Mein Chor, mein Moskau, meine Katakomben

Sänger kommen dahin, wo andere nicht hinkommen. Ob Proben oder Auftritt, der Chor darf in die Hinterzimmer, die Katakomben, die Bereiche für Befugte. Zwischen Einschulung und Abitur hätte man mich mit verbundenen Augen und Watte in den Ohren in den Keller der Hildener Stadthalle schicken können und ich hätte trotzdem gewusst, wo ich zum Einsingen hin muss – oder, im Karneval, zum Schminken. Unser Eingang war der auf der Rückseite, wo auch die Feuerwehrleute ihr Kabuff hatten.

Bis heute gilt darum: Klar, in den Konzertsaal kommt jedermann rein, für den Preis eines Tickets. Aber wir sind die, die sich hinter der Bühne rumdrücken, wo in einem halben Dutzend Sprachen „bitte Ruhe“ an der Wand steht. Wir kennen den schnellsten Weg von ganz oben auf der Orgelempore nach ganz unten in den Orchesterprobensaal, zu dem wir natürlich nie etwas anderes sagen würden als OPS. Wir machen auf dieser Bühne unsere Stellprobe und unsere Hauptprobe, am nächsten Tag die Generalprobe mit Lichtprobe und am Tag drauf, kurz vorm Konzert, noch eine schnelle Anspielprobe. Danke, wir wissen, wo wir stehen. Das hier gehört uns.

Diese Art, von einem Ort Besitz zu ergreifen, ist von Stadt zu Stadt geblieben. Edinburgh gehört mir ein bisschen mehr wegen eines „Messias“ in St. Giles‘ Cathedral, Köln wegen eines „Roberto Devereux“ in der Philharmonie, Berlin wegen eines Konzertes im Dom, von dem ich nur noch weiß, dass es irgendwie um Wasser und Fluten ging und dass wir eine besonders kreative Aufstellung hatten.

In England sind es die Royal Albert Hall und Milton Abbey, in Peking irgendein Schulgebäude vor den Toren der Stadt – weil so ein Auftritt, mit der Probenarbeit davor, einem eben eine besondere Berechtigung gibt, sich hier aufzuhalten. Man nimmt am Leben in dieser Stadt mehr als nur oberflächlich teil und muss sich im Gegenzug nicht angesprochen fühlen, wenn Leonard Cohen singt: „Don’t be a tourist.“

Mit dem Moscow International Choir zu musizieren bedeutete bisher vor allem Besitzansprüche auf die St. Andrew’s Church, wo wir proben und zwei Konzerte im Jahr geben. Dass einigen von uns bald auch der Große Saal des Konservatoriums ein klein wenig gehören wird, sorgt seit Wochen für vorfreudiges Grundrauschen (und sehr viel diszipliniertere Proben). Und gestern Abend gab es noch was obendrauf: eine Probe da, wo unser Dirigent sonst mit seinem anderen Ensemble auftritt, in Moskaus riesiger, prächtiger Christ-Erlöser-Kathedrale.

Nicht im Kirchenschiff, da kann ja jeder rein, der ein Kopftuch anzieht und sich ein bisschen von den missmutigen Wachmännern anraunzen lässt. Nein, in den Gewölben unter der Kirche, wo im Gang gerade frisch gestrichen wird, wo eine Art Jugendherbergsküche auf die Mitarbeiter des Patriarchen wartet und wo vier von unseren Bässen noch kurz abgeworben werden, um ein golden gerahmtes Bild von A nach B zu schleppen. Kein so schlechter Ort. Der gehört jetzt also auch uns.

