Warum es politisch ist, wenn wir Schneeräumfahrzeuge sehen

Diese Woche haben wir in Moskau die erste richtige Ladung Schnee des Winters bekommen. Schön, weil die Stadt endlich mal nicht mehr grau aussieht, und weil man mit großen Augen die ganzen Räumfahrzeuge bestaunen kann. Gerade auf unserer Straße ist da einiges unterwegs, denn sie ist für viele Wichtigmenschen aus dem Kreml der Weg zur Arbeit.

Ein Verbund aus vier, fünf Schneepflügen, die gleichzeitig auch noch Frostschutzmittel sprühen, ist also kein seltener Anblick. Dieser Oschi von einer Maschine hier war mir dann aber doch neu.

Kann gut sein, dass dieser Schneefresser auch früher schon im Einsatz war und mir nur nicht aufgefallen ist. Speziell ist in diesen Tagen aber definitiv, wie viel Platz die Schneeräumerei in den Hauptnachrichten der staatlich kontrollierten Fernsehsender einnimmt.

Wir sehen Straßen im Schnee – und die Kamera schwenkt zu den Räumfahrzeugen, die am Straßenrand mit laufendem Motor auf ihren Einsatz warten. Wir sehen Autos, die über frisch geräumte Straßen rollen – und die Arbeiter, die sich nach ihrem Räumeinsatz an einer Tasse mit etwas Heißem drin aufwärmen. Minutenlang derselbe Zyklus aus fallendem Schnee, Schneeräumen und wieder fließendem Verkehr.

Der Grund für diese medialen Schneeräumfestspiele lässt sich mit einem Wort zusammenfassen: Orenburg. 16 Stunden lang saßen Autofahrer dort eingeschneit fest, ehe die Räum- und Rettungskräfte sich ihrer annahmen. Ein Mann erfror, eine Frau starb kurz nach ihrer Rettung. Im Netz machte danach die Beschwerde eines der Eingeschneiten die Runde: “Wie kann es sein, dass in Russland die Ausrüstung fehlt, um durch den Schnee zu den Menschen zu kommen und sie zu retten?“

Dieses schwere Gerät, das wir in diesen Tagen so prominent in den Abendnachrichten der Staatssender sehen, hat also nicht nur die Aufgabe, Straßen vom Schnee zu befreien. Vor allem zeigt es Präsenz.

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Friedrich Engels und der Eisfischer von Kasan

Mit Moskauer Erwartungen nach Kasan zu kommen, bringt viele Überraschungen. Lächelnde Menschen auf der Straße. Blickkontakt im Restaurant. Autos, die an Zebrastreifen halten. Die Museumswärterin, die merkt, dass wir den Anfang der Ausstellung zur tatarischen Geschichte nicht finden und sagt, „na, kommen Sie, ich zeig es Ihnen“, dann mit Blick aufs Ziel mir freundlich den Arm tätschelt und die Richtung weist.

Okay, das Familienzentrum, das aussieht wie eine gusseiserne Schale auf einem langsam in die Grätsche gehenden Stövchen, ignoriert sein eigenes Öffnungszeitenschild und hat geschlossen. Aber wären wir nicht durch den Schneematsch hierher gestapft, hätten wir sie nicht gesehen, die Handvoll Kapuzengestalten, denen der Sonntagmorgen zwei Dinge bringt: einen kalten Hintern und einen guten Fang. 

Kasan Russland Eisfischer 2

Breit ist die Kasanka hier, wo sie sich mit der Wolga trifft. Und selbst so nah am Stadtzentrum ist es, Winterwetter sei dank, so still, dass man am Ufer hört, wie die Eisfischer ihren Bohrer ansetzen. Ein Riesentrumm, fast so groß wie die Angler selbst, und so schlicht wie eine schnell hingezeichnete Skizze. Schraube unten, Griff oben, dazwischen was zum Drehen. 

