich Ende März eröffnet werden, Schalke hatte sich, Gazprom sei Dank, angesagt. Das Spiel fiel aus, offiziell wegen Kälte. Während der WM finden hier mehrere Gruppenspiele statt, danach wird das Stadion „Baltika-Arena“ heißen – nicht nach dem Bier, sondern nach dem örtlichen Fußballclub. Apropos Bier: Von den Bars, in denen man in Kaliningrad Fußball gucken kann, kann ich das „Hmel“ (Hopfen) aus eigener Erfahrung empfehlen.

An jeder Ecke kann man in Kaliningrad Bernstein kaufen, oder noch besser: Man fährt aus der Stadt raus nach Jantarny, in den Ort, der nach dem russischen Wort für Bernstein benannt wurde. 95 Prozent der weltweiten Bernsteinmenge kommt hierher. Die offizielle FIFA-Seite empfiehlt, wenn auch in arg holprigem Deutsch, eine ganze Reihe Museen, von denen viele einen Deutschland-Bezug haben. Am Wichtigsten ist aber, dass in Kaliningrad Immanuel Kant geboren wurde und dort auch beerdigt ist. Fußball und Kant – die Verbindung liegt auf der Hand:

⚽ Rostow am Don. Ich bin ja arg versucht, die Liste der Rostower Sehenswürdigkeiten mit dem „Haus, das auf dem Kopf steht“ zu beginnen. Aber vielleicht fangen wir erst mal mit dem Stadion hier an: Es ist eine von mehreren WM-Arenen, die letztlich bescheidener ausfallen als die ursprünglichen grandiosen Pläne es vorsahen. Nach der WM wird die Zahl der Plätze von 45.000 auf 40.000 reduziert, und selbst die zu füllen dürfte schon eine Herausforderung werden für den FC Rostow.

Rostow ist die Partnerstadt von Dortmund und von Gera und liegt nicht weit von der ukrainischen Grenze. Man kann hier viel über die Geschichte der Donkosaken erfahren oder es sich einfach in einem der Fischrestaurants gut gehen lassen. Das Calvert Journal, immer eine gute Anlaufstelle für nicht ganz so mainstreamige Kulturtipps, weist auch auf Rostows Unterführungen hin, in denen man immer wieder Mosaike aus Sowjetzeiten findet, auch ein Bummel über den Markt klingt nach einer entspannten, nicht ganz so touristischen Idee.

⚽ Kasan. Für Kasan, das muss ich vielleicht vorweg schicken, habe ich eine Schwäche. Die freundlichen Menschen, der Kreml in seiner Kombination aus russischer Orthodoxie und Islam, die Uni, an der Lenin studiert hat. Das wird übrigens, vor allem für chinesische Touristen, ganz gezielt vermarktet. Wikitravel weist zusätzlich auf das „Museum des sozialistischen Lebens“ hin, beim Guardian kann man nachlesen, warum Kasan als Sporthauptstadt Russlands gilt.

Was noch? Mit dem Boot kann man sich von Kasan nach Weliki Bolgar schippern lassen und sich dort den „Tadsch Mahal von Russland“ ansehen (offiziell: die Weiße Moschee). Und wer sich eher für das Stadion interessiert als für Ausflüge ins Umland und Kulturprogramm: Der Guardian erklärt, was das Stadion mit einer Wasserlilie zu tun hat und was sein wichtigstes Alleinstellungsmerkmal ist.

Die Weiße Moschee bei Nacht
Die Weiße Moschee bei Nacht

⚽ Samara. Noch eine WM-Gastgeberstadt an der Wolga, der Fluss prägt das Bild der Stadt. Zu Sowjetzeiten durften Ausländer Samara nicht besuchen, weil die Stadt eine entscheidende Rolle im Raumfahrtprogramm der UdSSR spielte – mehr dazu im örtlichen Raumfahrtmuseum. Der Lonely Planet hält den für Stalin gebauten Bunker für die wichtigste Attraktion der Stadt, Wikitravel zählt eine ganze Reihe an Alternativen auf, die nicht so spektakulär, aber teilweise dennoch interessant sind (Bonus: Viele von ihnen kann man sich vorab per virtueller Tour ansehen).

Zum Stadion: Bilder vom Bau der Samara Arena gibt es hier, aktuell ist es das Stadion, das am weitesten hinter dem Zeitplan zur Fertigstellung hinterherhinkt. Wenn es denn mal fertig ist, soll es knapp 45.000 Zuschauer fassen und, in Anspielung an Samaras Geschichte, aussehen, als sei es gerade aus dem Weltraum gelandet.

⚽ Moskau. Dass Moskau die einzige Gastgeberstadt ist, in der WM-Spiele gleich in zwei Stadien ausgetragen werden, hat der eine oder andere vermutlich schon gehört, vielleicht auch, wie sich die Moskauer Begegnungen auf die beiden Spielorte verteilen und warum das Spartak-Stadion ein Chamäleon ist. Russian Football News hat außerdem einen guten Überblick über die vielen Moskauer Fußballvereine: Dynamo, Lokomotive, Spartak, Torpedo und ZSKA.

