Russball, Folge 46: Dieser Bär steht jetzt für den russischen Fußball

Russball kscheib Suus Agnes 2 signed

Fasst man’s denn? Das WM-Stadion in Samara ist nach unendlich vielen Verzögerungen eröffnet worden, nur sechs Wochen vor Turnierbeginn. Ab sofort rechne ich also täglich mit der Fertigstellung des Flughafens in Berlin! Ansonsten habe ich neulich den möglicherweise absurdesten Text meiner jüngeren journalistischen Karriere verfasst, über ein Festival, das hier in Russland parallel zur Weltmeisterschaft stattfindet und bei dem der gemeinen Gurke in all ihren Inkarnationen gehuldigt wird. Was sonst noch los war:

⚽⚽⚽

⚽ Zeit, mit der Hand durch die Sofaritze zu fahren und zu gucken, ob man noch ein bisschen Kleingeld findet. Mal zählen…ach guck, das sind ja genau 1656 Euro und 6 Cent. Wie praktisch, denn dafür kann man rund um die Spielübertragungen der Fußball-Weltmeisterschaft eine Werbesekunde im russischen Fernsehen kaufen. Gemeint sind damit natürlich nur Werbeplätze bei den Sendern Perwy Kanal, Rossija 1 und Match, die die Spiele übertragen. Die Sekunde für rund 1700 Euro, das entspricht einem Minutenpreis von 7,5 Millionen Rubel.

Ist das nun viel oder wenig? Die Redaktion von RBK zählt auf: Im Vergleich zur WM vor vier Jahren in Brasilien ist der Werbepreis konstant, damals verlangten die russischen Sender mit den Übertragungsrechten 7,538 Millionen pro Minute. Womit ich nicht gerechnet hätte, ist, dass dagegen bei der Europameisterschaft 2012 die Werbepreise der russischen Sender deutlich höher lagen. Warum, erklärt ebenfalls RBK: Damals „galt Russland als der Favorit in seiner Gruppe, die Zuschauer (…) erwarteten mindestens ein Überstehen der Gruppenphase, doch dazu kam es nicht.“

⚽ Wie sagte der zehnjährige Besuch aus dem Rheinland diese Woche: „Ihr habt hier echt überall Springbrunnen!“ Und ja, der Anlass war einer mitten im Einkaufszentrum, direkt neben dem Starbucks, aber die Beobachtung stimmt auch für Freiluftmoskau. Sachen abends schön beleuchten und im Sommer Springbrunnen sprudeln lassen, das sind zwei große Stärken der Stadtplaner hier.

Im vergangenen Sommer waren es 594 Brunnen in Moskau, diesmal kommt mindestens noch einer hinzu: Auf dem Gelände rund ums Luschniki-Stadion soll ein sogenannter „trockener Brunnen“ entstehen, also einer, zu dem kein mit Wasser gefülltes Becken gehört. Nur Wasser, das aus dem Boden schießt, in vielen kleinen Strahlen. Hinter der neuen Tretjakowgalerie gibt es sowas hier schon, und wenn im Sommer 30 Grad und mehr sind, ist das einer der kühlsten, angenehmsten Plätze in der Stadt: Einfach ein paar Schritte durch den Brunnen gehen, von den Fontänen links und rechts nassgemacht werden und sich dann zum Trocknen schön in die Sonne setzen. Das können Fußballfans demnächst also auch tun, wenn sie sich vor dem Stadionbesuch ein wenig abkühlen wollen – oder danach ihre Tränen verbergen. Was, ich, am heulen? Alter, das ist bloß Springbrunnenwasser!

kscheib russball brunnen luschniki moskau

⚽ Interessante Reihe, da bei Sports.ru: Im Blog „Futbol auf Deutsch“ porträtiert Konstantin Andrejew seit einem guten Jahr Nachwuchsfußballer, die außerhalb Russlands leben, aber russischer Abstammung sind und somit möglicherweise mal für die russische Nationalmannschaft spielen könnten. (Der Subtext wird ironisch angedeutet: Wir sind doch hier so großzügig mit russischen Pässen, wenn wir einen ausländischen Spieler sehen, der den Fußball bei uns im Land voranbringen könnte. Und jetzt schaut mal, bei dem Jung hier wäre es so einfach!)

Das sind keine Namen, die ich jemals zuvor gehört hatte, aber die Porträts lesen sich interessant. Maximilan Lebedev zum Beispiel aus dem U17-Kader von Bayern München. Die Brüder Konstantin und Andreas Schiler, die aktuell für den SV Sandhausen in der U19 spielen. Und ganz abgesehen davon, ob es nun für eine Profikarriere reicht, ob die bis zur Nationalelf führt und welche Nationalelf es dann ist – interessant sind auch die Fragen zum Alltag der jungen Männer, von Russisch-Sprachkenntnissen über Familie bis hin zum Lieblingsessen. Lesen lohnt sich!

⚽ Das ist mir letzte Woche komplett durchgegangen: Russlands Premjer-Liga hat ein neues Logo – ein Bärenkopf in den Russlandfarben, mit Augen, die entfernt an den Terminator erinnern. Entworfen vom Studio Art.Lebedev, das hier in Russland schon so einige Großaufträge wegdesignt hat: Der aktuelle Metroplan ist dort entstanden, die Sitzpolster im Bus, selbst Moskaus Gullydeckel. Wer bei der Fußball-WM im Sommer auf dem alten Moskauer Olympiagelände unterwegs ist, orientiert sich an Schildern von Art.Lebedev. Und nun also dieses Logo.

rpl_logo_black

Wie kommt es an? So mittel. Natürlich kursieren allerlei Photoshop-Witzchen – mit der russischen Version von „Pu der Bär“, mit Elch, mit Mutko. Manchen Leuten ist der Bär zu nah am Russlandklischee, sie frotzeln, da fehlten doch noch Balalaika und Wodkaflasche. Nationalspieler Denis Gluschakow wurde nach seiner Meinung gefragt und rettete sich in ein höfliches „interessant“. Und dann war da noch ein Hinweis auf einen hippen Barbershop in Moskau, und ja: Dessen Logo sieht tatsächlich aus, als könnte es das Vorbild fürs Ligalogo gewesen sein. Trotzdem verstehe ich den Backlash nicht so richtig. Im Vergleich zu dem kleinteiligen, unaufgeräumten bisherigen Logo ist der Bär mit den roten Laseraugen ein echter Fortschritt:

kscheib russball liga altes logo

⚽  „Westi“, die Nachrichtensendung des russischen Staatssenders „Rossija 1“, hat durchgerechnet, was russische Fußballfans so investieren müssen, wenn sie alle drei Vorrundenspiele ihrer Mannschaft sehen wollen, also in Moskau, St. Petersburg und Samara. Das Ganze ist nicht immer akkurat gerechnet und ein wenig schief konzipiert (einerseits fehlen die Kosten für die Anreise nach Moskau, als lebe der typische Fan dort, andererseits werden aber auch in Moskau Hotelkosten mit eingepreist), dennoch ist die Liste im Kern ganz anschaulich: Wenn man davon ausgeht, dass Iwan Musterfan jeweils die billigste Ticketkategorie nimmt, dann kommt er für einen WM-Aufenthalt in Moskau auf 29.000 Rubel, in Petersburg auf auf 19.000 und in Samara auf 17.000 Rubel, dazu kommen noch Fahrtkosten.