Kasan Russland Eisfischer 1

Später laufen wir uns über den Weg, zwei der Männer sind auf dem Weg runter vom Eis, zum Auto, ins Warme. „Entschuldigung, aber darf ich ein Bild von Ihnen machen mit…“ – ich weiß das Wort für Ausrüstung nicht. „Mit den Fischen?“, souffliert der eine und grinst. „Nein, mit… dem Instrument da.“ – „Ah, eine Foto-Session? Aber sicher!“ Und schon wirft er sich in Pose. Ein Mann, ein Bohrer. 

Kasan Russland Eisfischer 5

Ein paar Fragen hat er dann auch noch: Wie gefällt Ihnen Kasan (gut), was genau (Architektur, Geschichte), woher kommen Sie (aus der Nähe von Düsseldorf). „Kenn‘ ich nicht, ich kenne nur Trier, da haben Freunde von mir mal gearbeitet.“ – „Ah, ja, schöne alte Stadt, waren Sie da auch mal?“ – „Nein, aber ich weiß, dass es die Stadt von Karl Marx ist.“ – „Und ich komme aus der Nähe von Wuppertal, der Stadt von Friedrich Engels.“ – „Dann kommen Sie doch am 5. August wieder und wir feiern zusammen!“ Gelächter, großes Hallo, Verständigung findet statt. 

Er zeigt noch seinen Fang, „Sudak“, mit feinem Muster auf der Haut und ordentlichen Zähnen. Ein Zander. Dann fahren die beiden nach Hause, wir gehen einen Tee trinken, und die restlichen Fischer sitzen weiter tapfer auf dem Eis.

Kasan Russland Eisfischer 3

Kasan Russland Eisfischer 4

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Was man in einer Woche Moskau lernen kann

  • Das Gefühl in der Nase, wenn man bei -27 Grad aus der Haustür tritt – als hätte man den ganzen Tag Staub eingeatmet oder spontan alle Nasenschleimhäute voller Schorf: Das sind die Nasenhaare, die gerade kollektiv gefroren sind.
  • Mit warmen Fingern die Nase zusammendrücken und sie taut wieder auf. Nachteil: Dazu muss man die Handschuhe ausziehen.
  • Sieben Kleidungsschichten übereinander passen durchaus unter eine gängige deutsche Winterjacke.
  • Genau so wichtig wie das Warmanziehen ist es auch, ein paar Dinge möglichst schnell wieder ausziehen zu können. Schließlich ist die Metro voll und gut geheizt.
    Park Pobedy, der Siegespark. Die U-Bahn-Station darunter hat die angeblich längste Rolltreppe Europas.
    Park Pobedy, der Siegespark. Die U-Bahn-Station darunter hat die angeblich längste Rolltreppe Europas.
  • Apropos Metro: Gerade ist hier eine neue Linie eingeweiht worden, sie verbindet unsere Haltestelle Wystawotschnaja mit dem Park Pobedy. Das ermöglicht einen schlauen Schlenker stadtauswärts, um dann beim Stadteinwärtsfahren einen garantierten Sitzplatz zu haben.
  • Und apropos geheizt: Winterwetter + Heizwahn = 50 Grad Temperaturunterschied zwischen drinnen und draußen. Zum Vergleich: Zwischen Wüstenhitze in Las Vegas und Hotel-Klimaanlage am amerikanischen Anschlag sind es bestenfalls 30 Grad.
  • Möglicherweise wurde dieses ganze Russland nur erfunden, um uns Deutschen vor Augen zu führen, wie deutsch wir sind. Zwei 250-ml-Flaschen vom selben Shampoo kosten in unserem Supermarkt „Grüne Kreuzung“ weniger als eine 500-ml-Flasche. Anarchie!
  • Auch eine 16-Millionen-Metropole kann ein Kaff sein: In zwei Chören probegesungen, an zwei Enden der Stadt. Beide hatten denselben Pianisten, im selben Pulli.
  • Diese Bretter, die da am Wäscheständer hängen? Das sind T-Shirts. Ja, das Wasser ist hier so hart.
  • Wenn das Kino direkt gegenüber Deiner Haustür ist, heißt das gar nichts. Moskau gehört den Autos, also lauf gefälligst 500 Meter die Straße entlang bis zur nächsten Unterführung. Dann durch. Dann zurück bis zum Kino. (Hat sich für „Inside Llewyn Davis“ aber gelohnt.)
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