Die Holzhausfensterkollektion aus Sibirien

Was bleibt nach zwei Wochen Spätsommerurlaub in Sibirien? Die tiefe Ruhe beim Blick auf den Teletzker See. Das Kratzen im Hals beim Gedanken an die Drecksluft in Nowosibirsk, die fast nach Peking schmeckt. Das perplexe Gefühl zwischen Dankbarkeit und Machtlosigkeit, wenn du plötzlich von netten Tomskern adoptiert wirst, die nun deinen Tagesablauf planen. Die Birken, Birken, Birken, Birken vorm Zugfenster.

Überhaupt der Genuss einer Zugfahrt, die eine eigene Liege, Kopfkissen und Bettdecke mit dem Blick aus dem Fenster vereint. Der von Tag zu Tag schwindende Enthusiasmus, wenn es schon wieder mittelwarme Kascha zum Frühstück gibt. Die Freude über frei herumstromernde Hunde, Kühe, Pferde im Altai. Und eben die ganzen Holzfenster, blau und braun und beige und bunt. Das bleibt.

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Die Menschenkette von Tomsk

Da stehen wir nun also bei Viktor im Garten und bewundern seine Dahlien. Während er erzählt, dass seine Frau gerade verreist ist – den neuen Enkelsohn besuchen! – pflückt Viktor eine Hand voll kleiner, roter Äpfel für uns und packt sie in eine Tüte. Dann noch eine unterschenkelgroße Zucchini. Drei Tomaten. Noch ein paar Äpfel.

Anschließend gucken wir gemeinsam auf Viktors Handy ein Video, in dem der kleine Enkel zum ersten Mal in ein Stück Melone beißt. „Ihr könnt auch noch Möhren haben,“ ruft Viktor uns nach, als wir uns verabschieden.

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Zu Viktor hat uns Ekaterina geführt. Morgens um zehn holt sie uns ab – los geht‘s, Stadtrundgang! Sie ist Historikerin, Expertin für Tomsks alte Holzhäuser, für deren Erhalt sie vor ein paar Jahren selber mitgekämpft hat.

Sie führt uns durch Hinterhöfe und in Treppenhäuser, erzählt von den Leuten, die hier wohnen und davon, wie das war, als vor langer Zeit der Wald noch bis an die große Straße reichte und an ihr entlang Soldaten lebten, um Reisende vor Räubern und Bären zu schützen. Zwei Stunden sollte unser Rundgang dauern, am Ende sind es fast vier.

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Ekaterina hat sich für uns Zeit genommen, weil Dmitry sie angesprochen hat. Persönlich lernen wir ihn erst an unserem letzten Tag in Tomsk kennen – da ist die Flasche sibirischer Beerenwein, die er zusammen mit einem sibirischen Käse und ein bisschen sibirischem Gebäck an der Hotelrezeption für uns hinterlassen hatte, schon leer. Dmitry führt uns mitten rein in den Festsaal des alten Unigebäudes, quer durch den botanischen Garten, über Trampelpfade, durch Hinterhöfe und Trödelläden.

Mit dem Bus raus aus der Stadt in ein Waldstück, bis wir schließlich auf den Tom herabblicken, den Fluss, der Tomsk seinen Namen gegeben hat. Im Vorbeilaufen treffen wir: die oppositionelle Bürgermeisterkandidatin, diverse Uni-Mitarbeiter, eine Galeristin, drei Mitarbeiterinnen eines Trödelladens, eine armenische Restaurantbesitzerfamilie und einen Taxifahrer, die Dmitry alle, alle kennt.

Am nächsten Morgen noch ein Abschiedskaffee, Dmitry hat Tomsker Souvenirs mitgebracht – und Gurken von der Datscha seiner Eltern. Mit Grüßen, unbekannterweise.

