Endlich wieder Lieblingsthreads

Threads

Wir erinnern uns: Es gab hier mal die Idee, monatlich die schönsten, klügsten, unterhaltsamsten Threads zu sammeln. Also die Fälle, in denen Twitter zeigt, dass es mehr sein kann als Nachrichtendurchlauferhitzer, Memegenerator und Trollspielwiese. Wegen Abschieds, Umzugs und Neuankunft bin ich in den vergangenen Monaten zwar zum Sammeln gekommen, aber nicht zum Aufschreiben.

Diesmal gibt es also eine Thread-Sammlung aus den Monaten Dezember bis Februar, von Weihnachten bis Valentinstag. Und wie immer gilt: Der Klick auf den ersten, hier eingebundenen Tweet öffnet den Thread in seiner ganzen Schönheit.

1. Weihnachtsplätzchen und künstliche Intelligenz

Füttere ein neuronales Netz mit den Namen von Weihnachtsplätzchen und lass es dann selber welche erfinden. Ergebnis: „Apricot Dream Moles“, „Hand Buttersacks“, „Grandma’s Spritches“ und, schließlich ist das hier ein christliches Fest, „Lord’s Honey Fight“. Weiter unten im Thread sieht man dann auch, wass passiert, wenn AI ganze Plätzchenrezepte erfinden soll: So. Viel. Zucker.

2. Der kleine blaue Stöpsel

Details aus anderen Berufsfeldern finde ich immer spannend, also auch diese Geschichten rund um einen kleinen blauen Stöpsel. Der, siehe Replies, offenbar manchmal auch rot sein kann. Und so oder so Probleme verursacht, wnen man nicht auf ihn aufpasst.

3. Wie war das noch mal mit dem Ersten Weltkrieg?

#AlexDrunkHistory ist immer lesenswert – wer sonst schreibt schon Einstiegssätze wie den hier:

4. Game of Drones

Was passiert wohl, wenn ich an meiner schicken neuen Superdrohne diesen Knopf hier drücke? Mal probieren. Oh.

5. Ein Haus voller Schrecken

Wer keine Drohne kauft, der kauft ja vielleicht eine Ladung Heuschrecken für seine Haustier-Echse. Kann gut gehen, muss es aber nicht.

6. Was Sie schon immer über Mumien wissen wollten…

Ja, Menschen haben Mumien gegessen, aus Gesundheitsgründen. Ja, andere Menschen haben daraufhin Mumien gefälscht, um sie als Medizin zu verkaufen. Und ja, „Mumien-Auswickel-Partys“ waren mal ein akzeptierter Zeitvertreib. Doch, wirklich.

7. „That is how the Soviet power/Grows with every passing hour“

Tschastuschki sind einfache russische oder ukrainische Lieder, meist kurz und gerne schmutzig. Nicht vom Ausgangstweet abschrecken lassen, nur der ist ausschließlich auf Russisch. In den folgenden gibt es dann jeweils auch eine englische Übersetzung.

8. Wenn jemals jemand seine Eltern beneidet hat…

Stell dir vor, deine Eltern sitzen in einem Zug. Die Fahrt ist soweit ganz gut, nur hinter ihnen sitzt eine Gruppe von Leuten, die ziemlich laut Uno spielen. Klingt unspektakulär, ist es aber nicht:

9. Vom Duft alter Bücher

„I eat books and drink science“ hat Emma Hollen in ihre Twitter-Biografie geschrieben. Dazwischen findet sie noch die Zeit, zu erklären, warum alte Bücher so gut riechen – jedenfalls die aus einer bestimmten Epoche. (Im letzten Tweet gibt es sogar einen Link zum Literaturverzeichnis. Peak Thread?)

10. Valentinstag und Fisch-Schleim

Reim und Schleim, das ist fein. Klingt nach Pumuckl, ist aber offenbar das Motto von Ed Yong, Wissenschaftsjournalist. Er nutzte den Valentinstag, um mit gereimten Tweets ein paar seiner Artikel zu bewerben, und was soll ich sagen: Ich möchte jetzt eventuell einen Schleimaal als Haustier.

11. Vielen Dank, lieber Biber!

Ich weiß nicht genau, was mich mehr freut: ein Vortrag über Biber mit dem wortspieligen Titel „Make (th)em give a dam“, oder all die Infos in diesem Thread darüber, wie sich der Biber nach und nach in Europa wieder verbreitet.

12. Johann Sebastian Keks

Und dann hab ich noch diesen Thread hier gelesen, gemocht und auch an den Antworten unten drunter großen Spaß gehabt: Komponisten und die Kekse, die so sind wie sie. Nom-nom-nom-nooooooom.

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Russball, Folge 64: Gryffindor, Slytherin oder Jenissei?

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Eventuell habe ich in der Dezember-Ausgabe versäumt, mit einem meiner Weihnachtsgeschenke anzugeben. Darum hier kurz nachgereicht: Zwei 100-Rubel-Scheine, die nie im Umlauf waren. Es sind Sonderbanknoten zur Fußball-Weltmeisterschaft, im Supermarkt bekäme man für beide zusammen zwei Kilo Äpfel. Aber auf die Idee kommt eh keiner, schließlich sind das Sammlerstücke.

