Die neue Moschee in Moskau – ein Rundgang auf Socken

Sicherheitsschleuse, Tasche durchleuchten lassen, quer über den Hof zum Fraueneingang der Moskauer Moschee. Schuhe ausziehen und ins Regal, Kopftuch aus der Handtasche kramen – als Frau in Moskau ist das ein vertrauter Griff.

Kann schließlich immer sein, dass man an einer orthodoxen Kirche vorbei kommt und sie gerne besichtigen würde. Wer dann ein eigenes Tuch dabei hat, muss sich nicht auf eines der Leihexemplare einlassen, die am Eingang verteilt (und anschließend an die nächste unbetuchte Besucherin weitergereicht) werden.

Heute also mal keine Kirche, sondern die riesige neue Kathedralmoschee. Keine fünf Monate ist die Eröffnung her, trotzdem war es eine andere Welt, in der wir damals lebten: Putin und Erdogan im Schulterschluss beim gemeinsamen Rundgang – so viel Eintracht zwischen den beiden ist heute schwer vorstellbar.

Ein Blick durch den Innenraum der Moschee

 

Sulfija Ismailowa, die uns herumführt, erzählt von den unterschiedlichen Nationalitäten, die am Bau der Moschee beteiligt waren. Ja, die prächtige Kuppel mit ihren Blautönen haben türkische Künstler ausgemalt: Koranverse in goldener Schrift, weiter unten eine Auswahl der Namen Allahs, „leider nur 40, für alle hat der Platz nicht gereicht.“

Die alte Moschee war längst zu klein geworden, zur neuen hat Sulfija allerlei Zahlen mitgebracht. 1500 Kilo schwer der Kronleuchter, 79 Meter hoch das Minarett, 57 Meter die Kuppel, oben drauf 12 Kilo Blattgold, innen drin Platz für 10.000 Gläubige und daher, mit denen in Rom und London, eine der größten Moscheen Europas. In den Teppich unter unseren Sockenfüßen ist ein Muster eingewebt, das für ordentliche Reihen an Betenden sorgt, alle mit demselben Abstand.

Noch interessanter als die Zahlen zum Bau und dem Auffrischungskurs zum Thema Islam (die fünf Säulen sind hier im Gebäude tatsächliche Säulen, neben jeder steht eine kleine Vitrine, etwa mit einem hellen und einem dunklen Faden für den Ramadan) ist aber, was Sulfija nebenbei erwähnt.

Dass „Allah“ schlicht „Gott“ bedeutet und nicht auf den Islam begrenzt ist – Schulwissen, klar. Aber dass arabische Christen „Allah“ sagen und damit die Dreifaltigkeit meinen, ist schon sehr viel anschaulicher. Als Sulfija die Regel erwähnt, dass man anderen Menschen nur das wünschen soll, was man sich selber wünscht, stehe ich plötzlich in Gedanken wieder an Kants Grab in Kaliningrad.

Zum Schluss gibt es nicht nur ein Wiedererkennen, sondern auch noch ein kleines Russisch-Erfolgserlebnis: „Wir dürfen nicht behaupten, dass unsere Religion besser ist als andere“, erklärt Sulfija, „Nur Gott ist der Richter.“ Den Nachsatz verstehe ich, ehe er aus dem Russischen ins Deutsche übersetzt wird. Schließlich haben wir ihn vergangenes Jahr im Chor gesungen – als Teil eines Rachmaninow-Stücks mit russisch-orthodox geprägtem Text.

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Wie @GermanAtPompey nicht nur für Deutschlerner twittert

Zeit, mal wieder einen Twitteraccount zu empfehlen. Der Außenseiter-Blick auf ein Land ist für mich ja immer schon mal grundsätzlich interessant – egal, ob ich ihn mir selber machen kann (Schottland, USA, China, Russland) oder anderswo erlese wie bei Steinbeck und Capa, Ilf und Petrow, Isherwood und Auden.

Dass mich in letzter Zeit aber auch regelmäßig der Außenblick auf Deutschland beschäftigt, das liegt an einem britischen Twitteraccount: @GermanAtPompey, wo eine Handvoll Dozenten der University of Portsmouth über den Sprachraum aus Deutschland, Österreich und der Schweiz twittern.