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Unser Kontakt zu Dmitry ist entstanden, weil Inna gerade nicht in Tomsk ist. Dabei hatte sie sich schon so viel für uns überlegt: einen Stadtrundgang, ein Abendessen bei Freunden von ihr, zu deren Haus eine echte russische Banja gehört. Dazu hatte sie allerlei Tipps für Vegetarier geschickt, wo man in Tomsk gut essen kann.

Leider kam es dann so aus, dass bei ihr genau dann, als wir nach Tomsk wollten, ebenfalls eine Reise anstand. Also hat sie eine Vertretung organisiert.

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Inna hat sich unserer angenommen, weil wir Alice erzählt haben, dass wir nach Tomsk wollen. „Ich kenn da wen“, hat sie gesagt, „soll ich euch mal zusammenbringen?“ Dann hat sie uns per Chat einander vorgestellt. Alice ist der einzige Mensch in dieser Geschichte, den wir schon kannten, ehe wir nach Tomsk kamen.

Alles andere hat sich entwickelt, indem ein Mensch uns angereiste Fremde an den nächsten weitergereicht hat. Inna, Dmitry, Ekaterina, Viktor. Sibirische Gastfreundschaft als Menschenkette.

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Russball, Folge 27: Das DFB-Fan-Camp in der Moskauer Pampa

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Doping. Rassismus. In dieser Russball-Woche müssen wir mal wieder über die großen Probleme des russischen Fußballs reden. Aber keine Bange – es geht auch um Geld, um Fußball im Schnee, um DFB-Werbung für eine Moskauer Fan-Unterkunft und um Schadenfreude.

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⚽ Ach komm, dann fangen wir mit der Schadenfreude auch direkt an. Deren Anlass ist, natürlich, die Champions-League-Begegnung zwischen dem FC Liverpool und Spartak Moskau. Liverpool hat sowas von gewonnen7:0, ein Fiasko für Spartak. Noch nie ist ein russischer Verein in einem europäischen Wettbewerb so abgewatscht worden. Dmitri Alenitschew, bis vergangenes Jahr Spartaks Trainer, spricht von einem Schock und einem inakzeptablen Ergebnis. Rekordnationalspieler Alexander Kerschakow sieht die Niederlage als Beleg dafür, wie schwach der russische Vereinsfußball im Allgemeinen ist. „Die russische Titanic“, titelt Sport Express.

Und was machen die russischen Fußballfans aus der Niederlage? Klar doch: Witze. Der hier zum Beispiel macht gleich in mehreren Versionen die Runde:

Der hier spricht für sich selbst:

Und der hier ist zwar nicht von einem Russen, gewinnt aber den Preis für die steilste These:

⚽ Parallel zu den Begegnungen der Champions League gibt es die Jugendliga der UEFA, bei der dieselben Vereine gegeneinander antreten, diesmal aber auf U19-Level. Und da hat es allem Anschein nach einen schweren rassistischen Vorfall gegeben. Schon bei der Hinrunde zwischen Liverpools U19-Mannschaft und der von Spartak hatte es rassistische Rufe der Spartak-Fans gegen Bobby Adekanye gegeben, Spartak musste zur Strafe sein Stadion teilweise sperren. Nun stand die Rückrunde an, und diesmal ist es ein Spartak-Spieler, der ausfällig geworden sein soll: Leonid Mironow, ausgerechnet der Kapitän, soll Rhian Brewster rassistisch beleidigt haben.

Wichtig wird in den nächsten Tagen nicht nur, ob die UEFA diesmal deutlicher reagiert als bei dem Vorfall im Hinspiel. Natürlich sind solche rassistischen Attacken das Letzte, was Russland ein halbes Jahr vor der WM braucht. Gegen Mironow läuft nun ein Verfahren, sein Agent dementiert. Das Schlusswort aber gehört diesem Liverpool-Fan, der aus dem Champions-League-Spiel und der U-19-Begegnung ein knappes Fazit zieht:

⚽ Apropos Rassismus: Ihr erinnert euch an das Banner einiger Zenit-Fans, die meinten, den serbischen Kriegsverbrecher Ratko Mladic feiern zu müssen? Die UEFA hat reagiert, Zenit darf beim nächsten Spiel in einem europäischen Turnier keine Karten für den Sektor verkaufen, in dem das Banner hing. Stattdessen soll dort ein Antidiskriminierungs-Slogan wehen. Außerdem zahlt der Verein eine Geldstrafe: 10.000 Euro.

