Ceci n’est pas un U

armenisches alphabet-monument

„Das armenische Alphabet schaffst Du Dir in einer Woche drauf“, sagt F. Hat sie neulich erst selbst gemacht, aber gut, F. lernt auch gerade drei Fremdsprache gleichzeitig, aus Spaß, als Experiment. Jedenfalls: Dank Memrise hab ich bis zum Abflug nach Eriwan tatsächlich ein Drittel des ABC im Kopf. Das A nämlich, also: das kleine a – oder auf Armenisch: ա.

Im Gegensatz zum Georgischen, das aussieht wie eine ausgeschüttete Tüte Erdnussflips, besteht das Armenische in großen Teilen aus Us, Us mit kleinen Schwänzchen und U-Bögen, die jemand gekippt, gedreht oder vervielfacht hat. Was kein U ist, erinnert gerne mal an lateinische Schrift oder auch ans Kyrillische, aber das heißt nichts.

Die Erfinder der Schrift waren zu kreativ, als dass es große Überlappungen gäbe. (Dass wirklich mal ein Buchstabe übereinstimmt, ist – siehe unten – extrem selten.) Darum hat man ihnen auch auf einer Brache vor den Toren der Hauptstadt Jerewan ein Denkmal gestiftet: alle 39 armenischen Schriftzeichen, in Tuff gemeißelt.

Busseweise kommen Schulkinder her für ein Selfie mit dem eigenen Anfangsbuchstaben, als Ausländer kann man nur mutmaßen, welche Namen da wohl gerade posieren. Das U mit dem Haken unten rechts jedenfalls ist besonders populär – schließlich ist es das armenische A. Das große.

(Danke an die äußerst frankophone Anke für ihre Hilfe bei der Überschrift. Das mit dem Geschlecht der Buchstaben ist im Französischen ganz wunderbar komplex.)

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Putin der Woche (IV)

Putin der Woche

Gesehen: In einem Russischbuch.

Begleitung: Eine Einstiegsübung zum Thema „Selbstporträt“, in schlichten Sätzen gehalten.

Text: „Guten Tag! Ich heiße Wladimir Wladimirowitsch. Mein Nachname ist Putin. (…) Ich bin in Sankt Petersburg geboren, lebe jetzt aber in Moskau….“ Nicht ganz auf Stand ist das Buch allerdings bei den Familienverhältnissen: Der Mensch, der sich hier in Lektion 1 als Vater von Mascha und Katja vorstellt, ist noch ein verheirateter Mann.

Subtext: Du lernst also Russisch? Okay, fangen wir mit dem Wichtigsten an. Denkerpose und los geht’s!

Oben-Ohne-Punkte: 0/10.

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The Ode Less Travelled, oder: da dam da dam da dam da dam da dam

Von Stephen Fry was Neues geht ja immer. Mit Hingabe guck ich schon lang QI (das hier hilft auch an grauen, trüben Tagen), les seine Bücher und retweete Tweets.

The Ode Less Travelled“ kannte ich noch nicht, dabei ist es schon länger auf dem Markt. Es geht, ganz grob, um Dichtung. Um das Werkzeug, das jeder hat, wenn er mit Sprache spielt. Wobei Herr Fry am Anfang erst mal streng ist und seinen Leser schwören lässt: Dass der sich Zeit nimmt für das Buch, dass er die Verse darin, wenn möglich, laut vor sich hin liest. Beim dritten Punkt hab ich etwas gepfuscht: Man soll, schreibt Stephen Fry, stets ein Notizbuch mitnehmen, ganz egal, wohin man geht. Das war mir in der Metro doch zu lästig, geschrieben hab ich also nur daheim.

ode less travelled stephen fryFry legt schnell los, zitiert sich durch Gedichte, schreibt eigene, die oft recht schmutzig sind. Dann, alle paar Kapitel, eine Übung, bei der der Leser selbst zum Autor wird: Im jambischen Pentameter zu schreiben braucht gar nicht so viel Übung, bis es fluppt.

Natürlich hilft es dabei, dass auf Englisch für vieles eine Silbe reicht, das heißt: Von birth und death bis hin zu sun und moon ist alles kurz und dadurch passgenau. Das Buch vertreibt auch zügig so Ideen wie die, dass sich am Schluss was reimen muss. (Reim-Übungen gibt’s trotzdem, was ein bisschen mehr Arbeit für Nicht-Muttersprachler macht.)