Zusammen sind das mehr als zwei Durchschnittsgehälter, und man könnte an dieser Stelle des Berichts einen Schlussstrich ziehen. Aber als Staatsmedium ist man nun mal in der Pflicht, man hat für WM-Begeisterung und Hurrapatriotismus zu sorgen. Weshalb der Bericht von „Westi“ nicht mit dem Fazit endet, das sei ja nun recht viel Geld, selbst wenn man sparsam lebe. Nein, hinten wurden schön noch zwei Sätze drangedengelt: „Aber wenn unsere Mannschaft sich gegen alle Gegener gut schlägt und es über die Gruppenphase hinaus schafft, werden unsere positiven Emotionen diese Kosten ganz klar ausgleichen. Wir sind für unser Team!“

⚽  Über den Jahreswechsel 2017/2018 waren wir oben in Murmansk, es war knackig kalt und eine ganz großartige Reise. Nordlicht gesehen, den Eisbrecher Lenin besichtig, Markus hat für den Weltspiegel einen kleinen Film drüber gemacht. Daran musste ich diese Woche wieder denken, als Zenit St. Petersburg diese Bilder twitterte: Die Arbeiter, die gerade an einem neuen Eisbrecher für die russische Flotte bauen, scheinen allesamt Zenit-Fans zu sein:

⚽  Angeklickt und erst mal enttäuscht gewesen: „Das Tschertschessow-Kreuzworträtsel“ hieß es in der Überschrift und ich freute mich schon, allerlei Fragen zu Russlands Nationaltrainer zu beantworten: „Sieben Buchstaben, beginnt mit D: deutsche Stadt, in der Tschertschessow von 1993 bis 1995 als Spieler aktiv war.“ Aber nein, leider kein Rätsel, aber doch ein langes, tiefgehendes Porträt des Glatzenmanns, der die Russen so aufstellen soll, dass sie es vor heimischem Publikum über die Gruppenphase hinaus schaffen.

Ein bisschen sehr chronologisch ist der Artikel, das bremst ihn manchmal. Aber sonst liest er sich gut und anekdotenreich – einschließlich der Begebenheit, wie Tschertschessow 2001 Torwart beim FC Tirol Insbruck war und der Verein einen neuen Trainer bekam, der den gesundheitlich angeschlagenen Tschertschessow erst mal für ein paar Spiele auf die Bank setzte, bis er auskuriert war und sich vor dem Neuen beweisen konnte. Der hieß übrigens Joachim Löw.

⚽ Kennt ihr eigentlich den „Soviet Art Bot“ bei Twitter? Nein? Solltet ihr aber – nicht nur für Fußballbilder wie dieses hier:

⚽ Das ist mal ne Ansage: „Ohne die Fußball-Weltmeisterschaft gäbe es in Russland derzeit kein Wirtschaftswachstum.“ Gesagt hat das Arkadi Dworkowitsch, und der muss es wissen: Dworkowitsch ist Wirtschaftswissenschaftler und seit 2012 einer von Russlands stellvertretenden Premierministern. Mehr zu seiner außergewöhnlichen Rechnung hier.

⚽ Ein paar Woche ist es her, dass ich mich mit Mascha getroffen habe. Sie schreibt gerade an ihrer Doktorarbeit, liebt das Rumstöbern in Archiven und kann sich für alte Dokumente begeistern. Wir sind rund um die Lomonossow-Universität spazierengegangen und sie hat mir gezeigt: Hier in dem Turm ist mein Wohnheimzimmer, da vorne ist der Haupteingang zum Unigebäude – und da, nicht weit weg, soll die Fanzone gebaut werden. Der zentrale Ort, wo in Moskau all die Fußballfans zusammen feiern können, die keine Karten fürs Stadion bekommen haben.

Mascha und ihre Kommilitonen haben Angst, nicht vor den Fans, sondern vor dem Krach bis spät in die Nacht, mitten in der Prüfungszeit. Wie sie ihren Protest dagegen sichtbar machen, und wie die FIFA, der Uni-Rektor und die Stadt Moskau mit diesem Protest umgehen, habe ich für die Berliner Zeitung aufgeschrieben. Am Tag, nachdem der Artikel im Blatt war, war ich abends mit dem Moskau-Besuch noch mal oben in den Sperlingsbergen, und siehe da: Baustellenlärm, Kipplaster, Bagger, Staubschwaden wehen hoch und verschleiern den Blick aufs Unigebäude. Es sieht nicht gut aus mit den Erfolgschancen für den Studentenprotest.

kscheib russball fanzone bauarbeiten

⚽ Dass Niko Kovac neuer Bayern-Trainer wird, inspiriert nicht nur deutsche Dichter, es beschäftigt auch die russische Fachpresse. Sowetski Sport kritisiert zum Beispiel, Kovac habe keine Champions-League-Erfahrungen und als Trainer noch keinen einzigen Titel geholt, was er wohl auch im DFB-Pokalfinale am 19. Mai nicht schaffen werde.

Bei Sports.ru gbt es sogar eine umfangreiche Analyse all der Gründe, warum der neue Trainer scheitern muss, unter der Überschrift: „Niko Kovac wird neuer Bayern-Trainer – es scheint, als ob das nicht die beste Idee ist.“ Begründung hier: Kovac sei es gewohnt, seinen Kopf duchsetzen zu können – das werde ihm bei Hoeneß und Rumenigge nicht gelingen. Seine Lieblingsaufstellung bei der Eintracht lasse sich nicht auf die Bayern übertragen, und überhaupt habe Kovac den Job ja nur bekommen, weil Tuchel ihn nicht wollte.

⚽ Die tunesische Nationalmannschaft wird während der WM im Moskauer Vorort Seljatino untergebracht, gerade war der Moskauer Sportminister auf Inspektionstour dort. Ein Reporter von Championat.com ist mitgelaufen und berichtet: ein paar schiefe Kacheln und seltsam verlegte Rohre, Rasen im schlechten Zustand, an der Hotelrezeption gibt’s noch keine tunesische Fahne. Alles Sachen, die sich bis Turnierbeginn noch regeln lassen. Besonders hübsch fand ich die Bemerkung des Reporters, eine „Motivation nach deutscher Art“ sei für die Tunesier leider nicht möglich: Die örtliche Bierbar ist derzeit leider geschlossen.