⚽ Dass Zenit hier nicht nur mit einer Negativschlagzeile auftaucht, hat der Verein Branislav Ivanović zu verdanken. Dessen Fallrückzieher-Tor in der Europa League gegen Real Sociedad war so schön – na, guckt halt selbst. Zucker.

⚽ Hilft ja nichts, wir müssen über Doping reden. Wieder mal. Also, eine Bestandsaufnahme: Das IOC hat Russland von den Winterspielen in Südkorea ausgeschlossen, nachweislich saubere russische Sportler dürfen aber unter neutraler Flagge antreten. Witali Mutko darf ein Leben lang keine olympischen Sportveranstaltungen mehr besuchen – derselbe Mutko, der als Russlands ranghöchster Fußballfunktionär der Oberorganisator der russischen Fußball-WM ist.

Was heißt das jetzt? Kommt drauf an, wen man fragt. Für die FIFA hat die Sperre „keinen Einfluss auf die Vorbereitungen“ für die WM – bitte gehen Sie weiter, hier gibt es nichts zu sehen. Für Wladimir Putin heißt es möglicherweise, dass er mit dem „Wir gegen den Rest der Welt“-Argument noch mehr Zustimmung für seine Wiederwahl bekommt. Russische Sportler und Sportfunktionäre sehen eine politische Entscheidung. Und Mutko? Der staatlichen Nachrichtenagentur TASS hat er gesagt, dass er jederzeit zum Rücktritt bereit ist – wenn es nötig ist. Aber darüber müsse man im Moment ja nicht reden.

⚽ Mir ist ein Werbelink für das deutsche Fan-Camp in die Hände gefallen. Das „DFB-Reisebüro zusammen mit dem Fan Club Nationalmannschaft powered by Coca-Cola“ bietet deutschen WM-Reisenden an: Unterkunft in einem russischen 4-Sterne-Hotel, aus Deutschland angereiste Orga- und Sicherheitsleute, Public Viewing und andere Bespaßung. Gerade, wer vielleicht unsicher ist, ob er sich in einer Großstadt und mit der fremden Sprache zurechtfindet, kann hier auf Nummer sicher gehen.

Stutzig gemacht hat mich allerdings der Ort, den das „DFB-Reisebüro zusammen mit dem Fan Club Nationalmannschaft powered by Coca-Cola“ sich ausgesucht hat. Das Holiday Inn Winogradowo wird beworben als „durch die öffentlichen Verkehrsmittel optimal an das lebendige Zentrum Moskaus angeschlossen“. Das stimmt allerdings nur, wenn man „optimal angeschlossen“ definiert als: Fußweg zur Bushaltestelle, Viertelstunde Busfahrt, Fußweg zur Metro, halbe Stunde Metrofahrt, umsteigen, noch mal eine Station mit der Metro fahren, dann wieder Fußweg. Das sind knapp anderthalb Stunden, um vom Hotel des „DFB-Reisebüros zusammen mit dem Fan Club Nationalmannschaft powered by Coca-Cola“ bis zum Roten Platz zu kommen.

