Russball, Folge 6: Legionäre, Ronaldinho und ein Bananenmikrofon

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Tja, was soll man sagen über den Fußball in Russland in diesen Tagen. Auf dem Stadiongelände in Sankt Petersburg nisten Bachstelzen, die frisch geschlüpften Jungen sind so! flauschig! Die russische Polizei will bei der WM nächstes Jahr streng gegen halbnackte Fans vorgehen. Das neue Ausweichtrikot von Zenit ist violett mit goldenen Sternen und soll von Fabergé (ich vermute mal, von dem Ei hier) inspiriert worden sein.

Ach so, ja gut, und die neue Saison der Premjer-Liga hat halt begonnen.

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⚽ Ein kleiner Spoiler zum Start: Der nächste russische Fußballmeister wird Zenit Sankt Petersburg. Dessen ist sich jedenfalls Sports.ru so sicher, dass man sich dort die Überschrift „Zenit wird Meister, das garantieren wir“ gönnt. Begründet wird das mit einer klugen Transferpolitik, motivierten Spielern – vor allem aber mit dem neuen Trainer: „Mancini kann einfach nicht schlechter sein als Lucescu,“ unter dem es Zenit nicht in die Champions League geschafft hatte. „Zenit ist den problematischsten Trainer in der jüngeren Geschichte des Vereins losgeworden“, da könne nun der Rasen im Stadion so schlecht sein, wie er mag: Zenit wird Meister!

⚽ Ehe in Russland die neue Liga-Spielzeit beginnt, wird traditionell der Fußball-Supercup zwischen dem Meister und dem Pokalsieger ausgetragen. Dieses Jahr war es ein Lokalderby zwischen Spartak Moskau und Lokomotive Moskau, 2:1, so weit, so alltäglich. Bemerkenswert allerdings ein Fan-Banner, das nichts mit Fußball zu tun hatte, sondern mit einem noch unveröffentlichten Kinofilm. „Für Glaube, Zar und Vaterland“ steht auf dem Transparent, daneben ein Bild des letztes russischen Zaren Nikolaus II. Um dessen Affäre mit der Tänzerin Matilda Kschessinskaja geht es in dem Film „Mathilda“.

Matilda Kschessinskaja
Matilda Kschessinskaja

Kaum jemand hat ihn bisher gesehen, trotzdem empören sich Politiker, Kirchenoffizielle und mehr als 20.000 Unterzeichner einer Petition über den Film. „Russland wird als ein Land von Sauferei und Rumhurerei dargestellt“, heißt es dort, anderswo ist jemand überzeugt, Russland werde untergehen, wenn der Film, der am Zarenidol kratzt, in die Kinos kommt.

Und nun also das Banner – professionell gedruckt, und mit nahezu identischem Gegenstück im Fanblock gegenüber. Ob sich Fans beider Seiten wirklich so sehr für den Ruf eines toten Herrschers interessieren, oder wer sie sonst auf diese Idee gebracht hat – schwer zu sagen. Sports.ru zeigt Bilder, erklärt die Hintergründe des „seltsamsten Banners beim Supercup“ und kann sich ironische Zwischenzeilen wie „Ernsthaft?“ dabei nicht ganz verkneifen. 

⚽ Zum Start der Premjer-Liga-Saison in Russland hat The 18 aus zehn Fakten rund um den russischen Fußball einen kleinen Listicle gebaut. Interessant ist vor allem Punkt 3, wonach alle russischen Nationalspieler derzeit bei russischen Vereinen unter Vertrag sind. „Wladimir Putin sagt, dass sich Russland schwer tut, weil zu viele Ausländer in der Premjer-Liga spielen“, kommentiert der Autor, „aber vielleicht tut sich die Nationalmannschaft auch deshalb schwer, weil nicht genug Russen in ausländischen Ligen spielen?“

⚽ Von Russen im Ausland zu Ausländern in Russland: Bis September sollen Vorschläge auf dem Tisch sein, wie die Zahl ausländischer Spieler bei russischen Vereinen in Zukunft geregelt wird. Bisher dürfen gleichzeitig höchstens sechs Spieler pro Mannschaft auf dem Platz sein, die keine russische Statsangehörigkeit haben. In Zukunft soll stattdessen festgeschrieben werden, wie viele Legionäre es im gesamten Kader geben darf, nicht nur im aktuellen Spiel.    