⚽⚽⚽

Zum Abschluss noch ein Text, der nichts mit Russland zu tun hat, dafür aber mit Fußball, mit Familie, mit einem Fan – und einem der noch sucht, ob es eine Mannschaft gibt, deren Fan er sein möchte. Auf die Gefahr hin, dass euch in den letzten Tagen auch andere Leute diesen Text nahegelegt haben – er verdient es auch, mehrfach empfohlen zu werden: „Papsi, ich bin doch gar kein Fan“. Bis nächste Woche!



 

Weiterlesen

Ein Fundstück aus dem Moskauer Olympia-Jahr 1980

Neulich habe ich mich abends nach der Arbeit mit Elena getroffen. Wir kannten uns vorher nicht persönlich, nur von Avito, dem russischen eBay. Dort hatte ich gesehen, dass Elena einen großen Stapel alter Fußballbücher zu verkaufen hatte – Nachschlagewerke, Jahrbücher, Vereinschroniken, Stadionführer, sogar den ein oder anderen Roman.

Nach ein bisschen Feilschen einigten wir uns auf 2500 Rubel, also rund 35 Euro – ein guter Preis für die dicke, schwere Büchertüte, die ich nur mit Pausen nach Hause schleppen konnte. Nach dem ersten Sichten glaube ich, dass aus dem Material sicher noch der ein oder andere Blogpost entstehen wird – zum Beispiel aus dem 1962 in Luhansk erschienenen Bändchen „100 Fragen und Antworten zum Fußball“. (Frage Nr. 1: „Darf ein Spieler während eines Fußballspiels fünf bis sechs Meter laufen und dabei den Ball auf dem Kopf balancieren?“)

Das Interessanteste an dem ganzen Paket war aber das Fußballjahrbuch für das Jahr 1980. Elenas Vater, dem die Bücher alle mal gehört haben, hat sich ganz offensichtlich auch für andere Sportarten interessiert, vor allem für Leichtathletik. Da hat er sich bei den Olympischen Spielen in Moskau dann auch direkt mal an zwei Tagen ins Stadion gesetzt und zugeschaut.

Zwei Eintrittskarten und ein Programmheft für die Leichtathletik-Wettkämpfe lagen in dem Fußballbuch, leicht knitterig (auch nachdem ich sie vorsichtig gebügelt habe), aber ansonsten noch gut in Schuss. Okay, ja, oben auf das Programmheft hat irgendwer mal ein paar Schlangenlinien gekritzelt, wahrscheinlich, um einen eingetrockneten Kuli wieder ans Schreiben zu kriegen.

Dafür sind die Eintrittskarten unbemalt und interessant. Schon alleine, wie sie auf unterschiedliche Art das Farbschema aufgreifen, das auf dem Programmheft dann komplett zu sehen ist. Und auch sonst kann man aus so einer Karte einiges rauslesen – ihr müsst nur mit der Maus drübefahren.

Weiterlesen

Sowjetische Design-Objekte aller Arten, vereinigt euch!

kscheib sowjetunion mode

Bis vor einer Woche habe ich mir eingebildet, mich mit Moskaus Museen auszukennen.

Das Puschkin-Museum, das Garage-Museum, das Museum der Stadt Moskau, die alte Tretjakow-Galerie, die neue Tretjakow-Galerie, das Spielautomatenmuseum, das Multimedia Art Museum, das Museum für Moderne Kunst, das Fotomuseum „Brüder Lumiere“, das Museum für fernöstliche Kunst, das Zoologische Museum, das Darwin-Museum, das Kosmonautenmuseum, das Zentralmuseum der russischen Streitkräfte, das Architekturmuseum, das Museum des Großen Vaterländischen Krieges, das Paschkow-Haus – ich hab sie, so viel Prahlerei muss erlaubt sein, alle gehabt. Einige von ihnen auch mehrfach. Ins Museum gehen ist einfach, auch wenn man die Sprache noch lernt. Museen funktionieren immer gleich – Karte kaufen, rumlaufen, gucken.

Wie mir dabei fast vier Jahre lang das Moskauer Designmuseum durchgegangen ist – keine Ahnung. Mich grämt daran nicht so sehr, einfach ein Museum in Moskau nicht zu kennen – da wird es nicht das einzige sein. Aber so ein tolles, das noch dazu genau mein Ding ist! Wenn ihr mal bitte hier schauen wollt, was zunächst Russland und dann die Sowjetunion so hervorgebracht haben:

kscheib russland becherhalter

Ein Metallhalter, in den man sein Teeglas stellt. So um 1880 entstanden, unglaublich fein ausgearbeitet. Aber wir fangen ja erst an. Zwei Räume weiter, und es geht um russische Handarbeit. Zum Beispiel sowas hier:

kscheib russland design eichhörnchenkleid

So, damit kann ich dann auch endlich den Bergiff „Eichhörnchenkleid“ als Schlagwort für einen Blogpost vergeben – wieder einen Eintrag kürzer, die Bucket-List. Dazu noch die Holzbank im Hintergrund, eines von vielen ausgestellten Möbelstücken, natürlich Handarbeit, natürlich alt. Und wie immer die Frage im Hinterkopf: Gibt es irgendwas, das du mit deinen Händen so gut könntest?

Pappschatullen, schwarz lackiert und dann bemalt, sind russisches Traditionshandwerk – und eine der Kunstformen, die auch nach der Revolution populär blieb. Diese Dose hier ehrt Walentina Tereschkowa, die erste Frau im All und in der Sowjetunion fast so berühmt wie Juri Gagarin.

kscheib sowjetunion Walentina Tereschkowa

Dann, ein Museumszimmer weiter: Porzellan! Weil Hammer und Sichel aus Blumen einfach so viel schöner sind. Und weil doch bestimmt jeder beim Abendbrot vor einem Teller mit Lenins Gesicht und dem Slogan „Wer nicht arbeitet, der soll auch nicht essen“ sitzen möchte.

Mein Lieblingsstück ist aber der eckige Teller mit der Baustelle drauf. Dieser Optimismus, dass hier etwas völlig Neues entsteht, wenn alle mit anpacken – das muss man erst mal auf Geschirr unterbringen. Falls es einer auf dem Flohmarkt sieht: Ich nehme dann auch gerne direkt das ganze Service.

kscheib sowjetunion design mischa

Im Seitenflügel des Gebäudes wird es dann bunter, wir sind jetzt in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Mischa, der Bär, 1980 das Maskottchen der Olympischen Spiele in Moskau, bewacht eine Vitrine mit Spielzeug – und ja, da ist nun wirklich alles an Farbe am Start, was man sich so denken kann.

