Russball, Folge 21: Was ihr bei der Fußball-WM um den Hals hängen habt

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Diese Russball-Folge muss am Anfang kurz mal Dänball sein. Wir waren eine wunderbare Woche lang auf Fanø, vier Große, zwei Kleine – oder anders gesagt, zwei Schalker und vier mehr oder weniger langjährige BVB-Fans. Was tut man nicht alles, um dem Patenkind und seinem Bruder vorzuleben, dass es noch andere Optionen gibt: „Stimmt, das ist cool, dass da jemand einen Drachen steigen lässt, der aussieht wie die BVB-Biene. Aber hast du dir mal den restlichen Himmel angeguckt? Alles blau und weiß!“

Auf der Insel gibt es auch eine Schule, flankiert von einer Bücherei, allerlei Kletter- und Hüpfmöglichkeiten und einer Sportanlage. Nicht nur für Schüler, sondern offen für alle. Beeindruckt hat mich dort der Aushang am Fußballfeld, der vor allem im Herbst und Winter nützlich ist: Schicke eine SMS an diese Nummer, und die Beleuchtung wird für eine Stunde eingeschaltet.

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Sehr einfach, sehr schlau – jetzt wüsste ich nur noch gerne, ob das automatisiert ist oder am anderen Ende ein Mensch sitzt, der einen Lichtschalter drücken muss. So oder so: Falls ihr Fußball spielenden Kindern eine Stunde Strom organisieren oder einfach als Kunstprojekt mitten in der Nacht einen dänischen Bolzplatz beleuchten wollt: Die Ländervorwahl ist +45, der Rest steht auf dem Zettel.

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⚽ Sports Illustrated hat einen Auszug aus dem Buch „Under the Lights and In the Dark: Untold Stories of Women’s Soccer“ veröffentlicht. Es geht um die junge amerikanische Fußballerin Danielle Foxhoven, die 2012 für Energija Woronesch gespielt hat – eine gruselige Erfahrung. Kurzentschlossen hatte sie dem Club zugesagt, nachdem ihr Job bei einem US-Verein weggebrochen war. Der Artikel beginnt mit einer krassen Szene, in der ihr russischer Trainer sie ins Gesicht schlägt, weil sie sich auf den kalten Boden gesetzt hat. Es folgen Sexismus, Beschimpfungen, als Vitamine getarntes Doping.

Man kann das kaum lesen, ohne sich zu fragen, wie leidensfähig man als Profisportlerin eigentlich sein muss – und wie naiv man sein kann: Tabletten einfach schlucken, unerklärte Spritzen einfach akzeptieren. Wer über den Buchauszug hinaus weiterlesen will: Danielle Foxhoven hat über ihre Zeit in Russland gebloggt. Hier etwa über den traurigen Entschluss, mit dem Russischlernen aufzuhören: Sonst, so die Logik, würde sie noch mehr von den Seitenhieben ihrer Mitspielerinnen verstehen.

⚽ Dass Moskaus renoviertes Luschniki-Stadion mit einem Freundschaftsspiel gegen Argentinien wiedereröffnet werden soll, ist ja schon ein paar Tage bekannt. Neu sind aber die Infos, die RBK zu den Kosten für dieses Spiel recherchiert hat. Demnach zahlt Russland rund eine Million Dollar, damit die Argentinier dem Eröffnungsspiel den nötigen fußballerischen Glanz verleihen.

Bemerkenswert sind an dem RBK-Bericht zwei Details. Zum einen zitiert er einen Experten mit den Worten, Argentinien verlange normalerweise eher zwei Millionen pro Spiel. Der Russland-Rabatt entstehe dadurch, dass aktuell „alle Nationalmannschaften froh darüber sind, im Land der nächsten Weltmeisterschaft zu trainieren.“ Derselbe Experte veranschlagt dann auch noch schnell, welcher Anteil der Millionensumme dafür fällig wird, dass Lionel Messi mit anreist: zwischen 35 und 50 Prozent. So fühlt es sich also an, argentinischer Nationalspieler, aber nicht Messi zu sein: Schau mal, der da drüben ist genau so viel wert wie wir restlichen alle zusammen.