Dazu passt diese Liste einiger Dann-doch-nicht-Legionäre: Zwölf Spieler, die zwar die Möglichkeit hatten, zu einem russischen Verein zu wechseln, sich aber dagegen entschieden. Martin Montoya zum Beispiel blieb lieber bei Valencia, statt zu Spartak zu kommen. Kostas Manolas sagte in letzter Minute bei Zenit ab und ging stattdessen zu Chelsea. Douglas Kosta wechselte vom FC Bayern zu Juventus, obwohl auch an ihm Zenit interessiert war. 

⚽ Ein neuer Name in Russlands Premjer-Liga: Seit dieser Saison spielt dort der FK Achmat Grosny. Falls jemandem beim Zuschauen der ein oder andere Spieler bekannt vorkommt, liegt er richtig: Neu ist eben nur der Name, nicht der Verein. Der hieß von der Gründung nach dem Zweiten Weltkrieg bis Ende der vergangenen Spielzeit RFK Terek Grosny; der neue Name soll an Achmat Kadyrow erinnern. 

Der damalige tschetschenische Präsident kam 2004 beim einem Attentat ums Leben, heute erledigt sein Sohn Ramsan Kadyrow das, was hier unter Präsidenten-Amtsgeschäfte fällt: Oppositionellen mit dem Tod drohen, Menschenrechte missachtenschwulenfeindliche Gewalt dulden,  gelegentlich im Reality-TV auftreten, bei Instagram posten. Apropos: Als Stargast war Ronaldinho zum ersten Spiel des Vereins mit dem neuen Namen angereist – und sich leider nicht zu fein, kameratauglich mit Kadyrow zu posieren:  

⚽ ZSKA Moskau hat ein neues Stadion, nun war es erstmals ausverkauft. Auf dem Spielfeld diesmal keine 23 Menschen sondern gleich einige tausend, alle mit Blick zur Bühne (und Plastikplane unter den Füßen, um den Rasen zu schützen. Denn das volle Haus verdankt Spartak keinem Spitzenspiel, sondern „Park Live“, einem eintägigen Musikfestival. Headliner waren diesmal System of a Down.

Artur Petrosan erklärt hier, warum der Ticketverkauf für Fußballspiele bei vielen Vereinen nicht besonders lukrativ ist. Und er zitiert den Finanzdirektor von ZSKA: „Wenn wir solch ein Festival mit einem durchschnittlichen Erstligaspiel vergleichen, bringt ersteres dem Verein mehr Geld ein.“ Darum sollen weitere Veranstaltungen dieser Art folgen, wenn die Spielansetzungen es möglich machen.

⚽ Witali Mutko, russischer Vize-Premier, hat in einem Interview zu Protokoll gegeben, dass sich die ukrainische Fußball-Nationalmannschaft wegen der WM 2018 keine Sorgen machen soll. In Kasan war Mutko auf einen möglichen Boykott des Turniers angesprochen worden. „Ich kann sagen, wenn sich die ukrainische Mannschaft qualifiziert, wird es für sie in Russland keinerlei Probleme geben, nicht ein Problem“, zitiert Interfax Mutkos Antwort.