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Digitaler Journalismus im Zentralen Telegrafenamt

Zentrales Telegrafenamt Moskau

Da saßen wir also, reihenweise Journalisten, und hörten Referenten vom Guardian und vom Calvert Journal zu. Der Guardian macht derzeit eine Moskau-Woche (letztes Jahr gab es sowas schon mal mit Mumbai), und heute sollte es um Journalismus gehen: Welche Stereotypen westliche Medien nach Ansicht russischer Journalisten über deren Land verbreiten (Wodka, Kriminalität, Expansionismus, Dashcam-Videos) und umgekehrt. Was für Erzählformen sich online in letzter Zeit entwickelt haben. Wie man englischsprachigen Medien Themen anbietet. Was ein guter Einstieg ist. Wie Social Media hilft, die Reichweite zu steigern (selbst dann, wenn Dein Hashtag gekapert wird).

Vieles war sehr grundlegend, aber die Zielgruppe waren auch eher Berufseinsteiger, darunter eine ganze Gruppe Journalismus-Studenten. Da konnte man also zwischendurch gut mal ein wenig durchs Gebäude stromern und staunen.

Denn „DI Telegraf“ ist heute ein Veranstaltungsort und Coworking Space, aber früher war der Zwanzigerjahre-Bau an der Twerskaja das Zentrale Telegrafenamt. Als die Bürger der Sowjetunion Ende Juni 1941 übers Radio vom Angriff Hitlerdeutschlands auf ihr Land erfuhren, saß Molotow in diesem Gebäude und sprach zu ihnen.

Seltsam, dass ein solcher Gebäudekomplex in dieser Lage nicht längst ein Einkaufszentrum, ein Hotel oder der Hauptsitz einer Immobilienfirma ist. Seltsam, aber schön – denn das Gebäude mit seinem industriellen Charme, den freiliegenden Ziegelwänden und dem rauen Putz ist rundum sehenswert.

Wer nach den Fotos Lust bekommen hat: Man kann da einfach reingehen – am Portier vorbei, als gehörte man hierher, dann mit dem Aufzug in den 5. Stock. Der Eingang ist in einer Seitenstraße, dem Gasjetni Pereulok. Auch, wenn die nach Zeitungen benannt ist statt nach Radio oder Digitalem.

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Opa Günter

Opa Günter

Vieles an der Art, wie Moskau derzeit an das Ende des Zweiten Weltkriegs erinnert, fühlt sich seltsam an. Das Säbelrasseln, oder was immer da heute so rasselt, wenn tagelang Panzer und Raketen durch die Straßen rollen, damit am Samstag bei der Parade alles klappt. Das Branding, bei dem wirklich alles mit St.-Georgs-Bändern verziert und beworben wird, bis hin zur Wodkaflasche im Supermarkt.

Das Stalin-Revival, das hier parallel betrieben wird und zu dem kritische Stimmen selten sind. Die Militarisierung von Kleidung, wenn Kindergartenkinder sich von ihren Eltern erfolgreich eine Soldatenmütze vom Straßenhändler erquengeln. Der gar nicht so latente Druck, dass das die einzig wahre Art des Gedenkens ist und man da mitzumachen hat (dazu die Tage noch ein eigener Blogpost.)

Wir haben uns in der Redaktion einen anderen Ansatz ausgesucht, und ich finde, er passt zu einem Team aus einem halben Dutzend Nationalitäten in dieser Generation und noch deutlich mehr, wenn wir ein, zwei Generationen zurückgehen.

Ich wusste nicht, dass Matt aus dem Wirtschaftsressort polnische Vorfahren hatte (die später als Italiener getarnt über Venezuela in die USA ausgewandert sind und dort dann Angst vor McCarthys Hexenjagd hatten). Ich wusste nicht, dass der Opa unseres Chefredakteurs einen Backstein aus der Reichstagsmauer mit zurück nach Dagestan genommen hat. Und auch die Geschichte meines Kollegen Sam, dessen Urgroßvater als einer der letzten Amerikaner im Mai 1945 in Deutschland starb, kannte ich vorher nicht. Wieso eigentlich nicht? Wenn wir schon das Privileg haben in einem Team aus Menschen zu arbeiten, die von beiden Seiten des Eisernen Vorhangs stammen und aus Ländern, die im Zweiten Weltkrieg gegeneinander gekämpft haben – warum reden wir so wenig darüber?