⚽ Neuer Tabellenführer in der Premjer Liga: Lokomotive Moskau hat den bisherigen Spitzenreiter Zenit St. Petersburg sowas von geschlagen – 3:0, und das auswärts. Zwei der Tore hat Jefferson Farfán geschossen, das dritte für Alexei Mirantschuk vorbereitet, das sah dann so aus:

Was heißt das nun für die restliche Saison? Einerseits ist der Verlust der Tabellenspitze noch keine Krise. Zenit war im vergangenen Jahrzehnt viermal russischer Meister, Lokomotives letzte Meisterschaft war 2004. Andererseits, das fasst der Chefredakteur von Russian Football News hier gut zusammen, haben die Moskauer eine deutlich leichtere Rückrunde vor sich. Bei Lokomotive jedenfalls ist der Jubel groß – schließlich bedeutet der Spitzenplatz auch, dass man vor den drei Lokalrivalen ZSKA, Spartak und Dynamo liegt.

⚽ Noch 225 Tage bis zur Fußball-WM, dazu machen hier gerade zwei Zahlen die Runde. Zum einen werden die Kosten für das Turnier höher liegen als bisher geplant: 678 Milliarden Rubel statt 643,5 Milliarden – umgerechnet ist das ein Anstieg von rund 500 Millionen Euro. Warum? Die offizielle Verlautbarung nennt keine Gründe. Aber solche Preissteigerungen sind bei Großereignissen nicht unüblich – und in Russland, wir erinnern uns an den Stadionbau in St. Petersburg, erst recht nicht.

Auch Zahl Nummer zwei liegt höher als bisher erwartet, das dürfte allerdings die meisten WM-Teilnehmer freuen. Die FIFA erhöht das Preisgeld, um das die Mannschaften bei der Weltmeisterschaft konkurrieren. 344 Millionen Euro oder, schön rund, 400 Millionen Dollar sind nun im Topf. Wer schon in der Gruppenphase ausscheidet, nimmt 8 Millionen mit heim, dem Weltmeister winken 38 Millionen. Alle Stufen dazwischen hier zum Nachlesen.

⚽ Falls ihr zur Weltmeisterschaft nach Russland kommen wollt, werdet ihr übrigens das hier um den Hals hängen haben – das neue Design wurde gerade vorgestellt:

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Die Fan-ID ist, wie schon beim Confed-Cup diesen Sommer, der Ausweis, ohne den nichts geht. Nur wer ihn vorzeigen kann, darf ins Stadion – die Eintrittskarte allein reicht da nicht. Auch wer ohne Visum einreisen oder einfach nur kostenlos mit der Metro zum Stadion fahren will, braucht die Fan-ID.

Was mich übrigens interessieren würde: Warum ist die ID das einzige, was zwar zur WM gehört, aber nicht im WM-Design gestaltet ist? Dieses Planschbecken-Stadion, aus dem da der Ball raushüpft, hat nichts mit dem Look des Turniers zu tun. Nicht mal die Schrifttype stimmt, das müsste Duscha (Душа) sein. Beim Confed-Cup war das auch schon so – was es nicht leichter macht, wenn man versucht, den Ort zu finden, wo man seinen Ausweis abholt.

⚽ Maslow, Maslow, warum kommt mir der Name noch mal bekannt vor? Ach ja, die Bedürfnispyramide, damals im SoWi-Unterricht. Erfunden hat sie Abraham Maslow, dessen Namensvetter Denis heute Geschäftsführer beim FK Amkar Perm ist. Und es wäre mir ein akutes Bedürfnis, dass der Mann seine schwulenfeindlichen Statements künftig für sich behält – oder ihm zumindest ordentlich Kritik entgegenschlägt, wenn er sowas hier sagt:

„Schwule im russischen Fußball? Gottseidank bin ich noch keinem begegnet und ich hoffe, das bleibt auch so. (…) In der Bibel steht, dass Gott Adam und Eva schuf, nicht Adam und Adam.“ Bei den Spieler von Perm sei er sich jedenfalls sicher, dass alle „eine traditionelle Orientierung“ haben, behauptet Maslow weiter: „Alle Jungs sind entweder verheiratet oder leben mit ihrer Freundin.“ (Was, die leben unverheiratet zusammen? Was sagt denn da die Bibel?)

