Russische Briefmarken zur Fußball-WM: vier Stadien und ein Riesenpokal

Na, so ganz alleine hier? Soll ich euch vielleicht mal meine Briefmarkensammlung zeigen? Sie ist noch nicht so besonders umfangreich, aber dafür sind die Marken durch die Bank richtig schön gestaltet. Und alle haben sie mit der Fußball-Weltmeisterschaft im kommenden Jahr zu tun.

Eigentlich hatte ich nur davon gehört, dass die Russische Post Briefmarken rausgebracht hat, auf denen eine Auswahl der WM-Stadien zu sehen sein sollen. Aber dann bekam die Frau in der Postfiliale bei uns ums Eck so einen entschlossenen Blick und ließ sich mein Anliegen ein zweites Mal erklären. Briefmarken? – Ja. – Zur Weltmeisterschaft? – Ja. – Mit Stadien drauf? – Ja. Und weg war sie, vom Kundenkontakt am Schalter zum Kollegengespräch im Büro.

Es folgte eine Wartezeit, in der gelegentlich Wortfetzen rüberwehten. Briefmarken. Weltmeisterschaft. Stadien. Ich war eher spontan in die Filiale gegangen, aber nun gab es erkennbar einen amtlichen Vorgang zu meinem Anliegen, und der wurde aber sowas von bearbeitet. Okay, es war kein anderer Kunde zu sehen, und bis ich sie angesprochen hatte, war die Schalterfrau damit beschäftigt gewesen, stapelweise Briefe zu sortieren. Trotzdem: Das Engagement war beeindruckend, und das Resultat dann auch: „Sie haben Glück, das sind unsere letzten“, sagte die freundliche Postfrau und nickte in Richtung des Papiers, das da nun zwischen uns auf dem Tresen lag. Vier Stadien, in denen bei der Fußball-Weltmeisterschaft Spiele stattfinden werden.

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Moskau ist, ganz Hauptstadt, gleich zweimal vertreten: mit dem Luschniki-Stadion oben links, in dem am 15. Juli das Finale stattfindet, und dem Spartak-Stadion, besser bekannt als Otkritije-Arena, mit seinen rot-weißen Rauten. Oben rechts außerdem das Fischt-Stadion in Sotschi, das nicht nur wegen seiner Lage mit Blick aufs Schwarze Meer wirklich ausnehmend schön ist, und die Arena in Kasan. Vier farbenfrohe kleine Stücke Fußball-Landeskunde.

Die Stadionmarken waren aber nicht die einzigen, die die Postfrau aus dem Hinterzimmer mitgebracht hatte. Beim nächsten Satz – sechs Marken auf cremefarbenem Untergrund – musste ich ein bisschen gucken, bis ich begriffen habe, was sie zeigen: Jedes der Quadrate erinnert an eines der Jahre, in dem die Sowjetunion bisher an der Fußball-Weltmeisterschaft teilgenommen hat (Russland ist es bisher noch nie gelungen, sich zu qualifizieren.)

Wer sich die Melodie der Sportfreunde Stiller denkt, kann darauf zumindest die ersten Jahreszahlen singen: „Achtundfünfzig, zweiundsechzig…“, kommt dann aber bei „sechsundsechzig, siebzig, zweiundachtzig, sechsundachzig“ doch aus dem Rhythmus. Egal, ist ja auch was zum Gucken, nicht zum Hören. Und als Hingucker funktionieren diese neuen Marken, in die die historischen Gedenkmarken eingeklinkt sind, wirklich richtig gut. Schöne Idee, das hatte ich so noch nie gesehen.

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Ihr drittes Fundstück hat sich die Postmitarbeiterin für den Schluss aufbewahrt. „Davon haben wir noch zwei, die können Sie beide haben“, sagt sie mit kleinem Tusch in der Stimme und präsentierte einen Oschi von einer Marke. Bauarbeiterprankengroß, dunkelbraun mit goldener Schrift und goldenen Bildern: auf der Marke selbst der WM-Pokal, von zwei Händen in die Luft gehoben. Auf dem Bogen drumherum blickt man durch einen gläsernen Fußball von oben in ein Stadion, in dem schon das Flutlicht auf den Rasen scheint – gleich müssen die Spieler kommen.

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Ich bin ziemlich zufrieden nach Hause gegangen von diesem Besuch bei der Post. Nicht nur wegen der hilfsbereiten Mitarbeiterin oder den wirklich durch die Bank schönen Marken. (Die ich, das ist klar, in zehn Jahren für Unsummen bei Ebay verticken werde.) Sondern auch, weil ich vom letzten Modell zwei habe, also eine mehr, als man braucht. Deshalb: Wenn jemand von euch gerne die andere Pokal-Marke haben möchte, mit Stempel oder ohne, dann sagt gerne unten in den Kommentaren Bescheid. Ich pack sie dann in einen Umschlag mit eurer Adresse – oder klebe sie direkt drauf. Die russische Post ist zwar nicht die schnellste, aber bis zur WM ist der Brief garantiert da.

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Russball, Folge 9: Springt eine Hummel mit dem Fallschirm ab

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Probleme, die man als Bloggerin nicht hat: „Nun haben wir schon einen Spezialbereich auf unserer Website, jetzt soll er auch immer schön frisch aussehen“. Aber gut, das hat sich die Nachrichtenagentur TASS mit ihrem Schwerpunkt zur Fußball-WM nun selber eingebrockt. Sowas will, auch bei mauer Nachrichtenlage, gefüllt sein. In größtmöglicher Detailtreue und kleinstmöglicher Relevanz wird deshalb also nun dort der Fortschritt bei den WM-Vorbereitungen dokumentiert.

So erfahren wir, dass in Kasan möglicherweise riesige Blumensträuße den Weg zum Stadion flankieren sollen, eingewickelt in Flaggen der Teilnehmerländer. Dass in Kaliningrad ein 25 Meter hoher Strommast gebaut wird, der aussehen soll wie WM-Maskottchen Sabiwaka. Und wem das alles noch zu interessant ist, der findet diese Meldung: Bei der Rasen-Aussaat im Stadion von Rostow wurden sechs verschiedene Sorten Grassamen verwendet. Sechs! Verschiedene! Sorten! So viel besser als fünf, und sieben wäre ja nun auch wirklich übertrieben.