Kreml, Roter Platz, Basiliuskathedrale – die Klassikeer muss man hier ja kaum noch erwähnen. Der offizielle FIFA-Guide legt Besuchern neben dem Hotel Ukraina und dem Museum „Garage“ auch das Alte Telegrafenamt ans Herz, vergisst zu letzterem allerdings den Profitipp: Wer seitlich in den Gasjetnij Pereulok abbiegt, am Eingang irgendwas von „Coworking Space“ nuschelt und dann forsch in den Aufzug steigt, kann das Gebäude auch von innen besichtigen. Es ist noch Zeit übrig für einen Tagesausflug ins Umland? Außer dem Goldenen Ring bietet sich auch der Kunstpark in Nikola-Leniwets an.

Das Hotel Ukraina, im Hintergrund das Weiße Haus, Sitz der russischen Regierung
Das Hotel Ukraina, im Hintergrund das Weiße Haus, Sitz der russischen Regierung

⚽ Saransk. Die Hauptstadt von Mordwinien, das klingt erst mal nach Herr der Ringe. Tatsächlich liegt die eher kleine Stadt Stadt östlich von Moskau, ihr im Ausland bekanntester Einwohner ist Gérard Depardieu, der sich ja vor einigen Jahren nach Russland hat einbürgern lassen, der Steuern halber. Der Mann hat dort inzwischen sein eigenes Kulturzentrum. Die Liste der örtlichen Sehenswürdigkeiten ist kurz, zu ihnen gehört sicherlich das Museum für mordwinische Nationalkultur. Wenn das jetzt alles eher enttäuschend klingt, dann soll hier das Calvert Journal zitiert sein: „Saransk ist (…) eine Elegie an Billigbauten mit krass präsentierten farbigen Glasplatten und leuchtend buntem Stuck. Hier kann man die Kontraste, den Irrsinn und die Gastfreundschaft der russischen Provinz in ihrer Bestform erleben.“

Was das Stadion angeht, finden sich in diversen Quellen sehr unterschiedliche Einschätzungen. Während die offizielle FIFA-Seite poetisch textet, der Bau solle „Sonne, Wärme, Offenheit und Gastfreundschaft“ symbolisieren, sieht der Guardian die Vorzüge der Mordwinien-Arena eher nüchtern: Sie „liegt nah genug am Bahnhof wie auch am frisch fertiggestellten Flughafen für alle Fußballfans, denen eher nach Großstadtleben ist.“

⚽ Sotschi. Eigentlich müsste man immer vorweg schicken, dass „Sotschi“ hier nur so halb stimmt – wir reden von Adler, jedenfalls wenn es darum geht, wo die WM-Spiele stattfinden. Der Vorort liegt eine gute halbe Stunde von Sotschis Stadtzentrum entfernt, das kann man gut mit dem Bus fahren oder, für kleines Geld, auch mit dem Taxi. Andererseits, und das ist für anreisende Fans dann wieder sehr praktisch, liegt der Flughafen in Adler, das sorgt für kurze Wege zu vielen Hotels und ins Fischt-Stadion, das tagsüber sehenswert ist und bei Nacht erst recht. Wo kann man schon mal in der Halbzeitpause aufs Meer blicken?

Sotschi selbst ist ein seit Jahrzehnten populärer Bade- und Kurort, nach Restaurants und Cafés muss man also nicht lange suchen. Auch sonst ist die Stadt, sagen wir mal: touristisch durchaus entwickelt. Oder, etwas drastischer formuliert: „Sotschi ist ein heruntergekommenes Paradies mit Neonschildern, seltsamen Geschäften und sonderbaren Kuranwendungen, hat sich aber trotzdem einen gewissen Charme erhalten.“ Zwischen all dem Geblinke und der Musikbeschallung empfiehlt sich ein Besuch im Dendrarium, einer Art botanischen Garten, der am Hang mit Blick aufs Wasser liegt. Kühl, schattig, halbwegs leise – der perfekte Ort an einem heißen Sommertag.

Auf dem Weg ins Fischt-Stadion in Adler
Auf dem Weg ins Fischt-Stadion in Adler

⚽ Wolgograd. Das Stadion – 45.000 Plätze, ab 2014 ohne größere Zwischenfälle gebaut – liegt in Sichtweite der wichtigsten Wolgograder Sehenswürdigkeit: Auf dem Mamajew-Hügel erinnern eine riesige Frauenstatue und eine Gedenkhalle mit ewiger Flamme an die Opfer der Schlacht von Stalingrad. Selbst bei den Vorbereitungen für den Stadionbau wurden nicht explodierte Bomben aus dem Zweiten Weltkrieg gefunden. An neun Tagen im Jahr heißt die Stadt im Gedenken immer noch „Stalingrad“ statt „Wolgograd“.

Wer in Wolgograd lecker essen gehen will, orientiert sich am besten am „Foodball“-Blog, das Wolgograder Sprachstudenten auf Deutsch, Englisch und Russisch betreiben. Und biegt danach vielleicht noch Richtung „Alaska Bar“ ab – dort soll es Wassermelonenbier geben. Wenn das kein Alleinstellungsmerkmal ist.

⚽ Sankt Petersburg. Hier hat der russische Fußball seine Wurzeln, hier wurde selbst während der Belagerung im Zweiten Weltkrieg noch Fußball gespielt, um die Moral in der Bevölkerung zu unterstützen. Natürlich schaut man sich hier die Eremitage, den Newski-Prospekt und die Isaakskathedrale und die Admiralität an, dazu die Auferstehungskirche und und und… ihr seht das Problem, es gibt einfach verdammt viel zu sehen. Schließlich war das hier lange Zeit die russische Hauptstadt. Auch eine Fahrt mit der Metro lohnt sich wegen zahlreicher prächtiger Stationen (wie das Metrofahren funktioniert, steht hier). Und wenn man mit der Stadt durch ist, gibt es ja auch noch die ganzen Ziele im Umland wie den Lagodasee.