Was ist das Besondere daran? Das Wiedererkennen von Vertrautem, klar. Aber vor allem: Nachzuvollziehen, wie Deutschland, seine Einwohner und seine Sprache auf Menschen wirken, die dort nicht aufgewachsen und sozialisiert sind. Menschen, die sich professionell mit dem auseinandersetzen, was für mich normal ist. Und Menschen, die nicht zu meiner Journalismus-Russland-NRW-Digitales-Chormusik-Schalke-Filterblase gehören.

Einer dieser Menschen, Paul Joyce, hat sich Zeit für ein paar Fragen genommen.

An wen denken Sie, wenn Sie twittern?

Gute Frage. Vergangenes Jahr habe ich dazu einen Vortrag an der Universität gehalten und unter unseren 3120 Followern 16 verschiedene Typen ausgemacht. Dazu gehören Studenten in Portsmouth, Sprachschüler in aller Welt, Übersetzer, Deutschlehrer und -dozenten, Journalisten, deutsche Botschaften und so weiter. Unser ursprüngliches Ziel war, unseren Studenten ein aktuelles Bild vom Leben in deutschsprachigen Ländern zu vermitteln. Seitdem hat sich unsere Zielgruppe ganz schön verändert.

Wir hoffen, dass wir der wachsenden Zahl an Germanophilen in Großbritannien und aller Welt interessante, manchmal auch lustige Einblicke in das moderne Deutschland bieten. Und so viele Beispiele für den Deppenapostroph, wie wir nur finden können…

Auf welche Tweets gibt es die meisten Reaktionen?

Wir haben festgestellt, dass es bei Tweets zu Berlin und zur DDR die meisten Reaktionen gibt. Das ist für uns außerordentlich wertvolle (und kostenlose!) Marktforschung, auf deren Grundlage wir auch schon unseren Lehrplan für den Bachelor-Studiengang angepasst haben. Es gibt immer eine Diskrepanz zwischen dem, wovon Menschen angeben, dass es sie interessiert, und dem, was sie wirklich interessiert. Aber unterm Strich gilt: „Klicks lügen nicht.“

Mir fällt auf, dass Sie viel Wert auf Bilder legen.

Optische Reize erleichtern denjenigen Followern den Zugang, die vielleicht von einem bestimmten Aspekt deutscher Kultur oder Geschichte fasziniert sind, aber noch nicht die Sprachkenntnisse für einen langen Artikel haben. Und Lehrer können Grafiken und Bilder nutzen, um in ihrer Klasse eine Diskussion in Gang zu bringen.

Auch über Retweets haben wir noch ein bisschen gesprochen – weil @GermanAtPompey da eine besondere Stärke hat. So viele Quellen, von denen ich noch nie gehört habe, deren Inhalte mir als Follower nun in die Timeline gespült werden. Dazu noch mal Paul Joyce:

Dank Twitter stecken wir inzwischen um einiges tiefer drin in unserem Themengebiet. Es gibt dort so viele Autoren, Lehrer, Kunstexperten, die faszinierendes Material mit einem Deutschland-Bezug liefern. Das ganze Medium ist immer noch weitgehend frei von Hierarchien: Man kann seine Ideen mit anderen teilen, und im Gegensatz zu den meisten Bereichen der akademischen Welt spielt dein Ruf keine Rolle.

Wenn ein Student über sein Auslandsjahr twittert, dann überzeugt das andere vielleicht eher davon, auch im Ausland zu studieren, als alles, was wir als Dozenten sagen. Und wenn ein enthusiastischer Amateur zum Beispiel über Ostdeutsche Bierdeckel oder über Kunst im Ostblock twittert, kann das innovativer und kommunikativer sein als bei einem etablierten Experten.

In der Praxis sieht das dann so aus (eine kleine Sammlung von @GermanAtPompey-Tweets, an denen ich in jüngster Zeit Spaß hatte, zusammengestellt mit Twitters „Collection“):

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Wie mein Vater einmal kein Russisch lernte

russisch lernen alphabet

Familienbesuch über Weihnachten in Moskau, das heißt auch: Es kommen Geschichten zutage, die ich noch nicht kannte.

Zum Beispiel die, wie mein Vater sich damals an seiner Schule im Rheinland gemeldet hatte, weil er Russisch lernen wollte – dreimal die Woche, als AG, in der nullten Stunde. Der Lehrer, erinnert er sich, war ein Sprachgenie, und eine ganze Reihe Schüler hatte Interesse. Nach den Sommerferien sollte es losgehen.