Lenta.ru protokolliert Maslows Äußerungen und weist zur darauf hin, dass es in Europa durchaus offen schwule Männer im Fußball gibt: Thomas Hitzlsperger als Profifußballer, den Briten Ryan Atkin als Schiedsrichter. Und ich frage mich, ob man da unten auf die Fan-ID vielleicht nicht nur „Say no to racism“ drucken könnte, sondern auch „Say no to homophobia“. Oder, ganz schlicht, „Don’t be an idiot.“

⚽ Zum Runterkommen eine kleine Nachricht von der Rheinland-Russland-Schiene. Normalerweise ist Konstantin Rausch ja immer der FC-Köln-Spieler, der auch zur russischen Nationalmannschaft gehört. Heute also mal andersrum: Der russische Nationalspieler Konstantin Rausch hat seinen Vertrag beim 1. FC Köln verlängert und bleibt nun bis 2021. Soundtrack zur Entscheidung: Wat och passeet, dat Eine es doch klor: Mer blieven, wo mer sin, schon all die lange Johr.

⚽ Begonnen hat diese Russball-Ausgabe mit einer leidensfähigen Fußballerin, enden soll sie also mit zwei nicht minder unerschütterlichen Nachwuchsmannschaften. Am Samstag sollten die Jugendteams des FK Amkar Perm und des FK Ural gegeneinander antreten – in Perm, also fast schon im asiatischen Teil Russlands. Anfangs war das auch ein ganz normales Spiel. Bis zur 35. Minute.

Nein, das ist kein Nebel. Das ist Schnee.

Viel Schnee.

Verdammt viel Schnee.

Wie sagt man noch mal „Abbrechen wegen Unbespielbarkeit“ auf Russisch? Keine Ahnung, und auch egal. Die 90 Minuten wurden ganz normal runtergespielt, nur der schwarzweiße Ball gegen einen bunten ausgetauscht. Am Ende stand es 5:1 für die Gastgeber; die dann vor lauter Glück noch eine endlose Fotostrecke des Schneematches veröffentlicht haben.

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Während ihr das hier gelesen habt, bin ich auf dem Weg nach Tiflis – das Team von Coda Story, zu dem ich als Social Media Editor gehöre, trifft sich dort zur Redaktionsklausur. Mal sehen, vielleicht erzählt ja jemand am Rande eine interessante Geschichte vom georgischen Fußball. Die lest ihr dann nächsten Mittwoch hier – bis dahin, macht’s gut!



 

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Das Problem am Winter in Russland

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Das Problem am Winter hier in Russland sind halt die Temperaturen. Es ist einfach zu warm.

Zu warm in der Metro, wenn man 15 Minuten über vereisten Schnee dorthin geschlittert ist, um dann plötzlich mitten im Rolltreppenrudel zu stehen, von heißer Luft umweht und von dem, was man selbst und die Mitreisenden so ausdünsten. Zu warm beim Schaufenstergucken, wenn die Güterabwägung im Kopf so geht: Das da vorne ist eine echt schöne Jeans. Aber dafür jetzt Winterjacke, Fleecejacke, Mütze, Handschuhe, Schal, Halstuch, die Stulpen an den Handgelenken, die Stiefel, die Stulpen an den Knöcheln, die Hose und die Leggings drunter ausziehen? So schön kann keine Jeans sein.