Am Stadion wurde rund zehn Jahre gebaut, manchmal leckt das Dach. Passend zur Größe der Stadt und des Topvereins Zenits ist die Arena hier auch deutlich größer, sie fasst rund 64.000 Zuschauer. Das ist schon ein ziemlich spektakuläres Bauwerk geworden – jetzt, wo es endlich fertig ist. Und überhaupt, zur Frage, warum das alles so lang gedauert hat, gibt es doch eine ganz leicht nachvollziehbare Antwort:

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Das Foto der Weißen Moschee ist von Ramil Photo360 unter CC BY-SA 4.0, das QWERTY-Foto ist von Kristina Wienand – vielen Dank! Nächste Woche bin ich dann wieder in Moskau und schreibe von da die nächste reguläre Russland-Folge. Bis dahin, macht’s gut!



 

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Ein Fundstück aus dem Moskauer Olympia-Jahr 1980

Neulich habe ich mich abends nach der Arbeit mit Elena getroffen. Wir kannten uns vorher nicht persönlich, nur von Avito, dem russischen eBay. Dort hatte ich gesehen, dass Elena einen großen Stapel alter Fußballbücher zu verkaufen hatte – Nachschlagewerke, Jahrbücher, Vereinschroniken, Stadionführer, sogar den ein oder anderen Roman.

Nach ein bisschen Feilschen einigten wir uns auf 2500 Rubel, also rund 35 Euro – ein guter Preis für die dicke, schwere Büchertüte, die ich nur mit Pausen nach Hause schleppen konnte. Nach dem ersten Sichten glaube ich, dass aus dem Material sicher noch der ein oder andere Blogpost entstehen wird – zum Beispiel aus dem 1962 in Luhansk erschienenen Bändchen „100 Fragen und Antworten zum Fußball“. (Frage Nr. 1: „Darf ein Spieler während eines Fußballspiels fünf bis sechs Meter laufen und dabei den Ball auf dem Kopf balancieren?“)

Das Interessanteste an dem ganzen Paket war aber das Fußballjahrbuch für das Jahr 1980. Elenas Vater, dem die Bücher alle mal gehört haben, hat sich ganz offensichtlich auch für andere Sportarten interessiert, vor allem für Leichtathletik. Da hat er sich bei den Olympischen Spielen in Moskau dann auch direkt mal an zwei Tagen ins Stadion gesetzt und zugeschaut.

Zwei Eintrittskarten und ein Programmheft für die Leichtathletik-Wettkämpfe lagen in dem Fußballbuch, leicht knitterig (auch nachdem ich sie vorsichtig gebügelt habe), aber ansonsten noch gut in Schuss. Okay, ja, oben auf das Programmheft hat irgendwer mal ein paar Schlangenlinien gekritzelt, wahrscheinlich, um einen eingetrockneten Kuli wieder ans Schreiben zu kriegen.

Dafür sind die Eintrittskarten unbemalt und interessant. Schon alleine, wie sie auf unterschiedliche Art das Farbschema aufgreifen, das auf dem Programmheft dann komplett zu sehen ist. Und auch sonst kann man aus so einer Karte einiges rauslesen – ihr müsst nur mit der Maus drübefahren.

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Russball, Folge 39: Komm, wir spielen Find-den-Ball!

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Worum es diese Woche nicht geht: Darum, auf welche Handgepäckregeln sich deutsche Fans einstellen müssen, wenn sie im Sommer mit Aeroflot nach Russland fliegen wollen. Das Thema ist zwar interessant, aber zu komplex, um es in zwei, drei Absätzen aufzuschreiben. Mehr dazu also hier, und schon geht’s los!

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⚽ Ihr kennt das Gefühl: Vom Einkaufen für die Party nach Hause kommen, in der Küche stehend die Tüten auspacken – und dann, beim Blick in den Kühlschrank, der Geistesblitz: Mist, ich hab vergessen, Bier zu kaufen! So ging das am Wochenende auch beim Lokalderby zwischen Lokomotive Moskau und Spartak Moskau, bloß nicht mit Bier. Es hatte ziemlich geschneit, frischer Schnee ist für gewöhnlich weiß – da hat es sich eingebürgert, anstelle eines schwarz-weißen Balles einen roten Ball zu nehmen.

Auf den offiziellen Nahaufnahmen ist der Ball meist zu sehen. Von der Tribüne aus sah das ganz anders aus. (Foto: Lokomotive Moskau)
Auf den offiziellen Nahaufnahmen ist der Ball meist zu sehen. Von der Tribüne aus sah das ganz anders aus. (Foto: Lokomotive Moskau)

Den hatte bloß leider niemand besorgt – offizielle Sprachregelung: Der Sponsor stellt leider nur weiße und gelbe Bälle zur Verfügung. „Wir konnten vor lauter Schnee den Ball nicht sehen“, berichtet eine Freundin, die im Stadion war. „Wie kann man vergessen, sich um rote Bälle zu kümmern in einem Land, wo es im Winter fast permanent schneit?“ Sie ist nicht der einzige genervte Fan – erst recht nicht unter denen, die zwei Stunden im Stadion in der Kälte standen, ohne das Spiel richtig verfolgen zu können. Aber immerhin, ein schönes Spott-Format ist aus dem Fußball-Fail entstanden: „Finde den Ball“ bei Sports.ru – meine Lieblingslösung, wenn auch nicht die richtige, ist Nummer 3.