Was halt damals plötzlich ging, dank Plastik. Hinten links das Krokodil Gena mit seinem großohrigen Freund Tscheburaschka, das vorne in der Mitte könnte die sowjetische Version von Karlsson vom Dach sein. Und natürlich ein Astronaut, Verzeihung: Kosmonaut.

kscheib sowjetunion design spielzeug

Weitere Erkenntnis: Wenn das Design stimmt, können sogar Haushaltsgeräte gut aussehen. Das türkise Ding in der Mitte mag ein Staubsauger sein, aber zur entfernten Verwandschaft gehört ganz klar ein großes altes Auto, so richtig schön mit Haifischflossen.

kscheib sowjetunion design haushalt

Was noch? Modekataloge, aus denen man sich allerlei bestellen konnte. In den Zeiten vor Layoutprogrammen und Photoshop bedeutete kreatives Marketing offenbar auch schon mal, dass römische Statuen für die neue Winterkollektion ihren Kopf hinhalten mussten.

kscheib sowjetunion design wäsche

kscheib sowjetunion design mode

kscheib sowjetunion design mäntel

kscheib sowjetunion design jacken

Zum Schluss noch ein Design-Exponat mit Deutschlandbezug. Die Zeitschrift heißt, nerdiger geht es kaum, „Technische Ästhetik“ und befasst sich in dieser Ausgabe mit „Der Rolle des industriellen Designs bei der erfolgreichen Ausführung der komplexen, sozial relevanten Aufgaben bei der Gestaltung der materiellen Umgebung“ – und all das dann im Zusammenspiel zwischen UdSSR und DDR, wie das Cover ja zeigt.

kscheib sowjetunion design ddr

Das Moskauer Design-Museum hat seltsamerweise keine Adresse oder Wegbeschreibung auf seiner Website, aber es liegt an der Ulitsa Delegatskaja 3. Der Б-Bus hält fast unmittelbar vor der Tür.

Weiterlesen

Russball, Folge 25: So sieht er also aus, der russische WM-Freiwillige

Russball kscheib Suus Agnes 2 signed

Worüber man so spricht, wenn man sich mit Freunden zum Pelmeni-Kochen trifft: Ist das jetzt toll, ein Konzert im Staatlichen Kremlpalast zu sehen, oder nicht? Geschichtlich interessanter Ort – ein Plus. Plätze verdammt weit weg von der Bühne – ein Minus. Und wie stehen wir eigentlich zu dem Gebäude selbst, das da nach dem Krieg als Klotz aus Beton und Glas zwischen die ganzen historisch-schönen Kirchen auf dem Kremlgelände gesetzt wurde?

Am Freitag könnt ihr euch selber ein Bild machen. Dann findet in dem Palast zwar kein Konzert statt, dafür aber die Auslosung der WM-Gruppen. Schließlich sind es nicht mal mehr 200 Tage bis zum Anpfiff des Eröffnungsspiels.

⚽⚽⚽

⚽ Zum Start darum heute ein Video. RIA Novosti hat es vor einigen Jahren veröffentlicht, als der Staatliche Kremlpalast 50 Jahre alt wurde. Als repräsentativen Ort für die Parteitage der KPdSU hatte Chruschtschow ihn damals bauen lassen. Und wenn die Kommunisten gerade nicht tagten, fanden schon damals Ballettaufführungen oder Konzerte in dem Gebäude statt.

Inzwischen sind viele Pop-Größen dort aufgetreten – Christina Aguilera, Joe Cocker, Leonard Cohen – selbst Modern Talking. Im Februar kommen Kraftwerk, und das passt dann vielleicht ja sogar ganz gut zu diesem Fremdkörper, für den selbst RIA als staatliche Nachrichtenagentur keine allzu netten Worte übrig hatte: „Ein Stück Architektur, von Offiziellen in Auftrag gegeben, für das uns unsere Nachkommen wohl kaum danken werden.“

⚽ Dass die WM-Auslosung ansteht, führt übrigens auch dazu, dass viele Medien in den Tagen davor ihre grundsätzlichen Analysen veröffentlichen: Schafft es Russland über die Gruppenphase hinaus, auch wenn der Gastgeber laut FIFA-Rangliste die schwächste Mannschaft des Turniers ist? (Eher nicht.) Welche Städte haben die interessantesten Stadien? (Moskau, St. Petersburg und Jekaterinburg.) Wie wird die russische Wirtschaft dastehen, wenn das Turnier beginnt? (Vermutlich besser als heute.) Welche Probleme müssen die Organisatoren in den Griff bekommen? (Rassismus, Hooligans, Terrorgefahr.) Wie reagiert die FIFA auf Berichte über systematisches Doping im russischen Fußball? (So gut wie gar nicht.)

Die Bestandsaufnahme der FIFA klingt naturgemäß sehr viel optimistischer. Gianni Infantino hat sich extra vor der Auslosung interviewen lassen und verspricht: Partystimmung, gute Orga, moderne Stadien, außerdem strenges Vorgehen gegen Doping und Diskriminierung. Selbst der Videobeweis hat es ins Promo-Video geschafft – dabei hat der beim Confed-Cup, dem WM-Probelauf, ja oft gehakt.

So oder so: Der 1. Dezember ist ein guter Anlass, um sich einen Überblick zu verschaffen, wo Russland ein gutes halbes Jahr vor der Weltmeisterschaft steht. Zeit dafür wird sogar während der Auslosung am Freitag sein: Das Ganze soll zwar eine Stunde dauern, von 16 Uhr bis 17 Uhr deutscher Zeit. Das eigentliche Losverfahren, wer mit wem in einer Gruppe landet, dauert laut Plan aber nur eine gute halbe Stunde. Der Rest sind Reden, Interviews, Musik – da lohnt es sich, wenn man ein bisschen Lesefutter gebookmarkt hat.

⚽  Ratko Mladic wird wegen seiner Kriegsverbrechen im früheren Jugoslawien den Rest seines Lebens im Gefängnis verbringen – das ist nach dem Urteil aus der vergangenen Woche klar. Das Massaker von Srebrenica mit rund 8000 Todesopfern ist der bekannteste, aber bei weitem nicht der einzige Fall, wegen dem Mladic vor Gericht stand.

Am Tag nach der Urteilsverkündung spielte Zenit St. Petersburg in der Europa League gegen Vardar Skopje, und einige Zenit-Fans waren sich nicht zu fein, ein Banner mit der Aufschrift „Ratko Mladich, ein serbischer Held“ im Stadion aufzuhängen. Unterstützung für einen Mann, der tausende Menschenleben auf dem Gewissen hat. Mehr zu den Verbindungen zwischen serbischen und russischen Neonazis im Fußball kann man hier nachlesen. Die UEFA ermittelt nun wegen Rassismus – gut möglich, dass Zenit sein nächstes Spiel im leeren Stadion bestreiten muss.