Opa Günter, der Vater meines Vaters, ist ein paar Tage nach meiner Konfirmation gestorben. Dass seine Enkelin mal für eine russische Zeitung auf Englisch ein Stück seiner Lebensgeschichte aufschreiben würde – ich glaube, das hätte ihn in seiner Unwahrscheinlichkeit genau so zum Lachen gebracht wie ein Zeitungsbericht im Lokalteil, in dem irgendwann in den Achtzigern mal stand, die Nazis hätten ihn erschossen. Nicht, dass sie es nicht versucht hätten – aber diese Folgen konnten sie ja auch nicht absehen.

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Wie ich mich mal von einem israelischen Ministerium überwachen ließ

israel handy 
Israel, Heimat des logischen Zirkels: „Bitte seid drei Stunden vorher am Flughafen, wegen der Sicherheitskontrolle.“ – „Ich hab Sie zur Kontrolle rausgewunken, weil ich gesehen hab, dass Sie noch Zeit haben.“

Aber das ist ja erst beim Abflug. Noch stehe ich in der Schlange zur Einreise-Passkontrolle, vor mir eine Frauengruppe aus Kasachstan, hinter mir ein dänisches Rentnerpaar. Seit 90 Minuten geht das hier nun schon so, langsamer als an allen anderen Schaltern. Denn unsere Kontrollfrau scheint noch zu lernen, telefoniert viel rum, öffnet ständig die Durchreiche zum Kabuff nebenan, um Fragen zu stellen.

Wir sind also leichte Beute, die Kasachinnen, die Dänen und ich, für den Mann, der außen an unserem Pferch entlanggeht. Er möchte uns etwas Gutes tun (klar), aber nichts verkaufen (ach?). Im Auftrag des Tourismusministeriums verteilt er hier Handys, einschließlich kostenlose Gespräche, SMS und Internet und dem Versprechen von 50 Dollar als Duty-Free-Gutschein. Einzige Bedingung: Man muss das Handy immer dabei haben und drauf achten, dass es noch Saft hat. Wo wir sind und wie wir dort hinkommen, beides will das Ministerium wissen.

Darf es gerne. Wir sind hier als Journalistengruppe, alles Alumni von IJP-Austauschsprogrammen. Unterstützt wird die Reise vom Auswärtigen Amt – viel offizieller, und damit öffentlicher, kann ein Reiseprogramm nicht sein. Auch die Frau am Schalter lässt sich als erstes den Programmablauf vorlegen, winkt dann aber ab: „Das ist ja auf Deutsch, dann erzählen Sie’s mir mal.“ Normal bin ich kein Fan von „Ich hab nichts zu verbergen“-Argumentationen, aber beim Ablauf dieser fünf Tage stimmt’s. Viel Neues, außer den Routen von A nach B, wird das Handy nicht ermitteln können.

LG Handy Israel  

Was das Ministerium bei der Sache gelernt haben kann:

– dass, wer mit dem Hält-an-jeder-Milchkanne-Shuttle vom Flughafen in die Stadt fährt, sich auf dem Rückweg garantiert für ein anderes Verkehrsmittel entscheidet. Taxi, Tretroller, von Schildkröten gezogener Rennschlitten. Alles ist schneller als das.

– dass wir einen Tag in Ramallah waren, unter anderem in der deutschen Vertretung, bei der palästinensischen Autonomiebehörde und bei einer Gesprächsrunde mit palästinensischen Journalisten. Wäre irgendwas davon eine Neuigkeit für die israelischen Behörden, würde mich das ernsthaft überraschen. Mal sehen, so oder so, ob das bei der nächsten Einreise irgendwann ein Thema wird.

– dass sich bei vier Tagen Regen am Stück auch die Halter von Leihhandys bevorzugt drinnen aufhalten und sich auf Kichererbsenbasis ernähren, dabei aber keine besonders spektakulären Datenspuren hinterlassen.

– dass von dem Telefon aus einmal gesmst wurde, zweimal telefoniert und einmal kurz im Internet was nachgeschlagen, die verloren geglaubte Jacke dann aber letztlich doch nicht im Hotel lag, sondern in Moskau auf der Fensterbank.