⚽ Dieser Text ist mir durchgegangen, als er im Februar veröffentlicht wurde, aber er hat sich gut genug gehalten, um ihn auch heute noch zu verlinken. Okay, die letzten vier Absätze fühlen sich etwas seltsam und drangeklatscht an. Aber der restliche Artikel wirft einen gründlichen Blick auf mögliche Gewalttaten russischer Hooligans bei der Fußball-Weltmeisterschaft.

Die Einschätzung von Autor Marc Bennetts in kurz: Hooligan-Attacken bei der WM sind nicht auszuschließen, aber zumindest im großen Maßstab doch eher unwahrscheinlich. Weil nun mal bei solch einem Renommierprojekt mit massiver Innen- und Außenwirkung ganz genau darauf geachtet wird, dass niemand die schöne Inszenierung ramponiert.

⚽ Was macht eigentlich Miroslav Klose? Er passt, mit Umweg über Thomas Brolin, zu Wladimir Putin, der darauf hin zu Gianni Infantino passt. Klingt nach Fiebertraum, ist aber das offizielle FIFA-Video anlässlich von nur noch 100 Tagen bis zur Fußball-Weltmeisterschaft.

Ein Fußball spielender Putin, das ist eher selten in der präsidialen Selbstinszenierung. Normalerweise zeigt er sich lieber beim Judo oder beim Eishockey.

⚽ Stanislaw Tschertschessow ist der Joachim Löw von Russland, Anfang des Jahrtausends waren sie sogar mal beim gleichen Verein, Tschertschessow allerdings damals noch als Spieler. Noch heute spricht Russlands Nationaltrainer super Deutsch, was er neulich genutzt hat, um mit Löw ein bisschen über die Probleme zu frotzeln, die man als deutscher oder als russischer Coach vor der WM so hat.

„Wir haben die gleichen Symptome, aber die Diagnose ist eine andere: Er hat zu viele Spieler, ich habe zu wenige“, hat Tschertschessow das Gespräch in einem dpa-Interview zusammengefasst. Ein rundum lesenswertes Stück, in dem es auch um die Chancen von Roman Neustädter und Konstantin Rausch geht, bei der Weltmeisterschaft für Russland auflaufen zu dürfen.

⚽ Ach komm, dann direkt noch ein Update zu einem anderen russischen Trainer: Leonid Sluzki, letztes Jahr ehrenhaft bei Hull City gescheitert, könnte bald schon in die Niederlande wechseln, genau genommen nach Gelderland. Vitesse Arnheim hat bestätigt, dass Sluzki sein Lieblingskandidat ist, um Henk Fraser abzulösen. Der Club ist aktuell Tabellensechster in der Eredivisie, also der obersten Liga. Sluzkis Kalkül, sich mit dem Job in Hull für andere internationale Positionen zu empfehlen, scheint also aufzugehen.

⚽ So, jetzt denke ich mal an einen Moskauer Fußballverein und ihr ratet, an welchen, okay? Als kleinen Tipp gibt es hier das Logo.

kscheib russball logo tschertanowo

Okay, das ist erkennbar weder Lokomotive noch Spartak oder ZSKA – zu wenig Rot. Von den Farben her könnte es Dynamo sein, aber deren Logo sieht auch anders aus. Torpedo also? Nein, nein, nein, falsch, falsch, falsch. Der Verein, zu dem die Raute mit den Teufelshörnern gehört, ist Tschertanowo Moskau.

Wenn euch das nichts sagt: Das ging mir bis vor ein paar Tagen genau so. Dann las ich dieses Vereinsporträt und erfuhr: Tschertanowo stellt prinzipiell ausschließlich Spieler auf, die an der eigenen Fußball-Akademie ausgebildet wurden. Kommt man so in die oberen Ligen? Bisher nicht. Ist es ein interesanter Ansatz in einem Land, das bei der Nachwuchsförderung der internationalen Konkurrenz hinterherhinkt? Ganz bestimmt.

⚽ „Ich werde eine große Mauer bauen – und niemand baut Mauern besser als ich, glauben Sie mir – und ich baue sie sehr kostengünstig. Ich werde eine große, große Mauer (…) bauen und ich werde Russland für diese Mauer bezahlen lassen.

Okay, das ist jetzt ein bisschen überspitzt, war aber das erste, was mir zu dieser Meldung hier einfiel: „England Requests 6-Meter Wall Around Training Pitch for World Cup in Russia“. Wohlgemerkt: Eine Zwei-Meter-Mauer gibt es schon (Fotos hier zum Blättern), die ist den Engländern bloß nicht hoch genug.

In Moskau kann einem die englische Nationalmannschaft dieser Tage schon mal auf der Straße begegnen, während der WM will sie sich aber mit einer hohen Mauer abgrenzen
In Moskau kann einem die englische Nationalmannschaft dieser Tage schon mal auf der Straße begegnen, während der WM will sie sich aber mit einer hohen Mauer abgrenzen

⚽ Gibt es Gesetze in diesem Land, die Schwule und Lesben diskriminieren? Sind Pride-Paraden verboten? Herrscht in der Bevölkerung schwulenfeindliche Stimmung? And diesen und anderen Fragen orientieren sich die Macher des Gay Travel Index. In der gerade veröffentlichten Ausgabe für 2018 schneidet Kanada am besten ab, Deutschland ist eines von mehreren Ländern auf Platz drei.