Wer noch genauer wissen will, wie weit draußen dieses Hotel liegt, kann dabei das nützliche russische Wort „Oblast“ lernen. Es heißt sowas wie „Landkreis“ oder „Umland“, die Moskauer Oblast beginnt also da, wo Moskau endet. Dieses Holiday Inn, noch weiter nördlich vom Zentrum als der Ikea in Khimki – also, ich war mir sicher, dass das schon Moskauer Oblast ist. Aber nein: Genau hier streckt das Stadtgebiet (ähnlich wie damals Stefan Effenberg) einen langen Finger nach oben aus: Links und rechts ist längst Oblast, aber das Hotel des „DFB-Reisebüros zusammen mit dem Fan Club Nationalmannschaft powered by Coca-Cola“ liegt in einem schmalen Moskau-Korridor. Ich hab das hier mal mit Windows Paint einem hochprofessionellen Bildbearbeitungsprogramm eingezeichnet – rot schraffiert ist die Moskauer Oblast:

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Guckt man bei Tripadvisor, was Gäste an diesem Hotel kritisieren, klingt das so: „abgelegen (nur mit Auto zu empfehlen)“ – „praktisch keine öffentlichen Verkehrsmittel“ – „it would be a nightmare to even think of getting there by public transport“. Optimal angeschlossen ist anders. Kreativ noch dem Moskauer Stadtgebiet zugeschlagen stimmt aber definitiv.

⚽ Der Daily Telegraph hat einen Scoop zu Rubin Kasan: Offenbar hat der Club, der immerhin in Russlands oberster Liga spielt, seit Monaten seine Spieler nicht mehr bezahlt. Mehr als 11 Millionen Euro in ausstehenden Gehältern sind es laut Telegraph; der Absatz über Rubins Führungsriege liest sich wie das Skript für eine Klischee-Soap über Russland: „Präsident Radik Schaimijew steht auf Platz 88 auf der Liste der reichsten Männer in Russland. Kuratoriumsvorsitzender ist Rustam Minnichanow, Präsident von Tatarstan und ein Verbündeter von Präsident Wladimir Putin. Rubins Sportdirektor ist Rustem Sajmanow, der im Zusammenhang mit einem Mord verhaftet wurde und im Gefängnis saß.“

Nach Deutung des Telegraph entsteht aus der Finanzkrise das Risiko, dass Rubins Leistungsträger abgeworben werden. Kasans Lokalmedien halten sogar eine gezielte Strategie für möglich: „Vielleicht will der Klub so diejenigen Legionäre loswerden, die nutzlos und teuer sind?“, fragt Wetschernjaja Kasan. Vom Verein gibt es bisher nur ein dünnes „Kein Kommentar“, ein Agent, der mehrere Rubin-Spieler vertritt, hat die Zahlungsrückstände aber bestätigt. Und bei Werder fragen sie sich schon mal, ob Maxime Lestienne unter den Bedingungen nicht vielleicht nach Bremen wechseln möchte.

⚽ Schon mal von den Ewenken gehört? Nein? Dann vielleicht von den Dolganen? Auch nicht? Beides sind Völker, die zu den russischen Ureinwohnern gehören und vorwiegend in Sibirien leben. Wie es aussieht, wenn da jemand im Dezember auf die Idee kommt, ein informelles kleines Fußballturnier zu organisieren? Na, so:

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Zum Schluss noch dies hier: Wenn schon Hotelbesitzer und Fluglinien ihre Preise erhöhen, um von der Fußball-Weltmeisterschaft zu profitieren, dann bleibt das Umland von St. Petersburg (volle Punktzahl für alle, die jetzt gerade „Ah, Oblast!“ gedacht haben) auch nicht untätig. Dort erwägen Lokalpolitiker darum nun, während des Turniers die Steuern für Buchmacher zu verdoppeln. Gewettet wird schließlich immer, erst recht während großer Turniere. Gut möglich, dass andere russische Regionen nachziehen und eine ähnliche Regelung einführen.



