Russball, Folge 23: Ein Rückschlag für die WM-Vorbereitung

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Mitte November und die Temperatur hier in Moskau hält sich so gerade noch im positiven Bereich: ein Grad über null. Während ich das hier tippe, sammelt sich der Schneeregen vorm Fenster in großen Pfützen. Am Wochenende soll es die ersten Minusgrade geben. Russland halt.

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⚽ Novemberfrost in Russland ist in etwa so überraschend wie die These, die Zenit-Trainer Roberto Mancini gerade in einem Interview aufgestellt hat: „Wir werden den Meistertitel holen“, sagt er mit der Selbstverständlichkeit eines Mannes, dessen Team die bisherige Saison so dominiert hat, dass es fast schon langweilig wurde. Dass aktuell Lokomotive Moskau knapp an der Tabellenspitze steht und Zenit nur auf Platz zwei, ist da schon eine willkommene Abwechslung.

Genervt von der aktuellen Saison in Russlands oberster Liga ist auch Alan Dsagojew, der für ZSKA Moskau spielt. Ein wirkliches Fußballspiel komme nur gegen Zenit, Spartak und Krasnodar zustande, gegen alle anderen sei es der reine Kampf, ließ er in einem Interview wissen. Nach längerem Nachdenken sei er daher zu dem Schluss gekommen: „Das hier ist die schlechteste Meisterschaft in den letzten zehn Jahren.“

⚽  Manche Leute halten ja „Never read the comments“ für die wichtigste Regel, um online nicht völlig zu verzweifeln. Beim folgenden Tweet, in dem Russlands Nationalmannschaft ihr neues Heimtrikot vorstellt, trifft das auf jeden Fall zu. Mir gefällt das Outfit eigentlich ganz gut, die Kommentare der russischen Fans dagegen rangieren von unzufrieden über frustriert bis gemein.

„Ein schlimmeres Trikot habe ich noch nie gesehen“, schreibt ein Fan, ein anderer ergänzt: „Wie das Spiel der Mannschaft, so auch das Trikot“ und fügt, um auf keinen Fall missverstanden zu werden, ein kotzendes Emoji hinzu.

Zu schlicht, zu retro, zu langweilig, das sind so die Hauptkritikpunkte – „da hatte Adidas wohl noch ein paar Stoffreste aus Sowjetzeiten rumliegen.“ Und während ein Fan mit einem Hilferuf an Adidas-Konkurrent Nike reagiert, herrscht bei anderen schon völliger Fatalismus: „Was macht es schon für einen Unterschied, in welchem Trikot man verliert?“

⚽ Wer bei der Wiedereröffnung von Moskaus Luschniki-Stadion eine Blamage für Russlands Nationalmannschaft befürchtet hatte, darf aufatmen: Kein öffentliches Abwatschen, die Gäste aus Argentinien gewannen das Freundschaftsspiel bloß mit 1:0. Blamabel war allerdings, was sich nach dem Abpfiff tat: Lange Wartezeiten, um aus dem Stadion herausgelassen zu werden. „Es ist furchtbar kalt! Weinende Kinder! Mütter und Väter ziehen ihre Kleidung den Kindern über, um sie zu wärmen,“ postete ein wartender Fan aus dem Stadion. Ein anderer Stadionbesucher kritisierte die „schreckliche Organisation am Luschniki-Ausgang: 80.000 Menschen und nur ein schmaler Durchgang. Wenn das bei der WM auch so wird, ist es eine Schande.“

Wer einmal draußen war, brauchte bei Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt bis zu zwei Stunden, um es in die warme Metro zu schaffen. Offenbar hatte die Polizei einige Straßen und Metro-Eingänge gesperrt, außerdem standen nicht genug Züge bereit, um die Fans abzutransportieren. Ärgerlich für die Fans, peinlich für die Organisatoren. Denn bei der WM sollen im frisch renovierten Luschniki-Stadion sowohl das Eröffnungsspiel als auch das Finale stattfinden.

⚽ Noch eine Geschichte dreht sich diese Woche um ein russisches Fußballstadion, diesmal in St. Petersburg. Die Liste der Skandale rund um das Krestowski-Stadion in Russlands „zweiter Hauptstadt“ ist lang: Verzögerungen, Kostenexplosion und Korruption schon in der Bauphase. Später dann immer wieder Lecks im Dach, durch die es reinregnete – an denen sollten, wir erinnern uns, spitze Vogelschnäbel schuld sein. Lustige These, stimmte aber dann doch eher nicht.

Ein tatsächlicher Schuldiger fand sich dagegen jetzt vor Gericht wieder. In diesem Fall ging es nicht um das undichte Dach, sondern um Korruption. Marat Oganessjan hat gestanden, als Vize-Gouverneur den Auftrag für eine Videowand im Stadion einem befreundeten Unternehmer zugeschustert zu haben – wohl wissend, dass der das Geld einstreichen würde, ohne dafür die bestellte Wand zu liefern. Aufgrund von Oganessjans Aussage sollen nun weitere Beteiligte an illegalen Deals beim Stadionbau verfolgt werden.

⚽ Nicht nur Luschniki ist renoviert worden, auch am Stadion von Dynamo Moskau wird gebaut. Eine Gruppe Sportmanagement-Studenten durfte jetzt die Baustelle besuchen, ein Reporter von Sport Express hat sich ihnen angeschlossen. Gemeinsam waren sie sowohl im Stadion als auch in den Katakomben unterwegs.

Genau genommen entsteht hier ein ganzer Sportkomplex, auch Eishockey- und Basketballspiele sollen auf dem Gelände ausgetragen werden. Dass die Besuchergruppe abends im Dunkeln unterwegs war, lässt die Bilder, die Sport Express zu der Reportage veröffentlicht hat, besonders eindrucksvoll wirken.

⚽ Ach komm, eins noch! Das ist dann aber auch das letzte Stadion in dieser Russball-Ausgabe: In Jekaterinburg haben sie ja, um Platz zu schaffen, eine Tribüne so weit verlängert, dass sie jetzt aus dem Stadion herausragt. Kommste raus, kannste reingucken. Dazu noch das aktuelle Winterwetter, und ein Hauch von Eiger-Nordwand umweht das Gebäude, in etwa so:

⚽  Schlaf schneller, Genosse, auf dein Bett wartet schon ein anderer: Studenten in mehreren russischen Städten sollen während der Sommersemesterferien aus dem Wohnheim ausziehen, damit dort Sicherheitskräfte für die Fußball-Weltmeisterschaft wohnen können. In Nischni Nowgorod, Samara, Saransk und Jekaterinburg – alles WM-Austragungsorte – haben die Unis laut Moscow Times auf Anweisung des russischen Bildungsministeriums bereits so umgeplant, dass das Semester früher endet.