Wer Russland finden will, muss auf die vorletzte Seite der Liste runterscrollen – dahin, wo die Ländernamen rot hinterlegt sind. Da kann Alexei Smertin noch so sehr betonen, dass LGBT-Fußballfans ohne Sorgen zur WM kommen können. Solange hier so viele Fans schwulenfeindlich sind und Fußball-Offizielle unwidersprochen Hass-Sprüche raushauen können, hat Russland seinen 157. Platz leider verdient.

⚽ Zum Schluss noch ein bisschen Wolfscontent: Alma lebt im Zoo der WM-Gastgeberstadt Rostow am Don, und neulich haben die Tierpfleger ihr einen Fußball ins Gehege gelegt. Das Ergebnis macht großen Spaß zu gucken, jedenfalls, wenn man das penetrante Musikbett ausschaltet.

Etwas gehässig verkauft das Video TV Swesda, der offizielle Fernsehsender des russischen Verteidigungsministeriums. (Doch. Wirklich. Ja. Ich weiß.) „Wölfin zeigt russischer Nationalmannschaft, wie man richtig Fußball spielt“, heißt dort die Überschrift.

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Eh wir uns verabschieden noch schnell die Lösung für ein Problem, das euch sicherlich auch schon länger beschäftigt: Russball gibt es bekanntlich nur einmal in der Woche, das reicht natürlich nicht, wenn man jeden Tag was Neues über das Fußball-Land Russland lesen will.

Darum blogge ich ab sofort für die Kollegen drüben bei n-tv einen täglichen WM-Countdown – ein Format, auf das ich mich schon deshalb freue, weil man da auch mal etwas mehr in die Tiefe gehen kann als in einem Newsletter. Was wir mit dem Countdown genau vorhaben, steht hier, die erste richtige Folge erscheint dann im Laufe des Mittwochs hier.

Wenn es Themen gibt, zu denen ihr dort etwas lesen wollt: Sagt gerne Bescheid!



 

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Mein kleiner, roter Koffer: Aeroflot ändert zweimal in einem Monat seine Handgepäck-Regeln

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Diese Geschichte spielt zwar in Russland, aber sie beginnt in China. Dort habe ich Ende 2012 nach ein paar Monaten in Peking gemerkt, dass auf dem Rückflug nach Deutschland nicht alles in den Koffer passen würde. Kurz darauf stand ich in einer Markthalle einem Verkäufer gegenüber, der die Vorzüge eines kleinen, roten Hartschalenköfferchens demonstrierte, indem er mit beiden Füßen darauf rumhüpfte: Sehen Sie mal, wie robust der ist!

Stimmt. Als Handgepäck ist der kleine Trolleykoffer seitdem mit mir in alle möglichen Länder gereist, mit allen möglichen Fluglinien, auch Aeroflot. Wir waren zusammen in London und in Bischkek, in Dänemark und Dubai, in Irkutsk und in Israel. Die Gurte innendrin sind ein bisschen leierig, aber die Hartschale weiterhin hart. Es hätte ewig so weitergehen können. Dann dachte sich jemand bei Aeroflot etwas Neues aus.

Reise mit einer russischen Fluglinie, und du lernst eine völlig neue Definition des Begriffs „Handgepäck“ kennen: Während ich den roten Koffer und meine Jacke ins Klappfach über den Sitzen schiebe, verstaut der Sitznachbar: einen Koffer, zwei Plastiktüten aus dem Duty-Free-Shop, einen Blumenstrauß, eine Reitgerte, ein Paar Stiefel, einen Reithelm, einen Ledersattel, vier Ballen Heu und ein leise vor sich hin wieherndes Shetlandpony. Wer da zu spät kommt, den bestraft der Platzmangel.

Kein Wunder also, dass Aeroflot da was ändern will und ankündigte: 1. Ab Mitte Februar nur noch ein Stück Handgepäck (plus Handtasche, das bleibt). 2: Das Handgepäck darf nur noch 40 x 55 x 20 Zentimeter groß sein. Zollstock ans rote Köfferchen: 22 cm. Bei Lufthansa dürfte er 23 haben, bei British Airways und vielen anderen Fluglinien 25. Anders gesagt: Fünf Reisejahre lang hat niemand uns getrennt, nun stehe ich in Moskau am Flughafen, und ein Aeroflot-Kontrollmann sagt: Nein, stop, das müssen Sie aufgeben, das ist kein Handgepäck. Ja, auch wenn die Kollegin beim Check-in den Trolley gerade durchgewunken hat – zurück auf Null, noch mal von vorne in die Schalterschlange.

Mit dem Ärger, der bei der zweiten Runde Anstehen im Bauch grollt, bin ich nicht allein. Als erstes haben sich Russlands Musiker gegen die neuen Regeln gewehrt – und eine Sonderregelung für sich erkämpft. In einer Moskauer Facebookgruppe für Journalisten beraten vor allem die Fernseh- und Fotokollegen, welche Airline in Sachen Kamera und Stativ im Handgepäck entgegenkommender sind. Und bei Twitter und Facebook bekommt Aeroflot die volle Breitseite an Fragen und Beschwerden ab – und antwortet dort oft eher ungelenk.