Das Verhältnis zwischen den beiden Ländern ist seit der russischen Annexion der Krim gespannt. Dass das auch Konsequenzen abseits der politischen Sphäre haben kann, hat ja zuletzt der Eurovision Song Contest gezeigt

⚽ Leonid Sluzki hat mal die russische Nationalmannschaft trainiert, inzwischen ist er Trainer bei Hull City und unterhält seine Spieler dort mit russischem Liedgut: Sport Express zeigt ein Snapchat-Video, in dem Sluzki auf einem Stuhl steht und seinen Spielern Katjuscha vorsingt. In seinem Mikrofon-Ersatz meint Sport Express, eine Banane erkannt zu haben. Wer das überprüfen möchte, kann hier gucken:

⚽ Von den Nordkoreanern, die beim Stadionbau in Sankt Petersburg ausgebeutet wurden, war hier ja vor ein paar Wochen schon mal die Rede. Die New York Times wirft jetzt über die Fußball-Infrastruktur hinaus einen Blick auf ein Regime, das seine Bürger ins Ausland verleiht, damit sie dort wie Sklaven arbeiten. Russische Firmen bewerben ihre nordkoreanischen Mitarbeiter als „hart arbeitend und ordentlich. Sie machen keine langen Arbeits- oder Zigarettenpausen und drücken sich nicht um ihre Pflichten.“ Ihr Gehalt geht zu großen Teilen in den nordkoreanischen Staatshaushalt.

 

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Zum Schluss noch ein Link, den mir eine Moskauer Bekannte diese Woche geschickt hat, „…weil es die einzige Fußball-Art ist, in der wir Russen die Besten sind!“ Es geht – natürlich – um Sumpf-Fußball; die aktuelle WM wurde gerade in Hyrynsalmi ausgetragen, was – natürlich – in Finnland liegt. Sieben Kategorien gibt es, in dreien kommt die Siegermannschaft 2017 aus Russland. Sauber! Oder eher: Glückwunsch!



 

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Russball, Folge 2: Draxler, Ronaldo und Jürgen Klopp

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Die zweite Russball-Ausgabe muss mit einem Dank an alle beginnen, die die erste gelesen, bei Twitter und Facebook geteilt oder sonstwie weiterempfohlen haben. Danke euch – das hat großen Spaß gemacht, zu sehen, wen das Thema alles interessiert!

Noch ein Dank: Die Grafik zu meinen Russball-Blogposts kommt von der Illustratorin Suus Agnes. Im Moment lebt sie in Sankt Petersburg und arbeitet an einer Graphic Novel, für die sie in abgelegenen Regionen Russlands Menschen zu den Umweltproblemen vor ihrer Haustür befragt. Ihre Arbeit an dem Projekt könnt ihr hier verfolgen, ich bin gespannt auf das Resultat.

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⚽ Inzwischen läuft der Confed-Cup – die Welt zu Gast bei Russen. Da werden Sportreporter zu Lyrikern, unterbeschäftigte Volunteers stehen vor dem Bolschoi-Theater in Moskau rum und hoffen, dass sie endlich mal wer was fragt, und ich merke, wie lange ich schon im Instagrammwunderland Russland lebe. Denn mein erster Gedanke bei diesem Trainings-Foto hier oben links war: „Ach guck, Benjamin Henrichs macht ein Selfie.“ (Sieht man besser, wenn man es anklickt)

Okay, ehrlich gesagt war der Gedanke eher „Ach guck, der macht ein Selfie, wer ist denn das noch mal?“ Schließlich hat Henrichs vor dem Confed-Cup erst ein Spiel für die deutsche Nationalmannschaft absolviert. Immerhin geht es ihm aber nicht wie seinen Mitspielern Marvin Plattenhardt, Kerem Demirbay, Lars Stindl, Amin Younes und Sandro Wagner: Von denen haben sie beim DFB kein einziges passendes Foto für diese schicke Ganzkörpergrafik hier gefunden.