Am 14. Mai sollen dann Mitglieder der Nationalgarde in die Studentenwohnheime ziehen. Russlands Studentenorganisation hat sich allerdings bereits mit einem Protestbrief an Regierungsschef Medwedjew gewandt. Schließlich bräuchten viele Studenten ihre Wohnheimzimmer, weil sie während der Semesterferien Praktika machen. Ein Zimmer auf dem freien Markt wäre für viele von ihnen zu teuer – erst recht, wenn die WM die Preise in die Höhe treibt. (Servicehinweis am Rande: Das Internationale Moskauer Filmfestival wird übrigens ebenfalls wegen der WM verlegt.)

⚽  Das war ein komisches Gefühl neulich im Russischunterricht: Sie habe ja nun „Joseph und seine Brüder“ von Thomas Mann endlich durch, sagte meine Lehrerin, wie ich das denn fände? Hüstel, nuschel, leider nie gelesen. Es folgte eine kurze Analyse, warum sich das dringend ändern muss, wie das Werk sich zur Josephsgeschichte der Bibel verhält und wie zu Manns Gesamtwerk. Der klassische Literaturkanon ist hier in Russland immer noch sehr wichtig, wichtiger als anderswo.

Dazu passt eine Umfrage, die Bombardir.ru neulich gemacht hat: „Was lesen russische Fußballspieler“, wollte die Website wissen. Ergebnis: Sergei Ryschikow von Rubin Kasan liebt Hemingway, Rostows Wladimir Djadjun gibt „Der Letzte Mohikaner“ als Lieblingsbuch an. Auch deutschsprachige Literatur ist gut vertreten: Jewgeni Baschkirow von Krylja Sowetow Samara nennt „Mein Name sei Gantenbein“, sein Kollege Nikita Baschenow vom FSK Dolgoprudny schwört auf den „Steppenwolf“. Je länger man durch die Liste scrollt, desto ungebildeter fühlt man sich – bis man zu Sergei Parschiwljuk kommt. Der Mann ist immerhin russischer Nationalspieler, und was hat er als Lieblingsbuch angegeben? „Der Teufel trägt Prada“. Danke!

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Zum Schluss noch eine Runde Schadenfreude? Ach kommt, ihr wollt es doch auch! „Sitz gerade“, „Nimm die Füße da runter“, „Nicht kippeln“ – na, auch gerade eure Eltern im Ohr gehabt? Die von Wasiliy Utkin haben bestimmt auch versucht, ihm das alles abzugewöhnen. Alles ohne Erfolg – der Fußballkommentator von Sport FM hat sich trotzdem bei der Arbeit so richtig schön hingefläzt, gut sichtbar im Livestream. Das konnte auf Dauer nicht gutgehen – und das tat es auch nicht, wie dieses Video zeigt.

Beeindruckend, wie Utkins Kollege erst noch versucht, weiter zu moderieren. Utkin selbst nahm die Sache mit einer großen Portion Selbstironie. Er twitterte den Clip, bei dem seine Adidas-Schuhe plötzlich ins Zentrum des Geschehens rücken, mit dem schlichten Kommentar: „Schuhwerbung. Teuer. #adidas“



 

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Russball, Folge 22: Wir basteln uns einen Stadion-Rasen

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Echt, drei Tage in Tiflis, und du bist für Moskau komplett verdorben. Die freundlichen Menschen! Das grandiose Essen! Die fußgängertauglichen Straßen! Besonders cool an Fabrika, dem Ort, wo wir mit dem Team von Coda Story getagt haben, waren die viele Graffiti – mal schauen, vielleicht wird das noch mal ein separater Blogpost.

Eh das hier jetzt aber komplett in Richtung Georgien-Verklärung kippt, reden wir besser mal über Guram Kashia. Er spielt nicht nur für die georgische Fußball-Nationalmannschaft, sondern auch für den niederländischen Verein Vitesse Arnheim. Als sich unlängst alle Clubs der Eredivisie – also der obersten Liga in den Niederlanden – zusammentaten und ihre Kapitäne mit Regenbogen-Armbinde auflaufen ließen, sollte das ein Zeichen gegen Homophobie sein.

Für Kashia war es der Beginn massiver Anfeindungen. Georgische Fußballfans und Journalisten fordern seitdem, dass er nicht mehr für die georgische Nationalmannschaft spielen darf. Mehr zum Thema gibt es bei der Washington Post.

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⚽ Angriff ist die beste Verteidigung, das gilt auch, wenn sich die Fans daneben benehmen: Beim Europa-League-Spiel gegen Rosenborg Trondheim haben Anhänger von Zenit St. Petersburg den Gästeblock auseinandergenommen. 700 Zenit-Fans waren zu dem Spiel nach Norwegen gereist, 80 Sitze waren hinterher kaputt. Nachdem Trondheim sich bei der UEFA über den Vandalismus der russischen Gäste beschwert hatten, ging Zenit in die Offensive: 80 kaputte Sitze? Jahaaaa, aber der Gästeblock war ja auch gar nicht richtig ausgerüstet für eine Match dieser Klasse.

Da, heißt es weiter, seien schließlich spezielle, vandalismusfeste Sitze üblich. „Zenit will sich nicht der Verantwortung für von unseren Fans verursachte Schäden entziehen“, zitiert TASS aus einem Statement des Vereins. Von böser Absicht könne aber keine Rede sein: „Solche Dinge passieren, wenn die Gasttribüne nicht richtig vorbereitet ist.“ Anders gesagt: Unsere Fans sind keine Vandalen! Sie machen bloß Sitze kaputt, wenn die nicht vandalismusfest sind. (Die UEFA interessiert das übrigens nicht, sie ermittelt trotzdem.)