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Auf der Vorderseite ein Kind, das zuschaut, wie Lew Jaschin nach einem Ball hechtet. Auf der Rückseite die Namen der Gastgeberstädte und eine russische Fahne aus jubelnden Fans. Ich hab die Scheine extra auf einen roten Untergrund gelegt, damit man sieht: Sie sind aus Plastik und an mehreren Stellen durchsichtig – eines von mehreren Sicherheitsmerkmalen. Wer eine Idee hat, wie man die Scheine gut präsentieren kann (rahmen und aufhängen?), möge doch bitte Bescheid sagen. Danke!

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⚽ Im Januar erinnern gläubige Russen daran, wie Jesus im Jordan getauft wurde. Sie tun das, indem sie Löcher in das Eis zugefrorener Flüsse oder Seen hacken und dort dann ins Wasser gehen und dreimal untertauchen (sehenswertes TASS-Video hier, wenn ihr ein bisschen runterscrollt). Manchmal hat das Loch sogar die Form eines orthodoxen Kreuzes. Bei ordentlichen Minustemperaturen, wie wir sie zuletzt hier in Moskau hatten, kann es sich sogar wärmer anfühlen, ins Wasser einzutauchen, als wenn man vorher in Badesachen am Ufer rumsteht.

Nicht nur Glaubensgründe bringen Menschen dazu, so die „Kreschenie“ zu begehen. Angeblich wird, wer das Eiswassertauchbad übersteht, das folgende Jahr lang nicht krank werden. Ob das auch gilt, wenn man wie die Lokomotiv-Spieler schnell mal im Persischen Golf untertaucht – ich weiß ja nicht.

⚽ Apropos Loko. So kann’s gehen: Ein paar Stunden, nachdem ich den Dezember-Newsletter verschickt hatte, erschien bei Instagram ein Post von Erik Stoffelshaus: „Nach zwei wundervollen Jahren in Moskau habe ich entschieden, dass es Zeit ist für etwas Neues in meinem Leben – daher gebe ich meine Position als Sportdirektor bei Lokomotive Moskau auf.“ Wäre ich mal bloß nicht so jahresendtugendhaft gewesen, die Russball-Folge schön früh morgens zu veröffentlichen – dann hätte ich den Abgang noch in der Ausgabe drin gehabt.

Sieh dir diesen Beitrag auf Instagram an

Dear friends, after two wonderful years in Moscow, I decided it was time for something new in my life – that's why I give up my position as the Sporting Director of Lokomotiv Moscow. But not without saying thank you. Thank you for a time that will remain in my memory forever. Celebrating the cup victory and the long-awaited third championship with this club – that was something very special. And one thing is clear: I‘m leaving as the Sporting Director, but I will stay as a supporter of this magnificent club. Thanks for everything and see you soon! Дорогие друзья! После двух замечательных лет в Москве я решил, что настало время для чего-то нового в моей жизни – поэтому я снимаю с себя обязанности спортивного директора «Локомотива». Но не без слов благодарности. Спасибо за время, которое я всегда буду вспоминать с теплотой как в спортивном, так и в бытовом плане. Праздновать вместе с этой командой победу в Кубке России и долгожданный третий титул Чемпиона – это было нечто особенное. И ясно одно: я ухожу как спортивный директор. Но я остаюсь ярым поклонником этого замечательного клуба. Спасибо за все и до скорой встречи! #локомотив #fclokomotiv #рпл #тольколоко #самыйлучшийколлектив

Ein Beitrag geteilt von Erik Stoffelshaus (@estoffelshaus) am

Jetzt, einen Monat später, reicht wohl eine schnelle Zusammenfassung dessen, was sich da bei Loko getan hat: Erst ging Präsident Ilja Gerkus, dann folgte Stoffelshaus. Trainer Juri Sjomin dagegen bleibt, als neuen Präsidenten hat sich der Verein Wassili Kiknadse ausgesucht, der seit 2013 zum Aufsichtsrat gehört und Sportjournalist ist. Mal sehen, ob der dieselbe Hasen-Instagram-Kompetenz mitbringt wie Gerkus.

⚽  Eine Neuverpflichtung bei Twitter/Instagram/Facebook zu verkünden, das ist ja inzwischen schon eine kleine Kunstform für sich. Der FK Jenissei Krasnojarsk hat vor ein paar Tagen eine solche Perle des Genres veröffentlicht, dass ich sie in all ihrer Low-Budget-Brillanz hier unbedingt zeigen muss.

„Schwierig, sehr schwierig,“ murmelt der sprechende Hut, der heute mal nicht über Gryffindor, Hufflepuff, Ravenclaw oder Slytherin entscheiden soll, sondern über einen neuen Verein für Mittelfeldspieler Konstantin Sawichtschew. Gute Technik, Schnelligkeit, Talent… das kann nur eines heißen: „Jenissei!“ (Am schönsten ist eventuell das Lächeln, das sie Sawitschew da ins Gesicht montiert haben.)