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⚽ Kleines Update zur Meldung aus der vergangenen Woche, wonach Russland während der WM spezielle Ausnüchterungszentren für betrunkene Fußballfans einrichten will: Das hat offenbar bei dem ein oder anderen für Unruhe gesorgt, weil die sogenannten Wytreswiteli in der Sowjetunion nicht den besten Ruf hatten.

Vize-Ministerpräsident Witali Mutko muss also den Erklärbär geben: „Sie werden als Ausnüchterungseinrichtungen bezeichnet, dabei sind sie dazu da, menschenwürdige Bedingungen herzustellen,“ beteuert er. Wer zu viel getrunken habe, brauche nun mal einen Ort, um seinen Rausch auszuschlafen.

⚽ Rostow war in der Premjer-Liga bei Anschi Machatschkala zu Gast und mit dem, was man da im Stadion vorfand, erkennbar unzufrieden. „Die Anschi-Arena ist bereit für das Spiel, aber der Platz…“ twitterte der offizielle Rostow-Account und fügte noch ein besorgtes Emoji hinzu. In der Tat: Im Grün des Spielfeld sieht man zahlreiche fußgroße, braune Löcher, das Ergebnis ist eher ein Acker als ein Erstligaplatz. Von der Heimmannschaft gab es keine Twitter-Reaktion, offenbar war man mit Wundenlecken ausgelastet: Trotz ramponierten Rasens gewann Rostow auswärts mit 1:0.

https://twitter.com/rostovfc/status/893486363139424256

⚽ Aiden McGeady ist Fußballprofi aus Schottland, von 2010 bis 2014 hat er für Spartak Moskau gespielt. In einem Interview hat er nun erzählt, wie nach mehreren Niederlagen in Folge die Vereinsführung völlig selbstverständlich einen Termin arrangierte, bei dem Spartaks oberste Ultras der Mannschaft die Meinung sagen bzw. brüllen durften.

„Einer von den Ultras hat zu (einem brasilianischen Spieler) gesagt, wenn ich dich noch einmal nach einer Niederlage in einem Nachtclub sehe, dann schlag ich dir die Fresse ein,“ erzählt McGeady. Nicht die einzige surreale Szene des Termins, der in seiner Gänze hier nachzulesen ist. „Und dann haben sie den Raum verlassen, und als sie rausgingen, hatten sie alle Waffen hinten in ihren Jeans stecken.“ (Und der Spartak-Sprecher so: Kann ich weder bestätigen noch dementieren, was fragt ihr mich als nächstes, nach irgendwas aus dem Jahr 1967?)

⚽ Jede Nationalmannschaft hat ja so ihre eigenen Erfolgsrezepte, die russische wird Anfang September in einem Testspiel mal die pragmatische Methode probieren: Willst du gewinnen, dann suche dir einen Gegner, bei dem das auch realistisch ist. In diesem Fall ist das Dynamo Moskau, zur aktuellen Saison frisch in Russlands oberste Liga aufgestiegen und dort derzeit, wenn man wohlwollend sein will, so gerade noch im Mittelfeld platziert. (Übrigens gibt es dazu eine interessante Parallele im englischen Profifußball, die allerdings schon ein paar Jahre her ist.)

⚽ Nützlich, was die Berner Zeitung da veröffentlicht hat: ein kleines Vereinsporträt von ZSKA Moskau, reduziert aufs Wesentliche. Ein bisschen Statistik zu den Liga-Erfolgen der jüngsten Zeit, ein Überblick der bekannten, oder besser: der halbwegs bekannten Spieler.

Die Berner formulieren das mit nicht allzu viel Takt so: „Auch im Sturm sind keine renommierten Fussballer zu finden.“ Das lässt, aus Schweizer Perspektive, hoffen. Denn wenn die Young Boys Bern in der Champions League weiterkommen wollen, müssen sich am 15. und am 23. August gegen ZSKA behaupten.

⚽ Russland hat gerade den Tag des Fallschirmjägers begangen – das ist hier eine große Sache, mit ganz eigenem Ritual. Männer in blau-weiß geringelten Leibchen betrinken sich, planschen in den Springbrunnen der Stadt und prügeln vor lauter Enthemmung auch schon mal auf Journalisten ein.

Im Vergleich dazu hatte, wer auch immer beim FK Ural aus Jekaterinburg im Kostüm des Maskottchens steckt, einen fast schon entspannten Tag. Okay, er oder sie musste zu Ehren der Fallschirmjäger selber aus einem Flugzeug springen, aber immerhin mit Hochkulturkomponente: Die Spieler des FK Ural werden angesichts der orange-schwarzen Vereinsfarben auch шмели genannt, also die Hummeln. Für das Video des fliegenden Hummelmaskottchens konnte es also nur eine musikalische Untermalung geben, natürlich von Nikolai Rimski-Korsakow:

⚽ Da wollte sich jemand an Wladimir Putin ranwanzen, ist damit aber auf die Nase gefallen. Der jemand, immerhin Bürgermeister der sibirischen Stadt Tscheremchowo, hatte wohl im Handbuch autoritärer Führungsfiguren nachgelesen, dass diese sich gerne als Macher präsentieren, die alle wichtigen Entscheidungen selber treffen. (Wir erinnern uns an die urbane Legende, wonach Stalin höchstselbst die Moskauer Metro-Ringlinie erfunden hat.) Aber: Keine Regel ohne Ausnahme.

Besagter Bürgermeister sagte also vor Publikum, er rechne damit, dass die russische Fußball-Nationalmannschaft sich bei der WM nur dann ernsthaft Mühe geben werde, wenn Putin selbst sie trainiert. Was der, geschmeichelt oder nicht, sofort von sich wies. Ranwanzen gescheitert. Aber wenn Russland dann – so ganz ohne jemals von Putin trainiert worden zu sein – bei der WM im eigenen Land wie beim Confed Cup in der Gruppenphase ausscheidet, will es wieder keiner gewesen sein.

