Tula, das Bielefeld von Russland

Tula Lenin Kreml

Die Bielefeldverschwörung ist inzwischen ja so verbreitet, dass quasi keine Radiomoderation mehr ohne auskommt. Ach Bielefeld, haha, gibt’s das also doch? Am Wochenende war ich in Tula, zwei Zugstunden von Moskau, und bin dabei zu der Erkenntnis gekommen, dass es auch Tula möglicherweise nicht wirklich gibt.

Oder genauer: Dass Tula keine Stadt ist, sondern eine Simulation, die prüfen soll, wie gelassen man russischen Absurditäten so begegnet. Ein Ort, wo immer wieder Dinge anders laufen, als es der westlich sozialisierte, bestenfalls an die Metropole Moskau gewohnte Menschenverstand vermuten lässt. Und wo dann dezent protokolliert wird, wo auf der Skala zwischen „Die haben doch den Schuss nicht gehört“ und „Hach, Russland. Immer für eine Überraschung gut“ die Reaktion des Besuchs liegt.

Das Hotel

Gute Online-Bewertungen, freundliche Rezeptionistin, alles tiptopsauber, das Zimmer so groß, dass man eine Schlafcouch reinstellen und zu viert dort übernachten könnte. Und dann noch die Aussicht auf so ein richtig schönes Hotelfrühstück. Nur, dass halt der Lift kaputt ist (kein Schild, aber nach einigen Minuten Handygucken im Morgentran merkt man es ja irgendwann) und keine Treppe in Sicht. Aber gut, das Zimmermädchen da hinten hat einen Wagen, also wird sie doch sicher… voilà: Personalaufzug!

Unten dann eine Mischung aus Russischem (Kascha, Blini, Sirniki) und wildem, international gemeintem Mix (Chocolate Chip Cookies, Bratwürste, Schafskäse mit Oliven). Für den Alibisalat bastle ich mir ein Dressing, schließlich steht hier der übliche Ständer mit einer hellen und einer dunklen Flüssigkeit. Hinsetzen, probieren, bäh! „Entschuldigung, aber ich glaube, da ist ein Fehler passiert. In den Flaschen da, das ist nicht Öl und Balsamico, sondern Öl und Sojasauce.“ – „Ja, stimmt, das ist Sojasauce. Das wissen wir.“ – „Hm, okay, ich glaube, viele Gäste würden sich über ein Schildchen freuen.“ – „Ja? Okay, machen wir Schilder dran.“

Mit demselben Impuls, der andere im Flugzeug Tomatensaft trinken lässt, frage ich noch, ob der leere Teller mit Eggs Benedict wieder aufgefüllt wird oder ich zu spät dran bin. Nein nein, fünf Minuten! Schon nach drei steht eine freundliche Kellnerin am Tisch und bringt eine Untertasse, darauf ein Toast, darauf eine halbe Scheibe Schinken, darauf ein Ei, darauf ein Klecks Hollandaise, natürlich mit Haut, denn das hier ist: kalt. Nicht „vor zehn Minuten zubereitet und dann abgekühlt“, sondern „lieber Gast, hier für dich auf den Tisch, frisch aus dem Kühlschrank“.

Serviert mit demselben großäugigen Enthusiasmus, mit dem einem Kinder Gemaltes vorlegen und warten, dass man darin den Walfisch/das Sturmtief/die Schokotorte erkennt. Und der es unmöglich macht, nicht mindestens ein paar Anstandsbissen kaltes Ei mit schnittfester Sauce zu essen.

Der Kreml

Ja, auch andere Städte als Moskau haben einen, und der von Tula ist klein und in der Wintersonne wirklich ausnehmend schön. Man geht einfach durch den Torbogen und ist auf dem Gelände. Angeblich soll es hier aber auch ein Museum geben, ach, da ist ein Schild zum Ticketverkauf. Klug haben sie das gemacht mit dem Ticketkiosk am Ende der Reihe kleiner Läden, alle offen, alle einladend. Samoware, Lebkuchen, Schnitzereien.