⚽  Jetzt muss man schon „im vergangenen Jahr“ sagen, wenn man von der Fußball-Weltmeisterschaft hier in Russland spricht. Das ändert nichts daran, dass es immer noch reichlich Berichterstattung gibt über ihre Folgen. Zum Beispiel sind von den 650.000 Menschen, die zur WM mit einer Fan-ID (einer Art Visums-Ersatz, ohne den man auch nicht ins Stadion kam) eingereist sind, 5500 immer noch im Land. Laut Andrej Kajuschin, der im Innenministerium den Bereich Migration leitet, waren es zum Jahreswechsel, als die IDs ihre Gültigkeit verloren, sogar noch 12.000 Leute. Die Sicherheitskräfte hätten diese Zahl bereits auf 5500 reduziert, so Kajuschin, alle anderen sollten bis Ende März deportiert werden.

⚽  Noch eine WM-Folge, auch hier geht es um eine Statistik, aber mit willkommenerem Ergebnis: Scheremetjewo in Moskau war 2018 einer der zehn Flughäfen in Europa mit dem höchsten Passagieraufkommen. In den Jahren davor hat es immer ganz knapp nicht geklappt, Scheremetjewo – dessen altes Terminal übrigens nach dem Vorbild des Flughafens Hannover gebaut wurde – landete meist auf Platz 11. Dann kam die WM, brachte gut 14 Prozent mehr Reisende und machte Scheremetjewo damit auch zum europäischen Flughafen mit dem größten Passagierwachstum. Sorry, Fiumicino!

⚽  WM-Spiele gab es in Moskaus Dynamo-Stadion nicht, das steckte zu der Zeit noch im Umbau. Inzwischen ist es wieder eröffnet und gehört jetzt zur sogenannten VTB-Arena, die auch noch eine Eishockeyhalle und ein großes Einkaufszentrum umfasst. Wie sich all das rechnen soll, hat Wedomosti aufgeschrieben. Die Hälfte der Verkaufsfläche wurde demnach von Geschäften gemietet, die Sportwaren verkaufen.

Schwierig könnte es werden, Restaurants und Cafés zu finden, die sich in der Arena einmieten wollen: Weil der Einkaufsbereich zu einer Sportstätte gehört, darf dort nach russischem Recht kein Alkohol ausgeschenkt werden. Trotzdem gehen Fachleute dem Bericht zufolge davon aus, dass der Shopping-Bereich des Komplexes nach acht bis zehn Jahren seine Baukosten wieder reingeholt hat. Zum ersten Heimspiel empfängt Dynamo dann am 10. März Spartak, wenn endlich die Winterpause vorbei ist.

⚽  Bis zum 16. Januar konnte die Hand heben, wer Nachfolger von Witali Mutko als Chef des russischen Fußballverbandes RFS werden will. Die Frist ist vorbei, Kandidaten gibt es genau einen: Alexander Djukow, ein Zenit- und Gazprom-Mann. Beim Fußballverein ist er Präsident, bei Gazprom Neft Vorstandsvorsitzender. Als Forbes 2018 das Vermögen reicher Russen ausgerechnet hat, standen bei Djukow am Ende 500 Millionen Dollar. Nach seiner Wahl Ende Februar plant er „keine Revolutionen“, zumindest bei der Nachwuchsförderung sieht er aber Verbesserungsbedarf.

⚽ Ihr erinnert euch noch an Tschertanowo Moskau, den Verein mit der beeindruckenden Nachwuchsarbeit? Gerade feiern sie dort wieder, weil zwei ihrer jungen Spieler Verträge bei Spartak unterschrieben haben. Nail Umjarow (18) und Maxim Gluschenkow (19) brachten dem Club, der sie ausgebildet hat, zusammen 37,5 Millionen Rubel Ablöse ein, das ist eine halbe Million Euro. „Denkt dran, die Türen unserer Schule stehen für euch immer weit offen“, schrieb Tschertanowo in seinem Gratulationstweet – dieselbe Schule, in der Sergej Pinjajew gelernt hat, Tore wie dieses hier zu schießen.

Sergej Pinjajew ist übrigens 13 Jahre alt. Doch, wirklich. Dreieinhalb Millionen Menschen haben sich dieses Tor bisher bei Instagram angesehen, aber Aufmerksamkeit bei Social Media ist Sergej ja gewohnt: Nachdem er im November sieben Spieler der gegnerischen Mannschaft ausdribbelte, twitterte Russlands Nationalmannschaft einen Clip davon und schrieb dazu: „Glaubt ihr, wenn er älter ist, spielt er mal in der Nationalmannschaft?“

⚽  Vielleicht haben die Erfolge von Tschertanowo-Spielern ja mit dazu beigetragen, dass Spartak nun mehr in die Nachwuchsarbeit investieren will: „Hunderte Fußballschulen“ sollen dazu in den nächsten fünf Jahren in Russland und anderen GUS-Staaten entstehen, nach einem Franchise-Prinzip. Für so eine große Zahl klingt der erste Schritt recht klein: Tatsächlich konkret geplant sind erst mal neun Stück, unter anderem in Moskau, St. Petersburg, Tula und Krasnojarsk.

⚽ Sports.ru hat sowjetische Zeichentrickfilme gesammelt, in denen es um Fußball geht. Trickfilme waren in der Sowjetunion sehr populär, sie heißen auf Russisch „Multfilm“ wegen der Vielzahl einzelner Bilder, die nötig sind, damit der Eindruck einer Bewegung entsteht. Darum hieß das bekannteste Trickfilmstudio auch Sojusmultfilm – das „Sojus“ kommt vom russischen Wort für „Union“, wie in Sowjetunion.

