Keine „Netzhaut“ mehr in der WAZ

Im letzten halben Jahr hat vieles neu begonnen, jetzt geht mal was zu Ende: Die WAZ hat ihre Wochenendbeilage umgebaut und dabei ein paar Kolumnen abgeschafft. Dazu gehört auch die „Netzhaut“, in der ich seit ein paar Jahren fürs Print-Publikum über allerlei Internet-Themen geschrieben habe.

Das hat manchmal zu inneren Motzmonologen (Hab kein Thema! Hab zu viele Themen! Text zu lang! Text zu kurz!) geführt, war aber ansonsten immer eine Freude. Die Themen komplett frei wählen können und von zwei klugen, umsichtigen Kollegen redigiert und betreut werden – doppelter Luxus. Fürs Kolumnenbild vom grandiosen Jamiri gezeichnet werden, der auch kleine Extrawünsche („Ich war furchtbar unentspannt, kannst Du die Mundwinkel nicht noch ein bisschen hochzeichnen?“) erfüllt – auch toll.

Die erste Version des Kommentarbildes von Jamiri.
Die erste Version des Kommentarbildes von Jamiri.
Vor allem aber war die „Netzhaut“, als sie mir 2010 in die Hände fiel, schon ein doppeltes Erbstück: Aus den Händen von Katharina Borchert ging sie erst an Marc Hippler, dann an mich. Von beiden bin ich, menschlich wie fachlich, schon lange ein Fan – Katharina war einer der Gründe, 2008 zur WAZ zu gehen. Marc war schon als Volo ein Sparringspartner, der an vielen Tagen meine Motivation oben gehalten hat. So ein Erbe wärmt ganz ungemein.

Die Erbtante ist inzwischen beim Spiegel, der Erbonkel bei der RP und ich in Russland. Und das Erbgut? Ideen, aus denen bisher eine „Netzhaut“-Kolumne geworden wäre, werden in Zukunft Einträge hier im Blog. Dann hat sich auch das Leiden an der Textlänge erledigt.

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Bei Flickr wird aus Einkaufszetteln Kleinstkunst

Moleskine_Grillabend_Einkaufszettel_IMG_8200

Nürnberger Bratwürstchen, dicke Rippe, Chicken Wings, Rumpsteak, Schweinesteak. Es war die Einkaufszettel gewordene Fleischeslust, die Kathrin Jebsen-Marwedel im Mai vor einem Supermarkt fand. Alles erledigt, brav durchgestrichen, wie auch Kräuterbaguette und Eisbergsalat. Allerdings: Komplett war die Liste dann doch nicht abgearbeitet: kein Strich durch „Deo, Holger“, keiner durch „Tzaziki“.

Was für viele Einkäufer lästiger Bodensatz im Einkaufswagen ist, hat für die Grafik-Designerin Potential. Zusammen mit Jan Uhing, einem befreundeten Illustrator, hat sie deshalb eine Flickr-Gruppe gegründet. Hier zeichnen Menschen mit Fantasie unter dem Motto „Who lost this shopping list?“ die Geschichten hinter den Zettelfunden.

Who Lost this Receipt or Shopping List -Group.

Geschichten wie die von Hannelore, die für ein Abendessen mit ihrem ersten Online-Date einkauft. Von Traudel und ihrem heimlich für die WM gekauften Fernseher. Von Jonna und ihrem Papa, die hinter dem Rücken der Veggie-Mama sonntags volle Kanone Gulasch futtern. Von Helga, Heinz und den Rosen zum Hochzeitstag. Und eben die von Holger, Gastgeber eines Grillabends, dessen Gäste sich überraschend flott wieder verdrückten, wegen Deo-losem Holgerschweißmief.

Ein Detail, eine ungewöhnliche Kombination – alles kann den Impuls für eine illustrierte Geschichte geben. „Ich habe auch schon Einkaufswagen umgeparkt, weil ich zehn Wagen weiter vorne in der Einkaufswagenstation einen Einkaufszettel entdeckt habe“, bekennt Kathrin Jebsen-Marwedel.

Dass die Auseinandersetzung mit Einkaufslisten nicht nur die Kreativität anregt, sondern auch das Vokabular beeinfluss, merkt man spätestens, wenn man sie nach Tricks fragt, um ergiebige Zettel zu finden: „Ich glaube“, sagt sie dann, „wir in der Gruppe haben einen Scannerblick für Einkaufszettel entwickelt“.

10 07 2014

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Drei kleine Geschichten zur Medienkompetenz

Als Arne klein war, hat seine Mutter ihm erklärt, dass man nicht zu allem seinen Senf dazu geben muss. Wer den großen Arne kennt – schlau, schnell, schlagfertig – kann sich vorstellen, dass der kleine Arne diese Erklärung öfter als nur einmal gehört hat. Der große Arne hat gerade keine Zeit, das zu bestätigen. Er sucht seit Wochen nach den richtigen Worten, um zu sagen: „Mama, bei aller Liebe: Bloß weil Du jetzt auch bei Facebook bist und noch nicht so viele Leute kennst, heißt das nicht, dass Du jeden meiner Einträge kommentieren musst.“

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„Mein Kollege liest, was Du schreibst. Kannst Du nicht mal beiläufig darüber schreiben, dass es sich gehört, im Büro das Handy auf lautlos zu stellen? Seins klingelt auf „Don’t worry, be happy“, und es macht mich raderdoll.“ Erledigt. Bitteschön. Ach so: dasselbe gilt übrigens für das Auslöser-Geräusch beim Fotografieren mit dem Handy. Nichts zu danken.