 

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Baikalsee – die große Ruhe (und ein paar Chinesen)

Baikalsee Uferbogen

Deutsche kommen an den Baikalsee wegen der Natur. Chinesen kommen wegen dieses einen Lieds aus dieser einen Fernsehshow. Ein Lied über Liebe, über Sehnsucht und über Gefühle, die so stark sind, dass sie Schnee schmelzen lassen. Ein Lied, das schon mehr als eine Million mal bei Youtube angesehen wurde, mit Zeilen wie „Du bist kristallklar und geheimnisvoll, wie das Ufer des Baikalsee.“ Die Melodie klebt nicht nur wie Zuckerguss im Gehörgang, sie sorgt auch dafür, dass beim Naturgucken am Baikal die nächste chinesische Reisegruppe nie weit entfernt ist. Ein Running Gag zwischen all der Schönheit und Stille.

Um 6 Uhr in Irkutsk aufstehen, zum Bus laufen, mit dem Bus zur Fähre, mit der Fähre zum Bahnhof und von da an sieben Stunden mit dem Zug am Ufer entlangzuckeln, bei 20 km/h: eine ganz wunderbare Art, an- und runterzukommen zum Start in den Urlaub. Auf Wasser zu gucken entspannt ja ohnehin, und wenn sich dann auch noch die Perspektive permanent, aber behutsam wandelt, erst recht: Felsen, Wald, Wasser, Tunnel. Blumenwiese, Wald, Wasser, Tunnel.

Die Gelassenheit macht sich so breit, dass es schon beim dritten Halt unseres Zuges fast vollkommen egal ist, dass die chinesische Mitreisegruppe mit großer Hingabe „Komm, ich bin dein Vordergrund“ spielt. Einmal mache ich den Test und gehe einfach mal nicht zur Seite, weiche dem Fotografierenden nicht aus, sage aber auch nichts. Er stellt sich so nah wie andere nicht mal im Fahrstuhl. Auf meinem Foto sehe ich später: Chinese, Wald, Wasser, Tunnel.

Noch langsamer als auf der Zuckelzugtour ist das Leben auf Olchon, der größten Insel im Baikalsee. Straßen gibt es hier keine, jedenfalls nicht in der Definition, dass sich irgendwas mit Asphaltoberfläche durch die Landschaft zöge. Stattdessen hat Olchon Pisten aus Schotter oder einfach aus von Reifen festgedrückter Erde. Es ist eine Welt, an der das Wichtigste an einem Auto seine Stoßdämpfer sind und das wichtigste an den Touristenfüßen feste Schuhe.

Ja, auch hier sind die Gruppenchinesen da, und nein, das allmorgendliche Konzert aus Schleimhochziehen und Aufdenbodenrotzen vor der Tür der Reihenholzhütte müsste nicht sein. Aber den restlichen Tag hört man bloß mal eine Möwe, eine Kuh, den Regen auf dem Dach oder eventuell die Brandung. Beim Weg durchs Gelände stieben alle paar Schritte Grashüpfer weg. Der Kiefernwald steht licht und schweiget. Man kann im Baikalsee schwimmen (und Gott, ist das kalt, bis der Kreislauf anspringt und aus dem kalten Wasser rote Wangen macht), man kann aber auch einfach nur vor sich hin schauen. Und was hast du heute so gemacht? Ich habe geguckt.

An einem Tag ist in der Nähe Jahreshauptversammlung der Schamanen, die in einer Prozession zu Gesängen und Trommelschlägen mehrere geschmückte Birkenbäume um einen Platz tragen und sie anschließend zum Lagerfeuer schichten. Obendrauf kommen große Teile eines Schafskadavers, wir Zuschauer ziehen mit den Gläubigen im Kreis ums Feuer und lassen uns von dem Rauch umwabern. Später bespritzen die Schamanen ihre Anhänger mit heißem Wasser und wir sollen uns abwenden. Nicht, um die Privatsphäre der hemdlosen Täuflinge zu schützen, erklärt eine Frau mit Megafon. Sondern weil, wenn das Wasser die Menschen trifft, alles Unreine aus ihnen flieht – und wir Gefahr laufen, dass es sich stattdessen auf uns Besuchern niederlässt.