In den gesammelten Filmen spielen zum Beispiel Bären gegen Hasen, Kuscheltiere gegen Fußballer-Figuren und Kosaken gegen deutsche Ritter. Das geht sogar komplett ohne Worte:

Hübsch ist auch ein Blick auf die Nutzerkommentare, die sich bei YouTube unter diesem Film angesammelt haben. Vor Beginn der WM schreibt da jemand: „Hat unsere (russische) Nationalmannschaft das gesehen? Falls ja, habe ich eine Frage: Schämen die sich nicht?“. Nach der WM, bei der Russland seine Fans bekanntlich begeisterte und Deutschland die seinen enttäuschte, klingt das anders: „Würde die deutsche Nationalmannschaft so spielen wie hier, sie gewänne alle Turniere.“

⚽ Ach so, und der BVB wird übrigens nicht Deutscher Meister. Sports.ru hat das mal durchgerechnet und kommt zu dem Schluss: „Favre und Witzel haben die Borussia stärker gemacht, aber sie wird wohl kaum Meister werden.“ Den ganzen, tiefgehenden Text mit allerlei Statistiken und Diagrammen gibt es hier. Tl;dr: Es wird doch wieder der FC Bayern.

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So ist das, eine Russball-Folge während der Winterpause: viel Buntes und Hintergründiges, wenig auf’m Platz oder im Stadion. Apropos: Der Guardian hat Beispiele von Fußballvereinen gesucht, bei denen die komplette Bevölkerung ihres Heimatortes ins Stadion passt. Ja, Hoffenheim ist auch dabei.

Die nächste Russball-Folge gibt es Ende Februar – dann nicht mehr aus der Heimatstadt von Lokomotive, Spartak. Dynamo und ZSKA, sondern aus der von Hertha und Union. Bis dahin, macht’s gut!



 

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Sängerleben zwischen zwei Kalendern

kscheib Christ-Erlöser-Kathedrale Fenster

Kurz nach Weihnachten einen Blogpost über Weihnachten lesen, wer will das schon? Aber da müsst ihr jetzt durch. Ist ja nicht so, als gäbe es gerade viel anderes zu tun in diesen Tagen zwischen den Jahren. Und außerdem wisst ihr danach dann endlich mal, was Weihnachten mit einer Bevölkerungsgruppe macht, über deren seltsames Leben viel zu selten einer spricht: mit den Sängern.

Wir sind die, die im August, spätestens im September das erste Mal mit Weihnachten konfrontiert werden. Je nachdem, in was für einem Chor wir sind, gibt es zur besten Biergartenzeit die erste Runde „Oh, du fröhliche“, die ersten Takte Weihnachtsoratorium, die ersten Diskussionen darüber, ob wir nun deutsches Latein (kürie, in exzelsis) oder italienisches Latein (kirie, in extschelsis) singen.

Kommt ihr dann irgendwann im Advent zum ersten unserer Weihnachtskonzerte, sind wir bereits in voller Festtagsendspurtstimmung. Kommt ihr zum zweiten Konzert, sind wir das ganze „Jauchzet, frohlocket“ schon ein wenig leid und fragen uns, ob es das wirklich wert war, dafür den Abend im Biergarten zu verpassen.

Absurd genug? Es geht noch seltsamer, nämlich (nur mal so als Beispiel) als deutsche Sängerin in (nur mal so zum Beispiel) einem russischen Chor, denn da kommen dann ja auch noch zwei verschiedene Kirchen und ihre jeweiligen Kalender ins Spiel. Und das geht dann so:

12. Dezember: Erstes Weihnachtskonzert mit dem Moscow International Choir. Händels Messias sitzt. Das Publikum geht so sehr mit, dass wir das Halleluja zweimal singen müssen. In der zweiten Hälfte Weihnachtslieder. Jingle Bells. Applaus, rote Wangen, Verbeugungen. Hast du die Mail vom Chor der Christ-Erlöser-Kathedrale gesehen? Ob wir bei deren Weihnachtskonzert als Verstärkung mitsingen wollen. Hmm.

15. Dezember: Zweites Konzert. Der Messias dauert heute 15 Minuten länger, weil in der ersten Reihe ein kleiner Junge sitzt und so begeistert ist, dass er nach jedem Stück applaudiert. Manchmal auch während der Stücke. Und alle fallen ein und klatschen mit, jedes Mal. Heute darum weniger Zugaben. Aber Jingle Bells. Muss ja.

18. Dezember: Kein kleiner Anklatscher, also sind wir zügig durch mit dem Messias, auch die zweite Hälfte geht schnell. Jingle bells, jingle bells. Oh Gott, hast du auch so Rückenschmerzen? Immer dieses Gestehe, gut, dass das jetzt vorbei ist. Andererseits: Wann singt man schon mal in Moskaus wichtigster Kathedrale? Ach komm, lass uns denen doch ruhig aushelfen.

24. Dezember: Heiligabend und es interessiert exakt niemanden. Die Russen nicht, weil ihr Weihnachten im Januar ist – und die Sache mit dem Baum und den Geschenken ja an Silvester stattfindet. Die Briten, Amerikaner, Australier nicht, weil heute ja nur so eine Art Vorglüh- und Anreisetag ist. Immerhin: Mitternachtsmesse in der englischen Kirche. „Stille Nacht kann gerne jeder in seiner eigene Sprache singen,“ sagt der Pfarrer.