Nach dem Doppel-Check-in ist genug Zeit, ein Beschwerdeformular auf der Aeroflotseite auszufüllen. Kurzfassung: Ich verstehe, dass ihr weniger Handgepäck-Stücke zulasst. ich verstehe nicht, warum eure Größenvorgaben unter denen der Konkurrenz liegen. Sollen eure Passagiere sich jetzt ein neues Köfferchen kaufen, nur für Aeroflot-Flüge? Abgeschickt, rein in den Flieger nach Deutschland und eine Woche lang Wichtigeres getan: Mit der Familie den 80. Geburtstag der Lieblingstante feiern. Freunde besuchen. Von Patenkind 1 hören, wie es nach der Grundschule weitergeht. Mit Patenkind 2 eine seiner ersten Skatrunden spielen. Patenkind 3 die subtile Frage nach eventuell mitgebrachten Geschenken beantworten. Visumskram. Arztkram. Kramkram.

Auch Aeroflot scheint die Zeit gut genutzt zu haben: In der Woche zwischen meinem Hin- und Rückflug hat es die neue Regel wieder abgeschafft, jedenfalls den Teil mit den Koffermaßen. Oder, wie es in der Antwortmail auf meine Beschwerde heißt: Zwei lange Absätze „Warum die neue Regeln gut und richtig sind“, gefolgt von einem kleinen Absatz „…aufgrund der hohen Zahl von Nachfragen unserer Passagiere nach einer Änderung der Maße für Handgepäck (…) gelten nun 55 cm Länge, 40 cm Breite und 25 cm Höhe.“

Nach zwei Wochen (und was wird eigentlich aus all den Gebühren, die Passagiere in dieser Zeit unverhofft für ein zweites Gepäckstück zahlen mussten?) nun das große Zurückrudern. Wir werden also weiter zusammen reisen können, auch bei Aeroflot – der kleine, rote, chinesische Koffer und ich. Nur der Typ mit dem Shetlandpony – der hat weiterhin ein Problem.

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Moskaus Architektur, gesehen durch die Virtual-Reality-Brille

kscheib moskau virtual reality

Der Preis für den Blick ins Paralleluniversum ist ein schwerer Kopf. Wir sind ein Grüppchen von vielleicht 15 Leuten, die heute gemeinsam durchs Moskauer Stadtzentrum laufen, und alle haben wir eine große, schwarze Virtual-Reality-Brille um den Hals hängen – die Gear VR, Gewicht: 345 Gramm. Mit ihr wollen wir uns anschauen, wie Moskau ausgesehen hätte, wenn die Stadtplaner Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts anders entschieden hätten. Und dazu braucht es eben die Brille.

Der Plan ist schließlich nicht, sich bloß Fotos oder Filme nicht verwirklichter Bauprojekte anzusehen. Die Gruppe „Moskau mit den Augen der Ingenieure“, die diese Stadtführung anbietet, hat sich etwas anderes ausgedacht: Warum nicht die Straßen und Plätze der Stadt selber ablaufen, gelegentlich stehenbleiben und sich dann umschauen? Vor den Augen, dank Brille: Gebäude, die in Wirklichkeit nie über die Planungsphase hinauskamen. In den Ohren: die Geräusche, die heute zu diesem Ort gehören. Menschen auf dem Roten Platz, Straßenlärm am Hotel Vier Jahreszeiten. Musik, Werbung, Hall von den umliegenden Gebäuden.

Das Kaufhaus GUM mit seiner Winterbeleuchtung spiegelt sich in der Brille
Das Kaufhaus GUM mit seiner Winterbeleuchtung spiegelt sich in der Brille

Lenins Mausoleum zum Beispiel. Dieses nicht besonders hübsche, eher grobklotzige rot-schwarze Gebäude da gegenüber vom GUM hätte auch ganz anders aussehen können. In der Virtual-Relity-Variante ist es plötzlich hell, einladend, mit einem Säulengang rundherum. Die Christ-Erlöser-Kathedrale direkt am Ufer der Moskwa wurde schon mal vorsorglich abgerissen, um Platz für den Palast der Sowjets zu schaffen – doch auch der wurde nie verwirklicht. Heute steht dort wieder die Kathedrale. Mit der Brille sehen wir den nie gebauten Bombastpalast trotzdem vor uns, während unser Begleiter erzählt und erzählt und erzählt.

Das ist tatsächlich der eine, große Haken an der ansonsten interessanten Tour: So schön es ist, einen Fachmann dabei zu haben, der für Architektur brennt – das, was wir erzählt kriegen, ist einfach zu viel, zu detailliert, zu sehr von-Hölzchen-auf-Stöckchen. Vor allem für Nichtmuttersprachler ist das anstrengend: Mehr als die Hälfte unserer Gruppe sind keine Russen, wir hatten also unseren Tourguide gebeten, etwas langsamer zu reden. Daraus wird nichts, sorry – er habe, sagt er, einfach zu viel zu erzählen. Hm. Dazu noch der Moskauer Feierabendverkehr, und die Tour zieht sich immer länger. Zwei Stunden sollten es sein, nach dreien klinken wir uns schließlich aus – da haben wir immer noch nicht alles gesehen.