Als die Schule wieder begann, fasste sich der Lehrer kurz: „Nach dem, was diesen Sommer passiert ist, werdet ihr Russisch nie mehr gebrauchen können. Kommt, wir machen stattdessen Niederländisch.“ Es war 1961, und in Berlin war während der großen Ferien die Mauer gebaut worden. Sein Niederländisch braucht mein Vater bis heute regelmäßig.

Mehr als dreißig Jahre später habe ich an meiner Schule im Rheinland die ersten Wörter Russisch gelernt. Als AG, in der nullten Stunde.

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Phallsche Freunde

дылда russisch

Was beim Russisch lernen ja sehr hilft: Freunde, die sprachlich schon ein Stück weiter sind und deshalb die wirklich unterhaltsamen Vokabeln kennen. Neulich kamen Frances, die seit Jahren hier lebt und mit einem Russen verheiratet ist, und ich aufs Thema „falsche Freunde“. Auf Wörter also, die klingen, als ob sie eine Sache beschreiben, in Wirklichkeit aber ganz etwas anderes bedeuten.

Ein paar Beispiele: Das russische „шлагбаум“ [schlagBAUM] bezeichnet tatsächlich eine Schranke und ist damit ein echter Freund. Aber „ангел“ ist keine Angel, sondern ein Engel, „фамилия“ nicht die Familie, sondern der Nachname, und „шах“ nicht Schach, sondern ein Schah. Ziemlich falsche Freunde.

Um Frances‘ Vokabel zu verstehen, muss man wissen, dass ein unbetontes O im Russischen als A gesprochen wird. (Das macht die Chorproben immer sehr feminin, wenn wir pianissimo, gesprochen [piaNIssima], singen und der Dirigent am Ende bravo, gesprochen [BRAva], ruft.) Was also würde man von einem russischen Wort erwarten, das [DILda] gesprochen wird? Klar, ein Dildo. Ist es aber nicht – дылда nennt man einen großen, schlanken Menschen. Einen Schlaks, einen langen Lulatsch.

Noch schöner – und komplett unmissverständlich – ist übrigens das Wort, das Russen benutzen, wenn sie wirklich „Dildo“ meinen: фаллоимитатор. Gesprochen: [fallaimiTAtar]. Und was machen Sie so beruflich? Ach, ich bin Phalloimitator.

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Der freundliche Schrankenmann

„Sie sind… Sie sind eine… eine…“ Eine Hand greift in die Jackentasche, holt einen Zettel hervor und faltet ihn auf. Dann, langsam vorgelesen, jede Silbe betont: „Sie sind eine sehr attraktive deutsche Dame.“

***

Wenn Menschen in Russland mitkriegen, dass man aus Deutschland kommt, ist das Repertoire an Reaktionen nicht sehr groß. Taxifahrer fangen an, laut Musik von Rammstein zu spielen und mitzusprechen: „Du… Du hast… Du hasst mich… Du hast mich gefragt.“ Manche Leute reden von der Bundesliga, wollen wissen, was ein Visum kostet oder erzählen, dass sie selber ein bisschen Deutsch können. Es folgt ein kurzer Moment des Hoffens, dass es nicht wieder „Heil Hitler“ sein möge, sondern, wie neulich: „Komm an die Tafel! Schlagt die Bücher auf!“

Der freundliche Schrankenmann ist eine mehrfache Ausnahme. Erstens, weil er aus dem Team an Schrankenmännern – unser Eingang wird immer von mindestens dreien gehütet – der einzige ist, der zurückgrüßt oder auch nur Blickkontakt aufnimmt. Silvester waren wir um Mitternacht auf der Straße und haben dem Wärter, der diese Schicht erwischt hatte, eine Schachtel Pralinen gebracht. Keine Regung, nur eine Handbewegung, um den Karton anzunehmen.

Der freundliche Schrankenmann winkt, lacht, und er lernt Deutsch. Schon sein Vater hat sich für die Sprache interessiert, hat er mal erzählt, jetzt hört er selber deutsches Radio, zum Üben. Und manchmal hat er Fragen: Wie sagt man auf Deutsch „Die Sonne scheint wie auf Jamaika“? Was heißt das „fröhlich“ in „fröhliche Weihnachten“? „Lieben Sie den Sommer oder den Herbst?“ Und könnte man ihm vielleicht aus dem Urlaub zuhause was mitbringen, „einen kleinen deutschen Schnaps“? Einen Killepitsch hat er bekommen, auch manche Nachbarn haben ihm schon was zu Trinken mitgebracht.