⚽ 11 Freunde nimmt den Fall Yohan Mollo als Anlass einer Bestandsaufname: Wenn russische Fans einzelne Spieler rassistisch oder schwulenfeindlich beschimpfen, wie reagieren dann die Vereine? Und was, wenn dem Spieler der Kragen platzt und er den Stinkefinger zeigt? (Mollo selbst sagt, er habe einen Freund auf der Tribüne gemeint, nicht die Fans.) Was bleibt, ist ein Klima, in dem der Fokus auf dem Verhalten des angegriffenen Spielers liegt – nicht auf den Fans und ihren Pöbeleien.

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Zum Schluss noch ein kleiner Hinweis, damit ihr euch emotional wappnen könnt: Bei der nächsten Russball-Folge wird hier alles ein bisschen anders sein, aus Gründen. Aber das seht ihr ja dann. Eine schöne Woche noch!



 

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Russball, Folge 4: Nach dem Confed Cup ist vor der Fußball-WM

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„Fußball statt Pornostars, oder: Die deutsche Maschine fährt weiter“. Das ist doch mal ein Kracher-Einstieg, leiderleider nicht von mir, sondern von Nikolai Jaremenko. Der Chefredakteur von Sowjetski Sport versucht unter diesem Motto zu erklären, warum deutsche Fußballer derzeit so erfolgreich sind: „Die Deutschen passen sich nicht an das Spiel ihres Gegners an, sie spielen einfach ihren Fußball.“ Oder: „Sie spielen sich nicht einfach einen Pass – sie leben ihn. Sie laufen nicht einfach zum Angriff – sie atmen ihn.“ 

Und die klickträchtig erwähnten Pornostars? Weiter unten findet sich diese Behauptung: „Die Spieler heiraten keine Fotomodels oder Schönheitskoniginnen. Fast immer sind die Ehefrauen Freundinnen aus der Kindheit, alles ruhige, bescheidene Mädchen.“ Nun ja. Nach solch blumiger Prosa gönnt sich Jaremenko dann noch einen komplett verunglückten Schluss für seine Kolumne. Einfach mal hier gucken und runterscrollen, man muss kein Russisch können. 

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⚽ Immer, wenn Twitter mir einen Link der Tageswoche in die Timeline spült, gehen bei mir die Satire-Warnglocken an. Tageswoche, schon klar, haha, lustig. Ist aber offenbar tatsächlich ein ernst gemeinter Name für ein ernst gemeintes Medium. Einer ihrer Mitarbeiter hat eine dieser Reportagen geschrieben, bei denen man froh ist, dass sich andere des Themas annehmen: 60 Stunden kostenlose Zugfahrt von Kasan nach Sotschi, zusammen mit Fußballfans aus allerlei Ländern. Das Ergebnis ist ein Artikel, so lang wie die Fahrt – aber auch so interessant

⚽ Mannmannmann, dieser Brief von Julian Draxler an die russischen Fans! Wer einen Beleg braucht für den Unterschied zwischen gut gemeint und gut gemacht, kann sich das Schreiben ja mal bookmarken. Klar, sich beim Gastgeberland zu bedanken, beim Personal im Hotel, den Freiwilligen – das ist eine nette Geste, die jedem gut zu Gesicht steht. Die Fans loben, die schönen Stadien, alles gute Ideen, nicht nur um sich Unterstützung im Finale zu sichern. Aber muss das dann gleich so ein unreflektiertes Ranwanzen sein?

Drinnen schick, draußen mit Zaun und Security: das deutsche Mannschaftshotel in Sotschi
Drinnen schick, draußen mit Zaun und Security: das deutsche Mannschaftshotel in Sotschi

Natürlich hattet ihr, lieber Julian, „ein immer vorhandenes Gefühl der Sicherheit“, schließlich hat euer Hotel in Sotschi schön hohe Zäune und reichlich Wachmänner, außerdem sind autoritär regierte Staaten nun mal gut in Sekundärtugenden wie Ordnung, Sauberkeit, Sicherheit.  Vielleicht hätte man mal überlegen können, wie sicher sich hier im Lande Leute fühlen können, die eine andere Meinung haben als die Kreml-Linie. Oder der im Brief erwähnte Thomas Hitzlsperger, wenn er auf die Idee käme, hier offen als schwuler Mann zu leben. Ohne diese Gedanken jedoch ist ein Schrieb von ärgerlicher Naivität entstanden, irgendwo zwischen „mein schönstes Ferienerlebnis“ („Es schien immer die Sonne.“) und „Ich hab noch nicht einen einzigen Sklaven in Katar gesehen.“ Ist ja alles nur Sport hier, keine Politik. Bitte gehen Sie weiter, hier gibt es nichts zu sehen.

⚽ Was unterscheidet den russischen Amateurfußball vom deutschen? Oliver Fritsch hat sich für den direktesten Weg entschieden, das herauszufinden, und mitgespielt. Kostprobe: „Auf dem Platz ähnelt der Amateurfußball in Russland dem in Deutschland. Das Niveau ist gut. Mein Eindruck ist, dass in Russland die Einzelaktion – das Dribbling, der Schuss – etwas höher im Kurs steht. In Deutschland wird ein bisschen härter gespielt.“

⚽ Was bleibt sonst noch vom Confed Cup? Ein leicht erhöhter Adrenalinspiegel dank einer Rundmail, die von den russischen Organisatoren kurz vor dem Finale an viele Fans geschickt wurde. Darin hieß es, man hätte ja nun Tickets fürs Finale gekauft (auch wenn man das gar nicht hatte) und solle nun auch bitte rechtzeitig am Stadion sein. In Zeiten von Phishing, Hacking und Identitätsdiebstahl fanden das viele Fans beunruhigend, in der Schweiz bei der FIFA lief die Hotline namensgemäß heiß. Ein Moskauer Bekannter bekam die Mail sogar dreimal – auf Russisch, Deutsch und Englisch. Wenn schon Unruhe stiften, dann bitte auch mit maximaler Reichweite.