Tula Kreml

Nur der Ticketladen ist natürlich geschlossen, wohl dauerhaft, wie der Blick durchs Fenster zeigt: ein leerer Stuhl mit leerem Tisch und leeren Regalen. Ach so, und da links, auf einem zweiten Stuhl: eine Frau, die diesen leeren Laden bewacht. Weil in Russland jede Rolltreppe, jede Schranke und jedes Garagentor halt jemanden braucht, der sie hütet. An die Scheibe klopfen also? Oder statt Museum einfach in die Wintersonne setzen und was lesen? Einfache Entscheidung.

Der Bahnhof

Der Bahnhof von Tula ist der Beweis, dass es Russland schafft, parallel in verschiedenen Jahrhunderten zu existieren. Im für jeden zugänglichen Wartesaal gibt es hohe Decken, wallende Gardinen, kränkliche Grünpflanzen und gleich mehrere Steckdosen mit dem Schild: „Gadget-Aufladepunkt“. Ja, okay, daneben hängt ein Disclaimer, der ein ganzes A4-Blatt füllt (Spannungsschwankungen, Haftungsausschlüsse), aber hey: Sowas müssen deutsche Bahnhöfe erst mal nachmachen.

Tula Bahnhof Steckdose

Die Toiletten sichern unterdessen zwei Arbeitsplätze, den der Putzfrau und den der Kartenverkäuferin. In einer Art Vorhof, umringt von Deko-Zaun und weiteren Grünpflanzen, sitzt sie in einer Kabine, nimmt die 20 Rubel Gebühr entgegen und händigt dafür eine Quittung aus. Dann zeigt sie vor sich auf die kleine Fensterbank ihres Häuschens, in die ein Kugelschreiber aufrecht hineingerammt wurde und so eine Rolle tiefgraues, einlagiges Klopapier festhält. „Nehmen Sie sich was mit,“ sagt die Frau. Was sie nicht sagt: Die Toiletten sind allesamt von der Loch-im-Boden-Variante.

Gadget-Ladepunkt: 2016. Toiletten: 1916, bestenfalls. Die haben doch den… äh… hach, Russland. Immer für eine Überraschung gut.

Tula Bahnhof Toilette

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Die neue Moschee in Moskau – ein Rundgang auf Socken

Sicherheitsschleuse, Tasche durchleuchten lassen, quer über den Hof zum Fraueneingang der Moskauer Moschee. Schuhe ausziehen und ins Regal, Kopftuch aus der Handtasche kramen – als Frau in Moskau ist das ein vertrauter Griff.

Kann schließlich immer sein, dass man an einer orthodoxen Kirche vorbei kommt und sie gerne besichtigen würde. Wer dann ein eigenes Tuch dabei hat, muss sich nicht auf eines der Leihexemplare einlassen, die am Eingang verteilt (und anschließend an die nächste unbetuchte Besucherin weitergereicht) werden.

Heute also mal keine Kirche, sondern die riesige neue Kathedralmoschee. Keine fünf Monate ist die Eröffnung her, trotzdem war es eine andere Welt, in der wir damals lebten: Putin und Erdogan im Schulterschluss beim gemeinsamen Rundgang – so viel Eintracht zwischen den beiden ist heute schwer vorstellbar.

Ein Blick durch den Innenraum der Moschee

 

Sulfija Ismailowa, die uns herumführt, erzählt von den unterschiedlichen Nationalitäten, die am Bau der Moschee beteiligt waren. Ja, die prächtige Kuppel mit ihren Blautönen haben türkische Künstler ausgemalt: Koranverse in goldener Schrift, weiter unten eine Auswahl der Namen Allahs, „leider nur 40, für alle hat der Platz nicht gereicht.“

Die alte Moschee war längst zu klein geworden, zur neuen hat Sulfija allerlei Zahlen mitgebracht. 1500 Kilo schwer der Kronleuchter, 79 Meter hoch das Minarett, 57 Meter die Kuppel, oben drauf 12 Kilo Blattgold, innen drin Platz für 10.000 Gläubige und daher, mit denen in Rom und London, eine der größten Moscheen Europas. In den Teppich unter unseren Sockenfüßen ist ein Muster eingewebt, das für ordentliche Reihen an Betenden sorgt, alle mit demselben Abstand.