***

Neulich kam der erste Wiederholungs-Besuch aus Deutschland extra mit Schokolade im Gepäck, „für euren Schrankenmann.“ Er ist ein Stückchen Zuhause, ein lieb gewonnenes Gesicht, eine Institution. Der man es dann auch verzeiht, dass sie den Spickzettel aus der Jackentasche schon für mehrere „attraktive deutsche Damen“ recycelt hat.

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Fürsorgliche Umschreibung

Texte, die mit „Was ich nicht verstehe“ beginnen, sind ja gerne mal Rants. Der hier nicht, denn ich bin ernsthaft perplex und hoffe auf Erklärungen.

Was ich nicht verstehe: Wenn ich hier im Supermarkt mit Karte bezahle, schickt mir die Bank eine SMS mit Infos über den abgebuchten Betrag, eh ich auch nur den Kassenbon in der Hand halte. Bei der Einrichtung des Kontos muss bei der Bank allerdings jemand ein Häkchen bei „zweifelhafte Russischkenntnisse“ oder zumindest bei „Ausländerin“ gemacht haben, denn die SMS sehen so aus:

SMS transliteriert

Kartennummer, Ort des Einkaufs, bezahlter Betrag, Datum, neuer Kontostand. Aber warum sind das lateinische Buchstaben? Das kyrillische Alphabet ist so ziemlich das Leichteste am Russischen – dann erst kommt das Vokabellernen. Trotzdem glaubt die Bank, mir wäre mit einer Nachdichtung in den gewohnten Buchstaben geholfen. Als würde man als Spracheinsteiger das russische Wort für „Kontostand“ kennen, wenn man es nur bloß endlich lesen könnte.

Dass sich die Raiffeisenbank die Mühe macht, für Ausländer russische Infos in lateinische Buchstaben zu transliterieren, ist nicht nur fehlgeleitet, sondern sogar kontraproduktiv: Wäre die SMS in kyrillischer Schrift, könnte man sie mit zwei Handgriffen rauskopieren, zu Google Translate rüberdengeln und dort wenn nicht in gutes Deutsch, dann doch zumindest in ziemlich solides Englisch übersetzen lassen.

Wer die Nachdichtung au lateinischen Buchstaben nicht versteht, hat dagegen nur zwei Möglichkeiten: die russische Originalversion grob daraus rekonstruieren und hoffen, dass Google Translate sie versteht. Oder die Nachricht jemandem vorlesen, der besser Russisch kann.

Das Problem ist nicht meins allein – Kolleginnen, die ebenfalls keine Russisch-Muttersprachlerinnen sind, bekommen solche SMS auch, ungefragt. Selbst diejenigen, die die Sprache jahrelang studiert haben. In Russland ist mir bisher nur die Bank mit dieser Methode aufgefallen. Der Telefonanbieter, der Online-Supermarkt, das Anticafé – alle verwenden das normale, kyrillische Alphabet.

Auf Reisen dagegen begegnet einem das Prinzip immer wieder: armenische SIM-Karte gekauft, mit der Verkäuferin auf Englisch gesprochen – schon kommen alle SMS vom Anbieter auf Armenisch-in-lateinischen-Buchstaben. Doppelt unnütz, denn ohne Armenisch-Kenntnisse ist Rekonstruieren ja keine Option mehr, und auf der Straße wen ansprechen, der es sich durchliest und übersetzt… nun ja. Alles könnte so einfach sein, mit der normalen armenischen Schrift und Google Translate, aber nein. Und, natürlich: in Georgien genau dasselbe.

sms beeline georgien armenien

Warum also ist das so? Hat sich jemand gedacht, naja, unsere Schrift ist schwer, da kommen wir den Ausländern mal einen Schritt entgegen? Oder glauben die Absender, dass es unter ihren Kunden mehr Leute gibt, die Russisch (Armenisch, Georgisch) verstünden, wenn sie nur in der Lage wären, es sich selbst laut vorzulesen? Ich hab, ehrlich gesagt, keine Ahnung. Aber vielleicht ja jemand, der das hier liest.