Abends dann eine Bootstour, die mit Verwirrung beginnt: Hier soll das losgehen? Aber hier ist doch nicht mal ein Anleger. Doch dem Boot, auch wenn es groß ist, ist das egal – es schiebt sich einfach halb auf den Strand und die Passagiere klettern an Bord. Zwei Deutsche und (war ja klar) 30 Chinesen, im Abendrot vereint unterwegs zu einer hohen Felseninsel, auf der Möwen darauf warten, mit Brot zu malerischen Sturzflügen veranlasst zu werden.

Der chinesische Reiseleiter hat ordentlich Toast mitgebracht und verteilt ihn, auch an die beiden Nichtchinesen. Wir werfen mit Brot um uns, fotografieren Möwendetails und Möwentotalen. Das Wasser ist rot. Das Wasser ist violett. Das Wasser ist blaugrau. Das Wasser ist kristallklar und geheimnisvoll.

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Pokémon und Kokain – zu Besuch in Irkutsk

Irkutsk also. Die Stadt, bei der der es sich auszahlt, neulich im Russischunterricht die Steigerung von Adjektiven durchgenommen zu haben, um nun sagen zu können: Это самый скучный город в России – es ist die langweiligste Stadt Russlands. Eine Handvoll Sehenswürdigkeiten, die in rascher Folge abfallen von Kirchen und Dekabristenhäusern zu einem Denkmal für die japanisch-russische Freundschaft, bei dem aus irgendeinem Grund ein steinernes Ei auf dem Boden liegt. Cafés, davon zwei oder drei gemütlich. Gelegentlicher Waldbrandgeruch und bei Regen knöchelhoch geflutete Straßen.

Gut, wir wussten das vorher. Der Plan war ohnehin, Irkutsk als bloßen Ausgangspunkt zu benutzen für einen Urlaub am Baikalsee – und die paar Tage in der Stadt zu verlesen, zu verschlafen und in Cafés zu vergammeln. Geklappt hat das allerdings dann doch nur fast. Weil es uns partout nicht gelang, in Irkutsk gar nichts zu erleben.

Alkohol und Kokain

Regen, Regen, Regen. Logistische Überlegungen drehen sich darum, welche Schuhe wohl wie schnell trocknen. Feuchte Socken hängen über der Duschstange. Und doch ist das Pflichtgefühl, irgendwie mal da raus zu gehen, so stark, dass wir plötzlich im Museum für Stadtgeschichte stehen – und dem Phänomen gegenüber, das greift, wann immer man Moskau verlässt: Boah, sind die nett hier! Blickkontakt! Lächeln!

In langsamen russischen Hauptsätzen erklärt eine Mitarbeiterin Mammutzähne, burjatische Alltagsgegenstände und Stadtmodelle in Vitrinen. Ihre Kollegin, ähnlich bemüht, möchte wissen, ob die beiden Besucher nicht vielleicht Französisch sprechen? Tun sie? Ach, schön – also, hier bitte den escalier herab, und dann geht es unten weiter mit salle numéro cinq. Ich versuche mich zu erinnern, wann in einem Moskauer Museum zuletzt jemand etwas anderes mit mir gesprochen hat als Russisch oder, mit zunehmender Ungeduld, extralautes Russisch.

Zwei Exponate bleiben in Erinnerung: ein Satz medizinische Broschüren über die Behandlung von Alkoholismus, Husten und Trägheit. Und ein Schmuckstück zum Öffnen, dessen Beschreibung ich zweimal lese, im Wörterbuch nicht finde, google und mir später noch von unserer Russischlehrerin bestätigen lasse: Ja, sowas trugen im 19. Jahrhundert feine Damen, damit sie im Theater die Droge ihrer Wahl konsumieren konnten. Daher auch der Name: „Kokainnitza“.