Noch interessanter als die Zahlen zum Bau und dem Auffrischungskurs zum Thema Islam (die fünf Säulen sind hier im Gebäude tatsächliche Säulen, neben jeder steht eine kleine Vitrine, etwa mit einem hellen und einem dunklen Faden für den Ramadan) ist aber, was Sulfija nebenbei erwähnt.

Dass „Allah“ schlicht „Gott“ bedeutet und nicht auf den Islam begrenzt ist – Schulwissen, klar. Aber dass arabische Christen „Allah“ sagen und damit die Dreifaltigkeit meinen, ist schon sehr viel anschaulicher. Als Sulfija die Regel erwähnt, dass man anderen Menschen nur das wünschen soll, was man sich selber wünscht, stehe ich plötzlich in Gedanken wieder an Kants Grab in Kaliningrad.

Zum Schluss gibt es nicht nur ein Wiedererkennen, sondern auch noch ein kleines Russisch-Erfolgserlebnis: „Wir dürfen nicht behaupten, dass unsere Religion besser ist als andere“, erklärt Sulfija, „Nur Gott ist der Richter.“ Den Nachsatz verstehe ich, ehe er aus dem Russischen ins Deutsche übersetzt wird. Schließlich haben wir ihn vergangenes Jahr im Chor gesungen – als Teil eines Rachmaninow-Stücks mit russisch-orthodox geprägtem Text.

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Liebe in der Luft

Love is in the air, dafür hat Wassily Kirsanow gesorgt. Die Millionen von Menschen, die täglich mit der Moskauer Metro fahren, mögen seinen Namen nicht kennen, aber viele verdanken ihm ein Lächeln oder einen Schnappschuss. Denn wenn sie in der Eingangshalle der Haltestelle „Park Kultury“ einen Blick hinauf in die Kuppel werfen, hängen da rote, herzförmige Luftballons. Wassily hat sie dort hochgeschickt.

„Alles fing damit an, dass ich vor zwei Jahren mit der Metro unterwegs war und bei Park Kultury zufällig hochgeguckt habe,“ erzählt er. Zwei Herzballons hingen unter der Decke, er machte ein Foto für den in Russland fast schon obligatorischen Instagram-Account und freute sich. „Es hat sich angefühlt wie die Sorte Glück, die man eigentlich nur als Kind kennt. Ein Glaube an Wunder und Liebe.“ Als er ein paar Tage später wieder vorbeikam, waren die Ballons weg. „Aber da stand mein Entschluss schon fest: Ich werde diese Kuppel mit Herzen füllen!“ Kein philosophischer Überbau, kein komplexes Kunstprojekt. Einfach mal etwas tun, weil man es kann – und weil es anderen Metropassagieren den Alltag ein bisschen bunter macht. Es folgten zwei Jahre Warten, Planen, Sparen – die Ballons kosten zwischen 50 Cent und einem Euro, und dann ist noch kein Gas drin. Inzwischen steht im Zimmer von Wassily , der seit zwei Jahren einen Abschluss in Wirtschaftswissenschaften hat, seine eigene Heliumflasche. Im Dezember, als Moskau besonders grau war, ließ er die ersten Ballons in die Kuppel steigen – mit ordentlich Herzklopfen wegen des Sicherheitspersonals. „Wir leben in schwierigen Zeiten, und vieles, was man in Russland tut, bekommt dann irgendwer in den falschen Hals.“

Die Aufpasser entpuppten sich als entspannt, manchmal erzählte einer von ihnen Wassily, wenn wieder besonders viele Leute zum Fotografieren da gewesen waren. Die Instagram-Bilder, die andere von seinen Herzen machen, sammelt Wassily dort auf dem Account @undergroundhearts. Egal, welche Perspektive und welcher Filter: Wenn sich in der Kassettenstruktur der Decke jeder Ballon seine eigene Vertiefung gesucht hat, wirkt die Kuppel wie ein riesiger Setzkasten. Und Wassily arbeitet daran, ihn weiter zu füllen.