⚽ „Russische Nationalmannschaft wird Weltmeister im 7-gegen-7-Fußball“, schreibt Argumenty i Fakty – und ich muss erst mal recherchieren, was das ist. Das Ergebnis ist interessant und, mit Blick auf Russland, ermutigend: Bei dieser Fußball-Variante, die auf Deutsch „CP-Fußball“ heißt, treten Sportler gegeneinander an, die nach einer Hirnschädigung im Kindesalter oder nach einem Schlaganfall Probleme haben, ihre Bewegungsabläufe zu kontrollieren. Um Weltmeister zu werden, hat Russland die Nationalmannschaft von Guatemala 4:2 geschlagen.

Ein großer Fortschritt im Vergleich zu noch vor wenigen Jahrzehnten: Als Moskau 1980 die Olympischen Sommerspiele ausrichtete, weigerten sich die sowjetischen Offiziellen, auch die Paralympics zu veranstalten. Offizielle Begründung: Bei uns gibt es keine Behinderten! Auch heute ist das Thema Behinderung hier kein einfaches, aber immerhin: 2014 hat Russland in Sotschi sowohl die Olympischen als auch die Paralympischen Winterspiele ausgerichtet.

⚽ Im Märzen der Bauer die Rösslein einspannt. Er setzt seine Felder und den Rasen von Dynamo Moskau instand. Ja, man kann schon mal lyrische Anwandlungen bekommen bei den Motiven, die der Telegramm-Kanal „Historical Football“ so verbreitet. Dieses Motiv aus dem Frühjahr 1935 ist aber auch einfach zu schön, das muss hier einen Ehrenplatz bekommen.

Frühjahrsaussaat: Das Spielfeld im Dynamo-Stadion wird im nach dem Umbau für die Saison vorbereitet“, heißt die Bildunterschrift in der Sammlung historischer Aufnahmen auf der Internetseite des Vereins. Die lohnt ohnehin das Stöbern – auch wegen dieser Aufnahme der allerersten Dynamo-Mannschaft aus dem Jahr 1924.

⚽ Zur Halbzeit in der Premjer-Liga versucht sich Russian Football News an einer Zwischenbilanz. Leider ist das Ergebnis eher gut gemeint als gut gemacht – es sei denn, man steht auf stream of consciousness und atemlose Endlossätze. Aber gut, für den Fall, dass hier ein Hardcore-Fan von Achmat Grosny, Amkar Perm, Anschi Machatschkala oder Arsenal Tula mitliest: Hier findet ihr Teil 1 der Halbzeitbilanz.

⚽ Ein Update ist nötig, vielleicht sogar eine Korrektur zur Russball-Folge der vergangenen Woche. Dort hatte ich einen Bericht von RBK zitiert, wonach Russland rund eine Million US-Dollar bezahlt, damit Argentinien seine Nationalmannschaft zu einem Freundschaftsspiel nach Moskau schickt. Nun allerdings hat sich Witali Mutko zu Wort gemeldet, Russlands oberster Fußballfunktionär.

Russlands Fußballverband habe nichts für diese Begegnung gezahlt, zitiert ihn die staatliche Nachrichtenagentur TASS, und hätte Mutko an dieser Stelle aufgehört, es wäre ein hartes Dementi. Doch es folgt ausführliches Lavieren über Kosten für Unterkunft, Flüge, Trainingseinrichtungen, Transfers der Gäste, es ist die Rede von „einem gewissen System an Interaktionen zwischen den Nationalmannschaften“. Will sagen: Russland hat vielleicht (noch?) nichts bezahlt für das Freundschaftsspiel. Aber wenn so eine Aufwandsentschädigung für die Anreise, Unterkunft etc. sich nun auf eine Million Dollar summiert, na dann…

Die Argentinier, das steht jedenfalls fest, sind schon mal in Moskau eingetrudelt. Und dieses Twitter-Video, bei dem sie aus einem Minibus steigen, hat bei fußballinteressierten Russen schon viel Spaß ausgelöst. Schließlich gehört das Fahren mit solchen „Marschrutkas“ zum Alltag all jener Moskauer, die nicht im unmittelbaren Zentrum der Stadt unterwegs sind.

⚽ Nur noch 217 mal schlafen, dann ist auch schon Fußball-Weltmeisterschaft. Moskaus Stadtverwaltung hat direkt mal durchgezählt, wer denn da wohl alles anreist und woher. Ergebnis: Mehr als die Hälfte aller Hotelreservierungen in Moskau während der WM kommt von Menschen aus nur drei Ländern: den USA (22 Prozent), China (16) und Mexiko (15). Insgesamt sind rund 60 Prozent der verfügbaren Hotelzimmer in Moskau bereits belegt.

Heißt das also, dass die größten Fangruppen bei der WM aus diesen drei Ländern kommen werden? Nicht zwingend. Gerade in diesen letzten Wochen des Jahres, wo wir den Resturlaub verbraten, ist uns doch allen präsent, wie leicht sich ein reserviertes Zimmer auch wieder stornieren lässt – online oft sogar bis einen Tag vor der Ankunft. Auf solche Stornierungen müssen sich Moskaus Hoteliers sicherlich einstellen. Denn auch, wenn die Fans optimistisch geplant haben – weder die USA noch China haben sich für die Weltmeisterschaft qualifiziert.

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Falls ihr übrigens auch mit der Idee spielt, zur WM im nächsten Jahr nach Russland zu kommen: Es gibt neuen Infos zu den Zügen, in denen Fans kostenlos vom einen Austragungsort zum anderen fahren dürfen. Keine ideale Lösung, wenn man nach Jekaterinburg will, aber für kurze Strecken wie Moskau – St. Petersburg durchaus machbar; erst recht, wenn man mehr Zeit als Geld hat.

Besonders empfehlen kann ich nach meinen Zugerfahrungen hier in Russland die „Lastotschka“, übersetzt „Schwalbe“ – ein Schnellzug, neu, schick und oft sogar mit WLAN. Alles weitere hier – macht’s gut und bis nächste Woche!



 

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#twitspeare – jeden Monat ein neues Shakespeare-Stück lesen

#twitspeare Shakespeare Twitter 2016

Wir machen das jetzt einfach mal: Jeden Monat ein Stück von William Shakespeare lesen und drüber twittern. Ohne festes Ziel, ohne akademischen Anspruch, ohne Vorgabe, wie viele Tweets, wann oder in welcher Sprache. Es geht einfach nur um den Spaß daran, 400 Jahre nach Shakespeares Tod gemeinsam etwas von ihm zu lesen und sich darüber auszutauschen.