⚽ Wo wir gerade beim Thema Rassismus sind: Zeit Online hat einen interessanten Text darüber, wie russische Neonazis ihre deutschen Gesinnungsgenossen in verschiedenen Kampfsportarten trainieren. Lesenswert vor allem, wenn man bedenkt, dass sich Neonazi-Szene und Hooligan-Szene ja durchaus überlappen.

⚽ Eine große Ladung Sowjet-Nostalgie, dafür keine Spur von Maskottchen oder Matrjoschkas, auch der Pokal steht nur ganz klein unten in der Ecke: Gestern hat das russische Organisationskomitee das offizielle Plakat der Fußball-Weltmeisterschaft vorgestellt und es ist, wenn ihr mich fragt, richtig gut gelungen. Retro, lässig, einprägsam und ein Tribut an den legendären sowjetischen Torwart Lew Jaschin. Ich würd’s mir aufhängen.

Foto: FIFA
Foto: FIFA

⚽ Was auch zur WM-Vorbereitung gehört: Die Ausbildung der ganzen Freiwilligen. Viele von ihnen sind Studenten, an den Unis in den Austragungsorten wurde mit viel Aufwand um Helfer geworben. Und auch dort, wo keine Spiele stattfinden, sind während der Weltmeisterschaft Freiwillige im Einsatz. 120 von ihnen werden zum Beispiel gerade in Krasnodar ausgebildet. Dort, ein paar Stunden entfernt von Sotschi, sollen einige Nationalmannschaften während des Turniers ihre Trainingsanlagen haben.

Wie diese Ausbildung der Helfer aussieht, kann man im Moment ganz gut bei Instagram verfolgen. So ganz erlaubt ist das vermutlich nicht, trotzdem posten immer wieder Teilnehmer ein paar Fotos aus ihren Schulungen. So wissen wir dank Tatjana aus Samara nun also auch, wie er so aussieht, der typische Волонтёр (Wolontjor): Lächelnd, natürlich, den Ausweis an einem Band um den Hals. In der einen Hand eine Landkarte, am anderen Handgelenk eine Uhr, damit er auch pünktlich ist. Dann noch das klingelnde Handy in der Hosentasche, den FIFA-Schriftzug auf dem Bauch, und auf der Brust irgendetwas, das der Ausbilder mit „Anti-Stress“ beschriftet hat.

То чувство, когда ты в волонтёрах и рассказывают тебе, а не ты кому-то пытаешься донести нужную информацию 😅 Алексей Мокеев сегодня провёл активный урок по городской инфраструктуре и достопримечательностям для условной группы "туристов" из Саранска 😊 . Наша команда оказалась в лидерах среди 4-х команд. Оказалось не так легко отгадать место по фотографии или составить полный маршрут от пункта А к пункту Б, по карточкам с адресами улиц) Надо заняться изучением туристического маршрута #ЧМ2018 . До урока нам рассказали много исторических нюансов о Куйбышеве и Самаре! Кто бы мог подумать, что Самара была столицей России до 1991 года 😎 . . . #СамараЖдетЧМ2018 #ЧМ2018Самара #ВолонтерыЧМ2018 #ВолонтерыСамары #ДобровольцыРоссии #МолодежьСамары #Молодежь63

Ein Beitrag geteilt von Tatiana_An (@tatiana_an_samara) am

Ein Bild weiter geblättert, und der Freiwillige auf dem Plakat fängt auch noch an zu sprechen: „вежл(иво)“ und
„доброжел(ательно)“ steht dann in seiner Sprechblase, „höflich und freundlich“. Nur, was er denkt, das hat Tatjana leider nicht fotografiert.

⚽ So emsig wie bei der Ausbildung der WM-Freiwilligen in Samara scheinen sie beim Stadionbau dort übrigens nicht zu sein: Kein Stadion liege mit den Bauarbeiten so weit zurück wie das in Samara, berichtet Sport Express. Einer der Verantwortlichen lässt sich aber zitieren, man werde dennoch auch dort rechtzeitig fertig werden.

Das wirft allerdings die Frage auf: Um welchen Preis? Human Rights Watch hat gerade erst wieder darauf hingewiesen, dass die FIFA zu Menschenrechtsthemen wie der Sicherheit von Stadion-Bauarbeitern zwar gerne Papiere veröffentliche, aber nicht wirklich etwas unternehme. Wenn nun in Samara, wo die Temperaturen aller Wahrscheinlichkeit erst Ende März wieder über den Nullpunkt steigen werden, der Zeitdruck noch steigt, kann das für die Bauarbeiter dort nichts Gutes heißen.

⚽  43 Champions-League-Spiele lang musste sich Igor Akinfejew die Sprüche anhören, die Witze, die Kritik. So lange dauerte die Pechsträhne des ZSKA-Torwarts, während der er in jedem dieser Spiele mindestens ein Tor zuließ.

Dann kam, heute vor einer Woche, das Spiel gegen Benfica Lissabon – ein klares, sauberes 2:0 für die Moskauer. Aufatmen bei Akinfejew – nur die Fans müssen sich jetzt wohl ein paar neue Pointen einfallen lassen.

⚽ Eventuell habe ich an dieser Stelle schon ein- bis zwanzigmal erwähnt, wie gut die Öffentlichkeitsarbeit von Zenit St. Petersburg ist, vor allem mit Blick auf soziale Netzwerke und das Internet überhaupt. Insofern ist das hier nicht überraschend, aber trotzdem saucool: Bei Giphy gibt es jetzt eine eigene, verifizierte Seite mit Zenit-GIFs.

Die Logik dahinter ist simpel und überzeugend: GIFs sind populär, benutzen werden die Fans sie also sowieso. Also, dann doch besser die, die wir ihnen liefern, als andere, auf denen wir vielleicht nicht so gut aussehen. Aktuell schafft Zenit so mit gerade mal 51 hochgeladenen GIFs schon fast 200.000 Abrufe.

via GIPHY

⚽⚽⚽

Zum Schluss noch zwei Folge-Tipps für diejenigen von euch, die bei Twitter sind: Benedikt hat nicht nur geholfen, den beschrifteten WM-Helfer zu entziffern, er spricht auch fließend Russisch und hat Ahnung von Fußball. Und meine früheren Kollegen bei der Moscow Times haben jetzt auch einen eigenen Account für Nachrichten und Service rund um die Fußball-WM – auf Englisch, also auch ohne Russisch-Kenntnisse nützlich.