25. Dezember: Ein normaler Arbeitstag, während bei Facebook die Freunde außerhalb von Russland ihre Weihnachtsgrüße posten. Abends dann die erste Probe in der Christ-Erlöser-Kirche. Die Hälfte des Repertoires ist aus unklaren Gründen auf Ukrainisch. Für „Stille Nacht“, lerne ich, gibt es zwei russische Textvarianten: „Stille Nacht, heilige Nacht“ oder „Die Nacht ist still, die Nacht ist heilig“. Wir singen die zweite Version, in der leeren Kirche, wo nur auf unserer Chorempore Licht brennt und auch dort nicht viel. Die Probe ist gut besucht, von den russischen Sängern hat keiner heute Wichtigeres vor. Für mich fühlt sich das Musikmachen unter bemalter Kuppel im Halbdunkel trotzdem weihnachtlich an.

26. Dezember: Zum Start in den Tag eine Stunde Russischunterricht, wir gehen die Liedtexte durch – Mond, Krippe, Hafer, zu Fleisch werden. Lautes Vorlesen und Korrigieren. Bis zum Konzert würde ich mir gerne noch den Lieblingsfehler beim Wiegenlied „Schlaf, Jesus, schlaf“ abtrainieren: Wenn ich mich nicht sehr konzentriere, singe ich statt „ja tam w raju“ (ich bin dort im Paradies) derzeit immer „ja tramwaju“ (ich straßenbahne).

27. Dezember und der erste Proben-Tag, an dem wirklich für keinen der Beteiligten Weihnachten ist. Nicht mehr. Noch nicht. Stattdessen singen wir: ein schwedisches Lied mit russischem Text. Ein italienisches Lied mit russischem Text. Ein englisches Lied mit russischem Text. Dann noch schnell die Kleidungsfrage und die Chance, sich der eigenen Russifizierung zu vergewissern: „Kannst du bitte mal in der Kiste mit den Halstüchern gucken,“ schreibe ich nach Hause. „Zuunterst ist ein weißes in einer Plastiktüte, hat das Glitzer?“ Es hat. Kostüm steht. Und ich nutze noch schnell eine Gelegenheit: Tagsüber drängeln sich in der Kathedrale Touristen und es herrscht Fotografierverbot. Jetzt sind nur wir hier…

28. Dezember: Letzte Textänderungen – weil wirklich keiner singen will, dass Maria ihren Sohn in den Armen hält, „während Josef Tee kocht“. Überhaupt, Josef. Dass der auf Russisch drei Silben hat (I-o-sef), damit konnte ja niemand rechnen. Also noch mal neu gucken, wie sich der Text da auf die Noten verteilt. Ansonsten sind heute nur wenige Leute zur Probe gekommen – Silvester naht, da müssen die Neujahrsgeschenke verpackt, das Neujahrsessen gekocht und der Neujahrsbaum geschmückt werden. „Morgen noch eine kurze Probe, dann reicht es erst mal,“ sagt der Dirigent.

Was dann kommt: Erst Neujahr. Dann das Weihnachtskonzert, am 7. Januar. Und schließlich, weil das alles ja noch nicht verwirrend genug ist, steht am 14. Januar im russischen Kalender „Altes Neujahr“.

Da gibt’s dann aber kein Konzert.

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Das Problem am Winter in Russland

Moskau Winter Erlöserkathedrale

Das Problem am Winter hier in Russland sind halt die Temperaturen. Es ist einfach zu warm.

Zu warm in der Metro, wenn man 15 Minuten über vereisten Schnee dorthin geschlittert ist, um dann plötzlich mitten im Rolltreppenrudel zu stehen, von heißer Luft umweht und von dem, was man selbst und die Mitreisenden so ausdünsten. Zu warm beim Schaufenstergucken, wenn die Güterabwägung im Kopf so geht: Das da vorne ist eine echt schöne Jeans. Aber dafür jetzt Winterjacke, Fleecejacke, Mütze, Handschuhe, Schal, Halstuch, die Stulpen an den Handgelenken, die Stiefel, die Stulpen an den Knöcheln, die Hose und die Leggings drunter ausziehen? So schön kann keine Jeans sein.

Zu warm ist es auch in der Wohnung, weil die Nachbarn alle bis zum Anschlag heizen – kostet ja nix, oder fast nix jedenfalls. Was hab ich damals die potenziellen Vermieter verwirrt, als ich beim Wohnungssuchen nach den Nebenkosten gefragt habe. Nebenwas? Was will die komische Ausländerin? Ach, Öl, Gas, Strom? Naja, ein paar hundert Rubel halt im Monat, fünf Euro oder vielleicht zehn. Russland ist reich an Ressourcen, die Temperatur wird also reguliert nach dem Prinzip: Heizung läuft immer, zentral angeschaltet, und bei Bedarf kann man ja lüften. Nur seltsame Zugereiste lassen Ventile an die einzelnen Heizkörper dranflanschen, um zumindest die Wahl zwischen an und aus zu haben. Drehknöpfe mit einer Skala von 0 bis 5? Gibt es, sind aber so selten wie Plusgrade im Januar.