Einen Monat lang kam täglich ein Herz hinzu, ihr Absender sammelte unterdessen Erfahrungen: Wie lange hält sich so ein Herz wohl in der Luft? Eins weiß er jetzt: Das hängt nicht nur von dem Ballon und dem Helium darin ab. 30 Ballons kamen in vier Wochen zusammen – und verschwanden dann auf einen Schlag. „Man hat mir gesagt, dass die Metro-Mitarbeiter die Ballons alle runtergeholt haben, mit einer Zwille. Davon gab es sogar einen kleinen Clip im Fernsehen.“

Sauer sei er am Anfang schon gewesen, sagt Wassily, aber den Metro-Leuten nehme er das nicht übel. „Die machen ja nur ihren Job. Und mein Job ist eben, Ballons da hochzuschicken. Also habe ich am nächsten Tag ein neues Herz in die leere Kuppel aufsteigen lassen.“ Knapp 20 Euro gibt er dafür im Monat aus, zum Geldverdienen jobbt er in einem Souvenirladen.  Wie es weitergeht mit den Ballons? Vielleicht ja mit einem Flashmob, der gleich eine ganze Wolke Ballons auf einmal aufsteigen lässt. Wassily hat genug Ideen, die Frage ist eher, wie lange ihm Zeit für die Umsetzung bleibt. „Wer weiß, vielleicht verbieten sie irgendwann, in der Metro Ballons steigen zu lassen. Kann sein, wir leben in Russland.“ Bis dahin aber werden über den Köpfen der Metro-Passagiere weiter rote Herzen hängen. Vor kurzem ist Wassily trotz Wirtschaftskrise auf teurere, größere Ballons umgestiegen. „Die können die Leute besser sehen.“

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Nachtrundfahrt durch Moskau

„Seit ich dich kenne, mag ich es gern, wenn der Winter kommt – dann wird’s früher dunkel.“ Element of Crime müssen an Moskau gedacht haben, denn Winterzeit heißt hier: Endlich muss man nicht mehr bis zum späten Abend warten, um die im Dunkeln angestrahlte Stadt zu bewundern. Wie sagte es neulich erst wieder ein Gast aus Westfalen: „Also beleuchten können se.“ Stimmt.

Zu den Vorbereitungen, wenn sich Gäste anmelden, gehört darum immer auch ein Anruf bei S. Er hat ein Auto – und ein Leben lang Erfahrung mit dem Moskauer Verkehr, ist also der perfekte Fahrer für eine Tour am Abend – vorbei an historischen Gebäuden, moderner Architektur und anderen Fotomotiven. Die Strecke dafür hat sich inzwischen eingespielt:

Wir starten am Kutusowsky-Prospekt, gegenüber vom Hotel Ukraina (1, rot markiert), einer der „Sieben Schwestern“ im Zuckerbäckerstil, die in warmem Licht angestrahlt wird. Vorbei am Weißen Haus (2), dem Regierungssitz, vor dem Jelzin einst auf einen Panzer kletterte, geht es über den Neuen Arbat (3), der im Dunkeln zumindest ein wenig besser zu ertragen ist als tagsüber. Der Buchladen „Dom Knigi“ (4) zur linken ist in den Farben des Regenbogens angestrahlt, einen Ausschnitt sieht man im Headerbild dieses Blogs.