Bisher sind wir ein gutes Dutzend Leute, manche kennen sich, manche nicht. Wenn jemand das hier liest und mitmachen will – nur zu, es geht los mit „Much Ado about Nothing“. Oder, wie eine Moskauer Freundin es gestern so schön auf den Punkt brachte: „Ahhhhh, Ken and Em.“

Ja, auch für mich ist die Version mit Kenneth Branagh und Emma Thompson die Verfilmung. Müsste man direkt mal wieder… und dann gab es ja auch noch diese schwarzweiße von Joss Whedon vor ein paar Jahren… und den Theatermitschnitt mit David Tennant.

Hier schwört er (mit schottischem Akzent als Bonus-Feature) in der Rolle des Benedick, dass er sich nie verlieben wird.

Was passiert, wenn jemand sowas am Anfang der Handlung sagt, wissen wir alle. Wie es passiert, dafür nehme ich das Stück gerne mal wieder in die Hand – erst recht, weil Beatrice, das weibliche Gegenstück zu Benedick, von je her eine meiner absoluten Lieblingsfiguren in der englischen Literatur ist.


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Etikette und Eichhörnchen

Heute ist wieder Buchclubtreffen. Ich bin da so reingerutscht dank einer Kollegin, in diese englisch-schottisch-russisch-irisch-amerikanische Runde und habe derzeit noch ein kleines Etikette-Problem.

Bücher zum Vergnügen lesen – geht, klar. Bücher für die Uni oder für die Arbeit lesen – auch. Und wenn mir in einem Buch etwas auffällt, sei es dienstlich oder privat, dann google ich hinterher ein bisschen rum und erfahre mehr. Beim Buchclub wäre das kontraproduktiv: Die Diskussion, was welcher Handgriff eines Autors wohl soll, ist ja gerade das Ziel. Es geht um eigene Gedanken, Referieren aus Wikipedia oder der Reclam-Lektürehilfe kann schließlich jeder.

Zu abstrakt? Okay. Diesen Monat lesen wir „Pnin“ von Vladimir Nabokov, was ganz schön gemein ist seiner Hauptfigur gegenüber. Anders als lächerlich darf der aus Russland in die USA emigrierte Professor vor allem zu Beginn selten rüberkommen, dargestellt als ein verpeilter, schrulliger Waschlappen mit mehr Marotten als Verstand. Und dann noch diese Eichhörnchen.

Graubraunes Cover, bunte Markierungen:
Graubraunes Cover, bunte Markierungen: „Pnin“ nach dem Fertiglesen.

Auf Seite 23 sieht der junge Pnin vom Krankenbett aus eines, auf Seite 24 schaut dem erwachsenen Pnin eines bei einer Panikattacke zu. Auf Seite 58 hat er nach einem Besuch seiner Ex-Frau eine Sinnkrise und gibt währenddessen einem Eichhörnchen was zu trinken – spätestens da habe ich angefangen, die Viecher mit Post-its zu markieren.

So eine Eichhorndichte, das muss doch ein Stilmittel sein und nicht bloß Zufall? Das nächste rennt auf Seite 73 durchs Bild, Pnin ist gerade auf dem Weg in die Bücherei. Und da, auf Seite 76, kommt endlich der Satz, der die ganzen Eichhörner rechtfertigt:

„…many good young people considered it a treat and an honor to see Pnin pull out a catalogue drawer from the comprehensive bosom of a card cabinet and take it, like a big nut, to a secluded corner and there make a quiet mental meal of it…“

Okay, kein Zufall also – aber Absicht in welche Richtung? Soll das Pnin weiterhin lächerlich erscheinen lassen oder auch liebenswert? Ist es dann erwähnenswert, dass er sich Anfang des Buchs alle Zähne ziehen lassen hat und nun sehr stolz ist auf seine famosen Dritten, mit denen er alles zerbeißen kann?

Hätte man das als halbwegs belesener Mensch eh vorher wissen müssen, weil Nabokovs Eichhörnchen sowas sind wie Prousts Madeleines? Und schwingt da irgendeine Metapher über das Leben in der Fremde mit, weil die Eichhörnchen in Russland rot sind und in den USA grau, das Emigrantenleben also ähnlich wie zuhause, aber nicht gleich?

Wir müssen reden.

Phoebe I totally get symbolism gif

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Completely at Home as a Foreigner

Christopher Isherwood 

And how strange and delightful it was to be sitting here, with Turkish smoke tickling his nostrils and German beer faintly bitter on his tongue, writing a story in the English language about an English family in an English country house! It was most unlikely that any of the people here would be able to understand what he was writing. This gave him a soothing sense of privacy, which the noise of their talk couldn’t seriously disturb; it was on a different wave length. With them around him, it was actually easier to concentrate than when he was by himself. He was alone and yet not alone. He could move in and out of their world at will. He was beginning to realize how completely at home one can be as a foreigner.

(Christopher Isherwood: Christopher and His Kind)

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Wie David Sedaris einmal fragte, ob ich mich ausziehen würde

Auf der Liste der Dinge, die ich nicht verstehe, ist eine nicht ausverkaufte Lesung von David Sedaris ziemlich weit oben. „Me Talk Pretty One Day“ war das erste Buch, das ich von ihm gelesen habe. Seitdem dann so gut wie jedes, fast alle mit Hingabe, weil: so klug, so lustig, so lakonisch. Als er letzten Herbst zu einer Lesung nach Köln kam, war das also ein Pflichttermin.

Vor der Lesung hat er schon mal alles an Büchern wegsigniert, was ihm so unterkam. Neben der Schlange stand dabei – vier, fünf Wartende von Sedaris entfernt – eine Frau vom Verlag, fragte die Leute nach ihren Vornamen und schrieb die dann auf ein Post-It. Ergebnis: kein „Neinnein, Reiner mit E!“, keine Extrawartezeit für die dahinter. Clever.

Aus dem Signieren ist auch der Titel von Sedaris‘ aktuellem Buch entstanden. Bei „Fresh Air“ auf NPR hat er erzählt, wie unangenehm es ihm wäre, irgendwelchen Nullachtfünfzehnkram in ein Buch zu schreiben.

Als also nach einer Lesung in den USA eine Frau vor ihm stand und partout für ihre Tochter ein total motivierendes „Explore your possibilities!“ als Widmung wollte, hat Sedaris sich gedrückt, aber höflich das „explore“ behalten und weitergedreht: „Lets explore diabetes with owls“ steht nun in dem Mutter-Tochter-Buch. Und auf dem Cover seiner aktuellen Sammlung an Essays.