Drinnen überheizt, draußen knackig kalt, dazu das extrem harte Wasser. Der Moskauer Winter ist also auch der Grund, warum Haut und Haare hier besonders viel Liebe brauchen. Duschöl statt Duschgel, kein Shampoo ohne Spülung. Bodylotion, Handcreme, Gesichtscreme – zum ersten Mal im Leben besitze ich eine Fußcreme, ja sogar eine Nasencreme, für wenn das Salzwasser-mit-Bepanthen-Spray nicht mehr reicht, um die Schleimhäute halbwegs feucht zu halten. Als eine irische Freundin zum ersten Mal bei uns zu Besuch war, war sie arg perplex von den schwarzen Plastikwürfeln, die in den verschieden Zimmern vor sich hinsummen: „Was sind das, Luftbefeuchter? Bei uns zuhause hat jedes Haus einen Luftentfeuchter!“

Vielleicht ist es dieses Überangebot an Wärme, das uns den russischen Winter dann besonders lieben lässt, wenn er so richtig zeigt, was er kann. Nicht irgendwo um die standardmäßigen -15, nein – da gilt tatsächlich alles, was ich gerade beschrieben habe. Aber dann, wenn die Minusgrade in den Zwanzigern oder gar Dreißigern liegen, wird es interessant. Du trittst vor die Haustür und merkst, wie die Feuchtigkeit in der Nase gefriert. Du willst Fotos vom Roten Platz im Winter machen, aber nach einer Minute fühlst du deine Fingerspitzen nicht mehr (und kurz darauf stirbt ohnehin der Akku). Du stapfst eine halbe Stunde durch den Schnee, den Schal bis vor den Mund hochgezuppelt, so dass die ausgeatmete Luft am Stoff gefriert – und fühlst dich hinterher wie ein Held, während du im Café wartest, dass die Oberschenkel aufhören zu prickeln.

So ein Wetter hatten wir in den ersten Tagen dieses neuen Jahres, und was haben wir es genossen! Sind mit dem Zug ins Moskauer Umland gefahren, um dort an kleinen Kirchen vorbei durch noch mehr Schnee zu stapfen. Haben im Gästezimmer Käpt’n Blaubär vom Fensterrahmen losgeeist, an dem er leider mit seinem flauschigen Hintern festgefroren war. Waren in eisigster Winternacht in der orthodoxen Weihnachtsmesse. Haben wilde Experimente mit gefrierenden Seifenblasen, Schnee aus kochendem Wasser und einem steif gefrorenen Handtuch gemacht.

Ein großer Spaß, auch wenn wir permanent drei Handys dabei haben mussten zum Filmen, weil bei 30 Grad unter null eben nach wenigen Minuten der Akku entscheidet, dass jetzt aber auch genug ist. Wir hätten gerne noch mehr probiert – ob man mit einer gefrorenen Banane tatsächlich einen Nagel in die Wand schlagen kann zum Beispiel. Gestern Abend hatten Patenkind 3 und sein großer Bruder noch Wünsche angemeldet, doch sie werden warten müssen: Über Nacht kam der Wetterumschwung, heute bietet Moskau nur noch einstellige Minusgrade.

Es ist einfach zu warm.

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Die falsche Nadija Sawtschenko mit dem verifizierten Twitter-Account

Es gab eine Zeit, da landete man in Kiew am Flughafen und sah nach der Zollkontrolle als erstes eine Wand mit der Aufschrift #freesavchenko. Nadija Sawtschenko, die in einem paramilitärischen Bataillon kämpfte, war im Sommer 2014 von russsischen Truppen gefangengenommen worden. Es folgten monatelange Haft, eine Anklage wegen Mordes, ein Schuldspruch und immer wieder Hungerstreik.

22 Jahre sollte Sawtschenko in Haft bleiben, stattdessen wurde sie gegen zwei russische Soldaten ausgetauscht, die ihrerseits in der Ukraine festgenommen und zu langen Haftstrafen verurteilt worden waren. Für Russland ist Sawtschenko eine verurteilte Mörderin, für die Ukraine eine Heldin, die nun an ihrer politischen Karriere feilt.

Eine Kriegsgeschichte, ernst bis düster. Insofern war es gelinde gesagt eine Überraschung, als deren Protagonistin sich gestern Abend bei Twitter zu Wort meldete. Eine Kollegin hatte mir handgeschnitzten russischen Christbaumschmuck geschenkt, ich hängte ihn an den Baum und twitterte ein Bild. Kurz darauf die Reaktion von Sawtschenko: Ganz offensichtlich gefiel ihr das weiße Häuschen mit dem blauen Dach – Herzchen-Augen-Emoji!

savchenko

„Seltsam“ war mein erster Gedanke, aber hey, der Account ist verifiziert, gehört laut Twitter also tatsächlich der Nadija Sawtschenko. Zweiter Gedanke also: „Oh Mann, die hat sich jemanden für Social Media geholt, der nicht viel Ahnung hat.“

Die Wahrheit ist, das haben die Kollegen von Meduza herausgefunden, wohl etwas komplizierter. Der Account wurde verifiziert, als er noch einer „Elena Subrakowa“ gehörte. Sie bekam das blaue Häkchen, mit dem Twitter inzwischen sehr viel freigiebiger ist als noch vor einem Jahr. Später wurde der Account dann umbenannt – fertig war die verifizierte Nadija Sawtschenko, ukrainische Volksheldin mit Faible für russische Weihnachtsdeko.