Das Gefühl, an Ort und Stelle nachzuvollziehen, wie Moskau heute auch aussehen könnte, ist schon ziemlich einzigartig – und lässt sich schwer mit einem Blogpost vermitteln. Schon alleine der Versuch, den Blick durch die VR-Brille zu dokumentieren, artet in Frickelei aus: Die Brille hat zum Gesicht hin einen Sensor und zeigt nur dann etwas an, wenn der Sensor meldet: Hier alles dunkel, also hat wohl gerade jemand die Brille auf. Mit ein bisschen Daumen-Getrickse gelingt dann zumindest dieses Foto:

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Besser vorstellen kann man sich den Effekt, am gewohnten Ort ungewohne Architektur zu sehen, vielleicht mit diesem Video der Veranstalter (den seltsamen Schneeflocken-Effekt einfach ignorieren):

Würde ich die Tour noch mal machen? Wahrscheinlich schon, dann aber definitiv auf Englisch, und zu einer Uhrzeit, wenn in Moskau gerade mal keine Rush-Hour ist. Die Kombination aus Architektur, Geschichte und eben Virtual Reality – da ist schon einiges bei, was das Nerdherz ein bisschen schneller pochen lässt.

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Russball, Folge 37: Bier, das Getränk zivilisierter Fans

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Eins gleich vorneweg: Wir halten uns diese Woche nicht auf mit Stanislaw Manajew. Ja, der Mann aus dem Kader des FK Tosno hat sich tatsächlich mit einem 5000-Rubel-Schein die Nase geputzt. Ja, das ist komplett geschmacklos, wenn man bedenkt, dass jemand, der in Russland den gesetzlichen Mindestlohn verdient, im Monat gerade mal zwei solcher Scheine zur Verfügung hat. Mehr gibt es dazu nicht sagen, höchstens noch: Wer auf dem Platz nicht von sich reden macht, muss eben andere Wege wählen.

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⚽ Der Besitzer der russischen Supermarktkette „Magnit“, Sergei Galizki, ist gerade aus dem Unternehmen ausgestiegen und hat seine Anteile an die Staatsbank VTB verkauft. Warum diese Info in einen Newsletter zum Fußball in Russland gehört? Wegen der Antwort, die Galizki auf die Frage gab, was denn nun für ihn kommt: „Ich werde in Krasnodar leben und mich wohl dort um den Kinder- und Jugendfußball kümmern. Das ist alles, denke ich.“

Der FK Krasnodar gehört zu den Top-Vereinen der Premjer-Liga, Galizki selbst hat ihn vor zehn Jahren gegründet und ist noch heute sein Präsident. Und der Verein ist bemerkenswert, weil er sehr viel mehr Wert auf Nachwuchsförderung legt als seine Mitbewerber (mehr dazu hier). Darum ist der Ausstieg eines Supermarkt-Magnaten aus seinem Unternehmen eben auch ein Thema für Russlands Sportjournalisten: „Das Leben der Nachwuchsspieler des FK Krasnodar wird noch besser“, heißt einer der Kommentare.

⚽ Nicht nur fußballerisch ist die Zeit zwischen dem Confed-Cup im vergangenen Sommer und der WM in diesem Jahr eine Durststrecke, sondern auch ganz wortwörtlich: Abseits solcher großen Turniere darf in Russland kein Alkohol im Stadion verkauft werden, was die Fans naturgemäßig wenig begeistert. Sergej Prjadkin, Chef der obersten russischen Liga, hat darum jetzt mal einen Testballon steigen lassen.

Budweiser oder Klinskoje? In solchen Bechern wurde beim Confed-Cup Bier in den russischen Stadien verkauft.
Budweiser oder Klinskoje? In solchen Bechern wurde beim Confed-Cup Bier in den russischen Stadien verkauft.

Ja, der Kampf gegen den Alkoholismus sei weiter wichtig, so Prjadkin – aber Bierhersteller seien eben auch eine mögliche neue Einnahmequelle für die Fußballvereine. Die Premjer-Liga arbeite deshalb daran, dass Bier im Stadion und Biermarken als Sponsoren bald erlaubt sind. Schließlich, so Prjadkin, ist Bier „ein normales Getränk zivilisierter Fans“. Und die Fußballseite „Bombardir“ weist darauf hin, dass in Deutschland das Stadionbier eine lange Tradition hat. Randale, heißt es dort, werde mit Überwachungskameras verhindert.

⚽ Wo wir gerade beim Alkohol sind: Пробка, gesprochen [PROBka], hieß mal eine Fußballkneipe bei uns um die Ecke. Fußballfans trinken gerne, пробка bedeutet Korken, die Logik war halbwegs einleuchtend. Im übertragenen Sinne ist eine пробка aber auch ein Stau – der Korken also, der verhindert, dass der Verkehr fließt.

An das Themenfeld zwischen Korken knallen lassen und im Stau stehen musste ich bei dieser Meldung hier denken: Damit trotz Moskaus legendär verstopfter Straßen alle WM-Spiele pünktlich anfangen, dürfen die Mannnschaftsbusse auf den Spezialspuren fahren, die auch der ÖPNV in Moskau nutzt. Auch offizielle Delegationen und Journalisten bekommen dieses Privileg – vorausgesetzt, sie sind in Shuttlebussen unterwegs. (Die Regelung gilt auch in den anderen Gastgeberstädten, Details hier.)

⚽ Als Rheinländerin in Russland ist mir das Prinzip, dass vor der Fastenzeit eine Figur verbrannt wird, vertraut. In Köln stirbt für unsere Sünden der Nubbel in den Flammen. In Russland ist – nach den „Masleniza“-Tagen, in denen man so viele Pfannkuchen wie möglich isst – eine große Strohfigur fällig. Traditionell ist das meist eine Frauenfigur in traditioneller Tracht, die als „Frau Masleniza“ für den hoffentlich bald beendeten Winter steht.