Jetzt knickt die Route rechts ab und windet sich um ein Gebäude des Verteidigungsministeriums (5), kurz darauf hat man zum ersten Mal einen Blick auf den Kreml (6). Auf diesem Stück der Route wechseln sich in schneller Folge die Sehenswürdigkeiten auf beiden Seiten ab: links Staatsbibliothek (7), rechts Manege (8), links die Uni-Fakultät für Journalismus (9). Der Stau, den es hier selbst nach der Rushhour manchmal noch gibt, sorgt dafür, dass man wenigstens in Ruhe gucken kann.

Das Bolschoi bei Nacht, von rechts drängelt sich noch das TSUM ins Bild.
Das Bolschoi bei Nacht, von rechts drängelt sich noch das TSUM ins Bild.

Wie der Neue Arbat gehört auch die Duma (10) zu den architektonischen Punkten Moskaus, die man besser nicht bei Licht betrachtet. Das Bolschoi-Theater (11) und die riesigen Spielfiguren am früheren „Detski Mir“ (12) sind da eine willkommene Aufheiterung, ehe ein Gebäude mit düsterer Geschichte erscheint: In der Geheimdienstzentrale „Lubjanka“ (13) hielt der KGB unzählige Menschen fest und folterte sie, viele wurden in diesem Bau ermordet. Heute hat hier der KGB-Nachfolger FSB seinen Sitz.

Ein kleines Stück Fahrt, vorbei an den Bögen des Gostiny Dwor (14), und auf einer Art Park-Insel in der Mitte der Straße ist Platz für ein paar Autos. Manchmal halten hier abends Stretch-Limousinen. Wir steigen aus und gehen durch eine Unterführung rüber zur Basiliuskathedrale (15) am südlichen Ende vom Roten Platz (16). Leer ist es um diese Zeit hier immer noch nicht, aber zumindest weniger Geschiebe als tagsüber. Kathedrale, Kremlmauer mit Türmen, vielleicht sogar GUM und Leninmausoleum – wie viel Zeit für Fotos bleibt hängt vor allem davon ab, wie legal das Auto geparkt ist.

Der Blick aufs GUM vom Roten Platz
Egal zu welcher Jahreszeit, das beleuchtete GUM am Roten Platz wirkt immer weihnachtlich

Entlang der Moskwa – mit Blick rüber aufs andere Ufer zur früheren Schokoladenfabrik „Roter Oktober“ (17) – geht es zur Christ-Erlöser-Kathedrale (18). Die Route führt an zwei Seiten des Gebäudes vorbei, halten ist hier allerdings schwierig. Für einen kurzen Stopp zum Bestaunen der angestrahlten Riesenkuppel reicht es aber auf jeden Fall. Das Puschkin-Museum (19) liegt einige Meter zurück von der Straße und ist darum hinter den Bäumen nur kurz zu sehen.

Der nächste Abschnitt ist länger, keine großen Sehenswürdigkeiten, einfach ein entspanntes Dahingondeln durch die nächtliche Stadt, über den Fluss und vorbei am Gorki-Park mit seinem riesigen weißen Tor (20). Bis wir oben angekommen sind auf den Sperlingsbergen (21), an der Aussichtsplattform mit dem Universitätsgebäude (22) hinter uns. Wenn nicht gerade Bauarbeiten den Blick versperren, schweift der Blick hier über große Teile Moskaus – einschließlich Fußballstadion und Skisprungschanze.

Der Blick von den Sperlingsbergen, hier mal durch ein Loch im Baustellenzaun.
Der Blick von den Sperlingsbergen, hier mal durch ein Loch im Baustellenzaun.

Zwei Stopps fehlen noch: Der Siegespark (23) mit seiner Achse aus Springbrunnen, die nachts rot strahlen. Am Ende der Achse erinnern eine Säule und ein ewiges Feuer an die Opfer des Zweiten Weltkrieges. Wie an der Kathedrale ist es allerdings auch hier schwierig, das Auto zu parken – S. macht während des kurzen Halts am Straßenrand sicherheitshalber immer direkt die Kofferraumklappe auf, falls Fragen kommen.