– dass im Abendstau von Tel Aviv auch der vollste Akku irgendwann leer ist.

Und das habe ich gelernt:

– Wer ein wandelnder persönlicher Hotspot ist, muss im Bus nie alleine sitzen.

– So ein persönlicher Hotspot ist auch nützlich, wenn man selber sich nicht vom Leihtelefon in allerlei persönliche Accounts einloggen will, sondern vom eigenen. Auf wirklich Sensibles hab ich auch so nicht zugegriffen, aber zum Twittern war’s schon nützlich.

– Wenn das, wie von frotzelnden Kollegen behauptet, doch ein Mossad-Handy war, dann habe ich den verpeiltesten Agenten aller Zeiten als Ansprechpartner gehabt. Fast hätte er das Handy nicht mal zurückbekommen, weil er nicht rechtzeitig am vereinbarten Ort war. Reifenpanne, soso.

– für 50 Dollar kann man im Duty-Free-Shop so viel Kosmetik aus Schlamm kaufen, dass das Tote Meer danach einen halben Meter tiefer ist.

– mein nächstes Handy wird auf gar keinen Fall eines von LG. Gott, die Benutzeroberfläche – das Gegenteil von intuitiv. Einen eingehenden Anruf anzunehmen hat erst im zweiten Versuch geklappt, und wie man im Browser eine Seite zurück geht, hab ich bis zum Schluss nicht herausgefunden. Das lern ich dann irgendwann beim nächsten Israel-Besuch – falls das Ministerium dann wieder Handys verteilt.

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Von 800 Rubeln und 19 Prozent

Rubelmünzen 
Wenn Börsenanleger auf fallende Rubelkurse wetten, ist das Spekulation. Tun es Journalisten, fällt das unter Recherche, oder sagen wir mal: kollegiales Kräftemessen in Sachen ökonomisches Urteilsvermögen. Ein Kampf des Intellekts und des Pragmatismus. Eine Fingerübung in Russlandkunde, geboren aus Weltanschauung, Bauchgefühl und tiefgehendem Hintergrundwissen.

Okay, es war Fatalismus.

In anderen Redaktionen gibt es Wahlwetten – wie viel Prozent für wen, wie viele Sitze, welche Gewinne und Verluste. Oder komplexe Fußball-Tippspiele, einschließlich vom Hausboten eingesammeltem Geld. Bei uns, die wir alle in Rubel bezahlt werden, waren die Regeln schlichter: am 30. Oktober raten, wo am 30. November der Rubel im Vergleich zum Dollar steht – und dann warten.

Heute kam die Auflösung per Rundmail, und mit ihr die Erkenntnis: Auch, wer nur zum Wirtschaftsteil greift, um in der Bahn die Füße auf den Sitz gegenüber legen zu können, hat Chancen. Siegesjubel dank der Strategie, den Kursverfall der letzten Oktobertage einfach linear fortzuschreiben! Her mit dem 800-Rubel-Jackpot!

Unter den zwei Letztplatzierten befindet sich mindestens eine Führungskraft, ein echter Russlandexperte. Dass die Schadenfreude trotzdem nicht so richtig aufkommen will, liegt vielleicht an dem Nachsatz des Kollegen, der das Prognose-Spiel angeleiert hat. In seiner Mail schreibt er: „Der Preis von 800 Rubeln ist jetzt 19 Prozent weniger wert als beim Einsammeln am 30. Oktober.“

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Endlich alle Stempel für den neuen Job

Moscow Times  
Wo hört Bürokratie auf und fängt absurdes Theater an? In Russland kann man sich das gut und oft fragen, egal, ob es ums Visum geht, um einen Büchereibesuch oder irgendwas dazwischen. In einem Land, wo man schon mal sieben Stempel braucht, um eine Fahrt in einem Pendlerzug filmen zu dürfen, dauert manches halt ein bisschen länger – auch die Wartezeit, bis es in Sachen Job etwas zu verkünden gibt.