⚽ Nach dem Confed Cup ist vor der Fußball-Weltmeisterschaft. Wir können uns in Russland also in den kommenden Monaten auf weitere Vorfälle nach diesem Schema einstellen: Behörden planen Bauprojekt, Umweltschützer protestieren, das hat Konsequenzen – allerdings nur für die Umweltschützer. Das haben wir bei den Olympischen Winterspielen in Sotschi erlebt, jetzt beim Confed Cup beispielsweise in Kasan. Es wäre leider naiv zu hoffen, dass das anders läuft, wenn Russland im kommenden Jahr die WM ausrichtet.

⚽ Diego Maradona war ein paar Tage in Russland und hat dafür gesorgt, dass die Schlagzeilen nicht knapp werden. „Maradona: Russland, das sind Putin, schöne Frauen und Fußball“ – „Maradona bekommt einen Samowar geschenkt“ – „Diego Maradona: Ich bin bereit, Russlands Nationalmannschaft anzuführen! – „Maradona: Wenn sich die Möglichkeit ergibt, werde ich Eishockey spielen“ – „Diego Maradona möchte die russische Staatsangehörigkeit annehmen“. Alles übrigens Überschriften aus ein und demselben Medium: Sowjetski Sport hat sich über sein Exklusivinterview mit Maradona so gefreut, dass sie innerhalb von einer Woche knapp 50 Artikel mit Maradona-Überschrift veröffentlicht hat.

⚽ Noch zwei Wochen, dann beginnt die Fußball-Europameisterschaft der Frauen. Das russische Team hat gerade seine neue Mannschaftskleidung vorgestellt und wollte von seinen Twitter-Followern wissen, wie ihnen die Auswärtsvariante gefällt: 

https://twitter.com/WomenRussia/status/881814159075270657

Die kritischen Reaktionen waren durch die Bank identisch: Пижама! Schlafanzug! Vielleicht liegt es am blassmöglichsten Pastellbleu? Bei Heimspielen jedenfalls wird die Frauen-Nationalmannschaft in Knallrot auflaufen.

⚽ Anfang Mai jubelten die Fans von Spartak Moskau, weil ihr Verein zum ersten Mal seit 2001 wieder russischer Fußballmeister wurde. Nun kam raus, worüber die Vereinsführung außerdem noch jubeln konnte: Zusätzlich zum Titel auch über ein dickes Plus in der Bilanz, denn Gewinnen ist lukrativ: „Ich glaube, dass Spartak damit so um die fünf Millionen Dollar verdient hat“, zitiert Lenta.ru einen Offiziellen des russischen Fußballverbands.

⚽ Es wundert mich schon, wenn immer wieder zu lesen ist, dass die deutsche Nationalmannschaft für die WM 2018 in Russland Moskau als ihr Hauptquartier anpeilt. Inzwischen klingt es allerdings so, als wäre Sotschi ebenfalls im Rennen. Ein paar Argumente dafür kann man hier nachlesen.

Aus eigener Erfahrung würde ich noch hinzufügen: Leistungssportler in einer Stadt mit so hoher Luftverschmutzung unterzubringen wie Moskau, scheint mir nicht allzu leistungsfördernd. Wald- oder Torfbrände tragen dazu bei, Industrie, vor allem aber: 80 Prozent der Luftverschmutzung in Moskau kommt vom Straßenverkehr, will sagen: viele Autos, ständig Stau. Dass das nervt, wenn man zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort sein muss (sagen wir mal: zum Anpfiff in einem Stadion), weiß nicht nur Kameruns Trainer. ESPN will unterdessen erfahren haben, dass bereits 18 Nationalmannschaften bei der FIFA Interesse angemeldet haben, um kommendes Jahr Sotschi zu ihrem Hauptquartier zu machen. 

 

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Zum Schluss noch ein Gruß nach Schottland. Pedro Caixinha, Trainer der Glasgow Rangers, hat mich diese Woche mit seinem Wunsch nach Bären in Russland verwirrt.

kscheib russball bären in russland

I Want Bears in Russia“ ist auf den ersten Blick ähnlich sinnvoll wie „I Want Sheep in New Zealand“ oder „I Want a Schwebebahn in Wuppertal“. Man muss Russland keine Bären wünschen, die gibt es hier so reichlich, dass es schon fast ein Klischee ist. Was will uns der Mann also sagen?

Ein wenig Rumgoogeln ergibt, dass die Fußballer der Glasgow Rangers als „Bears“ bezeichnet werden; Caixinha hofft also, dass Spieler seines Vereins bei der Fußball-WM im kommenden Jahr zum Einsatz kommen. Ich wiederum hoffe, dass euch diese Folge „Russball“ gefallen hat. Wenn ja, sagt es gerne weiter – oder abonniert hier den Newsletter:



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Russball, Folge 3: Ticketpreise und „Dream Timo“ Werner

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Man vergisst ja leicht, dass es beim Fußball nicht nur um den Sport geht, sondern auch um die Gemeinschaft. Fußball schafft unverhoffte Kontakte, Fußball bringt Menschen ins Gespräch miteinander. So schön! Entsprechend begeistert war eine Moskauer Freundin von folgender Begebenheit am Flughafen:

Am Abend vorher hatten wir im Spartak-Stadion gemeinsam Russland gegen Portugal verlieren sehen, trotz unserer lautstarken Anfeuerei. Nun stand sie früh morgens an der Passkontrolle, unterwegs nach Deutschland zu einem Seminar. Auf der anderen Seite der Glasscheibe die übliche uniformierte Frau mit den üblichen Stempeln – und einer unüblichen Frage: „Na, wie war’s denn gestern Abend im Stadion? Gute Stimmung soweit?“ Nachfrage ergab: Tatsächlich bekommen die Grenzbeamten bei jedem, der Karten für den Confed Cup gekauft hat, angezeigt, wann und wo er bei welchem Spiel war. Zauberhaft, wie sich die Staatsmacht interessiert bis ins kleinste Detail. Da hat man die ganzen Daten für die Fan-ID wenigstens nicht umsonst weggeschenkt!