Zu warm ist es auch in der Wohnung, weil die Nachbarn alle bis zum Anschlag heizen – kostet ja nix, oder fast nix jedenfalls. Was hab ich damals die potenziellen Vermieter verwirrt, als ich beim Wohnungssuchen nach den Nebenkosten gefragt habe. Nebenwas? Was will die komische Ausländerin? Ach, Öl, Gas, Strom? Naja, ein paar hundert Rubel halt im Monat, fünf Euro oder vielleicht zehn. Russland ist reich an Ressourcen, die Temperatur wird also reguliert nach dem Prinzip: Heizung läuft immer, zentral angeschaltet, und bei Bedarf kann man ja lüften. Nur seltsame Zugereiste lassen Ventile an die einzelnen Heizkörper dranflanschen, um zumindest die Wahl zwischen an und aus zu haben. Drehknöpfe mit einer Skala von 0 bis 5? Gibt es, sind aber so selten wie Plusgrade im Januar.

Drinnen überheizt, draußen knackig kalt, dazu das extrem harte Wasser. Der Moskauer Winter ist also auch der Grund, warum Haut und Haare hier besonders viel Liebe brauchen. Duschöl statt Duschgel, kein Shampoo ohne Spülung. Bodylotion, Handcreme, Gesichtscreme – zum ersten Mal im Leben besitze ich eine Fußcreme, ja sogar eine Nasencreme, für wenn das Salzwasser-mit-Bepanthen-Spray nicht mehr reicht, um die Schleimhäute halbwegs feucht zu halten. Als eine irische Freundin zum ersten Mal bei uns zu Besuch war, war sie arg perplex von den schwarzen Plastikwürfeln, die in den verschieden Zimmern vor sich hinsummen: „Was sind das, Luftbefeuchter? Bei uns zuhause hat jedes Haus einen Luftentfeuchter!“

Vielleicht ist es dieses Überangebot an Wärme, das uns den russischen Winter dann besonders lieben lässt, wenn er so richtig zeigt, was er kann. Nicht irgendwo um die standardmäßigen -15, nein – da gilt tatsächlich alles, was ich gerade beschrieben habe. Aber dann, wenn die Minusgrade in den Zwanzigern oder gar Dreißigern liegen, wird es interessant. Du trittst vor die Haustür und merkst, wie die Feuchtigkeit in der Nase gefriert. Du willst Fotos vom Roten Platz im Winter machen, aber nach einer Minute fühlst du deine Fingerspitzen nicht mehr (und kurz darauf stirbt ohnehin der Akku). Du stapfst eine halbe Stunde durch den Schnee, den Schal bis vor den Mund hochgezuppelt, so dass die ausgeatmete Luft am Stoff gefriert – und fühlst dich hinterher wie ein Held, während du im Café wartest, dass die Oberschenkel aufhören zu prickeln.

So ein Wetter hatten wir in den ersten Tagen dieses neuen Jahres, und was haben wir es genossen! Sind mit dem Zug ins Moskauer Umland gefahren, um dort an kleinen Kirchen vorbei durch noch mehr Schnee zu stapfen. Haben im Gästezimmer Käpt’n Blaubär vom Fensterrahmen losgeeist, an dem er leider mit seinem flauschigen Hintern festgefroren war. Waren in eisigster Winternacht in der orthodoxen Weihnachtsmesse. Haben wilde Experimente mit gefrierenden Seifenblasen, Schnee aus kochendem Wasser und einem steif gefrorenen Handtuch gemacht.

Ein großer Spaß, auch wenn wir permanent drei Handys dabei haben mussten zum Filmen, weil bei 30 Grad unter null eben nach wenigen Minuten der Akku entscheidet, dass jetzt aber auch genug ist. Wir hätten gerne noch mehr probiert – ob man mit einer gefrorenen Banane tatsächlich einen Nagel in die Wand schlagen kann zum Beispiel. Gestern Abend hatten Patenkind 3 und sein großer Bruder noch Wünsche angemeldet, doch sie werden warten müssen: Über Nacht kam der Wetterumschwung, heute bietet Moskau nur noch einstellige Minusgrade.