Nach ein paar Tagen steht das Ritual: dieselbe Kladde und derselbe Stift, das Datum oben in die Ecke – los! Nichts davon taugt, um es hier zu zitieren – aber der Stolz auf die paar Zeilen wärmt. Schnell fließt mit jedem Mal das Englisch besser, der Versfuß hinkt und stolpert auch nicht mehr. Kein Herz auf Schmerz, stattdessen neue Formen: ein Cento, ein Haiku, dann ein Rubai.

Was bleibt nach diesem Buch? Die volle Kladde mit Übungen in Bleistift – und ein Puls. Der jambische Pentameter sitzt so, dass selbst das Bloggen seinen Regeln folgt. Wer das nicht glaubt, klickt hier für den Beweis.

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The Ode Less Travelled – der Beweis-Post

Shall I compare thee to a summer’s day?“ – das ist immer noch die klassische Beispielzeile für einen ‚iambic pentameter‘. Unglaublich eingängig, der Rhythmus, zu dem es auch noch Variationen gibt. Manchmal zum Beispiel nicht zehn, sondern elf Silben, auch wenn weiterhin nur fünf betont sind: „To be or not to be, that is the question.“

Das ganze Detailgekröse gibt es hier, mich hat einfach nur gereizt, zu probieren, ob sowas auch bei normalem Blog-Fließtext geht, ohne dass man ihn in die Form reinprügeln muss. Der Beleg steht hier drunter: Derselbe Text wie beim Original-Post, aber gesetzt wie ein Gedicht, damit jede Zeile ihre fünf Füße herzeigt. Mehr Sprach-Nerd kann man vermutlich kaum sein, als an sowas Spaß zu haben.

Von Stephen Fry was Neues geht ja immer.
Mit Hingabe guck ich schon lang QI
(das hier hilft auch an grauen, trüben Tagen),
les seine Bücher und retweete Tweets.

“The Ode Less Travelled” kannte ich noch nicht,
dabei ist es schon länger auf dem Markt.
Es geht, ganz grob, um Dichtung. Um das Werkzeug,
das jeder hat, wenn er mit Sprache spielt.
Wobei Herr Fry am Anfang erst mal streng ist
und seinen Leser schwören lässt: Dass der
sich Zeit nimmt für das Buch, dass er die Verse
darin, wenn möglich, laut vor sich hin liest.
Beim dritten Punkt hab ich etwas gepfuscht:
Man soll, schreibt Stephen Fry, stets ein Notizbuch
mitnehmen, ganz egal, wohin man geht.
Das war mir in der Metro doch zu lästig,
geschrieben hab ich also nur daheim.

Fry legt schnell los, zitiert sich durch Gedichte,
schreibt eigene, die oft recht schmutzig sind.
Dann, alle paar Kapitel, eine Übung,
bei der der Leser selbst zum Autor wird:
Im jambischen Pentameter zu schreiben
braucht gar nicht so viel Übung, bis es fluppt.

Natürlich hilft es dabei, dass auf Englisch
für vieles eine Silbe reicht, das heißt:
Von birth und death bis hin zu sun und moon
ist alles kurz und dadurch passgenau.
Das Buch vertreibt auch zügig so Ideen
wie die, dass sich am Schluss was reimen muss.
(Reim-Übungen gibt’s trotzdem, was ein bisschen
mehr Arbeit für Nicht-Muttersprachler macht.)

Nach ein paar Tagen steht das Ritual:
dieselbe Kladde und derselbe Stift,
das Datum oben in die Ecke – los!
Nichts davon taugt, um es hier zu zitieren –
aber der Stolz auf die paar Zeilen wärmt.
Schnell fließt mit jedem Mal das Englisch besser,
der Versfuß hinkt und stolpert auch nicht mehr.
Kein Herz auf Schmerz, stattdessen neue Formen:
ein Cento, ein Haiku, dann ein Rubai.

Was bleibt nach diesem Buch? Die volle Kladde
mit Übungen in Bleistift – und ein Puls.
Der jambische Pentameter sitzt so,
dass selbst das Bloggen seinen Regeln folgt.
Wer das nicht glaubt, klickt hier für den Beweis.

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…sagt doch über den Charakter gar nichts aus

Guerlain Mief 
Zu den großen Freuden des In-Russland-Lebens gehört der Aha-Moment, wenn sich aus fremd wirkenden kyrillischen Buchstaben ein bekanntes Wort erschließt.