In Sotschi hatte ich unterdessen Gelegenheit, ebenfalls mit ein paar Leuten ins Gespräch zu kommen. Nicht nur beim mehrstündigen Selbstversuch „Fußballtickets kaufen ohne Russischkenntnisse“, sondern auch und immer wieder mit Taxifahrern. „Sie sind aus Deutschland? Hach, Oliver Kahn! Michael Ballack! Philipp Lahm!“ – „Sie sind aus Deutschland? Da war ich schon mal, in Lüdenscheid!“ – „Wie viele Einwohner hat Deutschland? 80 Millionen, und unter denen haben sie diese elf Männer für Ihre Mannschaft gefunden. Wir sind 145 Millionen – warum finden wir darunter nur solche elf Nieten für unsere Mannschaft?“

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⚽ Wir müssen mal übers Geld reden. Genau genommen darüber, wie man von einem russischen Einkommen (im Schnitt 558 Dollar, also knapp 500 Euro) Karten für ein internationales Fußballturnier bezahlen soll. Sowjetski Sport rechnet anhand des Confed Cups vor: Selbst wenn man die für Russen reservierten Tickets der Billigklasse kauft (960 Rubel/14,40 Euro), ist es damit ja nicht getan: 200 Rubel (3 Euro) für ein Bier, 250 (3,75 Euro) für einen Hot Dog. Dann vielleicht als Andenken noch ein Käppi mit Logo? Noch mal 1000 Rubel, also 15 Euro. „Und glauben Sie uns, das ist preiswert – bei der Formel 1 zahlt man 3000 Rubel für eine Kappe.“

Wladimir Leonow, Sportminister der russischen Republik Tatarstan, zu der der Austragungsort Kasan gehört, wird deshalb deutlich. Klar sei die Preisgestaltung Sache der FIFA, aber: „Wir müssen einen Blick werfen auf das durchschnittliche Einkommen der Bevölkerung an dem eigentlichen Ort, wo das Turnier stattfindet.“ Das will er der FIFA vorschlagen und so für die Fußball-WM 2018 Ticketpreise erreichen, die auch für Russen erschwinglich sind. (Dann erledigen sich vielleicht auch die Bilder leerer oder halbleerer Stadien.)

⚽ Was mit dem Videobeweis alles schief gehen kann, das haben die Spiele der vergangenen Tage gezeigt. Verwirrung im Stadion, weil anfangs auf den großen Bildschirmen keine oder nur verspätete Infos für die Fans angezeigt wurden. Eine gerade noch korrigierte Rote Karte für den falschen Kameruner. Der FatRef,  gleichzeitig Journalist bei AP und Unterliga-Schiedsrichter, hat weitere Pannen gesammelt. In Russland kursieren unterdessen Pläne, den Videoschiedsrichter auch bei Liga-Spielen einzusetzen.  Und ich bin immer noch fasziniert von der Second-Screen-Variante dieses Fans in der Reihe vor mir: Während bei Deutschland – Kamerun die anderen Zuschauer auf eine Entscheidung per Videobeweis warteten, rief er auf seinem Handy den Livestream auf und sprang ein paar Minuten zurück, um sich selbst ein Bild zu machen.

kscheib russball second screen sotschi

⚽ Russland hat es beim Confed Cup also nicht über die Gruppenphase hinaus geschafft, trotz aufmunternder Worte von Kevin Kuranyi. Was für die berichtenden Sportjournalisten heißt: Vorerst keine Pressekonferenzen mehr mit Stanislaw Tschertschessow, dem Trainer der russischen Nationalmannschaft. Ist das nun ein Verlust an Unterhaltungswert oder ein Gewinn an Höflichkeit? Die einen legen Tschertschessows, sagen wir mal, konfrontatives Verhältnis zur Presse unter „trockener Humor“ ab, die anderen werden deutlicher: „Nach dem Spiel gegen Portugal sprach Stanislaw Tschertschessow mal wieder mit den Journalisten wie mit Staubsaugervertretern, die ihn am Sonntagmittag aus dem warmen Bett herausgeklingelt haben.“

⚽ Apropos Confed-Cup-Aus für Russland: Da würde doch ganz gut dieses eine Meme passen, das aus diesem einen Reuters-Foto entstanden ist, wo Putin und Medwedjew im Regen stehen… Ach ja, und da ist auch schon die passende Variante unter dem Motto: „Wenn du Russland gegen Mexiko guckst“. Respekt, das ging flott! (Meine Lieblingsvariante bleibt aber die hier.)

 

Sotschi mag eines der schönsten Fußballstadien Russlands haben, dennoch droht den Menschen dort nach dem Confed Cup eine fußballerische Durststrecke bis zur WM: Gerade hat der FC Sochi bekannt gegeben, dass er sich ein Jahr Pause vom Ligafußball gönnen wird. „Die Erfolge der Mannschaft sind eher bescheiden,“ schreibt der Verein auf seiner Homepage, „wir sehen Fehler beim Management und bei den Spielern, also brauchen wir ein besseres Team.“ Zuletzt hatte der FC Sochi in der untersten Profiliga Russlands gespielt. Witali Mutko, russischer Vize-Ministerpräsident und Chef des Fußballverbandes, ist von der Entscheidung not amused – verspricht aber, die Lücke mit Länderspielen, einem Frauenfußball-Turnier und dem Granatkin-Jugendturnier im Fischt-Stadion zu füllen.