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Ceci n’est pas un U

armenisches alphabet-monument

„Das armenische Alphabet schaffst Du Dir in einer Woche drauf“, sagt F. Hat sie neulich erst selbst gemacht, aber gut, F. lernt auch gerade drei Fremdsprache gleichzeitig, aus Spaß, als Experiment. Jedenfalls: Dank Memrise hab ich bis zum Abflug nach Eriwan tatsächlich ein Drittel des ABC im Kopf. Das A nämlich, also: das kleine a – oder auf Armenisch: ա.

Im Gegensatz zum Georgischen, das aussieht wie eine ausgeschüttete Tüte Erdnussflips, besteht das Armenische in großen Teilen aus Us, Us mit kleinen Schwänzchen und U-Bögen, die jemand gekippt, gedreht oder vervielfacht hat. Was kein U ist, erinnert gerne mal an lateinische Schrift oder auch ans Kyrillische, aber das heißt nichts.

Die Erfinder der Schrift waren zu kreativ, als dass es große Überlappungen gäbe. (Dass wirklich mal ein Buchstabe übereinstimmt, ist – siehe unten – extrem selten.) Darum hat man ihnen auch auf einer Brache vor den Toren der Hauptstadt Jerewan ein Denkmal gestiftet: alle 39 armenischen Schriftzeichen, in Tuff gemeißelt.

Busseweise kommen Schulkinder her für ein Selfie mit dem eigenen Anfangsbuchstaben, als Ausländer kann man nur mutmaßen, welche Namen da wohl gerade posieren. Das U mit dem Haken unten rechts jedenfalls ist besonders populär – schließlich ist es das armenische A. Das große.

(Danke an die äußerst frankophone Anke für ihre Hilfe bei der Überschrift. Das mit dem Geschlecht der Buchstaben ist im Französischen ganz wunderbar komplex.)

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Putin der Woche (IV)

Putin der Woche

Gesehen: In einem Russischbuch.

Begleitung: Eine Einstiegsübung zum Thema „Selbstporträt“, in schlichten Sätzen gehalten.

Text: „Guten Tag! Ich heiße Wladimir Wladimirowitsch. Mein Nachname ist Putin. (…) Ich bin in Sankt Petersburg geboren, lebe jetzt aber in Moskau….“ Nicht ganz auf Stand ist das Buch allerdings bei den Familienverhältnissen: Der Mensch, der sich hier in Lektion 1 als Vater von Mascha und Katja vorstellt, ist noch ein verheirateter Mann.

Subtext: Du lernst also Russisch? Okay, fangen wir mit dem Wichtigsten an. Denkerpose und los geht’s!

Oben-Ohne-Punkte: 0/10.

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The Ode Less Travelled, oder: da dam da dam da dam da dam da dam

Von Stephen Fry was Neues geht ja immer. Mit Hingabe guck ich schon lang QI (das hier hilft auch an grauen, trüben Tagen), les seine Bücher und retweete Tweets.

The Ode Less Travelled“ kannte ich noch nicht, dabei ist es schon länger auf dem Markt. Es geht, ganz grob, um Dichtung. Um das Werkzeug, das jeder hat, wenn er mit Sprache spielt. Wobei Herr Fry am Anfang erst mal streng ist und seinen Leser schwören lässt: Dass der sich Zeit nimmt für das Buch, dass er die Verse darin, wenn möglich, laut vor sich hin liest. Beim dritten Punkt hab ich etwas gepfuscht: Man soll, schreibt Stephen Fry, stets ein Notizbuch mitnehmen, ganz egal, wohin man geht. Das war mir in der Metro doch zu lästig, geschrieben hab ich also nur daheim.

ode less travelled stephen fryFry legt schnell los, zitiert sich durch Gedichte, schreibt eigene, die oft recht schmutzig sind. Dann, alle paar Kapitel, eine Übung, bei der der Leser selbst zum Autor wird: Im jambischen Pentameter zu schreiben braucht gar nicht so viel Übung, bis es fluppt.

Natürlich hilft es dabei, dass auf Englisch für vieles eine Silbe reicht, das heißt: Von birth und death bis hin zu sun und moon ist alles kurz und dadurch passgenau. Das Buch vertreibt auch zügig so Ideen wie die, dass sich am Schluss was reimen muss. (Reim-Übungen gibt’s trotzdem, was ein bisschen mehr Arbeit für Nicht-Muttersprachler macht.)