In der Stadt Perm haben sich einige Menschen in diesem Jahr auf ein populäres Feindbild geeinigt: Sie zündeten eine Strohpuppe an, der sie das Gesicht von Grigori Rodschenkow angesteckt hatten, dem Doping-Whistleblower. Damit keine Missverständnisse aufkommen, hat der Puppe auch noch jemand ein „WADA“-Schild ans Hemd geheftet.

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Einen lebenden Menschen symbolisch verbrennen und dann um die brennende Figur tanzen. Wo ist das Facepalm-Emoji, wenn man es braucht?

⚽ Welcher russische Verein erreicht in der Europa League die nächste Runde? Sergei Andrejew, sowjetischer Nationalspieler und heute Trainer, macht sich wenig Illusionen: Spartak, Zenit und ZSKA sind nach seiner Einschätzung alle chancenlos, bloß Lokomotive Moskau kommt weiter. So weit, so offensichtlich – Loko ist der einzige Verein, der sein Hinrundenspiel gewonnen hat.

Als ich mir zu Andrejew ein wenig Hintergrund anlesen wollte, bin ich auf ein interessantes Detail gestoßen: Der Mann ist einer von knapp 75 russischen Fußballern im Grigori-Fedotow-Klub. Nun ist das nicht die Sorte Verein, deren Mitglieder sich einmal im Jahr treffen und bei Mineralwasser die Tagesordnung abnicken und den Vorstand endlasten.

Der Fedotow-Klub ist eher eine Liste, eine Art Hall of Fame. Alle russischen Spieler, die in ihrer Profikarriere mindestens 100 Tore geschossen haben, gehören dazu. (Wer Spaß an sowas hat, findet im Kleingedruckten viel Unterhaltsames: So zählen zum Beispiel Tore in der Liga, in der Nationalmannschaft und bei Spartakiaden. Für russische Spieler im Ausland gilt: Tore in der ersten Bundesliga zählen, in der zweiten leider nicht.)

⚽ Nicht ausgestrahlt wird die Fußball-WM in der Ukraine, aus politischen Gründen und vielleicht auch als als Reaktion darauf, dass der Eurovision Song Contest in Kiew nicht im russischen Fernsehen gezeigt wurde.

Für ukrainische Fußballfans dürfte das allerdings kein großes Problem sein – und das nicht nur, weil ihre Mannschaft sich nicht qualifiziert hat. Schließlich sind viele russische TV-Sender zwar in der Ukraine geblockt. Aber wie geübt die Menschen darin sind, solche Blockaden zu umgehen, hat gerade erst diese Statistik gezeigt: VK, Odnoklassniki, Yandex – alle offiziell gesperrt und trotzdem weiterhin unter den populärsten Websites in der Ukraine. Heißt für die WM: Was der Fernseher nicht liefert, liefern halt VPN und Livestream.

⚽ Fünf WM-Spiele werden in Rostow am Don stattfinden, nun lässt sich der stellvertretende Gouverneur dort ins Portemonnaie gucken und zählt auf: 38 Milliarden Rubel für den schicken neuen Flughafen, 18 Milliarden fürs Stadion, dazu noch diverse Brücken- und Straßenbauprojekte, Insgesamt hat die Stadt so laut eigenen Angaben mehr als 100 Milliarden Rubel investiert, um sich weltmeisterschaftstauglich zu machen. Umgerechnet sind das rund 1,4 Milliarden Euro.

⚽ Zum Abschluss noch eine kleine Übersicht, mit welchen neuen Gesetzen sich die russische Regierung auf die WM vorbereitet. Zum einen läuft bis Ende Mai ein Pilotversuch zum steuerfreien Einkaufen für Touristen – bei Erfolg soll es im Anschluss direkt auf alle WM-Austragungsorte ausgedehnt werden. Damit bekämt ihr also die Mehrwertsteuer auf eure WM-Handyhüllen und WM-Hoodies und WM-Federmäppchen und WM-Teekannen zurück (ja, das gibt’s alles wirklich).

Der Verkehrsminister möchte unterdessen bitte ein Gesetz bewilligt bekommen, wonach er (vermutlich nicht persönlich) während des Turniers Drohnen abschießen lassen darf, die zum Beispiel ohne Erlaubnis über ein Stadion fliegen. Es ist nicht die einzige Akte mit WM-Vermerk auf dem Schreibtisch des Ministers: Gerade hat er auch ein Bauunternehmen verklagt, das für zwei der Stadien zuständig war. Knackpunkt ist offenbar die Frage, warum die Projekte so viel teurer wurden als geplant: Lag’s, wie die Firma sagt, an der Inflation? Oder ist da doch der ein oder andere Rubel, na, sagen wir mal: versickert?

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Ein Update gibt es noch nachzureichen zur Russball-Folge 34 – das war die mit der Liste russischer Hotels, die versuchen, WM-Reisende mit überhöhten Preisen abzuzocken. Gerade wurde bekannt, dass sie dafür insgesamt rund 88.000 Euro an Bußgeldern zahlen mussten. Guckt man allerdings genauer, verteilt sich diese Strafe auf fast 400 Hotels bzw. Hotelbesitzer. Im Schnitt also vielleicht 250 Euro pro Fall. Ob das irgendeine abschreckende Wirkung hat?



 

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