Es ist einfach zu warm.

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Moskau von oben – Videos zum Schwelgen

Moskau ist usselig in diesen Tagen. Das Wasser steht auf den Straßen der Stadt, und weiß ist der restliche Schneematsch nur da, wo er nicht grau, schwarz oder braun ist. Gummistiefel müssen wettmachen, was die Kanalisation nicht auf die Reihe kriegt.

Da hilft nur: drüberstehen, oder noch besser: drüber fliegen. Denn der Blick von oben versöhnt, auch wenn er nur Winter zeigt, wieder mit der Stadt und macht das Ach zum Hach.

Von Frankfurt nach Domodjedowo

Kurz vor dem Start in Frankfurt am Main hat Marc Schneider, Flugbegleiter bei der Lufthansa, seine GoPro im Cockpit angebracht und mit ihr den kompletten Flug nach Moskau mitgeschnitten. Durch die Regenwolken hindurch in den Sonnenschein, dann wieder runter – mit einem Blick übers schneebedeckte Moskauer Umland und ein paar Flugkurven, bei denen man sich fast am Stuhl festhalten möchte.

Was im echten Leben rund drei Stunden braucht, dauert im Zeitraffer nur gut drei Minuten. Und dank GPS-Tracking wird gleichzeitig eingeblendet, wo sich das Flugzeug gerade aufhält.

Kletterpartie in Moscow City

„Evolution“ heißt der Turm von Moskau City, der sich wie die DNA-Doppelhelix nach oben schraubt. Roofman, Klettermaxe und selbsternannter Superheld, findet durch Katakomben, an Rohren vorbei und über ziemlich viele Treppenstufen nach oben.

Dabei werden zwecks besserer Selbstinszenierung ein paar Türen eingetreten, ab und an imaginären Verfolgern der Finger gezeigt – und dann ist er endlich oben. Mit einem unglaublichen Blick über die Stadt und Kameraschwenks, die auch als Schnelltest auf Höhenangst funktionieren.

Moskau als Winteridylle

Die Uni oben auf den Sperlingsbergen sieht aus wie Hogwarts, ein Ausflugsschiff fährt durch die eisfreie Mitte der Moskwa, die Kremlmauer leuchtet rot durch den noch weißen Schnee.

Sieben Minuten Rundflug, erst im schmeichelhaften Rosa eines sonnigen Wintermorgens, später dann bei Nacht. Und dazu die Sorte Pathos-Musik, die einen einmal tief durchatmen lässt. Moskau von seiner Eiskonfektseite.

Drohnenangriff auf der Twerskaja

Bei den Videos von Copter Mobi ist die Kamera stets so montiert, dass man Teile der Drohne sieht. Dass dieser Clip anders ist, merkt man allerdings schon in den ersten Sekunden: Man sieht nicht nur die Drohne, sondern auch fünf, sechs braune Eier, die auf ihr liegen und manchmal ein wenig wackeln.

Die Drohne schwebt über die Twerskaja, dreht sich am McDonald’s, fliegt dann weiter die Straße entlang Richtung Kreml. Ein paar Ehrenrunden vorm Ritz-Carlton (von 1:15 kann man nach 3:15 springen, ohne groß was zu verpassen), dann sucht sich die Drohne in der Warteschlange an einer roten Ampel ihr Opfer.  Und ein Moskauer Autofahrer fragt sich, warum er plötzlich Eigelb und Eiweiß auf der Windschutzscheibe hat.

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Winter in Moskau: Warum läufst Du denn so komisch?