Ach so, und wenn ihr bei Twitter mitverfolgen wollt, was das russischen Fernsehen aus der WM-Auslosung am Freitag macht: Ich versuche mal, das live zu twittern – zuschauen und mitreden könnt ihr dann hier. Bis dann!



 

Weiterlesen

Russball, Folge 21: Was ihr bei der Fußball-WM um den Hals hängen habt

Russball kscheib Suus Agnes 2 signed

Diese Russball-Folge muss am Anfang kurz mal Dänball sein. Wir waren eine wunderbare Woche lang auf Fanø, vier Große, zwei Kleine – oder anders gesagt, zwei Schalker und vier mehr oder weniger langjährige BVB-Fans. Was tut man nicht alles, um dem Patenkind und seinem Bruder vorzuleben, dass es noch andere Optionen gibt: „Stimmt, das ist cool, dass da jemand einen Drachen steigen lässt, der aussieht wie die BVB-Biene. Aber hast du dir mal den restlichen Himmel angeguckt? Alles blau und weiß!“

Auf der Insel gibt es auch eine Schule, flankiert von einer Bücherei, allerlei Kletter- und Hüpfmöglichkeiten und einer Sportanlage. Nicht nur für Schüler, sondern offen für alle. Beeindruckt hat mich dort der Aushang am Fußballfeld, der vor allem im Herbst und Winter nützlich ist: Schicke eine SMS an diese Nummer, und die Beleuchtung wird für eine Stunde eingeschaltet.

russball dänemark flutlicht sms

Sehr einfach, sehr schlau – jetzt wüsste ich nur noch gerne, ob das automatisiert ist oder am anderen Ende ein Mensch sitzt, der einen Lichtschalter drücken muss. So oder so: Falls ihr Fußball spielenden Kindern eine Stunde Strom organisieren oder einfach als Kunstprojekt mitten in der Nacht einen dänischen Bolzplatz beleuchten wollt: Die Ländervorwahl ist +45, der Rest steht auf dem Zettel.

⚽⚽⚽

⚽ Sports Illustrated hat einen Auszug aus dem Buch „Under the Lights and In the Dark: Untold Stories of Women’s Soccer“ veröffentlicht. Es geht um die junge amerikanische Fußballerin Danielle Foxhoven, die 2012 für Energija Woronesch gespielt hat – eine gruselige Erfahrung. Kurzentschlossen hatte sie dem Club zugesagt, nachdem ihr Job bei einem US-Verein weggebrochen war. Der Artikel beginnt mit einer krassen Szene, in der ihr russischer Trainer sie ins Gesicht schlägt, weil sie sich auf den kalten Boden gesetzt hat. Es folgen Sexismus, Beschimpfungen, als Vitamine getarntes Doping.

Man kann das kaum lesen, ohne sich zu fragen, wie leidensfähig man als Profisportlerin eigentlich sein muss – und wie naiv man sein kann: Tabletten einfach schlucken, unerklärte Spritzen einfach akzeptieren. Wer über den Buchauszug hinaus weiterlesen will: Danielle Foxhoven hat über ihre Zeit in Russland gebloggt. Hier etwa über den traurigen Entschluss, mit dem Russischlernen aufzuhören: Sonst, so die Logik, würde sie noch mehr von den Seitenhieben ihrer Mitspielerinnen verstehen.

⚽ Dass Moskaus renoviertes Luschniki-Stadion mit einem Freundschaftsspiel gegen Argentinien wiedereröffnet werden soll, ist ja schon ein paar Tage bekannt. Neu sind aber die Infos, die RBK zu den Kosten für dieses Spiel recherchiert hat. Demnach zahlt Russland rund eine Million Dollar, damit die Argentinier dem Eröffnungsspiel den nötigen fußballerischen Glanz verleihen.

Bemerkenswert sind an dem RBK-Bericht zwei Details. Zum einen zitiert er einen Experten mit den Worten, Argentinien verlange normalerweise eher zwei Millionen pro Spiel. Der Russland-Rabatt entstehe dadurch, dass aktuell „alle Nationalmannschaften froh darüber sind, im Land der nächsten Weltmeisterschaft zu trainieren.“ Derselbe Experte veranschlagt dann auch noch schnell, welcher Anteil der Millionensumme dafür fällig wird, dass Lionel Messi mit anreist: zwischen 35 und 50 Prozent. So fühlt es sich also an, argentinischer Nationalspieler, aber nicht Messi zu sein: Schau mal, der da drüben ist genau so viel wert wie wir restlichen alle zusammen.

⚽ Neuer Tabellenführer in der Premjer Liga: Lokomotive Moskau hat den bisherigen Spitzenreiter Zenit St. Petersburg sowas von geschlagen – 3:0, und das auswärts. Zwei der Tore hat Jefferson Farfán geschossen, das dritte für Alexei Mirantschuk vorbereitet, das sah dann so aus:

Was heißt das nun für die restliche Saison? Einerseits ist der Verlust der Tabellenspitze noch keine Krise. Zenit war im vergangenen Jahrzehnt viermal russischer Meister, Lokomotives letzte Meisterschaft war 2004. Andererseits, das fasst der Chefredakteur von Russian Football News hier gut zusammen, haben die Moskauer eine deutlich leichtere Rückrunde vor sich. Bei Lokomotive jedenfalls ist der Jubel groß – schließlich bedeutet der Spitzenplatz auch, dass man vor den drei Lokalrivalen ZSKA, Spartak und Dynamo liegt.

⚽ Noch 225 Tage bis zur Fußball-WM, dazu machen hier gerade zwei Zahlen die Runde. Zum einen werden die Kosten für das Turnier höher liegen als bisher geplant: 678 Milliarden Rubel statt 643,5 Milliarden – umgerechnet ist das ein Anstieg von rund 500 Millionen Euro. Warum? Die offizielle Verlautbarung nennt keine Gründe. Aber solche Preissteigerungen sind bei Großereignissen nicht unüblich – und in Russland, wir erinnern uns an den Stadionbau in St. Petersburg, erst recht nicht.

Auch Zahl Nummer zwei liegt höher als bisher erwartet, das dürfte allerdings die meisten WM-Teilnehmer freuen. Die FIFA erhöht das Preisgeld, um das die Mannschaften bei der Weltmeisterschaft konkurrieren. 344 Millionen Euro oder, schön rund, 400 Millionen Dollar sind nun im Topf. Wer schon in der Gruppenphase ausscheidet, nimmt 8 Millionen mit heim, dem Weltmeister winken 38 Millionen. Alle Stufen dazwischen hier zum Nachlesen.