Nach ein paar Tagen steht das Ritual: dieselbe Kladde und derselbe Stift, das Datum oben in die Ecke – los! Nichts davon taugt, um es hier zu zitieren – aber der Stolz auf die paar Zeilen wärmt. Schnell fließt mit jedem Mal das Englisch besser, der Versfuß hinkt und stolpert auch nicht mehr. Kein Herz auf Schmerz, stattdessen neue Formen: ein Cento, ein Haiku, dann ein Rubai.

Was bleibt nach diesem Buch? Die volle Kladde mit Übungen in Bleistift – und ein Puls. Der jambische Pentameter sitzt so, dass selbst das Bloggen seinen Regeln folgt. Wer das nicht glaubt, klickt hier für den Beweis.

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The Ode Less Travelled – der Beweis-Post

Shall I compare thee to a summer’s day?“ – das ist immer noch die klassische Beispielzeile für einen ‚iambic pentameter‘. Unglaublich eingängig, der Rhythmus, zu dem es auch noch Variationen gibt. Manchmal zum Beispiel nicht zehn, sondern elf Silben, auch wenn weiterhin nur fünf betont sind: „To be or not to be, that is the question.“

Das ganze Detailgekröse gibt es hier, mich hat einfach nur gereizt, zu probieren, ob sowas auch bei normalem Blog-Fließtext geht, ohne dass man ihn in die Form reinprügeln muss. Der Beleg steht hier drunter: Derselbe Text wie beim Original-Post, aber gesetzt wie ein Gedicht, damit jede Zeile ihre fünf Füße herzeigt. Mehr Sprach-Nerd kann man vermutlich kaum sein, als an sowas Spaß zu haben.

Von Stephen Fry was Neues geht ja immer.
Mit Hingabe guck ich schon lang QI
(das hier hilft auch an grauen, trüben Tagen),
les seine Bücher und retweete Tweets.

“The Ode Less Travelled” kannte ich noch nicht,
dabei ist es schon länger auf dem Markt.
Es geht, ganz grob, um Dichtung. Um das Werkzeug,
das jeder hat, wenn er mit Sprache spielt.
Wobei Herr Fry am Anfang erst mal streng ist
und seinen Leser schwören lässt: Dass der
sich Zeit nimmt für das Buch, dass er die Verse
darin, wenn möglich, laut vor sich hin liest.
Beim dritten Punkt hab ich etwas gepfuscht:
Man soll, schreibt Stephen Fry, stets ein Notizbuch
mitnehmen, ganz egal, wohin man geht.
Das war mir in der Metro doch zu lästig,
geschrieben hab ich also nur daheim.

Fry legt schnell los, zitiert sich durch Gedichte,
schreibt eigene, die oft recht schmutzig sind.
Dann, alle paar Kapitel, eine Übung,
bei der der Leser selbst zum Autor wird:
Im jambischen Pentameter zu schreiben
braucht gar nicht so viel Übung, bis es fluppt.

Natürlich hilft es dabei, dass auf Englisch
für vieles eine Silbe reicht, das heißt:
Von birth und death bis hin zu sun und moon
ist alles kurz und dadurch passgenau.
Das Buch vertreibt auch zügig so Ideen
wie die, dass sich am Schluss was reimen muss.
(Reim-Übungen gibt’s trotzdem, was ein bisschen
mehr Arbeit für Nicht-Muttersprachler macht.)

Nach ein paar Tagen steht das Ritual:
dieselbe Kladde und derselbe Stift,
das Datum oben in die Ecke – los!
Nichts davon taugt, um es hier zu zitieren –
aber der Stolz auf die paar Zeilen wärmt.
Schnell fließt mit jedem Mal das Englisch besser,
der Versfuß hinkt und stolpert auch nicht mehr.
Kein Herz auf Schmerz, stattdessen neue Formen:
ein Cento, ein Haiku, dann ein Rubai.

Was bleibt nach diesem Buch? Die volle Kladde
mit Übungen in Bleistift – und ein Puls.
Der jambische Pentameter sitzt so,
dass selbst das Bloggen seinen Regeln folgt.
Wer das nicht glaubt, klickt hier für den Beweis.

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