„Warum ist der russische Fußball so, wie er ist“, fragt die Website „Bombardir“ und zeigt dazu das Bild eines Spielers, der mit den Händen vorm Gesicht auf dem Rasen liegt. Es folgt „eine ultrakurze Analyse unserer Trauer“ in zehn Punkten, darunter: „Weil die Philosophie des russischen Fußballs Menschen schafft, die glauben, dass sie schon lange alles wissen und nichts mehr hinzulernen müssen“ – das gelte für Trainer wie für Spieler. „Weil bei der Mannschaftsaufstellung Freundschaft, Verwandtschaft oder gemeinsame Geschäftsinteressen wichtiger sind als Talent und Fähigkeiten.“ Dünkel, Klüngel und mehr – die ganze Liste gibt es hier.

⚽ Nach ihrem Draxler-Porträt vergangene Woche stellt die Rossijskaja Gaseta ihren Lesern diese Woche Timo Werner vor. „Dream Timo“ heißt die wortspielige Überschrift, und auch sonst ist die Begeisterung groß: „Am internationalen Fußballhimmel leuchtet ein neuer Stern“, auch wenn in Werners Karriere nicht immer alles glatt gegangen sei – die Schwalbe, die Pfiffe. Dennoch: „Es bleibt das Gefühl, dass Werner sicherlich zu denjenigen gehören wird, die in einem Jahr zurück nach Russland kommen zur Fußball-Weltmeisterschaft.“

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Ganz schön lang ist sie geworden, diese Russball-Folge. War das jetzt zu lang? Dann sagt gerne Bescheid, in den Kommentaren oder bei Twitter. Die bisherigen Folgen findet ihr hier, und dank ein paar Stunden Rumgefrickel mit Mailchimp könnt ihr Russball  auch abonnieren. Danke fürs Lesen und bis nächste Woche!



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Russball, Folge 2: Draxler, Ronaldo und Jürgen Klopp

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Die zweite Russball-Ausgabe muss mit einem Dank an alle beginnen, die die erste gelesen, bei Twitter und Facebook geteilt oder sonstwie weiterempfohlen haben. Danke euch – das hat großen Spaß gemacht, zu sehen, wen das Thema alles interessiert!

Noch ein Dank: Die Grafik zu meinen Russball-Blogposts kommt von der Illustratorin Suus Agnes. Im Moment lebt sie in Sankt Petersburg und arbeitet an einer Graphic Novel, für die sie in abgelegenen Regionen Russlands Menschen zu den Umweltproblemen vor ihrer Haustür befragt. Ihre Arbeit an dem Projekt könnt ihr hier verfolgen, ich bin gespannt auf das Resultat.

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⚽ Inzwischen läuft der Confed-Cup – die Welt zu Gast bei Russen. Da werden Sportreporter zu Lyrikern, unterbeschäftigte Volunteers stehen vor dem Bolschoi-Theater in Moskau rum und hoffen, dass sie endlich mal wer was fragt, und ich merke, wie lange ich schon im Instagrammwunderland Russland lebe. Denn mein erster Gedanke bei diesem Trainings-Foto hier oben links war: „Ach guck, Benjamin Henrichs macht ein Selfie.“ (Sieht man besser, wenn man es anklickt)

Okay, ehrlich gesagt war der Gedanke eher „Ach guck, der macht ein Selfie, wer ist denn das noch mal?“ Schließlich hat Henrichs vor dem Confed-Cup erst ein Spiel für die deutsche Nationalmannschaft absolviert. Immerhin geht es ihm aber nicht wie seinen Mitspielern Marvin Plattenhardt, Kerem Demirbay, Lars Stindl, Amin Younes und Sandro Wagner: Von denen haben sie beim DFB kein einziges passendes Foto für diese schicke Ganzkörpergrafik hier gefunden.

(*Update: Der DFB hat inzwischen nachgelegt und den Spielern ein Gesicht bzw einen ganzen Körper gegeben. Vorher sah es dort nämlich so aus:)

⚽ „Er wird geschätzt für sein brillantes Dribbling und seine Fähigkeit, hohe Ablösesummen zu erzielen.“ Mit dieser Bildunterschrift stellt die Rossijskaja Gaseta ihren Lesern Julian Draxler vor, den Kapitän des deutschen Confed-Cup-Kaders.
kscheib Russball Draxler

Es folgt ein Abriss von Draxlers Karriere (jüngster Kapitän der deutschen Nationalmannschaft!), und selbst Lothar Matthäus darf sich hier noch mal äußern. Das „Königsblau“ von Draxlers erstem Club Schalke 04 übersetzt die Rossijskaja Gaseta übrigens sehr hübsch mit „Kobaltblau“. Also, liebe Mit-Schalker: Auf Russisch sind wir die „Кобальтовые“ (Kobaltowieje).

Leonid Sluzki, früherer Trainer der russischen Nationalmannschaft, trainiert in Zukunft das Team von Hull City. Die New York Times nimmt das zum Anlass für eine Analyse: Warum gibt es eigentlich so wenige Russen, die im Ausland spielen? Liegt’s am Geld, an der Konkurrenz? „Russland ist seine eigene Welt, ein Ort, wo Spieler und Trainer hingehen, aber selten herkommen.“ (Hübscher Nebenaspekt: Slutsky erzählt von seinem Vorsatz, in Sachen Englischkenntnisse möglichst bald Jürgen Klopp einzuholen.)

⚽ Letzte Woche ging es hier ja schon mal um die Behauptung, in der russischen Liga habe es vergangene Saison keinerlei rassistische Vorfälle mehr gegeben. Etwas realitätsnäher sind wohl die Zahlen, die Football Against Racism in Europe gesammelt und nun veröffentlicht hat: Ein leichter Rückgang im Vergleich zur Vorsaison, aber unterm Strich immer noch 89 Fälle von Rassismuss und Rechtsextremismus. Dazu gehörten auch antisemitische Aktionen gegen jüdische Trainer oder Vereinsoffizielle.