⚽ Falls ihr zur Weltmeisterschaft nach Russland kommen wollt, werdet ihr übrigens das hier um den Hals hängen haben – das neue Design wurde gerade vorgestellt:

russball kscheib fußball-wm fan-id russland

Die Fan-ID ist, wie schon beim Confed-Cup diesen Sommer, der Ausweis, ohne den nichts geht. Nur wer ihn vorzeigen kann, darf ins Stadion – die Eintrittskarte allein reicht da nicht. Auch wer ohne Visum einreisen oder einfach nur kostenlos mit der Metro zum Stadion fahren will, braucht die Fan-ID.

Was mich übrigens interessieren würde: Warum ist die ID das einzige, was zwar zur WM gehört, aber nicht im WM-Design gestaltet ist? Dieses Planschbecken-Stadion, aus dem da der Ball raushüpft, hat nichts mit dem Look des Turniers zu tun. Nicht mal die Schrifttype stimmt, das müsste Duscha (Душа) sein. Beim Confed-Cup war das auch schon so – was es nicht leichter macht, wenn man versucht, den Ort zu finden, wo man seinen Ausweis abholt.

⚽ Maslow, Maslow, warum kommt mir der Name noch mal bekannt vor? Ach ja, die Bedürfnispyramide, damals im SoWi-Unterricht. Erfunden hat sie Abraham Maslow, dessen Namensvetter Denis heute Geschäftsführer beim FK Amkar Perm ist. Und es wäre mir ein akutes Bedürfnis, dass der Mann seine schwulenfeindlichen Statements künftig für sich behält – oder ihm zumindest ordentlich Kritik entgegenschlägt, wenn er sowas hier sagt:

„Schwule im russischen Fußball? Gottseidank bin ich noch keinem begegnet und ich hoffe, das bleibt auch so. (…) In der Bibel steht, dass Gott Adam und Eva schuf, nicht Adam und Adam.“ Bei den Spieler von Perm sei er sich jedenfalls sicher, dass alle „eine traditionelle Orientierung“ haben, behauptet Maslow weiter: „Alle Jungs sind entweder verheiratet oder leben mit ihrer Freundin.“ (Was, die leben unverheiratet zusammen? Was sagt denn da die Bibel?)

Lenta.ru protokolliert Maslows Äußerungen und weist zur darauf hin, dass es in Europa durchaus offen schwule Männer im Fußball gibt: Thomas Hitzlsperger als Profifußballer, den Briten Ryan Atkin als Schiedsrichter. Und ich frage mich, ob man da unten auf die Fan-ID vielleicht nicht nur „Say no to racism“ drucken könnte, sondern auch „Say no to homophobia“. Oder, ganz schlicht, „Don’t be an idiot.“

⚽ Zum Runterkommen eine kleine Nachricht von der Rheinland-Russland-Schiene. Normalerweise ist Konstantin Rausch ja immer der FC-Köln-Spieler, der auch zur russischen Nationalmannschaft gehört. Heute also mal andersrum: Der russische Nationalspieler Konstantin Rausch hat seinen Vertrag beim 1. FC Köln verlängert und bleibt nun bis 2021. Soundtrack zur Entscheidung: Wat och passeet, dat Eine es doch klor: Mer blieven, wo mer sin, schon all die lange Johr.

⚽ Begonnen hat diese Russball-Ausgabe mit einer leidensfähigen Fußballerin, enden soll sie also mit zwei nicht minder unerschütterlichen Nachwuchsmannschaften. Am Samstag sollten die Jugendteams des FK Amkar Perm und des FK Ural gegeneinander antreten – in Perm, also fast schon im asiatischen Teil Russlands. Anfangs war das auch ein ganz normales Spiel. Bis zur 35. Minute.

Nein, das ist kein Nebel. Das ist Schnee.

Viel Schnee.

Verdammt viel Schnee.

Wie sagt man noch mal „Abbrechen wegen Unbespielbarkeit“ auf Russisch? Keine Ahnung, und auch egal. Die 90 Minuten wurden ganz normal runtergespielt, nur der schwarzweiße Ball gegen einen bunten ausgetauscht. Am Ende stand es 5:1 für die Gastgeber; die dann vor lauter Glück noch eine endlose Fotostrecke des Schneematches veröffentlicht haben.

⚽⚽⚽

Während ihr das hier gelesen habt, bin ich auf dem Weg nach Tiflis – das Team von Coda Story, zu dem ich als Social Media Editor gehöre, trifft sich dort zur Redaktionsklausur. Mal sehen, vielleicht erzählt ja jemand am Rande eine interessante Geschichte vom georgischen Fußball. Die lest ihr dann nächsten Mittwoch hier – bis dahin, macht’s gut!



 

Weiterlesen

Lecker Siebzigerjahre-Design aus der Sowjetunion

Alles fing damit an, dass eine Freundin neue Schuhe wollte. Oder besser gesagt: alte. Sie hatte sie online entdeckt, in einem kleinen Laden in Kiew, der sich auf Vintage-Mode spezialisiert. Ich plante sowieso eine Reise in die Ukraine, sollte also Schuhbotin spielen. Handlungsreisende. Zeitreisende.

Eine Halskette, eine Handtasche, eine Brosche und eine Tolle-Retro-Emaille-Schüssel-die-mal-als Schublade-zu-einem-sowjetischen-Kühlschrank-gehört-hat später, und der kleine Vintage-Laden nicht weit vom Maidan gehört zu meinem Pflichtprogramm bei jeder Kiew-Reise.

Diesmal ist mir beim Stöbern dort ein Stapel Flyer in die Hände gefallen. A5-Format in etwa, Farbdruck, matt. Vorne Bild, hinten Text. „Säfte“ steht untern den Illustrationen, „Kompott“, „Kwas“ oder, auch schon mal, „Heil-diätetische Konditoreiwaren“. Herausgegeben hat sie im Jahr 1975 das Ministerium für Lebensmittelindustrie der Ukrainischen Sozialistischen Sowjetrepublik (vielen Dank allen, die bis zum Ende dieses Begriffs dabei geblieben sind), und das Design ist so Siebziger, so Sowjetunion, so besonders, dass ich den ganzen Stapel mitnehmen musste.

"Pflanzenöle"
„Pflanzenöle“

Sonnenblumenkerne als Zirkelmuster in der Mitte, 23 Blütenblätter, Knallfarben. Was wie ein altes Grünen-Wahlplakat aussieht, bebildert tatsächlich einen ministeriellen Infotext zu Pflanzenölen. Der Text ist weder kurz noch interessant („bekannt sind unter anderem Nussöl, Senföl, Maisöl, Sonnenblumenöl, Rizinusöl, Hanföl, Leinöl, Olivenöl, Baumwollsamenöl, Sojaöl, Kokosöl und andere…“), und man fragt sich schon, warum es der Sowjetunion – oder zumindest ihrer ukrainischen Teilrepublik – so wichtig war, ihre Bürger derart tiefgehend über dieses Thema aufzuklären.