Jetzt aber: Auf den neuen Visitenkarten steht „редактор социальных медиа“, oder, wenn man sie umdreht, „Social Media Editor“, darüber das blaue Logo der Moscow Times. Eine unabhängige Tageszeitung, die nicht in Staatsbesitz ist – was in Russland dieser Tage so schnell zu einer Seltenheit wird, dass es einen gruselt. Gleichzeitig ist seit Beginn des Konflikts in der Ukraine die Nachfrage nach unabhängiger Berichterstattung besonders groß: Anfang Februar hatte die Moscow Times 50.000 Fans bei Facebook, heute sind es schon deutlich über 200.000; bei Twitter ist das Wachstum ähnlich.

Ich arbeite also nun wieder auf Englisch, was nach rund einem Jahrzehnt Pause etwa dem entspricht, wie andere das „ich hab mal wieder das Motorrad aus der Garage geholt“-Gefühl beschreiben. Ok, der AP-Style sitzt noch nicht komplett wieder, manchmal rutscht noch ein britischer Begriff dazwischen oder em-dash und en-dash gehen durcheinander, aber das wird noch. Es hat sich hier jedenfalls sehr schnell sehr richtig angefühlt – schon jetzt würde es mir fehlen, von der Fotoredakteurin morgens nicht mehr mit „Hey dude, what’s up?“ begrüßt zu werden.

Sanoma Independent MediaUnd es macht großen Spaß, sich in so Neuerungen reinzufrickeln wie die, dass wir rund um die Welt und durch alle Zeitzonen gelesen werden. Kein klassischer Morgen-Peak mehr in der Online-Nutzung, sondern verschiedene Spitzen im Tagesverlauf. Da kann es schon mal sein, dass der stärkste Facebook-Post des Tages einer ist, der erscheint, wenn alle Redakteure schlafen.

Ein dicker Pluspunkt ist auch, dass dieses kleine britisch-russisch-holländisch-kanadisch-irisch-georgisch-amerikanisch-(deutsche) Team jeden Tag über ein Land diskutiert, recherchiert und berichtet, das ich noch entdecke. Aber eben in einer Sprache, in der ich den Debatten, Einschätzungen und Argumenten folgen kann.

Das Wichtigste aber bleibt: Unabhängiger Journalismus ist in Russland rar. Dafür zu sorgen, dass er sein Publikum findet – hier und international – ist nicht die schlechteste Aufgabe, die man dieser Tage haben kann.

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Chinas Staatsmedien und die Ironie

Der Eingang zum Xinhua-Komplex in Peking
Der Eingang zum Xinhua-Komplex in Peking

Dass die staatlich kontrollierten Medien in China nicht immer gut darin sind, Ironie zu erkennen, war hier schon mal Thema. Als The People’s Daily eine satirische Lobeshymne auf Kim jong Un für bare Münze nahm und weiter verbreitete, ging ein Lachen um die Welt.

Bisher noch nicht ausreichend gewürdigt wurde dagegen die Rolle derselben Staatsmedien als Ironie-Lieferant. Als Beispiel taugt dafür die staatliche Nachrichtenagentur Xinhua, bei der ich 2012 über das Medienbotschafter-Programm der Bosch-Stiftung ein paar Tage hospitieren durfte. Eigentlich sollte der Zeitraum länger werden, aber es kam ein Parteitag dazwischen, währenddessen viele chinesische Redaktionen lieber keine Gäste im Haus haben wollten.

Der „Stift“, das Xinhua-Redaktionshochhaus
Am Anfang ist die Marschmusik. Quer über den Innenhof des Xinhua-Geländes ist sie bis zur Schranke am Eingang zu hören, dazu eine Lautsprecherstimme: eins-zwei, eins-zwei, eins-zwei. Daneben steht aufrecht das Haupthaus, das angeblich an einen Bleistift erinnern soll.