Besonders schön sind dabei Lehnwörter, gerne aus dem Französischen: Lecker, diese Pistazienpralinen von Комильфо => Komilfo => Comme il faut. Oh, zum Tag der Frau ein Kosmetikgutschein von Рив Гош => Riw Gosch => Rive Gauche, wäre doch nicht nötig gewesen. Also, wirklich nicht.

Und dann heute im GUM, eine freundliche Sprühfrau, die Papierstreifchen mit dem neuen Duft von Guerlain verteilt. Die Pappkameradin neben ihr hält ein Schild hoch, mittig ein groß geschriebenes Wort: МИФ, gesprochen [mif]. Was, okay, das russische Wort für „Mythos“ ist, und der Slogan gehört offenbar zu einem Parfum namens „L’Homme Idéal“, das nicht nur in Russland mit dem Satz „Der perfekte Mann – Mythos oder Wirklichkeit?“ beworben wird.

Mein Einwandererhirn merkt sich das neue Guerlain-Produkt dennoch bis auf weiteres unter dem Namen „Mief“. Und verdrängt schamhaft den kurzen Moment, in dem es glaubte, eine große Parfum-Marke habe ihr neues Angebot tatsächlich „MILF“ genannt.

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Wird die Bundesmannschaft heute Fußball-Weltmeister?

bundesmannschaft neu

Wenn das russische Fernsehen die deutsche Fußball-Nationalmannschaft zeigt, passieren seltsame Dinge. Beim 7:1 gegen Brasilien war der Kommentator irgendwann so aufgekratzt, dass er anfing, Rammstein-Texte zu rezitieren – eine Deutschland-Assoziation, die einem hier oft begegnet: „Ah, Du bist aus Deutschland? Ordnung. Links. Rechts. Rammstein!“

Noch vor Rammstein hatte der Fernsehkommentator aber ein Wort benutzt, das man hier regelmäßig im Bezug auf die deutsche Nationalelf hört: Bundesmannschaft. Brasilien hat die Seleção, Holland die Elftal – und Deutschland, jedenfalls für Russen, die Bundesmannschaft. Noch nie gehört, aber gut, vielleicht liegt es an mir. Mal schlau machen.

Ein Gespräch mit dem DFB-Mitarbeiter des Vertrauens ergibt: Sagt hier kein Mensch – nie gehört, auch nicht als seltenen oder altertümlichen Begriff. Bei einer Twitter-Suche haben die meisten, die das Wort verwenden, ihre Profilangaben auf Russisch, nicht auf Deutsch. Und auch Googles Ngram Viewer liefert, wenn man deutsche Bücher nach „Nationalmannschaft, Nationalelf, Bundesmannschaft“ durchsucht, für das B-Wort einen Nullwert.

Die Bundesmannschaft ist den Russen also das, was uns Deutschen das Handy ist: Eine Wortschöpfung im Stil einer Fremdsprache, durchaus plausibel, aber eben nicht echt. Eine Scheinentlehnung.

Aber warum zeigt Googles Ngram Viewer dann auch in russischen Büchern keine Treffer für „Bundesmannschaft“, egal, wie man es ins Kyrillische überträgt? Keine бундес манншафт. Keine бундесманншафт. „Klar, das Wort schreibt man nicht in Bücher oder Zeitungen, das ist Umgangssprache“, sagt eine russische Bekannte. Und was dann? Nationalelf? „Wir schreiben немецкая машина (nemezkaja maschina), das heißt ‚deutsches Auto‘ oder ‚deutsche Maschine‘. Weil euer Team spielt, wie ein deutsches Auto fährt: akkurat und beständig.“

Manchmal, sagt sie noch, sei deshalb auch die Rede vom „deutschen Auto, das alles überrollt“. Klingt arg martialisch, und tatsächlich: Die meisten Fundstellen für немецкая машина gibt es in den Jahren des Zweiten Weltkrieges. Auch heute muss man aber nicht lange suchen: „WM-Finale: Messi gegen die deutsche Maschine“ titelt am Tag vor dem Finale Fontanka.ru.

Und auch eine Kreuzung aus beiden Begriffen gibt es im russischen Wortschatz, halb Bundesmannschaft, halb немецкая машина: die Bundesmaschine. Benutzt offenbar vor allem von Twitterern mit seherischen Fähigkeiten.

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Russland, China und diese eine Szene aus „Friends“

Vokabelkarte pivotWährend die Kluft zwischen Russland und dem Westen wächst, rücken Russland und China immer enger zusammen. Allein in diesem Monat gab es nicht nur den massiven Gas-Liefervertrag, sondern auch Absprachen für eine engere Zusammenarbeit im Weltraum und für den Bau einer Brücke über den Amur.