Die letzte fälschlich verifizierte Person, an die ich mich erinnere, war Wendi Deng, damals lag der Fehler klar bei Twitter. Diesmal wurde Twitter überlistet – und ist nun unter Zugzwang. Mal sehen, wie lange die falsche Sawtschenko noch online ist. Einstweilen jedenfalls twittert sie weiter, mit großer liebe für kleine Gesichter: Clown-Emoji, anyone?

(Danke an Julia Smirnova für den Meduza-Hinweis!)

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Parallelwelten

moscow st andrews jumble sale распродажа

Manchmal fügen sich plötzlich Facetten zu einem Bild zusammen, sortiert sich Wissen im Kopf neu zu Zusammenhängen. Neulich hatte ich so einen Moment, in dem plötzlich ein wenig klarer wurde, wie dieses Moskau funktioniert. Es ist eine Geschichte von Angebot und Nachfrage, von Neuem und Gebrauchtem, von zwei parallelen Welten, die sich an mehr als nur einer Stelle berühren.

***

Alle drei Monate gibt es am Wosnessenski Pereulok 8 einen kleinen Flohmarkt, je nach Wetter entweder auf dem Hof der St. Andrew’s Church oder drinnen im Gebäude. Kinderkleidung auf Klapptischen, Schuhpaare auf dem Boden, Bücherstapel vorm Altar. Es ist die Kirche der anglikanischen Gemeinde von Moskau, zu der vor allem Briten und Amerikaner gehören. Viele von ihnen arbeiten für große Unternehmen, die sie für einige Jahre nach Russland geschickt haben, ehe ein neuer Einsatzort folgt.

Wenn diese Expats vor dem nächsten Umzug wieder mal ihren Hausstand eindampfen müssen, wird vieles aussortiert, was nicht billig war und kaum Gebrauchsspuren hat. Ein lieber Gast aus Deutschland hat hier im Sommer eine blaue Ikea-Tasche voller Babyklamotten für den noch zu gebärenden Sohn zusammengekauft. Mancher Strampler sah aus wie noch nie getragen. Das wusste ich alles.

***

Jeden Donnerstag klingelt es bei uns an der Tür, dann kommt M. Sie ist Filipina und hat diese Wohnung schon sauber gehalten, als es noch nicht unsere war. Sie tut dasselbe mit den Wohnungen mehrerer Freunde und Kollegen. Am Anfang, in der Kennenlern-Phase, hat sie uns mit „Ma’am“ und „Sir“ anzusprechen versucht. Es fühlte sich alles unangenehm kolonial an, bis wir uns aneinander gewöhnt und einen normalen Umgangston gefunden hatten.

Bei den Freunden, deren Wohnungen nicht von M. saubergemacht werden, übernimmt das R. Oder, wenn R. ausgebucht ist, B. Es ist eine Schar philippinischer Frauen, die unsere Böden wischen und unsere Kinder hüten. Ja, noch mehr: Ich habe noch von niemandem hier gehört, dessen Putzfrau keine Filipina wäre.

Kommt jemand neu aus Deutschland nach Moskau, empfehlen wir M. und R. und B. weiter. Von dem Geld, das sie hier verdienen, geht das meiste zurück auf die Philippinen. Fängt das neue Semester an, braucht M. manchmal einen Vorschuss, um die Studiengebühren ihrer Tochter zu bezahlen. Das wusste ich auch.

***

„Weißt Du eigentlich, wie wir den Termin für die Flohmärkte festlegen,“ fragt eine Bekannte aus der St-Andrew’s-Gemeinde, während ich meine gerade gekauften Bücher einpacke und mich frage, ob es wohl auch Halstücher gibt. „Wir richten uns nach dem Philippinen-Container.“ Es stellt sich raus, dass jedes Vierteljahr jemand einen Container organisiert, der von Moskau nach Manila verschifft wird. Für 50 Dollar, sagt sie, darf man einen vollen Karton in diesen Container packen.

Tatsächlich sieht man, wenn der Flohmarkt gerade begonnen hat, Frauen mit dunklen Haaren, die in kleinen Grüppchen und mit System die Trödelwaren durchsuchen. Jede Hosennaht wird überprüft, die Räder am Spielzeugauto noch mal gedreht, das Buch vorsichtig am Rücken angehoben, ob auch keine losen Seiten rausfallen. 50 Dollar für einen Karton, da ist Platz kostbar.

„Wenn der Termin für den nächsten Container feststeht, setze ich für zwei Wochen vorher einen Flohmarkt an und poste die Info in den Internet-Foren, wo die Leute von den Philippinen das sehen,“ erzählt die Bekannte weiter. „Was wir heute verkaufen, ist zu Weihnachten dort.“

***

Als ich M. ein paar Tage später darauf anspreche, nickt sie schon nach der halben Frage. Ja, das sei praktisch mit dem Container, schließlich ist die russische Post notorisch unzuverlässig. „Da kommt sogar ein Mann vorbei und holt den Karton ab,“ sagt sie. Populär sei übrigens nicht nur der Kirchenverkauf, sagt sie noch, sondern auch ein Online-Trödelmarkt. „Die Internetadresse weiß ich gerade nicht. Aber ich guck’s zuhause nach und schick Dir eine SMS.“

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Putin der Woche (XXV)

Putin der Woche Weihnachten

Gesehen: Auf einer Werbetafel im „Ewropejski“, einem von Moskaus großen Einkaufszentren.