Der Mensch vor mir in der Kölner Schlange hatte auch einen Sonderwunsch. Und zwei Post-Its.

„Could you sign these two, please? One is for my friend, Anna.“
„Is she your friend or your girlfriend?“
„Oh no, she’s, uhm, she’s just a friend!“
„Have you seen her naked?“
„No!“
„Well, if you gave her, say, twenty euros, and said ‚Can I please see you naked‘ – do you think she’d do it?“

Gedruckse, Filzstiftgeräusch, nächster bitte.

„Ah, how about you?“
„Huh?“
„If I gave you twenty euros, could I see you naked?“
„Uhm – I think I’d wait for a better offer.“
„That’s probably a good idea.“

Ins Buch hat er mir dann ein eher lahmes „To Katrin, with friendly friendship“ reingeschrieben. Dafür kann ich mit der hypothetischen Frage eines schwulen Humoristen – die ich natürlich als ernstgemeintes Angebot deute – seitdem angeben. Danke dafür.

Bloggen ist schön, macht aber viel Arbeit. Unter dem Motto „Schönes bleibt“ nutze ich deshalb den Moskauer Sommer, um ein paar Dinge aufzuschreiben, für die sonst immer die Zeit fehlte. Danke an Monika für das Foto!

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„Mr Penumbra’s 24-Hour Bookstore“ in fünf Zitaten

Mr PenumbraDas Schöne an Taschenbüchern ist ja die niedrige Hemmschwelle. Mit dem Bleistift was anstreichen, oben eine Ecke umfalten als Markierung – alles erlaubt, im Gegensatz zu Hardcovern.

Bei „Mr Penumbra’s 24-Hour Bookstore“ hat es sich besonders gelohnt, die Taschenbuch-Ausgabe zu kaufen. So viele Stellen hab ich lange nicht mehr in einem Buch markiert, einfach weil es so viel Grund gab zum Freuen und Nochmallesen. Es geht, sehr vereinfacht, um Bücher, um das Internet, um das Leben und was man draus macht.

Clay zum Beispiel macht gerade seinen Job als Buchladenhüter, programmiert ein bisschen vor sich hin, da betritt Kat den Laden und will gucken, was er am Laptop so tippt.

She’s scrolling fast through my code, which is a little embarassing, because my code is full of comments like Hell, yeah! and Now, computer, it is time for you to do my bidding. „This is great,“ she says, smiling. „And you must be Clay?“ It’s in the code – there’s a method called clay_is_awesome. I assume every programmer writes one of those.

Robin Sloan (der vorher so Dinge wie „Fish“ gemacht hat und von dem sich auch diese Kurzgeschichte zu lesen lohnt) bringt beiläufig viele anschauliche Beschreibungen unter. Wenn Clay zum Beispiel vor schlechtem Gewissen ganz hibbelig ist, beschreibt Sloan das so:

If fidgets were Wikipedia edits, I would have completely revamped the entry on guilt by now, and translated it into five new languages.

So zeichnet er das Gesicht von jemandem, dessen Welt gerade aus den Fugen geraten ist:

He has the strangest expression on his face – the emotional equivalent of 404 PAGE NOT FOUND.

Und auch wenn sich Clay ein bisschen in Kat verguckt hat, gibt er ihr als Erzähler beim gemeinsamen Ausflug nach New York einen Seitenhieb mit:

Kat bought a New York Times but couldn’t figure out how to operate it, so now she’s fiddling with her phone.

Die Leistung daran ist, dass hier beides klappt: Sloan findet eine neue Art, Dinge zu sagen. Aber es klingt nicht bemüht, nicht mit Gewalt auf Was-mit-Internet getrimmt.

Sowieso ist das ein Buch, das an vielen Stellen kippen könnte, aber nicht kippt. Google zum Beispiel ist hier zwar ein mächtiger Konzern, aber dessen Riesenambitionen kommen eher absurd rüber, nicht wie ein ernsthaftes Streben nach Weltherrschaft. Ein Text über Google, in dem niemand „Datenkrake“ schreit – war mir nicht klar, dass das auf dem deutschen Markt überhaupt erlaubt ist.

Clay kann eine gelungen programmierte Datenvisualisierung ebenso bewundern wie ein historisches Buch mit dicker Staubschicht auf dem Rücken. Es gibt in „Mr Penumbra’s 24-Hour Bookstore“ auch keinen Gewinner, kein „Das Internet ist das Ende aller Bücher“ und kein „Was Bücher können, wird das Web nie schaffen“. Es gibt nur eine Geschichte um Daten, um Geheimnisse und Versuche, sie zu lösen.

Dass sich zwei Welten begegnen können, ohne zu kollidieren, zeigt vielleicht am besten die Stelle im Roman, in der mit Google-Technologie ein geheimnisvolles altes Buch vollautomatisch eingescannt wird:

There’s a low, gut-rumbling hum, then a high warning chime, and then the book scanner leaps into action. The floodlights start strobing, turning everything in the chamber into a stop-motion movie. Frame by frame, the scanner’s spidery arms reach down, grasp page corners, peel them back. It’s mesmerizing. I’ve never seen anything at once so fast and so delicate. This thing loves books.

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2013 – das Jahr in Büchern

Lesetoff 2013 - die Bücher, die fehlen, waren Leihgaben oder sind gerade verliehen.
Lesetoff 2013 – was fehlt, war geliehen oder ist gerade verliehen.

Ein gutes Lesejahr, dieses 2013. Mit ausreichend Gelegenheit, neue Titel alter Lieblingsautoren zu lesen. Mit ein paar Neuentdeckungen, an denen ich dranbleiben will. Und, gottseidank, mit so gut wie keinen Totalausfällen, sondern nur ein paar mittelprächtigen Kandidaten.

Darum hier, grob chronologisch: meine Bücherliste des Jahres, inspiriert von der Kaltmamsell, deren Leselisten ich seit Jahren bewundere. Die verlinkten Titel kann ich guten Gewissens weiterempfehlen. Die anderen finden sicher auch ihre Leser, aber ich möchte nicht für sie haften. Eine kurze Begründung lässt sich jeweils per Klick ausklappen.