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Skypen mit Patenkind 2 (inzwischen fünf Jahre alt) und seinem Vater. Als der kurz aus dem Zimmer geht, hat P. sofort den Finger in der Nase.
– „…und Vietnam grenzt auch an China. Laos ja auch und…“
– „Komm, P., jetzt nicht popeln.“
– „…Nordkorea, die Mongolei…“
– „Echt jetzt, Finger aus der Nase!“
– „…Afghanistan…(geht zwei Schritte zur Seite, damit er nicht mehr im Bild ist) „…und Pakistan auch.“

(Dieser Text ist so ähnlich auch in der Wochenendbeilage der WAZ erschienen.)

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Random Acts Of Pizza – ein voller Magen dank Reddit

Graue Tage haben nicht immer mit der Jahreszeit zu tun. Knietief im Dispo, frisch gekündigt/getrennt, Heizung kaputt – Gründe, sich elend zu fühlen, gibt es satt. Wer dann noch hungrig ist, den heitert Reddit auf: Das Soziale Netzwerk hat einen eigenen Bereich, in dem Nutzern an grauen Tagen geholfen wird – mit Pizza.

Random acts of Pizza“ heißt denn auch die Unterseite, auf der sich die geballte Hilfsbereitschaft manifestiert. Abgeleitet ist das von „random acts of kindness“, dem Begriff, für den es (bezeichnenderweise?) kein deutsches Gegenstück gibt. „Willkürliche Freundlichkeit“ trifft es grob, oder „Nettigkeit aus heiterem Himmel“. Leute, denen es gut geht, helfen anderen, denen es nicht gut geht. Ein Wunder, dass noch keiner von der Tea Party „Kommunismus!“ gerufen hat.

Ob gegen Hunger oder als Trost – wer seine Situation bei Reddit kurz beschreibt, steigert die Chancen, dass ihm jemand einen Online-Gutschein für die nächste Pizzakette kauft. Deutsche Pizza-Empfänger sind allerdings rar, im Moment kommen die meisten Esser und Spender noch aus den USA, gelegentlich ist auch mal ein Brite dazwischen.

Einige von ihnen bieten auch ein kleines Dankeschön an – das Spektrum reicht von „ich mal Dir ein Bild“ über „ich komponier ein Musikstück“ bis „ich mail Dir ein Foto von meinen Brüsten“. Am häufigsten aber ist das Versprechen, die gute Tat bei Gelegenheit nachzumachen: „Wenn ich besser dran bin, kauf ich jemand anderem ne Pizza.“

(Dieser Text ist so ähnlich auch in der Wochenendbeilage der WAZ erschienen.)

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There’s a special place on Twitter for Madeleine Albright

Von den Dreharbeiten zur ersten Staffel von „The West Wing“ wird kolportiert: Der Dreh war nachts, er war laut, und plötzlich stand dem Team rund um Autor Aaron Sorkin eine Dame im Bademantel gegenüber. Was denn der Lärm solle, sie brauche ihren Schlaf, wichtiger Termin morgen früh. Ach, Aufnahmen für „The West Wing“? Der Serie fehle ja wohl eine hochrangige Politikerin, sagen wir mal, eine Außenministerin. In der nächsten „West Wing“-Staffel gab es dann die Rolle der NSA-Chefin Nancy McNally.

Die Frau im Bademantel war Madeleine Albright, und wer an einem Ort lebt, wo man die frühere US-Außenministerin nicht einfach schlaftrunken auf der Straße antrifft, hat als zweitbeste Möglichkeit nun Twitter, wo Albright von der Gründerin der Huffington Post gleich mit einem passenden Zitat (mehr dazu hier oder hier) begrüßt wurde:

Seit dem Tag nach der Bundestagswahl twittert Albright – das ist noch nicht lang, aber es hat schon für ein paar sehr unterhaltsame Tweets gereicht. Sie überlegt, Henry Kissinger zu Twitter zu locken, postet ein Video, auf dem sie den Trompeter Chris Botti am Schlagzeug begleitet.

Am interessanten aber ist ihr Schulzeugnis anno 1952, als Albright 15 war: „Gut in Englisch, bis auf die Zeichensetzung“, ausgezeichnet in Geschichte, aber in Französisch nur mittelprächtig – Madeleine soll mehr auf die richtigen Formen achten. „Sie übernimmt Verantwortung in der Gruppe für Internationale Beziehungen“, heißt es dann noch. Der Rest ist Geschichte.

(Sowas Ähnliches wie dieser Text stand auch als „Netzhaut“-Kolumne in der Wochenendbeilage der WAZ.)

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Schreiben für Print

Wie man eine Print-Kolumne von 1400 Zeichen schreibt.

Variante A: Kolumne schreiben. 600 Zeichen. Alles ist gesagt. Tee kochen. Kolumne mit Beispielen anfüttern. Den Rest mit Absätzen und Wörtern, die möglichst raumgreifend umbrechen, füllen. Kolumne mailen.

Variante B: Kolumne schreiben. 1800 Zeichen. Zwei zwingend notwendige Aspekte sind noch nicht erwähnt. Unter Schmerzen einkürzen. 1600 Zeichen. Einer strengen Kollegin geben. 1500 Zeichen. Nach kürzeren Wörtern für „ist“ und „und“ suchen. Kolumne schließlich mit Überlänge mailen und um Layoutanpassung winseln. Schokolade versprechen.

Variante C: Kolumne schreiben. 1350 bis 1450 Zeichen. Kernargumente sind drin, Beispiele passen. Musik aufdrehen. Letzte 50 Zeichen nachjustieren. Kolumne mailen.

Statistische Verteilung:
Variante A – 30 Prozent.
Variante B – 70 Prozent.
Variante C – Rest.

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