Moskau Winter Schnee Füße

  • Weil Schneematsch auf dem Boden ist.
  • Weil Eis auf dem Boden ist.
  • Weil unter dem Schneematsch Eis auf dem Boden ist.
  • Weil die Stiefel neu sind und die Blase an der Ferse auch.
  • Weil der Akku vom iPhone platt ist und ich es in die Tasche der eher engen Hose gesteckt habe zum Aufwärmen.
  • Weil die Ex-Frau des Moskauer Bürgermeisters eine Pflasterstein-Firma hat. In letzter Zeit werden immer mehr Bürgersteige gepflastert statt geteert, und das Eis setzt sich schön in die Fugen.
  • Weil ich Angst habe, auszurutschen.
  • Weil ich gerade fast ausgerutscht wäre.
  • Weil ich gestern ausgerutscht bin und nun ein stattliches Hämatom an der Hüfte habe.
  • Weil sich der Wollsocken im linken Schuh eigenmächtig um den Fuß gedreht hat.
  • Weil das iPhone immer noch nicht wieder angeht und ich als zusätzliche Wärmequelle jetzt noch die Hand in die enge Hosentasche gesteckt habe.
  • Weil ich heute mal das Schlurfen als Strategie gegens Ausrutschen teste.
  • Weil ich 45 Minuten im Schnee vor einer Kirche angestanden habe und jetzt meine Zehen nicht mehr fühle.
  • Weil es bergauf geht.
  • Weil es bergab geht.
  • Weil ich Abstand halte zu den Autos, die dreckiges Schmelzwasser hochspritzen lassen.
  • Weil das Geländer an dieser vereisten Treppe auf Kniehöhe angebracht ist.
  • Weil ich heute dummerweise eine Hose ohne Taschen angezogen habe und das iPhone jetzt in der Achselhöhle aufwärme.
  • Weil ich endlich wieder drinnen in einem Gebäude bin – aber der Boden ist frisch gewischt, und natürlich muss man Plastikhüllen über den Schuhen tragen.

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Warum es politisch ist, wenn wir Schneeräumfahrzeuge sehen

Diese Woche haben wir in Moskau die erste richtige Ladung Schnee des Winters bekommen. Schön, weil die Stadt endlich mal nicht mehr grau aussieht, und weil man mit großen Augen die ganzen Räumfahrzeuge bestaunen kann. Gerade auf unserer Straße ist da einiges unterwegs, denn sie ist für viele Wichtigmenschen aus dem Kreml der Weg zur Arbeit.

Ein Verbund aus vier, fünf Schneepflügen, die gleichzeitig auch noch Frostschutzmittel sprühen, ist also kein seltener Anblick. Dieser Oschi von einer Maschine hier war mir dann aber doch neu.

Kann gut sein, dass dieser Schneefresser auch früher schon im Einsatz war und mir nur nicht aufgefallen ist. Speziell ist in diesen Tagen aber definitiv, wie viel Platz die Schneeräumerei in den Hauptnachrichten der staatlich kontrollierten Fernsehsender einnimmt.

Wir sehen Straßen im Schnee – und die Kamera schwenkt zu den Räumfahrzeugen, die am Straßenrand mit laufendem Motor auf ihren Einsatz warten. Wir sehen Autos, die über frisch geräumte Straßen rollen – und die Arbeiter, die sich nach ihrem Räumeinsatz an einer Tasse mit etwas Heißem drin aufwärmen. Minutenlang derselbe Zyklus aus fallendem Schnee, Schneeräumen und wieder fließendem Verkehr.

Der Grund für diese medialen Schneeräumfestspiele lässt sich mit einem Wort zusammenfassen: Orenburg. 16 Stunden lang saßen Autofahrer dort eingeschneit fest, ehe die Räum- und Rettungskräfte sich ihrer annahmen. Ein Mann erfror, eine Frau starb kurz nach ihrer Rettung. Im Netz machte danach die Beschwerde eines der Eingeschneiten die Runde: “Wie kann es sein, dass in Russland die Ausrüstung fehlt, um durch den Schnee zu den Menschen zu kommen und sie zu retten?“

Dieses schwere Gerät, das wir in diesen Tagen so prominent in den Abendnachrichten der Staatssender sehen, hat also nicht nur die Aufgabe, Straßen vom Schnee zu befreien. Vor allem zeigt es Präsenz.

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