“The Innocent” von Ian McEwan.
Zwei Drittel mit der gleichen Hingabe gelesen wie jedes Buch von ihm. Ach, die Figuren! Ach, die Sprache! Ach, das Leben als Geheimdienstler, kein Stück glamourös, eher auf Sachbearbeiter-Niveau. Dann vom großen Wendepunkt komplett genervt, weil er so unvermittelt reingeschoben wirkt. Einige Seiten eher quergelesen und am Ende auch nur so halb versöhnt gewesen. McEwan sieht das mit dem Wendepunkt im Rückblick übrigens ähnlich.
“Only Beautiful, Please” von John Everard.
Alltag im bestabgeschottetsten Land der Welt – John Everard berichtet aus der Zeit (2008 bis 2010), als er britischer Botschafter in Nordkorea war. Gedanklich wie sprachlich stellenweise leider manchmal arg schlicht, trotzdem ein Einblick, wie man ihn selten bekommt. Welches Argument da nun schwerer wiegt, muss jeder selbst entscheiden.
“On China” von Henry Kissinger.
So ein absurd großes Projekt, ganz China zu erklären, und dann auch noch chronologisch – das hätte verdammt drüsch werden können. Und wurde genau das Gegenteil. Struktur und Sprache, Dönekes und Analyse, bei „On China“ passt alles. Extrem lesenswert, egal, ob man Kissingers politische Haltung teilt oder nicht.
“Zehn” von Franka Potente.
Was hängenbleibt: die am culture clash gescheiterte Liebe zwischen einem Japaner und der schönen Skandinavierin Ingeborg. Der sterbende Herr Masamori, der auf seinem letzten Weg von einem sanftmütigen TV-Wrestler begleitet wird. Viele andere Geschichten waren mir aber zu zeigefingerig, zu sehr “Landeskunde: Japan”.
“The Orphan Master’s Son” von Adam Johnson.
Wie ein Buch gleichzeitig so leicht und so grausam sein kann, ist schwer zu verstehen. Manche Folter-Szenen sind mir Wochen später noch eingefallen, so eindringlich, dass ich die Arme verschränken musste, um mich nicht so ungeschützt zu fühlen. Das Wortspiel mit dem Namen des Protagonisten hab ich (im Gegensatz zu gefühlt jedem Rezensenten) erst begriffen, als es im Buch thematisiert wurde. Egal. „The Orphan Master’s Son“ war für mich eines der Bücher des Jahres.
“Was denkt China” von Mark Leonard.
Dieses “ich ich ich” des Autors die ganze Zeit nervt und hemmt beim Lesen. Trotzdem kann man das Buch mal in die Hand nehmen, wenn man sich für China interessiert (und den Kissinger von weiter oben schon durch hat).
“A Billion Wicked Thoughts” von Ogi Ogas und Sai Gaddam.
Kurzweilig, populärwissenschschaftlich, detailliert. Mehr, als ich jemals über Sex und das Internet wissen wollte – taugt für einen langen Party-Abend als Smalltalk. Schon allein, um der deutschen Fassung ihre dümmliche Verkaufe nicht durchgehen zu lassen, sollte man dieses Buch im Original lesen. Mehr hier.
“Sweet Tooth” von Ian McEwan.
Noch mal McEwan, noch mal eine Spionage-Geschichte. Diesmal aber, im Gegensatz zu „The Innocent“, rundum gelungen. Und dann, wenn schon alles erzählt zu sein scheint, hat „Sweet Tooth“ noch eine Pointe, die das komplette Buch auf den Kopf stellt. Lesen!
“A Concise Chinese-English Dictionary For Lovers” von Xiaolu Guo.
Wie weit genau hat Amy Tan dieses Buch gelesen, eh sie das lobende Zitat fürs Cover gespendet hat? Für mich hat sich das genau so künstlich angefühlt, wie es hier steht. (Dieser Link ist die Ausnahme zur Regel, also keine Empfehlung. Aber die Kritik im Guardian trifft’s einfach so gut.)
“The Great Gatsby” von F. Scott Fitzgerald.
Liest sich wie die amerikanische Variante von “Room At The Top”, was natürlich Quatsch ist, weil Gatsby zuerst da war. Und ja, das ist sicher tolle Literatur, aber ich hatte die ganze Zeit so ein Gefühl von “Aha, Autor, ich sehe, was Du gerade tust.” War wohl ein Literaturwissenschaften-Seminar zu viel.
“Memories, Dreams and Reflections” von Marianne Faithfull.
Was für ein Null-Titel. Menschen, Tiere, Sensationen. Das Buch fühlt sich dann auch an wie ein Interview, bei dem anschließend die Fragen wegredigiert wurden. Nur was für Hardcore-Fans.
“Tausend Jahre frommes Beten” von Yiyun Li.
Auf gut Glück in der Redaktion mitgenommen, weil ein Kollege es aussortiert hatte. In einem Rutsch alle zehn Geschichten gelesen und genossen. “Tausend Jahre frommes Beten” hat sich deutlich stimmiger angefühlt als “Zehn” (s.o.)
“Play It Again” von Alan Rusbrider.
Als Chefredakteur des Guardian ist Alan Rusbridger gut ausgelastet. Trotzdem gibt er sich ein Jahr Zeit, Chopins Ballade Nr. 1 auf dem Klavier einzustudieren. Das bedeutet unter anderem Üben am Klavier einers Hotel mitten im libyschen Bürgerkrieg und Gespräche mit Menschen wie Condoleezza Rice übers Klavuíerspielen in ihrer Suite im Adlon. Und daneben die Redaktionsarbeit, mit dem Guardian ganz vorne bei der Berichterstattung zu WikiLeaks.
So viele Gründe, dieses Buch zu lesen: Weil man Journalist ist. Weil man Onliner ist. Weil man Musik liebt. Weil man gerne Hintergründiges zu Wikileaks und zur Zusammenarbeit mit Julian Assange wissen will. Weil man in irgendetwas Amateur ist und trotzdem versucht, es so gut wie möglich zu können.
Das Internet hat uns die Debatte darüber gebracht, welchen Beitrag Nicht-Journalisten zur Öffentlichkeit leisten. Anhand von „Play it Again“ kann man noch einen Schritt abstrakter über Amateurmusiker, Amateursportler, Amateurblogger nachdenken. Und über den Wert, etwas so gut wie möglich zu tun, auch wenn man nie zu den Besten gehören wird. (Das Ergebnis als Video: Alan Rusbridger spielt die Ballade Nr.1.)