Die finalen Schnörkel der Route winden sich schließlich rund um die spektakulären Hochhäuser von Moscow City (24), bis zu einer Haltebucht, die viele für einen Schnappschuss nutzen. Ach guck, und die Stretch-Limo von vorhin ist auch wieder da. Noch ein letzter Blick auf die Skyline, dann geht es zurück zum Ausgangspunkt vor dem Hotel Ukraina.

Wer die Tour nachfahren möchte, kann die Google-Route aus der Karte oben als KML-Datei runterladen und in sein Navi importieren – oder sich direkt von Google Maps selber navigieren lassen. Etwa zwei Stunden sollte man für die 37 Kilometer Rundweg einplanen.

Danke an Dominic für das Foto von den Sperlingsbergen und an Marco für das vom GUM.

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Backstage im Moskauer Konservatorium

„Denkt dran: Das hier ist die Bühne, auf der all die Großen gestanden haben. Und nun dürfen wir hier stehen.“ Sergej, der Dirigent des Moscow International Choir, hat uns von Anfang an klar gemacht, was das für eine Ehre ist, im Großen Saal des Konservatoriums singen zu dürfen. Als wären die Atmosphäre, die Geschichte des Hauses und der riesige Zuschauerraum nicht schon ehrfurchteinflößend genug. Wir sind die Sache also mit ordentlich Respekt angegangen.

Vieles an dem Konzert war sehr russisch – dass das Festival, zu dem es gehört, natürlich ein Motto haben muss, und dass dieses Motto „Die Formel des Erfolgs“ heißt. Dass einige der Künstler mit einer ganzen Reihe von Titeln anmoderiert werden (je nachdem, was man ihnen schon so verliehen hat, kann das dauern, ist aber hier komplett normal). Dass am Ende eines Auftritts Blumen überreicht werden, und zwar nicht nur von irgendwelchen Offiziellen, sondern aus dem Publikum rauf auf die Bühne. Ein besonders geschickter Zuhörer hat seinen Strauß sogar der Sängerin seiner Wahl zugeworfen (und sie ihn, trotz Notenmappe, erfolgreich gefangen).

Und der Applaus – lang, laut, wohlwollend. Ein halbes Dutzend Auftritte in Moskau habe ich bisher erlebt, und immer das Gefühl gehabt, dass das Publikum auf unserer Seite ist. Erst recht im Konservatorium, erst recht im Großen Saal – weil jeder weiß, was das für ein großes Ding ist. Von diesem Haus nun auch die Welt hinter dem Künstlereingang zu kennen, hat das Gefühl noch mal verstärkt. Hier ein Einblick:

Das russische Fernsehen war übrigens auch da, genau genommen der Kulturkanal. Wer will, kann uns also (ab 0’36“) ein bisschen bei der Ansingprobe zuhören, da noch in Zivil. Das Konzertoutfit mit unseren echt russischen Glitzerhalstüchern hätte wahrscheinlich die Zuschauer zu sehr geblendet.

В Москве продолжается Международный хоровой фестиваль „Формула успеха“

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Fluteric – mein Moskauer Lieblings-Instagrammer

So weit ist es also gekommen, dass ich einen Moskauer Lieblings-Instagrammer habe. Instagram, das sollte man vielleicht vorweg schicken, ist hier groß. Sehr groß. Riesig, gerade bei russischen Freunden, oder vielmehr: Freundinnen.

Die Ausdauer, mit der der Alltag dokumentiert wird, jedes neue Kleidungstück präsentiert, jeder Ort zum Hintergrund für die eigene Selbstinszenierung erkoren – das ist mindestens bemerkenswert, manchmal regelrecht ermüdend. Instagram mag viele Filter haben, manchen Nutzern hier fehlt dagegen ein ganz grundsätzlicher.