Xinhua ist die große, die einzige und vor allem: die staatliche Nachrichtenagentur in China. Andere Länder haben Sperrfristen, China hat Xinhua. Erst, wenn sie etwas berichtet, ist eine Meldung auf dem Markt – so ist es immer noch oft. Hier wird entschieden, was wahr ist und was öffentlich.

Vom Redaktionsalltag soll nichts Konkretes nach außen dringen, den Zettel muss ich noch vor Praktikumsbeginn unterschreiben. Das ist an sich nicht unüblich, auch in demokratischen Ländern unterschreiben Mitarbeiter solche Klauseln, wenn Firmen ihre Geschäftsgeheimnisse schützen wollen. Hier ist es allerdings doppelt bedeutsam, denn nicht nur Xinhua will sich schützen. Auch das Austauschprogramm beruht auf dieser Vertraulichkeit; wenn ein Medienbotschafter-Jahrgang sie ramponiert, erschwert er dem nächsten die Chance zum Einblick – und brockt den chinesischen Kollegen Ärger ein.

Zur Infrastruktur auf dem Xinhua-Gelände gehören auch Wohnblocks und ein eigenes Hotel.
Um vieles kann es darum in diesem Blogpost nicht gehen. Nicht um die redaktionelle Praxis, die gerade so kurz nach den neuen Beschlüssen des Parteitags interessant war. Nicht um die kritisch-flapsigen Sprüche beim Gang übers Firmengelände, das ein eigener kleiner Kosmos ist, mit Supermarkt, Hotel, Wohnblocks für pensionierte Mitarbeiter, einer Post und dem Souvenir-Shop, in dem der Schnaps der Marke Xinhua leider gerade aus dem Sortiment genommen wurde. Nicht darum, wie man beim Gespräch über den WLAN-Zugang merkt: Ach guck, Nerd ist Nerd, bei uns und bei euch.

Stattdessen eine Beobachtung, für die man nie bei Xinhua gewesen sein muss. Man kann das von außen mitbekommen, wie die Marschmusik, ehe man das Gelände betritt.

Greatfirewallofchina.orgViele Internetseiten, die der Regierung in Peking gefährlich scheinen oder ihr auch nur lästig fallen, sind in China blockiert, gelegentlich kommen neue hinzu. Unter Greatfirewallofchina.org lässt sich das leicht testen: einfach eine URL eingeben und die Seite versucht, sie von China aus aufzurufen. Google? Fail. Twitter? Fail. Facebook? Fail. Amnesty International, Reporter ohne Grenzen, Wikileaks? Fail, fail, fail.

Und was macht Xinhua? Betreibt einen eigenen Twitter-Account mit derzeit fast 800.000 Followern, mit offiziellem Verifizierungs-Häkchen. Dort posten die Redakteure zum Beispiel Fotos vom aktuellen Militärmanöver. Von einem Schönheitswettbewerb in Peking. Chinas eigenes Computerbetriebssystem soll im Oktober vorgestellt werden. Mehr private Investoren für die chinesische Eisenbahn gesucht. Chinesische Promis machen mit bei der Ice Bucket Challenge. Die Schlagzahl der Tweets ist hoch, oft sind es mehrere pro Stunde.

Technisch ist es kein Problem, trotz geblockter Seite auch von Peking aus zu twittern. Das geht bequem per VPN oder, etwas umständlicher, auch mit einem IFTTT-Recipe nach dem Prinzip „Wenn ich eine Mail von diesem Account an jenen Account schicke, dann poste deren Inhalt auf meinen Twitter-Account.“

Wie gesagt, technisch keine große Nummer. Aber in Sachen Ironie ist eine staatliche Nachrichtenagentur, die jeden Tag ein paar Dutzend Mal die Zensurmaßnahmen ihrer eigenen Regierung umschifft, schon bemerkenswert. Erst recht, wenn sie dabei auch direkt noch auf „China View“, ihren Auftritt bei YouTube hinweist.

Auch YouTube ist in China geblockt.