Begleitung: Flockenfall, ein schneebestäubter Christbaum und ein frei schwebendes Herzchen. Und dazu dieser Hund. Ganz ehrlich, ist das der Doge? Hat ihm jemand die Augen zugephotoshoppt? Und wenn ja, war das Faulheit oder subversiv?

Text: Keiner.

Subtext: Noch genau sechs Monate bis Weihnachten da bei euch im Westen! Und jeder weiß, wie lange Post aus Russland zu euch braucht. Also, kauft mich! Jetzt!

Oben-Ohne-Punkte: 0/10 – alles andere verhindert der Norwegerpulli

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Eine Woche Instadvent

Advent, Advent, was man so kennt. Immerhin, eines ist dieses Jahr neu: der Instadvent. Freunde, Kollegen, Bekannte von Ex-Kollegen, die heute Freunde sind – seit einer Woche posten wir Tag für Tag ein weihnachtliches Foto bei Instagram, schön verhashtagt mit #instadvent und dem Datum, also #1von24, #2von24 und so weiter.

Eine gute Fingerübung, die dazu zwingt, täglich die Augen offen zu halten nach Motiven. Noch hält es sich auch gut die Waage zwischen Wärme, Gemütlichkeit, Vorfreude und Kitsch, Ironie, Distanz. Den fetten Besinnlichkeitshebel hat noch keiner umgelegt, stattdessen schleicht sich das Weihnachtsgefühl allmählich ins Bild – was ja auch die Idee ist beim Advent.

#instadvent #1von24

Ein von N Dave (@ruhrpoet) gepostetes Foto am

Weihnachtsdeko à la Karstadt. #instadvent #2von24 #Dortmund #ifttt

Ein von Katharina Kierig (@kakakiri) gepostetes Foto am

Schrottwichteln. Spannend. #instadvent #3von24

Ein von @kaehler_s gepostetes Foto am

#5von24 #instadvent Rotes Türchen für die Fünf

Ein von @peterssan gepostetes Foto am

#Winterleuchten #Westfalenpark #nofilter #instadvent #6von24

Ein von @anni_kari gepostetes Foto am

"Sag, wenn er wieder weg ist!" #instadvent #7von24

Ein von @textaufgabe gepostetes Foto am

Wer noch mitmachen will: Montag geht es weiter mit #8von24.

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Noch eine Woche bis zum „Messias“ mit dem IFC

Advent, das heißt in Peking: Massive Weihnachtsdeko vor und in Einkaufszentren. Schlange stehen für den Weihnachtsmarkt der deutschen Botschaft. Proben für Händels Messias.

Einerseits saßen neulich bei der Probe des International Festival Chorus in unserer Alt-Reihe, nach Nationen: Kanada, Spanien, Deutschland, Australien, Indonesien, Frankreich. Andererseits ist der Chor geprägt von seinem künstlerischen Leiter Nicholas Smith, der vom OBE hinter seinem Namen über den Akzent, das entfernt Stephen-Fry-eske Aussehen und den Humor Britishness ausstrahlt.

Wenn die Frauenstimmen nicht genug Schmackes bei dramatischen Stellen geben: „That was a schoolgirl sound. I want the full, clotted-cream sound.“ Wenn kein Tenor die Frage beantworten kann, was das gerade für ein Intervall mit dem Bass war: „You’re looking at me and thinking, ‚I didn’t even know we had an interval with the basses‘.“ Wenn ein Kompliment zu machen ist: „You were very, very good at auditions, I was surprised.“ Wenn er ein Konzert mit durchgehend ausgezeichneter Intonation gehört hat: „It was perfectly tuned. Revolting, I was deeply upset.“

Das Messiah-Poster, vermutlich inspiriert von „All we, like sheep“ im zweiten Teil des Werks

Es ist, wie man merkt, ein Fest – auch, weil die Probearbeit extrem sorgfältig und fordernd ist. Weiß nicht, wann ich zuletzt so wenige Fragen beantworten konnte, die der Dirigent den Sängern stellt. Die mit dem Intervall – und jetzt nicht in die Noten gucken – kommt oft, oder gerne auch mal: Na, was für einen musikalischen Witz hat Händel hier eingebaut? Erkannt bisher: einen einzigen – schmutzige Dissonanzen bei der Textstelle „He shall purify“.

Und nebenbei lernt man viel über Musik in China. Was an Formularen, Stempeln, Bescheinigungen vom Arbeitgeber (!) nötig ist, ehe sich Sänger zu einem Auftritt zusammenrotten dürfen. Wie man in einem Land für Konzerte wirbt, in dem Facebook und Twitter gesperrt und Handzettelverteilen ein Garant für polizeiliche Aufmerksamkeit ist. Warum es in China besonders wichtig ist, wann immer im Messias-Text „shall be“ vorkommt, ein deutlich hörbares L zu singen. Offenbar hat es da in vergangenen Jahren Raunen und Gekicher im Publikum gegeben. Vier Proben haben wir noch, um das hinzubekommen.

Zum Weiterlesen: „Bittersweet Symphony“.

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