Erst gestern Abend haben China und Russland gemeinsam einen Resolutionsentwurf zu Syrien im UN-Sicherheitsrat blockiert, und das gemeinsame Seemanöver soll auch noch in den Mai fallen.

Die Tücke daran ist, dass sich die englischsprachigen Medien auf einen Begriff für diese Hinwendung Russlands nach China geeinigt haben, der sich unsprünglich auf das Verhältnis zwischen Washington und Peking bezog: „Russia makes its own pivot to Asia„, schreibt die FT, für CNN ist „Putin’s China pivot: All tactics, no trust“ und Charles Krauthammer schreibt in der Washington Post: „Who made the pivot to Asia? Putin.

Pivot bei Reuters, pivot bei Bloomberg, pivot hier, hier und dort – und hey, Alliteration: Putin’s Pivot.

Was natürlich dazu führt, dass ich seit Wochen jeden Tag das hier im Hinterkopf habe.

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Liebe Waldorfschüler, wir müssen reden

Liebe Waldorfschüler, es ist Zeit. Zeit für eine Entschuldigung. Für jedes Mal, wenn ich über Gags mit „seinen Namen tanzen“ gelacht habe – oder sie selber gemacht. Für jedes Mal, wenn ich einen Tweet wie diesen hier retweetet habe.

Viele von euch lernen in der Schule Russisch. Damit, und mit dem Namentanzen, habt ihr im Moment mir gegenüber gleich einen doppelten Vorteil. Denn das mit den Vokabeln, das funktioniert hier auch nach vier Wochen eher so lala. Und weil ich nie gelernt habe, Wörter durch Tanz auszudrücken, bleibt nur die Pantomime.

Darum, als tätige Reue, hier eine kleine Liste der Wörter, die ich seit der Ankunft in Moskau in Gesten darstellen musste, weil es per Sprache noch nicht ging.

утюг
утюг
Bügeleisen/утюг. Wie in „Entschuldigung, gibt es hier auch ein Bügeleisen?“ Gesagt zur Putzfrau in der Übergangswohnung, Geste ungefähr: rechte Hand zur Faust geballt, auf Hüfthöhe vor dem Körper hin- und hergeschoben. „Utjuk?“, fragt sie. Nie gehört, aber schauen Sie mal, ich hab hier ein zerknautschtes Hemd als Requisite, wenn ich das hochhalte…“Da, Utjuk.“ Sie zeigt aufs Regal, direkt neben der Türe. Oh.

Glühbirne/лампочка. Wie in „Haben Sie noch eine Glühbirne? Die Lampe funktioniert nicht.“ Geste, klar: rechte Hand hält etwas hoch und dreht es in ein imaginäres Gewinde. Als Reaktion nur ein Nicken, aber kurz darauf klopft ein Mann an die Tür, und fünf Minuten später ist im Bad wieder Licht über dem Spiegel.

mitnehmen/брать с собой. Wie in „Kann ich das Sushi bitte mitnehmen?“. Geste anfangs wie oben beim Bügeleisen. Dann aber statt Hin- und Hergeschiebe die Hand anheben und nach rechts aus dem Bild schwenken. Freundliche Kellnerin nickt: „Takeaway? Of course.“

einpacken/завертывать.Wie in „Können Sie das bitte einpacken“, gesagt zur der Kassiererin bei Yves Rocher (beziehungsweise Ив Роше, und wirklich, wie die Russen französische Wörter übertragen ist eine ganz besondere Freude und einen separaten Post wert). Geste: beide Hände mit den Innenflächen zum gerade gekauften Geburtstagsgeschenk gedreht. Dann Hände daran entlang nach oben führen, mittig darüber zusammen, schließlich eine imaginäre Schleife binden. Das Ergebnis ist eine mäßig hübsche Papiertüte, aber gut.

Nächster Plan also: Lernen, was „hübsch einpacken“ heißt. Falls es einer weiß, gerne Bescheid sagen. Oder einfach vortanzen.