Eric Shakhnazaryan ist die Ausnahme, vielleicht auch, weil sein Leben keiner Inszenierung bedarf, um abwechslungsreich und interessant zu sein: Als Solo-Flötist des Bolschoi geht er regelmäßig auf Tour in aller Welt; er ist dabei, wenn das berühmte Ballett probt. Daraus entstehen regelmäßig Bilder irgendwo zwischen Märchen und Werkstatt-Atmosphäre:

Noch besser als die Ballerinas (sorry, Mädels) gefallen mir aber Erics Treppenhäuser. „Ich gehe gerne spazieren auf der Suche nach interessanten Orten,“ sagt er, in Moskau haben es ihm vor allem alte Häuser angetan, mit ihren Stufen, Fenstern, der ganzen Inneneinrichtung.

Das Ergebnis sind Aufnahmen – alle mit dem iPhone gemacht – in denen das Treppenhaus, sonst nur Mittel zum Zweck, plötzlich im Mittelpunkt steht. Meist aus Moskau selbst, manchmal aber auch von anderswo.

An der Uliza Spiridonowka in Moskau:

Am Alten Arbat:

In der Tschernigowski-Gasse:

In Sankt Petersburg:

Im Michailowski-Theater, ebenfalls in St. Petersburg:

#fluteric_walks #fluteric_piter

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Stoleschnikow-Gasse, Moskau:

Im Moskauer „Hotel National“:

An der Puschetschnaja Uliza, Moskau:

Im Bolschoi-Theater:

Und noch einmal in St. Petersburg:

Wer regelmäßig russische Architektur bewundern will, kann Eric hier bei Instagram folgen – oder mit dem Hashtag #fluteric_walks die Beute seiner Spaziergänge durchstöbern.

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Jugendstil in Riga

Russen nennen den Stil „Modern“, Briten reden von Art Nouveau, auf Deutsch ist es Jugendstil. So oder so bekommt man besonders viele prächtige Beispiele davon zu sehen, wenn man nach Riga reist. Sphinxen und futuristische Gestalten, Ranken und Girlanden, aus Stein, Metall und Holz. Viele Motive für einen Fotospaziergang durch die Stadt.

Und mittendrin dann der Kopf mit den Wallehaaren und diesem vernichtenden Blick von ganz oben herab – ganz klar, woran der erinnert. Diesen Blick hat schließlich, seit diese Figur gemeißelt wurde, nur ein anderer so gut beherrscht.

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Eine Nacht bei Stalins Schwester

Kotelnitscheskaja Moskau 12

Seit wir hier sind, faszinieren mich die Sieben Schwestern – die riesigen Gebäudekomplexe, die Stalin hat hochziehen lassen, um 800 Jahre Moskau zu feiern. Wenn man nicht gerade in einer engen Gebäudeschlucht steht, kann man von überall im Zentrum eine der Schwestern sehen, oft sogar mehrere.

Die Uni, das Außenministerium, das Hotel „Ukraina“ – sie verbreiten eine Atmosphäre irgendwo zwischen Hogwarts und Berlins Karl-Marx-Allee. Imposant sind sie allemal, bei Sonnenlicht wirken ihre Fassaden warm, sonst auch schon mal bedrohlich. An Wintertagen gibt es Momente, in denen es mich nicht überraschen würde, wenn aus dem runden Emblem oben am Ministeriums-Turm Laserstrahlen auf angreifende Aliens gefeuert würden.

Wie das wohl ist, in so einem Haus zu wohnen? Zwei von den Sieben sind zwar Hotels, aber beide zu teuer, um nur fürs Erlebnis mal dort zu übernachten. Geklappt hat es stattdessen, AirBnB sei Dank, im Wohnblock am Kotelnitscheskaja-Ufer, wo die Jausa in die Moskwa mündet. Wer hier schon mal eine Bootstour gemacht hat kennt das Gebäude als das, vor dem die Schiffe wenden und zurückfahren.