(*Update: Der DFB hat inzwischen nachgelegt und den Spielern ein Gesicht bzw einen ganzen Körper gegeben. Vorher sah es dort nämlich so aus:)

⚽ „Er wird geschätzt für sein brillantes Dribbling und seine Fähigkeit, hohe Ablösesummen zu erzielen.“ Mit dieser Bildunterschrift stellt die Rossijskaja Gaseta ihren Lesern Julian Draxler vor, den Kapitän des deutschen Confed-Cup-Kaders.
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Es folgt ein Abriss von Draxlers Karriere (jüngster Kapitän der deutschen Nationalmannschaft!), und selbst Lothar Matthäus darf sich hier noch mal äußern. Das „Königsblau“ von Draxlers erstem Club Schalke 04 übersetzt die Rossijskaja Gaseta übrigens sehr hübsch mit „Kobaltblau“. Also, liebe Mit-Schalker: Auf Russisch sind wir die „Кобальтовые“ (Kobaltowieje).

Leonid Sluzki, früherer Trainer der russischen Nationalmannschaft, trainiert in Zukunft das Team von Hull City. Die New York Times nimmt das zum Anlass für eine Analyse: Warum gibt es eigentlich so wenige Russen, die im Ausland spielen? Liegt’s am Geld, an der Konkurrenz? „Russland ist seine eigene Welt, ein Ort, wo Spieler und Trainer hingehen, aber selten herkommen.“ (Hübscher Nebenaspekt: Slutsky erzählt von seinem Vorsatz, in Sachen Englischkenntnisse möglichst bald Jürgen Klopp einzuholen.)

⚽ Letzte Woche ging es hier ja schon mal um die Behauptung, in der russischen Liga habe es vergangene Saison keinerlei rassistische Vorfälle mehr gegeben. Etwas realitätsnäher sind wohl die Zahlen, die Football Against Racism in Europe gesammelt und nun veröffentlicht hat: Ein leichter Rückgang im Vergleich zur Vorsaison, aber unterm Strich immer noch 89 Fälle von Rassismuss und Rechtsextremismus. Dazu gehörten auch antisemitische Aktionen gegen jüdische Trainer oder Vereinsoffizielle.

⚽ Das Fischt-Stadion in Sotschi ist architektonisch ein echter Hingucker. Am Montagabend war es trotzdem eher zum Weggucken: leere Plätze überall, obwohl Australien gegen Deutschland spielte. Es gibt zwar für jedes Spiel einige Billigtickets nur für russische Staatsangehörige, die anderen Kategorien sind aber deutlich teurer. Wenn ich Durchschnittsrussin wäre und im Monat umgerechnet 499 Euro verdienen würde – ich glaube nicht, dass ich davon 72, 87 oder gar 138 Euro für 90 Minuten Fußball ausgeben würde. In Sotschi sollen darum jetzt Freikarten an Schulkinder verteilt werden, damit nicht so viele Plätze frei bleiben.

⚽ Kasan hat ein neues Graffiti: ein bunter, flächiger Christiano Ronaldo. Der, nebenbei bemerkt, auf Russisch „Криштиану Роналду“ (Krischtianu Ronaldu) heißt und damit deutlich näher an der portugiesischen Originalaussprache ist als das, was wir so in Deutschland aus dem Namen machen.

У нас свой Роналду😄 @cristiano welcome☺️ #криштиануроналду

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Ruptly, der Bildagentur-Ableger von RT, hat mit einem der Sprayer gesprochen, der sich weder für Fußball noch für Ronaldo groß interessiert: Die Idee für das Kunstwerk habe der Bürgermeister von Kasan gehabt, „ich selber bin kein Fußballfan, aber ich weiß, dass (Ronaldo) eine sehr berühmte Person ist. Ich habe neulich noch in den Nachrichten von ihm gehört.“ Laut AP kann das Graffiti übrigens nur sehen, wer im portugiesischen Mannschaftshotel wohnt oder arbeitet.

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Das war’s für diese Russball-Folge. Und nachdem ihr letzte Woche so freundlich dafür abgestimmt habt, hier zum Schluss noch ein kleines Formular – falls ihr Russball gerne direkt zugemailt bekommen wollt. So oder so gibt es die nächste Folge am kommenden Mittwoch – bis dann!



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