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Wir sind Journalisten

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Tag zwei und schon sind die mitgebrachten Vokabelkarten alle vollgeschrieben. Wo kann man die denn nachkaufen? Olga korrigiert erst mal von Karte auf Kärtchen, schließlich sind die Russen ähnlich große Fans des Diminutivs wie die Niederländer. Also: Wo kaufen, die Kärtchen? „In Kaliningrad? Nirgends“, sagt sie. „Das ist ein Problem.“

Problematisch fühlen sich auch manche Übungen an: ein langhaariger Mann im T-Shirt, mit Bart und prominenter Nase, daneben ein Anzugträger mit Schnäuzer – und die Aufgabe, sie aufgrund der Bilder zu beschreiben. Geliefert werden dazu nicht nur Vokabeln für Haare, Augen, Gesicht, sondern auch direkt für den Charakter. Seltsam, das. Als kleinstmögliche Form von Gegenwehr also die Sätze zur Optik zwar mit „Er hat…“ angefangen, die zum Wesen dagegen mit „Ich glaube, dass…“ Keine Ahnung, ob das irgendwas besser macht.

Dann doch lieber die Klischees über einen selbst. In der Übung zu Possesivpronomen tauchen Berufe und ihre zugehörigen Gegenstände auf, nach dem Sparkassenspot-Prinzip: Du bist Sekretär. Dein Stuhl, Dein Fax, Deine Dokumente. Sie sind Direktor. Ihr Auto, Ihre Idee, Ihr Geld.

Besonders schön, und darum hier als komplette Liste: Was bei der Übung auf „Wir sind Journalisten“ folgt.

Unsere Zeitschrift.
Unsere Zeitung.
Unser Computer.
Unsere Nachrichten.
Unser Geld.
Unsere Zigaretten.

Auf Nachfrage liefert Olga dann noch das Wort für „Kartenspiel“ nach. Und („Das gehört zum russsischen Journalisten-Klischee!“) den Begriff Кожаная куртка. Auf Deutsch: Lederjacke.

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Allein, allein

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Wir sind zu zweit, Olga und ich. Mini-Gruppe war gebucht in der Sprachschule, um aus fünf Tagen Bildungsurlaub möglichst viel rauszuholen. Also sitzen wir beide hier, um 9 Uhr, am Anfang von fünf Zeitstunden. Olga ist die Lehrerin. Ich bin ihre Gruppe. Mini, in der Tat. „Einsteiger mit Spuren von Vorkenntnissen“ ist im Moment wohl keine allzu populäre Kategorie bei Sprachschülern.

Keine Ahnung, ob Olga darum zum Einstieg eine Lektion zu Singular und Plural ausgesucht hat. Fragen geht nicht, auf Deutsch ist es gegen die Schülerehre, auf Russisch fehlen noch ein paar Worte, also: alle außer „warum“. Aber das ist ohnehin nicht das größte Rätsel an diesem Tag.

Dass es manche Worte nur als Plural gibt, lernen die meisten im Englischunterricht: scissors, trousers, glasses. Auf Russisch ist das genau so, Hosen, Jeans, Shorts. Auch das umgekehrte Prinzip – nur Singular, kein Plural – ist für Deutsche nichts Neues: Polizei. Eis. Die Regeln dafür sind im Russsischen allerdings so wundervoll absurd wie das Gefühl, plötzlich allein eine ganze Lerngruppe stellen zu müssen. Denn ausschließlich Singular sind:

1. Abstrakte Begriffe wie Freude, Trauer, Neid, Kosmos. Klar.
2. Sammelbegriffe wie Geschirr, Kleidung, Waffen, Kunst. Leuchtet ein.
3. Alle Lebensmittel, die man gießen kann. Oder schneiden. Oder streuen. Tee und Milch, Brot und Käse, Salz und Zucker. Bisschen speziell, aber okay.
4. Gemüse. Im Prinzip. Bis auf fünf Ausnahmen, die man halt auswendig lernen muss: Die Gurke hat dann doch einen Plural, die Zucchini, die Aubergine. Und, eh hier einer glaubt, ein Muster zu erkennen: die Tomate. Ach ja, und der Pilz. Soso.
5. Obst, aber nur kleines. Erdbeere, Himbeere, Weintraube. Alles Einzelgänger. Aber sonst geht’s noch?

Vielleicht trau ich mich morgen nach dem Unterricht mal in den kleinen Lebensmittelladen. Im Gegensatz zum Supermarkt muss man dort mit Menschen reden, wenn man was kaufen will. Was kostet die Erdbeere, werde ich sagen. Oder, als gute Dortmunderin: Gib mich die Kirsche. Dann nehme ich sie mit heim. Und wir unterhalten uns darüber, wie es ist, allein zu sein, wo andere eine Gruppe haben.

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