“Dear Lupin” von Charlie Mortimer.
So, wie man sich Schulbuch-England vor ein paar Jahrzehnten vorstellt. Bisschen Klassengesellschaft, bisschen Rebellion, bisschen Exzentrik. All das als Briefwechsel. Kann man gut mal im Zug lesen, aber vermutlich kein zweites Mal.
“Standing In Another Man’s Grave” von Ian Rankin.
Endlich wieder ein Rebus, und dann auch noch ein richtig guter! Eigentlich war Ian Rankins Ermittler schon pensioniert, jetzt darf er noch mal ermitten. Und bewegt sich in einer Welt, die nur noch bedingt seine ist (Handyfotos, Internet) trotzdem so, dass es nicht krampfig wirkt.
“The Last Girlfriend On Earth” von Simon Rich.
Boy Meets Girl. Boy Gets Girl. Boy Loses Girl. Eine Frechheit, dass jemand so Junges wie Simon Rich so clever und pointiert schreiben kann. Bei manchen seiner Geschichten merkt man, dass er mal für „Saturday Night Live“ gearbeitet hat. Eine Leseprobe gibt’s hier.
“The Fault In Our Stars” von John Green.
Möglicherweise ein Jugendbuch. Taugt aber – wie “The Curious Incident Of The Dog In The Night-Time” oder “Harry Potter” – auch für Erwachsene. Es gab ein paar Wochen, in denen das mehrere Kollegen in der Redaktion gelesen haben, und alle hatten wir früher oder später Pippi inne Augen. “The world is not a wish-granting factory.” Indeed.
“All Them Cornfields And Ballet In The Evening” von John Miller.
Berichte aus dem Leben eines Moskau-Korrespondenten zu Zeiten der Sowjetunion. Lesenswert für die Anekdoten, leider schlecht lektoriert und mit einem Erzähler, der als Kalter Krieger in permanenter Siegerpose rüberkommt. Das nervt.
“Let’s Explore Diabetes with Owls” von David Sedaris.
Australien ist Kanada in knapper Unterwäsche, eine Darmspiegelung, die ist lustig, und manche Sprachen klingen so hart, dass man sich fragt, ob es in ihnen überhaupt ein Wort für “Geburtstagstorte” gibt . Viel besser als der Vorgänger “Squirrel Seeks Chipmunk”. Und auch hier gibt es bei NPR eine Leseprobe.
“Was zusammengehört” von Markus Feldenkirchen.
Klassenfahrt-Liebesgeschichte, Bankenkrise, Irland, Mauerfall. Ein anfangs eher unsympathischer Bankerfuzzi, der einem dann bei seiner Reise in die eigene Vergangenheit doch nach und nach ans Herz wächst. Nachdem hier der Titel frei nach Willy Brandt ist und beim zweiten Feldenkirchen-Buch (s.u.) nach Adenauer, bin ich gespannt auf Nummer drei. Kleine Lesung hier.
“Berlin – Baku” von Christiane Rösinger.
Gut für Osteuropa-Interessierte, dieser Reisebericht von einer Autofahrt zum Eurovision Song Contest. Leicht, skurril, lakonisch. Kann man in einem Rutsch weglesen – und die Anekdoten dann weitererzählen. Das Video hier gibt eine gute Vorstellung vom Ton, in dem Christiane Rösinger schreibt. Schön.
“Frühling der Barbaren” von Jonas Lüscher.
Finanzkrise und Anarchie in der Wüste, wobei ein Kamel und die Grundregeln zivilisierten Zusammenlebens dran glauben müssen. Gelesen, genossen, seitdem schon mehrfach verschenkt. Mehr hier.
“Trieb” von Jochen Rausch.
Wenn ein Gerichtsprozess das Ende einer Geschichte ist, dann erzählt Jochen Rausch die Anfänge. Großartige Kurzgeschichten, von einem Abgrund zum nächsten. Ganz schön doof, das zwei Jahre ungelesen im Regal liegen zu haben.
“Luzifer” von Connie Palmen.
“Ganz der Ihre” hab ich vor ein paar Jahren gern gelesen, “Luzifer” ist sprachlich und handwerklich genau so gut gemacht. Trotzdem bleibt das Gefühl, dass es unlauter ist, wie hier aus einer echten Begebenheit Literatur gemacht wird. Schlüsselroman in Ehren, aber das hat sich eher nach einer langen, übergriffigen Boulevardreportage angefühlt.
“In Between the Sheets” von Ian McEwan.
Eine Sammlung von Kurzgeschichten, Fingerübungen aus McEwans Anfangsjahren als Schriftsteller. Ein paar davon hat er später in “Sweet Tooth” (siehe oben) nochmal verwendet. Beides zu lesen und zu vergleichen, da lacht das Anglistenherz. Aber schon diese ersten Versionen sind so gut, dass sich „In Between the Sheets“ auch separat lohnt.
“The Kid” von Dan Savage.
Dan Savage ist Amerikas Kummerkastenonkel für Sex- und Beziehungsfragen aller Art. Unter anderem steckt er hinter der Initiative „It gets better„, hat den Begriff „monogamish“ geprägt und dafür gesorgt, dass Rick Santorum wahrscheinlich eher ungern seinen eigenen Nachnamen googelt. In „The Kid“ beschreibt er, wie er und sein Partner (heute Mann) Terry sich ein Kind wünschen, für den Bewerbungsprozess als Adoptiveltern ihre Beziehung schönlügen und schließlich tatsächlich Eltern werden. Lustig, rührend, politisch, ehrlich. Auch schon mehrfach erfolgreich weiterempfohlen.
“Keine Experimente” von Markus Feldenkirchen.
Im selben Urlaub von zwei Generationen Scheib-Frauen gelesen. Beide können es empfehlen. Nur Sauerländer Lokalpatrioten könnten bei „Keine Experimente“ seelischen Schaden nehmen.
“Britten” von David Matthews.
Zum Britten-Jahr ein gutes Einsteigerbuch, wenn man sich für Musik und Musikerpersönlichkeiten interessiert. Besonders interessant: alles zu Brittens Zusammenarbeit mit W.H. Auden und zu seiner Beziehung mit dem Tenor Peter Pears.
“Russische Reise” von John Steinbeck und Robert Capa
Ein Autor, der mal den Literaturnobelpreis bekommen sollte, und einer der besten Fotoreporter seiner Zeit reisen kurz nach dem Zweiten Weltkrieg durch die Sowjetunion. Das ist genau so faszinierend, wie es klingt – mehr hier.