Bei anderen Flyern erschließt sich mir das schon eher. Wer Beerenweine hochjubelt, will dafür sorgen, dass die Bevölkerung richtigen Wein nicht so vermisst. Wer Margarine lobt (und dieses Paket Margarine dann auch noch so zeichnet, als läge es in seinem ganz eigenen Scheinwerferlicht), hofft auf eine geringere Nachfrage nach Butter.

"Obst- und Beerenweine"
„Obst- und Beerenweine“
"Margarine"
„Margarine“

Die Teewerbung, mit dem Blick durchs geschwungene Fenster direkt auf die Plantage, suggeriert: Exotik im eigenen Lande, Genosse! Und der nächste Flyer, mit blauem Suppentopf und Effizienz versprechender Uhr, wirbt für Fertiggerichte: „Maisriegel (in den Geschmacksrichtungen süß, süß mit Zimt, süß mit Vanille, süß mit Zitrone) werden in der Dnjepropetrowsker Fabrik für Fertiggerichte hergestellt und tragen das staatliche Qualitätssiegel.“

"Tee"
„Tee“
"Lebensmittelkonzentrate"
„Lebensmittelkonzentrate“

Eine Vorliebe für Gelb- und Brauntöne haben die Flyer, wenn man sie alle mal nebeneinander legt – gut, das deckt sich mit den Deko-Gewohnheiten der Siebziger. Besonders angetan hat es mir die Werbung für Kompott – im Hintergrund das frische Obst in helleren Farben, im stilisierten Glas dann alles ein bisschen dunkler, wie eingekochtes Obst eben nachdunkelt und an Farbe verliert.

Auch beim Thema Kaffee (Warum wird der überhaupt beworben? War der in der Sowjetunion nicht Mangelware?) dominieren Gelb und Braun, nur Kanne und Tasse leuchten in Sonntagsnachmittagsweiß. Die Texter des Ministeriums informieren uns dazu so zuverlässig dröge, wie das Bild anheimelnd ist: „Kaffee ist ein Durst löschendes Getränk mit tonisierenden Eigenschaften. Er steigert die Leistungsfähigkeit des Organismus. Das Getränk regt das zentrale Nervensystem an, verstärkt die Herztätigkeit und verbessert den Stoffwechsel.“ Dann vielleicht doch besser ein Glas Kwas.

(Die Bilder lassen sich per Klick vergrößern. Und der Vintage-Laden soll auch nicht unverlinkt bleiben: Nika Chick Vintage Corner.)

Weiterlesen

Was Tweetdeck für wichtig hält

In den vergangenen Tagen ist eine Twitter Ad immer wieder in meiner Timeline aufgetaucht. Tweetdeck wirbt darin für die Möglichkeit, je nach Stimmung zwischen einer hellen und einer dunklen Ansicht zu wechseln: „TweetDeck has both light and dark themes, so you can switch the look to match your mood“, dazu läuft dieses kleine Video in Dauerschleife:

Die Werbetweets in der Twitter-Timeline haben mich noch nie groß gestört, manchmal findet man da sogar nützliche Tools für die Arbeit in der Redaktion. Diese Tweetdeck-Werbung für Design-Optionen je nach Stimmung des Nutzers allerdings löst bei mir jedes Mal nur eine Reaktion aus: Echt, damit werbt ihr? Da steckt ihr Energie rein? Habt ihr nichts Besseres zu tun?

Was das sein könnte? Eine Sache wäre dringend überfällig. Wer in Tweetdeck einen Tweet plant, kann ihn später bearbeiten. Mit der Maus drüberfahren, dann erscheinen die Optionen „Edit“ oder „Delete“. Soweit plausibel.

Screen shot 2015-03-09 at 10.24.42 AM

Allerdings funktioniert das nur dann, wenn der geplante Tweet kein Bild beinhaltet. Wer also ein Foto, eine Grafik oder eine Karikatur plant, ist leider gekniffen: Ist der Post einmal in Tweetdeck gespeichert, gibt es als einzige Option nur noch das Löschen.

Screen shot 2015-03-09 at 10.22.38 AM

Wer weiß, auf wie viel mehr Interesse Tweets mit Bildern stoßen im Vergleich zu solche ohne, der kann sich ungefähr vorstellen, wie oft am Tag sich ein durchschnittlicher Tweetdeck-Nutzer darüber ärgert. Tippfehler gemacht? Löschen und neu beginnen? Besseres Foto gefunden? Alles wieder auf Anfang.

Also, Tweetdeck: Vielleicht erst mal die Bugs reparieren, ehe ihr euch auf nischige Design-Features konzentriert. Denn bisher beeinflusst nicht meine Stimmung Tweetdeck, sondern Tweetdeck meine Stimmung.

Weiterlesen

Der bisher schönste Tweet des Tages (IV)

…ist heute einer, wie er mir bei Twitter noch nie begegnet war – und bei dem ich auch erst nicht verstanden habe, wie er funktioniert. Hier ist er, nicht eingebettet, sondern als Screenshot. Aus Günden.

tweet russia 1 von 2

„Aus der Rubrik: Klicken Sie auf das Bild“ hat @zhgun drüber geschrieben. Wer das tut, sieht statt einer Login-Maske für „Russia“ auf einmal das hier:

russia tweet 2 vn 2

Warum ist das bemerkenswert? Nicht nur wegen der politischen Aussage, sondern vor allem, weil es derselbe Tweet ist, der da so unterschiedlich aussieht. Okay, seit ein paar Monaten kann man ja mehr als ein Foto an einen Tweet anhängen – hängt hier also ein weißes Russland-Bild und ein schwarzes USSR-Bild dran? Nachschauen ergibt: nein, nur ein einziges Motiv. Auch kein GIF, kein Video, nichts Komplexes. Ganz schlicht, und schlicht zu hoch für mich.

Die Auflösung kommt, natürlich, via Twitter (danke, Jan Wienken): Es liegt im Kern daran, dass es zwei verschiedene Arten sind, den Tweet anzuzeigen. Einmal in der Timeline, und einmal nach dem Klick als Overlay. Und da gelten in der Benutzeroberfläche von Twitter seit einiger Zeit verschiedene Designs, bei denen die transparenten Teile eines Bildes unterschiedlich ausgefüllt werden.

Wer sich genauer einlesen oder es selbst probieren will, findet hier eine genaue Anleitung, einschließlich Norman-Rockwell-Beispielbild. Ein schöner, verspielter Hack, der das Twitter-Design klug ausnutzt. Und jetzt, zum Rumspielen, der Tweet des Tages in der klickbaren Version – und noch ein paar, die nach demselben Prinzip funktionieren.

Weiterlesen