 

Irkutsk Kokainnitza

Pokémon bei Gericht

Wenn die Stadt und ihre Sehenswürdigkeiten nicht allzu aufregend sind, legt man halt eine Schicht aus Fantasiemonstern und deren Infrastruktur darüber. Direkt vor unserem Hotelfenster steht ein Gerichtsgebäude, aber in der Pokémonwelt ist das eine Arena, wo Spieler ihre Pokémon aufeinander loslassen können, auf dass der Stärkere gewinne.

Nach und nach fällt mir auf, wie hart umkämpft dieser Ort ist – vor dem Frühstück gehört er Team Rot, beim Zähneputzen danach schon wieder Team Blau, dann schaltet sich auch Team Gelb ein. Das wäre alles nur leidlich spannend, müsste man nicht, um in dieser Arena zu kämpfen, sich dort auch aufhalten – schon im Hotelzimmer gegenüber bin ich zu weit weg, als dass meine Pokémon sich mitkloppen könnten.

Der Knackpunkt ist: Vor dem Gebäude steht so gut wie nie jemand. Ganz gelegentlich tippt ein Mann in einer Lederjacke auf seinem Handyscreen rum, aber die meisten Kämpfe toben, ohne dass rund ums Gericht auch nur ein Mensch zu sehen wäre. Das heißt: Es müssen die Leute im Gebäude sein, die für die ganze Pokémon-Action sorgen. Richter, Anwälte, Kläger, Beklagte, Zeugen. Sogar am Wochenende tobt der Kampf um die Arena. Putzfrauen? Wachmänner? In dieser Parallelwelt jedenfalls ist in Irkutsk ordentlich was los.

 

Irkutsk Pokemon

Isba-Idylle

Eine Art Blockhaus mit Zierleisten und Fensterläden nennt man in Russland auch Isba. Viel Handwerkergeschick ist nötig, damit Holz so filigran aussieht wie bei ihren Verzierungen. In Irkutsk gibt es noch so viele dieser traditionellen Unterkünfte, dass man sie nicht mal suchen muss. Sie stehen gleichberechtigt neben modernen Bürogebäuden und Mehrfamilienhäusern.

Idyllisch sind diese alten Holzkonstruktionen übrigens nur für Touristen, die ein paar Fotos machen und dann weitergehen. Für die Menschen, die in ihnen wohnen, sind Isbas nicht besonders attraktiv: Viele von ihnen sind schlecht in Schuss und haben kein fließendes Wasser, bloß eine Pumpe am Straßenrand.

Irkutsk Isba 2

Ein Klavier, ein Klavier!

Im Haus der Familie Wolkonski wird die Geschichte der Dekabristen erzählt – einer Gruppe von Offizieren, die sich gegen den Zaren auflehnten, für ein liberaleres Russland eintraten und dafür mit dem Leben bezahlten oder, wie Sergei Wolkonski, nach Sibirien verbannt wurden. Viele Dekabristen waren gebildet, weit gereist, an Kunst interessiert – für Irkutsk und die Umgebung bedeutete ihre Ankunft einen Schub für Bildung und Kultur.

Irkutsk Wolkonski Pyramidenklavier

Heute steht an einer Wand im Wolkonski-Haus ein Pyramidenklavier, die Saiten laufen also senk- statt waagerecht, und eine nette Museumsmitarbeiterin schlägt sogar ein paar Töne an und erzählt, dass es nur noch fünf solche Instrumente auf der ganzen Welt gibt.

Hinter einer geschlossenen Tür im Erdgeschoss singen ein Tenor und ein Sopran Duette. Die Rampe zum Eingang ist eine an die Treppenstufen gelehnte Schranktür – zu schmal für einen Rollstuhl, aber hey, die Geste zählt. Im Wintergarten ist hier schon mal eine Ananas gewachsen, und der echte Garten liegt in der Sonne und will nichts von einem, als dass man sich mit einem Buch reinsetzt und die Ruhe genießt. Davon hat Irkutsk ohnehin reichlich. 

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