⚽ Das Fischt-Stadion in Sotschi ist architektonisch ein echter Hingucker. Am Montagabend war es trotzdem eher zum Weggucken: leere Plätze überall, obwohl Australien gegen Deutschland spielte. Es gibt zwar für jedes Spiel einige Billigtickets nur für russische Staatsangehörige, die anderen Kategorien sind aber deutlich teurer. Wenn ich Durchschnittsrussin wäre und im Monat umgerechnet 499 Euro verdienen würde – ich glaube nicht, dass ich davon 72, 87 oder gar 138 Euro für 90 Minuten Fußball ausgeben würde. In Sotschi sollen darum jetzt Freikarten an Schulkinder verteilt werden, damit nicht so viele Plätze frei bleiben.

⚽ Kasan hat ein neues Graffiti: ein bunter, flächiger Christiano Ronaldo. Der, nebenbei bemerkt, auf Russisch „Криштиану Роналду“ (Krischtianu Ronaldu) heißt und damit deutlich näher an der portugiesischen Originalaussprache ist als das, was wir so in Deutschland aus dem Namen machen.

Ruptly, der Bildagentur-Ableger von RT, hat mit einem der Sprayer gesprochen, der sich weder für Fußball noch für Ronaldo groß interessiert: Die Idee für das Kunstwerk habe der Bürgermeister von Kasan gehabt, „ich selber bin kein Fußballfan, aber ich weiß, dass (Ronaldo) eine sehr berühmte Person ist. Ich habe neulich noch in den Nachrichten von ihm gehört.“ Laut AP kann das Graffiti übrigens nur sehen, wer im portugiesischen Mannschaftshotel wohnt oder arbeitet.

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Das war’s für diese Russball-Folge. Und nachdem ihr letzte Woche so freundlich dafür abgestimmt habt, hier zum Schluss noch ein kleines Formular – falls ihr Russball gerne direkt zugemailt bekommen wollt. So oder so gibt es die nächste Folge am kommenden Mittwoch – bis dann!



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Es steht ein Kasan im Rheinland

Man muss dieser Geschichte vielleicht vorausschicken, dass ich einen großartigen Bruder habe. Vage kann ich mich noch an Haareziehen und Schwitzkasten im Kinderzimmer erinnern, aber schon mit der Pubertät ist das gekippt. Da war er das plötzlich, der abends extra zu der jeweiligen Freundin kam, bei der ich gerade war, damit ich nicht alleine nach Hause radeln musste. Zusammen haben wir Strategien entwickelt, die bis heute funktionieren: Was besser Mama sagen, damit sie es Papa beibringt? Was besser Papa sagen, damit er es Mama unterbreitet? Und was einfach für uns behalten?

Als ich neu in der ersten großen Stadt war, der Geburtstag anrückte und ich dachte: Naja, bist ja ein rationaler Mensch, Dienstplan ist Dienstplan, dann feierst du halt nächstes Wochenende, wenn du zuhause bist – und dann am Tag vorher merkte, dass Rationalität weder Heimweh noch Sehnsucht verhindert, ist er stundenlang angereist, für ein bisschen Feiern, wenig Schlaf und eine ebenso stundenlange Rückreise. Als ein paar Berufsjahre später ein Projekt anstand, bei dem ich über Wochen einem cholerischen, fiesen Möpp ausgesetzt war, hat mein Bruder sich zunehmend alberne Namen für den Möpp und seine Visionen ausgedacht: „Na, was macht Projekt ‚Häschen in der Grube‘?“ Es waren seltene, dringend nötige Lacher in diesen Tagen.

Ich hab das immer für normal gehalten, Geschwister halt, klar verstehen wir uns. Bis eine Freundin hier in Moskau nach einigem Erzählen irgendwann sagte: „So you’re close, you and your brother.“ Seitdem denke ich da öfter drüber nach, dass das vielleicht doch besonders ist.

Dass wir nicht nur um drei Uhr morgens über die Zukunft der Sozialdemokratie philosophieren können, sondern uns auch über ein paar tausend Kilometer Abstand über den Alltagskram auf dem Laufenden halten. Welche Nichte diese Woche nicht in der Kita war wegen Ohrenschmerzen. Wann der Moskauer Balkonsalat geerntet werden kann. Wir schreiben, wir telefonieren, wir skypen. Wir sagen „Du fehlst mir“ und „Pass auf dich auf“. Wir tun bekloppte Dinge füreinander. Womit die Geschichte vom Kasan dann auch schon anfangen kann.

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Kasan ist nicht nur der Name einer russischen Stadt, sondern auch eines Kessels. Ein großes, gusseisernes Ding, mit einem Metallzylinder drunter, in den Holzscheite kommen. So kann man draußen nicht nur grillen, sondern auch kochen. Anfang des Sommers habe ich das bei Freunden auf der Datscha zum ersten Mal gesehen, daraus Plow gegessen und gewusst: Mein Bruder, der so gerne kocht und grillt, hätte da einen Mordsspaß dran.

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Wo kauft man einen Kasan? Im Supermarkt schon mal nicht, auch nicht im Haushaltswarenladen, wie sich rausstellt, und selbst Utkonos, der Onlineladen für alles Denkbare, hat im Sortiment eine kasanförmige Lücke. Aber dann, auf dem großen Markt an der Dorogomilowskaja: Einer der vielen freundlichen Zentralasiaten versteht mich nicht nur, sondern spielt auch gleich Eskorte zum Stand ein paar Reihen weiter: Samoware, Grillspieße, riesige Messer – und Kasane.

„Haben Sie auch eine Waage?“, frage ich vorsichtig, und so finden wir heraus: sieben Kilo die gusseiserne Schüssel mit Deckel, noch mal fünf Kilo der Untersatz – also, im Prinzip, fluggepäcktauglich. Okay, kein Karton zum Transportieren, aber ein riesiger, fester Plastiksack. Wäre der linke Arm ein bisschen weniger gebrochen, die Schlepperei zur Straße wäre erträglicher, aber immerhin ist so für die kurze Fahrt heimwärts ein Taxi gerechtfertigt.