Bloggen ist schön, macht aber viel Arbeit. Unter dem Motto “Schönes bleibt” nutze ich deshalb den Moskauer Sommer, um ein paar Dinge aufzuschreiben, für die sonst immer die Zeit fehlte.

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Moppern über Méthode

Manches fehlt, im neuen Leben in der neuen Stadt. Und manches fehlt sowas von gar nicht.

Eidos Méthode ist ein CMS, auf dem gar nicht mal so wenige Zeitungen produziert werden. In Deutschland zum Beispiel die NRW-Titel der Funke-Mediengruppe (bei der ich im Prinzip arbeite, im Moment aber freigestellt bin), die Stuttgarter Zeitung, die Westfälischen Nachrichten und der Schwarzwälder Bote.

Weil in jeder Redaktion übers CMS geflucht wird, habe ich die letzten Jahre in Essen über Méthode geflucht. Das ist, nebenbei bemerkt, auch mutig, einem Redaktionssystem solch einen Namen zu geben. Gags mit „Der Wahnsinn hat…“ machen sich da von selbst, wenn wieder mal ein Artikel verschüttgegangen oder ein Export Richtung online gescheitert ist.

Nenn es Schadenfreude, nenn es Katharsis – jedenfalls hab ich mir den Spaß gemacht, Tweets zu Méthode zu sammeln. Nicht die vom Hersteller, sondern von Journalisten. Schließlich macht uns beim Fluchen in Vehemenz und Eloquenz so schnell keiner was vor. So lässt sich bei Twitter gut nachvollziehen, wo überall gerade Méthode eingeführt wird. (Wer etwas mehr Zeit hat: Hier ein ziemlich unfassbarer Mailwechsel dazu aus Australien.)

Am ausdauerndsten in seiner Frustration ist aber erkennbar der Mann von weiter oben: Chuck Plunkett, Politikchef der Denver Post. Nicht mehr ganz ein young man, aber angry, definitiv.

Druck macht Diamanten, Leid macht Dichter. Darum gehört das letzte Wort Dan Zak von der Washington Post:



Bloggen ist schön, macht aber viel Arbeit. Unter dem Motto „Schönes bleibt“ nutze ich deshalb den Moskauer Sommer, um ein paar Dinge aufzuschreiben, für die sonst immer die Zeit fehlte.

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Kleine Wladimir-Putin-Titelseiten-Kritik

Gleich mehrere große englischsprachige Zeitschriften haben in ihrer aktuellen Ausgabe ein Putin-Cover. Aus Blattmacher-Sicht spricht da neben der aktuellen Nachrichtenlage sicherlich auch für, dass sich Putin in der Öffentlichkeit gern machtvoll, maskulin und autoritär inszeniert – gutes Fotomaterial, um daraus bedrohliche Szenarien aufzubauen. Auch wenn Newsweek dann diese Woche vielleicht doch arg dick aufträgt:

Ob die Feuerbälle in den Augen eine Anspielung an dieses Cover aus dem Herbst 1961 sein sollen? Damals hatte TIME einen furchteinflößenden Chruschtschow auf die Titelseite gehoben. Diese Woche dagegen ist das TIME-Cover zwar weniger dramatisch gestaltet, die Aussage aber trotzdem stark.

Der Economistum den man sich im Moment eh Gedanken machen muss – fällt mit diesem Titel dagegen deutlich ab. Da hilft es auch nciht, dass sie Putins Augenfarben an das Spinnennetz angepasst haben.

Ob nach den ganzen englischen Vorlagen das Spiegel-Cover am Sonntag auch wieder ein Putin-Motiv bekommt? Das hier aus dem Frühjahr hat damals unter Russen im Internet einige Aufmerksamkeit bekommen.

Vielleicht lohnt sich ja in Zukunft eine kleine Reihe mit Putin-Titeln hier im Blog. Genug Zeitschriften, die den russischen Präsidenten regelmäßig auf die Titelseite heben, gibt es bestimmt. Aber erst noch zwei ältere Putin-Cover, die einfach zu schön sind, als dass sie hier fehlen dürften.

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