“One Of Our Thursdays Is Missing” von Jasper Fforde
Wer noch nichts von Jasper Fforde gelesen hat, fängt bitte so bald wie möglich mit „The Eyre Affair“ an. Denkt euch Douglas Adams, nur ohne Weltall, dafür mit Literatur, Parallelwelten, Wortspielen und geklonten Dodos. Und wirklich, wie kann man einen Autor nicht lieben, der ein jährliches Fest rund um seine Bücher die „Fforde Fiesta“ nennt? Und der nebenbei wahrscheinlich dafür sorgt, dass sich verpeilte Buchkäufer auf der Suche nach einem Mummyporn-Bestseller durch ein paar Hundert Seiten farbenfrohen dystopischen Roman lesen.
“Der Freitag nach dem Freitag nach dem Sonntag” von Clare Sambrook
Gelesen dank einer Empfehlung, und dann auch direkt an einem Tag durch. Guter Lesestoff fürs Flugzeug, weil die Geschichte von Harry, dessen kleiner Bruder Dan verschwindet, einen so reinzieht. Clare Sambrook nimmt man diese Kinderperspektive ab.
“The Woman Who Died A Lot” von Jasper Fforde
Direkt noch eine Folge „Thursday Next„. Klug wäre vermutlich gewesen, sich diesen Band fürs kommende Jahr aufzubewahren, damit die Zeit bis zum nächsten nicht so lang wird. Aber dazu sind die Bücher einfach zu gut.
“Snobs” von Julian Fellowes
Genau weiß ich immer noch nicht, was mir an dem Buch gefallen hat. Von den Figuren ist keine so richtig sympathisch, trotzdem will man wissen, wie es mit ihnen weitergeht. So richtig viel Plot gibt es aber auch gar nicht – eine Ehe, eine Trennung, eine Versöhnung, ansonsten viele Veranstaltungen, auf denen sich die feine Gesellschaft halt so rumtreibt. Die Handlung von „Pride and Prejudice“ hat mal jemand zusammengefasst als „man changes his manners and a young lady changes her mind“. Genau so geht es auch bei „Snobs“ nicht ums Was, sondern ums Wie – und das erzählt Julian Fellowes anschaulich und satirisch.
“Unerlaubte Gespräche mit Moskauer Frauen” von Carola Hansson und Karin Liden
Dafür, dass das Buch erst ein paar Jahrzehnte alt ist, hat es sich oft sehr weit weg angefühlt, was Ljala, Mascha, Lida und die anderen Moskauerinnen Ende der Siebziger heimlich zwei schwedischen Autorinnen erzählt haben: Von einer Gleichberechtigung, die bedeutet, dass Frauen natürlich berufstätig sind – in den schlechter bezahlten Jobs. Vom Haushalt, der genau so selbstverständlich Frauensache ist, zusätzlich zum Beruf und in einem System, in dem Einkaufen vor allem stundenlanges Anstehen bedeutet. Von kaum einer Chance, zu kontrollieren, ob sie schwanger werden: Kondome gibt es nur in schlechter, unzuverlässiger Qualität; die Spirale bekommt höchstens, wer Kontakte hat. Und die Pille, nein, da haben die meisten Moskauerinnen doch diese Geschichte gehört aus Deutschland, wo Frauen die Pille genommen und dann Kinder ohne Arme bekommen haben. Wo Informationen aus dem Ausland nur gefiltert zu bekommen sind, blühen die Gerüchte. Eindringliche Berichte, deren Mitschnitte heimlich aus dem Land geschmuggelt wurden.
“The Sense of an Ending”von Julian Barnes
Mein letzter Barnes („England, England“) ist schon ein paar Jahre her, mir war nur noch diffus in Erinnerung, dass das Buch klug und komplex war. Das ist „The Sense of an Ending“ auch, nur leider zu klug für mich. Dass es in dem Buch darum gehen soll, wie belastbar unsere Erinnerungen sind – erkannt. Dass der Erzähler zunehmend verschroben und weniger alltagstauglich wird – gemerkt. Dann allerdings habe ich ihm so misstraut, dass ich die Auflösung am Schluss gar nicht als solche erkannt habe – hätte genau so gut eine weitere seiner schrulligen Ideen sein können. Auch geduldige Erklärungen aus dem Freundeskreis (Danke, Kiki!) und die zahlreichen ergoogelten Leser, die von dem Buch ähnlich verwirrt haben, lassen den Frust nicht so recht verschwinden.
“Map Addict”von Mike Parker
100 Seiten weniger und das wäre ein klasse Buch für jedermann gewesen. So sind es viele interessante Fakten über Landkarten, ihre Geschichte, ihr Design, ihre Tricks und ihre bewussten Lügen. Mike Parker erzählt mit Leidenschaft bis hin zum Spleen – aber eben auch manchmal mit einer Detailtiefe, für die man wohl selber ein Map Addict sein muss, um sie würdigen zu können.

Wer mit den Begründungen etwas anfangen kann, dringend widersprechen möchte oder Lesetipps für 2014 hat: Immer her damit in den Kommentaren!

Danke für Buchempfehlungen an Andrea, Clare, Dorothee, James, Markus, Monika, Sabine, Stephan und Uli.

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Plötzlich Prinzessin

„Wieso muss er die Stadt repräsentieren?“
„Das machen Bürgermeister gelegentlich.“
„Dein Vater ist Bürgermeister?“
„Der Bürgermeister von Killarney.“

Ich dachte, sie wolle einen Witz machen, aber ihr Gesicht sah nicht danach aus. Sie war wirklich die Tochter des Bürgermeisters. Ich muss gestehen, dass mir Victoria von diesem Augenblick an noch kostbarer vorkam, fast wie eine Prinzessin. Ich wusste, dass die Demokratie keine echten Prinzessinnen produzierte. Aber wenn es in unserem System etwas Vergleichbares gäbe, sagte ich mir, dann wäre es die Tochter des Bürgermeisters.

(Markus Feldenkirchen: Was zusammengehört. Eine Kurzkritik zu seinem neuen Buch, Keine Experimente, gibt es hier.)

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