Besonders berühmte Menschen wie die Ballerina Galina Ulanowa haben im Haupthaus gelebt, mittelberühmte wie der Dirigent Konstantin Iwanow in der Wohnung im Seitenflügel, in der wir uns nun für eine Nacht einquartiert hatten. Und selbst der hatte es schon sehr nett, auch wenn er mit Zweizimmerküchebad zufrieden sein musste: hohe Decken, Stuck, Kronleuchter, Parkett, und dann der Blick.

Heute ist die Wohnung gut in Schuss, im Treppenhaus dagegen gibt es, siehe oben, auch ein paar recht idyllisch runtergekommene Stellen. Und, ganz oben, einen halbrunden Mini-Balkon mit einem Gitter, das man sich ein paar Jahre jünger wünschen würde. Egal, ein vorsichtiger Schritt nach draußen muss sein. Der Blick, wie gesagt. Ihr versteht.

Kotenitscheskaja Moskau 15

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„Archanoid“- das Handy-Spiel zu Moskaus verlorener Architektur

„Sie haben Chamowniki zerstört – Glückwunsch!“ Egal, ob die da gutes Bier brauen, egal, ob man da schön spazieren gehen kann, egal, ob eine nette Kollegin da wohnt. Chamowniki ist hin. Mal wieder. Denn seit ein paar Tagen machen die Leser der Nachrichtenseite Meduza Moskauer Stadtteile platt, mit dem Handy. Und Chamowniki ist eines der Level, das man in der App kostenlos spielen kann.

Archanoid Khamovniki

Das eigentliche Spiel ist alt – Gameboy-Kinder kennen es als „Alleyway“, davor hieß es schon „Breakout“ oder auch „Arkanoid“. Man lenkt einen Ball gegen Steine, angetitschte Steine verschwinden, der Ball kommt zurück, man muss ihn wieder in Richtung der Steine schlagen.

Weil in „Archanoid„, der Moskauer Variante, abgeschossene Steine für historische Gebäude stehen, die hier in den letzten Jahrzehnten abgerissen wurden, erscheint mit jedem Stein oben auf dem Bildschirm der Name des Hauses, das man soeben zerstört hat.

Archanoid Gameplay

In dieser Ansicht ist das eher ein Gimmick – wer nicht gerade im Anfängermodus spielt, hat einfach keine Zeit, ständig hochzublicken und Gebäudeinfos nachzulesen. Das Spiel über einen Smartphone-Touchscreen zu steuern wird ab einem gewissen Tempo ebenfalls zur Herausforderung, weil nur bei extrem trockenen Fingerspitzen alles funktioniert.

Aber abseits von Bällen und Steinen enthält die App eine Enzyklopädie mit Details dazu, wie viel an historischer Architektur in Moskau verloren gegangen ist. Mit Infos zu jedem Bauwerk, das man gerade auf dem Handy weggeballert hat; oft auch mit Fotos. Das erste Haus, das Fjodor Schechtel in Moskau bauen ließ. Moskaus einzige Moschee aus Sowjetzeiten. Das Trubetskoi-Anwesen, ältestes Holzgebäude der Stadt.

Archanoid Enzyklopädie

Und die Achievements, die man im Laufe des Spiels so erreichen kann, sprechen Bände: Zerstöre alle historischen Gebäude, die Moskau unter Bürgermeister Luschkow verloren hat. Zerstöre alle historischen Gebäude, die Moskau unter Bürgermeister Sobjanin verloren hat. Werde Bauunternehmer und kauf Dir das Recht, Moskaus historische Gebäude zu zerstören.

Der Trailer fürs Spiel (zählt das jetzt als Hochkantvideo?) zeigt, welche Bonusse und Spielvarianten es noch so gibt. Aber im Zweifel lohnt, Spiel hin oder her, schon die Architektur-Enzyklopädie die 99 Cent für den Download der Vollversion.

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