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Deutlich weniger hilfreich als die Markthändler ist die Telefonauskunft von Aeroflot. Die Schüssel, also der eigentliche Kasan, passt problemlos in den Koffer und landet wenige Wochen später in Düsseldorf. Der Untersatz dagegen ist aus einem Stück geschweißt, die drei Beine lassen sich also nicht abmontieren oder auch nur anwinkeln. Überhaupt passt er nur in die größte Reisetasche, an Koffer ist nicht zu denken. Und selbst dann sieht es aus, als hätte man ein Oktopusbaby in die Tasche genötigt, das nun alle Arme von sich streckt.

Einerseits sind die Maße der Tasche über dem, was laut Kleingedrucktem erlaubt ist. Andererseits sind Gepäckvorgaben in Russland in etwa so bindend, wie wenn man im Sommer zu einem Eis „schmilz nicht“ sagt. Handgepäck? Gerne drei bis vier Teile. Riesenkoffer? Aber hallo! Darf der Kasan also mitfliegen? Die Aeroflotfrau erzählt was von Kilos und Zentimetern, will sich aber nicht festlegen. Dann also ein Versuch mit Sicherheitsnetz.

Als das nächste Mal ein freundlicher Mit-Moskauer auf Stippvisite nach Deutschland fliegt, hat er alles Nötige im Handgepäck. Das Unnötige, also der Kasan und einige Schichten Bläschenfolie und Handtücher, soll in der Reisetasche aufgegeben werden. Für den Fall, dass das nicht klappt, fahre ich morgens um halb sechs mit zum Flughafen und könnte so im Prinzip die Tasche wieder mit nach Hause nehmen. Vorerst aber wird sie russifiziert, sprich: in Plastikfolie eingeschweißt. Das ist für russische Flugreisende absolutes Pflichtprogramm, und wenn es verhindert, dass ein Oktopusbein die Reisetasche durchdringt: um so besser. Wobei, Oktopus? Eingeschweißt sieht das Ding eher wie ein Schwein aus. Ein Schwein mit Henkel.

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Am Check-in-Schalter versuche ich es mit einem verschlafen-apathischen Gesicht. Alles total Routine hier, nur bitte fangen Sie kein Gespräch an, weder mit dem eigentlichen Passagier noch mit mir. Aber warum sollte sie auch. Ein Schwein mit Henkel, ordnungsgemäß eingeschweißt und keine zehn Kilo schwer? Klar fliegt das mit. Kleiner Freudentanz außer Sichtweite und dann ab zurück nach Hause, ins Bett. Zum Frühstück gibt es dann die Nachricht: Das Ding hat den Flug unbeschadet überstanden, alle Beine noch dran am Oktopusschwein. Es steht auch schon im Bruderhaus.

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Ein paar Wochen später hat der Kasan seinen ersten Einsatz. Gulasch für ein Dutzend Leute, gekocht mit russischem Equipment unter rheinischem Himmel. „Und, bist Du zufrieden,“ schreibe ich, kurz darauf kommt die Antwort: „Wenn ich einen zweiten hätte, könnte ich auch die Nudeln zum Gulasch im Kasan machen.“

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Friedrich Engels und der Eisfischer von Kasan

Mit Moskauer Erwartungen nach Kasan zu kommen, bringt viele Überraschungen. Lächelnde Menschen auf der Straße. Blickkontakt im Restaurant. Autos, die an Zebrastreifen halten. Die Museumswärterin, die merkt, dass wir den Anfang der Ausstellung zur tatarischen Geschichte nicht finden und sagt, „na, kommen Sie, ich zeig es Ihnen“, dann mit Blick aufs Ziel mir freundlich den Arm tätschelt und die Richtung weist.

Okay, das Familienzentrum, das aussieht wie eine gusseiserne Schale auf einem langsam in die Grätsche gehenden Stövchen, ignoriert sein eigenes Öffnungszeitenschild und hat geschlossen. Aber wären wir nicht durch den Schneematsch hierher gestapft, hätten wir sie nicht gesehen, die Handvoll Kapuzengestalten, denen der Sonntagmorgen zwei Dinge bringt: einen kalten Hintern und einen guten Fang. 

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Breit ist die Kasanka hier, wo sie sich mit der Wolga trifft. Und selbst so nah am Stadtzentrum ist es, Winterwetter sei dank, so still, dass man am Ufer hört, wie die Eisfischer ihren Bohrer ansetzen. Ein Riesentrumm, fast so groß wie die Angler selbst, und so schlicht wie eine schnell hingezeichnete Skizze. Schraube unten, Griff oben, dazwischen was zum Drehen. 

Kasan Russland Eisfischer 1

Später laufen wir uns über den Weg, zwei der Männer sind auf dem Weg runter vom Eis, zum Auto, ins Warme. „Entschuldigung, aber darf ich ein Bild von Ihnen machen mit…“ – ich weiß das Wort für Ausrüstung nicht. „Mit den Fischen?“, souffliert der eine und grinst. „Nein, mit… dem Instrument da.“ – „Ah, eine Foto-Session? Aber sicher!“ Und schon wirft er sich in Pose. Ein Mann, ein Bohrer. 

Kasan Russland Eisfischer 5

Ein paar Fragen hat er dann auch noch: Wie gefällt Ihnen Kasan (gut), was genau (Architektur, Geschichte), woher kommen Sie (aus der Nähe von Düsseldorf). „Kenn‘ ich nicht, ich kenne nur Trier, da haben Freunde von mir mal gearbeitet.“ – „Ah, ja, schöne alte Stadt, waren Sie da auch mal?“ – „Nein, aber ich weiß, dass es die Stadt von Karl Marx ist.“ – „Und ich komme aus der Nähe von Wuppertal, der Stadt von Friedrich Engels.“ – „Dann kommen Sie doch am 5. August wieder und wir feiern zusammen!“ Gelächter, großes Hallo, Verständigung findet statt. 

Er zeigt noch seinen Fang, „Sudak“, mit feinem Muster auf der Haut und ordentlichen Zähnen. Ein Zander. Dann fahren die beiden nach Hause, wir gehen einen Tee trinken, und die restlichen Fischer sitzen weiter tapfer auf dem Eis.

Kasan Russland Eisfischer 3

Kasan Russland Eisfischer 4

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